Schlagwort: Slawen

Bei den Holländern ist der erschütternde Freiheitskampf gegen die Spanier zur Triebfeder einer gewaltigen, den Erdkreis umspannenden Kolonialpolitik und zur Grundlage höchster Handels- und Kunstblüte geworden. Während die Flur von Lüttich und Brabant noch vom Blute der Schlachten gerötet war, die heimische Heeremit den Söldnern des genialen Alexander Farnese ausgefochten, segelten holländische Geschwader über das Weltmeer, schauten aus nach dem ihnen zufallenden Teil an den Schätzen Indiens und suchten in dreifach wiederholtem Anlaufe überSpitzbergen die nordöstliche Durchfahrt nach Ostasien zu erzwingen. Sie entdeckten Neuholland und gründeten Faktoreien in Westafrika und Madagaskar; die westindische Kompanie gewann ausgedehnte Gebiete in Mittel- und Südamerika. Bald danach ward Neu-Amsterdam, das spätere Neu-York, angelegt, und am Cap der Guten Hoffnung entstand eine dauernde Niederlassung. Vielfach half ihnen dabei deutsche Faust und deutscher Geist, wie denn der Begründer und erste Statthalter Neu-Amsterdams ein Deutscher war (Minnewit aus Wesel) und die ersten Soldaten von Kapstadt zu unseren Volksgenossen gehörten. Auch nach Batavia und Formosa sind im Solde der Niederländer Deutsche gekommen, und der hervorragendste Arzt und Wissenschafter, den sie je in ihrem Kolonialdienst gehabt, der große Erforscher Japans, Siebold, entstammte gleichfalls deutschen Gauen. Er war ein Würzburger.

Das Hauptziel der Holländer war wie bei Columbus und Magelhans das ferne Indien ; alle anderen Länder kamen ihnen erst in zweiter Linie. Bloß um Südostasien zu erreichen, überwinterte 1595 Barends in Spitzbergen und umsegelte im gleichen Jahre Houtman das Kap der Guten Hoffnung. Bis 1580 waren den Holländern die ostindischen Waren in Lissabon vermittelt worden; als dies aber den Spaniern in die Hände fiel, wurden sie vom asiatischen Handel ausgeschlossen. Da leistete ihnen der Lotse Linschoten, der mit den Portugiesen mehrere Indienfahrten gemacht und Schriften und Karten über Süd- und Ostasien, darunter Formosa, veröffentlicht hatte, unschätzbare Dienste. Mit seiner Hilfe gelangte der Kommodore Cornelius Houtman über das Kap nach Bantam und Java. Die Ostindische Gesellschaft tat sich sodann 1602 in Amsterdam auf. Schon das Jahr darnach bombardierten die Holländer Makao. Wieder ein Jahr später schickten sie einen Gesandten nach Peking. Zugleich machte Van Warwijk einen neuen Anschlag auf Makao, ward jedoch vom Taifun nach den Pescadoren verschlagen. Im Jahre 1605 wurde Amboina, die Molukkeninsel, erobert und die Portugiesen in Tidor (in derselben Gegend) angegriffen. Friede wird zwar 1609 zwischen Spanien und den Generalstaaten geschlossen, allein in Inselasien dauert der Krieg ruhig fort. Batavia wird 1619 gegründet. Im nächsten Jahre schon wird der dortige Gouverneur von seinen Auftraggebern im Haag auf die Wichtigkeit von Lequeo pequeno (Liukiu) aufmerksam gemacht. Mit zweitausend Mann erscheinen die Holländer 1622 vor Makao, werden aber nach hartnäckigem Ringen von Portugiesen und Chinesen zurückgeschlagen. Im selben Jahre reißen sie die chinesischen Pescadoren an sich, die sie indes 1624 wieder verlassen, um sich in Formosa anzusiedeln.

Es war eine wild erregte Zeit, reich an Grausamkeiten und Heldentaten. Jedermanns Hand wider jedermann. Inselasien und namentlich die chinesischen Gewässer glichen im 17. Jahrh. dem Mittelländischen Meer zur Hohenstaufenzeit, als Araber, Berber und Tataren, Griechen, Slawen und Normannen, Venetianer, Genuesen und Katalanen die südeuropäischen und kleinasiatischen Küsten mit Brand und Mord verheerten, aber auch blühende Kolonien schufen. Die bunte Mannigfaltigkeit der Seezüge, verwickelter Unterhandlungen, plötzlicher Überfälle, schwankender und leicht ins Gegenteil umschlagender Bündnisse in Südostasien, dazu die Absichten der zivilisierten Mächte, fortwährend gekreuzt und zerstört durch die Einfälle von Halbwilden und Piraten: dies farbenprächtige, ewig wechselnde, von der Tragik der Leidenschaft erfüllte Bild, ist in seinem kaleidoskopisch raschen Umschwünge geradezu sinnverwirrend.

