Schlagwort: St. Helena

Von dem Freiheitskampfe der Yankees führt eine gerade Linie hinüber zu der französischen Revolution und von ihr zu 1848 und in die Volkskämpfe der Gegenwart. Wie immer waren wirtschaftliche Gründe der grobe Anstoß, um feinere Stimmungen auszulösen. Die Amerikaner begannen ihre Revolution, weil man ihnen eine (im Grunde zu rechtfertigende) Steuer auferlegen wollte; die Franzosen wurden ungebärdig, weil ihr König zu viel Geld brauchte. Da dem von Jahr zu Jahr steigenden Fehlbetrag gegenüber Ludwig der Sechzehnte nicht mehr aus noch ein wußte, berief er die Stände. Diese schlugen aus der Geldnot des Königs Kapital und rissen die Zügel an sich. Ludwig wurde eingekerkert und hingerichtet. Der Pöbel von Paris kam obenauf und verübte abscheuliche Ausschreitungen. Die europäischen Fürsten nahmen sich jedoch der gestürzten Bourbons an und eröffneten 1792 von allen Seiten den Feldzug gegen die französische Republik. Die gewaltige Umwälzung hatte jedoch in Frankreich schlummernde Kräfte geweckt. Carnot empfahl eine Massenerhebung, und zum ersten Mal in der Kriegsgeschichte — denn die Anstrengungen der Schweizer und Niederländer erstreckten sich immer nur auf einzelne Gaue — stand ein ganzes Volk in Waffen. Die französischen Heere drangen in Belgien, am Mittelrhein und in Oberitalien ein. Nachdem vollends durch den Sturz der Terroristen, besonders Robespierres, geordnete, wenn auch noch nicht ruhige Verhältnisse wieder herrschend geworden, tratBonaparte an die Spitze der in Italien kämpfenden Armee und führte sie von Sieg zu Sieg. In Korsika geboren — ein italienischer Dialekt war seine Muttersprache — hierauf in einer französischen Kadettenanstalt zum Artilleristen ausgebildet, beständig in großer Geldnot, zog Napoleon Bonaparte zuerst 1792 bei der Belagerung von Toulon die Augen auf sich und avancierte gleich vom Hauptmann zum Oberst. Neuerdings ins Elend zurückgeworfen, kam er 1795 nach Italien, wurde zwei Jahre darauf Generalissimus des französischen Heeres „und 1798 durch einen Staatsstreich Konsul. Nun ging er nach Ägypten, um von dort die Engländer in Indien anzugreifen. Er siegte bei den Pyramiden. „Vierzig Jahrhunderte“, sagte er zu seinen Soldaten, „schauen auf euch herunter.“ Hierauf wandte er sich nach Syrien und belagerte, aber vergeblich, Jerusalem. Sein Hauptgedanke, die Engländer aus Indien zu vertreiben, erwies sich indessen als unausführbar. Vorübergehend flackerte in der Seele des ehrgeizigen Mannes der Wunsch auf, in der mohammedanischen Welt eine Rolle zu spielen. Zu dem Ende wollte Napoleon zum Islam übertreten, ließ aber bald den abenteuerlichen Plan fallen. Mitten durch die britische Flotte hindurch kam er wieder nach Frankreich zurück, das inzwischen von den Waffen der verbündeten Mächte hart bedräng wurde. Napoleon kam, sah und siegte. Namentlich war sein Übergewicht bei Marengo, 1800, entscheidend. Nun setzte ersieh die Kaiserkrone aufs Haupt (1804), und machte den Papst zu seinem Gefangenen.

Die Feldherren Napoleons besetzten ganz Italien, Spanien, die österreichischen Küstenlandschaften und die jonischen Inseln mit Korfu, ferner die Schweiz, die aus einem freiheitsliebenden Lande — es war seit 1499 von Österreich losgelöst — zu einer argen Oligarchie erstarrt war, weiter Belgien, die Niederlande, die seit 1648 nicht mehr zum Reiche gehörten, endlich gewaltige Stücke Deutschlands. Das „heilige“ Deutsche Reich wurde 1806 zu Grabe getragen. An seine Stelle trat zum großen Teile der „Rheinbund“. Bayern, Württemberg, Sachsen wurden Königreiche von Napoleons Gnaden.

Am eifrigsten fochten gegen den Kaiser Österreich und England. Damals gehörte zu England noch Hannover, und hannoversche Soldaten schlugen meist die Schlachten der Briten. Im Jahre1803 überließ Frankreich Louisiana, das Gebiet vom unteren Mississippi bis nach Oregon, den Vereinigten Staaten. Die Berechnungwar dabei, die Yankees möchten nun stark genug werden, um den Briten empfindlichen Abbruch zu tun.

Die wenigen Jahre des Friedens benutzte der Kaiser, um ein großzügiges Gesetzgebungswerk durchzuführen. Die Ergebnisse sind im Code Napoleon niedergelegt. Auch war der Usurpator um Hebung von Handel und Wandel tatkräftig bemüht; selbst für die schwierige Technik der Börse hatte der Sohn des weltabgelegenen Korsika ein überraschendes Verständnis. Freilich war ja Mathematik seine starke Seite, war er mehr ein Mann des Kopfes als des Herzens. Gleichwohl hatte er viel Humor, zumeist den von der sarkastischen Färbung, wie ihn Eroberer gerne haben. Im Jahre 1805 loderte das Kriegsfeuer abermals empor. Österreich und Rußland schlossen sich gegen Frankreich zusammen. Napoleon durchzog in raschem Laufe Bayern und siegte über die vereinigten Truppen der beiden Mächte bei Austerlitz. Dagegen unterlag seine Flotte der englischen unter Nelson bei Trafalgar. Das war die letzte große Seeschlacht der Briten bis einschließlich der Gegenwart.

Nelson hatte das Kommando der Mittelmeerflotte, als Spanien, gereizt durch einen mitten im Frieden erfolgten Angriff englischer Kriegsschiffe auf ein spanisches Geschwader, am 12. Dezember 1804 an England den Krieg erklärte. Die 37 Linienschiffe, die es der französischen Seemacht zubrachte, sollten es dieser ermöglichen, eine zahlreiche Landmacht nach England hinüberzuwerfen, womit vielleicht das Schicksal des Inselreichs besiegelt gewesen wäre.

Lord Nelson befehligte eine aus 11 Linienschiffen bestehende Flotte, womit er die vom Admiral Villeneuve befehligten 12 französischen Linienschiffe in Toulon blockierte. Während aber Nelson zeitweilig absegeln mußte, um sich mit frischem Wasser zu versorgen, entkam Villeneuve am 17. Januar aus dem Hafen. Nelson durchsuchte nun alle Häfen des Mittelmeers nach der feindlichen Flotte, ohne sie zu finden; denn ungünstiges Wetter hatte Villeneuve zur Rückkehr nach Toulon genötigt. Es gelang diesem, noch ein zweites Mal, am 29.März, zu entkommen; ervereinigte sich in Carthagena mit sechs spanischen Linienschiffen und segelte durch die Straße von Gibraltar nach Westindien. Nelson folgte ihm mit zehn Linienschiffen über den Ozean und zurück, ohne ihn anzutreffen, vereinigte sich im Juli mit Admiral Cornwallis bei Quessant und steuerte dann wieder nach Gibraltar.

Jene Fahrt des französischen Admirals quer über den Ozean war ein von Napoleon angeordnetes Manöver, das den Zweck hatte, die englischen Flotten aus den europäischen Gewässern fortzulocken und dadurch der bei Boulogne versammelten Lan-dungsflotille Gelegenheit zur ungefährdeten Fahrt über den Kanal zu geben. Der kühn gefaßte Plan hätte gelingen können, wenn nicht bei der Ausführung verschiedenes versagt hätte. Die Vereinigung mit den in Brest und La Rochelle blockierten Flottenabteilungen gelang nicht, und Villeneuve, dem der erste Teil des Plans geglückt war, ward durch seine Unentschlossenheit und durch seine Überzeugung von der maritimen Überlegenheit der Engländer verhindert, den zweiten Teil mit der Energie anzufassen, die zu seinem Gelingen erforderlich war. Er wich furchtsam nach Cadiz aus, anstatt sich nordwärts zu wenden.

Die zurückkehrende französisch-spanische Flotte ward am 22. Juli 1805 bei Kap St. Vincent von der Flotte des Admirals Calder angegriffen und verlor zwei spanische Linienschiffe, worauf sie, wie erwähnt, nach Cadiz segelte. Nelson stieß mit seiner Flotte zu dem Geschwader des Vizeadmirals Collingwood, der mit 18 Linienschiffen die verbündeten Flotten blockierte. Am 19. und 20. Oktober liefen diese, kommandiert von den französischen Admiralen Villeneuve, Dumanoir und Magon und den spanischen Gravina und d’Alava, aus. Sie zählte 15 spanische und 18 französische Linienschiffe.

Der Wind war so schwach, daß die englische Flotte, obgleich sie alle Segel gesetzt hatte, die ziehen konnten, nicht mehr als zwei Knoten (eine halbe deutsche Meile) in der Stunde vorwärts kam. Dem Vorschlag seines Kapitäns, dem zweiten Schiffe in seiner Linie, dem „Temeraire“, den ersten Platz zu überlassen, stimmte Nelson zu, machte aber keinen Versuch, ihn zur Ausführung gelangen zu lassen. Um 5U11 Uhr erließ Nelson sein letztes Signal, das zu unsterblicher Berühmtheit bestimmte: „England expects every man will do his duty.“ (England erwartet, daß jedermann seine Pflicht tun wird.)

