Schlagwort: Staatskunst

Wie die offene Tür eine mildere Form von Eroberung, der Zollkrieg vom Kanonenkrieg ist, so ist der Nationalitätenhader eine sanftere Auflage von Bürgerkrieg und Rebellion. Noch vor wenigen Jahrzehnten suchten die Fenier mit bewaffneter Faust, mit Bomben-Attentaten im Phenix-Park und Torpedo-Angriffen auf Kriegsschiffe, das Angelsachsentum zu schwächen und Irland in die Höhe zu bringen, suchte der Karlistenkrieg, der hauptsächlich von Basken geführt wurde, mit Feuer und Schwert die Anerkennung des Prätendenten Don Carlos (gestorben 1910) durchzusetzen. Jetzt sind, mit Ausnahme der Katzbalgereien am Balkan, andere Mittel an der Tagesordnung: der Sprachenstreit, der Boykott, die parlamentarische Obstruktion, die Bildung von Einkaufsgenossenschaften; der Kampf um die Errichtung neuer Schulen und Universitäten, wie in Zilli und Innsbruck, Wien und Lemberg, wie ferner in den Vereinigten Staaten und Südafrika; der Ankauf und die Parzellierung fremdvolklicher Rittergüter, wie in Posen; die Entrechtung eines ganzen Volkes wie in Finnland, die Enteignung des Kirchengutes, wie in Armenien. Es sind das oft schon recht harte Maßregeln, auch handelt es sich materiell um keine Kleinigkeiten, eine Drittel Milliarde Mark bei unsrer Ansiedlungskommission, allein was will das bedeuten gegen die Verwüstungen der Hussitenkriege, gegen sizilianischeVespern, gegen römische Proskriptionslisten des Sulla und Octavianus. Ehedem wurde der Widerspenstige, wurde der lästige Fremde einfach erschlagen oder geknechtet oder ihm doch wenigstens sein Hab und Gut genommen:,jetzt kämpft man mit Verordnungen und mit wirtschaftlicher Übermacht. Jetzt wird sogar die Ehe ganzer Nationen friedlich gelöst. Noch vor achtzig Jahren konnten sich Belgien und Holland nicht voneinander trennen, ohne daß ein Krieg die Scheidung bekräftigte. Im Jahre 1905 hat Norwegen einfach erklärt, es wolle nicht mehr mitmachen, es wolle seinen eignen Haushalt haben, und Schweden hat das ruhig hingenommen, und hat, zum nicht geringen Verdruß seiner bäuerischen Nachbarn, noch hinzugefügt, daß es sich nicht lohne, für die Union vom Leder zu ziehen.

Wie das bürgerliche an die Stelle des Kriegsrechtes getreten ist, das wird am deutlichsten bei einer Landnahme auf kolonialem Gebiete. Auch früher gab es da Nuancen. Die Alemannen und Langobarden nahmen ein Drittel von dem eroberten Lande, die Vandalen,die Hälfte, und nur Zulu und Engländer das Ganze. Ihrer Übung gemäß entrissen auch in Amerika und Australien die Briten den Eingeborenen all ihr Eigentum an Grund und Boden. In der neuesten Zeit aber belassen sie und die anderen Weißen den Eingeborenen ihr Land, soweit dies Privateigentum ist, und bezahlen ihnen bar jeden Acker, den sie in Gebrauchnehmen. Selbst nach großen Aufständen, wiejetztdemder Herero und Hottentoten, scheint man sich nicht zu der Auffassung aufschwingen zu können, daß Rebellen ihr Recht an ihrem privaten Grund und Boden verwirkt haben. Das paßt genau zu der Tyrannei der Begriffe, die uns „der Rechtsstaat gebracht hat. Auf der einen Seite übergroße Ängstlichkeit im Schonen noch so fadenscheiniger oder verwirkter Rechtsansprüche, dafür auf der andern Seite ein Nachlassen kolonisatorischer, erobernder Kraft. Sicher, wenn man sich auf den Standpunkt der Eingeborenen stellt, dann haben diese ganz recht, ihr Land mit landesüblichen Mitteln zu verteidigen, aber dann sollte man eben nicht kolonisieren. Keine Kolonisationstätigkeit, ja überhaupt keine staatliche und staatsmannische Betätigung ist ganz von Härte, ja von Ungerechtigkeiten frei. Nicht ohne Grund sagt schon Goethe: der Handelnde ist immer gewissenlos. Aber die heroische Zeit ist auch in den Kolonien vorüber, die Zeit, da Entdecken und Erobern noch eins war, da einzelne Europäer wie Emin Pascha, Rhodes, Radschah Brooke sich unabhängige Reiche schufen, ist vorüber, und die Zeit des Einrichtens, des Nutzbarmachens ist gekommen. Vielleicht ist mit dem Hererokrieg die Iliade afrikanischer Kriege und mit dem Tibetzug die Epopee asiatischer Kriege für lange hin abgeschlossen. Höchstens Marokko kann uns noch homerische Kämpfe bringen. Ein fundamentaler Umschwung in ganz wenigen Jahren! Mit geradezu märchenhafter Schnelligkeit haben sich die Ereignisse seit 1884 vollzogen. Und nicht minder märchenhaft ist der Abstand zwischen den heroischen Zügen eines Stanley und Karl Peters von heutiger Assessoren- und Council-Verwaltung.