Als Katholiken hielten die Portugiesen und Spanier, die etwa ein Jahrhundert lang überwiegend das europäische Element im äußersten Osten vertraten, noch einigermaßen zusammen, obwohl es zwischen ihren Händlern und Missionaren nicht an Eifersüchteleien fehlte. Gegen die Katholiken waren zuerst die Nieder- und Engländer verbündet, jedoch nach kürzester Frist machten die holländischen Kapitäne sich kein Gewissen mehr daraus, auch englische Schiffe zu kapern. Die Chinesen hielten sich am liebsten alle Barbaren des Westens vom Leibe, doch sahen sie sich durch die überhandnehmende Plage der Seeräuberei genötigt, zeitweilig mit den Westmächten in ein Bündnis zu treten. So kam es, daß die Chinesen bald alle Portugiesen in Amoy und Futschau niedermetzelten, bald ihnen gegen die Holländer halfen, bald mit beiden vereint gegen die Piraten kämpften. Am besten standen sie noch mit den Spaniern. Die Japaner dagegen kreuzten mehrfach die Klingen mit den Spaniern in blutigen Seegefechten, kamen aber mit den ihnen gegenüber demütig nachgiebigen Holländern leidlich aus. Gegen das offizielle China waren die Japaner friedlich gesinnt; mit chinesischen Seeräubern machten sie, wenn es gerade paßte, gemeinsame Sache. Weiter ward durch die Mohammedaner, deren Macht während des 16. Jahrh. im Sudan, in Indien, in Tibet, im fernen Osten einen gewaltigen Aufschwung erfahren hatte, ganz Inselasien in immer bedrohlicherem Maße heimgesucht. Die Vizekönige von Manila wußten sich der zum Islam bekehrten Malayen, die von Borneo, den Suluinseln, von Mindanao und den Molukken anstürmten und als wagehalsige Wikinger die Küsten Luzons brandschatzten, häufig kaum mehr noch zu erwehren, wie denn ihr Kampf mit den Mohammedanern bis in die jüngste Gegenwart fortdauerte. Auf dem südostasiatischen Festland aber war auch alles in Gärung, seit der entsetzliche Brancinoco und sein Sejanus, der Portugiese Soares, über Berge von Leichen steigend und durch Ströme von Blut watend, 1540 Pegu erobert und Brancinocos Nachfolger gegen die annamesische Grenze vordrangen. Gegen 1650 aber ward der Norden des Festlands durch die einbrechende Mandschurenflut von Grund aus aufgewühlt, 1662 setzten sich die Briten in Bombay fest, und am Ende des 17. Jahrhunderts erschienen dann auch noch die Franzosen, die in der Frühzeit Ludwigs XIV. einen Vertrag mit Siam abschlossen und ihre Jesuiten bis nach Peking beförderten. Wenn aber je einmal das Leben zu einförmig zu werden drohte, da kam ein beutelustiger Korsar und brachte Abwechslung. Portugiesen, Engländer und Japaner hatten es in dem ostasiatischen Seeraubsport zu erklecklicher Übung gebracht, aber allen weit voran waren ruchbar die Chinesen. Seit Jahrtausenden bis zur Gegenwart sind die Chinesen als „Wölfe der Meere“ groß und furchtbar gewesen, allein nie hat die rücksichtslose, unmenschlich grausame Gilde chinesischer Piraten eine solche Tätigkeit entfaltet als im 16. und 17. Jahrhundert. Wie morgens am gewitterschwangeren Himmel die Sonne blutrot aufsteigt, so ward der neue Tag, den die Europäer über Asien bringen sollten, durch verheerenden Krieg zu Wasser und zu Lande eingeleitet.