Der erste Schuß in der denkwürdigen Schlacht wurde von dem französischen Dreidecker „Fougueux“ um 10 Minuten vor 12 Uhr abgefeuert, worauf beide Flotten ihre Flaggen aufzogen. Collingwoods Flaggschiff setzte, von der „Santa Anna“ und deren nächsten Schiffen heftig beschossen, seinen Weg fort, ohne einen Schuß zu tun, so daß Nelson bewundernd ausrief: „Seht, wie prächtig Collingwood sein Schiff ins Gefecht bringt.“ Colling-wood aber, indem er sich der „Santa Anna“ näherte, äußerte zu seinem Kapitän: „Was würde Nelson darum geben, an meiner Stelle zu sein!“ Um 10 Minuten nach 12 Uhr durchbrach Collingwood diefeindliche Linie zwischen der „Santa Anna“ und dem „Fougueux“, wobei seine Backbordkanonen eine nach der anderen ihren Eisenhagel gegen die „Santa Anna“ entluden und die Breitseite der Steuerbordgeschütze dem „Fougueux“ zusandte. Dann luvte der „Royal Sovereign“ und legte sich an die Steuerbordseite der „Santa Anna“. Dabei hatte er auch das Feuer des „S. Leandro“ von vorn, des „Fougueux“ von rückwärts und des „S. Justo“und„Indomptable“ auszuhalten. Anderseits erhielt die „Santa Anna“ von dem nächsten britischen Schiffe, dem „Belleisle“, eine Breitseite; um 1 Uhr 20 Minuten fielen ihre drei Masten über Bord, und eine Stunde später strich sie die Flagge. Im weiteren Verlauf fiel Nelson, aber die Schlacht war gewonnen.

Das Jahr darauf zerschmetterte Napoleon Preußen bei Jena, 14. Oktober 1806. Friedrich Wilhelm III. König von Preußen, hatte beständig geschwankt, für wen er Partei ergreifen solle. Sein Vorgängerhattesichschon indem gleichenZwistbefunden; Friedrich Wilhelm II. hatte nämlich zuerst seine Truppen gegen die Sansculotten marschieren lassen, dann aber schloß er den Vertrag zu Basel. Darin wurde eine zehnjährige Neutralität Preußens ausgemacht. Der Geliebten des Königs, der Gräfin Lichtenau, wurden von englischer Seite zwei Millionen Mark angeboten, um den Herrscher zur Teilnahmean der europäischen Koalition gegen Napoleon zu bestimmen. Die Gräfin lehnte ab, und zwar aus Patriotismus, jedoch dieses Mal wäre es patriotischer von ihr gewesen, das Geld anzunehmen. Preußen erkannte nicht die Zeichen der Zeit und wiegte sich in dem Wahn, es allein könne sorgenlos abseits bleiben, während alle anderen sich die Hälse brachen. Wären die preußischen Soldaten zur rechten Zeit auf den Plan getreten, hätten sie noch bei Austerlitz mitgekämpft, so konnten sie einen entscheidenden Erfolg erzielen; so aber, allein gelassen, nachdem Österreich und Rußland gedemütigt waren, unterlag- das preußische Heer, und das ganze Land bis in den fernen Nordosten wurde von den Franzosen besetzt.

„Von allen heute existierenden Mächten ist Preußen diejenige, welche bei gutem äußeren Ansehen und bestem Schein von Festigkeit und Kraft die am weitesten im Verfall vorgeschrittene ist. Preußen befindet sich außerhalb des Prinzips, welches es gegründet hat und welches es existenzberechtigt macht; es entfernt sich alle Tage mehr davon. Es unterhält mit bedeutenden Kosten einen großen militärischen Apparat, aber es läßt durch den Rost der Zeit die Triebfedern zerstören, welche die Ruhe entnervt und welche die Bewegungen des Krieges allein erhalten können. Preußen vergißt, daß es nur ein Staat ist, weil es eine Armee war. Sein Prestige, einige Zeit durch frische Erinnerungen und Schaumanöver aufrechterhalten, wird der gefährlichen und verhängnisvollen Probe eines aufgezwungenen Krieges nicht widerstehen. An dem Tage, an welchem es alle schamvollen Ausflüchte einer ängstlichen Politik, die den Krieg vermeiden will, vergeblich versucht hat, wird es zu gleicher Zeit um seine Ehre und um seine Existenz kämpfen. An dem Tage, an welchem es seine erste Schlacht verloren hat, wird es aufgehört haben, zu bestehen.“

Dieses zwar nicht ganz von Mißgunst freie, im wesentlichen aber treffende Urteil über das Preußen von 1805 finden wir im Briefwechsel des Staatsrates im Auswärtigen Amte zu Paris Hautenve mit Talleyrand. Die im Schlußsätze ausgesprochene Vorhersage hat sich ein Jahr später wörtlich erfüllt. Der 14. Oktober 1806, der Tag der Doppelniederlage von Jena und Auerstedt, brachte den Zusammenbruch nicht nur des preußischen Heeres, sondern auch des Ansehens und der bisherigen Machtstellung der preußischen Monarchie.

Das Verhältnis zwischen Preußen und Napoleon hatte im Sommer 1806 einen Grad von Spannung erreicht, welcher einen Bruch unvermeidlich erscheinen ließ. Neben verletzender Gewalttätigkeit, wie der Besetzung der von Preußen angesprochenen Abteien Essen, Elten und Werden und der Einverleibung Wesels in das Kaiserreich, trieb Napoleon mit Preußen ein hinterlistiges Spiel mit dem Ratschlage, welcher dem König die Stiftung eines norddeutschen Bundes nahelegte, während er zugleich hinter Preußens Rücken gegen eine solche agitierte und Preußens völlige Isolierung betrieb. Die in der Nacht vom 5. auf 6. August eingehende Depesche Lucchesinis, daß Napoleon England das an Preußen gefallene Hannover wieder zurückzugeben beabsichtige, ließ die letzten Zweifel über des Kaisers wahre Absichten schwinden, und am 9. August befahl Friedrich Wilhelm III. die Mobilmachung des Heeres.

Nachdem aber um die Jahreswende 1805/06 die Armee zum größten Teile demobilisiert worden war, war man nicht entsprechend gerüstet, das Heer auch seinem inneren Zustande nach dem Gegner nicht gewachsen, und außerdem stand Preußen zur Zeit isoliert da und konnte, abgesehen von den Sachsen, auf rechtzeitige Unterstützung durch Alliierte nicht zählen.

Immerhin hatte Preußen durch die am 9. August befohlene Mobilmachung einen bedeutenden Vorsprung gegenüber der französischen Armee. Napoleon, welcher vor allem die Ratifizierung des am 20. Juli mit dem russischen Unterhändler Oubril geschlossenen Vertrages sichern wollte, mußte in hohem Maße angelegen sein, zu vermeiden, daß durch offenkundige Kriegsvorbereitungen der Verdacht übergriffiger Absichten erweckt werde, und so war die französische Armee vorerst auch andrerseits noch nicht vollkommen marschfähig. Wider Erwarten verzögerten sich die Verhandlungen in Petersburg und endeten schließlich mit der Verwerfung des Vertrages, wovon Napoleon erst am 3. September Nach rieh erhielt. Am 5. ergehen nun seine Anordnungen zur Vorbereitung auf einen größeren Krieg, jedoch erst am 20. an die sechs in Deutschland stehenden Korps die Befehle, welche die Operationen gegen Preußen einleiteten. Der Kaiser selbst verließ Paris in der Nacht zum 26. und traf am 28. Morgens in Mainz ein. Seine Streitkräfte sollten auf den drei, durchschnittlich einen starken Tagesmarsch voneinander entfernten Straßen über Bayreuth, Kronach und Koburg derart vorrücken, daß auf jeder je zwei Armeekorps vorzugehen, die Bayern der rechten Flügelkolonne in zweiter Linie zu folgen, in der Mitte außerdem die Division Dupont, die Garde und die Reservekavallerie nachzurücken hatten. Des Kaisers Operationsplan geht dahin, mit der versammelten Armee direkt gegen das Herz der preußischen Monarchie vorzurücken und den sich zum Schutze der Hauptstadt entgegenstellenden Gegner mit überlegener Kraft anzugreifen.

Die verbündete preußisch-sächsische Armee war indessen im Aufmärsche nördlich des Thüringerwaldes begriffen und hatte Vortruppen in diesen vorgeschoben. Ende September stand die Hauptarmee unter dem Herzog von Braunschweig, welcher zugleich den Oberbefehl über das gesammte Heer hatte, bei Naumburg, das rechte Flügelkorps unter General v. Rüchel bei Mühlhausen, das linke Flügelkorps unter dem Fürsten von Hohenlohe in Sachsen bei Chemnitz und Zwickau; General von Tauentzien nach Hof vorgeschoben, Blücher bei Göttingen, ein Reservekorps unter dem Herzog Eugen von Württemberg bei Fürstenwalde. Am 23. September war der König von Preußen mit der Königin im Hauptquartier zu Naumburg eingetroffen. In seiner Umgebung befanden sich der Feldmarschall v. Möllendorf, General von Phull vom Generalstab, die Generale v. Köckritz und von Zastrow, der Vortragende Generaladjutant Oberst v. Kleist, Major v. Rauch vom Generalstab und die Diplomaten Haugwitz und Lucchesini.

Da Friedrich Wilhelm III. den Oberbefehl nicht selbst übernahm, gleichzeitig aber auch die Leitung nicht uneingeschränkt in den Händen des zum Generalismus des gesammten Heeres ernannten Herzogs von Braunschweig beließ, so war die Anwesenheit des Königs mit seiner vielköpfigen Umgebung für die militärischen Operationen nur von nachteiligem Einfluß. Obwohl er die politische Lage vollkommen klar übersah, ließ ihn doch seine ausgesprochene Friedensliebe bis zum letzten Augenblick an der Hoffnung auf Erhaltung des Friedens fest-halten. Da er bei dem ihm eigenen Mangel an energischem Willen und an Selbständigkeit im Entschluß geneigt war, stets den Rat jedes einzelnen seiner Umgebung hören zu wollen und alle wichtigen Entscheidungen durch Konferenzen herbeizuführen, so entstand nicht nur häufig Verzögerung der Beschluß-fasssung, sondern bei der herrschenden Verschiedenheit der Anschauungen auch Mangel an Stetigkeit und Sicherheit in den Entschließungen, sowie Mangel an Konsequenz in ihrer Durchführung; auch mußte hiedurch die Autorität des Herzogs geschwächt werden. Die Tätigkeit und der Einfluß des Generalstabschefs des Herzogs, des trefflichen, unermüdlichen, weit und scharfblickenden Scharnhorst, war unter solchen Umständen durch Rücksichtnahmen und Friktionen aller Art in hohem Maße gehemmt und gelähmt. Andererseits gewann leider im Hauptquartier des Fürsten von Hohenlohe der Einfluß des dortigen Generalstabschefs, des Obersten von Massenbach, den des Fürsten Adjutant v. d. Marwitz treffend als Schwindelkopf und Konfusionsrat charakterisiert, umso breiteren Boden.