Auch das ist ein Kennzeichen heutiger Weltpolitik, daß die Masse in ihr viel stärker berücksichtigt werden muß, als in den Tagen der Kabinettspolitik, den Tagen der Erbfolgekriege, oder gar denen der Normannenzüge und byzantinischer Palastrevolutionen. Wichtiger als Diplomatendiners, dauernder als Bündnisse, maßgebender als alle Ministerreden ist in dem Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland die brutale Tatsache, daß wir fortwährend stark an Volkszahl zunehmen, während unsre westlichen Nachbarn sogar zurückgingen, wenn ihnen nicht eine beträchtliche Einwanderung zugute käme. Weil die überwiegende Mehrheit des französischen Volkes 1905 friedliebend gesinnt war, deshalb mußte damals Delcasse stürzen und wurde die Marokko-Konferenz angenommen. Die amerikanische Gefahr wird durch die Massenbewegung gemildert, die von den drei, vier Millionen Arbeiter, also fünfzehn Millionen Köpfe umfassenden trade-unions ausgeht; die unions und die von ihnen angezettelten Ausstände wirken dem Unternehmungsgeist des Yankeekapitals entgegen, und brechen dessen für Europa bedrohliche Übermacht. Bei der gelben Frage kommt fast weniger die Kriegstüchtigkeit der Japaner, als die ungeheure Volkszahl Ostasiens in Betracht. Auch die schwarze und braune Frage ist weniger ein Problem von Diplomatie und Krieg, als von Zu- und Abwanderung, und von der Vermehrung der Massen. Die Zulu von Natal haben sich in sechzig Jahren um das achtfache vermehrt. Wie sattsam bekannt, zeigt sich die Bedeutung der großen Menge namentlich auch bei den Heeren. Nur durch ihre gewaltige Überzahl siegten die Briten über die an Kriegstüchtigkeit weit überlegenen Buren; ja selbst 1870 und 1904 hatte der Sieger nicht nur moralische Eigeschaften, sondern meist auch die höhere Zahl auf seiner Seite. Es führt dies sogleich zu einer anderen Betrachtung. Nicht nur im Kampf der Waffen, sondern auch im Kleinkriege des Nationalitätenhaders gelangt die Masse immer mehr zur Geltung. Am deutlichsten sieht man das in Österreich. Aber auch andere Länder haben von der erbitterten Nebenbuhlerschaft verschiedener Volkheiten zu leiden. In Belgien ringen Vlamen und Wallonen um die Gleichberechtigung, in der Schweiz Deutsche, Franzosen und Italiener, in Großbritannien Schotten und Iren mit den Engländern, in Spanien Katalanen und Basken mit den Kastiliern. Es kommt dabei durchaus nicht darauf an, welches Volk absolut die größere Zahl für sich hat, sondern einzig und allein darauf, ob in einer ganz bestimmten Gegend die eine oder die andere Volkheit numerisch überwiege. Beweis: unsere Ostmarken. Die vier Millionen Slawen, die nur ein Sechszehntel der Gesamtbevölkerung des Reiches darstellen, haben, obwohl von der ganzen Macht der Reichsregierung befehdet, es doch fertig gebracht, das Deutschtum in Posen und Oberschlesien zu überflügeln und ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. Unsre ganze Staatskunst ist an der Polenfrage gescheitert. Aus zwei Gründen. Einmal weil sie sich nicht dazu entscheiden konnte, den Schützern des Polentums, den Ultramontanen, das Rückgrat zu brechen, und zweitens, weil die steigende Masse der Polen und der Zeitgeist, der allzu sehr die Massen fördert, unseren Staatsmännern entgegen war. Auch in Rußland scheint, durch die gewaltigen Ereignisse der letzten Jahre wach gerüttelt, eine verhängnisvolle Nationalitätenbewegung zu beginnen. Das Zarenreich wird vielleicht durch sie zugrunde gehen. Zwar ist das herrschende Volk weitaus in der Überzahl, (102 gegen 60 Millionen) und es wird sich auch ohne Zweifel, außer vielleicht in Polen, in seinem jetzigen Besitzstände behaupten, da aber seine Herrenstellung ganz wesentlich auf den Kriegs- und Verwaltungstalenten Fremder, nämlich deutscher, polnischer und skandinavischer Beamten und Offiziere beruht, so wird, sobald einmal die Bewegung ihre dunkeln Schwingen voll entfaltet hat, es wenigstens mit der Welt macht der Russen aus sein. Dazu schwächt sie der Zwist in den eigenen Reihen; die Intellektuellen sind gegen den Tschinownik, der Bauer und jeder Arme gegen den Besitzenden, de rRaskolnik gegen die Rechtgläubigen.

Die Masse und das Massentum, die Gleichförmigkeit und die Schablone, sie haben viel zu bedeuten, aber nicht alles. Es ist viel Nüchternheit in die Welt gekommen, es ist schwerer, sowohl für schwache als auch für starke Individualitäten, Geltung zu erlangen als ehedem, schwerer als selbst noch vor zwanzig und dreißig Jahren. Der Kreis des Unbekannten, des Unerforschten und des Unerlebten, er schrumpft immer mehr ein. Nicht nur die Masse an Erfahrungen, an Beobachtungen, die sich mit jedem neuen Jahrzehnt bei uns anhäufen, auch sie drückt auf den einzelnen. Dennoch ist auch hier wahr, daß der Gehalt des Lebens immer gleich bleibt. Die hier zurückgedämmte Energie bricht dort dennoch durch und eröffnet sich neue Bahnen. Der Tyrann des Altertums, der Kondottiere der Renaissance, er wird zum boss amerikanischer Städte, zum Ol-, Kohlen- und Eisenbaron von Pitsburg, Saarbrücken und Gelsenkirchen, zum Beherrscher von Wallstreet und dem umworbenen Geber von Staatsanleihen. Und auch in der Weltpolitik sind die Überraschungen noch nicht vorüber, ist der Individualismus noch nicht erloschen. Jameson überrascht ein erstes Mal die Welt durch seinen mißglückten Freibeuterzug und ein zweites Mal durch seine Erhebung zum Premierminister. Der Sklave Rabah wird Sultan in Kando und Bagirmi. Ein Mahdi steht auf im ägyptischen Sudan und mehr als ein Heiland in Amerika. Der eingekerkerte Sträfling und Räuberhauptmann Raisuli wird Gouverneur einer Provinz. Eine Sklavin wird Kaiserin von China, und — ein nie zuvor erblicktes Schauspiel — alle Großmächte der Erde ziehen gegen sie, um sie zu stürzen, und — setzen sie nur fester auf ihren Thron. Das Flibustierwesen aber blüht auf Kuba, Luzon und in Südafrika; auf Formosa entsteht eine Räuberrepublik. Im Zarenreiche wird ein Unbekannter, Witte, allmächtig und in Weltbritannien ein Schraubenfabrikant, Chamberlain. Das mächtige britische Reich wird von einem kleinen Bauernvölkchen, dessen Zähigkeit und Kampfesmut sich im alten Ohm Paul verkörpert, in seinem Siegeslauf über die Erde aufgehalten Das mächtige Zarenreich und sein berufenster Vertreter, General Kuropatkin, wird von den verachteten Affen des Ostens gelähmt und zerschmettert; und damit auch das Satyrspiel nicht fehle, zerschellen die Wünsche der alten und der neuen Welt an einem Duodeztyrannen, einem Possendiktator, dem edlen Castro von Venezuela.

