„Künftige Geschlechter werden vom Spiegel, den sie dem Bauwesen des jetzt kommenden Zeitalters Vorhalten werden, die soziale und nationale Gesinnung ablesen können.“

Theodor Fischer.

„Unser soziales Gewissen ist geschärft, und dies ist vielleicht die stärkste geistige Erscheinung unserer Zeit. Das sozial geschärfte Gewissen drängt im Wohnungsbau auf Dezentralisation, und wir haben die Siedlungsfrage, die Frage des neuen Wohnens.“

Paul Schmitthenner.

Der Siedlungsbau verdankt einerseits dem sozialen Gedanken, der die Mietkaserne der Vorkriegszeit als eine menschenunwürdige Wohnform erkannt hat, andererseits der nach dem Kriege einsetzenden Wohnungsnot seine Entstehung. Als Antwort auf die grotesken Zusammenballungen von Menschenmaterial an den Zentren der Produktion (Bild 41), mußten die ersten Versuche, diese zu entlasten, geradezu als Erlösung aus einem von gewissenlosem Kapitalismus geschaffenen Zustande begrüßt werden.

Die ersten Siedlungen, die als geschlossene Baublocke mit verhältnismäßig großen Innenhöfen oder Gärten auftauchten, überschritten durch Weiträumigkeit und Aufwand der Ausstattung die einem unter den Lasten eines verlorenen Krieges seufzenden Volke gezogenen Grenzen. Wie sich bald herausstellte, erlaubten die unerschwinglichen Mietpreise nur eine verhältnismäßig kleine Zahl Wohnungsuchender unterzubringen. Inzwischen hatte man auch die Erfahrung gemacht, daß die geschlossenen Blöcke der Durchlüftung Widerstand entgegensetzten. Man entschloß sich, den Baublock aufzuschlitzen: auf diese Weise entstand der Streifen- oder Reihenbau. Hätte er sich als Reihen einzelstehender oder im äußersten Falle als Reihen von Doppelhäusern durchsetzen können, so wäre das Ideal des Kleinhauses, so wie wir es im siebenten Kapitel angedeutet haben, erreicht gewesen. Bei Aneinanderreihung einer größeren Anzahl von Häusern lassen sich aber durch Wegfall einer entsprechenden Anzahl Außenwände usw., Ersparnisse erzielen. So näherte man sich wieder einem Zustande, den man überwunden zu haben glaubte: gleichsam schamhaft trat die Mietkaserne der Vorkriegszeit in verwandelter Form wieder in Erscheinung (Bild 42). Wie wir sie heute sehen, unterscheidet sie sich von ihrer vertikalen Vorgängerin fast nur durch ihre horizontale Anlage. Aber das Zugeständnis, das eine gewisse Erdnähe in sich schließt, wurde alsbald durch so schlimme Mängel wieder aufgehoben, daß es nur zu berechtigt ist, von neuen Mietkasernen zu sprechen. Von der Kleinwohnung glitt man schrittweise über die Kleinstwohnung zur Allerkleinstwohnung, die man unverblümt so nennen sollte, wie sie le Corbusier nennt und empfiehlt — zur Zelle. Daß man sie die ,.Wohnform unserer Zeit“ genannt hat, nimmt ihr nichts von ihrer Trübseligkeit.

Den Begriff „Zelle“ kennt der deutsche Sprachgebrauch nur in Verbindung mit den Begriffen Biene, Kloster, Irrenhaus, Zuchthaus. Die Menschen sind aber weder Bienen, noch sind sie in ihrer Mehrheit Klosterbrüder, Irrenhäusler oder Zuchthäusler. Die Landsleute le Corbusiers haben dem Erfinder der ,,Wohnmaschine“ denn auch die richtige Antwort gegeben. Von der vor drei Jahren in Pessac bei Bordeaux errichteten, aus 51 Häusern bestehenden Siedlung wird trotz billigster Mieten so gut wie kein Gebrauch gemacht. Die Bevölkerung lehnt es einfach ab, sie zu bewohnen. Wie ein deutscher Besucher, Hans Kauders, mitteilt, sind 4 Häuser bewohnt: eines von dem Siedlungswächter, eines von einem Postbediensteten, eines von einem Steuerbeamten und eines von einem Amerikaner, die übrigen 47 stehen leer. Man kann es verstehen, wenn man weiterhört: „Diese Bauwerke wirken nicht wie Häuser“. Mir scheint, alles was den Menschen bisher beherbergt hat, von der Erdhöhle bis zum Palast, hatte etwas vom Mutterleib, etwas Schützendes, etwas Umhüllendes, etwas Wärmendes. Diese haben garnichts davon, sie wirken in all ihren Bestandteilen so antiorganisch wie möglich .. . Nicht wahr, manche Häuser stehen doch, manche liegen? Aber diese . . .?!“