Nach dem am 24. und 25. September nach vielen Vorschlägen, Gegenvorschlägen und Beratungen im Hauptquartier des Königs zu Naumburg endlich gefaßten Endschluß sollte die Hauptarmee unter dem Herzog von Braunschweig und die Armee des Fürsten von Hohenlohe den Thüringerwald überschreiten, gegen den Main Vordringen und so die noch in der Zusammenziehung begriffene französische Armee in der Mitte durchbrechen, während zwei Flügelkorps im Bayreuthschen bezw. in Hessen durch Scheinbewegungen den Gegner zu einer unrichtigen Verteilung seiner Kräfte zu veranlassen bestimmt waren. Da man jedoch, in noch immer genährter Hoffnung einer möglichen Vermeidung bewaffneten Konfliktes, die Feindseligkeiten nicht vor dem 8. Oktober beginnen wollte, bis zu welchem Tage Napoleons Entscheidung auf das preußische Ultimatum gefordert war, verlor man kostbare Zeit und stand noch untätig am Nordfuße des Thüringerwaldes mit in diesen vorgeschobenen Vortruppen, als sich Napoleon bereits im Anmarsche befand. Da die hierüber am 3. Oktober in Naumburg eingegangenen Nachrichten die Ausführbarkeit der geplanten Offensive zweifelhaft machten, wurde nach längeren Beratungen endlich am 6. Oktober Abends beschlossen, den Thüringerwald nicht zu überschreiten, sondern eine Bereitschaftsstellung auf dem linken Saale-Ufer bei Erfurt zu nehmen und für den wahrscheinlichen Fall des weiteren Vorgehens des Feindes durch das Bayreuthsche auf das rechte Saale-Ufer abzurücken, woselbst noch die zu Hohenlohes Armee gehörigen sächsischen Truppen sich befanden. Als die eingehenden Nachrichten keinen Zweifel mehr ließen, daß der Kaiser auf dem rechten Saale-Ufer Vorgehen werde, wurde für die Verbündeten für den 9. Oktober eine engere Versammlung nahe dem linken Ufer zu einem allenfallsigen Uferwechsel befohlen und die noch auf dem rechten Ufer befindlichen Sachsen an die Saale herangezogen. Die Truppen der Hauptarmee waren bereits in Bewegung, um die befohlenen Märsche auszuführen, als man sich im Hauptquartiere wieder anders besann und die angeordneten Bewegungen auf den nächsten Morgen verschob. Inzwischen war der nach Hof vorgeschoben gewesene General GrafTauentzien, vor den anrückenden Franzosen zurückgehend, am 9. Oktober bei Schleiz geworfen, Hohenlohes Avantgarde unter dem Prinzen Louis Ferdinand am 10. Oktober bei Saalfeld bis zur Auflösung geschlagen worden, der Prinz hatte dort selbst den Tod gefunden. Durch diese unglückliche Einleitung des Feldzugs wurde die Stimmung der Armee, welche infolge von Verpflegungsschwierigkeiten bereits vielfach Mangel litt und in welcher durch unnötige Hin- und Hermärsche und die damit verbundene Erschöpfung der Truppen das Vertrauen in die Führung schon bedenklich geschwunden war, in hohem Grade gedrückt und verdüstert. Schon kommt es zu Exzessen der hungernden Truppen in den ihren Lagerplätzen naheliegenden Orten. Soviel über die Vorgeschichte von Jena, die noch heute beherzigenswert ist. Auch in der Schlacht selbst fehlte, außer bei Blücher, der Wille zum Sieg.

Friedrich Wilhelm der Dritte mußte seine Hauptstadt preisgeben. Er verlor, obwohl die Russen sich neuerdings ermannten und ihm zu Hilfe kamen, die blutige Schlacht bei Friedland und schloß den Frieden von Tilsit, einem Städtchen, das nicht fern von der russischen Grenze liegt. Der Zar Alexander der Erste wandte sich von Preußen ab und den Franzosen zu. Er ließ sich von des Korsen gleißenden Worten blenden und sich in den Glauben einwiegen, daß er, der Zar, von der Vorsehung dazu bestimmt sei, mit Napoleon die Herrschaft über die Welt zu teilen. Napoleon wälzte abermals ungeheure Pläne in seinem Gehirn. Aus Finkenstein, vom Schloß des Grafen Dohna, gab er den Befehl an General Gardanne, nach Teheran zu gehen, um den Schah für Frankreich zu gewinnen, und mit ihm einen gemeinsamen Zug nach Indien zu verabreden. In Persien wareine neue Dynastie, die der Kadscharen, 1794 auf den Thron gekommen. Es waren Türken von harter, grausamer Art. Der erste der Kadscharen, Aga Mohammed, ließ einmal 70000 Aufständigen die Augen ausstechen. Nun kam Feth Ali auf den Thron, den man wegen seiner großen Kinderzahl — er hatte zu seinen Lebzeiten dreitausend Nachkommen — den zweiten Adam nannte. Dessen Sohn, der Kronprinz Abbas Mirza, besetzte Tiflis und führte einen langwierigen Krieg gegen Rußland, der jedoch andauernd zu Ungunsten der Perser verlief. Im Jahre 1801 bemächtigten sich die Russen Georgiens, dessen Hauptstadt Tiflis ist, und faßten dadurch südlich vom Kaukasus Fuß; es dauerte noch ein halbes Jahrhundert, ehe der ganze Kaukasus unterworfen war. Auch während die Freundschaft zwischen Alexander dem Ersten und Napoleon bestand, hörte der Krieg zwischen Rußland und Persien nicht ganz auf. Zugleich aber mischten sich die Engländer ein, und schickten von Indien aus Offiziere, um dem Schah zu helfen.

Das europäische Festland lag jetzt zu Napoleons Füßen. Die Fürstenzusammenkunft zu Erfurt 1808 brachte dies deutlich zum Ausdruck; Könige mußten wie Kammerdiener im Vorzimmer des Eroberers warten.

Als gefährlicher Feind blieb nur noch England übrig. Um die stolze Seemacht zu brechen, ersann nun Napoleon die Kontinentalsperre. Da die Engländer am empfindlichsten an ihrem Geldbeutel zu treffen sind, so sperrte er das Festland für die englischen Waren, und suchte so den britischen Handel schwer zu schädigen. Es gelang ihm dies nicht völlig, da bei der ausgedehnten Küstenentfaltung Europas Schmuggel nicht zu vermeiden war, aber es stachelte doch die Engländer zu den höchsten Anstrengungen auf, um den Usurpator niederzuwerfen. Sie führten denKrieg von derPeripherieaus, auf Sizilien, Korsika, Korfu, in Neapel, in Dänemark, in Portugal, in den Niederlanden, wo sie die Insel Walcheren zu ihrem Waffenplatze machten, in Indien, wo sie die Anhänger Frankreichs zu Paaren trieben, und, wie berührt, in Persien, wo sie dem bedeutenden Einflüsse Gardannes entgegentraten; endlich in Südamerika. Durch die Eroberung Spaniens waren nämlich theoretisch auch die spanischen Kolonien an Frankreich gefallen, genau so, wie durch Besetzung der Niederlande die holländischen Kolonien. Dies nutzten die Engländer in ihrerWeiseaus.Sie nahmen 1806 dasKapland und griffen im gleichen jahre Argentinien und Uruguay an, wurden jedoch vor Buenos Ayres zurückgeschlagen. Außerdem besetzten sie das holländische Inselasien. Um wenigstens Südamerika für Frankreich zu sichern, schickte Napoleon 1807 einen Vertrauensmann nach Buenos Ayres. Der Erfolg1 war jedoch lediglich der, daß das lateinische Amerika weder an Frankreich kam, noch bei Spanien blieb. Es erklärte sich unabhängig. Den Anfang, ihre Freiheit zu erkämpfen, machten Argentinien und Chile, und zwar im Jahre 1810. Auch die Philippinen, einen anderen spanischen Besitz, wollte Napoleon gewinnen, und dachte außerdem zeitweilig an eine Besitzergreifung von Siam und Formosa; dazu reichte aber weder Zeit noch Kraft. Immerhin sind solche Pläne bezeichnend für die umfassenden Pläne des Kaisers, die denen heutiger Weltpolitik in nichts nachstehen. Dementsprechend ist denn auch der Name Napoleons überallhin gedrungen; selbst in dem fernen Angola in Westafrika, und in dem ostsibirischen Irkutsk galt nach seinem Tode Napoleon als eine Art Heiland, von dessen Rückkehr man Freiheit und ein goldenes Zeitalter erwartete.