Um die chinesische Regierung zu einem Handelsvertrag zu zwingen, besetzte der holländische Admiral Reyerß 1622 die Pescadoren, wo er auf der Insel Pehu umfangreiche Befestigungen anlegte. Zum Bau wurden 1500 Chinesen, die man dort ergriffen, verwandt. Dies zeigt, daß seit 1564, als der erste Mandarin nach dem Archipel geschickt wurde, die Chinesen in beträchtlichen Massen nach den Pescadoren geströmt waren. Die dem Auge so völlig wüst und unfruchtbar erscheinende Inselgruppe, die fast keinen Baum, keinen Strauch, kaum Gräser und Moose hegt, ist eben durch ihren unglaublichen Fischreichtum, ihr ausgezeichnetes Trinkwasser und die malariafreie, bloß von Tei-funen gestörte Luft sehr wohl geeignet, eine größere Menschenmenge zu ernähren, wie denn gegenwärtig ihre Bevölkerung 20000 Seelen zählt. Den Chinesen war der holländische Handstreich außerordentlich peinlich, und sie gaben sich die erdenklichste Mühe, die „rothaarigen Barbaren“ zum Rückzuge zu bewegen. Den Holländern dagegen gefiel der neue Stützpunkt, zumal sie dadurch die zwischen Amoy und Manila verkehrenden spanischen und die Makao mit Nagasaki verbindenden portugiesischen Schiffe bequem abfangen konnten. Nach längerem, teils durch Fehden, teils durch Verhandlungen ausgefülltem Aufenthalt schickte Reyerß Ende 1623 vier Schiffe nach Tschin-tschau, um ein Abkommen mit den Chinesen zu treffen. Die Botschafter wurden von den Mandarinen freundlich bewirtet, aber während der Bewirtung versuchten.die verräterischen Chinesen, durch Brander und angezündete Olschiffe das holländische Geschwader zu vernichten. Ein Fahrzeug ward auch versenkt, aber die drei andern zerstörten alle Dschunken, die ihnen in den Wurf kamen, und kehrten nach den Pescadoren zurück.

Trotzdem ließen sich, namentlich der Schwierigkeiten im Beschaffen der Lebensmittel halber, die Holländer bald danach dazu bewegen, auf das Anerbieten der Chinesen einzugehen, nämlich die Pescadoren zu räumen, dafür das herrenlose Formosa zu besetzen und Handelserlaubnis in China zu erlangen. Im Spätsommer 1624 zerstörten sie wieder ihre Festungswerke und führten die Baustoffe nach Formosa. Die 217 Kuli, die von den durch Mißhandlungen und harte Arbeit zermalmten 1500 übrig geblieben, wurden nach Batavia verschifft. Von diesen 217 kamen etwas über die Hälfte, nämlich 137, an ihren Bestimmungsort, also ein besserer Prozentsatz als der, den zuweilen deutsche Auswanderer in britischen Seglern des 18. Jahrhunderts erreichten, insofern gelegentlich bloß 1/3 oder 1/5 der hunger- und krankheitgequälten Auswanderer in Philadelphia anlangten. Die Mandarine richteten sich wieder auf den Pescadoren häuslich ein, und bis März 1895 verblieb die Gruppe im Besitz der Chinesen.

Die Ostindische Gesellschaft ging gleich tüchtig ins Zeug. Steuern sollten ausgeschrieben, hohe Zölle erhoben und die Untertanen durch Kanonen und Zwingburg im Zaum gehalten und ja nicht zaghaft angefaßt werden. Auch ward sofort Anstaltgetroffen, das Evangelium unter den Wilden zu verbreiten. Die Chinesen fügten sich auf Formosa gutwillig der neuen Regierung, die nur über 900 Soldaten gewöhnlich verfügte; bloß die Japaner machten Schwierigkeiten die aber nach 1628 wegfielen, so daß von da bis 1661 die Holländer sich als alleinige Herren auf der ganzen Südhälfte Formosas fühlen konnten. Das Regiment der Holländer war im ganzen wohltuend und in Formosa, vielleicht wegen der unsicheren Stellung der holländischen Macht, besonders milde, so daß die Eingeborenen derselben noch zwei Jahrhunderte lang bis zur Gegenwart eine fast an den Mythus grenzende dankbare Erinnerung bewahren. Wie auf den Molukken die Nelkenbauer, die wegen der aus kalter Gewinnsucht hervorgegangenen Zerstörung ihrer Gewürzstücke sich erhoben, gehenkt, gepfählt und verbrannt wurden, so kamen ähnliche Strafen auch gegen formosanische Patrioten, die gegen die Fremdherrschaft sich empörten, ein oder zweimal in Anwendung, doch im allgemeinen war das Verhältnis der Gewalthaber zu den Untertanen recht erträglich, eine der Zeit und den Verhältnissen angepaßte Vereinigung von Gerechtigkeit und Härte. Wenn bei den teilweise hochgebildeten Javanern das zweite Element patriarchalischer Verwaltung, die Härte, oft starken Anstoß gab und gibt, wie denn noch in neuerer Zeit das niederländische Regiment in Inselasien durch einen Niederländer, den großen Dichter „Multatuli“, aufs schärfste verurteilt wurde, so war das Auftreten der zivilisierenden Europäer gegen die rohen Insulaner von Formosa, Sumatra und Borneo das einzig mögliche. Immerhin kann jedoch darüber kein Zweifel bleiben, daß Herrschaft und Handel den Holländern in erster Linie stand, Religion und Mission nur in zweiter.

Da der Hunger beim Essen kommt, so trachteten die mit ihrem schönen Java und Südformosa ungemein zufriedenen Holländer nach mehr. Es gelüstete sie nach Zeilon und den nordformosanischen Besitzungen der Spanier, deren sinkende Macht zum Angriff einlud.

