Schlagwort: Steinmetz

»Wer uns umwirft, der ist stark; wer uns erhebt, der ist göttlich; wer uns ahnen macht, der ist tief.«

Wenn ein ernsthafter Mensch sieh entschließt über einen einzelnen Künstler nachzudenken, so kann dies nur geschehen, weil der ernsthafte Mensch von dem Künstler ergriffen und erregt wurde.

Ein die Alltäglichkeit durchbrechendes und aus dem gewohnten Niveau aufragendes Erlebnis lockt den Theoretiker auf die Spuren des Einzelnen. Damit ist von vornherein festgestellt, daß dieser Künstler ein Außergewöhnlicher ist, eine Persönlichkeit, die sich gegenüber den Problemen der Allgemeinheit und deren Entwicklung zu behaupten weiß. Das bedeutet viel, denn eine in ihren fundamentalsten Empfindungen soziologisch gerichtete Zeit erforscht und pflegt des Einzelnen nur dann, wenn sie von ihm und seiner Art einen Strom der Fruchtbarkeit für sich und ihre Genossen erwartet. Somit ist der Künstler, der Mittelpunkt einer Abhandlung wird, ein Kronenträger. Er ist und bleibt ein Kronenträger aus eigenem Recht und durch Erkürung der Kundigen — wie die Diskussion sich auch immer gestalte. —

Die Absicht einer solchen geistigen Aussprache kann aber nur dahin gehen, den erlesenen Künstler und sein Werk nach Herkunft und Ziel zu analysieren, das Geheimnis der besonderen Wirkungsart nach Möglichkeit zu lösen, und schließlich dahin: Grenzen abzustecken. Diese letzte Verrichtung wird zuweilen an den Stolz des Künstlers rühren; er sollte dann nie vergessen, daß solche Grenzregulierung, schon darum eine Ehrung ist, weil es sich verlohnt, sie vorzunehmen.

Mannigfach ist die Art, wie Kunstwerke betrachtet sein wollen. Und da hier alles auf Wechselbeziehung zwischen dem Be schauer und dem zur Schau stehenden Objekt beruht, so and der Annäherung dieser beiden prinzipiell feindlichen Pole Hemmungen gesetzt. Es gibt für jeden Menschen bestimmte Kunstwerke, zu denen er kein Verhältnis und finden kann; es gibt Kunstwerke, die nur von bestimmten Menschen betrachtet sein können. Es läge nahe, zu sagen: das Maß der Schwierigkeit, ein Kunstwerk anschauend zu erfassen, wäre ein Gradmesser für die Größe dieses Werkes.

Diese Meinung kann aber ebenso richtig wie falsch sein. Artistenkunst, geschmacklich überfeinerte Dekadenz wird von der Volksmenge abgelehnt, glatt übersehen; diese Mißachtung ist gewiß kein Wahrzeichen für die Größe solcher Fingerspitzentänze. Süßer und melancholischer Kitsch wird von der Masse begehrt; niemand wird darum von Kunst reden. Das Nachlaufen oder die Verstocktheit des großen Haufens ist darum noch kein Beweis für den Wert oder Unwert eines Kunstwerkes. Man kann nun wohl behaupten, daß das Urteil an Sicherheit zunimmt nach dem Maße der Bildung des Richters. Aber auch der Spruch des Sachkenners, des historisch und ästhetisch geschulten Fachmannes, dessen, der vieles gesehen und mehr im Innersten erlebt hat, kann keine absolute Gültigkeit für sich beanspruchen. Alles Kunsturteil ist im höchsten Grade subjektiv und im letzten Sinne nichts als die auf eine Formel gebrachte Aussage von Erregungen der Sinne und der Seele eines bestimmten Menschen durch ein bestimmtes Kunstwerk. Somit kommt es schließlich darauf an. daß der Künstler Menschen findet, die ihm optisch und geistisch verwandt sind, die darum allein die Fähigkeit haben, überhaupt zu erfassen, worauf es in diesem oder jenem Werke ankam: das Künstlerische, das Problem.

Aber selbst angenommen, der Künstler fände nicht einen einzigen Kongenialen, nicht einen einzigen schüchternen Freund, so wäre damit noch nicht das Geringste über den Ewigkeitswert seines Schaffens gesagt. Allerdings, ebensowenig darf aus der allgemeinen Ablehnung nun ohne weiteres auf wahrhaftige und sich einst mit Sicherheit entfaltende (iröße geschlossen werden. So ist also die Kunstkritik etwas wie ein Ringelreihspiel, wie ein Haschen von Seifenblasen. Diese Gedanken stellen sich ein. reihen sich wie eine Mauer und eine abweisende Warnung, wenn etwas über Franz Metzner gesagt sein soll. In wilden Sprüngen schwankt das Urteil auf und nieder. Die Menge mag ihn nicht; desto besser. Das heißt: es will immerhin beachtet sein, und es gilt zu erfahren: warum sie ihn nicht mag.

