Schlagwort: Seelenlehre

Königthum * Priesterschaft * Der Gott * Die Seelen * Weihen

Wie an andern Theilen der Westküste, treffen wir auch auf dem, durch die Expedition des deutschen Kriegsschiffes naher gerückten Terrain des Volta, auf den Berührungsstrecken der Gold- und Sklavenküste, eine Anzahl jener charakteristischen Gedankenverkörperungen, in welchen sich der Völkergedanke in seinen eigenthümlichen Gestaltungen manifestirt, unter denjenigen Formen, welche von ihm, je nach den Phasen des Wachsthums, überall auf der Erde, bald hier, bald dort, anzunehmen sind, religiös und socialpolitisch. Da ist zunächst der theilweis unsichtbare König von Anlo18) in seiner Behausung gehalten, wie es von dem alter Sabäer erzählt wird, und durch die bindenden Verpflichtungen der Fetische (oder Mokisso) in den Aeusse-rungen des eigenen Willens auf vielfache Art beschränkt, wie in buntester Mannigfaltigkeit von den Königen Westafrika’s früher und jetzt erzählt wird. Der mit der Obhut des Volkes Betraute hat dasselbe nicht nur gegen seine körperlichen Feinde, — zu welchem Zweck ihm ein jüngerer und kräftigerer Regent, als „dux ex virtutec“, oder ein Tua (Tapferer) bei den Maori, beigegeben wird, — zu schützen, sondern vor allem auch mit der unsichtbaren Welt in harmonischem Einklang zu halten durch Abwehr der bösen Mächte sowohl, wie ausserdem durch zusagende Vertragsbedingungen mit den guten und gütigen, um sie, (durch welche Regen und Segen gespendet oder durch Strafen geschlagen werden mag), in kulturellen Riten günstig gestimmt zu halten. Die Abwehr betrifft meist die der Krankheiten, deren Leiden jeder Einzelne in seinem Körper spürt, als durch feindliche Dämone veranlasst, gegen welche der Kampf in der Geschichte des Volkslebens stets einer besonderen Klasse der Zauberpriester überlassen zu werden pflegt, welche derartig gefährliche, aber dann im Glücksfalle auch stets desto einträglichere, Operationen zu übernehmen bereit sind. Die Hauptsache dagegen, was das gesammte Gemeinwesen gemeinsam interessirt, sind die Vorbedingungen materieller Existenz selbst, im täglichen Brot: dass nämlich also einem Jägervolke regelmässig seine Jagdthiere geliefert werden, (wie immagischenTanz der Indianer herangezaubert), oder dass beim Ackerbau die Vornahmen für denselben ihren normalen Verlauf nehmen, unter regulirendem Einfluss der Witterung vom Pflanzen bis zur Ernte, so dass diese Funktionen dann in die Ordnung der Jahresfeste übergehen, wie bei den Irokesen, oder ferner in die astronomischen Lehren der Priesterklassen (bei Chaldäern u. s. w.). Eine einfachste Form hierfür würde z. B. in den sogenannten Regenmachern vorliegen, so lange dieselben noch als besonders beauftragt neben dem König, der sich von lästigen Pflichten bereits loszumachen gewusst hat, funktioniren, wie bei den Bantu, unter Stämmen am Bahr-el-Abiad dagegen als der König selbst (gleich dem König Chuve, dem Regenkönige Bomma’s); und dass die Beziehung zum Regen als zunächst vorwiegend auftritt, ist bei dessen Bedeutung für das Gedeihen der Früchte an sich erklärlich. Später dann komplizirt sich die Theorie in detaillirtere Einzelheiten für die verschiedenen Vorgänge im Pflanzenwachsthum aus dem Schoss der Mutter Erde herauf, so dass eine günstige Stimmung der Demeter, oder ihrer Tochter Proserpina, in Mysterien zu gewinnen rathsam war, und wie die Römer ein ganzes Heer der hier entsprechenden Gottheiten aus ihren indigetes vorzuführen vermochten (bei Varro), so lag in Afrika wie anderen Königen auch dem Angoy’s ein umständlicher Kursus auf, um sich mit all den Fetischtempeln seines Landes in Einvernehmen zu setzen (D. E. a. d. Lngk. S. 221), ehe er in die Würde des gekrönten Königs zu gelangen vermochte. Ging indess trotz all solcher Vorsicht nachher dennoch etwas fehl, so konnte die Schuld nur in seiner eigenen Unwürdigkeit liegen; er wurde dann schlechten Herzens (Umkillu-umbi) beschuldigt und abgesetzt in Loango oder anderswo getödtet, wie König Domaldr bei den Schweden, der König der Fouyou (s. Matuanlin), der Aetoler u. s. w. Auch in China trägt der Kaiser ähnliche Verantwortlichkeit und hat deshalb bei Misswachs und Landplagen vom Throne zu steigen und Busse zu thun, wissentliche oder unwissentliche Sünde zu büssen. Wenn rein und heilig in ungetrübter Tugendkraft, dann müsste sein Gebet ebenso wirksam sein, wie das des frommen Aeacus, dem Lande Segen und Ueberfluss zu verschaffen (gegen gute Verpflegung, wie den Talapoinen zu Theil werdend). Da dies nun aus der Launenhaftigkeit meteorologischer Prozesse, welche Vorhersagungen allzu oft auf bedenkliche Probe stellen, nicht zu geschehen pflegt, bleibt das Volk zu murren geneigt, und es leiten sich daher hier historisch von selbst diejenigen Katastrophen ein, bei welchen das Priesterkönigthum auseinander bricht in seine weltliche und geistliche Hälfte. Hiefür bieten sich zwei Wege: entweder wird es der König selbst überdrüssig, länger auf stete Gefahr des Lebens hin für die Tagesbedürfnisse im Wohlsein seiner Unterthanen zu sorgen, und macht dann, wenn das Priesterkollegium seiner geistlichen Kollegen ihn ferner dazu zwingen will, von solchen Banden sich gewaltsam frei, wie Ergamenes in Meroe, oder der neben dem durch die Tempelhandlungen beanspruchten Priesterkönig ausserdem für aktive Heeresführung in Zeiten der Gefahr benöthigte Kronfeldherr, (gleich dem Braffu nnter den Fetu oder dem Fia, als Feldherrnkönig der Eweer), wird bei günstiger Gelegenheit keine Schwierigkeiten haben, sich neben einem »roi faindant« vorzudrängen und selbst auf den Thron16) zu setzen als Shaigun oder Zaque, (wie auch in Tonga zu Finau’s Zeit der Tiu-Tonga vor seinem Majordomus in den Hintergrund trat). Es liegt dabei in seinem eigenen Vortheil angezeigt, das Schattenbild jenes geheiligten Phantoms neben sich fortbestehen zu lassen, schon um alle die mit zweifelhaftem Ausgange verknüpften Ceremonialhandlungen ihm zuschieben und überlassen zu können. Gleichzeitig jedoch wird er die imbeschränkte Macht, die ihm zugefallen ist, in vollster Willkür fühlbar machen können, oftmals selbst bis zur Beschränkung der Regierungszeit, (wie bei Tolteken, in Cochin u. s. w.), um periodisch die Stelle mit eigenen Kreaturen neu zu besetzen. Auch hiefür hat wieder der jetzt behandelte Erdstrich ein Ueberbleibsel geliefert in dem König der Eyeos, der auf Zusendung von Papa geifedern sich selbst zu tödten hatte, bis dagegen rebellirend. Es scheint dies zugleich auf eine Vertretung des auch bei den Aschanti königlichen Geschlechts der Anona (Papageien) hinzudeuten, welches dort in den Stammeswappen neben dem der Aqona (Büffel) aufgeführt wird. Und wenn, wie Bowditch bemerkt, sich die Angehörigkeit dort nicht politisch, sondern aus solchen Geschlechtsverwandtschaften regulirt, so führt das auf die überall in primordialen Verhältnissen durchblickende Gentilverfassung, die bei den Irokesen selbst noch zur Zeit ihrer politischen18) Macht in voller Wirksamkeit geblieben, wenn sich durch die Völker des Fünfbundes die gleichartigen Totem hinzogen, (und so bei Kobong in Australien, u. s. w.).

Ein auf seinen Feldzügen zu Triumphen geführter Erobererkönig, gleich dem der Aschantie, wird rasch die kleinlichen Bande19) abschütteln, womit man anderswo die Fetischkönige zu fesseln sucht, z. B. in Angoy:

In den Vorbereitungs-Ceremonien für die Krönung hat der König zuerst im Dorfe des Mam-buk (in Kabinda) eine vorgeschriebene Zeit zu verweilen, dann in Umtenda zur Verehrung des Fetisch Kwiti-kwitti, dann in Manafula, dann in der Waldeinsamkeit von Katte, wo die Ansprüche der dort herrschenden Prinzessin zu befriedigen sind, dann in Chisu (bei Puerto Rico), um mit dem Lunsunsi, dem dämonischen Fürsten der Küste, ein Abkommen zu treffen, dann in Mongo-kaiye (bei Angoy), dann ln Mongo-Tombe, wo für jede geschlechtliche Vermischung dem Fetisch Inbanganga Sühne zu zahlen ist, dann in Chifo-lulo, um die Fetische Sunga und Umsinga zu beschenken, dann in Chimgukotambungo, wo der Fürst Kavukete seine Bedingungen stellt, dann in M’tuntu, um die Fetische Inzinbinganga, Umsinga und Lunga zu sühnen, dann in Mangalumbe, ein Platz in Angoy, an den Wald stossend, der die Königsgräber deckt. In jedem Krondorf muss der Krönungscandidat so lange verweilen, bis die von ihm gepflanzten Bananen genügend gereift sind, um essbare Früchte zu liefern. »Des Königs Schwester, sobald das Kind gebohren ist, hat das Dorf Kina zum Leibgedinge und darf kein Schweinefleisch essen. Wann es älter wird, besucht es Moanza und darf keine Kola-Frucht und etwas anders mit Jemand essen, aber wohl allein. Dan geth es bey Ganga Simeka, und dan mag es keine Hühner essen, als welche es selbst getödtet und gekocht hat, doch anders nicht, als allein, auch mus es das übrige begraben. Wan es nun in Salassi kommt, so hat es wieder andere und mehr Mokisien, und eben also zu Buke und Kaje, bis es König von Lovango wird« (Dapper).

Der König von Angoy kann nicht gekrönt werden, wenn er (was auch bei den Jaina ein Veto einlegt) irgend einen Defect am Körper hat, einen gebrochenen oder gefeilten Zahn, die Narbe einer zugeheilten Wunde, die vom Schröpfen gelassenen Hautritzen u. s. w.

Auf dem Umzuge des Königs von Angoy bildet Umschisu den letzten Platz, in dem er vor der Krönung zu verweilen hat. Wenn sich aber dort zufällig eine Fliege auf seinen Körper setzt, so wird er baldigst sterben, und jedenfalls ist der Werth aller vorhergegangenen Geremonien null und nichtig, und er müsste sie, mit allen daran geknüpften Bezahlungen aufs Neue beginnen, wenn so, nach der Enttäuschung eines halben Lebens, die Absicht festgehalten würde, die Krone zu erlangen. Gewöhnlich scheitern die Candi-daten schon früher, da die schwierigen Verbote, deren Bruch alles Vorangegangene nullificiren würde, mit Stufe zu Stufe zunehmen (und ebenso die Unkosten).

So lange der Thron Kongo’s seines Herrschers ermangelt, durfte in der Nachbarschaft der Dörfer kein Ackerbau getrieben werden, und während dieser königlosen Zeit herrschte das Faustrecht und allgemeine Willkür, die erst ihre Beendigung fand, wenn nach Ausführung des Sarkophags das Begräbniss stattfand und dann eine neue Krönung gefolgt war.

D. Exp. a. d. Loango-K. (S. 221).

Ist dem Lande nun das Glück zu Theil geworden, mit einem gekrönten König gesegnet zu sein, so wenden sich ihm dadurch die Segnungen der Naturgeister zu:

»Bunsi gilt als die Mutter aller Fetische (Mama Mamkissin), und der Vater, der den Donner und Blitz in seiner Hand führt, wohnte in Simbo-yakanga oder Unjumba- Unkanga (bei Tschim-boanda). Zuerst schuf Zambiampungo den Fürsten, als Ma-Goy oder König von Angoy, und dann für seine Hut den Fetisch Bunsi, der, so oft ein gekrönter König auf dem Throne Angoy’s sitzt, an dem Kalla-Mioba genannten Orte aus der Erde redet. Niemand darf sich diesem geweihten Grunde nähern, und neben dem Orakelhaus findet sich unter einem Ameisenhaufen das Grab eines Gottlosen, der in die Umzäunung einzutreten wagte und stracks von dem Fetisch niedergeworfen wurde. Von Kongo kam der Fetisch Bunsi als Bunsi di Katalla nach Katalla (bei Porto da Lenha) und dann auf dem Fluss Tondo nach Chimsinda, wo er (im Gebiet des Mambuk von Moanda) seinen Sitz im Haupt des Ganga Mamsinda-Malundo aufschlägt«.

D. Exp. a. d. Loango-K. (S. 223).

Der deutlich consolidirten Gestalt eines mit politischen Functionen hervortretenden Königs, gehen schwankendere Schemen halbmythischer Dichtungen voran:

Bei Shark-Point in der Nähe des Point Pa-dron (wo noch im Dickicht die Reste des, zum Ersatz des ersten, aufgestellten Steinpfeilers sich finden) lebt Kukulu unnahbar in einem Walde, dem sich die Neger nur knieend nähern. Dieser vom Fürst Mani-Malella in Kimbikaberüba eingesetzte Priesterkönig (in Tschitschi-Kambembe) darf keine Frauen berühren und ist auf den Umkreis seiner Wohnung angewiesen, ja in derselben an seinen Stuhl gefesselt, auf dem er auch die Nacht in sitzender Stellung zu schlafen hat, weil, wenn er sich niederlegte, kein Wind sich erheben würde, und die Schifffahrt gehemmt sein. Er regulirt zugleich die Stürme und überhaupt den gedeihlichen und gleichmässigen Zustand der Atmosphäre (wie Aehnliches von dem Thronsitz des japanischen Mikado erwartet wurde). Wenn sein Ende gekommen ist, darf der Kukulu nicht liegend begraben werden, sondern er wird ohne Sarg in einer Grube beigesetzt, in hockender Stellung auf den Kattu-Sankondo genannten Baum gestützt. Der Gebrauch der von den Weissen gebrachten Artikel ist ihm verboten.

»Der König von Sonho darf keine europäischen Wahren anrühren oder tragen, auch mag er von Niemand, der solche Wahren träget, angerühret werden. Und dieses hat ihm der Teufel auferleget und verbohten.

Wer zum Fürsten erhoben wird, geht zu Suakissie (onso toba kin fumo kun Suakissie), zu der dem Kukulu gehörigen Figur Toto oder Sua-bume Kianji (unter dem Ne-Capitan-Ouesoyo) um seine Weihe zu empfangen.«

D. Exp. a. d. Loongo-K. (S. 287).

Mit festerer Umschreibung der Staatsgewalt, in klarerer Loslösung aus mystischer Traumeswelt (in den Kinderjahren des Völkerlebens), muss bei solcher Scheidung nun zugleich das Priesterthum in bestimmteren Formen hervortreten, und zwar auch hier in gesetzlich nothwendig bestimmten, welche wir deshalb überall gleichartig wiederfinden, gleichartig dem Kern und Wesen nach, so buntfarbig verschieden es an der Oberfläche auch schillern mag (nach der Mannigfaltigkeit geographischer Provinzen).

Die Functionen bleiben dieselben, wie früher im Priesterkönigthum, und jetzt, seitdem die weltliche Hälfte herausgeschnitten ist, ganz und gar auf das unsichtbare Jenseits hingewiesen, vor Allem also im Aufträge des Staates die meteorologischen Prozesse, zum Besten der Ernte — (nämlich der Vorbedingung menschlicher Existenz überhaupt, im täglichen Brot) — in Ordnung zu halten, durch Regulirung der Jahresfeste, wie es im Hodenauseh den dort die Priester-Klasse vertretenden Festordnern auflag.

Für formellere unter den offiziellen Cultushand-lungen mag sich auch direct die Namenbezeichnung aus priesterfürstlicher Vergangenheit21) bewahren, im Rex sacrificulus oder Archon Basileus (für die ndtQiov während sich die Hierarchie für ihre Einzelheiten je nach der Götterwelt gestalten wird, welche das Volk bereits umgiebt oder demselben ausserdem zugetragen wurde.

Um die aus diesen übernatürlichen Mächten als mächtigste Erkannten in guter Stimmung zu halten, werden ihnen an ihren Tempeln, im heiligen Bezirk des Temenos, (oft eine selbstgewählte Stätte), Priesterdiener bestimmt, wie den Wong (Mawu’s Engelsboten) ihre Wulomo unter den Eweem, den Flamines entsprechend, bei denen Numa für gerathen fand, drei grosse den grossen zu weihen (Dialis, Martialis, Quiri-nalis), während‘ die minores (bis auf Pomonalis) ihre Zwölfzahl in der Kaiserzeit noch zu vermehren vermochten (mit Augustales u. s. w.).

Der Wulomo, im täglichen Verkehr mit seinem Wong, den er zu speisen und zu putzen hat (auch zu baden vielleicht, wie Hertha’s Priester, im Lectistemium zu pflegen, gleich Bhixu u. s. w.), wird, als aufmerksamer Kammerdiener, mit den Launen seines Herrn bald weit besser vertraut sein, als ein Aussenstehender, so dass es solchem nicht gerathen sein dürfte, im Tempel opfern zu wollen, ohne den »Sopher« desselben zu Rathe zu ziehen, und sofern er sich mit diesem gut zu stellen weiss, kann er dann, wenn antwortsbedürftig auf Fragen, darüber durch das Medium des Vermittlers22) das Eine oder Andere von dem Gotte erfahren, da dieser, wenn auch — (ausser an Orakelstätten zuweilen) — nicht mit hörbarer Stimme, doch durch allerleiAnzeichen reden mag und sein getreuer Rechnungsführer dieselben verstehen.

Sehr tief indess pflegt auf diesem, etwas unbehülflich umständlichen, Wege der Scharfblick in die Mysterien des Jenseits nicht vorzudringen, und so hat sich für die vielfachen Anliegenheiten, die das Volk in seinen privaten Angelegenheiten, besonders auch für die körperlichen Leiden in Krankheiten, an die »unsichtbaren Mächte« zu stellen hat, durchweg auf der Erde eine zweite Modification des priesterlichen Charakters noth-wendig erwiesen, welche als Ergänzung zur offiziellen, in loseren Formen hinzutretend, deshalb einer weit freieren Entwickelung sich fähig erweist, aber dadurch auch (bei weiter gewagten Abschweifungen bis über die Grenzen der Orthodoxie hinaus geführt), in das gefährliche Schachspiel schwarzer und weisser Magie hineingerathen mag.

So erscheint neben dem Hiereus der Mantis, manchmal noch als gottgeheiligter Prophet28), im nächsten Anschluss an altes Priesterkönigthum und offiziell beglaubigt, wie bei den Karen, dann aber bald allerlei Lockungen preisgegeben, sich auch mit den verdächtigen Mächten des Jenseits im Verkehr einzulassen, und dies um so leichter, weil es hier gerade viel nichtsnutziges Gesindel giebt, die jeden Augenblick bereit sind, in den Kopf eines Ganga (an der Loango-Küste) einzufahren, um ihn, kraft eigener Besessenheit, zu befähigen, andere zu exorzisiren. Hier tummelt sich nun der ganze Wirrwarr jener zweideutigen Gestalten auf verschiebbarem Grenzgebiete, bis im jedesmaligen Fall der Endoxe deutlicher erkannt, überwiesen und (durch Erisere u. s. w.) vernichtet ist (oder auf dem Scheiterhaufen als ein Hechicero und Fetei§ero). Wie ähnlich bei den Eweern, tritt in der Priesterschaft der Odschi neben dem Wulomo der Wongtchä hervor, der dem Dienste eines besonderen Gottes (oder Wong) dedizirt von diesem begeistert werden mag, und diese Klasse der Seher gelangt dann bald dahin ihre Inspirationen aus der Todtenwelt abgeschiedener Seelen zu entnehmen, mit denen sich (weil vom Leben her menschlich vertraut) um so leichter communiziren lässt.

Für wirksame Hülfe wendet man sich an diejenigen, denen solche schon auf Erden zugetraut worden sein würde, also an die Vornehmen, an die Herren24) (gegenüber den oi jzoXloC), oder den Chao, den siamesischen Heros, der bei den Siamesen für Orakel herabsteigt (mit ähnlichem Titel).