1642 forderte der Statthalter von Taiwan, Traudenius, in höflichem, ja freundschaftlichem Schreiben den spanischen Befehlshaber von Kilung zur Übergabe seiner Forts auf. Portilio antwortete als stolzer Spanier: Manche Schlachten habe ich gesehen in Flandern und sonst; nicht ist es kastilianische Sitte, sich feig zu übergeben. Versucht uns zu werfen, wenn ihr könnt. Ich empfehle Euch Gottes Schutze. — In rauher, leidenschaftverworrener Zeit ist dieser ritterliche Briefwechsel ein schönes Denkmal edlen Hochsinns, der für beide beteiligte Nationen ehrenvoll Zeugnis ablegt. Portilio aber erlag.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Die Religion ist in ihrer äußeren Form, in der sie ins öffentliche Leben tritt und auf die Welt einwirkt, ein Teil der Kultur, und das Werden der Kultur ist ein Teil der Geschichte. So fügt sich der Kampf der Weltreligionen in die politische und kulturelle Entwicklung ein.

Der Buddhismus breitet sich in der Zeit Asokas nach drei Richtungen zugleich aus, nach Barma, nach dem Dekhan und Ceylon, endlich nach Kabul. Seit der Zeit Christi beginnt er im Tarimbecken und bald darauf in China einzusickern sowie nach Ostiran vorzudringen. Die Spaltung in die Lehren des kleinen und großen Wagens fand 192 n. Chr. statt. Ein beträchtlicher Teil Barmas war schon in den 380 er Jahren für den kleinen Wagen gewonnen. Das sumatranische Reich Kandari hatte 515 einen buddhistischen König. In China wurde das erste Duldungsedikt für den Buddhismus 451 erlassen. Dreitausend indische Buddhisten waren 510 im Reich der Mitte, und 630 zählte man dort schon 3716 Klöster. Im nordkoreanischen Reiche Koguryu tritt die Predigt Gautamas 374, in Silla erst um 500 auf. Japan sah die ersten Jünger Gautamas 552 und eine größere Ausdehnung ihrer Lehre seit etwa 590. Das siebente Jahrhundert ist für den Buddhismus zugleich das Zeitalter seiner weitesten Ausdehnung und seiner höchsten inneren Blüte in Indien und Mittelasien. Tibet eröffnete sich dem großen Wagen 632. Dieselbe Form des Buddhismus fand auf Java Anerkennung, namentlich in dem Reiche von Borobudor. Gegen 650 ist eine buddhistische Theokratie in Merv. Um und seit 700 erreichte die Nirwanalehre die Chazaren nördlich vom Kaukasus.

Trotz der friedlichen Anlagen der buddhistischen Weltanschauung sind deren Träger doch sehr oft einander in die Haare gefahren. Häufig wird die Sanftmütigkeit und Friedensliebederer, die an das „Licht Asiens“ glauben, in einen beschämenden Gegensatz zur Zänke- und Ränkesucht der Christen gestellt. In Wahrheit sind auch die buddhistischen Kirchen und Sekten von Kabalen und Streitigkeiten jeder Art stets erfüllt gewesen. Die Gehässigkeit der gegenseitigen Sekten erreichte einen solchen Grad, daß, genau so wie auf den Räubersynoden der Griechen und bei den Albigenserzügen Frankreichs, auch in der buddhistischen Welt gar nicht selten die frommen Mönche ihren Leib mit weltlichem Rüstzeug versahen und mit dem Schwert in der Faust aufeinander losgingen. In Japan gab es Klöster, deren Abt sich tausend und mehr solch bewaffneter Mönche hielt. Auch verstand es die Kirche im fernen Osten genau so gut wie im fernen Westen, weltliche Besitztümer und Schätze an sich zu bringen, und das bedrohliche Anwachsen der Reichtümer der „toten Hand“ war es denn auch, das frühzeitig das bracchium saeculare zum Eingreifen trieb. In China wurden 714 zwölftausend Bonzen säkularisiert. Trotzdem wurde um 770 der Buddhismus wieder sehr stark, und 819 wurden die Knochen Buddhas mit großer Feierlichkeit eingeholt. Nun hetzten aber die Taoisten gegen ihre Rivalen, die es auf 44660 Tempel und Klöster gebracht hatten. Die Agitation, die von 841 bis 845 währte, hatte Erfolg. Die Tang erließen ein Einschränkungsedikt gegen den Buddhismus. Dreißigtausend Mönche wurden zur Arbeit gezwungen. Dagegen erstarkt der Taoismus und begründet 1118 eine feste Hierarchie mit einem Papst an der Spitze. In der Folge haben sich Buddhismus und Taoismus zu einem schier unlösbaren Ganzen verschmolzen.