In Europa regte sich der Widerstand gegen das neue Imperium. Nur wenige Völker hatten einen Vorteil von der französischen Herrschaft; so die Schweizer und Venezianer, die beide durch sie einer unerträglich und gänzlich unfruchtbar gewordenen Oligarchie entrissen wurden, ferner die Albaner, deren großer Führer, Ali Pascha aus Tepelen (nördlich von Dodona), sich zum Sultan der europäischen Türkei machen wollte, und die Serben, die gleich Ali mit Napoleon in Verbindung standen und von ihm zum Kampf wider die Türken ermutigt wurden, Die übrigen Völker erlebten zwar einen gewissen Aufschwung, des Verkehrs, da die Franzosen vortreffliche Straßen bauten, und zogen wohl auch Nutzen aus dem Abschneiden so mancher Verwaltungszöpfe; dafür wurden sie aber von den Fremdherrschern unbarmherzig ausgesogen, mußten ihnen schweren Tribut zahlen und ihnen Soldaten für ihre Feldzüge stellen. Dazu kam der Rassenhaß gegen die Fremden. Das erste Volk, das gegen den Korsen aufstand, war das spanische. Es folgten die Tiroler, die sich allerdings zuerst mehr gegen die Bayern, als gegen die Franzosen wandten; Tirol war nämlich dem neugebackenen Königreich Bayern verliehen worden. Die Aufstände der Spanier und Tiroler wurden niedergeschlagen. Ebenso die Putsche von Ferdinand von Schill und dem Herzog von Braunschweig. Der Krieg auf der iberischen Halbinsel wurde dagegen von England neu genährt, durch die Sendung Wellingtons, der sich indes lange auf die Defensive beschränken mußte.

Der Zar ward der Kontinentalsperre überdrüssig, da sie nicht nur den britischen, sondern auch den russischen Handel empfindlich schädigte. Eine Spannung entstand, die jedoch durch die überlegene Diplomatie Napoleons einstweilen überwunden wurde. So war Österreich allein, als es zum dritten Male gegen den Imperator zu Felde zog. Bei Wagram und Aspern schlugen sich die Österreicher mit bewundernswerter Tapferkeit, aber die Saumseligkeit des Erzherzogs Johann, der zu spät kam, rettete die Franzosen vor dem sicheren Untergang. Der Korse zog in Wien ein. Er erzwang den Frieden von Schönbrunn, und die Preisgabe Tirols. Eine Folge davon war die Heirat der Kaisertochter Marie Louise mit dem Usurpator, eine zweite die Erschießung Andreas Hofers zu Mantua.

Jetzt wandte sich der Eroberer nach Sachsen und Polen. Zugleich erhob er einen seiner Generäle, Bernadotte, der aus einer südfranzösischen jüdischen Bürgersfamilie stammte, zum König von Schweden. Hier ließ den Menschenkenner sein sonst so durchdringendes Urteil im Stich: Bernadotte hat keinen Dank erwiesen und war später einer der ersten, der gegen Napoleon Partei ergriff. Dabei waren die Interessen Schwedens eigentlich denen Rußlands entgegengesetzt; denn der Zar entriß 1809 dem Skandinavischen Reiche Finnland, ein Verlust, den Schweden bis heute noch nicht verschmerzt hat. Den Finnländern wurden übrigens alle ihre Privilegien ausdrücklich bestätigt, und wurde eigene Verwaltung zugesichert, Vorteile, die ihnen durch jüngste Maßregeln einseitig wieder entzogen wurden.

Es kam nun zum Bruche mit Rußland. In Warschau sammelte der Franzosenkaiser aus allen Gauen Europas ein Heer, das auf 560000 Mann beziffert wird. Es war die größte Invasionsarmee aller Zeiten bis auf 1870, wenigstens sind frühere Zahlen, die von noch größeren Heeren wissen wollen, so bei Chinesen und Hunnen, keineswegs vertrauenswürdig. Auch die Preußen mußten zähneknirschend ein bedeutendes Kontingent stellen. Zwar bereiteten sie, von Scharnhorst und Gneisenau geführt, eine Erhebung gegen die Fremdherrschaft vor, allein es war noch nicht so weit; man mußte sich noch gedulden und die harte Blutfron über sich ergehen lassen. Napoleon siegte bei Smolensk und Borodino, und rückte Ende September 1812 in Moskau ein. Friedensverhandlungen, die er eröffnete, führten nicht zum Ziel. Moskau geriet in Brand, und den obdachlosen Franzosen nahte der Winter. War es schon ein Fehler Napoleons gewesen, daß er zu so später Jahreszeit den Feldzug begann, so war es ein weiterer Fehler, daß er einen Monat untätig in Moskau verharrte, und ein dritter, daß er nicht einfach Winterquartiere in Rußland bezog. Er selbst hätte ja füglich nach dem Westen zurückkehren können, und dort während des Winters nach dem Rechten sehen können, während das Heer den Winter über einfach in Rußland verblieb. Es scheint jedoch, daß die ungeheuren, unaufhörlichen leiblichen und geistigen Anstrengungen, die von dem glutheißen Tale des Nils bis zu den Eisfeldern des Nordens führten, zeitweilig die Leistungsfähigkeit und Entschlußkraft des Eroberers geschwächt hatten, ähnlich wie im Grunde auch Alexander. Tatsächlich haben denn auch bei der ersten Niederwerfung Napoleons die Engländer keine irgendwie bedeutsame militärische Rolle gespielt. Ihre Subventionsgelder, die sie an das Festland zahlten, waren wichtiger als die Kriegstaten, die sie 1814 auf französischem Boden verrichteten.

In der Neujahrsnacht überschritt Blücher bei Caub den Rhein. Die anderen gingen zwar viel langsamer vor, und verzögerten viel kostbare Zeit auf dem Plateau von Langres, namentlich der österreichische Feldherr Schwarzenberg war mehr dafür, beherrschende Positionen inne zu haben, als Schlachten zu gewinnen. Trotzdem ging es mit dem Usurpator unaufhaltsam abwärts. Im Juni Unterzeichnete er seine Abdankung zu Fontainebleau. Man schickte ihn nach der Insel Elba in Verbannung, gab ihm jedoch 600 Soldaten mit, und ließ ihm auf der Insel völlige Freiheit.

In Wien versammelten sich die Fürsten und Diplomaten, um die gänzlich veränderte Karte Europas neu zu ordnen. Es war der vergnüglichste Kongreß, den die Weltgeschichte kennt. Eine Lustbarkeit, ein galantes Abenteuer folgte auf das andere. Das sonderbarste war, daß derVertreterderBesiegten,daß Talleyrand, seines Zeichens ein Bischof, seiner Anlage und Betätigung nach ein raffinierter Weltmann, die erste Violine spielte. Er brachte das durch einen kleinen Trick zuwege, durch die Erfindung der Legitimität. Nicht gegen Frankreich habe man gekämpft, so behauptete er, sondern gegen den korsischen Tyrannen. Nachdem der Tyrann gestürzt, kämen ganz von selber die rechtmäßigen, legitimen Herrscher, die Bourbons, wieder auf den Thron. Die Bourbons seien die natürlichen Freunde und Brüder der verbündeten Fürsten, die ja für das Legitimitätsprinzip den ganzen Kampf gegen Napoleon geführt. Sobald einmal die Auffassung Talleyrands durchgedrungen, war es für ihn ein leichtes, Preußen und Österreich zu verfeinden. Der Gegensatz zwischen den beiden Mächten spitzte sich zu, und schon war ein Angriffsbündnis zwischen Rußland, Österreich und Frankreich gegen Preußen vorbereitet — da platzte auf einmal wie eine Bombe in die Vergnügungen und Umtriebe des Kongresses die Nachricht hinein, Napoleon sei von Elba entflohen, und in Frankreich gelandet. Hätte der ungeduldige Korse nur wenige Monate gewar-tat, so wären seine früheren Gegner alle miteinander in ernsten Streit geraten. So aber war die Verhetzung Talleyrands noch nicht so weit gediehen, und mit überraschender Schnelligkeit faßten die bei dem Kongreß vertretenen Mächte den Beschluß, dem Usurpator, der inzwischen in Paris mit Jubel aufgenommen worden, und im Moniteur de France vom „Monstre“ zu Sa Majeste avanciert war, vereint entgegen zu treten. Die Herrlichkeit Napoleons währte diesmal nur hundert Tage. Es gelang ihm zwar, den alten Blücher bei Ligny zu schlagen, und beinahe hätte er die Engländer, die diesmal auch militärisch Anerkennenswertes leisteten, über den Haufen gerannt, als Blücher sein Versprechen einlöste, und, spät am Nachmittag, dem Herzog von Wellington zur Hilfe kam. Waterloo war Napoleons Ende. Er flüchtete nach England, wurde aber dort gefangen genommen. Um seine Rückkehr unmöglich zu machen, verbannte man ihn jetzt nach einer der einsamsten Inseln des Ozeans, nach St. Helena, wo er sechs Jahre darauf an Herzverfettung starb.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika

Männer; Völker und Zeiten

Am 22. Dezember passieren wir Kap Rova,die Einfahrt von Lissabon. Das Wetter ist nach wie vor prächtig. Mit Freund Gburek, dem Geophysiker, sitze ich auf dem obersten Deck, und wir lassen uns die heiße Sonne auf die nackte Haut scheinen. Wir kennen uns seit langem, doch spaßigerweise haben wir uns noch nie in Deutschland getroffen, aber mehrfach auf — Spitzbergen.

Tag vor Weihnachten! Wenn es auf diesem Schiff noch nicht halb so geschäftig zugeht wie auf dem Kurfürstendamm, so lassen doch gewisse Vorbereitungen auf außergewöhnliche Tage schließen. Da steht der Koch in der Kombüse und schneidet von einem Riesenschinken unendlich viele Scheiben ab. Dazu murmelt er unverständliche Worte in seinen erst nach 6 Wochen einigermaßen anständigen Polarbart. Zaubersprüche ? Heilsame ? Vitaminhaltige ? Keine Spur! Zahlen sind es. 239, 240. Bei 246 macht er Schluß. Selbst ein nur mittelmäßig talentierter Mathematiker kann leicht ausrechnen, daß bei 82 Mann 3 Scheiben auf den Kopf kommen. Die Küchenjungen schälen Berge von Kartoffeln.