Unter den verschiedenen Ansprüchen des Publikums sind die häufigsten (und also auch einträglichsten) die auf Körperleiden bezüglichen, und wenn der Kräuterarzt nicht mehr helfen kann, mag die Aitiologie aus göttlicher Prognosis festgestellt werden. Ein zürnender Gott, der mit Krankheit geschlagen, wäre zu sühnen, ein Teufel, der aus purer Bosheit quält, zu verscheuchen, und wenn es mit der Seele des Patienten nicht in Ordnung ist, diese zu curiren, oder (durch Angekok) zu flicken, wie bei Karen die Wih verstehen (auch für die Seele oder Kelah des Reis).

Wie Aristoteles die amtlichen Opfer der Magistrate von den hieratischen des Priesters (als Vorstehers eines Temenos) unterscheidet, so finden sich in China, neben dem vom Kaiser selbst geleiteten Staatscult, eine Auswahl von Religions-Culten (je nach idiosyncrasischem Vorzug). Neben den (Bild1) (der Geschlechter) bilden (Bild2) »alle gesetzlich recipirten Götter« (s. Herrmann), und dem gegenüber fallen (Bild3) (der Manteis) unter (Bild4) (s. Plato)25). Die Würde des Wulomo oder Osofo (der seinen besonderen Wong bedient), erbt16) auf den ältesten Sohn (in Abokobi).

»Dieser Priester kann oft, unbekannt mit den Künsten der Wongmänner, den Wong wirklich fürchten, den er zu bedienen hat, besonders da dieser etwaige Dienstvergehen mit dem Tode zu bestrafen pflegt.« (s. Steinhäuser.) Der Wulomo bedient den Wong, damit es dem Volk gut gehe, und segnet die Geschenke Bringenden. Für seine Frau wird durch die Stadtältesten Auswahl eines Mädchens getroffen, wie der Flamen von staats-wegen seine ebenbürtige Gattin erhielt (für die Culthandlungen). Der Edrokosi (dem Gott Geweihter), oder Priester, besitzt (bei den Eweem) die Geheimkenntniss, Zauber-, Zeichen (Dso) zu verfertigen (mit Speichel benetzt unter Bestreichen mit rother Erde) zum Verkauf beim Umbinden (s. Schlegel). Während der O-Bossum-Fu »nur allein bei dem O-Bossumen, dem eingebildeten Schutzheiligen des ganzen Fetuschen Landes, aufwartet«, lässt sich der Summän-Fu »in des Summän Dienst mit Schlachten, Opfern, Fegen und dergleichen Arbeit gebrauchen«, aber »Gom-Fu oder Sophu ist nichts anderes, als ein Zauberer, welcher anderen zum Besten ein eigenes Fetiso mit grossen Unkosten hält, durch dessen Hülfe er von zukünftigen Dingen wahr sagen wil«. (s. W. J. Müller.)

Sobald neben den äusseren Zeichen , den Willen der Gottheit zu deuten (aus dem Vogelfluge, aus Portenta der Teqaaxonoi, als »interpretes portentorum«, aus der Eingeweideschau u. s. w.), ein directer Verkehr mit der Geisterwelt eingeleitet ist, damit sie in dem Stadium psychischer Erregung das Auge öffne für seherisches Schauen, wird, noch bequemer als im Wachzustand — (weil unter Sparung abnormer Gefühlsaufregung, der selbst die Pythia sich unwillig hingab), — der Zweck in der Nachthälfte des Lebens erreicht werden, da (nach dem übereinstimmenden Zeugniss der Naturstämme) die Seele des Schlafenden, denselben regelmässig schon verlässt, um im Traume zu wandern (als Theilseele wenigstens, die beim Erwachen zurückkehrt). Hier ist also der Zusammenhang mit dem Körper bereits genügend gelockert, um, wie im Ausfahren der eigenen Seele, ein Eingehen fremder zu gestatten, und .so wohin wir blicken, in Oceanien, Amerika, Afrika, sehen wir im Traum die Seele der Abgeschiedenen mit ihren schlafenden Verwandten communiziren. Neben dem offiziell bestellten Priester (oder Hiereus im Temenos oder Tempel) bieten ihre Dienste die selbstberufenen an, welche (als Manteis) durch Einfahrung besessen zu orakeln vermögen. Die Inspiration dieser >Interpretes futuri« (wie Cicero »ministros sacrorum« unterscheidet) wird selten von einer der bereits abgeklärten Göttergestalten herrühren (da für solche zugleich ihr Priesterdiener vorhanden ist, mit dem sie durch die Zeichensprache des Cultus com-muniziren), sondern gewöhnlich aus der noch unbestimmt schwankenden Dämonen weit, die (dem Allgemeingefühls-Sinn näher, als dem scharf umzeichnenden Auge) meistens aus dem gespenstischen Heere der Todten redet (den Heroen oder Chao), oder sonst aus den heiligen Schauern81) der Waldesgrotten, Höhlen, Berge, Wüsten u. s. w., mitunter durch ein in Einsiedeleien festgehalten — und als  künftiges Leben versprechend (s. Plut.) — oder sonst aus diesen wieder die Städte durchschweifend (s. Plato) oder (b. Zosimus).

Bei den Eweem bezeichnen sich (unter den Nunola oder Priester) die Propheten oder Nyagblola als am Munde Gottes sitzend oder Eno Mawu nu (Mawu nunola).

Für die zur Ordnung der aus dem Jenseits in das Menschenleben übergreifenden Prozesse erforderliche Vermittlung mit den Göttern wurde der Priester in den Tempeln des öffentlichen Cultus von staatswegen eingesetzt, auch zwangsweise, wenn nöthig, aus dem Sklavenstande, wie beim Rex nemorensis (des Virbius in Aricia), und dort hatte er die ihm obliegenden Aufträge auszuführen, als ein der Gottheit dedizirter (und ihrer Verfügung übergebener) Diener, gleich dem Edrokosi (bei den Eweern) oder dem der Gottheit (Edro) Geweihten (Kosi).

Sacerdos dicatus est numini, hoc est ad obsequium datus est. (s. Servius.)

Ihm untersteht dann derjenige Theil der Welt, der im Rechten zwischen Menschen und Göttern, den letzteren zugefallen. Sacerdos qui sacrum dat. (s. Varro.)

Beim Ausfall der Erblichkeit (wie in den Eteobutaden und anderen Priestergeschlechtem) war die Nachfolge vorzusehen durch göttliche Eingebung, gleich der des Kapurale (in Ceylon), wenn denjenigen erwählend, von dem er geträumt hat.

Sacerdos sorte ductus est, ut solet fieri, quum deest sacerdos certus. (s. Servius.)

Zur Ausbildung des Wongtschä (vom Wong besessen) gehört das Lernen des Wongtanzes nach der Trommel, das Liedersingen bei Wongbefragungen u. s. w. Die Ga-Wongmänner sind in drei Bezirke getheilt, nach dem verschiedenen Schlagen der Trommeln benannt, Kple-, Kpa- und Me-Leute. (s. Steinhäuser.)

Die Otutu-Leute sind (als Wongmänner) von dem Wong einer Asafo (Unterabtheilung eines Stadtviertels) besessen (mit der Otutu oder Kriegstrommel als Wong), in Krankheiten befragt und durch das Schauen in einen Kulo (Topf) mit Wasser antwortend (unter Besitzergreifung des Wong im Zucken beim Eisenschlagen). Wie in der Extase, unter dem den Teufelstanz begleitenden Gelärm, mag die Gottheit auch in der Versenkung angenähert werden, im Traum, als Götterraum (Dro-we), wenn träumend (Ku-dro, Gott erreichen).

Freilich gilt Nyamkupong jetzt zu weit entfernt, um Gebete hören zu können, aber »als der Erde noch näher, ertheilte der Himmel dem Menschen Weisheitslehren« (in Akwapim), wie Muchha, der als »Erster Mensch« (der Indianer) die Vorfahren besuchte (bei den Karen).

Entweder hat der Wong krank gemacht, weil es an Verehrung gefehlt hat, ein Gebot übertreten worden ist u. dgl. m. (so dass Opfergaben von Thieren u. s. w. nöthig werden), oder die Erkrankung rührt her vom Kla, weil die erwiesenen Wohlthaten nicht geachtet sind, in unordentlicher Kleidung keine Achtung bezeugt wurde u. dgl., und hier wäre Sühnung zu suchen im Schmuck, durch Geschenke u. s. w.; dann aber kann das Leiden durch die auf Rache (wegen ungenügenden Begräbnisses) bedachte Sisa eines verstorbenen Verwandten verursacht sein, und hier wäre dann die Vertreibung vorzunehmen.

Bei einer Krankenheilung am Alt-Kalabar gab zuerst der Abia-ibok ein Zweigblatt in die Hand (zum Erbrechenerregen), und dann blickte der Abia-idiöng in ein mit Wasser gefülltes Gefass, worin die Sonne flimmerte, um die Seele des Kranken zu erkennen, die sich indess nicht zurückrufen Hess, sondern (zum schlechten Pro-gnostikon) »flew away to the sun« (s. Waddeil). Die Priester der Pruczi sahen die Seelen leibhaftig zum Himmel fahren (nach dem Tode).

Nachdem der (orakelnde) Gima-Wong (Bote Gottes) oder Bribri (wunderlich oder unbegreiflich) für das Jahresfest (bei Labode) zusammengerufen hat, »verfügt er sich mit einem eben solchen Erdbeben und Gethöne, wie er gekommen, wieder weg und hinterlässt einen begeisterten Fetismacher, welchen die Schwarzen in die Hütte82) setzen und ihn eben so, als Giemawong selbsten verehren«. (W. J. Müller.)

Gbalo, prophet, soothsayer; Klamo, diviner (a person, who has a Kla or is possessed of a Kla).

Komfo (Okomfo), Priester (in welchen ein Fetisch eingegangen ist). Kom (tanzen, eingehen), to be possessed by a fetish.

Sorrefo (Sopho), Priester (sorre, aufstehen, anbeten).

Wontse (Priester) possessor of a fetish.

Osofo oder Sofo (Priester), Sorefo (one who prays).

Ayen, Zauberer (Beninjyen).

Bayen, Zauberin (Baifo).

Ayi begreift die bei Ernte und Leichenbegängnissen gefeierten Feste. The Aye (witches) are able to burn like a torch at night-time (in Akra), wie Irrlichter (Tück-bolde), als Seelen ungetaufter Kinder (in Mecklenburg).

In den Städten der Eweer finden sich die Legba (Bilder) der schützenden Götter (oder Edro) und der Stammesgott wird zu Anlo im dunkelen Tempel vom Priester befragt (für Orakel).

Mit Jou-jou wurde der Gottesdienst am Dio Fetisso oder Fetischtag (s. Artus) geendigt, unter Wassersprengen des Fetischir (in Guinea).

Der Hausgötze (Summam) wird in einen Korb88) (Sesju) eingeschlossen (bei Fetu), und heilige Körbe wurden in geweihten Mysterien getragen (zum Einlegen und Herausnehmen).

Die Seele des geschlachteten Thieres wird mit der Botschaft vertraut, welche der Edro (Gottesdiener) an die Gottheit Mawu übertragen soll (bei den Eweem), und die Scythen beauftragten den für Zamolxis Ge-spiessten.

Der Priester lässt die Arznei des Wong durch Nyongma (als Ata oder Vater) segnen (in Abokobi).

Die Verehrer der Gottheit im Blitz (Chebieso) tragen einen Eisenring (dem Blitzstrahl nachgeformt) am Arm (bei den Eweern), die des Feuers Ringe von Perlen und Steinchen, sowie Dso, als rothe Schnüre, (s. Schlegel.)

The people in the inferior at Akim, have for a fetish, what is called a »categury«, a large brass pan, said to have fallen in some remote age from heaven [wie die fürstliche Goldkette in Macassar, neben heiligen Urnen in Borneo]. The fetish house is omamented with swords and axes (s. Hutchinson), als Waffen, wie im Kakiroba-Hause Halmaheira’s oder in (ceylonischen) De-walas Ceylon’s,(auch zu Kamakura oder einst in Hercules’ Tempel zu Theben) für Bekämpfung (der Widersacher).

An der Goldküste wurde aus Feuer gewahrsagt34), vom Mutinu-amaja (am Congo) aus fliessendem, vom Molonga aus kochendem Wasser, in der Seidre-Kunst (s. Vlkst. am Brahmaquitre, S. XXXIV). Der Neoni sprach durch den Mund Nzazi’s u. s. w. (s. Besuch in San Salvador, S. 202). Es sind frawen und man die sich under-winden fewre zu machen und in dem fewre dann sehen geschechne und künftige dinge (in der »Kunst Pyromancia«).

Die Gbalo (Sprecher) genannten Wahrsager (in Guinea) rufen (wenn befragt) den entsprechenden Wong (Kla oder Sisa) mittelst einer Kette, die an dem Dach der Hütte hängt, und an der sie rütteln und ziehen, bis sich der Geist daran niederlässt (s. Steinhäuser) und bei den Bhiksu werden die Schnüre aufgehängt, zum Herabsteigen des Geistes (in Macassar).

Derjenige, dessen Speisereste u. dgl. m. mit Hongschnüren (aus dem Bast des Hongbaumes verfertigt) umwunden sind, wird in den darüber gesprochenen Verwünschungen verflucht (an der Goldküste) und »diese Glasse der Wongdiener ist mit ihren Producten die am meisten gefürchtete, indem sich der Neger denkt, dass vor einem solchen Fluch-Wong auch seine gewöhnlichen Geister zurückweichen«, (s. Steinhäuser.)

Die Eweer lassen sich von dem Priester mit Zauberzeichen umbinden85) (sa) gegen diejenigen Geister, deren Abwehr beabsichtigt ist.

Idiön, witchcraft (the conspiracy practised by the Abia-idiön), a brand put upon a person or a thing, by which it maybe recognized as belonging to anyone (in Efik)86), besonders wichtig zum Festmachen der Unverwundbaren (oder, von Hydarnes geführten, Unsterblichen) in Passauerkunst (der Mithras-Geremonien), wie (zu Ca-vazzi’s Zeit) in den Gesellschaftsbunden der Npungu, Cabanzo und Issaen (in Congo). S. Bes. in S. Salv. S. 202. Und hier lässt sich dann wieder in Vereinigungen doppelte Kraft gewinnen im Geheimniss der Meda87) (oder anderer Orgeonen). s. Vlkgd. S. 43.

O-Bossum-Fu ist ein Heidnischer Pfaff, welcher nur allein bey den O-Bossumen, den eingebildeten Schutz-Heiligen des gantzen Fetui-schen Landes auffwartet, ausser welchem niemand unter den andern Pfaffen sich unterfangen darff, einen O-Bossum zu fragen, und Antwort von demselben zu holen.

Ein solcher O-Bossum-Fu wird bey ihnen in grossen Würden und Ehren gehalten. Wenn jemand unter ihnen eine Missethat begangen, und den Tod verdienet, der Missethäter aber zu eines O-Bossum-Fu Wohnung fleucht, wird derselbe loss und ledig gesprochen.

Als im Jahr 1608 ein solcher O-Bossum-Fu in Fetu starb, wurden seinetwegen gewisse Trauer- und Klag-Tage im gantzen Lande an-gestellet.

Summän-Fu ist ein Pfaff, welcher sich in des Summän Dienste, Schlachten, Opffern, Fegen, und dergleichen Arbeit gebrauchen lasset. Dieser wird ebenmessig hochgeehret, jedoch aber hat jener den Vorzug.

Gom-Fu oder Sophu ist nichts anders, als ein Zauberer, welcher anderen zum besten ein eigenes Fitiso mit grossen Unkosten hält, durch dessen Hülffe er von zukünftigen Dingen wahr sagen wil. Wann die Schwartzen mit den Blan-quen reden, so nennen sie einen solchen Gomfu oder Sopha Fitisero, nach der Portugesischen Sprach einen Zauberer oder Hexenmeister. (W. J. Müller.)

The Abaw-Efik, the keeper of Ndem Efik (the great Idem of Galabar or the tutelary deity of the country) in the execution of his Office is subjected to certain restrictions (the violation of which Ndem Efik punishes with death), so that the office is not now an object of desire (s. Goldie), wie in Niue Niemand mehr den gefährlichen Posten des Königs bekleiden wollte (s. Turner), und die Candidaten des Gonsulates in Rom gerne das Amt des Flamen, wenn aufliegend, los zu werden suchten (in den späteren Zeiten der Republik).

Das Myal-System sollte (unter den Negern Jamaica’s) Krankheiten heilen und Uebeln entgegenwirken , welche das Obea hervorgerufen hatte. Die Myal-Ausüber hielten sich für Engel des Lichts und nannten die des andern Systems Engel der Finstemiss.

Es gehörte zur Kunst und Macht eines Myal-Mannes, den Schatten eines Verstorbenen zu fangen und ihn für Zwecke der Zauberei zurückzuhalten. Derselbe musste am Grabe gefangen werden, bpi oder bald nach dem Begräbniss; deshalb war die Abenddämmerung, in welcher die Beerdigungen gewöhnlich stättfanden, oder eine Mondnacht die geeignete Zeit für dies ge-heimnissvolle Werk. Von all dem Volk, welches das Grab umstand, sah der Myal-Mann allein, was von den andern ungesehen blieb: den Schatten oder Geist des Verstorbenen, wie er über seiner letzten Wohnstätte schwebte; und er versuchte, ihn durch mancherlei heftige Gestikulationen, durch Laufen und Haschen zu ergreifen, oder, wenn er davonfloh und ihm entschlüpfte, durch seltsame Rufe ihn zu bezaubern. Gelang ihm dies, so verschloss er ihn in einem hierzu verfertigten kleinen Sarg, der entweder in demselben Grabe beigesetzt wurde,, oder im Hause und unter dem Bett des Myal-Mannes aufgestellt, für späteren Gebrauch. Zuweilen war er nicht leicht zu fangen und entkam auf die Weide oder in den Wald, wohin die Gehülfen dann den Myo-Mann bei der Verfolgung begleiteten, über Hecken und Gräben, Steinwälle und alle Hindernisse hinweg, mochte man nun einen Leuchtflieger oder einen Nachtvogel, etwas oder nichts, verfolgen, bis der Führer seinen Zweck erreicht und den Geist in Sicherheit gebracht hatte.

Ausserdem konnte der Schatten selbst vor dem Tode verloren gehen, so dass man eines Andern Seele stehlen konnte. Ein sechzehnjähriges Mädchen war sehr bekümmert, weil sie glaubte ihren Schatten verloren zu haben. Jemand hatte ihn gestohlen, wie sie sagte, und sie suchte ihn an den bebuschten Ufern des Stromes, oder um den riesigen Baumwollbaum und an andern heimgesuchten Plätzen, im Mondschein, zwischen den andern Schatten dieser Orte. Ihre Freunde, die sie zur Behandlung brachten, gaben die Versicherung, dass sie nicht mondsüchtig sei, und obgleich sie selbst nicht an diese Dinge glaubten, so thaten es, nach ihnen, doch viele andere. ( Waddel.)

Mehr noch als die Todtenseele (Uhane make) wird die ausserhalb des Körpers umhergehende Seele eines noch Lebenden (Uhane ola) gefürchtet (in Hawaii), doch giebt es dafür Poi-Uhane (Seelengreifer), welche die Vagabonden mit Händen greifen (wie bei den Taculli).

(Z. Kenntniss Hawaii’s, S. 21.)

Der Ursprung des Endoxe wird in den Schöpfungsmythen mit dem ersten Sterben in Verbindung gebracht, das erst (wie bei den Grönländern) nach einem Götterstreite eintrat, während anfangs das Leben beständig währte und sich (gleich dem der Caroliner)* mit dem Neumond stets erneute. Ursprünglich tödtete der Endoxe im Aufträge der Gottheit, zu der er an einem (auch in der Mythologie der Chibchas bekanntem) Spinnenfaden hinaufkletterte. Seitdem er indess von einer moralischen Verurtheilung getroffen wurde, bildete sich im dualistischen Gegensatz zu Samba ampungo im Himmel, die Vorstellung des bösen (impi) Gottes in der Erde oder des Sambi impi, und durch Beschwörung dieses mit seinen höllischen Geistern soll nun der Teufelskünstler seine Kunst erwerben. Der Ganga oder Priester, dessen Weihe stets auf Schwierigkeiten stösst (und in Guyana z. B. durch die Seefrau vermittelt werden muss), tritt erst in zweiter Linie nach dem Endoxe hervor und wird geradezu für einen abtrünnigen Endoxe erklärt, der, um beim Todesurtheil sein Leben zu retten, sich für schuldig erkannte und, um des Cassa-Essens überhoben zu sein, sich erbot, die ihm bekannten Kräfte und Milongo (oder Zaubermittel) fortan zum Besten der Menschheit, statt zu ihrem Schaden zu verwenden. So kann es nicht überraschen, dass die Stellung des Ganga vielfach zwischen weisser und schwarzer Magie schwankt, und dass er in alte Gewohnheiten des Schadens zurückfallen mag. Jedoch bleibt davon getrennt die Klasse der den heiligen Boden der Muttererde hütenden Ganga, deren Existenz mit der göttlichen Einsetzung der Fürsten in Verbindung gebracht wird und schon mit deren Function als Priesterkönig eng verknüpft ist.