Ebensowenig ist in den anderen Ländern die reine Nirwanalehre zur Herrschaft gelangt. Sie wurde überall von den urangestammten Volksanschauungen und den Landeskulten unterwühlt, umgestaltet und nicht selten in ihr Gegenteil verkehrt. In Hinterindien und Australasien hatte sie mit Schlangen- und Dämonenverehrung und dem Schiwaismus zu kämpfen, in Tibet mit der rohen Naturreligion Bon, in Japan mit einem lebenslustigen , farbenprächtigen Polytheismus, der ungefähr das Gegenteil von der Abtötung des Fleisches darstellte; überall mit der naiven Sinnlichkeit der Massen und einem mehr oder weniger ausgeprägten Fetischismus.

In Indien selber waren die fremden Einflüsse, die der Buddhismus erlitt, so übermächtig, daß derselbe zuletzt in ihnen ganz versank. Eine Mischreligion kam auf, in der Zeit vom 8. bis 11. Jahrhundert, der Hinduismus, in dem theoretisch die Lehre der Brahmanen den Ausschlag gab.

Ganz und gar in anthropomorphe Gestalten wurde der Buddhismus in Tibet gezwängt, überall aber im Norden zu einer derartigen Aufnahme von Lokalgottheiten veranlaßt, daß dort das größte Pantheon der Erde entstand. Man spricht dort von Lamaismus.

Das Christentum war um 200 schon in Südarabien, Edessa, Mesopotamien und wahrscheinlich in Persien. Die Träger der östlichen Ausbreitung waren Jakobiten und Nestorianer. Vorläufer der Christen waren Manichäer und Juden. Mani soll Missionare nach Indien und China abgeordnet haben. Ein nestori-anischer Bischofssitz war 330 in Merw, ein anderer 490 in Oman (Südostarabien). Das Christentum gewann weiter Armenien und Iberien sowie seit dem sechsten Jahrhundert die Kaukasushunnen. Es faßte in Indien seit 370 Fuß, um seit dem sechsten Jahrhundert eine stärkere Tätigkeit zu entfalten. Zu Justinian kamen christliche Mönche aus China. Auch sollen damals schon Metropolitane in Herat, Samarkand und China gewesen sein. Nach der arabischen Eroberung Transoxaniens kamen auch wieder die orthodoxen Syrer, die Melkiten, in Asien auf und verbreiteten sich nach Persien und Mittelasien. Genau aber wie einst die Sassa-niden, so begünstigten auch die Kalifen aus politischem Gegensatz zu Byzanz die Nestorianer und ordneten ihnen die Melkiten unter.

Bestimmt nachweisbar ist die Ankunft von Nestorianern in China erst 635. Die Führung der Ankömmlinge hatte der Syrer Olo-pun, der von Taitsong gut empfangen wurde. Gerade wie die Juden sich immer nach den Hauptstädten ziehen, so war das Ziel der nestorianischen Wanderung die Residenz des Himmelssohnes selber. In Sianfu entstand eine große nestorianische Gemeinde. Sie erhielt von den Tang ein Duldungsprivileg, das in den Denkstein von Sianfu 781 eingemeiselt wurde. Die Christen hatten nämlich einen solchen Zulauf, daß sehr bald eine Bewegung gegen sie entstand; 699 und 713 brach zeitweilig eine Verfolgung gegen sie aus. Daher die Notwendigkeit eines Toleranzediktes. Infolge der Duldung wuchs ihre Zahl aber wieder so an, daß 845 die Tang ein Edikt gegen das Uberhandnehmen der christlichen Kirchen erließen. Die Christen wurden dabei mit den Buddhisten in einen Topf geworfen, offenbar weil sie sich diesen inzwischen angenähert und angeähnelt hatten. Es wurden damals 260000 nestorianische Mönche und Nonnen und 3000 Klöster eingezogen.

Bei den Türken wurde das Christentum anscheinend durch Manichäer verbreitet. Gewisse Erfolge hatten christliche Send-linge bei den Chazaren, bei denen ja auch der Slawenapostel, Method, einige Zeit weilte. Im Jahre 800 soll Timothius, Patriarch der Nestorianer — die Residenz dieser Patriarchen war seit 762 Bagdad, wo der Kalif unmittelbare Kontrolle über das von ihm anerkannte Oberhauptder östlichen Christenheitausüben konnte — einen Kakan der Türken bekehrt haben. Derselbe Timothius schickte einen Metropoliten nach China. Auch ein nestorianischer Uiguren-Apostel, Modza, der um 800 in China wirkte, wird namhaft gemacht. Seit dieser Zeit ist das Christentum im nördlichen Mittelasien fest eingewurzelt. In Talas (heutige Provinz Semirjetschensk) gab es 893 eine Hauptkirche, die von den erobernden Mohammedanern in die Hauptmoschee umgewandelt wurde.