Le roi est mort — vive le roi! Auch der Strom der Weltgeschichte fließt unaufhaltsam weiter. Der Wildtobel wird zum ruhigen Gewässer, zum weiten spiegelnden See; aber dann folgt wieder Katarakt auf Katarakt. Bismarck ist tot, neue Sterne glänzen am Himmel auf. Cecil Rhodes tat sich als Gründer von Reichen in Südafrika auf; Lord Curzon, den Zar Nikolai für den bedeutendsten Staatsmann der Gegenwart erklärte, will Englands Herrschaft über ganz Südasien ausdehnen; ein Prinz Konoye suchte die untereinander hadernden Völker Ostasiens zu einen und gegen die Völker Europas mobil zu machen; Roosevelt, vom Rauhreiter zum Präsidenten emporsteigend, möchte die Yankees zu der ersten Nation der Welt erheben. Es fehlt auch der Gegenwart weder an neuen Gedanken, noch an neuen Männern, solche mit Kraft und Kühnheit auszuführen, noch endlich an erstaunlichen Wechselfällen der Geschicke und hoher Dramatik. Der größte Vorgang des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts war — ästhetisch betrachtet — der Sturz Bismarcks. Ein tiefer Fall von goldenen Stühlen; erst wie Tantalus einst Gast der Götter, aber nicht ohnmächtig wie er nach dem jähen Umschwung, sondern voll Hochsinns selbst den Olympischen trotzend. Auch die Gegenwart weiß von seltsamem Wurf der Nomen zu berichten, von den Palastrevolutionen in Peking und Belgrad, von Ministersturz in Paris und Kapstadt und Petersburg, von plötzlichen Kriegen und unerwarteten Siegen.

Auch hat gerade die Bewegung der Massen, so den Individualismus, so das Singuläre zu ersticken drohte, zu neuen überraschenden Bildungen den Anlaß gegeben. Was kann malerischer, was dramatischer sein als die dunkle Wolke der gelben Gefahr, wie sie weithin schattend am fernen Horizonte im Osten heraufsteigt? als der Panislamismus, der alle Mohammedaner der Erde zu einem großen Bund zu einen trachtet? als die jetzt anhebende Zusammenballung der Erdmächte zu einer angelsächsisch-romanischen, einer mitteleuropäischen, einer russisch-japanischen Gruppe? Hatteman einst Kreuzzüge, so richteten die sich doch nur gegen eine kleine Reihe türkischer oder arabischer Staaten, gegen nordspanische Emire, einen Bey von Tunis, einen Seldschukenkhan; jetzt aber sollen alle Anhänger des Propheten von der Guineaküste bis nach Java, von den albanischen Bergen bis nach den taifungepeitschten Gestaden des Stillen Ozeans durch die Senussi und andere Orden zu gemeinsamer Arbeit gesammelt werden: was wird das für ein Kreuzzug sein müssen, der 280 Millionen Moslime in Schranken zu halten bestimmt ist? Ebenso ist in der Rassenfrage ein weit großzügigeres Element als je früher zur Oberfläche vorgedrungen. Jetzt hat man nicht gegen die vorübergehenden Pläne eines einzigen Herrschers oder Ministers, eines Peters, eines Iwans des Schrecklichen anzukämpfen, sondern gegen 100 Millionen Russen, deren Sturmflut die deutschen Deiche zu überschwemmen droht; nicht gegen die Launen eines Georg I., eines Disraeli, sondern gegen 145 Millionen Angelsachsen, die uns den Platz an der Sonne beschränken und verkümmern. Was für großartige Neuerungen, was für unermeßliche, überraschende Ausblicke in die Zukunft! Der bewußte Kampf der ganzen weißen Rasse gegen die Gelben und Schwarzen. Dazu eine Perspektive von unheimlicher Dramatik, die sich für das Ringen von Arbeit und Kapital, von Industrie und Landwirtschaft auftut. Lauter Probleme eigenster, neuester Art für die Weltpolitik der Gegenwart und Zukunft.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches
Deutschtum und Türkei : Mohammedaner und Christen
Deutschtum und Türkei : Kaiserbesuch
Weltkriege der Gegenwart : Burenkrieg und Boxerwirren
Weltkriege der Gegenwart : Blüte Nordamerikas
Weltkriege der Gegenwart : Japanisch-russischer Krieg
Weltkriege der Gegenwart : Hottentottenkrieg
Weltkriege der Gegenwart : Marokko
Weltkriege der Gegenwart : Eduard VII.
Weltkriege der Gegenwart : Bosnien
Weltkriege der Gegenwart : Persien
Weltkriege der Gegenwart : Spannung zwischen Union und Japan
Weltkriege der Gegenwart : Parlamentarismus im Orient
Weltkriege der Gegenwart : Panama
Weltkriege der Gegenwart : Tibet
Weltkriege der Gegenwart : Ein japanisches Festlandreich
Weltkriege der Gegenwart : Kiderlen
Weltkriege der Gegenwart : Mexiko
Weltkriege der Gegenwart : Agadir und Tripolis
Weltkriege der Gegenwart : Revolution in China
Deutsche Kulturbeziehungen zum Ausland
Faktoren der Gegenwart : Das monarchische Prinzip
Faktoren der Gegenwart : Kampf gegen das Papsttum
Faktoren der Gegenwart : Kriegführung
Faktoren der Gegenwart : Der Staat in der Gegenwart

Männer; Völker und Zeiten

Also, das echt Menschliche tritt immer wieder in den Vordergrund. Freilich, der Spielraum des einzelnen hat sich merklich verengt, der Individualismus hat einen immer schwereren Stand, während das Massentum überhand nimmt.