Nichtsdestoweniger haben deutsche Architekten diese Wohnmaschinen übernommen, und daß sie, ins Deutsche übersetzt, auch der letzten Liebenswürdigkeiten verlustig gehen mußten, ist jedem klar, dem die Eigenschaft des Deutschen, päpstlicher zu sein als der Papst, nicht unbekannt ist. Mit einer beneidenswerten Geschicklichkeit hat man den Satz, daß die Häuser für den Menschen da sind, in sein Gegenteil verkehrt und den Arbeiter, den Handwerker, den kleinen Beamten zum Objekt der Siedlungsgestaltung gemacht. Da aber in Deutschland etwas, das Geltung haben soll, wissenschaftlich unterbaut und beglaubigt sein muß, hat man die vor kurzem eingegangene „Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen“ gegründet. Ihr lag ob, einen Wohnungstyp ausfindig zu machen, der sich zur Serienherstellung eignete, d. h. der Wohnungstyp hatte die beste Konstruktion mit der billigsten Herstellung zu verbinden. Was dabei herauskam, soll nur an zwei Beispielen gezeigt werden. Hören wir, wie die Reichsforschungsgesellschaft, die hier als Erbauerin und Kritikerin in einer Person auftritt, ihre eigene Bauweise beurteilt!

Das eine Beispiel betrifft die Siedlung Dessau-Törten. Mit bewundernswerter Offenheit schildert eine von der ,,Deutschen Bauhütte“ auf Grund der Untersuchungen der Reichsforschungsgesellschaft verfaßte Broschüre die Mängel der Siedlung wie folgt:

„Es ist verkehrt, dem deutschen Arbeiter und Siedler eine Form überzustülpen, die, aus modischen Eigenheiten und Absonderlichkeiten entspringend, nur schlecht zu seinem Hausrat und zu seinen herkömmlichen Gewohnheiten paßt. — Übel ist es, wenn der nötige Bodenraum fehlt, und der einzelne sich durch wahllos aneinander gebaute Kisten und Kasten, durch Bretterbuden und Wellblechverschläge im Garten behilft. Dann entsteht das grotesk-lächerliche Bild der verunstalteten Hausrückseiten, das deutlich zeigt, woran es am Haus fehlt. — Übel ist es, wenn wesentliche Dinge, z. B. die hintere Ausgangstüre zum Garten, weggelassen werden, weil das Geld aufgebraucht wurde für die Dachterrassen, die Neunzehntel des Jahres nicht benutzt werden können. — Übel ist es, wenn Schlafzimmer so gebaut werden, daß das Kopfende des Bettes direkt unter das Bänderfenster kommt. — Übel ist es, wenn die Fenster so hoch sind, daß sie das Schauen auf die Straße verhindern. In vielen Wohnungen sind rohe Kisten vor der Fensterbrüstung aufgestellt. — Übel ist es, wenn die Fensterreihen einer Mode zuliebe nur teilweise zu öffnen sind, und ihre Reinigung, anstatt von den Hausfrauen selbst besorgt zu werden, einer Putzkolonne überlassen werden muß. Verfehlt ist es endlich, wenn den Leuten eine nüchterne Sachlichkeit (gekalkte Wände, phantasieärmste Gleichförmigkeit) aufgeredet wird, die nicht zu ihren Anschauungen paßt, und wobei dann durch die eigene Ausstaffierung und Ausschmückung ein viel schlimmerer Kontrast zu der aufgezwungenen Meinung entsteht, als wenn man von Anfang an dem Schmuck-und Wohnlichkeitsbedürfnis Rechnung getragen hätte. Der deutsche Mensch ist nach seiner Erbanlage durchaus kein Massengeschöpf, das sich dem Sachlichkeitsfanatiker zuliebe zum schematischen Formeltier zurecht stutzen läßt. Das Bauwesen aber folgt allein den Gesetzen der Natur und nicht dem parteipolitischen oder dem Bedürfnis einzelner ehrgeiziger Leute, die sich krampfhaft als die Pioniere aufsehenerregender Neuigkeiten aufspielen möchten.