(D. E. n. d. L. II. S. 162.)

In Mawu, dem unübertrefflichen als jenseitigen und somit unbegreiflichen, gleich Wacan der Dakotah, fasst sich der Himmel, nicht das sichtbare Firmament, sondern, wie in chinesischer Philosophie, der Ursprung siderischen oder kosmischen Wirkens, ähnlich einem alles durchdringenden Weltäther moderner Naturphilosophie oder dem Wirksamwerden der potentiellen Energie (in kinetischer Naturlehre), und indem es heisst, dass dieser Weltschöpfer beständig weiter schafft, so quellen aus ihm alle Seins-Einzelheiten, die, weil in Vielfachheit vor Augen tretend, nun auch ein jedes mit seinem idealen Vorbilde oder Eigentümer einwohnend, wie der Innua der Eskimo (oder Kelah der Karen »nullus enim locus sine genio est«) angeschaut werden. Dadurch folgt die bunte Vielfachheit sogenannter Fetische (oder Bosom) als Schutzgeister oder immanenter Genii in Won und Edro, die bei hervorragenden Erscheinungen sich mit einem gottähnlichen Gewände bekleiden, obwohl sie auch in demjenigen auftreten, was, als den Fremden besonders auffallend, mit dem Namen der Fetische bezeichnet wird, nämlich der Amulette und Talismane, oder Zaubermittel in Juju und Grigri. Hierüber erwirbt sich der Wontsche oder Besitzer eines Won, als Priester (oder Ganga Loango’s), durch Kenntniss kultureller Ceremonien eine je nach Umständen einflussreichere Macht, und sein Widersacher erscheint dann leicht in dem Dunkel feindlichen Gegensatzes des Endotsche oder Hexenmeisters, der, wenn nicht bezwingbar, — also wie in Ceylon z. B. nicht Wasavarti, unter dem mit Buddha abgeschlossenen Huldigungseide, gehorchend, — einem fremden Reiche angehörig gelten mag, dem von Mawu oder Niangpong unabhängig, gleichfalls in der Welt herrschenden Bösen oder Abonsom41) (mit Sasa-bonsom im Erdboden). Wem es also gelingen sollte, mit solchen, durch legitime Riten einer Theologie unnahbaren, Gewalten einen Teufelsbund (im Homagium) einzugehen, der wird durch die Schrecken schon, welche die furchtbaren Waffen, wie sie jetzt zu seiner Verfügung stehen, verbreiten müssen, höheres Ansehen gewinnen, vermehrt gerade mittelst des geheimnissvollen Mysteriums, das sich dem Durchblick orthodoxen Kultus entzieht, aber deshalb von dort her am wirksamsten bekämpft wird, durch das Anathema heterodoxen Abfalles (von dem gesetzlich Gestatteten), mit Hülfe der Staatsgewalt die Mittel der Vernichtung in Kraft setzend (durch Giftnuss oder Scheiterhaufen).

Wie von Mawu die Wong, als seine Kinder, niedersteigen, alle Naturgegenstände göttlich durch-geistigend und beseelend, so erfüllen von Njankopomp herab die Sunsum die Natur (als Obosom).

Nyame oder (in Ashantie) Onyame bezeichnet (als Gott) den Himmel, wo Nyankupon44) (in Akwapim) wohnt, der als Schöpfer der Welt die Ordnung derselben den Naturgeistern (Bosom) übergeben hat (s. Riis).

»Die Odschi-Neger denken sich Gott als im Himmel wohnend (ote sorro), schreiben ihm die Schöpfung zu (Nyankupon abo ade), auch die Naturerscheinungen der oberen Atmosphäre, wie Donner, Blitz, Regen u. s. w., legen ihm auch zuweilen Eigenschaften, wie Allmacht, Güte, Allwissenheit und Allgegenwart, bei, denken sich ihn aber sonst ausser aller Beziehung zu sich selbst, indem er nach ihrer Vorstellung sie ganz den Naturgeistern (Bosom) untergeordnet hat, und sich selbst um die kleineren Angelegenheiten der Menschen nicht kümmere«

(s. Riis), wie dies sonst auf Engel delegirt werden mag (und deren Aequivalenten in ethnischen Schöpfungen).

Neben dem allgemeinen Gottheitsbegriffe in Abasi-Ibum (almighty god), oder als Emanation desselben: der Gott Idem-Efik »is supposed to preside over the affairs of Kalabar« (personifiziert im Baume Idem-Nyanga), und als seine Ausflusskräfte durchdringen nun die Idem45) (wie die Kelah der Karen) alle Naturgegenstände, einem jeden derselben einwohnend (und deshalb aus einem jeden auch als Fetisch verwendbar). The Idems are inferior to Abasi in power (in the Ibibio country). Of all these the Ndem Efik is greatest, and its high priest »Aubong Efik« or King of Kalabar the greatest man in the country (s. Waddell), als irdischer Repräsentant aus dem Jenseits (ähnlich dem Dalai-Lama).

In der Religion sind die Akraer, wie alle Neger der Goldküste, der Abgötterei ergeben. Sie erkennen ein höchstes Wesen, das die Welt und alles, was darinnen ist, erschaffen hat, das sie mit dem Namen Rumbo belegen. Aber sie glauben, dass dieses erhabene Wesen viel zu vornehm sei, als dass es sich um die Handlungen der Menschen bekümmern sollte. Es habe deshalb eine Menge Unter-Gottheiten geschaffen, die auf das Thun der Menschen Acht haben sollen, und dies ist der in der guineischen Geschichte so berühmt gewordene Fetis. Die Neger wenden sich allezeit zu ihm mit ihren Gebeten und Opfern, da sie dafür halten, dass er sowohl Gutes als Böses thun könne. (Isert.)

Von einem höchsten Wesen scheinen zwar die Wanyika nicht viel zu wissen, indem sie sagen, da man keinen Schöpfer Himmels und der Erde sehe, so gebe es auch keinen; doch hat jedes Dorf sein »Dschumba dscha mulungu« (Gotteshaus), wo die Zauberer ihre Beschwörungen machen, ehe die Wanyika zum Krieg aus-ziehen, und wo man sich versammelt, um Regen und Aehnliches zu erflehen. Denn auch dies Volk hat seine Regenmacher; als Vermittler zwischen dem »Mulungu« aber, dem Himmel oder höchsten Wesen, und den Menschen dienen die »Koma« oder Schatten der Verstorbenen, die deshalb auch in höherem Ansehen stehen, als der Mulungu selbst. Ausserdem fürchtet man die »Pepo« oder bösen Geister, denen jegliches Uebel zugeschrieben wird, und sucht durch allerlei Zaubermittel, Ugengu, sich gegen ihre Einflüsse zu sichern. Wer nach ihrer Meinung von einem bösen Geist oder Teufel besessen ist, geht in zahlreicher Begleitung unter Tanzen, Schreien und Trommeln mit einem weissen Huhn in der Hand nach dem Meeresstrande, wo er nach Tödtung des Huhns ein Seebad nimmt, während seine Begleiter den schauerlichsten Lärm machen, um den Teufel auszutreiben. Dann gehen sie, der vorher Besessene auf einem andern Wege, ganz still wieder heim, in der festen Meinung, der Teufel sei nun zurückgeblieben. Auch an bösen Zauber glaubt der Wanyika, und oft wird, wer dessen verdächtig ist, dass etwa durch seine Schuld kein Regen auf die Reis- und Maispflanzungen fiel, getödtet; jeder Ort aber, an dem ihnen ein grösseres Unglück zugestossen, als bezaubert, verlassen. (Grundemann.)

Die Seele der im Anschauen der Mondscheibe Ohnmächtigen (bei den Kamma in Gumbi) erhielt, zu Ilogo (im Mond) aufgestiegen, von dort das Heilmittel (47) (s. Du Chaillu).

Obwohl die Welt der Götter voll ist, im Polydämonismus, »als ursprüngliche Vorstellungsform der Religion« (Pfleiderer), wölbt darüber sich doch das ungestillte Sehnen nach höherer Befriedigung hinauf.

Unter den Wong interessiren weniger die allgemeinen, die des Meeres, der Gebirge (eher der Berge u. s. w.), als die mit den besonderen Landestheilen verknüpften, z. B. im Flusse desselben die Flussgottheiten, und als der Oberste gilt der Fluss Sakumo-Fio (in Akra), im Stammesahnen (gleich Inachos, Kephissos, Peneios, dann Spercheios u. s. w.) verehrt, und der Wulomu, von den Stadtältesten mit dem für seine Ehe ausersehenen Mädchen versehen, hat den jedesmaligen Wong der Ansiedelung zu bedienen, um dadurch dem Volke Glück und Segen, (der auf private Anfrage ebenfalls verliehen werden mag), zu sichern, gleich dem Pahan bei Oraon, den Festordnern bei Karen u. dgl. m. Dies ist die unter besonderen Gunstfällen als Priesterkönig hervortretende Gestalt, und sein eigenes Wohlsein wird wieder als Unterpfand des allgemeinen Wohlseins vorausgesetzt, so dass die Unterhaltung auch öffentlich, wie bei Talapoin, auf freiwillige Kosten stattfindet, und wenn Landplage droht, werden dem Ofnon Geschenke gebracht. Aus der grossen Anzahl der übrigen Wongs, verschiedenen und zum Theil böswilligen Temperaments, können nur die für bestimmte Zwecke geeigneten, durch die in Besessenheit anrufenden Wongtsche (die dann jedesmal einen Wong als partikularen besitzen) herbeigerufen werden zur Einfahrung für Orakel; dabei jedoch, um keine mit strafender Rache bedrohten Fehler zu begehen, setzt sich genaue Kenntniss der Liebhabereien des jedesmal gewählten Gottes voraus, und somit mancherlei dem Laien verborgene Geheimkenntniss, die deshalb, weil unkontrolirbar, (wenn etwa in feindlicher Absicht angewendet), gefürchtet und so leicht in Beziehung gesetzt wird zu dunkel waltender Macht des Bösen in Abonsa.

In der Mehrzahl der Fälle aus dem gewöhnlichen Leben geht dagegen Alles glatt geschäftsmässig ab, da die Gerechtsame zwischen Götter und Menschen im Ritual genau festgesetzt sind, und der Verwalter des Heiligthums also dem Applicanten in deutlichen Ausdrücken seine Verpflichtungen klar legen kann, deren pflichtgetreue Erfüllung dann wieder den Wong zur schuldigen Gegenleistung verpflichtet, nicht nur »honoris causa«, sondern auch verständiger Wahrung eigenen Interesses halber, da er sonst riskiren könnte, seiner Stellung, und somit des täglichen Brodes (in der Opferfütterung), verlustig zu gehen. Es liegen Beispiele genug vor Augen, dass, wenn auf allzu harte Proben gestellt, die Geduld des frommen Verehrers schliesslich abriss, und der Fetisch zerbrochen wurde oder doch zum Tempel hinausgeworfen.

Der Name Njankupong oder Yankumpon hat mancherlei Deutungen erfahren, während er etymologisch undeutbar gilt, und nur an Stelle des für Himmel verwandten Wortes Njame gebraucht wird (nach Riis). Mit den weiteren Wechseln (bei den früheren Bericht erstattern) in Nyankupön50) von Sankumpon und Jan-kupong (Jan-Kumpon) könnte man sich gelegentlich bis auf einen Kumpan jener Kompagnie führen lassen, die auch im holländischen Ostindien auf abgelegenen Inselgruppen (wie die Aru, Key u. s. w.) symbolisch fortwirkt in der Phantasie der Eingeborenen, um höchsten (und für sie idealistischen) Bedürfnisse in Namensbezeichnung zu genügen (wenn sonst dafür mitwirkend beeinflusst).

Der überall in Religionen durchklingende Zwiespalt des Menschen zur Welt folgt aus der Beschränkung dessen, worin sich am vollsten die eigene Persönlichkeit verwirklicht fühlt, aus der Beschränkung des Willens, der Vieles will (und wünscht), was er nicht kann.

Zur Wiederherstellung solchen Bruches wird nun auf der durchweg gleichartigen Elementar-Grundlage der Sympathie das Heilmittel gesucht, und zwar, wie immer, im Widerspiel einer symbolischen Handlung ähnlicher Art.

Daraus empfiehlt sich die Selbstbeschränkung des Eigenwillens, und zwar in der Enthaltsamkeit bestimmter Form (je nach idiosyncrasisch bedingter Wahl), auferlegt durch das Gelübde, im Mokisso des Einzelnen, und in allgemeingültiger Weise, unter Beziehung zum Cultus, realisirt in dem, was sich in Polynesien als Tabu, in Indonesien als Pomali bezeichnet, was in Afrika dem Fetisch Genannten (oder Bossum) zu Grunde liegt, und seinen Ueberlebseln nach aus Sacer bei Ariern, als Haram bei Semiten Bekanntem herstellbar bleiben würde, und wenn sich unter bereits bindend anerkannten Cultus-Ceremonien die Sühne durch Geschenke (nach dem Rechtsabschluss mit den Göttern), beim Opfern suchen lässt in evxrf und votum, erkennt sich in der dedicatio noch die Theilung des Eigenthums zwischen menschlichem und göttlichem (s. Indonesien, S. 78).

Bei Harim liegt die Grundbedeutung im Verwahrtsein, zum Schutz des Heiligen gegen das Profane (im El-Haram oder dem Innersten des Tempels, wo der Gottesdienst stattfindet), während der Harami (oder Räuber) das Verbotene übend, als doeßijg erscheint; dann folgt aus Herem der Fluch (oder Bann), Hahrim den Fluch hinaufwerfen, und Horma die verfluchte Stätte (als der Verödung geweiht), und in El Haramäim dagegen begreifen sich die heiligen Stätten (Mekka und Medina), als reservirt (im Kedesh).

Uqcc (ursprünglich Gebet) wurde zum Fluch und sogar Uebel, insofern dies wenn unverschuldet als Folge fremder Wünsche betrachtet wird (s. Herrmann), mit »snellem fluoche« neben Segenssprüchen, »rauco susur-ramine« in Brandenburg (1735),. Die Fluch-Wong sind fünffingrig und stärker als die vierfingrigen (s. Steinhäuser) die Tiki haben 3 Finger (bei den Maori).

Ibet (divine law), a prohibition or vow of a binding nature, forbidding anything or engaging to abstinence from it (am Kalabar), the thing prohibited or abstained of, »Unen edi ibet me«, the ibet of a hen is the thing prohibited (against the use of which I vowed) Ukanje (vow) oath (the thing vowed, devoted, or the forfeiture pledged) in Efik (s. Goldie)62).

Die Guineer enthalten sich zu Ehren ihres Fetisches »einer gewissen Art Speise oder Getränk« (nach dem Ehegelübde). Daher isst der Eine kein Rindfleisch, der Andere kein Ziegenfleisch und Hühnervieh, der dritte enthält sich von Palmwein oder Brandtwein« (s.Villault). Jeder an der Goldküste »a ses viandes d6-fendues« (Bosman).

Sothaner Erb- und Haus-Götze wird in einem Korbe (Sesja) eingeschlossen (bei den Fetu) und bei einem jeglichen Summän ist auch ein absonderliches Gelübde, welches sie denselben müssen bezahlen. Zum Exempel: der Eine trinket Zeit seines Lebens keinen Brandtwein, der Andere keinen Palmwein, der Dritte isset kein Kuhfleisch, der Vierte kein Ochsen-, der Fünfte kein Schaaf-oder Ziegen-, der Sechste kein Hühnerfleisch (W. J. Müller).

Wie die Opfersteine der Karthager sich aus dem an Baal gerichteten Gelübde (Nidr) aufrichten, so das ganze Religionsleben des Fiot aus seinen Mokisso63) und Gelübden, und solche kennt man in ihren Ueberlebseln weithin noch, bis nach Ostfriesland, denn »bei schwerer Geburt ist es heilsam ein Gelöbniss zu thun« (Wuttke).

Kanga (to vow to) to swear (by Ndem Efik).

Akanga (fate) vow (promise).

Unwönö (assurance) oath.

Nwöno (to assert) swear.

Diön (to benefit) to bless (im Efik).

Abia-diön (a practitioner of sorcery (s. Goldie).

Idiök (bad) forbidden (Idiön, witchcraft).

In der auf älteste Wurzeln zurückreichenden Kulturschöpfung des Buddhismus lehrt sich die im Materialismus (s. A. Lange) angestrebte Seelenlehre »ohne Seele«, da in der Psychologie des Abhidhammen die Seele ausfüllt und direct negirt wird (bei Nagasena).

Je tiefer dagegen wir hinabsteigen in die Barbarei der Naturstämme, desto komplizirter schraubt sich die Psychologie zusammen, in Vervielfachung der Seele, die bei Karen als siebenfach bekannt ist, vierfach bei Khond, Dakotah, Batta u. s. w., als doppelt wenigstens überall (gleich birmannischer Leipya im Traume flatternd).

Bei den Odschi praeexistirt das Kla, das bei der Geburt der Neugeborenen einen Spiegelreflex hineinwirft, als Seele oder Sasuma (Schatten), die nun von der andern Hälfte (in der ihm offenbarten Form des heiligen Naturgegenstandes, wohinein sie gefallen ist) als Schutzgeist begleitet wird (in der innern Stimme, als Gbesi, redend), und nach dem Tode sich in das Gespenst der Sisa wandelt, die (bis zum Abzug nach den Geister-Inseln am Volta) am Grabe umherspukt, und sich als Bla neu incamiren kann, zur Wiedergeburt im Stamme.

Bei den Eweem sendet die Gottheit Mawu’s aus dem Seelenlande Nodsi die geschlechtliche Hälfte auf die Erde hinab, als Dsogbe (am Geburtstag)65), um den Embryo zu beseelen durch Luwo (Seele) oderSchatten, und ihm zugleich als (vom Kla abscheidender) Aklama (Schutzgeist) durch das vom Dsi (dem Herzen) begeistete Leben (mit dem Gedanken oder Susni des Verstandes oder Tarne, als »Kopf-Inneres«) zu begleiten, bis zum Tode, wo bei der Rückkehr nach Nodsi, auf Erden dann nur das Seelengespenst Noali zurückbleibt, und die Hinterbliebenen belästigen könnte, wenn nicht kunstgerecht vom Zauber-Priester verscheucht.

In madagassischer Seele verschwindet Saina (beim Tode) unsichtbar, als Levona und Aina im Winde (Riwotra), während neben Fanahy, aus geistigem Prinzip, das gespenstische Matoatoa fortspukt (s. Ellis).

Bei den Karen wird aus dem Kelah die Einzelseele des jedesmaligen Menschen durch den in seinem Haupte thronenden Tso, als Thlah, in moralischer Ordnung gehalten, deren Störung dann die der Gesundheit bedroht (psychisch oder physisch), s. Vorstellungen von der Seele (S. G. W. V. X, 226, S. 19).

Wenn sich aus dem Noli die Lu wo (Schatten) als Seele dem Körper vereinigt hat, bleibt der andere Theil als zugehöriger Edro oder Schutzgeist (mit dem Sitz in einem auserwählten Naturgegenstande), und so erscheint Kla doppelt, als Seele, sowie als begleitender Schutzgeist derselben (gleich dem Fravashi), wie der ‚“Khuan auf dem Scheitel der Siamesen thronend, in Ohnmächten zurückgerufen (und so aus der Scheidung in der Doppelseele), beim Traum wandelnd (unter Ta-galen, Birmanen u. s. w.)56). So lange der Tso seinen Sitz im Haupte bewahrt, können böse Geister nicht schaden (bei Karen).

In Ceylon wird der legitime Kult (neben offiziell orthodoxem Buddhismus) von den Capurale (an den Dewalas) geübt, unter dem nach der Unterwerfung unter Buddha getroffenen Abkommen mit der brama-nischen Götterwelt, während in der Besessenheit der Yako-Duro (an den Coviles) diejenigen der vorbuddhistischen Dämonen (Teufel) ihr Unwesen treiben, die gleich den Geistern depossedirter Urbewohner sich noch nicht haben befriedigen lassen, sondern auf Rache bedacht geblieben sind.

Geist heisst (im Odji) Sunsum (Sunsuma, Schatten)67), und so bezeichnet (im Efik) Ukpon (shadow), the soul of a man, die Seele, welche, (gleich der der Longobarden, Birmanen, Hawaier und vieler Gesinnungsgenossen) den Körper beliebig verlassen kann, um andere Plätze zu besuchen. Jeder Unfall, der auf solchem Wanderleben zustossen sollte, wirkt dann als Krankheitsempfindung68) auf den Körper zurück, aber anderseits vermag derselbe auch des Schutzes zu geniessen, den ihm die im heiligen Thiere seiner Prädestination reflek-tirte Seele zu gewähren pflegt.