Noch vor einem Jahrhundert war Deutschland allein in dreihundert Staaten und Stätchen zersplittert. Nicht besser sah es in Italien aus. In Afrika vollends und Asien war die Hand aller gegen alle, und wurde heute ein Staat gegründet, wenn es auch nur eine Seeräuberrepublik war, und morgen einer zerstört. Vom Sklaven erhob sich da einer in wenigen Monaten zum Ras, zum Khan, zum Maharadscha. Und im Westen erwuchs ein korsischer Abenteurer zum Kaiser der Welt. Jetzt haben sich alle Staaten Europas konsolidiert. Afrika und Asien ist aufgeteilt, und wenige Großmächte teilen sich in die Herrschaft der Erde. Nur an wenigen Stellen, in Mazedonien, in Marokko, in Mittelarabien, an den Osthängen Tibets, züngelt noch beständig die Flamme des Aufruhrs, lodert das Feuer usurpatorischer Tat. In früheren Jahrhunderten war es die Regel, daß ein erfolgreicher Feldherr sich nicht mit seinen Siegen begnügte, sondern nach höherem Lorbeer, nach der Königstochter, nach dem Throne, die Hand ausreckte; jetzt erhält er ein paar Orden, und wird in der Army and Navy Gazette, oder im Militärwochenblatt lobend erwähnt. Ist er gar ein Engländer, so zieht er noch seinen bunten Rock aus, und spielt harmlos Tennis mit anderen Sterblichen oder vervollkommnet sich, wie Sir Evelyn Wood, der Beender des ersten Transvaalkrieges, im Radfahren. Selbst wenn früher ein Heerführer loyal bleiben wollte, so verfügte er doch über die weitgehendsten Vollmachten. Er konnte auf eigne Faust an entfernten Grenzen Feldzüge anfangen und beenden, er konnte selbst die Friedensbedingungen diktieren. Ein Gouverneur einer sibirischen Provinz war Herr über Leben und Tod; er schaltete, durch fünfzig bis hundert Tagereisen von Moskau getrennt, so gut wie unumschränkt. Jetzt ist Militär- wie Zivilbeamter genau an seine Instruktionen gebunden, jetzt kann Feldmarschall wie Statthalter stündlich durch den Draht andere Weisungen empfangen. Der Generalgobernator von Turkestan hat zwar noch das Privileg, nach eigenem Gutdünken Krieg erklären zu dürfen, aber es wird sich wohl kein Kühner finden, der von der Erlaubnis Gebrauch machte. Natürlich ist damit nicht gesagt, daß die selbständige Tätigkeit heutiger Krieger und Diplomaten ganz ausgeschaltet wäre. Namentlich in England ist die Initiative der leitenden Staatsmänner außerordentlich groß. Vor einer Reihe von Jahren kam es in Portugal vor, daß der dortige deutsche Gesandte die bevorstehende, völlig zufällige Ankunft einiger deutscher Kriegsschiffe dazu benutzen wollte, um drohend eine Forderung durchzudrücken. Der englische Kollege, der davon erfuhr, bewirkte stehenden Fußes die Sendung eines großen englischen Geschwaders, und als die Deutschen ankamen, waren alle Plätze im Hafen von Lissabon besetzt. So gab der eigenmächtige Schritt unsres Gesandten beinahe Anlaß zu einem Casus belli. Wie ferner durch die Unzulänglichkeit von Diplomaten und Generalen auch heute noch ein starkes Reich erschüttert werden kann, zeigt am besten der unvermutete Ausbruch und der noch unvermutetere Verlauf des mandschurischen Krieges. Aber auch die Könige sind in ihren Lebensäußerungen heute weit umschränkter, als in früheren Zeiten. Jetzt gibt es Gesetze und Konstitutionen, Zeitungen und Parlamente, jetzt liefert der Draht täglich von ihrem Tun und Lassen eine Kunde, die zwar äußerlich nur Lob und Preis zu enthalten scheint, die aber tatsächlich eine Kontrolle darstellt. Auch die Könige leiden unter dem Druck des Ungeheuers, der alle gleichmäßig bedrückt, unter der Herrschaft des Staates. Was hat dieser Polyp von Staat nicht alles an sich gerissen? Bahnen, Post,Telegraphen, also den ganzen Verkehr, Festungen, Heer und Flotte, also die ganze Landesverteidigung, Schulen, Polytechniken und Universitäten, also auch das ganze geistige Rüstzeug. Dazu eine Überwachung der Kirchen und ihre Verteidigung gegen Verächter, also die Religion; außerdem das ganze Tun und Gehaben des Bürgers zu Hause und in der Öffentlichkeit, in seinem Geschäft und in seiner Familie, sein Verhalten bei seinem Hausbau und auf der Straße, und das alles unter dem Vorwand, das Gemeinwohl zu schützen. Jetzt sind wir alle Angehörige eines Rechtsstaates, die das bürgerliche Gesetzbuch und der Frack gleich macht, nur der Herrscher ist geblieben, ob zwar hier und dort durch einen farblosen Präsidenten ersetzt. So geht denn auch durch die Weltpolitik ein Zug des Gleichmachens, der Nüchternheit, der allgemeinen und verallgemeinernden Nützlichkeit. Einst stand der Bauer gegen den Städter, der Ritter gegen den Herzog; einst galt es Freiheit von Unterdrückung, Freiheit gegen Tyrannei im Innern, gegen den Erbfeind nach außen; um hohe Güter der Seele, des Gewissens, der Treue, kämpfte man für oder gegen den Papst, für und gegen den Kaiser. Und jetzt? Differentialzölle, Meistbegünstigungsklausel, Politik der offenen Tür, Matrikularbeiträge, Staatsanleihenzinsherabsetzung oder, wie jüngst in Deutschland, -erhöhung; wer bei einer Fürstentafel links, wer rechts gesessen, Ordenverleihung, ob der Zar den letztjährigen Besuch bloß in einem Grenzdorf oder an Bord eines Kriegsschiffes oder aber in der Hauptstadt erwidert, ob in der versteckten Anspielung der letzten Ministerrede in Brighton Deutschland oder Amerika gemeint war.