Schon vor Tagen war am Schwarzen Brett ein Anschlag zu lesen, daß alle Musiker — im besonderen die mit der Spezialität: Weihnachtslieder — sich beim 3. Offizier melden möchten. Der Aufruf scheint mächtigen Anklang gefunden zu haben, denn von überall dudelt es einem ins Ohr: Stille Nacht! Hat sich was mit der stillen Nacht! Ganz taub wird man davon! Die Zimmerleute bauen Böcke und Sitzbänke, andere pieken unseren einzigen Wandschmuck an die Wände unseres Gemeinschaftsraums: Fahnen aller Größe; besonders die gelbe Quarantäneflagge macht sich sehr dekorativ.

Der Expeditionsleiter ist unser „Ältester“. Diese Würde hindert ihn aber gar nicht, zu Mittag freudestrahlend zu erklären: „Man“ — ein bißchen geniert er sich zu sagen „er“ — gucke schon immer heimlich das große von „zu Hause“ mit vielen Verboten aufgedrängte Weihnachtspaket an, aber ohne es natürlich aufzumachen, ja auch nur anzufassen–„man“ sei doch eben wie ein Kind!“

„Ach, watt!“ sagt Schirmacher, „wir haben schon alles aufgefressen, Mir spekulieren zu Weihnachten uff die andern!“

Um 5.46 Uhr ist Abendessen, eine Stunde später beginnt die Weihnachtsfeier. Sie ist ¦würdig und lustig zugleich.

Nach einem Weihnachtslied hält der Expeditionsleiter eine kurze Ansprache, sie bildet nur den Auftakt zur Feier. Einem weiteren gemeinsamen Lied folgt jetzt die Geschenkverteilung. Dazu muß ich vorausschicken, daß jeder beim Eintritt in den Gemeinschaftsraum eine Losnummer zog, die gleichzeitig Platznummer und Geschenknummer ist. Auf jedem Platz stehen mindestens 3 Flaschen Bier und eine Tüte mit Obst und Nüssen.

Die Geschenkverteilung besorgen Barkley und Paulsen. Sie halten ein Geschenk hoch, rufen die daraufstehende Nummer auf, der Inhaber der Losnummer schreit erfreut „hier“, und das Geschenk wird ihm aus-gehändigt.

Die Geschenke sind das, was man immer guten Bekannten zu Weihnachten schenkt: Messer, Drehbleistifte, Aschbecher, Kämme, Feuerzeuge, Bücher neutralen Inhalts. Aber selbst wenn man Dinge bekommt, die man überhaupt nicht brauchen kann, freut man sich. Es ist eben Weihnachten und irgendwer hat hebevoll an einen gedacht. Inzwischen wird dann und wann zugeprostet, und aufgeknackte Nußschalen häufen sich auf jedem Platz.

Unsere Elektriker haben eine Lautsprecheranlage gelegt, und die Weihnachtsrede von Reichsminister Heß trifft uns auch hier unter den Kanarischen Inseln. Leider sind so viele atmosphärische Strömungen vorhanden, daß wir die Sendung vorzeitig abbrechen müssen. Der 2. Offizier, Röbke, bringt als politischer Leiter der „Schwabenland“ diesen Teil unserer Feier mit einem Sieg Heil auf den Führer und das Reich zum Abschluß.

Jetzt folgt nochmals Kapitän Ritscher mit einer Weihnachtsgeschichte, und zwar mit einer eigenen. Er hat vor 26 Jahren eine „Weihnachtsfeier“ erlebt oder erleben müssen, die er niemals vergessen wird, und denen, die einmal davon gehört haben, wird es genau so gehen. Da sie außerdem in Schnee und Eis spielt, schien sie als Einführung in unsere Antarktisfahrt besonders geeignet.

Es war 1912, Kapitän Ritscher hatte die seemännische Leitung des „Herzog Ernst“, des Schiffes, das die „Deutsche Arktis-Expedition“ unter Schröder-Stranz an die Nordküste von Spitzbergen brachte. Eine Reihe unglückseliger Zufälle, Geldschwierigkeiten usw. hatten sehr spätes Aufbrechen der Expedition verursacht. Der Sommer war zu schnell zu Ende, der Herbst dauert in diesen Breiten nur wenige Tage, der Winter kam überraschend schnell, das Schiff fror ein. Da ich hier nur die Erzählung von Kapitän Ritscher wiedergeben will, übergehe ich die ganze folgende Zeit mit der Angst um das Schiff, mit der Aufteilung der Expedition in verschiedene Gruppen, mit dem Todesmarsch von Schröder-Stranz und seinen 3 Begleitern im unwirtlichsten Teil von Spitzbergen, im Nord-Ostland. Eine Gruppe von 3 Mann, zu der auch Kapitän Ritscher gehört, bleibt von September bis Dezember in leerstehenden Fanghütten von Pelztierjägern am Westufer der Wijdebucht. Die Not ist aufs äußerste gestiegen. Munition wird knapp. Und nur gelegentlich kann ein Vogel oder ein Rentier geschossen werden. Der eine von den dreien, Rüdiger, hat schwere Erfrierungen an den Füßen, ein anderer, Rawe, muß unbedingt bei ihm bleiben, aber der dritte muß jetzt versuchen, Hilfe zu schaffen. Dieser Dritte ist Ritscher. Es sind etwa 140 km von der Hütte am Kap Petermann bis zur nächsten Siedlung Longyearbyen. Er weiß auch nicht, wann er da sein kann, er kann nur laufen, laufen Tag und Nacht. Er läuft unbeschwert, er hat weder Zelt noch Karte. Er hat auch weder Kocher noch Kochtopf, er hat noch nicht einmal eine Brotkrume bei sich. So läuft er, läuft . . . um sein Leben, um das Leben der andern. Seine Hündin Bella läuft mit ihm. Sie ist ihm Trost und Kamerad. Manchmal ist sie einen Tag lang fort, hat irgendwo einen Fuchs gewittert . . . dann kommt sie wieder, sie ist viel zu schwach, irgendein Wild zu fangen. Dazu sind 30 Grad Kälte, Tag und Nacht, d. h. es ist immer Nacht. Der Mond steht auch am Tage am Himmel. An den Sternen sieht Ritscher, wann Mitternacht ist, an den Sternen sieht er, wann Mittag ist. Der Polarstern ist der ruhende Punkt, um ihn dreht sich alles, der Mond, die Sterne, die ganze Erde, er selbst. Ihm verdankt Ritscher, daß er nicht im Kreise läuft. Er läuft und läuft … 9 Tage und 9 Nächte . . . ohne einen Bissen. Er darf nicht schlafen, 9 Tage und 9 Nächte. Immer nur laufen. Da läuft gar kein Mensch mehr, da läuft eine Maschine, trab, trab, trab.

Und die Hündin Bella läuft mit, trab, trab, trab, trab. — Er kann nicht mehr laufen, der Körper will den Wahnsinn nicht mehr mit-machen, die Maschine droht zu versagen. Aber er reißt sie immer wieder hoch, findet hier noch eine Reserve und dort noch eine, er will, will, will — — Lächerlich, dieser Körper, er muß einfach! Und er läuft weiter, läuft einfach weiter. Und die Hündin Bella läuft mit. Vielleicht will er ausprobieren, wer von beiden es besser kann, die Hündin Bella oder er. Es fehlt nicht mehr viel zum Wahnsinn, nur noch ein ganz kleines Stück. Aber keine Angst! Vorläufig läuft er noch, läuft immer weiter, immer nach Süden, genau nach Süden, genau weg von dem Polarstern da oben … Der sitzt im Kalten, mitten über dem Nordpol, aber er läuft nach Süden, in die Wärme . . . wenn er noch ein bißchen weiterläuft, muß er bald in die Tropen kommen. 0, er fängt sogar an, seine Kräfte einzuteilen, er läuft nicht mehr die ganzen 24 Stunden in demselben Tempo, nein, nein. Er wird sparsam! Ab und zu läuft er langsamer. Ja, er geht sogar im Schritt, im ganz einfachen Schritt, setzt ruhig ein Bein vors andere. Das Herz arbeitet wie toll.

„Was willst du denn, dummes Herz, du siehst doch, daß ich langsamer gehe, so beruhige dich doch.“

Und das Herz glaubt es, läßt sich übertölpeln, und er freut sich seiner List, und läuft weiter, und die Hündin Bella läuft mit.

Und dann wird er noch sparsamer! Er legt Ruhepausen ein, zum richtigen Ausruhen. Ja, er legt sich sogar auf das Eis. Es ist wundervoll, einmal liegen und sich ausstrecken zu dürfen. Aber sofort springt er wieder hoch. Bloß nicht erfrieren!

Und dann macht er eine Erfindung. Er‘ legt sich wieder hin, ganz ruhig, und er schläft sogar . . . bitte, hei 30° Kälte . . . Keine Angst, er bleibt ganz ruhig . . . Das ist ja sein Trick … er hat den Kopf auf die Hand gelegt, und in der Hand tickt sein Taschenwecker . . . ticke tacke ticke tacke. Und nach genau 15 Minuten rasselt der Wecker. Da springt er wieder hoch. „Komm, Bella, weiter, weiter!“ Und dann lacht er, lacht über seine Erfindung. Patent Ritscher! Phänomenal! Mit genauer Gebrauchsanweisung! Anzuwenden hei Sechstagerennen über Eis hei 30° Kälte! Großartig! Und er ist wirklich ausgeruht. Nach ein paar Stunden die nächste Rast. Wieder 15 Minuten! Und wieder fühlt er sich frischer, kann weiterlaufen. Und die Hündin Bella läuft mit.

Endlich Kap Thordsen! Der Eisfjord, und drüben auf der andern Seite ist die Siedlung. Aber der Fjord ist 25 Kilometer breit, und die Strömung hat in der Mitte das Eis aufgerissen. Er muß warten, bis das Wasser ‚wieder zufriert. Und heute ist Weihnachtsabend. Er hat schon lange keinen Hunger mehr. Aber jetzt sieht er Weihnachtskuchen vor sich, und Kaffee, und Braten, Unmengen von Braten. Und dann läuft er weiter, immer an der Wasserrinne entlang, will sie umgehen.