Die Seele des Menschen ist, ehe in die Leiblichkeit eingezogen, ein Noli (Geist) gewesen; wie der ganze Weltraum (Ghecheme) mit geistartigen Wesen, guten und bösen, erfüllt ist, jeder Mensch hinwiederum seinen eigenen Schutzgeist hat, so wird die schattenartig (Luwo, Schatten von Lebendigen und Seele) abgeschiedene (Aklama von Kla, abscheiden) Seele des Verstorbenen wieder zum Noli (Geist, auch Gespenst), welche Geister dann theils in neugeborenen Menschen wieder zu Seelen (Luwo) werden, oder in gewissen Thieren wiederkommen (s. Schlegel).

Sofern die Seele eine wandernde, abscheidende, heisst sie Aklama, sofern und solange sie im Leibe des Menschen wohnt, luwo (Schatten), sofern als völlig geschieden, Noli59) (Gespenst), wie auch vor der Incarnation bei der Geburt (bei den Eweem), aus einem Koafiog vorjtog.

Der Kla (in Ga) oder (in Odschi) Kra im Menschen als Leben (oder Seele), Böses redend mit männlicher Stimme und mit weiblicher Gutes, umgibt als Schutzgeist (s. Steinhäuser).

Dsi (Oberer) oder Himmel bezeichnet (wie das Herz) das Geistige im Menschen (beim Eweer) und gbogbo dsi sterben (das Leben aushauchen).

Die abgeschiedene Seele (bei den Issinesen) belebt im Mittelpunkte der Erde »einen neuen Körper in dem Leibe eines Weibsbildes» , und dasselbe geschieht von dortaus auf der Erde (s. Loyer). Auch Seelenwande- rangen durch Thierleiber mögen zwischenfallen, um in den heiligen Thieren bei Dix Cove u. s. w. die Ahnen zu ehren, und »in Yoruba wandeln sich Menschen in Thiere« (s. Isert), auch während des Lebens etwa, in Hyänen (die Buda) in Abyssinien, in Löwen die Hottentotten, in Tiger Kambodier (und Wehrwölfe Europas), s. Vlk. d. ö. A. IV, S. 20. So kann auch bereits während der Schwangerschaft die künftige Seele des Embryo influenzirt werden, in magischer Bindung, oder jedenfalls von Neugierigen ausgehorcht60). Neben den in Wiedergeburten meist erblich innerhalb des Stammes fortgepflanzten Seelen können aber auch neue hinzutreten, aus der Seelenheimath Nodsi bei den Eweem, und »wenn Nyongmo das grosse Thor öffnet, kommen neue Kla als kleine Kinder herab (s. Steinhäuser), während die Sisa, wenn sie wollen, wieder zu Kla werden können, in Menschen (oder auch in Thieren). In der Auffassung der Kla (bei den Odschi) kommt das organische Wachsthum des Denkprozesses zum Bewusstsein für den, der nicht selbst zu denken, sondern ein Etwas in sich denken fühlt. So doppelt sich die Seele, zweifach zerfallend, in diejenige, welche im eigenen Willen wirkt, und diejenige, die gleich Sokrates* Dämon als Stimme zu sprechen scheint, guter oder böser, weiblicher und männlicher (in Gbesi) für Kla, als nochmals gespalten. Wie man manchmal, unzufrieden mit sich, zurückblickt auf den verschiedenen Ausgang, der beim Folgen früherer Eingebungen resultirt haben würde, so liegt es dem Guineer im Gedankengange, gesondert solche Wesen zu setzen, die gleich einem guten oder bösen Genius die Seele begleiten und ihre Ehrerbietung verlangen (wie Ming Khuan bei den Siamesen u. s. w.). Gum nascimur, duos genios sortimur (s. Virgil), und »Genium appellant deum (Paul. Diae.), naturalem deum uniuscujusque foci vel rei aut hominis« (s. Ser-vius). Als Atua begleitet die Seele im Schatten, und unter den Paradoxen, ob »der Schatten lebendig«, könnte sich die Wage zur Bejahung neigen (nach Fechner). Ist eine Person gestorben, so kann der Sisa62) im Hause bleiben, wo der Leichnam ist; da kann er mit seinen Gebeinen aus dem Grabe steigen, aber Niemand sieht ihn, ausser dem Wongmann; er kann da die noch Lebenden plagen, krank machen u. s. w., bis er entweder selbst sich an den eigentlichen Aufenthalt der Sisa, an die Ufer des Volta (Aisa) begiebt oder vom Wongmann dorthin getrieben wird (s. Steinhäuser). Hat der Kla krank gemacht, so giebt sich (beim Citiren durch den Wongmann) als Ursache: weil erwiesene Wohlthaten nicht geachtet seien oder keine Ehrerbietung bezeugt wurde in angemessener Kleidung u. s. w. (s. Steinhäuser), wie in Siam der Kopf nicht berührt werden darf (und die Haare sorgfältig behandelt werden müssen), um den Khuan (Ming Khuan) nicht zu beleidigen, sonst könnte (bei seinem Entfliehen) das Kind von Krämpfen ergriffen werden, und dann bedarf es des Zurückrufens (im Riök Ming Khuan). Vlkr. d. ö. As. III. S. 236. The spirit Tso resides on the upper part of the human head and as long, as he keeps his seat, no kelah can do any mischief (bei den Karen). Ils appellent l’ombre d’une personne Passadoor ou Conducteur, et disent que cette ombre temoignera contre eile, si eile a bien au mal vecu (am Benin). Der dem Einzelmenschen begleitende Geist Akua noho (einwohnender Gott) wacht über denselben (cf. Hawaii Z. K. H. S. 18). Die Wittwe (in Fetu) sammelt Geld, ein Opferthier zu kaufen für den Priester, afin qu’il prie les Fetiches du defunt, de le conduire en lieu de repos (s. Villault), so dass der eigene Genius dann als Psychopompos fungirt (wie der treue Haushund bei den Polarvölkern). Bei dem Begräbniss im Hause kann die Seele dort in bequemster Weise durch einen Trichter (wie am Bonny und in Assam) gefüttert werden, um das Hinaustragen der Dadisa oder Todtenmahle auf die Kirchhöfe zu sparen, und auch der Platz lässt sich im Leben schon (wie bei der Sargbestellung in China) für die Zukunft aussuchen. A ravine full of the densest and richest Vegetation, whence a limpid well of delicious water gushes up and flows along in a purling stream to the river (am Ka-labar), was considered hallowed ground by the king, and all his people had strict commands to revere it as such. Not a branch of a tree was allowed to be cut here, for the king believed it to be the residence of the god >Anansac63), the tutelary guardian of Oldtown, with whom he espected to take up his abode, when he died (s. Hutchinson), und so reservirte sich Numa seinen Hain (Egeria’s).

Die Ekpo (ghost, a disembodied spirit) >are believed to remain on earthc (in Kalabar), und indem das Sterben beständig fortgeht, bedarf es aller zwei Jahre der Ndök genannte Ceremonie zur Auskehlung, indem die in die »traps« (s. Goldie) der Nabikim — (a rüde figure or image of something, as of a man, an isantem etc., made of grass, old cloth, or any slight material and stuck up before the houses) — vor dem Lärm geflüchteten und so gefangenen Luftdämone in den Fluss geworfen werden (and the town is considered purified). Später werden die Seelen in immer weitere Entfernung gedrängt, meist nach Westen (wie in Polynesien), und besonders strebt man sich durch einen Fluss (der Vergessenheit, im Lethe) von ihnen zu separiren, unter Anweisung eines besonderen Geisterreiches, (s. Mensch in der Geschichte L, S. 207.)

Immerhin sucht man jedoch gerne einen geeigneten Verkehr zu unterhalten, besonders mit den Geistern (den Ahnengeistem des durch sie zaubernden Schämen) der Weisen und der Greisen, der in der vorliegenden Gliederung der Altersklassen64) naturgemäss aufgestiegenen Geronten des Senatus, gleich den Gnekbade der Kru, als erfahrungsreiche und deshalb werthgeschätzte Rathgeber (wie in kirgischer Parabel dargelegt), und so heisst der »gelehrte Mensch« (s. Gaster) »der Schatzmeister der Zukunft« (in rumänischer Alexander-Sage).

Mit den Königen werden in afrikanischen Leichenfesten die Diener in Menschenopfer zum Jenseits befördert, wo jene fortthronen in Herrlichkeit und so von dort noch rückwirkende Kraft äussem können, wie im gra-duirten Masse die Vornehmen überhaupt, während die Seelen des Volks, als vom Atua gefressen, gänzlich zu Grunde gehn (in Polynesien).

Der Mensch findet in sich selbst ein Etwas, das im Verständniss desselben freilich er selbst66) ist, das aber doch, weil aus einem Unbewussten aufsteigend, sich für ihn doppelt in der Stimme des Innern (als Gbesi), und so überträgt er auf alle anderen Naturgegenstände gleichfalls ein Innerliches als Geistiges aus einem xofyiog vofjrög, in einen Edro oder Won. Auch in der Noli des Idealmenschen wohnt also bereits ein Edro, der dann, wenn der Luwo als Schatten sich dem Körper einigt und dort einen eigenen Willen gefunden hat, in einem andern Naturgegenstande Stellung nimmt, demjenigen, mit dem in empfänglicher Stunde sich die Aufmerksamkeit geeinigt hat, ihn als Schutzgeist für das Leben zu wählen, (wie der Indianer sein Totem). Auch dem Fetu ist persönlich ein Thier heilig, dessen er sich von den Ahnen her, also stammweise, zu essen enthält. Aber ausserdem mag er sich für bestimmte Zwecke die dazu jedesmal geeigneten Fetische, oder die Edro derselben, günstig stimmen in geweihten Amuletten, und wird durch solche Möglichkeit, einzelne zu Freunden zu gewinnen, auf die Weiterforderung geführt, andere als ihm feindlich zu betrachten, deren Abneigung zu sühnen, (unter Kenntniss zauberkräftiger Riten), oder (bei eigenem Besitz genügend kräftiger Schutzgeister) zu bekämpfen gilt. Da aber nun in manchem oder der Mehrzahl der Fälle das Feindlich-Böse im Leid des Lebens sich über jede einleitbare Berechnung hinaus als unnahbar überwiegend erweist, tritt die Vorstellung einer schwarzen Hälfte der Natur in dem dualistisch bei Mawu der Gottheit die Wage haltenden Abonsom hinzu, auf der Erde reflektirt aus dem dunklen Schosse derselben, in Sasabonsom, und hier, wenn überhaupt ein Widerstand geleistet werden soll, benöthigt sich gefährliches Operiren, das oft schon im Leben dem Angeklagten dieses kostet, um die Sicherheit in dem (dem Menschen als £ooov noXmxdv vorbedinglichen) Gemeindewesen zu bewahren. Solche Vorstellung verbindet sich dann mit der des Todes, wie in dem als Jäger erscheinenden Kuku (Tod oder Sterben), und nur die ihm unter den Menschen schon, als Böse, Verfallenen sind deshalb auch dem vollen Tode verfallen, während dieser sonst einfache Einleitung zur Neuerung der Wiedergeburt bildet, nach periodischem Spuken am Grabe. Indem es heisst, dass Mawu die Seele (in Noli) jedes Neugeborenen aus Nodsi einnimmt, dem Stammeslande der Eweer, so liegt darin der Zusammenhang ausgedrückt, welcher von den Ahnen bis auf die Nachkommen hin, im Leben eines Volkes, bei nationaler Entwickelung, das Ganze psychischer Einheit durchdringt.

Im Tode starrt ein fremdartiges Grausen entgegen aus imbekanntem Jenseits, indem der in der Vollkommenheit der Gesundheit Lebende für Aenderung dieses ihm normalen Zustandes keinen Grund absieht, und wie der Abipone (s. Dobritzhoffer) jeden Todesfall durch feindlichbösen Eingriff verursacht sein lässt, denkt es sich überall unter den Naturvölkern, so dass der Tod demnach eigentlich nicht hingehört in die Welt und erst in Folge eines Missverständnisses entstanden sei (in den Diskussionen bei Eskimo, Hottentotten, Arowaken u. s. w.). So, wenn in Guinea die materielle Welt als »lebendig athmende Masse« gedacht wird (s. Cruikshank) unter fortgehenden Schöpfungen des Schöpfergottes (Mawu oder Niangkopong) lässt sich verstehen, wie zeitweis Kla in Sisa sich wandeln mag und diese in jene, oder wie die Sisa nach eigenem Willen aus temporärem Verweilen auf den Inseln des Volta wieder in den Körper eines Menschen oder auch von Thieren, (was buddhistisch nach der Karma bestimmt sein würde, ohne freie Auswahl, wie hier) zurückkehren mag. So müsste dieser Existenzwechsel, (also auch bei der Kla als Seele im lebenden Körper), vom eigenen Willen abhängig bleiben, der sich selbstverständlich nur selten zum Tode entschliessen würde, aber diesen, trotz und gegen seinen Entschluss, eintreten sieht. Nun können allerdings manche der Leiden und Krankheiten, von denen die Erfahrung Weiterführung bis zum Tode lehrt, durch strafende Götter verursacht sein, da die Wong, obwohl an sich »Schützer«, doch auch den Willen des höchsten Nyang-kupong in durchschauender Gerechtigkeit zu erfüllen haben und ebenso der Edro die Satzungen Mawu’s. Indem aber hierin der »Richter« (Edro) liegt, wird sich stets, da im Rechten der Menschen und Götter, (wie in Sikyon), ein Gesetzeskodex niedergelegt war, innerhalb der kulturellen Ceremonien ein entsprechendes Abkommen treffen lassen, worin, nach dem Rechtsspruche, die über die Menschen verhängten Strafen gesühnt werden mögen, oder es sich doch auch vielleicht nachweisen liess, dass diese, weil für Sühne zu schwer, ihren Verlauf nehmen müssten. Ausserdem schrecken manchmal noch die Erinnerungen an die Abgeschiedenen, worin als direkt mit Todesvorstellungen verknüpft, vieles Unheimliche bereits durchläuft. Aber auch hier kennt der Priester die Heilmittel, um, wenn die Sisa in der durch das Begraben bedingten Form des Gerippes, (wie in Guatemala), erscheint, sie an den ihr angewiesenen Aufenthaltsort zurückzuschrecken, (wie der Bogaier bei Aro waken durch den Lärm der Maraka). Wenn nun aber, trotz all solcher Vorkehrungen, die legitimer Weise getroffen werden können, — sei es indem man dem vom Wulomo bedienten Wong seine Verehrung erweist, oder die Verstösse gegen die eigene Kla gut macht, sei es dass man durch den Wongtsche (in seinem Haupte) während der Besessenheit, oder durch den Gbali im Gitiren zur Unterredung, die Wong um die Justa, welche sie, als bisher mangelnd, verlangen, befragt, — wenn trotz alledem und alledem, dass sämmtlichen Vorschriften im orthodoxen Kulte genügt ist, der Tod dennoch eintritt, so beweist dies das (ausserhalb liegende) Dasein einer auf dunkler Hälfte der Natur in Geheimnissen, die der Theurgie unzugänglich sind, mysteriös verschlungenen Macht, die Macht nämlich des hervorzischenden (und mit dem Todespfeile treffenden) Bösens, im Abonsom (oder dem irdischen Reflex im Sasambonsom des Waldesschauers), und wer nun hier ebenfalls, im frevelhaft kühnen Wagen, Wirkungskraft erlangt hat, der wird, wenn auch für eigennützige Zwecke mitunter benutzt, im Allgemeinbesten als Verdächtiger geflohen und zugleich als Gemeinschädlicher verfolgt, wie der Endotsche, dessen Ursprung in Loango sich mit dem Sterben verknüpft.

Indem die geistigen Potenzen der Naturgegenstände, diesen einwohnend gedacht, sich bei Eskimo als Innuä (Besitzer), im Efik als Idem (das Selbst), als Genius qui vim obtineret rerum omnium generandorum (Paul. Diac.) u. s. w. bezeichnet finden, so werden wir dadurch auf sonst unzugängliche Erinnerungen aus der Kindheit des Volkslebens zurückgeführt. Wie die aus eigener Kindheit, seit der sonnige Tag des Bewusstseins eingetreten, in schattenhafte Traumbilder dunkler Nacht dem Auge entschwunden sind, so die aus der Prähistorie des Naturzustandes dem Kulturvolke. Aber wie wir oftmals bei zufällig lebendig gebliebenen Gedankenüberbleibseln eines in früher Kindheit im Gedächtniss hängen gebliebenen Spruches (oder Thuns) aufklärende Lichtstreifen gewinnen mögen für Motive, die später noch fortwirken (in der Entwickelung eigener Persönlichkeit, bei dieser zugewandten Selbstbeobachtung), so werden jene elementaren Völkergedanken, weil aus eiserner Nothwendigkeit organisch erwachsen, für die Physiologie des Gesellschaftsorganismus auf fortgeschritteneren Stadien68) Erklärungen zu liefern vermögen, für welche bis vor Kurzem jede Möglichkeit ausfiel. Kaum ist der Philosophie je ein bedeutungsvolleres Objekt der Studien gestellt als hier in induktiver Behandlung der psychischen Welt. Inder Philosophie der Kultur leuchtet der Gedankenblitz des Einzelnen, wenn begabtem Talent’s, und wie wir den gottbegeisterten Dichter mit Freude lesen und bewundern, nicht jedoch den schulmässigen Dichterling, so werden wir auch von dem geborenen Philosophen Vieles lernen, den künstlich zwischengedrängten lieber wohl dem Verfalle seines System’s überlassen. Im Völkergedanken dagegen haben wir den naturnothwendigen Ausdruck geistigen Schaffen’s, nicht wie im Einzelnen nur manifestirt, sondern in der Menschheit als Gesellschafts wesen nach den verschiedenen Umkreisungen ethnischer Variationen auf dem Erdball (für komparativen Ueberblick und genetische Ausbildung).

Bei Eintritt der Reinigung wurden Mädchen, unter. Behang mit Amuletten und Talismanen, buntgeschmückt umhergeführt (an der Goldküste), im Anschluss an die aus allen Gegenden (auch an der Loango-küste) wiederholten Geremonien  der (im enggezogenen Gesichtskreis der Naturstämme) das Interesse vorzugsweise absorbirenden Altersstufengrade (mit dem der Pubertät, für die sozialen Verhältnisse auch, — in Ehe und Wehrhaftmachung, — als wichtigsten), und in den Kamerungegenden haben die Knaben ihre Vorbereitungen zur Jünglingsweihe im Buschland durchzumachen, während in Bomma Voranzeichen politischer Ordnung schon einzugreifen beginnen.

Wenn ein Fürst eine Quimba errichtet, treten ausser seinen eigenen Leuten auch oft fremde (aus benachbarten Dörfern) darin ein, und diese müssen dann, für den Unterricht durch den Longa Inquimba, Zahlung leisten (wie es mitunter auch für Mädchen eingerichtet wird).

In Bomma gehen oft mehrere Jahre hin, ohne dass eine Quimba geöffnet wird, und wenn dieses dann in einem Dorfe geschieht, strömen dort auch aus den umliegenden alle die jungen Leute, die diese Weiheceremonien noch nicht durchgemacht haben, zusammen, so dass sich oft in einer und derselben Quimba die verschiedensten Altersstufen von 8—20 Jahren vereinigt finden mögen. Regelmässig wird dagegen die Beschneidung (Longa) geübt (bei der die Knaben im Walde zurückgehalten werden bis zur feierlichen Entlassung nach Vernarbung der Wunde), während man für die darauf folgende Wehrhaftmachung in der Inquimba (Kimba) ausserhalb des Dorfes ein langes Haus erbaut. Die darin für die Jünglingsweihe Eintretenden werden in Palmblattzeuge (Gomba) gekleidet, einer Reihe von Prüfungen unterworfen, in einen todten-ähnlichen Zustand versetzt und im Fetischhaus begraben. Wenn sie wieder zum Leben erweckt werden, haben sie (wie im Belli-Paro) das Ge-dächtniss für alles Frühere, selbst für ihre Eltern, ihren Vater und Mutter verloren, und sie vermögen sich ihres eigenen Namens nicht mehr zu erinnern. Es werden ihnen deshalb, je nach den Titeln oder Graden, zu denen sie aufgestiegen sind, neue Namen gegeben, wie Lufala, Lutete, Ghinkele, Luvungu, Malunga, Lubele, Juka, und das Führen eines solchen Namens lässt erkennen, dass das Individuum die Quimba (das Mokissie Quimba) durchgemacht hat. Bei den Bassuto werden die beschnittenen Knaben während der Zeit, dass sie am Umlimo (Hochaltar) an abgelegenem Ort verweilen, durch ihre Eltern mit Speise versehen und dürfen, nachdem sie in den Kraal zurückgeführt sind, nicht die Zähne zeigen (d. h. weder reden noch lachen), bis das Korn aufgewachsen ist. In Mayumbe wurden die durch Fasten in dunkler Kammer vorbereiteten und durch Schweigen geprüften Novizen vom Priester des Idols Maramba durch Schulterschnitte geweiht. Nach Gavazzi wurden in Gongo von den (das Zeichen des Kreuzes gebrauchenden) Zauberern Nquiti geheime Cere-monien in den Wäldern abgehalten, bei welchen die Eintretenden ohnmächtig niederfielen und dann in dem geweihten Kreise wieder zum Leben erweckt wurden.