Samarkand blieb auch unter den moslimischen Türken der Sitz eines nestorianischen Metropoliten. Im Jahre 1007 erfolgte durch den Einfluß nestorianischer Kaufleute die Bekehrung der Keraiten zum Christentum, darauf sandte der Metropolit von Merw Priester in die Mongolei zu ihnen. Später wurden auch die mongolischen Naiman bekehrt. Nicht minder hatte bei den Guzen die Lehre Christi zahlreiche Anhänger. Diese Tatsachen, in den Fokus einer einheitlichen Betrachtung gesammelt, veran-laßten die Legende von dem Königreich des Priesters Johannes.

Der Islam eroberte, nachdem er einmal in Arabien die Herrschaft errungen, in nur 30 Jahren ganz Vorderasien. Seit 660 dringt er in Turkestan und Sindh ein, ohne jedoch vorläufig dort viel zu bedeuten. Die späteren Fortschritte sind weit langsamer. Nach China kommt der Islam zuerst 754. Die Türkenwelt wird seit 900 für ihn gewonnen. Das Pendschab ernstlich seit 820, das Gudscherat seit 835, das übrige Indien seit 1000. Mohammedaner gibt es im zehnten Jahrhundert auf Sumatra und in Korea. Im Westen versucht es der Islam, aber ohne großen Erfolg, Armenier, Kaukasusvölker, Madjaren und Slawen zu bekehren. Mohammedanische Kaufleute verkehren in Prag und bereisen Deutschland. Zu verschiedenen Zeiten, um 740, um 860, um 950 erwirbt der Prophet Jünger bei den Chazaren, 922 werden die Wolga – Bulgaren seine Anhänger. 780 und dann wieder 1000 berührt seine Lehre Westtibet.

Als die jüngste Religion war der Islam die unduldsamste. Ungläubige beließ er nur, weil sie allein oder doch viel größere Steuern zahlten als die Moslime. Halt, Bedeutung und Dauer erhielt die neue Religion erstdadurch, daß sie die Perser gewann.

Die Zarathustrier oder Mazdäer hatten 621 und 677 die Erlaubnis erwirkt, in Sianfu einen Tempel zu errichten. Sie waren in China und bei den Türken bis ins zehnte Jahrhundert eine Macht. Überall aber suchte der Islam sie zu vertilgen.

Ich muß gestehen, im Grunde ist mir das Verhalten der Perser immer unerklärlich geblieben. Es sind keine Semiten. Es sind Empörer gegen den Islam. Sobald es nur irgend anging, haben sich einheimische iranische Dynastien gegen die Kalifen erhoben. Die Lehre von der Wiedergeburt, von dem verborgenen Imam, ist arisch und den Gedanken Mohammeds fremd, wenn nicht entgegengesetzt. In Persien endlich hat sich die Lehre der Sufi aufgetan, eine völlige Durchbrechung und Verneinung des Islams. Und dennoch sind die Perser heutigen Tags viel fanatischer als Araber und Türken. Ein Sejjid, ein Abkömmling des Propheten, gilt dreimal mehr in Persien, als irgendwo sonst. Wenn ein Europäer aus dem Glase eines Schiiten getrunken hat, so wird der erzürnte Gläubige es meist zerbrechen. Unmöglich für einen Europäer, ein Perserweib anzusprechen, geschweige mit ihr zu verkehren. In Marokko, das als das unduldsamste der islamischen Länder verschrien ist, geht Becher und Pfeife ohne weiteres zwischen Gläubigen und Ungläubigen von Mund zu Mund, und ist der gedachte Verkehr an der Tagesordnung. Man hat allerdings in Persien Unterschiede zu machen. Die Kurden sind religiös gleichgültig. Von den Persern sind die Massen fanatisch, die Vornehmen und Gebildeten, die aber nur eine sehr geringe Zahl darstellen, stellen sich freundlicher zu den Europäern als selbst, mit Ausnahme der ganz großen Städte, die vornehmen Türken, die in Sachen des Glaubens mehr mit dem Volke verwachsen sind. Am ehesten könnte man noch dadurch sich die seltsame persische Anschauungsweise erklären, daß man annähme, die überwiegende Menge der Bevölkerung gehe auf alarodische Rassen und nur ein kleinerer Bruchteil auf reine Arier zurück.

Wie in der christlichen Welt, so ist auch in der islamischen die Sekten mit der Staatsbildung innig verquickt. Die Hauptspaltung entstand 661 durch die Kluft zwischen Sunna undSchia. Die Perser und ihre iranischen Nachbarn wurden Schiiten, Araber und Türken und die meisten Inder sind Sunniten. Der Zwiespalt der verschiedenen Sekten trug nicht wenig zum Zerfall des Kalifates bei.