Da kommt günstiger Wind . . . Die Rinne friert zu … er läuft wieder nach Süden. Das Eis ist noch dünn, er springt von Scholle zu Scholle. Irgendwann bricht er ein. Er kann sich herausarbeiten, aber er ist triefend naß. Und im Augenblick ist alles gefroren, Kleider, Stiefel, Handschuhe. Und war bis jetzt sein Laufen noch Spaß, jetzt wird es bitterster Ernst. Jede Sekunde Ruhe kann ihn erfrieren lassen. Und er läuft in wahnsinniger Angst weiter, läuft, stolpert, schlägt hin, rutscht auf den Knien weiter . . . und erreicht die Siedlung. Am 27. Dezember. Und die Hündin Bella ist auch dabei.

Die Erfrierungen sind schwer, es kostet mehrere Zehen- und Fingerglieder, aber schon nach einigen Tagen kann Kapitän Ritscher eine Rettungsexpedition auf den Weg schicken. Die Hündin Bella geht mit, kommt aber unterwegs um. Mit Ausnahme der Schröder-Stranz-Gruppe auf Nord-Ostland konnten später alle übrigen Teilnehmer gerettet werden. Auch das Schiff wurde wieder flott gemacht, und Kapitän Ritscher hatte selber die Freude, es im nächsten Sommer in guter Verfassung nach Hause bringen zu können.

Schröder-Stranz ist bis heute verschollen, im Sommer 1937 und 1938 wurde in der Dovebucht im Nord-Ostland von Spitzbergen ein Zeltlager gefunden. Für mich persönlich bedeutet es ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß ich gerade derjenige sein durfte, der im vergangenen Sommer auf Spitzbergen die Reste dieses Lagers in die Hand bekam und sie nach Deutschland befördern konnte.

Ich habe aus dem Weihnachtsbericht von Kapitän Ritscher einige Szenen etwas eingehender wiedergegeben, denn dieser Bericht sollte im Mittelpunkt unseres Abends stehen. Es war sicher gut so, daß jeder Teilnehmer unserer Expedition noch einmal feststellen konnte, daß sein Expeditionsleiter wirklich kein Neuling in Eis und Schnee sei, daß er aus dessen eigenem Munde nochmals die Erfahrungen hörte, die dieser in bitterster Weise an sich selbst erproben mußte.

Aber unser Weihnachtsabend soll sich nicht in allzu ernsten Erlebnissen erschöpfen, wir hätten gern noch etwas freudigere Erzählungen gehört. Und dazu wird Kapitän Kraul gebeten. Es dürfen keine einfachen Schnurren sein, beileibe nicht, es muß ausgesprochen weihnachtlich sein. Da Kraul aber von 30 Weihnachten nur 3 im trauten Familienkreise verlebt hat, wird manches dabei sein, was heute für uns paßt. Er schildert uns eine weihnachtliche Flucht mit Kind und Kegel aus Wladiwostock durch ganz Sibirien über Moskau nach Hamburg, daß uns vor Lachen die Tränen in die Augen kommen. Und die schöne Geschichte von dem blasierten Norweger mit seiner Shagpfeife, der immer erklärte: „Wir in Amerika tun das so und so“ ist später immer wieder mal zitiert worden.

Nun noch ein gemeinsames Weihnachtslied, dann werden die Lichter an dem Tannenbaum gelöscht, und man bleibt noch einige Zeit gemütlich beisammen. Ab und zu verschwindet einer auf ein Stündchen, dann schleicht er sich in seine Bude und packt die mitgegebenen Weihnachtspakete aus. Weihnachten ist nun mal das Fest der Kinder! Der kleinen und der großen!

Las Palmas in Sicht. Aber wir fahren mit 12 Seemeilen dran vorbei. Strömung und Wind helfen.

Trotz des Feiertags arbeiten unsere Meteorologen. Lange läßt sogar zwei Ballons aufsteigen.

Am 2. Feiertag nachmittags kommt die afrikanische Küste in Sicht.

Der helle Strich am Horizont ist der dunkle Erdteil! Wir steuern Kap Blanco an.

Mein Weihnachtspaket enthält ein paar kleine hölzerne Pinguine. Ich klebe sie mit Pelikanol — warum heißt das Zeug eigentlich nicht Pinguinol? — auf mein Fensterbrett. Ich kann vorwegnehmen, daß diese „Pikkelwinchen“ auch lange Zeit in der Antarktis die einzigen Pinguine waren, die wir zu Gesicht bekamen, aber davon später!

Der Mond ist im ersten Viertel, steht nicht aufrecht wie bei uns, sondern liegt auf dem Rücken. Komische Himmelskunde! Auch Großer Bär und Polarstern sind schon tief am Horizont.

Große Passagierdampfer begegnen uns, von und nach Kapstadt. Tausend Lichter an Bord.

Ich habe mir ’mal auf Sizilien einen riesigen Strohhut gekauft, der einen Schatten von einem Meter Durchmesser gibt. Den setze ich auf, denn der Arzt warnt vor der Tropensonne.

Kap Verde! Also richtiges Afrika und ganz nahe. Wenn dort Palmen Stünden, würden wir die Blätter zählen können. Aber es scheint eine trostlose Gegend zu sein.

Regula ladet ein zu den „Wundern der Tropennacht“. Wir sitzen vor seiner Meteorologenbude und trinken reinen Gin. Das Sodawasser dazu ist alle. Sein Amtsbruder Lange sieht die „Wunder der Tropennacht“ früher als die andern, er hat von vornherein jegliche Sodaeinmischung abgelehnt. Aus Herzensgüte, die ihm erst am nächsten Nachmittag im vollen Umfange zum Bewußtsein kommt, spendiert er seinen Weihnachtskuchen. Es bleiben nur Krümel übrig, die man ihm wieder in den Gin tut, damit sie nicht umkommen. Dazu läßt Regula sein Grammophon spielen. Zu den „Wundern der Tropennacht“ gehören Original-Hawai-Lieder. Kraul meint, so könnten es die Pinguine auch. Er muß es wissen, er hat sie jahrelang beobachtet. Er kann sich fast mit ihnen verständigen. Da Untätigkeit die gefährlichste und ansteckendste Krankheit ist, werden Vortragsabende eingerichtet, erstens, um wenigstens einen Menschen arbeiten zu lassen, zum andern, um etwas zu lernen, drittens, und das ist doch das Wichtigste, um immer wieder die gemeinsame Idee zu betonen, die uns 82 Expeditionsleute nun einmal zusammengeführt hat. Es ist keine Kleinigkeit für einen Expeditionsleiter, 82 verschiedene Geister unter einen Hut zu bringen. Der gemeinsame riesige Zylinderhut ist unsere Aufgabe in der Antarktis. 82 Mann helfen daran, sie zu lösen. Jeder einzelne muß an der Stelle, die ihm nun einmal zugewiesen ist, sein Bestes tun. Das Zusammenspiel der 82 ergibt das ganze Werk. Eigentlich ganz einfach!

Unser Arzt Dr. Bludau hält den ersten Vortrag. Viele von uns sind zum erstenmal in den Tropen, die meisten werden zum erstenmal in ihrem Leben Eis sehen. Der Körper muß sich also erheblich umstellen, es sind weder Sonnenstich noch Erfrieren schön.

Auf einen medizinischen Vortrag paßt am besten ein biologischer. So redet also noch Barkley von seinen kleinen und großen Tierchen. Die Überschrift könnte lauten: Vom Plankton zum Blauwal! Oder besser umgekehrt, wenn man ans Fressen denkt. Tatsächlich frißt immer einer den andern. Aber der, der sie alle frißt, das ist der Mensch. Über den kommt keiner!

Wissen Sie übrigens, wieviel ein ausgewachsener Blauwal wiegt ? Soviel wie 25 Elefanten! Ja, danke schön!

Der nächste Tag, der Silvester, bringt gleichzeitig die Äquatortaufe für 26 ausgesprochene Landratten. Schon gestern abend waren Triton und ein paar niedere Meergeister unter gleichzeitigem Abschuß einer Leuchtrakete an Bord gekommen, hatten sich dem Kapitän des Schiffes vorgestellt, die Liste der Täuflinge verlangt, dicke Zigarren geraucht und größere Mengen Bier vereinnahmt. Komisch, ein rauchender Meergreis! Aber offenbar hat Neptun da unten das Rauchen verboten oder die Streichhölzer sind ihm naß geworden. Wenigstens scheinen diese Abgesandten aus der Meerestiefe jahrelange Entbehrungen nachholen zu wollen. Aber es sei ihnen vergönnt! Und das Bier auch! Prost Triton!

Zur Äquatortaufe selber erscheint natürlich Neptun mit Frau Thetis, samt Pfarrer, Arzt, Friseur, Astronomen, Historiker, den beiden Negern, Schutzmann und anderen Trabanten und Helfern.

Die Taufe vollzieht sich nach uraltem Seemannsritual und ist wohl im Prinzip immer’ dieselbe. Natürlich schmecken die freundlichst gereichten Kekse nach Terpentin, ist dem kredenzten Glas roter Flüssigkeit neben Himbeersaft bestimmt ein Schuß Petroleum beigemixt, der Arzt taucht sein Hörrohr stets in blaue Ölfarbe, und die Rasierseife ist reines Stauffer-Fett. Die Neger sind nur deswegen schwarz, damit bei der Balgerei im Wasser der Täufling selber nachher nicht viel anders aussieht, und selbstverständlich wird er kopfüber ins Wasser geworfen und von den Negern vorschriftsmäßig dreimal getauft.

Leute, die sich vorher irgendeines Vergehens schuldig gemacht haben, werden selbstverständlich öfter getauft.