Quinqure (obwohl wegen seiner Grausamkeit getödtet) wurde von den Zauberpriestern unter den Zumbis (Ahnen) vergöttert, und nach seinem Beispiel, weil aus Lunda stammend (wo die Beschneidung geübt wird), beschneiden sich die Jaga.

Innerhalb der Quimba gehen die Zöglinge nackt, und nur bei Annäherung Fremder werden die Palmblattkleider (über ein Gestell aus Rohrstäben) angelegt. Weder Hände noch Körper sind zu waschen, und es darf nicht von Tellern, sondern nur auf der Erde gegessen werden. Die von den Eltern täglich dem Mutinde oder Zuchtmeister gebrachten Speisen sind vorwiegend mästender Natur, viele Arten von Fleisch und Fisch jedoch verboten. Die Knaben lernen neben dem Verfertigen von Palmwein, Fischen und anderen Kunstfertigkeiten allerlei Geheimnisse, die sie durch einen Schwur beim Fetisch verbunden sind, Niemandem zu verrathen. Damit sie sich untereinander verständigen können, ohne von Uneingeweihten belauscht zu werden, besitzen sie eine Geheimsprache, die von der gewöhnlichen abweicht. Darin, sowie in den Cere-monien Siquimbe (des Fetisch Quimba) unterrichtet der Mutende Anquimba (Inquimbo) und der Hülfslehrer Baku, als Assistent. Andere Gehülfen, — besonders auch für Uebung des heiligen Tanzes (Sangila) Sangula oder wie er in Noki (auch in Sunda) heisst: Gocchina, — sind der Matundo, Malanda, Bondo, Kongo. Der Makunga Imvia vollzieht die Beschneidung. Im Hause der Quimba (Jeso), das beim Verlassen (am Ende der Saison) verbrannt wird, findet sich der Fetisch Tafi, als Holz mit zwei Figuren (Matundo und Malanda), sowie Bondo u. a. m. Die Ganga der Quimba heissen Matando. In Bomma endet die Quimba (unter Festlichkeiten) stets mit einer Jahreszeit, während sie in Mayumba 4 Jahre und länger dauern mag. Der Grossfetischir oder Gross-Woodnuss (der Dahomet oder Dahomey) »sagte, er komme vom Himmel und gab sich für den Dolmetscher der Götter auf der Erde aus« (s. Labarthe). Bei den Wanika darf die heilige Hütte (Moro) in Kaya von Uneingeweihten nicht betreten werden, und so nicht der Wald, wo Bunsi aus der Erde redet (wie ähnlich bei Mpongwe). In den Fetischwäldern staffiren sich die Ordensbrüder mit den Verkleidungen zum Mummenschanz aus, und im Kultus zu Pheneos

(in Arkadien) legte der Priester der grossen Weihe die Maske der Demeter -Kidaria an. Um Pastophoros zu werden, musste die Weihe der Isis und des Osiris durchgemacht sein (s. Apulejus).

In der Sprache der Quimba (Bomma’s) heisst der Weisse (Mundele) Nawonöno oder Novo, Branntwein (Malava) Tonva, dann Wasser: Luimvoa oder Mayumwa (Nuimwe), Feuer: Giovi oder Yananjoge, Mond: Lumbowa, Kopf: Dum-vela, Augen: Limbuanve (Simbuanve), Haus: Tschovo, Ohr: Jovo, Zahn: Masini, Hand: Unta-miguffu, Leopard: Matscherata-mansefe, Krokodil: Matscherata-maniumfe, Wald: Sefe, Essen: matefa, Sprechen: choya, Vater: Baku, Mutter: Kongam-tumba, Erdnuss: Cuimva, Palmnuss: Kidima, Calabasse: Chofot, Nase: Masunu u. s. w. In der gewöhnlichen Sprache würden diese Worte heissen: Masa, tubia (baso), gondo, ntu, dissu (messu), mso, cutu (matua), menu, cuacu (rau-caco), ngo (chicumbe), ngandu, m’schitu, dia vovu, tata, mama u. s. w. Masunu (statt junu oder mazaumau) ist z. B. aus der Bunda-Sprache. Gezählt wird cochi (mochi), keile (solle), tatu, maia (ina), tanu, samanu, semboari (semboella), nane, evua, cumi u. s. w., und in der Quimba-Sprache: lTschanangowe(Umgosi), 2 Tschanangiobi (Giobi), 3 Tschanantafu (Umtafu), 4 Tschananquibanganu (Quibaganga), 5 Tanumgibe (Untembu), 6 Salan-gano (Sanamgena), 7 Nanumgide (Sambuageddi), 8 Suangiele (Namvo), 9 Intschana, 10 Tschana-lunguinova, 20 Tschanam-tschiobi, 100 Umtschana. Dieser heiligen Sprache, neben der noch freimaurerische Griffe Vorkommen sollen, fehlen nicht die Gestikulationen, die in allen afrikanischen Unterhaltungen hervortreten, wie z. B. Proyart bemerkt: »Wenn man ihre Sprache nicht versteht, so könnte man ihre Gespräche für ein Spiel halten. Sie haben nämlich eine sonderbare Gewohnheit, die eben sehr gut dazu dient, die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu erhalten und unwichtigen Gesprächen ein gewisses Interesse zu geben. Diese Gewohnheit besteht darin, dass, wenn sie öffentlich reden, sie die Zahlen durch Geberden anzeigen. Derjenige z. B., der sagen will: ich habe sechs Papageien und vier Rebhühner gesehen, sagt blos: ich habe (6) Papageien und (4) Rebhühner gesehen, und macht zugleich zwei Gesten, wovon die eine 6, die andere 4 ausdrückt. In demselben Augenblick rufen alle Anwesenden: sechs, vier, und der Redende fährt alsdann weiter fort. Wenn Jemand von der Gesellschaft entweder zerstreut wäre oder erst nach dem Andern zuriefe, so würde man glauben, dass er schlummerte oder mit seinen Gedanken umherschweifte, und man würde ihn für unhöflich halten.« Die Priester der Dacota gebrauchten eine geheime Sprache mit verändertem Wortsinn (und so auf poly-nesischen Inseln).

(D. Exp. a. d. Lngk. n, 12.)

Der grosse Fetisch lebt im Innern des Buschlandes, wo ihn Niemand sieht und Niemand sehen kann. Wenn er stirbt, sammeln die Fetischpriester sorgfältig seine Knochen, um sie wieder zu beleben, und ernähren sie, damit er aufs Neue Fleisch und Blut gewinne. Es ist aber nicht gut, davon zu sprechen. Im Lande Am-bamba muss jeder einmal gestorben sein, und wenn der Fetischpriester seine Galabasse gegen ein Dorf schüttelt, so fallen diejenigen Männer und Jünglinge, deren Stunde gekommen ist, in einen Zustand lebloser Erstarrung, aus dem sie gewöhnlich nach drei Tagen auferstehen. Den aber, welchen der Fetisch liebt, führt er fort in den Busch und begräbt ihn in dem Fetischhause, oftmals für eine lange Reihe von Jahren. Wenn er wieder zum Leben erwacht, beginnt er zu essen und zu trinken, wie zuvor, aber sein Verstand ist fort und der Fetischmann muss ihn erziehen und selbst in jeder Bewegung unterweisen, wie das kleinste Kind. Anfänglich kann das nur durch den Stock geschehen, aber allmälig kehren die Sinne zurück, so dass sich mit ihm sprechen lässt, und nachdem seine Ausbildung vollendet ist, bringt ihn der Priester seinen Eltern zurück. Dieselben würden ihn selten wieder erkennen, ohne die ausdrückliche Versicherung des Fetize-ros, der ihnen zugleich frühere Ereignisse in’s Gedächtniss zurückführt. Wer die Prozedur der Wiedergeburt in Ambamba noch nicht durchgemacht hat, ist allgemein verachtet und wird bei den Tänzen nicht zugelassen. So bildet der Scheikh Al-Gebal seine Bathenier in Bamba.

Identischer Weise gelten die im Waldhaus der Mauwen wiederaufgelebten Knaben (in Ce-ram) als Neugeborene, welche, da sie die Erinnerung an das frühere verloren, Alles wieder frisch zu erlernen haben, beim Uebertritt aus dem Kindesalter iu die Mannheit (s. Indonesien, Lf. I, S. 145), und daran schliessen sich die complicirten Weihe-Ceremonien Australien^ (für Daramulan u. s. w.).

Auf das Pubertätsfest (oder Wagnaro) der Knaben folgt die Aufnahme unter die Jünglinge (bei Wanika).

Die als Kosi geweihten Jünglinge werden später (bei den Eweern) Götzenpriester (das Edro).

Wenn ein Neger ungefähr 16 Jahre alt ist, so muss er sich eine Hütte bauen (beim Butter-ball-Coustyme) und Spiessruthen laufen (s. Römer) durch seine Altersgenossen (bis zum Fluss).

Bei Weihe der Knaben (durch den Tohunga) im Blätterhaus folgt auf die Ceremonie Kohatu nach Beendigung der Fasten die zweite Taufe (Idi-Idi) bei Maori (s. Inslgr. i. O. S. 195).

Neben der Knabenlustration im Tempel der *AQisfusKoQv&aAXia fand am Altar der Artemis Orthia (Orthosia) die der Epheben statt (in Sparta), und so bei Bantu (mit ähnlichen Prüfungen in Amerika überall). (Besuch in S. Salvador S. 82.)

»Bei den Mussorongho wird in der Zeit der Gazimba eine grössere Zahl von Knaben (zwischen 5—6 Jahren) vereinigt, um an ihnen die Beschneidung (Comtinta) gemeinsam zu vollziehen, und sie bleiben dann einige Wochen zusammen, bis das Ganze mit einem Fest beschlossen wird. Bei den Murundas findet (nach Pintos) die Beschneidung im 18.—20. Jahre statt. Die das höchste Wesen Kalumbo verehrenden Moluwa üben die Beschneidung (nach Magyar) und ebenso die Bobal, denen Kajanda der gute, Makitschi der böse Gott ist.«

(D. E. a. d. L. I. S. 177.)

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Text aus dem Buch: Der Fetisch an der Küste Guinea´s auf den deutscher Forschung nähergerückten Stationen der Beobachtungen (1884), Author: Adolf Bastian.

Siehe auch:
Der Fetisch an der Küste Guinea – Kalabar und Kamerun

Der Fetisch an der Küste Guinea

Wenn aus entlegener Vergangenheit, und zwar übereinstimmend von den zuverlässigsten Autoren, Dinge berichtet werden, welchen wir gar kein Verständnis abgewinnen können, so darf man sicher sein, an einem Punkte zu stehen, dessen Aufklärung von weittragender Bedeutung wäre. Um aber solche Probleme auch richtig zu lösen, ist es vor allem nötig, die Erscheinungen genau so hinzunehmen, wie sie berichtet werden; die Brille des Jahrhunderts muss ganz abgelegt werden. Davon .geschieht aber meistens das Gegenteil. Der Rationalismus verfälscht in der Regel solche Erscheinungen, um sich die Erklärung derselben leichter zu machen; statt sich denselben anzupassen, nimmt er an ihnen solche Korrekturen vor, wodurch sie ihm angepasst werden; davon hat aber die Wissenschaft nur einen scheinbaren Gewinn, der Rationalismus dehnt nur scheinbar sein Erkenntnisgebiet aus, er schliesst mit dem Probleme einen faulen Frieden.

Ein solches vom Altertum aufgegebenes Rätsel ist der Tempelschlaf, über welchen die hervorragendsten Schriftsteller der Alten wie über eine vollkommen sichere Sache sprechen, Ja, diese Einrichtung, die wir in Ägypten, Griechenland und Italien finden, bestand mindestens ein Jahrtausend hindurch, ohne von den Gebildeten in Zweifel gezogen zu: werden. Und doch schüttelt der moderne Mensch ganz unwillkürlich das Haupt, wenn er liest, um was es sich dabei handelte. In der That, was sollen wir sagen, wenn wir erfahren, dass vor der Begründung der modernen Medizin durch Hippokrates die Kranken von Göttern unter Vermittlung der Priester geheilt wurden? Man versammelte sich in dem Tempeln gewisser Gottheiten; dort erschienen den Kranken diese Gottheiten im Schlafe, belehrten sie über ihren Krankheitszustand, gaben ihnen die Mittel der Heilung an, und das ganze Altertum preist die Wunderkuren des Tempelschlafes. Natürlich wird der Rationalist sich den Vorteil nicht entgehen lassen, den die Existenz des Wortes „Pfaffentrug“ bietet; bei näherem Zusehen dürfte es ihm aber schwer werden, bei dieser Erklärung zu verharren. Es ist wohl denkbar, dass trügerische Priester, welche geschickte Ärzte waren, Masken annahmen, um ihren Patienten als Gottheiten zu erscheinen, dass sie dann die Diagnose Vornahmen und Heilmittel angaben, wodurch — wie allgemein anerkannt ist — wunderbare Erfolge erzielt wurden; aber der Zweck solcher Umschweife ist nicht einzusehen. Die Priester hätten ihr Ansehen jedenfalls mehr gesteigert, wenn sie ihre Aussprüche nicht dramatisiert hätten. Auch geht die übereinstimmende Aussage aller Tempelschläfer dahin, dass ihnen die Heilgötter im Traum erschienen seien, nicht im. Wachen, und an diesem Punkt allein schon muss die Betrugstheorie scheitern.

Eine Theorie, durch welche der so rätselhafte Tempelschlaf seine Erklärung fände, dürfte neben dem philosophischen Verdienst mindestens noch ein psychologisches, wenn nicht einmedizinisches, für sich in Anspruch nehmen. Überschauen wir uns also die historischen Berichte, welche vorliegen, nehmen wir an, dass dieselben genau der Wahrheit entsprechen, und sehen wir dann zu, ob nicht an Stelle der Betrugstheorie eine bessere und minder gewaltsame sich finden lässt.

Diodor von Sizilien, der Ägypten besuchte, schreibt über den Tempelschlaf:

„Von der Isis erzählen die Ägypter, dass sie viele Arzneimittel entdeckt und grosse Erfahrungen in der Heilkunde besessen habe. Deshalb habe sie auch, nachdem sie eine der Unsterblichen geworden, die grösste Freude daran, die Menschen zu heilen, und im Traume zeige sie denjenigen Heilmittel an, welche sie darum bitten … Im Traume trete sie an das Lager der Leidenden und reiche ihnen Heilmittel gegen die Krankheit und wer an sie glaube, der werde in wunderbarer Weise gesund. Viele, denen wegen Unheilbarkeit von den Ärzten alle Hoffnung schon abgesprochen war, seien von ihr geheilt worden.“

Ähnlich preist Strabo den Serapis. Dies also ist der Kern der Sache, zu welchem andere Schriftsteller Einzelheiten hinzufugen, die wir noch kennen lernen werden. Aber nicht nur von der Isis, welche die Römer salutaris nannten, und von Serapis wird solches gerühmt, sondern auch vom Äskulap, in dessen Tempeln ebenfalls der Tempelschlaf ausgeübt wurde. Der berühmteste Isisterapel war nach Herodot der zu Busiris in Ägypten:

„In dieser Stadt ist das grösste Heiligtum der Isis.“

Dem Serapis geweihte Tempel gab es in Memphis, Alexandrien und Canopus. Der Ursprung des Tempelschlafes reicht sehr weit zurück; schon Isaias wirft den Heiden vor, dass sie in Tempeln schlafen. Aus Ägypten verpflanzte sich dieses System nach Griechenland und von dort nach Italien. Griechische und römische Schriftsteller sind es also, bei welchen wir nähere Mitteilungen finden, und welche mit mehr oder minder grosser Verehrung davon, sprechen:

Pythagoras, Homer, Herodot, Antisthenes, Philo, Seneca, Diodor, Macrobius, Plutarch, Sokrates, Hippokrates, Platon, Aristoteles, Xenophon, Plinius, Arrian, Varro, Artemidorus, Strabo, Cicero, Valerius Maximus, Pausanias, Herodian, Tacitus, Virgil, Marcus Aurelius, Aelian, Sueton, Tibullus etc.

Gehen wir zunächst nach Griechenland über. Nach Herodot sind fast alle Namen der griechischen Götter aus Ägypten nach Hellas gekommen. Dazu gehört auch Äskulap, den die Griechen den Traumsender nannten. Er hatte sehr zahlreiche Tempel  in Pergamus, Epidaurus, Thisorea in Phokis, Megalopolis, Ägä in Cilicien, Asopus in Lakonien, Athen, Astypalea auf der Insel Kos, Smyrna, Lebana auf der Insel Kreta, Pömanena in Mysien, Trikka in Thessalien etc. Philosophen, Dichter und Historiker zollten dem Äskulap Verehrung und es ist nur von einigen Epikuräern und dem Lustspieldichter Aristophanes bekannt, dass sie dem Tempelschlaf den Glauben versagten.

Von Griechenland aus verbreitete sich der Tempelschlaf — incubatio, incubare Aesculapio — nach Italien. Nach Plinius wurde der Äsculapkultus 463 zur Abwendung einer langwierigen Pestkrankheit von Epidaurus nach Rom verpflanzt; das hohe Ansehen aber, das dieser Kultus genoss, wird am besten bezeichnet durch das Verhalten der mächtigen römischen Kaiser zu demselben. Kaiser Julian sagt, Äskulap habe ihn häufig in Krankheiten geheilt, indem er ihm Träume sandte. Marcus Aurelius, der Philosoph auf dem Throne, der die Tempei der Isis, des Serapis und Äskulaps reichlich ausstattete, sagt:

„Ich danke Euch, dass mir durch Träume Heilmittel angegeben wurden gegen Bluthusten und Schwindel.“

Er nahm, wie er selbst sagt, den Tempelschlaf zu Cajeta vor. Caracalla besuchte den Tempel zu Pergamus, um einen Gesundheitsrat zu erhalten, und Julian flehte dort den Äskulap an. Die Kaiser Otho, Domitian, Commodus und Alexander verehrten den Isisdienst. Antonius liess dem Serapis einen Tempel bauen. Vespasian besuchte einen Serapistempel, Trajan den zu Heliopolis. Auf der Tiberinsel bei Rom stand ein Tempel, wo der Schlaf sehr gebräuchlich war. Die Römer schickten ihre kranken Sklaven dahin und die Besuche scheinen den Priestern lästig geworden zu sein, denn Claudius erliess ein Dekret, dass alle durch Tempelschlaf geheilten Sklaven als frei angesehen werden sollten. Auf dieser Insel wurden Marmortafeln aufgefunden, welche von den Heilungen berichten. Römische Schriftsteller reden vom Tempelschlaf. Plinius sagt: Hodie ab oraculis medicina petitur und Virgil beschreibt eine Inkubation.

Wie erwähnt, redet schon Isaias — ca. 600 v. Chr. — vom Tempelschlaf; andererseits sagt Origen es — 250 nach Chr. — dass er zu seiner Zeit noch sehr im Gebrauch war, und Eusebius erzählt, dass Constantin in Cilicien einen Tempel niederreissen liess, wohin eine Menge von Menschen, und sogar die Gebildetsten des Landes, kamen, um dort einen Dämon anzubeten, der ihnen erschien, wenn sie schliefen und ihre Krankheit heilte.

Es ist unnötig, die historischen Nachrichten noch weiter auszudehnen. Das Vorstehende genügt vollständig, uns eine Meinung zu bilden. Wir sehen, dass der Tempelschlaf in Ägypten, Griechenland und Italien, sogar im Innern von Afrika ungefähr 1000 Jahre hindurch in Blüte stand; die Anzahl der Heiltempel lässt sich ungefähr auf hundert schätzen, und da die gebildetsten Männer dieser Jahrhunderte den Götterdienst verehrten, so dürfte die Betrugstheorie sowohl dem Historiker, wie dem Psychologen gewiss unhaltbar erscheinen. Es handelt sich also darum, eine Theorie aufzustellen, welche nicht nur die Thatsache des Tempelschlafes, sondern auch die darüber berichteten verschiedenen Besonderheiten einschliesst und überdies auch den Erfolg der Kuren erklärlich macht. Im Nachfolgenden soll nun gezeigt werden, dass diese noch wenig erkannte Erscheinung des Altertums identisch ist mit einer noch wenig erkannten der Neuzeit: Der Tempelschlaf war ein durch magnetische Behandlung erzeugter Somnambulismus. Wer die alten Berichte über die Inkubation mit den Erscheinungen des Somnambulismus vergleicht, wird finden, dass sie sich gleichen, wie ein Ei dem andern.