Das zweite Beispiel betrifft die von dem Frankfurter Stadtbaurat Ernst May errichteten Plattenhäuserinder Siedlung Frankfurt-Praunheim (Bild 43und44),und die Miethäuser Bruchfeldstraße Frankfurt a. M., bei denen ebenfalls durch einen von der Reichsforschungsgesellschaft mit der Prüfung des Feuchtigkeitgehalts beauftragten Fachmann festgestellt wurde, daß die Plattenwände (es wurden 832 Wohnungen mit solchen hergestellt!) 15—24 v. H. Feuchtigkeitsgehalt aufzuweisen hatten gegen einen Feuchtigkeitsgehalt von 1,25 v. H. bei normalem Ziegelbau. Fortwährende Reparaturen seien an der Tagesordnung und schluckten die Differenz, um welche die Plattenbauweise billiger sei, als die übliche Bauweise.

Gerade das Argument der Verbilligung bei gleicher Güte, mit dem die Ersteller dieser Siedlung ihren Werken die nötige Popularität sichern wollten, hat keiner Prüfung ernstlich standgehalten. Trotz Typisierung, Normung und Rationalisierung ist nichts eingespart worden. Was erreicht wurde, sind Massenquartiere als sichtbares Symbol der mechanisierenden Tendenzen unserer Zeit. Was nicht erreicht wurde, ist die Errichtung von menschenwürdigen Wohnungen, in denen sich der ohnehin von der Mechanik der täglichen Arbeit abgestumpfte Mensch erholen kann. Was von den Häusern gilt, gilt ebenso von den Wohnungen. Selbst ein so modern gerichteter Architekt wie Josef Frank-Wien sagt in einem Aufsatz über die ,.Moderne Einrichtung des Wohnhauses“ („Innenräume“, Akad. Verlag Dr. Fritz Wedekind & Co., Stuttgart, 1928):

,,. . . Die Wohnung ist deshalb das absolute Gegenteil der Arbeitsstätte. Dies bezieht sich nicht nur auf die Bequemlichkeit der Sitz- und Ruheplätze, sondern auf alles Sichtbare, da das Auge sich erholen will, weshalb alle in Fabrik, Büro usw. vorhandenen Dinge vermieden werden sollen . . . Die Wohnung ist auch kein Kunstwerk, deshalb hat sie nicht die Verpflichtung, aufregend zu wirken, was das Gegenteil ihres Zweckes wäre. Einheitlichkeit und Schmucklosigkeit machen unruhig, Ornamentik und Vielfältigkeit verschaffen Ruhe und beseitigen das Pathetische der reinen Zweckform.“

Die Bewegung, die sich eine Erneuerung des Menschen von der Seele her, eine Erlösung des Menschen aus dem zur Formel gewordenen „geometrischen Tier” angelegen sein läßt, wird auch die Wohnform herauskristallisieren, in der das neue Geschlecht zur Erfüllung der ihm gestellten hohen Ziele heranwächst.

„Man wird sich — wie Peter Meyer-Zürich sagt — wieder ernsthaft mit den seelischen Potenzen auseinandersetzen müssen, gerade im Namen des gleichen Lebens, das heute als groteske Begründung für den plattesten Materialismus herhalten muß.“

Das bauliche Symbol aber für dieses Geschlecht wird anders aussehen, wie das ihm gegen seine innere Natur aufgezwungene unserer Zeit. Wenn sich auch das Ideal — das einzelstehende Kleinhaus im Garten —vorerst nur langsam verwirklichen lassen wird, so werden aber doch die Reihenhäuser den Charakter der Zuchthaus oder Irrenhauszelle abstreifen und innen wie außen den Bedürfnissen menschlicher Wesen wieder mehr ent-gegenkommenf Bild 45 bis 48). Schon stehen Architekten bereit, die den Ruf nach den seelischen Potenzen begriffen haben, und während die unbelehrbaren extremen Konstruk-tivisten die Welt mit ihren letzten Schöpfungen zu beglücken glauben, haben sich die anderen bereits in Marsch gesetzt, um den ehernen Weg einer unbestechlichen Entwicklung zu gehen.

Text aus dem Buch: Die Architektur im Dritten Reich, Verfasser: Straub, Karl Willy

Siehe auch:
Architektur im Dritten Reich – Geleitwort
Architektur im Dritten Reich – Haben wir den Neuen Baustil?
Architektur im Dritten Reich – Von der internationalen Bautechnik zum nationalen Baustil
Architektur im Dritten Reich – Sinn und Unsinn der Neuen Sachlichkeit
Architektur im Dritten Reich – Wieder Schmuckverlangen in der Architektur
Architektur im Dritten Reich – Vom Geist der Tradition
Architektur im Dritten Reich – Baukunst oder Ingenieurkunst?
Architektur im Dritten Reich – Individualismus oder Kollektivismus in der Architektur?
Architektur im Dritten Reich – Die Flachbauwohnung als Ziel der Volkswohlfahrt
Architektur im Dritten Reich – Das Problem der Hochbauten

3. Reich Architektur im Dritten Reich