Armer Gockel! Er ist eine Seele von Mensch. Die Ruhe selbst. Aber der Unglückselige Heß sich — vielleicht listigerweise hervorgelockt — vor zwei Tagen zu irgendeiner abfälligen Bemerkung über Wert oder Unwert der heiligen Taufhandlung hinreißen, . . . und er hat schwer büßen müssen. Zwei Kekse muß er schlucken, zweimal muß er Himbeersaft trinken, sechsmal wird er getauft!

Jetzt auf der Rückreise fragt Gockel den seebefahrenen Lange: „Sagen Sie mal, findet eigentlich wieder ’ne Taufe statt, wenn wir über’n Äquator kommen?“

Diese mit recht viel Humor und nettem Spaß durchgeführteÄquator-taufe ist ein hübscher Auftakt für die abendliche Silvesterfeier, die wieder im Gemeinschaftsraum stattfindet. Unsere Elektriker haben eine imposante Lautsprecheranlage gelegt, einen Senderaum gebaut, und nun kommen Schallplatten und eigene „Sendungen“ in buntester und lustigster Reihenfolge zu Gehör. Hartmann und Ruhnke sind unerschöpflich. Ihr Repertoir hätte sicher bis zum nächsten Silvester gereicht. Eine der Glanznummern Hartmanns ist der Hörbericht über das letzte Autorennen auf der Avus. „Achtung, Achtung! Wir befinden uns jetzt an der Nordkurve, die ersten Wagen kommen: uiiiih! uiiiih!“

Der Neujahrstag bringt uns die ersten fliegenden Fische. Wie Pfeile schießen die heringsgroßen Tierchen über das Wasser. Neujahrstelegramme laufen ein und werden beantwortet. Das Geschäft blüht in der Funkbude.

Am 2. Januar erreichen wir Ascension, eine kleine Vulkaninsel mitten im Südatlantik. Auf der Nordwestecke der Insel eine englische Garnison mit den einzigen menschlichen Bewohnern. Im übrigen soll es viele Schildkröten hier geben. Preuschoff hat eine phantastische Harpune zurechtgehämmert und guckt 4 Stunden lang ins blaue Wasser, bis ihm die Augen tränen. Doch dafür gibt es prachtvolle Vulkankegel, Musterbeispiele wie aus dem Bilderbuch. Alle schön in Reih und Glied aufgebaut.

Von Ascension an wird ein regelmäßiger Lotdienst eingerichtet mit Protokollen usw. Paulsen, Gburek, Barkley, Bruns und ich. Später kommen noch Mayr und Schirmacher dazu. Jede Lotwache dauert 4 Stunden, und alle halbe Stunde wird auf den Knopf gedrückt. Bei interessanten Stellen öfter. So tasten wir von Ascension bis zum Eisrand und wieder zurück bis zum Äquator über 12000 Seemeilen Meeresboden ab. Alle 5 Seemeilen eine Lotung.

Das Essen ist so gut an Bord, daß plötzlich das Bedürfnis auftaucht: Wir wollen uns wiegen lassen, damit wir wissen, wie gesund wir sind und durch die morgendlichen „Eier nach Wahl“ später werden. Der Arzt führt Protokoll. Die Wage stammt aus der Küche. Der Schlachter wiegt sonst nur halbe Ochsen damit. Böse Zungen behaupten, jetzt hängen endlich mal ganze dran.

Es wird jeder gewogen, jeder. Käpt’n Kraul hält mit Lebendgewicht 119 kg den Rekord, aber gleich dahinter kommt Amelang. Beide zusammen wiegen soviel wie eine normale sechsköpfige Familie.

Keiner von uns weiß richtig, wieviel er eigentlich wiegt oder wiegen muß. Nur der Arzt weiß das. Aus Berufsgründen. Und gerade ihm zieht man unmerklich so ein bißchen das Gewicht herunter.

„Was! Neun Kilo mehr als mein übliches Gewicht? Da muß ich eine neue Entfettungskur einlegen!“

Bludau ist ein sonniges, unbescholtenes Gemüt. Er ahnt weder Lug noch Trug. Sein Tischnachbar Paulsen ißt von jetzt ab grinsend zwei Portionen Nachtisch und zwei Portionen Sonntagsnachmittagskuchen. Erschwerend kommt hinzu, daß von alters her auch Donnerstag Seemannssonntag ist. Also auch donnerstags ißt Paulsen zweimal Rosinenkuchen.

Es herrscht überhaupt durchweg eine vergnügte Stimmung. Mayr will sich unbedingt auf Bouvet aussetzen lassen und Seeleoparden schießen. Kraul soll auf Südgeorgien König werden. König Kraul der Erste! Nicht übel!

Heute am 6. Januar mittags eine Sonnenhöhe von 90 Grad. Das heißt, man wirft keinen Schatten mehr, man läuft auf seinem eigenen Kopf spazieren.

Der nächste Tag bringt als einzige Abwechslung — außer der täglichen Radiosonde — Bootsmanöver an den Rettungsbooten in voller Kriegsbemalung, d. h. mit angezogener Schwimmweste. Es fällt aber niemand ins Wasser, und alles läuft programmgemäß. So etwas muß sein, damit jeder tatsächlich im Ernstfälle weiß, wo er hingehört.

Der 8. Januar ist Sonntag, Eintopfsonntag. Auch auf der „Schwabenland“ gibt es „Eintopf“, obgleich wir mitten auf dem Südatlantik schwimmen auf 31,5° Süd. Ein rührendes Bekenntnis zur Heimat.

Wieder eine Sensation! Diesmal mit der Radiosonde. Lange stürzt in den „Salon“: „Die Pulle Sekt ist fällig! Die 30-km-Grenze ist überschritten! Wir haben den Sender länger als 1% Stunde gebört!“ Nach Langes Rechnung mußte der Ballon fast den Mond erreicht haben. Alles Schwindel! Die anderthalb Stunden stimmen, bloß war der Ballon längst vorher geplatzt, und die Sonde hatte beim Abstieg weitergefunkt. Der Umkehrpunkt und damit die größte Höhe ist nachher aus dem Diagramm leicht festzustellen. Und — zum Ruhme Langes sei es gesagt — er berichtigt sich zum Abendessen und verzichtet auf die Pulle.

Die Sensationen häufen sich! Am 9. abends Tristan da Cunha in Sicht. Eine recht kleine Vulkaninsel. Die meisten Inseln des südatlantischen Ozeans sind von den tüchtigen portugiesischen Seefahrern Anfang des 16. Jahrhunderts entdeckt worden, Ascension, Fernando Noronha (von Vespucci), Trinidad, Martin Vaz, St. Helena, Gough und auch Tristan da Cunha. Mit wenigen Ausnahmen (z. B. Trinidad brasilianisch) sind diese Inseln jetzt alle in englischem Besitz. Die kahlen Basaltfelsen bieten weder viel Bodenschätze noch allzu üppiges Pflanzenleben, aber im Kriegsfälle sind sie wichtige Flottenstützpunkte. Jetzt bleibt höchstens mal eine Walkocherei im Lee der Insel 3 Stunden hegen, um im Windschutz in Ruhe bunkern zu können.

Die 128 lebenden Einwohner von Tristan da Cunha haben ein sensationsarmes Dasein. Es passiert nicht viel. Und wenn ein Schiff in die Nähe kommt, sind sie aus dem Häuschen. Im Abstand von 2 Seemeilen fahren wir dran vorbei. Man merkt, wie unsertwegen Lampen in den Häusern angesteckt werden. Ein Licht geht häufiger an und aus. Da scheint jemand zu morsen. Unsere Funker sind auf der Höhe. Sie versuchen zu antworten. Sie funken auf allen möglichen Wellen, und als keinerlei Antwort kommt, morsen sie mit Taschenlampen. Sie morsen auf englisch, portugiesisch, deutsch, französisch. Aber es erfolgt nichts. Wenn das Licht da drüben wirklich morst, dann ist es entweder ein Spaß von einem 14jährigen Jungen, oder die Sprache ist chinesisch. Es tut uns ehrlich leid, die guten Leute enttäuschen zu müssen, aber wir haben wenig Zeit und fahren weiter. Wenn man uns auf gefordert hätte, an Land zu kommen, um vielleicht ärztliche Hilfe oder dergleichen in Anspruch zu nehmen, hätten wir selbstverständlich Folge geleistet. Der Seemann ist stets hilfsbereit. Aber ein solcher Sonderfall war anscheinend nicht vorhanden. So verlieren wir bald die Insel wieder aus den Augen.

Aber toll sieht sie aus, die Tristan-da-Cunha-Insel. Sie hat einen Beinamen: die einsamste Insel der Welt. Der Name sagt genug. 1506 soll sie von dem portugiesischen Admiral Tristan da Cunha entdeckt worden sein, dann fanden die Holländer sie 1643 von neuem auf, denn die Kenntnis ihres Vorhandenseins war längst verlorengegangen. 1767 kamen die Franzosen und 1790 amerikanische Pelztierjäger. Nach so vielen Besuchen so vieler Nationen hielt es England für notwendig, die Insel 1806 kurzerhand zu annektieren. Eine Garnison von 50 Europäern und 50 Hottentotten wurde hier abgesetzt. Bis auf einen Schotten, William Glaß, wurde die Garnison wieder aufgelöst. Dieser blieb dort, ließ seine Frau nachkommen, setzte 16 Kinder in die Welt und wurde der Stammvater der heutigen Bevölkerung. Mehr oder weniger gescheiterte Seefahrer siedelten sich an, und die Frauen holte man sich von der nächsten bewohnten Insel St. Helena. Nicht so romantisch, wie sich die Römer seinerzeit ihre Sabinerinnen holten . . . ein befreundeter Walfänger sollte ein halbes Schock für sie anheuern. Als er nach Tristan zurückkam, konnte er glücklich fünf Damen abliefern. Er stellte sie am Strande auf, die Junggesellen knobelten — und dann waren sie sozusagen unter die Haube gekommen. Die alten Berichte sprechen nicht sehr hebenswürdig von diesen Damen und bezeichnen einige von ihnen als schlechthin lasterhaft. Wie dem auch gewesen sein mag, jetzt wohnen auf Tristan etwa 200 Menschen, Männlein und Weiblein, im vernünftigen Verhältnis von annähernd 1:1. Die Rasse soll ein bißchen kompliziert sein, denn die schiffbrüchigen Seefahrer und die halbschwarzen Dämchen von Helena waren doch recht verschiedene Leute. Merkwürdigerweise zieht die Inzucht dort keinerlei schädliche Folgen nach sich, die meisten Menschen werden 80 Jahre alt und haben angeblich die besten Zähne der Welt.