Was geht beim Magnetisieren vor, falls dasselbe bis zur Erzeugung des Somnambulismus vorgenommen wird? Folgendes sind die Hauptpunkte:

1. Einem Menschen in sitzender oder liegender Stellung werden die Hände aufgelegt.

2. Mit den Händen werden magnetische Striche über den Leib gemacht.

3. Der Patient schläft ein.

4. Er erwacht innerlich, spricht von seiner Krankheit, nimmt die Diagnose seines Innern, die innere Selbstschau, vor.

5. Der Heilinstinkt erwacht in ihm und steigert sich bis zur anschaulichen Vorstellung der nötigen Heilmittel.

6. Dieser Heilinstinkt nimmt oft die dem ganzen Traumleben eigentümliche Form der Dramatisierung an und der ärztliche Rat wird objektiven Traumfiguren in den Mund gelegt.

7. Diese Heilmittel haben oft bedeutenden Erfolg.

8. Der Kranke spricht oft richtig vom künftigen Verlauf seiner Krankheit, und sein Fernsehen schweift häufig nach fremden Dingen ab.

9. Diese Fähigkeiten des Patienten erstrecken sich oft auf den Zustand anderer Kranken, mit welchen er in Verbindung gesetzt wird.

10. Die angeordneten Mittel weichen oft ganz von den gebräuchlichen ab und sind zum Teil von sehr heroischer Natur.

11. Die Somnambulen sprechen manchmal in gebundener Redeweise.

Die angeführten Punkte sind nun sämtlich von so eigentümlicher Natur, dass wenn von ihnen allen die Parallelerscheinungen im Tempelschlaf nachgewiesen, werden könnten, kein Zweifel mehr bestände, dass in den alten Tempeln der künstliche Somnambulismus angewendet wurde. Es ist daher nicht zu verwundern, dass bei der Wiederentdeckung des Magnetismus durch Mesmer und des Somnambulismus durch seinen Schüler Puysegur, sowohl diesen, wie ihren Nachfolgern die Ähnlichkeit sofort auffiel, und dass sie auf die Identität beider Erscheinungen schlossen.

1. Was das Auflegen der Hände betrifft, so giebt es ägyptische Skulpturen und Wandgemälde, die den Prozess des Magnetisierens darstellen: Ein Mensch liegt mit geschlossenen Augen auf einem Ruhebette — es ist kein Toter; denn oft ist er halb aufgerichtet oder sitzt, — ein anderer, vor ihm stehend, legt ihm die Hände auf verschiedene Körperteile. Bei Montfaucon finden sich die Abbildungen von ehernen Händen, wie sie dem Serapis zum Danke für die durch den Tempelschlaf gewonnene Heilung geweiht wurden. Diese Hände halten die drei ersten Finger ausgestreckt, die zwei letzten zurückgebogen. Sie bezeichnen also einen magnetischen Akt unsere Magnetiseure wenden zwar die ganze Hand an, aber sie behaupten, dass die drei ersten Finger die kräftigste Wirkung ausüben. Auch einzelne Zeigefinger finden sich als Weihgeschenke; sie endigen in einem langen Nagel, waren also wohl an der Mauer befestigt. Das Magnetisieren mit bloss einem Finger wird nun auch heute oft angewendet, und zwar besonders von den Somnambulen selbst, wenn sie veranlasst werden, jemanden zu magnetisieren. Bei den Römern hiess der Zeigefinger Medicus. Diese Hände und Finger sind nun aber gerade jenen Gottheiten geweiht, in deren Tempeln die Inkubation angewendet wurde.

Weitere Abbildungen, die mit dem ägyptischen Tempelschlaf in Verbindung stehen, finden sich bei Athan. Kircher (Sphinx mystag.), Denon (Voyage d’Egyple Bd. HL) und in der „Mythologischen Galerie“ von A. J. Millin.

Eine von der Umhüllung einer Mumie hergenommene Abbildung stellt einen auf dem Bett ausgestreckten Menschen mit offenen Augen dar, daneben eine stehende Figur, mit der Maske eines Hundes vor dem Gesicht, gegen den Kranken gewendet, die rechte Hand auf dessen Brust, die linke auf den Kopf desselben gelegt, die Augen auf ihn geheftet. Oberhalb sieht man die Gottheiten Isis, Osiris, Anubis, Horus. Der Magnetisierende ist hier offenbar ein Priester unter der Maske des Anubis. Aber auch Talismane — sogenannte Abraxas — finden sich bei Montfaucon abgebildet, welche gegen Krankheiten getragen wurden; man sieht darauf magnetische Akte eingeschnitten.

Da nun die Juden so lange in Ägypten waren, und insbesondere von Moses in der Bibel berichtet ist, dass er in der Wissenschaft der Ägypter unterrichtet war, so lassen sich bei ersteren vorweg Traditionen über Magnetismus und die Heilwirkung aufgelegter Hände vermuten. In der That zieht sich durch die ganze Bibel die Bestimmung der Hände, durch ihre Annäherung oder ihr Auflegen in Extase zu versetzen, Hellsehen zu erzeugen und zu heilen. Wenn Gott einen Propheten inspirierte, so heisst es in metaphorischer Übertragung eines magnetischen Verhältnisses regelmässig: „Die Hand des Herrn kam über ihn.“ Dann folgt die Inspiration und Eröffnung der Zukunft. Die heilende Wirkung der Hand kommt ebenso häufig im Neuen Testament vor. Aber auch im Alten Testament geht Naaman, der sich heilen lassen will, zu Elias, erhält aber den Rat, sich im Jordan zu waschen, worauf er zornig spricht:

„Ich dachte, er würde zu mir herauskommen, den Namen Gottes anrufen und mit seiner Hand den Ort der Krankheit berühren.“

Die Propheten heilten also durch Händeauflegen, wie später Christus und die Apostel. Eben darum warfen dem wunderwirkenden Christus seine Gegner vor, er hätte den Ägyptern ihre Geheimwissenschaft geraubt, die in den Tempeln gepflegt wurde: Aegyptiorum ex aditis furatiis est disciplinasp. Man nannte Christus einen Magier und behauptete, dass Männer, die in Ägypten gelerntdieselben Wunder — non minora miracula — verrichten könnten.

Der Magnetismus musste als menschliche Eigenschaft auch zu allen Zeiten bekannt gewesen sein, und zwar im allgemeinen als ein wohlthätiger Einfluss von Körper zu Körper, besonders aber als Ausfluss der menschlichen Hand. David schlief mit Abigail, ohne sie zu berühren. Plinius sagt, dass der ganze Körper bei manchen Menschen heilend sei und der starke Wille dem entströmenden Agens heilende Wirkung verleihe. Bei Christus war es hinreichend, ihn zu berühren, um gesund zu werden. Virgil spricht von der heilenden Hand.  Prosper Alpinus spricht von Frauen, welche Dyssenterie heilen, indem sie die Hände auf den Nabel des Kranken legen. Augustinus sagt, es gebe Leute, die durch Berührung, durch den Blick und den Hauch heilen. Sogar die Übertragbarkeit des Magnetismus scheint den Alten bekannt gewesen zu sein, wofür der Glaube an Talismane und Amulette spricht. Was insbesondere die Übertragbarkeit auf Wasser betrifft, so sagt Älian, dass die Phyllen den Biss giftiger Schlangen durch Auflegen ihres Speichels heilten und dass bei gefährlichen Wunden der Kranke Wasser trinken musste, dass sie im Munde geschwenkt hatten; endlich legten sie sich auf den Kranken. Aus seinen ferneren Worten, dass man das Bewusstsein verlöre, wenn man sich ihnen nahte, bis sie sich wieder entfernten, lässt sich auf somnambulen Schlaf schliessen, auf den somnus medicus, von dem Galenus spricht. Durch, das Orakel zu Memphis erhielten ein Gelähmter und ein Erblindeter den Rat, sich durch den in Ägypten anwesenden Kaiser Vespasian heilen zu lassen, der das Auge des einen mit Speichel benetzte, den anderen mit dem Fuss berührte.

Da nun auch Wischnu abgebildet wird mit vier Armen und acht Händen, aus welchen Flammen hervorgehen, und Philostratus von den indischen Weisen sagt, dass sie durch Handauflegen merkwürdige Kuren verrichteten, so scheint auch in Indien der Magnetismus bekannt gewesen zu sein. Vielleicht ist sogar das Segnen mit den Händen nur ein kulturhistorisches Überbleibsel jenes von ältesten Zeiten her bekannten magnetischen Aktes. Tommasini in seiner Abhandlung über die mysteriösen bronzenen Hände der Ägypter macht die Bemerkung, dass dieselben die Fingerhaltung segnender Priester haben.

2. In Bezug auf das magnetische Streichen können wir vielleicht bis auf Homer zurückgehen, bei weichem Hermes seinen Stab gebraucht, um damit die Augen der Männer einzuschläfern. Wir finden das Streichen sodann bei den als Zauberer und Hexenmeister berühmten Teichinen auf den Inseln Kreta und Rhodus, die wohl ihre Namen von diesem Streichen oder sanften Berühren hergenommen haben. In Bezug auf Rom aber ist der magnetische Strich und das Spargieren unserer Magnetiseure, und zwar als bereits ausserhalb der Tempel in Anwendung, nicht zu verkennen, wenn z. B. Martial sagt: Die Berührerin— Tractatrix — durchläuft mit geschickter Kunst den Körper und besprengt mit fertiger Hand alle Glieder. Ferner heisst es bei Plautus:

„Wie? wenn ich ihn mit der Hand langsam berührte, dass er schliefe (Tractim tangam, ut dormiat) ?“

 

3. Dass nun der Schwerpunkt bei der Behandlung in den Tempeln in der Erzeugung eines somnambulen Schlafes lag, geht aus allen Berichten hervor. Auf magnetische Striche deutet die Haltung des Operators auf ägyptischen Bildern und dass der Kranke, der vor ihm sitzt oder liegt, das Aussehen eines Schlafenden hat. Aber auch andere Mittel scheinen angewendet worden zu sein. Nach Plinius wurde die Inkubation durch Räucherungen und Narkose vorbereitet. Beim Tempelorakel der Ceres zu Paträ mussten die Kranken beten, räuchern und sich räuchern lassen, dann aber in einen Spiegel sehen, der in einen Brunnen so hinuntergelassen wurde, dass er das Wasser berührte; die Kranken erblickten sich darin lebend oder tot. Hier scheint also die Prognose, das Fernsehen in der Richtung des Krankheitsverlaufes, durch spiegelnde Flächen erweckt worden zu sein, die durch alle Zeiten hindurch eine Rolle als Erweckungsmittel der Ekstase spielen. Von opiatischen Getränken und Kräutern spricht auch Tibullus. Selbst die Verwendung von Gesang und Musik deutet darauf hin, dass es auf Erweckung des Schlafes abgesehen war, wie denn auch Mesmer seine Operationen am Baquet mit Musik verband, und die Steigerung magnetischer Wirkung durch Tönschwingungen unseren Magnetiseuren bekannt ist. Deutlich spricht es Jamblichus aus, dass es sich um somnambulen Schlaf in den Tempeln handelte; er sagt, dass der Zustand mit einer Schwere des Kopfes beginne und die Augen sich unwillkürlich schlossen (gravedo capitis, vei inchnatio et occupatiovisus.

Es lässt sich annehmen, dass die Priester ihre eigentlichen Manipulationen, um das Geheimnis besser zu bewahren» unter mystischem Beiwerk verbargen; aber eben dieser Zweckwurde am besten erreicht, wenn die eigentliche magnetische Behandlung erst nach eingetretenem Schlafe vorgenommen wurde.

4. Derselbe Jamblichus beschreibt nun auch das eintretende Hellsehen, zunächst das Sehen des Gegenwärtigen ohne Vermittlung der Augen, und die sodann eintretende innere Selbstschau. Manchmal sei es ein ruhiges und reines Licht welches von der Seele gesehen werde, obwohl die Augen geschlossen sind; man sehe die Gegenstände viel deutlicher, als im Wachen. So sehen auch unsere Somnambulen den Händen des Magnetiseurs das magnetische Agens entströmen und sie sprechen wie Jamblichus, welcher sagt, es dringe in alle Teile des Körpers und verjage die Krankheiten der Seele wie des Körpers. Der Redner Aristides spielt auf Krampfsomnambulismus an, wenn er sagt, dass er oft Konvulsionen gehabt, infolge deren sich sein Körper wie ein Bogen krümmte  — eine Erscheinung, die beim Autosomnambulismus der Besessenen und Hysterischen vorkommt. Dieser Aristides schildert seine lange Krankheit und den Tempelschlaf sehr ausführlich.

Die innere Selbstschau zeigt sich in einfachster Gestalt schon im gewöhnlichen Schlaf, wobei körperliche Empfindungen, die zu leise sind, um während des Wachens ins Bewusstsein kommen zu können, im Schlafe wahrgenommen werden und die später daraus entstehenden Zustände ankündigen, wobei aber, wie immer im Traum, solche Empfindungen dramatisiert, d. h. durch eine äussere Ursache motiviert werden. Einen solchen Traum, den ihm Äskulap geschickt habe, erzählt Aristides: Ein Stier ging auf ihn los, der ihn am Knie verwundete ; nach dem Erwachen zeigte sich dort eine Geschwulst Um nun die Wahrnehmungsfähigkeit dieser leiseren Empfindungen zu steigern, enthielten sich die Kranken aller Unmässigkeit, sie mussten fasten und sich vom Wein enthalten. Im Altertum war der Glaube allgemein, dass Speise und Trank welche körperliche Träume hervorrufen, wertvolle Träume verhindern. Die dramatisierte Empfindung des Innern steigert sich im Somnambulismus bis zur eigentlichen inneren Selbstschau, die man nicht deutlicher bezeichnen kann, als Hippokrates mit den Worten, dass die Seele mit verschlossenen. Augen den Zustand des Körpers sieht: Quae corpus contingunt,. eadurn animus cernit occulis clausis. In der That, Hippokrates hat entweder in den Tag hineingeschwätzt, oder er schildert mit diesen Worten den somnambulen Schlaf.

5. Innerhalb des Somnambulismus wiederum lag der Schwerpunkt in jenen Visionen, worin sich die für die Genesung nötigen Heilmittel darstellten. Solche Visionen, übereinstimmend mit den Aussagen unserer Somnambulen, sind auf den Tafelinschriften bezeichnet, die auf der Tiberinsel und an anderen Orten gefunden wurden.

 

Die Heilmittel erschienen, wie weder in ihrer wirklichen Gestalt von den Priestern gedeutet wurden. Eine ausführliche Erklärung solcher Visionen habe ich in der „Philosophie der Mystik“ versucht. Sie haben in der That nichts Wunderbares. Wenn es eine Naturheilkraft, einen inneren Arzt im Menschen giebt, so muss jede monistische Seelenlehre zugeben, dass — da es eine und dieselbe Seele ist, welche organisiert und welche denkt — diese Naturheilkraft nicht beschränkt sein kann auf das organische Wirken, dass sie auch in die Vorstellungssphäre übergreifen kann, wo sie als Heilinstinkt oder als Heilmittelvision auftritt. Nicht einmal der Materialismus, der ja auch im Geiste nur die Fortsetzung der Natur anerkennt, kann sich weigern, aus der Thatsache der Naturheilkraft die Möglichkeit von Heilmittelvisionen abzuleiten. Mit dem modernen Somnambulismus stimmt es nun überein, dass bei derartigen Träumen auch der Fundort des Heilmittels aQgezeigt wurde, wie z. B. bei der Wurzel, welche den Ptolomäus heilte.

6. Wie nun schon im gewöhnlichen Traum alles, was aus dem hinter dem Traumbewusstsein liegenden Unbewussten auftaucht, die dramatische Form annimmt, wie wir z. B. vermöge einer dramatischen Spaltung des Ich Antworten auf Fragen, Ein würfe u. s. w. den fremden Traumfiguren in den Mund legen, so ist das auch bei der Heilmittelvision der Fall. Unseren Somnambulen wird der Rat von ihren „Schutzgeistern“ gegeben, den alten Tempelschläfem von Äskulap, Isis, Serapis u. s. w. In beiden Fällen liegt nur dramatisierter Heilinstinkt vor, eine Form die allen Träumen eigentümlich ist. Alle unsere Träume bestehen aus dramatisierten inneren Empfindungen und könnten für die ärztliche Diagnose verwertet werden, wenn nicht die meisten, und zwar gerade die des leichten Schlafes und die von Erinnerung begleiteten, gestört wären durch Einmischung fremder Bestandteile: Erinnerungsfragmente aus dem wachen Leben, und die aus dem Verdauungsgeschäft und Alkoholwirkungen entspringenden körperlichen Empfindungen.

Aus der Ungetrenntheit der beiden Seelenfunktionen, Organisieren und Vorstellen, ergiebt sich also, dass im Schlafe, besonders im tiefen somnambulen Schlafe, die Naturheilkraft thätig ist und in der Vorstellungssphäre die Heilmittelvision erregt. Es ist eine ganz unwesentliche Seite der Sache, dass diese Vision im Tempelschlaf dramatisiert wurde, indem die Schläfer die Gestalten ihrer Heilgötter sahen; das Wesentliche ist die Vision überhaupt. So also ist es zu verstehen, wenn es z. B. bei Artemidorus heisst, dass Apollo sich im Traum den Kranken zeige und ihnen die Heilung anzeige;  wenn Jamblichus sagt, man höre im Schlafe Stimmen, welche sagen, was zu thun sei, dass ferner die Schläfer manchmal von Erscheinungen besucht werden, die rings um sie gleiten, und die nicht mit den Augen des Leibes gesehen werden, sondern durch einen inneren Sinn; wenn Diodor von der Hemithea in Kastabos sagt, sie erscheine den Kranken in sichtbarer Gestalt und zeige die Heilmittel an, wodurch schon mancher Kranker, dem alle Hoffnung auf Rettung abgesprochen war, Hilfe fand und gesund wurde.

Es begreift sich, dass trotz der hohen Anerkennung, welche die Heilorakel im Altertum genossen, manchem Zweifel über die Sache aufstiessen, weil man eben das Wesentliche der Sache, den Heilinstinkt, nicht durchschaute und den Accent auf das Unwesentliche, die dramatische Form, legte. So meint z. B- Aristoteles, es wäre schicklicher für die Götter, wenn sie sich den Menschen im Wachen offenbaren würden.Und Cicero sagt:

„Wenn Äskulap und Serapis zeigen könnten, wie man gesund wird, so müsste ebenso Neptun einen Lotsen unterrichten können, wie man Schiffe führt; und wenn Minerva einen Kranken heilen könnte, warum sollten nicht die Musen uns im Traum Lesen und Schreiben lehren können und uns in den schönen Künsten unterrichten!“

Von diesen beiden Einwürfen wird nun zwar jene Auslegung getroffen, welche im eigentlichen Sinne annahm, dass uns die Götter im Tempelschlaf ärztlichen Rat erteilen, nicht aber die richtige Auslegung, dass solche Träume dramatisierte Heilvorstellungen sind. Im Wachen ist das eben nicht möglich, wie Aristoteles wünschte. Im Wachen kann weder die Naturheilkraft, noch überhaupt die Reproduktionskraft so intensiv auftreten, wie im Schlaf; die feineren organischen Empfindungen und dadurch erregte Heil Vorstellungen können nicht im Wachen die Bewusstseinsschwelle überschreiten, sondern nur im Schlafe, wenn die Ablenkung des. Bewusstseins auf die Aussenwelt aufhört. Kurz die Zweifel des Aristoteles und Cicero treffen zwar die göttliche Inspirationstheorie, nicht aber die dramatisiert Inspiration durch unser eigenes transcendentales Subjekt. Diese dramatische Form muss aber jeder Traum überhaupt annehmen. Gerade wenn die Träume nicht auf fremder Inspiration beruhen, muss die Quelle derselben in unserem eigenen Organismus liegen. Allen den wunderbaren Szenerieen unserer Träume, allem Durcheinander der handelnden Figuren müssen organische Zustände unseres Innern korrespondieren, die sich in objektive äussere Vorstellungen umsetzen. Alle Reden, die wir an die Traumfiguren richten, alle Antworten, die wir von ihnen erhalten, entstehen aus uns selber; der Traumdialog ist ein dramatisierter Monolog, der durch eine dramatische Spaltung des träumenden Ich zu stände kommt.