Die durchschnittliche Nüchternheit heutiger Staatskunst hängt demnach mit zwei Dingen zusammen: mit dem größeren Hervortreten wirtschaftlicher Interessen und mit der äußeren und und inneren Konsolidierung der Staaten. Die Möglichkeit internationaler Konflikte ist ohne Zweifel geringer geworden. Daran ändert auch die koloniale Ausdehnung nichts oder nur wenig. Sobald zwei kolonisierende Mächte über ein Fleckchen afrikanischer Erde aneinander geraten, wie bei Faschoda, oder amerikanischer, wie in Neufundland und Venezuela, oder asiatischer, wie bei Koweit oder am Mekong, da einigen sie sich in den allermeisten Fällen durch Vertrag. Die wirtschaftlichen Werte, die die Gegenwart geschaffen hat, sind so ungeheuer, daß ein Staat es ungern mit der ultima ratio regum versucht. Je größer und reicher der Staat ist, je bedeutender sein Handel, je ausgedehnter seine Städte, um so mehr Abneigung wird er gegen die Zerstörungen des Krieges empfinden. Und ein kleiner Staat bindet mit einem mächtigen gar nicht mehr an. Dänemark konnte noch 1848 uns den Krieg erklären und einige Erfolge davontragen; heute wäre so etwas undenkbar. Das letzte Beispiel, das einigermaßen noch hier sich einfügt, wird wohl Spanien 1898 gegeben haben. Die Konsolidierung der Staaten hat eine bessereUbersicht ihrer Machtmittel ermöglicht und hat dadurch Kriege viel seltener gemacht. Europa hat seitfast einem Menschenalter, seit 1877, nur einen geringfügigen Zusammenstoß gesehen, den zwischen Griechenland und der Türkei. Denn von den Plänkeleien des Herzogs der Abruzzen bei Prevesa kann man absehen. Alle großen Kriege der Gegenwart sind in außereuropäischen Ländern und Meeren ausgefochten worden. Man vergleiche damit die ungeheuren Erschütterungen, denen Europa zur Zeit Wallensteins, Ludwigs XIV., Pombals, Friedrichs d. Gr., Napoleons und Bismarcks ausgesetzt war. Hieraus ergibt sich, daß die europäische Politik der Gegenwart viel friedlicher geworden war. Die notwendige Folge davon war, daß sich auch ihr ganzes Aussehen verändert hat, daß Handel und Industrie, daß Fürstenbesuche, daß innere Reformen ihre Haupttätigkeit in Anspruch nahmen.

Seit Oktober 1911 hat jedoch neuerdings ein kriegerisches Zeitalter begonnen.

Schon Caprivi sagte:

wir müssen nicht Menschen exportieren, sondern Waren.

Industrialisierung ist das Zeichen des Zeitalters. In der Tat hat nicht nur die west- und mitteleuropäische Auswanderung nach Amerika nachgelassen, sondern auf dem platten Lande ist geradezu Leutenot eingetreten. Dagegen ist überall auf der Welt, außer in den Ländern des Islams, die Bevölkerung der Städte ganz erstaunlich im Wachsen. Ludwigshafen, Lodz, Seattle, Jokohama, Bombay haben ihre Bewohnerzahl in wenigen Jahrzehnten verfünf- und verzehnfacht. Schuld daran ist die gesteigerte Intensität des Gesamtlebens der Gegenwart und in zweiter Linie die wachsende Industrie. Die Interessen der Industrie und ihrer Schwester, des Handels, stehen denn auch im Vordergründe heutiger Weltpolitik. Wenn man von „einer amerikanischen Gefahr redet, meint man das drohende Übergewicht amerikanischer Ausfuhr und Industrie, wenn man auf die glänzende Zukunft Chinas weist, so denkt man an die unbegrenzten Möglichkeiten europäischen Exportes nach dem Land der Mitte. So ist es gekommen, daß Zollkriege den Platz von Feuer und Mord einnehmen, die der wirkliche Krieg bringt, daß statt der Eroberung oder Annexion eines Landes neuerdings offene Tür daselbst verlangt wird. Das Wort geht auf einen Ausspruch Lord Salisburys zurück, der öfters malerische Vergleiche fand, so den von dem Unrechten Pferde (der Türkei), auf das er gewettet habe. In den letzten Jahren ist die Politik der offenen Tür besonders von Deutschland ausgebaut worden. Als die Briten das weite und reiche Jangtsebecken für sich beanspruchten, da forderte Bülow gleiche Handelsrechte dort für uns; zwei deutsche Bataillone gingen nach Shanghai ab, um allerdings später wieder zurückgezogen zu werden. Als die Franzosen ihr Evangelium von der penetration pacifique in Marokko verkündeten, besuchte der Kaiser Tanger und proklamierte das Recht der offenen Tür. Es ist ein pis-aller.