Tristan da Cunha und ein paar Inseln in der Nähe, z. B. Nightingale, sind übrigens, soweit bekannt, die einzigen Brutplätze mehrerer Vogelarten, die man im Atlantik von Neufundland bis zur Antarktis antrifft (Petrelle), und beherbergt Vögel ohne Flügel, die größten Albatrosse und tausend andre Merkwürdigkeiten.

Das Kartenbild zeigt Grundriß und Aufriß eines geradezu idealen Vulkans. Die höchste Spitze (Mt. Olav) hegt 2028 m über dem Meere. Die Vorbereitungen für die Arbeiten in der Antarktis schreiten fort. Kapitän Ritscher stellt einen genauen Organisationsplan auf, wir besprechen alle Einzelheiten. Schwierig sind nicht die Flüge, die gelingen, sondern gerade die, die nicht gelingen. Und eine etwaige Notlandung auf dem antarktischen Inlandeis ? Aber man muß gerade daran denken und alle, einfach alle vorkommenden Möglichkeiten in Betracht ziehen. Auf keinen Fall wird irgendeine Gruppe im Stich gelassen. Natürlich haben wir alle nur den einen brennenden Wunsch, daß unser Programm sich ohne Zwischenfälle abwickeln möge. Der schwierigste Faktor ist ja stets das Wetter. Und das scheint nach den vorhegenden Berichten in der Antarktis wechselnder als anderswo zu sein, außerdem stets um einige Grade kälter, stürmischer. Und wo wird das Packeis hegen? Wie weit kommen wir mit der „Schwabenland“? Tausend Fragen, die wir im Grunde doch der Zukunft und unserm guten Stern überlassen müssen. Aber alle Möglichkeiten müssen durchgesprochen werden.

Mayr und Schirmacher, die beiden Fheger, spielen seit Tagen Kaufmannsladen. Der Notproviant wird zusammengestellt, ausgewählt, abgewogen, in Beutel verpackt. Die Schlitten gehen nicht in die Flugzeuge hinein, auch nicht zusammengelcgt. Sie müssen etwas umkonstruiert werden. Ich zeichne Karten von den in Frage kommenden Abschnitten in verschiedenen Maßstäben und Projektionen. Eine Merkatorprojektion in einem Maßstab, bei dem 1 mm etwa 1 km in der Natur entspricht, scheint sich für die Flüge am besten zu eignen.

Die ersten Vorboten aus der Antarktis kommen! Ein Telephongespräch mit der Walkocherei „Wikinger“, die dicht am Polarkreis und von uns noch etwa 3000 km entfernt liegt. Ein Hoch auf die Technik! Und Kraul hat sofort einige Meter Walwurst und Walfischfleisch bestellt, d. h. auf europäische Verhältnisse umgerechnet: eine Hausfrau in Venedig bestellt telephonisch ein paar Knobländer beim Schlächter am Nordkap. Von Berlin aus müßte sie sich schon bis nach Spitzbergen bemühen oder nach der andern Seite etwa bis Kairo. Das sind ziemlich genau die gleichen Entfernungen.

Am 10. Januar gleich nach dem Frühstück die erste große Besprechung des Organisationsplans. Schiffsleitung, Wissenschaftler, Flugbesatzungen und Katapultführer werden zugezogen. Kapitän Ritscher liest den vollständigen Organisationsplan vor. Er enthält das gesamte Arbeitsprogramm an der Eiskante. Wenn sich nur ein Teil davon verwirklichen läßt, dann bringen wir beachtliche Resultate mit nach Hause. Es gibt unter den 25 Mann, die liier um den großen Tisch herumsitzen, Gesichter, die nur schlecht verbergen können, daß sie froh wären, wenn sie die Geschichte hinter sich hätten. Aber es wird bei allen Unternehmungen „so’ne und solche“ geben! Solche, auf die’s wirklich ankommt, und so’ne, die zunächst nur mitgehen. Das ist nun mal nicht anders! Ich sehe verstohlen von einem zum andern, und mit Befriedigung und Stolz kann ich feststellen, daß nur verschwindend wenige noch etwas zurückhaltend sind, daß aber den Leuten, auf die es im Ernstfall ankommen wird, die ungeheure Freude anzumerken ist, dabei sein zu dürfen. Kapitän Ritscher wird von dieser Spannung miterfaßt, seine Worte werden noch fester und bestimmter. Er ist ein Draufgänger, kaum weniger als der Jüngste unter uns. Aber jedes Wort ist genau bedacht, jeder Vorschlag einer fliegerischen oder sonstigen Erkundung fußt auf eingehendster Für- und Widerbesprechung mit den entsprechenden Facharbeitern, und im ganzen gesehen kommt ein wundervoller „Husarenritt“ heraus, der schon einen ganzen Kerl erfordert.

Man nehme mir nicht übel, daß ich ehrlich sein möchte. Der Geschichtsschreiber braucht nicht zum bloßen Geschichtenschreiben herabsinken. Ich will mit Freuden so viele lustige Geschichten aufzählen, wie Tagebuch und Erinnerung hergeben, aber ich finde es falsch, die Seiten auszulassen, die nicht nur eitel Freudiges aufzuweisen haben. Man tut niemand einen Gefallen damit. Die Beteiligten würden nur lächeln, und derjenige, der diesen Expeditionsbericht aus sonstigen Gründen braucht, bekommt ein gefälschtes Bild.

Die Mitglieder einer Expedition bilden einen Staat für sich, und er hat seine eigenen Gesetze, die vom Landesüblichen beliebig abweichen können. Die Expedition hat eine bestimmte Aufgabe, ein Ziel. Und die Erreichung dieses Ziels ist oberstes Gesetz. Die Wege, um die Aufgabe in ihren einzelnen Teilen zu bewältigen, gibt der Expeditionsleiter an. Er ist absoluter Herrscher. Es ist wie bei einer Sinfonie. Es hat nur einer den Taktstock in der Hand, und auch das Solo der ersten Geige oder der Flöte wird vom Dirigenten an den richtigen Platz gestellt und muß sich seinem Rhythmus anpassen. Bei uns machten sich einmal Posaunenbläser und Blechmusikanten selbständig. Es war schrecklich. Vorübergehend lag die Stimmung des Orchesters um drei Töne zu hoch. Die tropische Hitze hatte damals an einigen Instrumenten Beulen und Blasen aufgetrieben. Die größten Blasen konnten noch rechtzeitig mit dem Taktstock aufgepiekt werden. Hauptschuld trug übrigens der Umstand, daß die Blechbläser für sich allein geprobt hatten. Die Mundstücke waren schon ausgefranst.

Aber Verzeihung! Wohin verliere ich mich? Es ist selbstverständlich, daß die größte Gefahr für eine Expedition die Cliquenbildung ist. Sie ist stets ein Zeichen von Schwäche. Der einzelne fühlt sich irgendeiner Situation nicht mehr gewachsen und sucht Gleichgesinnte. Der Expeditionsleiter braucht einen sechsten Sinn, eine derartige Unterströmung im kleinen zu fühlen und muß sie rücksichtslos sofort nieder-schlagen. Sie tritt sich leider nicht von allein fest, und zu große Vornehmheit ist ihr gegenüber wohl nicht angebracht.

Es geht nur dann alles gut, wenn jedes Expeditionsmitglied, vom Leiter herab bis zum letzten Schiffsjungen, sich in jedem Augenblick für die ganze Expedition verantwortlich fühlt. Dazu gehört viel Einsatzbereitschaft und die Fähigkeit, auch mal von seiner „eigenen Tüchtigkeit“ absehen zu können. Jetzt wird man auch verstehen können, warum die paar Leute, die unsere neuliche Weihnachtsfeier zu betreiben hatten, Kapitän Ritscher gerade um den Bericht über seine Eiswanderung gebeten haben. Es gibt in der ganzen Expeditionsliteratur kaum ein Beispiel für eine noch größere Einsatzbereitschaft. Ich wüßte nur noch Scott auf seinem Rückwege vom Südpol und Wegener auf seinem Marsch nach Eismitte 1930 auf Grönland. Das Wort Kameradschaft ist von Kapitän Ritscher selten in den Mund genommen worden, aber — und hiermit komme ich auf den Anfang dieses Zwischenkapitels, auf die Besprechung über die beabsichtigten Flüge zurück — als bei Erörterung der notwendigen Flugsicherheit gefragt wurde, was dann geschähe, wenn ein Flugzeug 500 km vom Eisrand entfernt notlanden müßte, da sagte Ritscher bloß: „Seien Sie ruhig, ich hole Sie dann ab!“ Und die Worte waren in einem Tonfall gesagt, daß der letzte Zweifel beseitigt war, daß überhaupt nicht mehr gefragt w’urde, daß aber jeder das unbedingte Zutrauen hatte, im Falle eines Unglücks wird der Expeditionsleiter selber alles nur Menschenmögliche aufbieten, um seine Kameraden aus dem Eis herauszuholen. Ich darf hier ruhig bekennen, daß ich noch niemals ein Wort gehört habe, das mehr Vertrauen einßößte wie diese Antwort von Kapitän Ritscher.

Deutsche Antarktische Expedition