7. Dass nun der Heilinstinkt im Traume das Richtige trifft, wie überhaupt jeder wirkliche Instinkt, das haben die Tempelschläfer so bestimmt behauptet, wie unsere Somnambulen. Die Berichte sprechen sich über erfolgreiche Kuren in den Tempeln sehr deutlich und anerkennend aus. Sogar ist es ein Arzt, der aus der Schule schwätzt und gesteht, dass

„die Heilungen in den Tempeln viel zahlreicher sind, als die unsrigen“.

Ebenso sagt Aristides:

„Für mich war es nicht zweifelhaft, dass ich dem Äskulap mehr gehorchen müsse, als den Ärzten.“

Und als er geheilt war und die Ärzte ihn sahen, bewunderten sie den Gott und lobten .den Gehorsam des Kranken gegen diesen.

Die geheilten Kranken Hessen kostbare Weihgeschenke in den Tempeln zurück: goldene und silberne Gefässe, Kunstsachen und Votivtafeln, die aufgehängt wurden. Auch Kronen, Leuchter, Opferschalen werden als Weihgeschenke . Zu Reggio fand man eine Inschrift, dass Valerius Symphorus und seine Frau dem Äskulap eine goldene Kette, sieben Pfund schwer, und anderes geweiht. Ärmere begnügten sich mit Votivtafeln aus Erz, Marmor und Holz, oder auch mit Inschriften, die in die Tempelsäulen eingegraben wurden. Auch aus Holz oder Elfenbein geformte Glieder, welche geheilt worden waren, wurden aufgehängt, eine Sitte; der wir bekanntlich noch heute auf dem Lande begegnen. Die Krankheitsgeschichten wurden, oft symbolisch, auf Gemälden dargestellt. Lateinische Inschriften, die den Dank an die Götter enthielten, sind bereits erwähnt worden; aber auch griechische haben sich erhalten.

An wirklichen Kuren scheint es also nicht gefehlt zu haben, und alle aufgeklärten Theorieen, welche aufgestellt werden, um dieses merkwürdige Problem des Tempelschlafes los zu werden, leiden an dem Übelstande, dass sie auf diesen nachweisbaren Erfolg der angeratenen Mittel keine Rücksicht nehmen. Die Ärzte, welche von gesteigerter Phantasie, von Halluzinationen u. s. w. der Tempelschläfer reden, wären in die grösste Verlegenheit versetzt, wenn von ihnen verlangt würde, durch Halluzinationen u. s. w. ihre Kranken zu heilen; ja wenn auch nur verlangt würde, sie sollten durch ein beliebiges Verfahren ausserhalb des Somnambulismus ihre Kranken von Heilmitteln träumen lassen, welche helfen, ja auch nur von solchen, welche nicht helfen. Solche rationalistische Ärzte, die im Tempelschlaf nur subjektive Täuschungen und Halluzinationen sehen, wären doch unfähig, auf diese von ihnen vermuteten Prinzipien eine Schule zu gründen, welche Jahrhunderte hindurch den Beifall der Gebildeten hätte.

8. Das Fernsehen der Somnambulen im magnetischen Schlafe betrifft in der Regel nur die künftigen Zustände des Organismus, indem sie Anfälle u. s. w. Vorhersagen — eine organisierende Seele muss eben auch die Entwicklungsgesetze des Körpers kennen — und schweift nur manchmal zu nebensächlichen Dingen ab, die nicht in der Linie des Krankheitsverlaufes liegen. So auch im Tempelschlaf. Aristides erzählt, der Gott habe ihm im Schlafe angezeigt, dass er am Flusse, wo er baden sollte, den Wächter des Tempels sehen werde und ein Pferd, das sich im Wasser bade. Die Erfüllung dieser Vision flösste ihm das grösste Vertrauen zu den Ratschlägen des Gottes ein. Diese Vermischung von Ferngesichten mit Heilverordnungen zeigt nun aber deutlich, dass eben beide eine gemeinschaftliche Quelle haben: die sowohl vorstellende, als organisierende Seele, ein neuer Beweis, dass dem Tempelschlaf der Somnambulismus zu Grunde lag, so dass man da das Fernsehen in der Richtung des Krankheitsverlaufes häufiger ist, als das in anderer Richtung — fast auf die Vermutung kommen könnte, erst aus dem Tempelschlaf hätten sich später die Orakel mit ihrem Fernsehen nach den anderen Richtungen abgezweigt. In der That wurde die Pythia in Delphi, deren Ferngesichte sich der grössten Berühmtheit erfreuten, manchmal auch medizinisch konsultiert. Auf eine solche Vermischung deutet auch der Bericht des Cicero über die Ephoren zu Sparta:

„Die oberste Behörde der Lakedämonier, nicht zufrieden mit der Sorge während des Wachens, legte sich im Tempel der Pasiphaö zum Träumen nieder, weil sie die Orakel während des Schlafes für wahr hielt.“

Man suchte also politische Ferngesichte im Tempelschlaf zu erreichen; andererseits erteilte das Orakel des Dionysos in Phokis therapeutische Ratschläge, und darum wurde der Gott ein Arz genannt. So haben wir also bei den Orakeln die medizinische Konsultation als Ausnahme, beim Tempelschlaf das Fernsehen als Ausnahme, eine Vermischung, die deutlich den Somnambulismus und eine Seelenthätigkeit nach ihren beiden Funktionsrichtungen, Organisieren und Vorstellen, anzeigt. Auch bei den Druiden waren die Ärzte zugleich Seher, und Pomponius Mela — oder wie sonst der Verfasser der betreffenden Schrift heisst — sagt, dass die Priesterinnen des Orakels auf der Insel Sena an der englischen Küste Krankheiten heilen und in die Zukunft sehen konnten.

9. Es ist die Regel, dass Diagnose, Prognose und Heilverordnung im Somnambulismus nur den Schläfer selbst betreffen; aber zunächst stehen die Somnambulen in Rapport mit dem Magnetiseur, von welchem Empfindungen und Gedanken auf sie übergehen, so das gleichsam eine Verschmelzung der beiden Nervensysteme stattfindet, und dieser Rapport kann ausnahmsweise auch zwischen dem Schläfer und anderen Personen hergestellt werden. Empfindungen fremder Organismen werden so mit empfunden und befähigen den Somnambulen zu einer sensitiven Diagnose. Das geschah nun auch im Tempelschlaf Prosper Alpinus sagt, dass wenn es den Kranken selbst nicht gelang, Heilmittel zu träumen, die Priester für sie schliefen, und dass diesen der Gott den Heiltraum nicht versagte. Im Tempel des Amphiaraus waren Priester, welche für andere träumten. Zu diesem direkten Rapport dar Schläfer mit dem magnetisierenden Priester kam auch noch der indirekte zwischen Schläfer und fremden Personen. Die Tempelschläfer träumten oft für andere, welche von ihnen Ratschläge für ihre Gesundheit zu haben wünschten. Perikies liess in Athen der Minerva eine Statue errichten, zum Danke dafür, dass sie ihm im Traum die Pflanze Parthenium geraten, womit er den Mnesikles, einen der Baumeister an den Propyläen, heilte. So wurde also der Tempelschlaf zu Gunsten der Kranken von Verwandten oder Freunden derselben ausgeübt. Für den sterbenden Alexander konsultierten seine Generale den Gott. Aristides sagt, dass er und sein Freund Zosimus gegenseitig für einander träumten; auch seine weitere Erzählung deutet atif solchen Rapport, dass er und ein Priester gleichzeitig einen Doppeltraum hatten, worin das von Aristides zu nehmende Medikament übereinstimmend in so starker Dosis verordnet wurde, dass noch niemand eine so grosse genommen hatte, was aber sehr guten Erfolg hatte.

Das eben erwähnte Merkmal der heroischen Mittel und von der offiziellen Medizin abweichender Medikamente ist nun gleichfalls dem Somnambulismus und Tempelschlaf gemeinschaftlich. Plinius spricht vom Dekokt aus wilden Rosen, wodurch ein Soldat und andere Patienten derselben Art geheilt wurden. Im Tempel des Serapis wurden einst nach Älian drei Kranke geheilt. Der eine hatte Blutspeien, der andere Schwindsucht, der dritte hatte Schlangeneier gegessen und glaubte sich in Gefahr; der erste musste Stierblut trinken, der zweite Eselsfleisch essen, dem dritten befahl der Gott, sich von einer Muräne an der Hand beissen zu lassen.

10. Eine sehr merkwürdige, dem Somnambulismus und Tempelschlaf gemeinschaftliche Thatsache ist ferner die gebundene Redeweise der Schläfer.

„Ich habe ganze Lebensregeln in dichterischer Mundart hersagen hören,“

sagte der mehrfach erwähnte Aristides. Die Tempelschläfer machten im Traum Verse, richtige Hexameter, oder sie schrieben solche psychographisch, wie ebenfalls unsere Somnambulen, sowie die Nachtwandler, ohne etwas davon zu wissen. Da nun dieselbe Erscheinung auch in der Blütezeit der Orakel vorkam, sogar der Hexameter als eine Erfindung der Pythia angesehen war, so ist es sehr tiefsinnig, dass den alten Griechen Apollo nicht nur als Gott der Seher galt, sondern auch der Dichter und der Arzneikunde. Die griechischen Somnambulen betrachtete man als durch Apollo inspiriert, und bei ihnen wie bei unseren Somnambulen kommt Fernsehen, Dichtung und Heilverordnung vor.

So haben wir also in allen wesentlichen Punkten die Identität der Erscheinungen bei Somnambulen und Tempelschläfern. Nur in einem Punkte herrscht Verschiedenheit‘. A. Gauthier, alle sonstige Übereinstimmung übersehend, legt den Accent auf diesen einen Punkt, dass nämlich die Tempelschläfer beim Erwachen sich an die erteilten Ratschläge erinnerten, während unsere Somnambulen erinnerungslos erwachen.  Dieser Unterschied bietet aber durchaus keine Schwierigkeit und widerlegt keineswegs die Identität. Bekanntlich liegt es vollständig in der Hand des Magnetiseurs und Hypnotiseurs, den Somnambulen die Erinnerung an alles aus ihrem Traumleben aufzuerlegen, wenn es ihnen oder was davon ihnen befohlen wird. Nur die sich selbst überlassenen Somnambulen erwachen erinnerungslos, und dann allerdings haben sie die eben erst von ihnen ausgesprochenen Verordnungen so gründlich vergessen, dass sie die Anwendung dieser Mittel auf den Arzt zurückführen. Dies ist wenigstens die Regel; dass aber das erinnerungslose Erwachen keineswegs mit allen somnambulen Zuständen notwendig verbunden ist, zeigen schon die Propheten im alten Testament, bei welchen beides vorkommt: Erinnerung und Vergessen. Unbestreitbar aber und durch die neuesten experimentalpsychologischen Untersuchungen der Franzosen Bern heim, Liebault, Li6geois, Cullerre, Beaunis neuerdings festgestellt, ist die fast unbeschränkte Macht des Magnetiseurs, nach Belieben Erinnerung oder Vergessen nach dem Erwachen ein-treten zu lassen, und zwar einfach vermöge des während der Krise erteilten Befehls. Dass nun die alten Priester, denen die: Erscheinungen des Somnambulismus besser bekannt waren als uns — dafür sprechen auch die Orakel und Mysterien — gerade davon nichts gewusst haben sollten, lässt sich nicht wohl annehmen. In der Höhle des Trophonius, dessen Orakel Pau-sanias beschreibt,1) überliess man es dem Belieben der Konsultierenden, ob sie Erinnerung oder Vergessenheit haben wollten; im ersten Falle mussten sie von der Quelle Mnemosyne trinken, im andern Fall von der Lethe.

Die rationalistische Erklärung des Tempelschlafes reicht nicht annähernd an das Problem hinan. Dass die Tempel an gesunden Orten gelegen waren, die Patienten zu vernünftiger Diät angehalten wurden, zu Leibesübungen, Jagen, Reiten und Waffenspielen, wobei sogar die Art der Bewegung und Waffen voigeschrieben war, und endlich Friktionen angewendet wurden, — die aber selber magnetisch wirken und verkannt sind, wenn man sie lediglich als mechanische Mittel ansieht — beweist noch nicht das Fehlen eines mystischen Kerns und berechtigt nicht, diese Anstalten mit unsem Kurorten zu vergleichen, mögen sie auch den sanitären Anforderungen, die an solche gestellt werden, mehr oder minder entsprochen haben. Die Kranken mussten feierlich geloben, die Vorschriften pünktlich zu erfüllen, aber auch unsere Somnambulen sind darin von der peinlichsten Genauigkeit; sie mussten fasten und sich vom Weintrinken enthalten,4) aber das ist eine notwendige Vorbedingung, um Träume allein durch die in die Vorstellungssphäre übergreifende Naturheilkraft bestimmen und durch das Verdauungsgeschäft nicht stören zu lassen. Kurz es ist nur ein rationeller Verlegenheitsspruch, wenn z. B. Prof. Ritters-hain sagt:

„Mögen die Spielereien in den Tempeln wie immer schwindelhaft gewesen sein, die Behandlung (abgesehen von Inkubation), die Regelung der Lebensweise, der Kost u. s. w. und manche direkte Ordination in der Vorbereitungszeit trugen in der That, soviel wir davon wissen, den Stempel ärztlichen Verständnisses an sich und machten, vielleicht- wenigstens an solchen Orten, wo ärztliche Schulen sich gebildet hatten, die Hauptsache aus.“

Geradezu gefälscht aber ist das Problem, wenn er weiter sagt, dass die Priester selbst die Ordination besorgten; denn alle Berichte sagen, dass die Heilmittel geträumt, und zwar meistens von den Kranken selbst geträumt wurden. Wenn er endlich sagt, die Priester hätten auch die Erscheinungen des Gottes besorgt, so ist das der charakteristische Fehler aller rationialistischen Zweifler, die lieber hundertjährigen Betrug annehmen, dem die grössten Geister zum Opfer gefallen wären, als Unkenntnis der zweitausend Jahre später auftretenden Kritiker. Der wahre Grund, warum solche rationalistische Auslegungen der Inkubation überhaupt möglich sind, liegt darin, dass in unsem Tagen die Geschichte der Medizin ein sehr vernachlässigtes Fach ist, und dass die Ärzte das Studium des Somnambulismus noch immer für entbehrlich halten, so dass ihnen für die Beurteilung des Tempelschlafes der richtige Massstab fehlt Darum haben sich auch nur sehr wenige Ärzte mit dem Problem beschäftigt und meistens nur die Altertumsforscher.

Um so befremdlicher muss es nun allerdings unseren Ärzten lauten, dass unsere moderne Medizin keinen anderen Ursprung hat, als eben den Tempelschlaf. Bekanntlich reisten Jahrhunderte hindurch die vornehmsten Weisen Griechenlands nach Ägypten. Diodor nennt als solche Orpheus, Melampus, Musäus, Homer, Lykurg, Herodot, Solon, Thaies, Pythagoras, Demokrit u. s. w. Platon soll dreizehn Jahre in Ägypten gewesen sein. So wurde der Tempelschlaf nach Griechenland verpflanzt; viele von den auf Votivtafeln verzeichneten Ordinationen wurden herühergebracht, und in Griechenland selbst wurden die Ordinationen kt die Thürpfosten und Tempelsäulen eingegraben. So wurde z. B. das dem Eudemus verordnete Rezept gegen den Biss giftiger Tiere an der Thüre des Äskulaptempels zu Kos eingegraben. Strabo sagt, dass in den Tempeln viele medizinische Wunder geschahen, wovon die berühmtesten Männer überzeugt seien, die für sich oder andere dort schliefen, und dass diese Wunderkuren auf Votivtafeln verzeichnet seien. Darum finden wir schon im Altertum die Ansicht ausgesprochen, dass in diesen Votivtafeln der Ursprung der Medizin zu suchen sei. Tibull redet die Isis an: „Hilf mir! Du kannst den Leiden der Kranken Erleichterung verschaffen; die Menge der in Deinem Tempel aufgehängten Bilder beweist die Menge der von Dir verliehenen Heilungen!“ Ja, speziell vom Vater der modernen Medizin, Hippokrates, wird behauptet, dass er einem Teil seiner Kenntnisse solchen Votivbildern verdankte, die er im Tempel zu Kos fand; und ebenso sagt Galenus, dass Heimes von Kappadokien im Tempel zu Memphis Ordinationen sammelte. Die Ärzte Celsus, Paul von Ägina und Galenus führen solche Ordinationen aus Tempeln an.8) Galenus sagt, dass noch zu seiner Zeit von Rezepten Gebrauch gemacht wurde, die als von der Isis kommend galten. Sogar einen Teil seiner eigenen ärztlichen Kenntnisse verdankt er der göttlichen Hilfe in nächtlichen Traumgesichtem. Jamblichus sieht ebenfalls den Ursprung der Medizin im Tempelschlaf und dessen nächtlichen Erscheinungen in göttlichen Träumen. Artemidorus sagt:

„Gar viele sind zu Pergamus, zu Alexandrien und an anderen Orten durch Rezepte geheilt worden, ja es giebt Leute, die den Ursprung der Medizin aus diesen Rezepten herleiten.“

Er fügt bei, dass Geminus aus Tyrus, Demetrius aus Phaleron — der als Redner und Staatsmann berühmte Schüler des Teophrast — und Artemon aus Milet, der erstere in drei, der andere in fünf, der letzte in zweiundzwanzig Büchern sehr viele Träume, meist von Serapis kommende Rezepte, gesammelt hätten.Kurz, der Glaube an den göttlichen Ursprung der Medizin war sehr allgemein. (Eine Sammlung von Aussprüchen darüber von alten Schriftstellern enthält die Abhandlung „De originibus et antiquiiaiibus medias“ in den von Walch herausgegebenen „Christophori Cellarii disseriaiiones academicae“.

In der That, wenn Hippokrates die Medizin der Träume die beste nannte, wenn er sagt, die Erkenntnis der Träume sei ein grosser Teil der Weisheit, wenn er zur grosse Verlegenheit seiner Ausleger von der Intervention des Göttlichen in den Krankheiten redet, so hat das nur einen Sinn, wenn er damit den Somnambulismus meinte.

Die Votivtafeln in den Tempeln waren also die ersten medizinischen Vorschriften, und Mesmer und Puysegur gebührt das Verdienst, uns den Sinn derselben enträtselt zu haben. Der Magnetismus war die primitive Medizin; die Ärzte, die ihn für Schwindel erklären, verleugnen damit ihre eigene Mutter. Man kann nun allerdings der materialistisch gewordenen Heilkunde keinen grösseren Hohn anthun, als den, ihren Ursprung aus der Mystik abzuleiten, für die sie ihrerseits nur Hohn hat. Indessen lässt die Wendung zum besseren, welche durch die hypnotischen Versuche der neuesten Zeit eingetreten ist, hoffen, dass sich auch an unserer Medizin das Wort erfüllen wird: Ou revient toujours ä ses peremiers amours.

Darin, dass die aus den Tempeln stammenden Ordinationen als starre Vorschriften auf ganze Krankheitsklassen ausgedehnt wurden, liegt nun allerdings ein Widerspruch mit den Prinzipien des Somnambulismus; die Heilvorschriften der Somnambulen beziehen sich nie auf Krankheitsklassen, sondern nur auf den individuellen Fall. Von einzelnen Rezepten abgesehen, dürfte sich daher gegen diese Erweiterung der Anwendung dasselbe einwenden lassen, was gegen die sympathetischen Kuren, die ebenfalls als somnambule Rezepte anzusehen sind, was nicht hindert, dass manche derselben eine allgemeinere Anwendung zulassen.

Jeder Aberglaube hat einen Wahrheitskem. Der Tempelschlaf wird uns verständlich durch den Mesmerismus, die darin erteilten Heilverordnungen durch den von Puysegur wieder entdeckten Somnambulismus. In den Aussprüchen unserer Somnambulen, die häufig die dramatische Form haben, sind die Orakel der alten Heilgötter wieder .aufgelebt. Wer die Identität von Somnambulismus und Tempelschlaf leugnet, müsste die unzulässige Hypothese aufstellen, dass das erste Kulturvolk, dem wir selbst unsere Bildung verdanken, in diesem Punkte tausend Jahre hindurch einer allgemeinen, von den grössten Geistern geteilten Verblendung anheimgefallen war.