Man kann den Garten nicht kaufen, aber man will sich die Möglichkeit wahren, jederzeit darin spazieren gehen und Obst pflücken zu dürfen. Das scheint bequemer als der Besitz. Dann müßte man einen Gärtner halten und hätte Grundsteuer zu zahlen. So genießt man alle Vorteile und hat keine Lasten davon. Zuletzt freilich ist diese Politik doch eine Politik der Schwäche. Manchmal auch führt die offene Tür zu einer dog-in-the man-ger-policy. So in Venezuela. Der Hund springt in die Krippe und bellt die Kuh an. Die erschreckte Wiederkäuerin frißt nicht, aber dem Hund kann das Heu und der Klee auch nichts nützen. Der dog in the manger ist im venezolanischen Falle Onkel Sam, und die erschreckten Kühe sind die deutsche Diskontogesellschaft, die italienische Asbestkompanie und britische Syndikate. Wer sich allein freute, war Castro, der ungefressen blieb und seine Günstlings- und Mätressenwirtschaft ruhig weiter fortsetzen konnte. Es ist ein solcher Zustand ein schlechtes Zeichen für alle. Für Europa das zu schwach ist, sich selbst zu helfen, für Venezuela, das in seiner Barbarei, in seiner Posse von pronunciamentos fortlebt, für Roosevelt, der Mißwirtschaft und Korruption gegen die Forderungen der Zivilisation in Schutz nahm. So fließt nicht selten der Begriff der offnen Tür in den der Interessensphäre über. Ein klassisches Beispiel dafür kann Vorderasien abgeben. Obwohl die Türkei und Persien als Reiche der offenen Tür für alle Mächte gelten, hat man doch seit längerer Zeit schon den Versuch gemacht, Einflußkreise dort abzugrenzen. Südiran für England, der Norden für die Russen. Der Bahnbau im nördlichen Anatolien für das russische, im mittleren und südlichen für das deutsche Kapital; während die Franzosen für sich Syrien, und die Engländer Arabien beanspruchen. Namentlich in Mesopotamien muß die nächste Zukunft eine Entscheidung darüber bringen, ob die offne Tür dem Einflußkreise weichen soll. Deutsche und britische Interessen sind da hart aneinander geraten. Bereits haben unsre freundlichen Vettern jenseits des Kanals einen Residenten nach Koweit geschickt, uns also den geplanten Endpunkt der Bagdadbahn weggenommen, und kürzlich hat Sir William Willcox sich an den Sultan mit dem Ersuchen gewandt, einer britischen Gesellschaft, die an dreihundert Millionen Mark aufwenden will, eine Konzession zur künstlichen Bewässerung Nieder-Mesopotamiens zu erteilen. Durch die Verabredungen vom März 1911 wurde einstweilen die Sache so geregelt, daß die Linie von Bagdad bis zum Meere von der Türkei selbst gebaut wird.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
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Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
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Deutschtum und Türkei : Westöstliches
Deutschtum und Türkei : Mohammedaner und Christen
Deutschtum und Türkei : Kaiserbesuch
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Weltkriege der Gegenwart : Kiderlen
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Weltkriege der Gegenwart : Agadir und Tripolis
Weltkriege der Gegenwart : Revolution in China
Deutsche Kulturbeziehungen zum Ausland
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Faktoren der Gegenwart : Kampf gegen das Papsttum
Faktoren der Gegenwart : Kriegführung

Männer; Völker und Zeiten

Der Gegensatz zwischen den Völkern des Abendlandes und jenen des fernen Ostens, der Jahrhunderte lang geruht hatte, kam 1894 plötzlich wieder der Welt zum Bewußtsein. Japan, das bisher als ein anmutiges Märchenland angesehen wurde, dessen Frauen als zierliche Puppen galten,dessenMänner als geschickte jongleure berühmt waren, zeigte auf einmal, daß sein Volk keinem anderen der Erde an kriegerischer Tapferkeit und weitblickender Staatskunst nachstehe. Es kam zum Bruch mit China Ende Juli. Ohne Kriegserklärung versenkten die Japaner ein chinesisches Transportschiff mit 1300 Mann. Sie besetzten Söul, siegten bei Ping-Yang, und eroberten das südliche Viertel der Mandschurei. Anfang März 1895 waren sie drauf und dran, die Gardedivision die in Hiroshima zur Einschiffung bereit lag, gegen Peking zu senden. Da mischten sich drei Großmächte ein; es waren Deutschland, Rußland und Frankreich. Wilhelm der Zweite hatte den Anstoß gegeben. Er glaubte, entsetzliche Gefahren vorauszusehen, die dem Abendlande von einer gelben Flut drohten. Nach seinem Entwürfe zeichnete Professor Knackfuß ein wirkungsvolles Gemälde ; es stellte den Buddha vor, wie er auf einem Wolkenthron daher schwebt, den Weißen Tod und Verderben bringend. Als Unterschrift des Gemäldes gab der Kaiser die Warnung

„Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter!“

Unser politischer Zweck bei dem neuen Dreibund war der, den zwei Verbündeten, Frankreich und Rußland in die Arme zu fallen. Die beiden hatten nämlich, was Bismarck bisher so leidlich verhindert hatte, ihren Zusammenschluß vollzogen, und da Caprivi den Rückversicherungsvertrag nicht erneuerte, sich 1891 in Kronstadt verbrüdert. Mit flammenden Worten sprach man in Paris von dem nahenden Revanchekrieg, und auch in Rußland, das bei steigendem Wohlstände und fortwährender Gebietausdehnung sich in seiner Macht fühlte, war man einem Waffengang mit den verhaßten Deutschen, deren gewaltsame Verrussung in den Ostseeprovinzen begonnen hatte, nicht abgeneigt. Tatsächlich wurde dem bedrohlichen Verhalten der Verbündeten durch die Dazwischenkunft von Shimonoseki die Spitze abgebrochen. Die zwei Großstaaten die sich gegen Deutschland verbündet hatten, gingen nun auf einmal mit ihm zusammen. Nur war diese Freundschaft nicht von langer Dauer. Dafür hat die Dazwischenkunft den Deutschen, die bisher von den Japanern als ihre Lehrmeister verehrt und als Freunde betrachtet und geschätzt wurden, bis auf den heutigen Tag geschadet. Der Schade hat den vorübergehenden Nutzen überwogen. Vor der drohenden Haltung der Mächte wichen die Japaner zurück, schon allein, um die Kriegsentschädigung nicht aufs Spiel zu setzen. Diese betrug im Ganzen rund 700 Millionen Mark, und wurde in wenigen Jahren pünktlich bezahlt. Dadurch wurde China, das bisher so gut wie schuldenfrei gewesen, von den europäischen Banken abhängig. Aber auch die Staatsschuld Japans, die bislang nur geringfügig war, stieg trotz der Entschädigung von Jahr zu Jahr, da durch die steigenden Posten der Landesverteidigung die Ausgaben sich rasch verdoppelten und vervierfachten. So endete das erste Auftauchen der gelben Gefahr mit einem gewaltigen Risse zwischen den beiden Hauptstaaten der Gelben, — auch hierin kam der Nationalismus zum Wort — und mit einer gemeinsamen Verschuldung der Ostasiaten, die in der Hauptsache Londoner, Berliner und Pariser Kapitalisten zu Gute kam.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen

Männer; Völker und Zeiten

Während die Kontinentalstaaten von revolutionären Zuckungen zerwühlt wurden, schritt England auf dem Wege zur Weltherrschaft weiter. Auch England blieb von den Zuckungen nicht ganz verschont. Es erlebte heftige Stürme im Hause der Gemeinen, und erlebte eine Arbeiterrevolte, die Chartistenbewegung (1840). Allein der politische Sinn, der aus Erfahrungen von Jahrhunderten schöpfte, hat es in England stets verstanden, derartige Bewegungen, meist durch Konzessionen und Kompromisse, unschädlich zu machen. Ein jeglicher Uberschuß an Tatendurst kann sich seit vier Jahrhunderten bei den Engländern nach außen hin austoben. So kommt es, daß England mehr als irgendein anderer Staat der Erde von gefährlichen inneren Umwälzungen verschont geblieben ist. Die Briten hatten zwei große Aufgaben der äußeren Politik zu lösen: die Regelung der türkischen Verhältnisse, und die Gewinnung der Buren.

In der Türkei hatte sich ein Dualismus ausgebildet. Der Süden stand gegen den Norden, das Arabertum gegen das Türkentum. An der Peripherie zeigten sich autonome Neigungen: in Mesopotamien, wo Jussuf Pascha allmächtig waltete, in Albanien, wo Ali Tepelenli unumschränkt herrschte(1822auf einer Insel des Sees von Janina getötet),ferner in Kurdistan und Arabien, endlich inÄgypten. Der Khedive von Ägypten, dessen (möglicherweise albanische) Vorfahren aus der Gegend westlich von Saloniki auswanderten, Mehemed Ali, errang in Ägypten, Nubien, Arabien, Syrien und Mesopotamien eine äußerst starke Stellung. Die Türken aber, durch zwei Kriege mit den Russen (1812 und 1826/27), ferner durch den Aufstand der Griechen geschwächt, der durch die Einmischung der Großmächte und die Niederlage des Kapudan Pascha (Admiral, wörtlich Kapitän) bei Navarino 1827 entschieden wurde, waren in der übelsten Verfassung. Die Reformen von Mahmud dem Zweiten, der sich der Janitscharen durch ein Blutbad entledigte, und der westlichen Geist in Heer und Verwaltung einführen wollte, hatten zunächst nur das Ergebnis gehabt, daß die Auflösung und Verwirrung im Osmanischen Reiche noch größer wurde. Im Jahre 1833 zog der Khedive gegen die Türken, in deren Lager sich Moltke befand, durchzog Kleinasien, und erreichte fast den Bosporus. In seltsamer Eintracht rafften sich da aber die Mächte, die noch kurz zuvor bei Navarino die Kraft der Türkei gebrochen hatten, zum Schutze derselben Türkei auf und zwangen durch Gewalt den Khedive zur Umkehr. Die Russen legten Truppen an den Bosporus, die Engländer schickten Admiral Napier nach Syrien. Die ängstliche Sorgfalt für das Wohlergehen des Sultans — jetzt war Abdul Medjid am Ruder — war lediglich eine Frucht der Eifersucht. Keine Macht gönnte der anderen den Besitz von Konstantinopel. Die Engländer hatten weiters ein großes Interesse daran, sich nicht den Weg nach Indien über die Länder des östlichen Mittelmeeres versperren zu lassen; sie wünschten daher nicht, daß ein zu starker.Mann sich in dem strategisch wichtigsten Lande der Erde, in Ägypten, festsetzte.