Entstand bereits die Kluft zwischen Sunna und Schia aus Rassenverschiedenheit, so taten sich solche noch merklicher seit dem Aufkommen der Turanier hervor. Türken und Mongolen waren, nachdem ihre erste Gleichgültigkeit überwunden, glaubenseins mit den Arabern, aber fügten ihnen viel mehr Leides zu, als die ursprünglich im Glauben abweichenden Perser. Ebenso hatten und haben die chinesischen Mohammedaner fast nichts mit den arabischen gemeinsam, obwohl keine Ketzerei hemmende Schranken errichtete.

Das Judentum gewann um 50 n. Chr. Adiabene und seit dem dritten Jahrhundert Teile Arabiens und Mesopotamiens. Es setzte sich am Nordpontus und im Kaukasusstaate Dschundar fest und errang großen Einfluß in Iran. In der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts nahm der Adel der Chazaren Schrift und Religion der Juden an. Indien beherbergte Israeliten seit dem vierten Jahrhundert und zwar besonders in Trawankor, China seit dem ersten Jahrhundert in Sianfu. Im achten Jahrhundert waren jüdische Kaufleute sehr zahlreich in Hangtschoufu. Eine Synagoge wurde 956/8 in Kaifengfu gebaut, eine andere ebendort 1163. Marco Polo traf zahlreiche Enkel Abrahams in China und der Mongolei.

Seit 500 trat die jüdische Literatur aus der talmudischen Periode in das Zeitalter des Targum und der Mischna. Staatliche Organisation hatten die Juden in den Ländern des Islams und der Franken keine mehr; sie gehorchten geistigen Führern, die eine Reihe von Geschlechtern hindurch der Sippe der Gaonäer entsproßten. Die Juden nahmen regen Anteil an der philosophischen Bewegung der Zeit, übersetzten viele Werke griechischer Weltweisen und ließen sich auch von iranischen Spekulationen und gnostischen Emanationsphantasien beeinflussen, aus denen schließlich die Kabbala hervorging. Das Hauptbuch der Kabbala, Sophar, erschien zwar (im elften Jahrhundert) in Spanien, seine Wurzeln aber sind in Iran. Im übrigen äußerte sich die Bedeutung der Juden mehr in Handel, Arzneikunde, Ubersetzertätigkeit und in diplomatischen Sendungen, als in einer Einwirkung auf die rivalisierenden Glaubenssysteme. In China vollends sind die Juden zuletzt ganz Jin der Masse des sie umgebenden Volkes aufgegangen. Es hat allerdings lange genug gedauert, die Aufsaugung der letzten Reste geschah gerade ein Menschenalter vor der Ankunft europäischer Juden, die sich jetzt vergeblich um das Wiederanfachen der erloschenen Funken bemühen. Immerhin ist China das einzige Land der Erde, welches das schwierige Aufsaugungsexperiment fertig gebracht hat.

So ziemlich in ganz Asien trafen die vier Weltreligionen aufeinander. Der Hauptkampf fand in der Periode, die uns in dem gegenwärtigen Abschnitt beschäftigt, im frühen Mittelalter, auf der Linie statt, die sich vom Kaukasus und der Wolga zum Ili hinzieht. Es handelte sich vor allem um die Türkvölker. Um sie stritten Buddhismus und Islam, Juden- und Christentum, außerdem noch das den Sturz der Sassaniden überlebende Mazdatum. Gegen 730 scheint der Streit am intensivsten gewesen zu sein. Der Buddhismus weicht dann zurück, und die semitischen Religionen gewinnen an Boden. Seit 900 dringt der Islam auf der ganzen Linie vor. Er faßt an der mittleren Wolga Fuß, um sich dort ungebrochen acht Jahrhunderte und in Resten bis zur Gegenwart zu behaupten. Er verbreitet sich bis zur Krim, wo er ebenfalls bis heute andauert, und zum Dnjestr. Er bedroht demnach schon ein halbes Jahrtausend vor den Osmanen Europa auf der ganzen östlichen Flanke. Ohne Zweifel hätte er auch die haltlosen Slawen erobert, von denen einige schon den Chazaren gehorchten, aber hier griffen Germanen und Griechen ein und zwangen den Slawen das Christentum auf. So wurden notgedrungen die Slawen ein Vorwerk der Christenheit gegen den Islam. Sie verhielten sich jedoch fast lediglich passiv und sahen zu, während die Kreuzfahrer den Islam im eigenen Lande, in seinen Hauptzitadellen aufsuchten. Im wesentlichen beschränkten sich die Slawen darauf, die heidnischen Finnen und Litauer innerhalb des eigenen Gebietes zu bekehren : einVorkampf für dieheiligsten Güter Europas gegen den Orient lag nicht in ihrem Geschmack, für Kreuzzüge hatten sie nichts übrig. Erst Iwan III. Wassiljewitsch ging (im fünfzehnten Jahrhundert) aggressiv gegen Orient und Islam vor.