In der Ablehnung des Volkes offenbart sich häufig die Gesundheit des völkischen Instinktes; die himmelstürmende Kunst des gotischen Domes wurde von der Leidenschaft der Volksgemeinde getragen. Es wird also richtig sein, zu sagen: daraus, daß die Menge das Werk Metzners abwehrt, ist nichts über dessen künstlerischen Wert gesagt; aber es ist damit festgestellt, daß Metzner nicht aus dem Urgründe der Volksseele herauftaucht. Diese Erkenntnis hat für ein der Wahrheit möglichst nahe kommendes Werturteil nur dann Bedeutung, wenn der Betroffene glaubt, oder die Absicht hat, ein Prophet, eine Stimme der tiefsten Regungen der Volksseele zu sein.

Dies gilt für Metzner; und darum ergibt sich hier eine Dissonanz. Und sie muß sich ergeben, denn noch ist das deutsche Volk künstlerisch zu ungebildet. um nach einer Ausdrucksform für die höchsten Lebenskräfte auszuschauen, um überhaupt darauf gefaßt zu sein, in Kunstformen die Erfüllung sehnsüchtigen Erwartens zu empfangen. Andererseits ist aber auch das Innenleben des Volkes noch nicht so abgeklärt, daß ihm überhaupt eine künstlerische Form gefunden werden könnte. Die Zeit der neuen Religion ist noch nicht gekommen: die Stunde, wo Kunst wieder zu Religion wird, ist noch fern. Darum, sage ich, liegt hier eine Dissonanz: denn Metzner will Kunst zur Religion erheben, er kämpft um eine Religion der Form.

Kunstartikel

An den alten Bauwerken schuf der Steinmetz als Künstler und Form-Erfinder, an den altgotischen Domen bewundern wir die entzückende Naivität des Meisseis, der die Fülle volkstümlicher Vorstellungen und Empfindungen in den Stein übertragen. Stein ward nicht mehr Stein, sondern sichtbares Gebet. Die heimatliche Flora, der kleinbürgerliche Personenkreis, in die biblische Legende übertragen, leben fort in die Ewigkeit.

Die Kunst hing an der Spitze des Werkzeuges. Der ganze plastische Schmuck der alten Dome wird für alle Zeiten das herrlichste Denkmal einer deutschen, lebendigen Kunstblüte bleiben, die längst abgestorben ist. Noch spät im Zeitalter des Barock schuf der Meissei an allen Häusern, heute feiert die Kunst. Der Bildner und der Kunstfreund klagen mit Recht über den Industrialismus, dem die Plastik zum Opfer gefallen ist.

Trotz des reichen Formen – Gespinstes unserer gipsüberladenen Großstadt – Kasernen hat die Plastik verhältnismäßig wenig zu tun. Der ornamentale Schmuck für die Zinshausfassaden wird einmal entworfen, abgegossen und bis ins Unendliche vervielfältigt.

Unter solchen Umständen mag man es begreiflich finden, dass der moderne Architekt den Bildner verdrängte. Selbst Monumente und Grabmale entstehen, die eitel Architektur sind. Durch diese Erscheinungen irregeführt, ist der Plastiker leicht geneigt, die Moderne verantwortlich zu machen, er wird Reaktionär zum Schaden seiner künstlerischen oder wirtschaftlichen Existenz und sieht sich bald allein.

Demgegenüber ist zu konstatieren, dass gerade die moderne Raumkunst im Begriffe ist, die Bildnerei aus dem lähmenden Bann des Industrialismus zu befreien und ihr neue künstlerische Wege zu erschliessen. Am Hausbau hat auch in der modernen Baukunst die Plastik zahlreiche Gelegenheit, sich auszuleben. Freilich nicht in dem Sinne, dass sie die Fassaden mit einem Gespinst fabrikmäßiger Formen überzieht und mit solcherlei unnützem Zierrat überladet. Unsere Großstädte bieten in dieser Hinsicht der abschreckenden Beispiele genug. — Die Moderne hat naturgemäß nicht das Prinzip, Plastik auszuschliessen, es sei denn schlechte Plastik. Es wäre ganz gut zu denken, dass ein moderner Bau eine Relieffassade trägt, wofern es einen Künstler gibt, der eine glückliche plastische Lösung fände. —

Kunstartikel

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