Schlagwort: Strafgewalt

Was ist Strafe? — Die Entwicklung des kindlichen Ichs und des Gewissens. — Bestraft werden und Selbstbestrafen des Kindes. — Analogie zum Primitiven. — Das Schuldgefühl. — Naturslrafe, Dressur und Erziehungsstrafe. — Der Konflikt des Oedipus als normale Entwicklungsstufe. — Beispiele. — Das Alter des Kindes und die Entwicklung seines logischen Denkens ändern den Einfluss des Strafens. — Analogie zwischen den Stufen des einzelnen Kindes und denen der Menschheit. — Schuldgefühl, Strafbedürfnis und Geständniszwang. — Reife zur Strafe.

Strafe ist die bewusste Zufügung eines Uebels wegen Uebertretens irgendwelcher Vorschriften ethischer und auch nicht ethischer Normen durch eine bestimmte Persönlichkeit. Die Bereitschaft zum Strafen, Bestraftwerden und Sichselbstbestrafen wird in der gleichen Zeit im Kind erweckt und auf gebaut, in der es von den Erziehern die ersten sittlichen Gebote empfängt. Mit ihnen zugleich erfährt es von der Strafgewalt der Erzieher und der Forderung, so zu handeln, dass die Strafe vermieden wird. Es gleicht sich seinen Erziehern an und «identifiziert« sich mit ihnen, d. h. es übernimmt Eigenschaften und Verhaltensweisen von ihnen. Das geschieht zuerst unbewusster- und allmählich bewussterweise aus dem natürlichen Bedürfnis nach Kontakt und Anlehnung, der Vorform des Autoritätsbedürfnisses, aber auch aus Not und Angst vor Liebesentzug und Strafe — und aus Liebe. Das Kind nimmt in diesem Verähnlichungs- oder Assimilationsprozess das Bedürfnis nach Erziehung und nach Strafe als aktive Strebung in seine eigene Persönlichkeit auf. Es erlebt aber auch gleichzeitig in seiner leiblichen und seelischen Hilflosigkeit passiv Erziehung und Strafe. Die Spannung zwischen seinem Ich und der erziehenden und strafenden Umwelt wird zum Anlass zu einer Spannung im Ich des Kindes; sein triebhaftes Ich spaltet — als Niederschlag der Erzieher in seiner Seele — einen Teil des Ichs ab, gleichsam einen Verbündeten der Erzieher. Das Ergebnis ist, dass je nach seinen biologischen, sozialen und seelischen Bedingungen das Kind sich bald als das wollende Ich, bald als das eigene Trieb-Ich fühlt und handelt. Ersteres vertritt die strafenden Erzieher, welche im Sinn von Recht, Moral und Kultur eingreifen, letzteres das primitive, unsoziale Triebhafte, das sich gegen fremde Eingriffe wehrt. Gewöhnlich sind beide Richtungen des Ichs gleichzeitig vorhanden und kämpfen gegeneinander. Um der Strafe zu entgehen, verbietet sich das Kind allmählich selbst Unerlaubtes, ja, es wird bei bestimmten Erziehungsmethoden und bei bestimmten Erziehern oft ein viel strengerer Richter gegen sich selbst als der Erwachsene, dem es sich gleichgesetzt hat. Ueberstrenge und zu grosse Weichheit desselben Erziehers sind daher Extreme, die sich in ihrer schädlichen Wirkung auf das Kind — Selbststrenge oder Verweichlichung — berühren. Je mehr einerseits das Kind verweichlicht und daher seinem Triebhaften und «Kriminellen», von dem es bedrängt wird, nachgibt, und je stärker und härter andererseits von aussen dagegen gekämpft wird, um so unerbittlicher baut sich sein Gewissen auf. So wird das unbewusste und bewusste Verhalten des Kindes beeinflusst und gesteuert.

Spaltung im Seelenleben des Erziehers oder des Lehrers, Zwiespalt zwischen den Eltern oder zwischen Eltern und Schule rufen bei der Aufwühlbarkeit des Kindes ein reichhaltiges, unharmonisches Echo in ihm hervor, während Geschlossenheit der Personen und einheitliche Umwelt die Reifung und gute charakterliche Entwicklung begünstigen. Von der Umwelt hängt es in hohem Masse ab, welche Forderungen aus Anlehnung oder durch Abstossung das Kind sich als eigene Moral stellt. Bei dem seelischen Wachstum spielt nicht nur das objektiv Wahrgenommene des Kindes, sondern auch die Phantasie eine Rolle. Es gibt eine magische Entwicklungsstufe des Kindes, die mit der des erwachsenen Primitiven zu vergleichen ist.

Strafen und Erziehen

Nächst dem Aufkeimen des Glaubens an übermenschliche Wesen überhaupt ist die Wendung eines Volkes vom niederen Seelen– und Geisterglauben zum höheren Götterglauben das denkwürdigste Ereignis seiner Mythengeschichte. Durch hundert Fasern hängt dieser neue Glaube mit dem alten zusammen; am tiefsten wurzelt er im Naturgeisterreich.

Denn die auf einzelne Menschen angewiesenen Seelen und Maren fügten sich ihrer ganzen Art nach schwer zu einer höheren geschlossenen Körperschaft zusammen. Ungezählt und zerstreut lebten sie weiter und gestatteten nur eine schwache Idealisierung über ihr Dämonentum hinaus. Das Reich der Naturgeister aber, unter denen schon Könige erstanden und aus denen schon, gleichsam als Versuche der Vergöttlichung, die meisten höheren Dämonen hervorgegangen waren, wurde bei der wachsenden Naturerkerintnis, beim Bestreben, die zersplitterten Naturkräfte einheitlicher zu fassen und das Naturleben gleich dem Menschenleben besser zu ordnen, und bei dem mit der Kultur steigenden Bewußtsein von dem Dasein auch sittlicher Mächte, äußerlich und innerlich umgeschaffen. Man schritt von Einzelvorstellungen zu höheren und umfassenderen Begriffen fort, und der Name einer bedeutenderen Naturgeistergruppe z. B. der Holden und Berchten wurde zum Eigennamen einer einzelnen Göttin, zu Holda oder Berchta, oder es wurde ein neuer Name dem neuen Vertreter einer hervorragenden Naturgewalt z. B. Donar beigelegt. So finden wir denn all die alten dämonisierten Naturgewalten, außer dem Donner auch den Wind und die Wolke, das Himmelslicht und die sprossende Erde, in den neuen Göttergestalten wieder. Aber alle Eigenschaften, Kräfte und Ehren der Vielen, die bisher Herren dieser oder jener Naturkräfte waren, wurden nun einem Donnergott, einem Windgott u. s. w. zugeschrieben, der wie ein unumschränkter König in seiner Machtsphäre herrschte. Höchstens wurde dieser von den älteren Naturgeistem als Dienerschaft und Troß umgeben oder auch mit Kindern und anderer Verwandtschaft ausgestattet. Während jene älteren Naturgeister nicht nur die Luft, sondern auch die Erde bewohnten, wurden die Götter, abgesehen von der Mutter Erde, als durchweg vornehme Himmelsbewohner gedacht, die nur ausnahmsweise die Erde mit ihrem Besuch beehrten.

Mythologie der Germanen