Zugleich mit dem völligen Anfall der Chazaren, 900, die durch das Versprechen, vollzählig zum Islam überzugehen, die Hilfe der Khowaresmier gegen die Madjaren erlangt haben sollen, beginnt das Tarimbecken mohammedanisch zu werden, bestimmter gehören aber die Türkvölker zum Islam erst seit 1050. Jetzt verschwindet der Buddhismus. Dagegen erhält sich das Christentum bei den Türkvölkern bis um 1330. Darnach sind diese alle moslimisch.

Als ein Hauptgrund für den Untergang des Christentums in Ost- und Nordasien wird der Zwiespalt ihrer Sekten angegeben. Die Sendlinge der römischen Kirche hätten sich gegen das ansässige Christentum, das allerdings vielfach mit buddhistischen Formen verquickt war, feindselig benommen. Das scheint wenig stichhaltig, wenn man bedenkt, daß auch die anderen Religionen in zahlreiche Sekten zerspalten waren. Der Hauptgrund wird doch wohl in dem erwachenden staatlichen Argwohn des fernen Orients gegen das Abendland, mit dem es eigentlich jetzt erst recht bekannt geworden, zu suchen sein.

Nicht selten endet der Kampf der Weltreligion in einem Ausgleich. Nicht leicht fürwahr ist es in so manchem Falle zu entscheiden, ob taoistische, ob buddhistische Zeremonien vorliegen. In Indien soll es an der Tagesordnung sein, daß jemand am Freitag in die Moschee geht und an einem anderen Wochentage den brahmanischen Göttern seine Aufwartung macht. In China soll es sogar Vorkommen, daß dem Buddha, Mohammed und Konfuzius ein und dasselbe Individuum abwechselnd seine Verehrung zollt.

Ein Ausgleich ist auch darin zu finden, daß ab und zu die gleiche religiöse Erscheinung sich in den verschiedensten Religionen offenbart. So ging vom elften Jahrhundert an ein pantheistischer Zug durch die Welt. Er scheint von Iran ausgegangen zu sein. Die Lehre von der Inkarnation ist indo-iranisch; mit ihr verbanden sich kommunistische Anschauungen. Frauen- und Gütergemeinschaft hatte im sechsten Jahrhundert Mazdak gelehrt. Auf ihn gehen die Ismaeliten zurück. Es sind Atheisten, Religions- und Menschenverächter und Selbstvergötterer. Aus den Reihen der Ismaeliten geht Darasi hervor. Er stiftete nach 1017 die schwärmerische Sekte der Drusen. Unter ismaelitischem Einflüsse steht die ganze Dynastie der ägyptischen Fatimiten. Um dieselbe Zeit entsteht die Freimaurergilde der Sufi. Um 1090 fallen die Anfänge der sufisch gefärbten Assassinen. In seiner höchsten Entwicklung war der Sufismus zu der Lehre gelangt, daß ein vollkommener Mensch Gott selber sei, daher sei ihm auch alles erlaubt. Er kann sich des Lebens auf jede Art freuen, kann trinken, kann lieben, er kann auch jegliches Verbrechen begehen. Er ist jenseits von Gut und Böse. Er ist nicht nur gleich Gott, sondern er ist Gott selber, der ..ja aus eigener Macht Gesetze schafft, der sich selber Gesetz ist. Ähnliche Erscheinungen tauchen in Indien auf; vor der bhakti, der Gottesliebe, erblassen alle anderen Tugenden.

Die bhakti, vereinigt mit der Askese, führt zur mystischen Gotteinheit. Das Glück der Gottgeeinten äußert sich in Gesang, Musik und Tanz. Der Doppelnatur der Gottheit entsprechend war auch deren weibliche Seite mit einbegriffen. Das führte zu einem Dienst des Weiblichen, führte zu orgiastischen Feiern. Schon im zehnten Jahrhundert ungefähr lehrten die Schiwaiten von Kaschmir den Sieg über die Illusion, als sei unsere Seele von Gott verschieden. Um 1200 entsteht die schiwaitische Sekte der Sittar. Sie lehrt, daß durch Elixiere der Leib sich in ein unzerstörbares Wesen verwandle. Die Seele ist erlöst; wonnetrunkene Hymnen dieser Sekte erinnern stark an die Dichtungen der Sufi. Kenner haben denn auch eine Entlehnung aus sufischen Kreisen angenommen. Ähnliche pantheistische Lehren tauchen 1270 in Japan, 1300 in Deutschland auf.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung

Männer; Völker und Zeiten