Die andere Aufgabe der Briten lag in Südafrika. Teils durch Rassenhaß, teils durch die gewaltsame Beraubung ihrer Selbständigkeit erbittert, wurden die Buren neuerdings durch die Aufhebung der Sklaverei gereizt. Die Engländer wollten überall die Sklaverei abschaffen. Die erste Anregung dazu gab die philanthropische Agitation des Bischofs Wilberforce; bei der Durchführung spielte wohl die Hoffnung mit, die spanischen und portugiesischen Nebenbuhler zu ruinieren. Denn ohne Sklavenarbeit konnten die Pflanzungen in den tropischen Kolonien nicht mit dem Nutzen betrieben werden wie bisher. Daher richtete sich die Maßregel auch gegen die Vereinigten Staaten von Amerika, in deren südlichen Gebieten die Sklaven die Hauptträger der Wirtschaft waren. Die Engländer selbst hatten damals noch wenig mit tropischen Pflanzungen zu tun; höchstens in Westindien und Mauritius. Im übrigen dachten die Engländer durch ein schmiegsames Verwaltungssystem die Vorteile der Sklaven Wirtschaft zu retten, ohne deren Gehässigkeit auf sich zu laden. Sie führten einfach eine hohe Steuer für Farbige ein; um diese zu bezahlen, mußten die Eingeborenen monatelang arbeiten. So hatten die weißen Herren doch die Arbeit umsonst, und brauchten die freien Arbeiter noch nicht einmal zu ernähren. In Kanada, am Kap und in Australien glaubte man vollends der farbigen Hilfe ganz entraten zu können. So war die Aufhebung der Sklaverei ein Schachzug gegen die anderen Kolonialmächte. Der Schlag traf auch die Buren hart. In ihrer wirtschaftlichen Gebarung und ganzen Lebensführung waren und sind die Buren noch heute auf schwarze Hilfskräfte angewiesen. Nun wurden ihnen mit einem Male die Xosa, Fingo, Tembu, Griqua und Basuto entzogen, die für sie gefrondet hatten. Zwar wurden viele Millionen von England ausgezahlt, um die Leibeigenschaft abzulösen, aber von den großen Summen gelangte nur ein Viertel bis ein Fünftel in die Hände der Buren. Den wirtschaftlichen Ruin vor Augen entschlossen sich die Buren 1835 zu dem großen Treck über den Oranjefluß. Sie trafen es schlecht, denn die Zulu waren, durch ihren Ober Induna Tschakka militärisch organisiert, mit ihren Impi (Regimentern) auf dem Kriegspfad, und überschwemmten „das ganze nichtbritische Südafrika. Gegen eine hundertfache Übermacht wehrten sich die Buren am Vechtkopp (16. Dezember 1836), dann fielen sie in Natal ein. Dort wurden sie bei Weenen (vom Weinen, das sich erhob) von den Zulu überrascht, aber schlugen sie bei Colenso. Natal ist immer für die Buren das blühende Land der Sehnsucht gewesen, ungefähr das, was Italien für die Deutschen ist. Hierauf säuberten die Buren das Gebiet jenseits des Vaalflusses von den Matabele, einem Stamme der Zulu. In den neu gewonnenen Gebieten gründeten sie drei unabhängige Staatswesen: den Oranjefreistaat, die Transvaalrepublik und die Niederlassung in Natal. Jetzt stellten die Engländer, denen der Treck durchaus unerwünscht war, eine überraschende Lehre auf. Wie es in der römischen Kirche heißt: einmal ein Priester, immer ein Priester, so behaupteten die Kapbehörden: einmal ein Engländer, immer ein Engländer. Nirgends also auf dem ganzen Erdenrund sollte man sich der Habsucht der Briten entziehen können! Die Engländer machten Ernst, zogen Truppen zusammen und unterwarfen Natal und den Oranjefreistaat. Lediglich weil das Oranjegebiet mehr zu kosten als einzubringen drohte, gaben es später die Engländer an die Buren zurück.

Die dritte Aufgabe Großbritanniens war in Südasien zu lösen. Noch war bei weitem nicht ganz Indien unterworfen, und schon strebten die Angelsachsen über die Grenzen Indiens hinaus. Sie mischten sich 1837 in Persien ein und besetzten Buschir, den Haupthafen am Persischen Golf. Sie führten 1838—1840 Krieg mit Afghanistan. Zum Teil war diese fast krankhafte Ausdehnungssucht durch die Sorge vor russischem Vordringen veranlaßt. Durch zwei große Kriege, den einen um die Jahrhundertwende, den anderen 1827—1828, beendet durch den Frieden von Turkmantschai (zwischen Rescht und Teheran), hatten die Russen große Stücke von Persien losgerissen. Allmählich nisteten sich die Russen in den mittelasiatischen Gebieten Südsibiriens ein, und im Jahre 1839 stellte Perowski eine Riesenkarawane zusammen, um Khiwa zu überrumpeln. Die Eroberung scheiterte völlig, mehr durch Sandstürme als durch Angriffe der Turkmenen; aber ebenso mißglückte der gleichzeitige Zug der Engländer, die in Afghanistan bis auf den letzten Mann aufgerieben wurden.

Den Mißerfolg machten die Engländer weiter im Osten wett, nämlich in China, Sie machten sich ans Werk, um das bisher fast hermetisch verschlossene Ostasien dem Weltverkehr und der europäischen Bildung zu eröffnen. Im Grunde war das nicht sehr schlau von den Europäern, denn aus den gelehrigen Schülern erweckten sie sich Feinde; sie lieferten Armstrongs und Krupps den Ostasiaten, um damit Weiße niederzuschießen; sie brachten ihnen eine Kenntnis von Fabriken bei, die sie dann zum Nachteil des Westens verwerteten. Der Antrieb zu der Erschließung Chinas war gerade wiebei der Aufhebung der Sklaverei, doppelter Art, sittlich und wirtschaftlich. Die Missionare, die schon einige Jahrzehnte am Platze waren, hofften, China und Korea, wie auch die Liu Kiu für das Christentum zu gewinnen, die Kaufleute trachteten nach einer Erweiterung ihrer Kundenzahl und ihres Absatzmarktes. Für die Staatskunst Großbritanniens kam lediglich der materielle Punkt in Betracht. Es war ungefähr das Gegenteil von christlicher Menschenliebe, das die Engländer zur Einmischung in Kanton veranlaßte. Die Chinesen wollten sich nicht mehr vom Opium vergiften lassen, das von Indien kam; für die Engländer aber war der Ertrag des Opiums und der Opiumsteuer, die in manchem Jahre auf sechshundert Millionen Mark stieg-, zu wichtig, als daß sie auf sie hätten verzichten mögen. So brach denn der Opiumkrieg 1839 aus. Mit leichter Mühe vernichtete eine englische Flotte die schlechten chinesischen Schiffe und bombardierte Kanton. China wurde gezwungen, mehrere seiner Häfen für den regelmäßigen Handel mit Kaufleuten der Westmächte zu eröffnen.

Während die erdumspannende Politik der Engländer — auch in Amerika waren sie nicht müßig und kamen über die Oregongrenze beinahe mit der Union in Streit— eifrig damit beschäftigt war, die Weltkarte rot zu färben, waren die Franzosen in Algerien und Westafrika an der Arbeit. Vorläufig berührten sich die Einflußkreise nur wenig, außer in Syrien, wohin 1840 ein französisches Heer abging. Da zugleich sich die beiden Westmächte durch die gemeinsame liberale Strömung verbunden fühlten, so entstand zwischen ihnen die Entente Cordiale, die allerdings erst ein Jahrzehnt später Früchte tragen sollte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
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Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
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Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
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Römischer Imperialismus
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Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
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Die Zünfte
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Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
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Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
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Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus

Männer; Völker und Zeiten