Indessen ist dafür gesorgt, dass die Zweifel, denen heute noch der Tempelschlaf begegnet, nicht in den Himmel wachsen werden. Wer sich davon überzeugen will, mit welchen Riesenschritten die heutige Medizin, und zwar als Experimentalpsychologie, jener Anschauung über die Natur des Menschen entgegensteuert, von welcher die nächtlichen Manipulationen ägyptischer Priester in geheimnisvollen Tempeln geleitet waren, der kann nichts besseres thun, als die kürzlich — Juli 1886 — gegründete revue de Vhypnotisme nebst den darin erwähnten Schriften von ärztlichen Professoren durchzulesen. Er wird dann eine zeitgemässe Metamorphose des Tempelschlafes im neunzehnten Jahrhundert nicht mehr für unmöglich halten und Professor Kieser beistimmen, der schon vor einem halben Jahrhundert diese Hoffnung mit scharfem Tadel gegen die Ärzte seiner Zeit ausgesprochen hat:

„Die Heilkunst, die bei der grössten Zahl der heutigen Ärzte weder durch Intelligenz zu heilen versteht, weil sie, die Vernunft verachtend, lieber bequemer Empirie und Gedankenlosigkeit sich hingiebt, noch durch magische Kräfte des Gefühls heilen kann, weil sie, den Glauben verhöhnend, in ihrer Alterweisheit das Dasein derselben nicht ahnt, würde einen Gipfel erreichen, wie sie ihn noch nie erstiegen, seitdem das Menschengeschlecht besteht.“

Bei den Ägyptern lagen Seelsorge und Sorge für die leibliche Gesundheit in den gleichen Händen, wie später bei Christus und den Aposteln. Dass die Stände der Ärzte und Priester sich getrennt haben, entspricht einem allgemeinen Gesetze der Arbeitsteilung und Differenzierung in der Natur. Dass aber diese beiden Stände zu feindlichen Gegnern geworden, die von einander nichts lernen zu können glauben, das ist keineswegs für alle Zeiten beschlossen; vielleicht wird auch hier aus der Trennung allmählich wieder die Verbindung auf höherer Stufe sich ergeben.

Schliesslich könnte der Zweifler allerdings noch aus dem Untergang des Tempelschlafes die Wertlosigkeit dieser Institution folgern und sagen, dass eine wahrhaft nützliche Einrichtung, eine auf realen Kenntnissen beruhende Heilmethode niemals der Vergessenheit hätte anheim fallen können. Indessen darf man nicht vergessen, dass die Tempelpriester ihre Kenntnisse des Somnambulismus sehr geheim hielten, — von der Triftigkeit ihrer Gründe werden bald unsere Staatsanwälte zu erzählen wissen — so dass schon darum mit dem Untergang der Tempel auch die darin geübte Kunst verloren gehen musste. Mit der heidnischen Religion musste auch der Tempelschlaf untergehen, der an den Götterglauben geknüpft war. Hätte man erkannt, dass die Heilträume lediglich dramatisierter Heilinstinkt sind, dass die Göttererscheinungen in denselben dem Kem der Sache nur eine unwesentliche dramatische Form gaben, die dem damaligen Zeitbewusstsein entsprang, dann wäre der Tempelschlaf nicht zugleich mit der heidnischen Religion gefallen.

Übrigens sind die Kenntnisse der ägyptischen Priester nicht gänzlich verloren gegangen. Mit der Zeit sickerte das Geheimnis durch die Wände der Tempel. Bei den alexandrinischen Philosophen finden wir den Autosomnambulismus als Prinzip des Erkennens, und durch alle Jahrhunderte bis zum Auftreten Mesmers finden wir, wenn auch nur im Besitze von einzelnen, die Kenntnis des Magnetismus. Sogar der Tempelschlaf als solcher überdauerte noch das Heidentum. Aus den heidnischen Tempeln ging er in christliche Kirchen über. Prokopius sagt, dass Justinian den Märtyrer-Ärzten Cosmas und Damian einen Tempel errichtete, in welchem die von den Ärzten aufgegebenen Kranken schliefen; nach Gregor von Tours fuhren diese beiden Märtyrer auch nach ihrem Tode fort, Hilfe zu bringen; sie erschienen den Kranken und gaben ihnen wirksame Heilmittel an. In den Akten der Bollandisten wird ein Paralytischer angeführt, der zum Grabe des heiligen Litardus, Bischofs von Sentis, kam, vom Schlafe ergriffen wurde, und dem der Heilige, im Traum erscheinend, verkündete, er würde an einem Fusse gesund werden. Georg Fabricius sagt, dass er zu Padua Landleute gesehen, Jünglinge und Mädchen, die in der Kirche des heiligen Antonius die Inkubation vomahmen, da er im Rufe stand, Kranke zu heilen. In Italien war der Tempelschlaf noch Ende des siebzehnten Jahrhunderts in Gebrauch, und Spuren der Inkubation waren noch in neuerer Zeit zu finden, indem in Griechenland die Mütter zu Füssen der Heiligen für ihre Kinder schliefen.

Ob ausser den Votivtafeln unserer katholischen Kapellen noch andere Spuren dieses uralten Gebrauches in unseren Tagen nachweisbar sind, vermag ich nicht zu sagen. Aber wenn selbst die letzte verschwunden wäre, so ist er doch in unserem Somnambulismus in neuer Form gewissermassen wieder aufgelebt. Und so bewahrheitet sich das Wort des Horaz, welches Mesmer seiner DoktorDissertation eingefügt hat.

Text aus dem Buch:Die Mystik der alten Griechen (1888), Author: Du Prel, Karl Ludwig August Friedrich Maxmilian Alfred, freiherr.

Siehe auch:
Die Mystik der alten Griechen – Vorrede
Die Mystik der alten Griechen – Der Tempelschlaf.
Die Mystik der alten Griechen – Die Orakel.
Die Mystik der alten Griechen – Die Mysterien.
Die Mystik der alten Griechen – Der Dämon des Sokrates.

Die Mystik der alten Griechen

Es ist hier noch mehr als der lyrisch-mystische Ichstil, der bei den Naturphilosophen sich fortsetzt. Es ist noch ein anderes, von sich reden und von der Seele und dem Wert des Lebens reden. Manche anscheinenden Widersprüche, die man bei Naturphilosophen, namentlich Empedokles gefunden, würden sich ausgleichen, wenn man Ich und Seele nicht ohne weiteres identifiziert hätte. Die Seele ist eine Existenzform des Ich, und so kann dasselbe Ich ohne Widerspruch in mannigfaltige, auch tierische Seelen wandern und fort-dauem, wenn auch die einzelne seelische Konstitution an die körperliche Stoffverbindung gebunden wird. Das Ich kann seine Seele und alle Formen, Kräfte, Teile seiner Seele sich gegenüber stellen. Was im homerischen  anklingt, die Anrede an sein Herz ist ja seit Archilochos Lieblingswendung der alten griechischen Lyrik, die gar viel vom Leben der Seele erzählt und ihre verschiedenen Formen und Kräfte bereits, wenn auch nie systematisch gegenüberzustellen, so doch einzeln hervorzuheben beginnt (s. das Nähere bei W. Schräder, die Seelenlehre der Griechen in der älteren Lyrik, Philos. Abh. für Haym S. 1 ff.). Die griechische Lyrik hat zuerst das Innenleben mächtig hervortreten lassen. Die Innerlichkeit liegt im Wesen der Lyrik, aber ihr Hervortreten war in diesem so stark auf das plastisch Anschauliche gerichteten Volke von besonderer Bedeutung.

In den Naturphilosophen fehlt nicht, sondern steigert sich eher dieser Innenzug. Ihre Weisheit, die ihnen ja so viel höher gilt als Körperkraft (Xenophanes Frg. 2), solle man, so fordert Empedokles, „bergen drinnen im Schlund der Brust“ (Frg. 3) und tief einprägen, dass sie „ewig gegenwärtig“ ist, aber nicht nur für den Intellekt; denn die Lehren „wachsen von selbst in den Charakter hinein, wo eines jeden Wesenskern ruht“, und was sonst bei Menschen gelte, versinke dagegen (Frg. 110). Noch tiefer schaut Heraklit in das Ringen, Wachsen und Leuchten der Seele und wertet sie so hoch wie kaum einer der Späteren. „Der Seele gehört das Wort, das sich selbst nährt“ (Heraklit Frg. 115).

„Augen und Ohren lügen den Menschen, die Barbarenseelen haben“ (107).

Heilmittel nannte er die auf die Seele wirkenden (68).

„Mit dem Herzen zu kämpfen ist schwer. Denn was man auch wünscht, erkauft man um seine Seele“ (85).

„Der Seele Grenzen kannst du nicht entdecken, auch wenn du alle Wege abwandelst; so tiefen Grund hat sie“ (45).

Die Seele unendlich und unergründlich, ein Mysterium — so mochte es J. Böhme zu Mute sein, wenn er in sich hineinschaute. Leichname sollte man eher wegwerfen als Mist — poltert Heraklit (Frg. 96) in fanatischem Seelenkultus. Dass die Seele das Wesen, der Leib nur die Hülle, und die Güter der Seele weit höher zu achten als die des Leibes, predigt auch Demokrit oft genug in seinen ethischen Fragmenten, die ja übrigens, auch wenn sie zur Hälfte unecht sein sollten, noch weit zahlreicher wären, als seine naturphilosophischen. Er ist seinen Schriften nach ebensogut Philologe und Ästhetiker.

Überhaupt ist es ja unmöglich, um vor ihm die Reihe der grossen Naturphilosophen zu durchwandern, den Praktiker Thaies, den Kolonieführer Anaximander, den sittlich-religiösen Reformator Pythagoras und die so stark politische Ordensgemeinschaft der Pythagoreer mit ihrer wortreichen Ethik, den volksfeindlichen Eiferer Heraklit, den Rhapsoden Xenophanes, den Gesetzgeber Parmenides und den Tyrannenfeind Zenon, den Admiral Melissos, den grossen Demokratenführer und prophetischen Zauberer Empedokles, in dem Aristoteles den Schöpfer der Rhetorik sieht, — es ist unmöglich, all diese als reine Naturforscher zu nehmen, und selbst der einzige Anaxagoras wird sich mit seinem Freunde Perikies nicht bloss über die Sterne unterhalten haben. Jene Männer stehen im Leben, sie leben in einer schicksalsreichen, stürmischen, politischen und sozialen Übergangsepoche, da im Orient mächtige Reiche wie Kinderspielzeug zerbrechen, andere emporsteigen und gerade die Heimatsstädte der Philosophie in Gefahr and Knechtschaft reissen, da diese Städte zudem von wilden Parteiwirren widerhallen, da überall in Hellas das Bürgertum empordringt über die Aristokratie, überall Tyrannenthrone sich aufrichten und stürzen. Und diese grossen Naturphilosophen steigern noch die Lebenswandlung als Führer, Wanderer, Auswanderer, sie fördern, geniessen das Leben und sie leiden daran. Sie werten das Leben, sie richten es und suchen ein neues. Die Antike spricht vom  der „weinende“ Heraklit und der zwar nicht immer lachende, aber doch „über die Wohlgemutheit“ schreibende Demokrit und der vegetarische Liebesapostel Empedokles vertreten eine Lebensstimmung, verfechten ein Lebensideal. Es war die Zeit, da der Grieche das Leben fühlte, da die griechische Seele geboren ward, der das Leben zu eng wird, die ein besseres, weiteres Leben sucht und ein ewiges. Die Lebensverbesserer erscheinen, Moralisten, Gesetzgeber und Reformatoren, und zu ihnen gehören namentlich die italischen „Naturphilosophen“. Aber Heraklit und Demokrit predigen ja nicht minder wie Pythagoras, Xenophanes und Empedokles.

Das Wort, das Heraklit so hoch stellt, ist ihre Waffe, die sie über das Leben schwingen. In der Lyrik, der Vorläuferin auch der Rhetorik, packt zuerst das Wort durch das Gefühl den ganzen Menschen. Einst wurden die Gesetze rhythmisch abgefasst und im Sington vorgetragen, und wiederum nannte der Grieche die ersten Hymnen „Gesetze“; der Zusammenhang, den Aristoteles probl. 19, 28 bemerkt, liegt wohl tiefer als Bergk Litgsch. II 163 zugeben will. Damals nun, da in Solon der Lyriker Gesetzgeber wird, da Tyrtäos Leier Schlachten gewann, da die allerorten aufsteigende Versweisheit der Sprüche Volkserzieher ward, damals suchte und fand das Wort in der erweckten griechischen Seele eine mächtigere Resonanz. Es ist eine bedeutsame Tatsache: das Aufblühen der Lyrik und im Gefolge das Erwachen der Naturphilosophie kommen mit und bald nach der grösseren Verbreitung der Schrift im 7. Jahrhundert. Milet, die Geburtsstadt der Naturphilosophie, gibt das Alphabet, das allgemein griechisch wurde, und gibt uns die ältesten Inschriften gerade um 600, als Thaies zu wirken begann. Wieder bietet die Renaissancephilosophie eine Parallele, da sie der Erfindung des Druckes folgt. Man wird heute nicht mehr hier mit Dubois-Reymond post hoc ergo propter hoc sagen. Nur die Seele, die etwas zu sagen hat, sucht und benützt neue Wege der Mitteilung. Allerdings der erleichterte breitere Weg der Mitteilung lockt dann wieder, zumal im Wetteifer, mehr und mehr zu sagen. Die Schrift wirkt erst geistig individualisierend und dann ernüchternd. Indem sie das Gedächtnis entlastet, lockt sie das eigene Urteil hervor. Die Poesie, durch die Schrift ihres mnemotechnischen Wertes entkleidet, wird Kunst, und die Mitteilung wird Prosa, unpersönliche, abstrakte; das Reich des Intellektuellen, Objektiven verselbständigt sich durch die Schrift. Aber den Übergang zur prosaischen Wissenschaft macht die individualisierte Poesie, die Lyrik, die zuerst den Vorteil der Schrift geniesst, vom Gedächtnis, von der Tradition, auch der epischen, von der Autorität befreit, zuerst das Eigenurteil aussprechen lässt. Jeder malt da sein Bild von Welt und Leben, und die Philosophen sind hier die Fortsetzer der Lyriker.

Die Seele erhebt sich richtend über das Leben, nicht weil es damals so arm, sondern weil es so reich war, dass der erweckte Lebensdrang über das Leben hinausschwoll. Die Elegie hört nicht auf, über des Lebens Vergänglichkeit und Gebrechlichkeit sehnsüchtig zu klagen, und sie rührt damit halb unbewusst an die Fragen des ewigen Lebens. Aber auch die melische Lyrik strebt ja mit ihren Lob- und Siegesliedem, die den Helden in den Himmel erheben, über dies Leben hinaus. Gerade wie in der Renaissance trieb damals der leidenschaftliche agonistische Individualismus zu panegyrischem Heroenkult. Nie stand wohl der Ruhm höher im Preise als zu den Zeiten Pindars und der Nachfolger Petrarcas, der „die ungeheuren Männer“ der Vergangenheit bewunderte und selbst so bewundert ward, dass „die apenninischen Berge vor Verlangen glühten von seinen heiligen Füssen berührt zu werden“. Wie schildert aber auch z. B. Empedokles Frg. 129 Pythagoras als Übermenschen, der auf zehn und zwanzig Menschengeschlechter hinaus alles in der Welt erschaue. Der heisse Persönlichkeitsdrang fordert für seinen Helden ein Fortleben nach dem Tode, und die Unsterblichkeit des Ruhmes rührt an die Unsterblichkeit der Seele: das zeigt am besten Pindar, der voll ist von Jenseitsgedanken. Man hat den grossen Lyriker in den Kreis der Pythagoreer gestellt, und bei diesen jedenfalls hängen die Seelenwanderungslehren wie mit dem prophetischen Selbstgefühl des Meisters so mit der heroenartigen Verehrung, die er bei den Schülern genoss, zusammen. Auch von Parmenides wird überliefert (Laert. Diog. IX 21), dass er seinem gestorbenen pythagoreischen Lehrer ein Heroon errichtet habe, was damals in Unteritalien nichts Seltenes war (vgl. Diels Hermes 35.198). „Gefallene Helden ehren Götter und Menschen“, sagt Heraklit Frg. 24, und mit unnachahmlich feierlichem Gleichklang kündet er Frg. 25: fidgoi ydg /ueCoveg /utovag /lloiqclq layxävovoi. Und Heraklit lässt den Toten lebendig werden, „in der Nacht sein Licht anzünden“ (Frg. 26) und ruft den Menschen zu, dass ihrer „nach dem Tode wartet, was sie nicht träumen noch wähnen“ (27, vgl. Frg. 98). Empedokles aber sagt Frg. 15 in Dielsschöner Übersetzung:

„Kein weiser Mann wird sich dergleichen in seinen Sinnen träumen lassen, solange wir leben, was man so leben heisst, nur solange seien wir vorhanden und widerfahre uns Schlimmes und Gutes, dagegen bevor wir Sterbliche aus den Elementen zusammengefugt und nachdem wir auseinander gegangen, seien wir rein nichts.“

Selbst der Materialist Demokrit verfasst eine Schrift „über die Dinge im Hades“. Und man wollte die griechische Naturphilosophie ohne den mystischen Hintergrund verstehen und sah nicht, dass das Physikalische nur Vordergrundsansicht ist!

Unbewusst hat die griechische Naturphilosophie vielleicht nur ein Problem interessiert, dasselbe, das auch die Renaissancephilosophie treibt: das Problem des Lebens. Erstaunlich zahlreich sind die Fragmente, die über die Rätsel von Geburt und Tod handeln. Es ist wieder, als wolle die Lyrik der Hochzeitssänge und Totenklagen sich in den Naturphilosophen reflexiv fortsetzen. Sie wühlen in den vom lyrischen Affekt zuerst beleuchteten, bestaunten Rätseln der Grenzen des Lebens, sie suchen Antwort auf die den Lyriker quälenden Fragen der Vergänglichkeit. Sie finden sie, indem sie Geburt und Tod aus der Welt räumen. Sie leugnen alles Entstehen und Vergehen: das ist das Grunddogma ihrer ganzen Welterklärung. Indem sie die Grenzen des Lebens wegschaffen, erfüllen sie den ungeheuren Lebensdrang, der ihr Wesen ist wie das der Renaissancephilosophen und das aller wahren Mystiker. Es ist derselbe Drang nach Existenzverewigung, der die Eleaten und alle jüngeren Naturphilosophen Werden und Vergehen leugnen lässt und damit die Grundlage ihrer Physik schafft, der ferner Heraklit jenes ewige Werden verkünden heisst, in dem nur dadurch stets Leben in Tod übergeht, dass Tod zugleich in anderer Hinsicht Leben ist (Frg. 26. 36. 62. 77), derselbe lebendige Ewigkeitsdrang, der endlich die Seelenwanderungslehren der Pythagoreer und des Empedokles hervortreibt. Man wolle doch endlich mit der allen Zeugnissen widersprechenden ebenso unberechtigten wie bequemen Gewohnheit brechen, diese Hauptlehren als Bagatellen zu behandeln, als fremde Zutat und Konzession und abergläubisches Anhängsel. Unsere Philosophiehistoriker tragen ihren Rationalismus in die Antike hinein, und nichts ist intoleranter als der Rationalismus. Die Frage der Seele, und das heisst die Frage des Lebens, ist für die alten Naturphilosophen Hauptfrage, und sie geht doch den Physiker eigentlich nichts an. Aber es ist kaum ein einziger dieser sog. (pvoixoi, der auch nur in den dürftigen Bruchstücken, aus denen wir ihn kennen, versäumte von der Seele zu reden — das hätte man längst für die Gesamtbeurteilung beachten sollen. Selbst die alten Jonier machen keine Ausnahme; schon Thaies spricht davon, dass auch der Magnet eine Seele habe (Aristot. de an. I 2. 405 a 19), und von den drei kurzen Fragmenten des Anaximenes spricht das eine von unserer Seele, ein anderes vom Unkörperlichen. Die pythagoreische Seelenlehre greift ja auch noch über die Metem-psychose hinaus (Palingenesie, Harmonieseele, Sonnenstäubchenseele, Ethik der Seele). Und die andern alle, Heraklit wie Parmenides, Empedokles wie Anaxagoras, der ja nach Aristoteles die Seele von dem ihm so wesentlichen vovg nicht unterschied, Diogenes von Apollonia wie schon Anaximenes und endlich Demokrit — sie alle erklären die Seele und deren Kräfte in Zusammenhang mit ihrer Physik, wofür die Einzeldaten zu bekannt sind, um hier anfgezählt zu werden (vgl. Siebeck, Gesch. der Psychol. 1.1 und Rohdes Psyche). Dies Psychologische wird von den Neueren gewöhnlich als Schlusspunkt dieser naturphilosophischen Systeme hingestellt, es ist aber eben zu fragen, ob es, überall so unentbehrlich auftretend, nicht ebensogut ihr Anfangspunkt ist, ob also die Seele nur aus der physischen Welt erklärt wird und nicht die Welt aus der Seele, dem Leben, überhaupt aus dem Menschen.

Text aus dem Buch: Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik (1903), Author: Karl Joël.

Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – I. Der kosmologische Anfang der Philosophie und seine Erklärungen
Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – II. Die Naturmystik der Renaissance.
Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – III Mystische Subjektivität bei den vorsokratischen Naturphilosophen.
Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – Selbstgefühl.

Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik