Schlagwort: Streitkräfte

Von dem Freiheitskampfe der Yankees führt eine gerade Linie hinüber zu der französischen Revolution und von ihr zu 1848 und in die Volkskämpfe der Gegenwart. Wie immer waren wirtschaftliche Gründe der grobe Anstoß, um feinere Stimmungen auszulösen. Die Amerikaner begannen ihre Revolution, weil man ihnen eine (im Grunde zu rechtfertigende) Steuer auferlegen wollte; die Franzosen wurden ungebärdig, weil ihr König zu viel Geld brauchte. Da dem von Jahr zu Jahr steigenden Fehlbetrag gegenüber Ludwig der Sechzehnte nicht mehr aus noch ein wußte, berief er die Stände. Diese schlugen aus der Geldnot des Königs Kapital und rissen die Zügel an sich. Ludwig wurde eingekerkert und hingerichtet. Der Pöbel von Paris kam obenauf und verübte abscheuliche Ausschreitungen. Die europäischen Fürsten nahmen sich jedoch der gestürzten Bourbons an und eröffneten 1792 von allen Seiten den Feldzug gegen die französische Republik. Die gewaltige Umwälzung hatte jedoch in Frankreich schlummernde Kräfte geweckt. Carnot empfahl eine Massenerhebung, und zum ersten Mal in der Kriegsgeschichte — denn die Anstrengungen der Schweizer und Niederländer erstreckten sich immer nur auf einzelne Gaue — stand ein ganzes Volk in Waffen. Die französischen Heere drangen in Belgien, am Mittelrhein und in Oberitalien ein. Nachdem vollends durch den Sturz der Terroristen, besonders Robespierres, geordnete, wenn auch noch nicht ruhige Verhältnisse wieder herrschend geworden, tratBonaparte an die Spitze der in Italien kämpfenden Armee und führte sie von Sieg zu Sieg. In Korsika geboren — ein italienischer Dialekt war seine Muttersprache — hierauf in einer französischen Kadettenanstalt zum Artilleristen ausgebildet, beständig in großer Geldnot, zog Napoleon Bonaparte zuerst 1792 bei der Belagerung von Toulon die Augen auf sich und avancierte gleich vom Hauptmann zum Oberst. Neuerdings ins Elend zurückgeworfen, kam er 1795 nach Italien, wurde zwei Jahre darauf Generalissimus des französischen Heeres „und 1798 durch einen Staatsstreich Konsul. Nun ging er nach Ägypten, um von dort die Engländer in Indien anzugreifen. Er siegte bei den Pyramiden. „Vierzig Jahrhunderte“, sagte er zu seinen Soldaten, „schauen auf euch herunter.“ Hierauf wandte er sich nach Syrien und belagerte, aber vergeblich, Jerusalem. Sein Hauptgedanke, die Engländer aus Indien zu vertreiben, erwies sich indessen als unausführbar. Vorübergehend flackerte in der Seele des ehrgeizigen Mannes der Wunsch auf, in der mohammedanischen Welt eine Rolle zu spielen. Zu dem Ende wollte Napoleon zum Islam übertreten, ließ aber bald den abenteuerlichen Plan fallen. Mitten durch die britische Flotte hindurch kam er wieder nach Frankreich zurück, das inzwischen von den Waffen der verbündeten Mächte hart bedräng wurde. Napoleon kam, sah und siegte. Namentlich war sein Übergewicht bei Marengo, 1800, entscheidend. Nun setzte ersieh die Kaiserkrone aufs Haupt (1804), und machte den Papst zu seinem Gefangenen.

Die Feldherren Napoleons besetzten ganz Italien, Spanien, die österreichischen Küstenlandschaften und die jonischen Inseln mit Korfu, ferner die Schweiz, die aus einem freiheitsliebenden Lande — es war seit 1499 von Österreich losgelöst — zu einer argen Oligarchie erstarrt war, weiter Belgien, die Niederlande, die seit 1648 nicht mehr zum Reiche gehörten, endlich gewaltige Stücke Deutschlands. Das „heilige“ Deutsche Reich wurde 1806 zu Grabe getragen. An seine Stelle trat zum großen Teile der „Rheinbund“. Bayern, Württemberg, Sachsen wurden Königreiche von Napoleons Gnaden.

Am eifrigsten fochten gegen den Kaiser Österreich und England. Damals gehörte zu England noch Hannover, und hannoversche Soldaten schlugen meist die Schlachten der Briten. Im Jahre1803 überließ Frankreich Louisiana, das Gebiet vom unteren Mississippi bis nach Oregon, den Vereinigten Staaten. Die Berechnungwar dabei, die Yankees möchten nun stark genug werden, um den Briten empfindlichen Abbruch zu tun.

Die wenigen Jahre des Friedens benutzte der Kaiser, um ein großzügiges Gesetzgebungswerk durchzuführen. Die Ergebnisse sind im Code Napoleon niedergelegt. Auch war der Usurpator um Hebung von Handel und Wandel tatkräftig bemüht; selbst für die schwierige Technik der Börse hatte der Sohn des weltabgelegenen Korsika ein überraschendes Verständnis. Freilich war ja Mathematik seine starke Seite, war er mehr ein Mann des Kopfes als des Herzens. Gleichwohl hatte er viel Humor, zumeist den von der sarkastischen Färbung, wie ihn Eroberer gerne haben. Im Jahre 1805 loderte das Kriegsfeuer abermals empor. Österreich und Rußland schlossen sich gegen Frankreich zusammen. Napoleon durchzog in raschem Laufe Bayern und siegte über die vereinigten Truppen der beiden Mächte bei Austerlitz. Dagegen unterlag seine Flotte der englischen unter Nelson bei Trafalgar. Das war die letzte große Seeschlacht der Briten bis einschließlich der Gegenwart.

Nelson hatte das Kommando der Mittelmeerflotte, als Spanien, gereizt durch einen mitten im Frieden erfolgten Angriff englischer Kriegsschiffe auf ein spanisches Geschwader, am 12. Dezember 1804 an England den Krieg erklärte. Die 37 Linienschiffe, die es der französischen Seemacht zubrachte, sollten es dieser ermöglichen, eine zahlreiche Landmacht nach England hinüberzuwerfen, womit vielleicht das Schicksal des Inselreichs besiegelt gewesen wäre.

Lord Nelson befehligte eine aus 11 Linienschiffen bestehende Flotte, womit er die vom Admiral Villeneuve befehligten 12 französischen Linienschiffe in Toulon blockierte. Während aber Nelson zeitweilig absegeln mußte, um sich mit frischem Wasser zu versorgen, entkam Villeneuve am 17. Januar aus dem Hafen. Nelson durchsuchte nun alle Häfen des Mittelmeers nach der feindlichen Flotte, ohne sie zu finden; denn ungünstiges Wetter hatte Villeneuve zur Rückkehr nach Toulon genötigt. Es gelang diesem, noch ein zweites Mal, am 29.März, zu entkommen; ervereinigte sich in Carthagena mit sechs spanischen Linienschiffen und segelte durch die Straße von Gibraltar nach Westindien. Nelson folgte ihm mit zehn Linienschiffen über den Ozean und zurück, ohne ihn anzutreffen, vereinigte sich im Juli mit Admiral Cornwallis bei Quessant und steuerte dann wieder nach Gibraltar.

Jene Fahrt des französischen Admirals quer über den Ozean war ein von Napoleon angeordnetes Manöver, das den Zweck hatte, die englischen Flotten aus den europäischen Gewässern fortzulocken und dadurch der bei Boulogne versammelten Lan-dungsflotille Gelegenheit zur ungefährdeten Fahrt über den Kanal zu geben. Der kühn gefaßte Plan hätte gelingen können, wenn nicht bei der Ausführung verschiedenes versagt hätte. Die Vereinigung mit den in Brest und La Rochelle blockierten Flottenabteilungen gelang nicht, und Villeneuve, dem der erste Teil des Plans geglückt war, ward durch seine Unentschlossenheit und durch seine Überzeugung von der maritimen Überlegenheit der Engländer verhindert, den zweiten Teil mit der Energie anzufassen, die zu seinem Gelingen erforderlich war. Er wich furchtsam nach Cadiz aus, anstatt sich nordwärts zu wenden.

Die zurückkehrende französisch-spanische Flotte ward am 22. Juli 1805 bei Kap St. Vincent von der Flotte des Admirals Calder angegriffen und verlor zwei spanische Linienschiffe, worauf sie, wie erwähnt, nach Cadiz segelte. Nelson stieß mit seiner Flotte zu dem Geschwader des Vizeadmirals Collingwood, der mit 18 Linienschiffen die verbündeten Flotten blockierte. Am 19. und 20. Oktober liefen diese, kommandiert von den französischen Admiralen Villeneuve, Dumanoir und Magon und den spanischen Gravina und d’Alava, aus. Sie zählte 15 spanische und 18 französische Linienschiffe.

Der Wind war so schwach, daß die englische Flotte, obgleich sie alle Segel gesetzt hatte, die ziehen konnten, nicht mehr als zwei Knoten (eine halbe deutsche Meile) in der Stunde vorwärts kam. Dem Vorschlag seines Kapitäns, dem zweiten Schiffe in seiner Linie, dem „Temeraire“, den ersten Platz zu überlassen, stimmte Nelson zu, machte aber keinen Versuch, ihn zur Ausführung gelangen zu lassen. Um 5U11 Uhr erließ Nelson sein letztes Signal, das zu unsterblicher Berühmtheit bestimmte: „England expects every man will do his duty.“ (England erwartet, daß jedermann seine Pflicht tun wird.)

Der erste Schuß in der denkwürdigen Schlacht wurde von dem französischen Dreidecker „Fougueux“ um 10 Minuten vor 12 Uhr abgefeuert, worauf beide Flotten ihre Flaggen aufzogen. Collingwoods Flaggschiff setzte, von der „Santa Anna“ und deren nächsten Schiffen heftig beschossen, seinen Weg fort, ohne einen Schuß zu tun, so daß Nelson bewundernd ausrief: „Seht, wie prächtig Collingwood sein Schiff ins Gefecht bringt.“ Colling-wood aber, indem er sich der „Santa Anna“ näherte, äußerte zu seinem Kapitän: „Was würde Nelson darum geben, an meiner Stelle zu sein!“ Um 10 Minuten nach 12 Uhr durchbrach Collingwood diefeindliche Linie zwischen der „Santa Anna“ und dem „Fougueux“, wobei seine Backbordkanonen eine nach der anderen ihren Eisenhagel gegen die „Santa Anna“ entluden und die Breitseite der Steuerbordgeschütze dem „Fougueux“ zusandte. Dann luvte der „Royal Sovereign“ und legte sich an die Steuerbordseite der „Santa Anna“. Dabei hatte er auch das Feuer des „S. Leandro“ von vorn, des „Fougueux“ von rückwärts und des „S. Justo“und„Indomptable“ auszuhalten. Anderseits erhielt die „Santa Anna“ von dem nächsten britischen Schiffe, dem „Belleisle“, eine Breitseite; um 1 Uhr 20 Minuten fielen ihre drei Masten über Bord, und eine Stunde später strich sie die Flagge. Im weiteren Verlauf fiel Nelson, aber die Schlacht war gewonnen.

Das Jahr darauf zerschmetterte Napoleon Preußen bei Jena, 14. Oktober 1806. Friedrich Wilhelm III. König von Preußen, hatte beständig geschwankt, für wen er Partei ergreifen solle. Sein Vorgängerhattesichschon indem gleichenZwistbefunden; Friedrich Wilhelm II. hatte nämlich zuerst seine Truppen gegen die Sansculotten marschieren lassen, dann aber schloß er den Vertrag zu Basel. Darin wurde eine zehnjährige Neutralität Preußens ausgemacht. Der Geliebten des Königs, der Gräfin Lichtenau, wurden von englischer Seite zwei Millionen Mark angeboten, um den Herrscher zur Teilnahmean der europäischen Koalition gegen Napoleon zu bestimmen. Die Gräfin lehnte ab, und zwar aus Patriotismus, jedoch dieses Mal wäre es patriotischer von ihr gewesen, das Geld anzunehmen. Preußen erkannte nicht die Zeichen der Zeit und wiegte sich in dem Wahn, es allein könne sorgenlos abseits bleiben, während alle anderen sich die Hälse brachen. Wären die preußischen Soldaten zur rechten Zeit auf den Plan getreten, hätten sie noch bei Austerlitz mitgekämpft, so konnten sie einen entscheidenden Erfolg erzielen; so aber, allein gelassen, nachdem Österreich und Rußland gedemütigt waren, unterlag- das preußische Heer, und das ganze Land bis in den fernen Nordosten wurde von den Franzosen besetzt.

„Von allen heute existierenden Mächten ist Preußen diejenige, welche bei gutem äußeren Ansehen und bestem Schein von Festigkeit und Kraft die am weitesten im Verfall vorgeschrittene ist. Preußen befindet sich außerhalb des Prinzips, welches es gegründet hat und welches es existenzberechtigt macht; es entfernt sich alle Tage mehr davon. Es unterhält mit bedeutenden Kosten einen großen militärischen Apparat, aber es läßt durch den Rost der Zeit die Triebfedern zerstören, welche die Ruhe entnervt und welche die Bewegungen des Krieges allein erhalten können. Preußen vergißt, daß es nur ein Staat ist, weil es eine Armee war. Sein Prestige, einige Zeit durch frische Erinnerungen und Schaumanöver aufrechterhalten, wird der gefährlichen und verhängnisvollen Probe eines aufgezwungenen Krieges nicht widerstehen. An dem Tage, an welchem es alle schamvollen Ausflüchte einer ängstlichen Politik, die den Krieg vermeiden will, vergeblich versucht hat, wird es zu gleicher Zeit um seine Ehre und um seine Existenz kämpfen. An dem Tage, an welchem es seine erste Schlacht verloren hat, wird es aufgehört haben, zu bestehen.“

Dieses zwar nicht ganz von Mißgunst freie, im wesentlichen aber treffende Urteil über das Preußen von 1805 finden wir im Briefwechsel des Staatsrates im Auswärtigen Amte zu Paris Hautenve mit Talleyrand. Die im Schlußsätze ausgesprochene Vorhersage hat sich ein Jahr später wörtlich erfüllt. Der 14. Oktober 1806, der Tag der Doppelniederlage von Jena und Auerstedt, brachte den Zusammenbruch nicht nur des preußischen Heeres, sondern auch des Ansehens und der bisherigen Machtstellung der preußischen Monarchie.

Das Verhältnis zwischen Preußen und Napoleon hatte im Sommer 1806 einen Grad von Spannung erreicht, welcher einen Bruch unvermeidlich erscheinen ließ. Neben verletzender Gewalttätigkeit, wie der Besetzung der von Preußen angesprochenen Abteien Essen, Elten und Werden und der Einverleibung Wesels in das Kaiserreich, trieb Napoleon mit Preußen ein hinterlistiges Spiel mit dem Ratschlage, welcher dem König die Stiftung eines norddeutschen Bundes nahelegte, während er zugleich hinter Preußens Rücken gegen eine solche agitierte und Preußens völlige Isolierung betrieb. Die in der Nacht vom 5. auf 6. August eingehende Depesche Lucchesinis, daß Napoleon England das an Preußen gefallene Hannover wieder zurückzugeben beabsichtige, ließ die letzten Zweifel über des Kaisers wahre Absichten schwinden, und am 9. August befahl Friedrich Wilhelm III. die Mobilmachung des Heeres.

Nachdem aber um die Jahreswende 1805/06 die Armee zum größten Teile demobilisiert worden war, war man nicht entsprechend gerüstet, das Heer auch seinem inneren Zustande nach dem Gegner nicht gewachsen, und außerdem stand Preußen zur Zeit isoliert da und konnte, abgesehen von den Sachsen, auf rechtzeitige Unterstützung durch Alliierte nicht zählen.

Immerhin hatte Preußen durch die am 9. August befohlene Mobilmachung einen bedeutenden Vorsprung gegenüber der französischen Armee. Napoleon, welcher vor allem die Ratifizierung des am 20. Juli mit dem russischen Unterhändler Oubril geschlossenen Vertrages sichern wollte, mußte in hohem Maße angelegen sein, zu vermeiden, daß durch offenkundige Kriegsvorbereitungen der Verdacht übergriffiger Absichten erweckt werde, und so war die französische Armee vorerst auch andrerseits noch nicht vollkommen marschfähig. Wider Erwarten verzögerten sich die Verhandlungen in Petersburg und endeten schließlich mit der Verwerfung des Vertrages, wovon Napoleon erst am 3. September Nach rieh erhielt. Am 5. ergehen nun seine Anordnungen zur Vorbereitung auf einen größeren Krieg, jedoch erst am 20. an die sechs in Deutschland stehenden Korps die Befehle, welche die Operationen gegen Preußen einleiteten. Der Kaiser selbst verließ Paris in der Nacht zum 26. und traf am 28. Morgens in Mainz ein. Seine Streitkräfte sollten auf den drei, durchschnittlich einen starken Tagesmarsch voneinander entfernten Straßen über Bayreuth, Kronach und Koburg derart vorrücken, daß auf jeder je zwei Armeekorps vorzugehen, die Bayern der rechten Flügelkolonne in zweiter Linie zu folgen, in der Mitte außerdem die Division Dupont, die Garde und die Reservekavallerie nachzurücken hatten. Des Kaisers Operationsplan geht dahin, mit der versammelten Armee direkt gegen das Herz der preußischen Monarchie vorzurücken und den sich zum Schutze der Hauptstadt entgegenstellenden Gegner mit überlegener Kraft anzugreifen.

Die verbündete preußisch-sächsische Armee war indessen im Aufmärsche nördlich des Thüringerwaldes begriffen und hatte Vortruppen in diesen vorgeschoben. Ende September stand die Hauptarmee unter dem Herzog von Braunschweig, welcher zugleich den Oberbefehl über das gesammte Heer hatte, bei Naumburg, das rechte Flügelkorps unter General v. Rüchel bei Mühlhausen, das linke Flügelkorps unter dem Fürsten von Hohenlohe in Sachsen bei Chemnitz und Zwickau; General von Tauentzien nach Hof vorgeschoben, Blücher bei Göttingen, ein Reservekorps unter dem Herzog Eugen von Württemberg bei Fürstenwalde. Am 23. September war der König von Preußen mit der Königin im Hauptquartier zu Naumburg eingetroffen. In seiner Umgebung befanden sich der Feldmarschall v. Möllendorf, General von Phull vom Generalstab, die Generale v. Köckritz und von Zastrow, der Vortragende Generaladjutant Oberst v. Kleist, Major v. Rauch vom Generalstab und die Diplomaten Haugwitz und Lucchesini.

Da Friedrich Wilhelm III. den Oberbefehl nicht selbst übernahm, gleichzeitig aber auch die Leitung nicht uneingeschränkt in den Händen des zum Generalismus des gesammten Heeres ernannten Herzogs von Braunschweig beließ, so war die Anwesenheit des Königs mit seiner vielköpfigen Umgebung für die militärischen Operationen nur von nachteiligem Einfluß. Obwohl er die politische Lage vollkommen klar übersah, ließ ihn doch seine ausgesprochene Friedensliebe bis zum letzten Augenblick an der Hoffnung auf Erhaltung des Friedens fest-halten. Da er bei dem ihm eigenen Mangel an energischem Willen und an Selbständigkeit im Entschluß geneigt war, stets den Rat jedes einzelnen seiner Umgebung hören zu wollen und alle wichtigen Entscheidungen durch Konferenzen herbeizuführen, so entstand nicht nur häufig Verzögerung der Beschluß-fasssung, sondern bei der herrschenden Verschiedenheit der Anschauungen auch Mangel an Stetigkeit und Sicherheit in den Entschließungen, sowie Mangel an Konsequenz in ihrer Durchführung; auch mußte hiedurch die Autorität des Herzogs geschwächt werden. Die Tätigkeit und der Einfluß des Generalstabschefs des Herzogs, des trefflichen, unermüdlichen, weit und scharfblickenden Scharnhorst, war unter solchen Umständen durch Rücksichtnahmen und Friktionen aller Art in hohem Maße gehemmt und gelähmt. Andererseits gewann leider im Hauptquartier des Fürsten von Hohenlohe der Einfluß des dortigen Generalstabschefs, des Obersten von Massenbach, den des Fürsten Adjutant v. d. Marwitz treffend als Schwindelkopf und Konfusionsrat charakterisiert, umso breiteren Boden.

Nach dem am 24. und 25. September nach vielen Vorschlägen, Gegenvorschlägen und Beratungen im Hauptquartier des Königs zu Naumburg endlich gefaßten Endschluß sollte die Hauptarmee unter dem Herzog von Braunschweig und die Armee des Fürsten von Hohenlohe den Thüringerwald überschreiten, gegen den Main Vordringen und so die noch in der Zusammenziehung begriffene französische Armee in der Mitte durchbrechen, während zwei Flügelkorps im Bayreuthschen bezw. in Hessen durch Scheinbewegungen den Gegner zu einer unrichtigen Verteilung seiner Kräfte zu veranlassen bestimmt waren. Da man jedoch, in noch immer genährter Hoffnung einer möglichen Vermeidung bewaffneten Konfliktes, die Feindseligkeiten nicht vor dem 8. Oktober beginnen wollte, bis zu welchem Tage Napoleons Entscheidung auf das preußische Ultimatum gefordert war, verlor man kostbare Zeit und stand noch untätig am Nordfuße des Thüringerwaldes mit in diesen vorgeschobenen Vortruppen, als sich Napoleon bereits im Anmarsche befand. Da die hierüber am 3. Oktober in Naumburg eingegangenen Nachrichten die Ausführbarkeit der geplanten Offensive zweifelhaft machten, wurde nach längeren Beratungen endlich am 6. Oktober Abends beschlossen, den Thüringerwald nicht zu überschreiten, sondern eine Bereitschaftsstellung auf dem linken Saale-Ufer bei Erfurt zu nehmen und für den wahrscheinlichen Fall des weiteren Vorgehens des Feindes durch das Bayreuthsche auf das rechte Saale-Ufer abzurücken, woselbst noch die zu Hohenlohes Armee gehörigen sächsischen Truppen sich befanden. Als die eingehenden Nachrichten keinen Zweifel mehr ließen, daß der Kaiser auf dem rechten Saale-Ufer Vorgehen werde, wurde für die Verbündeten für den 9. Oktober eine engere Versammlung nahe dem linken Ufer zu einem allenfallsigen Uferwechsel befohlen und die noch auf dem rechten Ufer befindlichen Sachsen an die Saale herangezogen. Die Truppen der Hauptarmee waren bereits in Bewegung, um die befohlenen Märsche auszuführen, als man sich im Hauptquartiere wieder anders besann und die angeordneten Bewegungen auf den nächsten Morgen verschob. Inzwischen war der nach Hof vorgeschoben gewesene General GrafTauentzien, vor den anrückenden Franzosen zurückgehend, am 9. Oktober bei Schleiz geworfen, Hohenlohes Avantgarde unter dem Prinzen Louis Ferdinand am 10. Oktober bei Saalfeld bis zur Auflösung geschlagen worden, der Prinz hatte dort selbst den Tod gefunden. Durch diese unglückliche Einleitung des Feldzugs wurde die Stimmung der Armee, welche infolge von Verpflegungsschwierigkeiten bereits vielfach Mangel litt und in welcher durch unnötige Hin- und Hermärsche und die damit verbundene Erschöpfung der Truppen das Vertrauen in die Führung schon bedenklich geschwunden war, in hohem Grade gedrückt und verdüstert. Schon kommt es zu Exzessen der hungernden Truppen in den ihren Lagerplätzen naheliegenden Orten. Soviel über die Vorgeschichte von Jena, die noch heute beherzigenswert ist. Auch in der Schlacht selbst fehlte, außer bei Blücher, der Wille zum Sieg.

Friedrich Wilhelm der Dritte mußte seine Hauptstadt preisgeben. Er verlor, obwohl die Russen sich neuerdings ermannten und ihm zu Hilfe kamen, die blutige Schlacht bei Friedland und schloß den Frieden von Tilsit, einem Städtchen, das nicht fern von der russischen Grenze liegt. Der Zar Alexander der Erste wandte sich von Preußen ab und den Franzosen zu. Er ließ sich von des Korsen gleißenden Worten blenden und sich in den Glauben einwiegen, daß er, der Zar, von der Vorsehung dazu bestimmt sei, mit Napoleon die Herrschaft über die Welt zu teilen. Napoleon wälzte abermals ungeheure Pläne in seinem Gehirn. Aus Finkenstein, vom Schloß des Grafen Dohna, gab er den Befehl an General Gardanne, nach Teheran zu gehen, um den Schah für Frankreich zu gewinnen, und mit ihm einen gemeinsamen Zug nach Indien zu verabreden. In Persien wareine neue Dynastie, die der Kadscharen, 1794 auf den Thron gekommen. Es waren Türken von harter, grausamer Art. Der erste der Kadscharen, Aga Mohammed, ließ einmal 70000 Aufständigen die Augen ausstechen. Nun kam Feth Ali auf den Thron, den man wegen seiner großen Kinderzahl — er hatte zu seinen Lebzeiten dreitausend Nachkommen — den zweiten Adam nannte. Dessen Sohn, der Kronprinz Abbas Mirza, besetzte Tiflis und führte einen langwierigen Krieg gegen Rußland, der jedoch andauernd zu Ungunsten der Perser verlief. Im Jahre 1801 bemächtigten sich die Russen Georgiens, dessen Hauptstadt Tiflis ist, und faßten dadurch südlich vom Kaukasus Fuß; es dauerte noch ein halbes Jahrhundert, ehe der ganze Kaukasus unterworfen war. Auch während die Freundschaft zwischen Alexander dem Ersten und Napoleon bestand, hörte der Krieg zwischen Rußland und Persien nicht ganz auf. Zugleich aber mischten sich die Engländer ein, und schickten von Indien aus Offiziere, um dem Schah zu helfen.

Das europäische Festland lag jetzt zu Napoleons Füßen. Die Fürstenzusammenkunft zu Erfurt 1808 brachte dies deutlich zum Ausdruck; Könige mußten wie Kammerdiener im Vorzimmer des Eroberers warten.

Als gefährlicher Feind blieb nur noch England übrig. Um die stolze Seemacht zu brechen, ersann nun Napoleon die Kontinentalsperre. Da die Engländer am empfindlichsten an ihrem Geldbeutel zu treffen sind, so sperrte er das Festland für die englischen Waren, und suchte so den britischen Handel schwer zu schädigen. Es gelang ihm dies nicht völlig, da bei der ausgedehnten Küstenentfaltung Europas Schmuggel nicht zu vermeiden war, aber es stachelte doch die Engländer zu den höchsten Anstrengungen auf, um den Usurpator niederzuwerfen. Sie führten denKrieg von derPeripherieaus, auf Sizilien, Korsika, Korfu, in Neapel, in Dänemark, in Portugal, in den Niederlanden, wo sie die Insel Walcheren zu ihrem Waffenplatze machten, in Indien, wo sie die Anhänger Frankreichs zu Paaren trieben, und, wie berührt, in Persien, wo sie dem bedeutenden Einflüsse Gardannes entgegentraten; endlich in Südamerika. Durch die Eroberung Spaniens waren nämlich theoretisch auch die spanischen Kolonien an Frankreich gefallen, genau so, wie durch Besetzung der Niederlande die holländischen Kolonien. Dies nutzten die Engländer in ihrerWeiseaus.Sie nahmen 1806 dasKapland und griffen im gleichen jahre Argentinien und Uruguay an, wurden jedoch vor Buenos Ayres zurückgeschlagen. Außerdem besetzten sie das holländische Inselasien. Um wenigstens Südamerika für Frankreich zu sichern, schickte Napoleon 1807 einen Vertrauensmann nach Buenos Ayres. Der Erfolg1 war jedoch lediglich der, daß das lateinische Amerika weder an Frankreich kam, noch bei Spanien blieb. Es erklärte sich unabhängig. Den Anfang, ihre Freiheit zu erkämpfen, machten Argentinien und Chile, und zwar im Jahre 1810. Auch die Philippinen, einen anderen spanischen Besitz, wollte Napoleon gewinnen, und dachte außerdem zeitweilig an eine Besitzergreifung von Siam und Formosa; dazu reichte aber weder Zeit noch Kraft. Immerhin sind solche Pläne bezeichnend für die umfassenden Pläne des Kaisers, die denen heutiger Weltpolitik in nichts nachstehen. Dementsprechend ist denn auch der Name Napoleons überallhin gedrungen; selbst in dem fernen Angola in Westafrika, und in dem ostsibirischen Irkutsk galt nach seinem Tode Napoleon als eine Art Heiland, von dessen Rückkehr man Freiheit und ein goldenes Zeitalter erwartete.

In Europa regte sich der Widerstand gegen das neue Imperium. Nur wenige Völker hatten einen Vorteil von der französischen Herrschaft; so die Schweizer und Venezianer, die beide durch sie einer unerträglich und gänzlich unfruchtbar gewordenen Oligarchie entrissen wurden, ferner die Albaner, deren großer Führer, Ali Pascha aus Tepelen (nördlich von Dodona), sich zum Sultan der europäischen Türkei machen wollte, und die Serben, die gleich Ali mit Napoleon in Verbindung standen und von ihm zum Kampf wider die Türken ermutigt wurden, Die übrigen Völker erlebten zwar einen gewissen Aufschwung, des Verkehrs, da die Franzosen vortreffliche Straßen bauten, und zogen wohl auch Nutzen aus dem Abschneiden so mancher Verwaltungszöpfe; dafür wurden sie aber von den Fremdherrschern unbarmherzig ausgesogen, mußten ihnen schweren Tribut zahlen und ihnen Soldaten für ihre Feldzüge stellen. Dazu kam der Rassenhaß gegen die Fremden. Das erste Volk, das gegen den Korsen aufstand, war das spanische. Es folgten die Tiroler, die sich allerdings zuerst mehr gegen die Bayern, als gegen die Franzosen wandten; Tirol war nämlich dem neugebackenen Königreich Bayern verliehen worden. Die Aufstände der Spanier und Tiroler wurden niedergeschlagen. Ebenso die Putsche von Ferdinand von Schill und dem Herzog von Braunschweig. Der Krieg auf der iberischen Halbinsel wurde dagegen von England neu genährt, durch die Sendung Wellingtons, der sich indes lange auf die Defensive beschränken mußte.

Der Zar ward der Kontinentalsperre überdrüssig, da sie nicht nur den britischen, sondern auch den russischen Handel empfindlich schädigte. Eine Spannung entstand, die jedoch durch die überlegene Diplomatie Napoleons einstweilen überwunden wurde. So war Österreich allein, als es zum dritten Male gegen den Imperator zu Felde zog. Bei Wagram und Aspern schlugen sich die Österreicher mit bewundernswerter Tapferkeit, aber die Saumseligkeit des Erzherzogs Johann, der zu spät kam, rettete die Franzosen vor dem sicheren Untergang. Der Korse zog in Wien ein. Er erzwang den Frieden von Schönbrunn, und die Preisgabe Tirols. Eine Folge davon war die Heirat der Kaisertochter Marie Louise mit dem Usurpator, eine zweite die Erschießung Andreas Hofers zu Mantua.

Jetzt wandte sich der Eroberer nach Sachsen und Polen. Zugleich erhob er einen seiner Generäle, Bernadotte, der aus einer südfranzösischen jüdischen Bürgersfamilie stammte, zum König von Schweden. Hier ließ den Menschenkenner sein sonst so durchdringendes Urteil im Stich: Bernadotte hat keinen Dank erwiesen und war später einer der ersten, der gegen Napoleon Partei ergriff. Dabei waren die Interessen Schwedens eigentlich denen Rußlands entgegengesetzt; denn der Zar entriß 1809 dem Skandinavischen Reiche Finnland, ein Verlust, den Schweden bis heute noch nicht verschmerzt hat. Den Finnländern wurden übrigens alle ihre Privilegien ausdrücklich bestätigt, und wurde eigene Verwaltung zugesichert, Vorteile, die ihnen durch jüngste Maßregeln einseitig wieder entzogen wurden.

Es kam nun zum Bruche mit Rußland. In Warschau sammelte der Franzosenkaiser aus allen Gauen Europas ein Heer, das auf 560000 Mann beziffert wird. Es war die größte Invasionsarmee aller Zeiten bis auf 1870, wenigstens sind frühere Zahlen, die von noch größeren Heeren wissen wollen, so bei Chinesen und Hunnen, keineswegs vertrauenswürdig. Auch die Preußen mußten zähneknirschend ein bedeutendes Kontingent stellen. Zwar bereiteten sie, von Scharnhorst und Gneisenau geführt, eine Erhebung gegen die Fremdherrschaft vor, allein es war noch nicht so weit; man mußte sich noch gedulden und die harte Blutfron über sich ergehen lassen. Napoleon siegte bei Smolensk und Borodino, und rückte Ende September 1812 in Moskau ein. Friedensverhandlungen, die er eröffnete, führten nicht zum Ziel. Moskau geriet in Brand, und den obdachlosen Franzosen nahte der Winter. War es schon ein Fehler Napoleons gewesen, daß er zu so später Jahreszeit den Feldzug begann, so war es ein weiterer Fehler, daß er einen Monat untätig in Moskau verharrte, und ein dritter, daß er nicht einfach Winterquartiere in Rußland bezog. Er selbst hätte ja füglich nach dem Westen zurückkehren können, und dort während des Winters nach dem Rechten sehen können, während das Heer den Winter über einfach in Rußland verblieb. Es scheint jedoch, daß die ungeheuren, unaufhörlichen leiblichen und geistigen Anstrengungen, die von dem glutheißen Tale des Nils bis zu den Eisfeldern des Nordens führten, zeitweilig die Leistungsfähigkeit und Entschlußkraft des Eroberers geschwächt hatten, ähnlich wie im Grunde auch Alexander. Tatsächlich haben denn auch bei der ersten Niederwerfung Napoleons die Engländer keine irgendwie bedeutsame militärische Rolle gespielt. Ihre Subventionsgelder, die sie an das Festland zahlten, waren wichtiger als die Kriegstaten, die sie 1814 auf französischem Boden verrichteten.

In der Neujahrsnacht überschritt Blücher bei Caub den Rhein. Die anderen gingen zwar viel langsamer vor, und verzögerten viel kostbare Zeit auf dem Plateau von Langres, namentlich der österreichische Feldherr Schwarzenberg war mehr dafür, beherrschende Positionen inne zu haben, als Schlachten zu gewinnen. Trotzdem ging es mit dem Usurpator unaufhaltsam abwärts. Im Juni Unterzeichnete er seine Abdankung zu Fontainebleau. Man schickte ihn nach der Insel Elba in Verbannung, gab ihm jedoch 600 Soldaten mit, und ließ ihm auf der Insel völlige Freiheit.

In Wien versammelten sich die Fürsten und Diplomaten, um die gänzlich veränderte Karte Europas neu zu ordnen. Es war der vergnüglichste Kongreß, den die Weltgeschichte kennt. Eine Lustbarkeit, ein galantes Abenteuer folgte auf das andere. Das sonderbarste war, daß derVertreterderBesiegten,daß Talleyrand, seines Zeichens ein Bischof, seiner Anlage und Betätigung nach ein raffinierter Weltmann, die erste Violine spielte. Er brachte das durch einen kleinen Trick zuwege, durch die Erfindung der Legitimität. Nicht gegen Frankreich habe man gekämpft, so behauptete er, sondern gegen den korsischen Tyrannen. Nachdem der Tyrann gestürzt, kämen ganz von selber die rechtmäßigen, legitimen Herrscher, die Bourbons, wieder auf den Thron. Die Bourbons seien die natürlichen Freunde und Brüder der verbündeten Fürsten, die ja für das Legitimitätsprinzip den ganzen Kampf gegen Napoleon geführt. Sobald einmal die Auffassung Talleyrands durchgedrungen, war es für ihn ein leichtes, Preußen und Österreich zu verfeinden. Der Gegensatz zwischen den beiden Mächten spitzte sich zu, und schon war ein Angriffsbündnis zwischen Rußland, Österreich und Frankreich gegen Preußen vorbereitet — da platzte auf einmal wie eine Bombe in die Vergnügungen und Umtriebe des Kongresses die Nachricht hinein, Napoleon sei von Elba entflohen, und in Frankreich gelandet. Hätte der ungeduldige Korse nur wenige Monate gewar-tat, so wären seine früheren Gegner alle miteinander in ernsten Streit geraten. So aber war die Verhetzung Talleyrands noch nicht so weit gediehen, und mit überraschender Schnelligkeit faßten die bei dem Kongreß vertretenen Mächte den Beschluß, dem Usurpator, der inzwischen in Paris mit Jubel aufgenommen worden, und im Moniteur de France vom „Monstre“ zu Sa Majeste avanciert war, vereint entgegen zu treten. Die Herrlichkeit Napoleons währte diesmal nur hundert Tage. Es gelang ihm zwar, den alten Blücher bei Ligny zu schlagen, und beinahe hätte er die Engländer, die diesmal auch militärisch Anerkennenswertes leisteten, über den Haufen gerannt, als Blücher sein Versprechen einlöste, und, spät am Nachmittag, dem Herzog von Wellington zur Hilfe kam. Waterloo war Napoleons Ende. Er flüchtete nach England, wurde aber dort gefangen genommen. Um seine Rückkehr unmöglich zu machen, verbannte man ihn jetzt nach einer der einsamsten Inseln des Ozeans, nach St. Helena, wo er sechs Jahre darauf an Herzverfettung starb.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Philipp siegte 338 bei Chaironeia über Athener, Böotier und Genossen. Griechenland lag zu seinen Füßen. Er selbst, der König wurde bald darauf ermordet. Sein leidenschaftliches Weib, die genannte Olympias, hatte ihn aus Eifersucht töten lassen. Nun ergriff Alexander der Große die Zügel der Herrschaft. Zunächst hatte er Aufstände der Griechen niederzuwerfen, dann zog er gegen die wilden Stämme im Norden, Illyrier und Kelten. Als Gesandte Alexanders die Kelten an der Donau fragten, ob sie sich nicht vor Alexander fürchteten, da erwiderten sie: wir fürchten nichts, es sei denn, daß der Himmel einstürze! Nach diesen militärischen Vorübungen begann Alexander seine große Eroberung Asiens. Mit weniger als 40000 Mann setzte er über den Hellespont und schlug zunächst im nördlichen Kleinasien 334 die Perser am Granikosflusse. Er beging nun alle Küsten Kleinasiens und wandte sich dann wieder ins Innere, nach Gordion, wo er den gordischen Knoten zerhieb. Nun führte ihn der Weg nach dem Taurus, dort wo jetzt die deutschen Schienen der Bagdadbahn gelegt werden, und nach dem alten Tyrus, dessen Belagerung ihn sieben Monate aufhielt. Er gewann mit leichter Mühe durch einige Konzessionen die Juden für sich und rückte in Ägypten ein. Inzwischen war in seinem Rücken ein Aufstand ausgebrochen. Ein genialer griechischer Admiral Memnon drohte ihm alle rückwärtigen Verbindungen abzuschneiden. Doch gelang es noch die Gefahr zu beschwören. Am Nil wurde Alexander als Befreier vom persischen Joche begrüßt und wie ein Gott geehrt. Ägypten ist bis zur Gegenwart das strategisch wichtigste Land der Erde. Alexander, der keineswegs bloß ein Draufgeher und stürmender Kriegsheld war, sondern der auch für die Bedürfnisse der Volkswirtschaft einen hervorragenden Blick besaß, gründete an der Mündung des Nils Alexandrien. Die Stadt blühte mit unglaublicher Schnelligkeit auf und wurde schon nach einem Menschenalter der bedeutendste Handelsplatz der ganzen Westwelt. Während dieser Ereignisse hatten die Perser Zeit gehabt, sich zu sammeln. Auch versuchten sie durch Verhandlungen etwas zu gewinnen. Beides nützte ihnen wenig. Den Abgeordneten des Darius Kodomannos antwortete der Mazedonier: Zwei Sonnen können am Himmel nicht leuchten! und die bei Gauga-mela im Gebiete des mittleren Euphrat versammelten Streitkräfte des Darius zerstreute er mit leichter Mühe. Den fliehenden Perserkönig ermordete einer seiner eigenen Vasallen, Bessus. Alexander, der aus einem Gemeinsamkeitsgefühl königlicher Legitimität heraus sich als den natürlichen Rächer betrachtete, setzte dem Bessus nach, ereilte den Mörder und ließ ihn töten. Er selbst drang bis zum Jarxartes (dem Sir Darja) bis an die Schwelle Fer-ganas vor und nötigte die iranischen Gaue im südlichenTurkestan zur Huldigung. Auch nahm er eine der dortigen Fürstentöchter, die Roxane, zur Gemahlin. Nunmehr begab er sich daran, die Verhältnisse in Persien zu ordnen. Sein Hochziel war, eine Verschmelzung des griechisch-mazedonischen Wesens mit dem Per-sertum zu erreichen. Bald aber fühlte ersieh schon mehr als König der Perser, denn als einer von Mazedonien. Das größere Gewicht des Riesenreiches hatte ihn herübergezogen. Er wurde dem Occident ab — und dem Orient zugewandt. Noch aber war nicht alles getan. Noch waren die Lande weiter östlich nicht unterworfen. Ohnehin wurde jemand erst als neuer Herrscher anerkannt, wenn er alle Grenzen des Reiches beschritten hatte. So setzte sich Alexander abermals in Bewegung, durchzog Ostiran und rückte durch den Khaiberpaß nach dem indischen Pendschab, das ja ebenfalls, wenn auch häufig nur dem Namen nach, zu Persien gehörte. Er besiegte alle die indischen Maharadscha, die sich ihm entgegenstellten und erreichte den östlichen Nebenfluß des Indus, den Satladsch. Hier aber meuterte sein Heer. Es war unzufrieden mit den beständigen Märschen und Strapazen, deren Ende sich nicht absehen ließ, und es sehnte sich nach der Heimkehr. Um so höher ist das Genie Alexanders zu bewundern. Die Meuterei war nicht die letzte. Fortwährend zeigte sich neue Unzufriedenheit bei denTruppen. Trotz aller dieser Schwierigkeiten aber, da er nicht nur gegen die ungeheure Überzahl der äußeren Feinde ankämpfen, sondern auch die Zwietracht im eigenen Lager dämpfen mußte, hat der große Mazedonier doch den Hauptzweck seines Zuges erreicht. Ja, er ist noch über die Grenzen des Achämenidenreiches hinausgegangen. Er hat auch die Landschaft Sindh, das Gebiet des unteren Indus, bis zur Mündung des Flusses durchstreift und hat dann seinen Admiral Nearchos ausgesandt, um die Seeverbindung zwischen Indien und Mesopotamien genauer zu erforschen. Der König selbst kehrte mit seinem Heere auf dem Landwege zurück. Unglücklicherweise wählte er die südliche Strecke, den Weg durch Belutschistan und Seistan, eine Strecke, die in unseren Tagen englische Offiziere des Öfteren und zuletzt noch Sven Hedin bereist hat. Es ist das eine fürchterliche Wüste. Kein Baum, kein Strauch, kein Gras. Und oft mehrere Tagreisen weit kein Tropfen Wasser. Oder, wenn sich solches findet, so salzig, daß es kein Mensch trinken kann. In dieser Wüste, die man damals die gedrosische nannte, verlor Alexander von seinen 40000 Mann — die Verluste waren inzwischen durch Nachschub mehr als wett gemacht worden — nicht weniger als dreiviertel. Zurückgekehrt, schlug der Eroberer in der alten Residenz der babylonischen und persischen Könige, in Susa, seine Residenz auf. Hier ergab sich Alexander einem erschlaffenden Wohlleben. Gastereien und Gelage folgten einander unaufhörlich. Alexanders durch Ausschweifungen geschwächter Leib erlag 323 der Malaria.

Nach fast200 Jahren war das gewaltige Ringen zu Gunsten des Westens geendet. Das von den Mazedoniern geleitete Griechentum hatte den Osten übermannt. Sofort setzte eine starke Hellenisierungein.Das Reich Alexanders zerfiel zwar sogleich nach dem Tode des Stifters. Allein, wenn auch zersplittert, lebte sein Werk doch fort. In den verschiedenen Teilreichen, die auf dem Boden des Alexanderreiches entstanden, erhoben sich Fürstenhöfe, durch die auf jede Weise die griechische Bildung gefördert wurde. Griechische Kunst feierte in den Bauten von Alexandrien und Pergamon, von Antiochia und dem wiederauflebenden Athen neue Triumphe. GriechischeSchauburgen füllten sich mit eifrigen Hörern, die zur Hälfte wenn nicht mehr „barbarischen“ Ursprungs waren. Hellenische Kriegsmethoden wurden alleinherrschend, höchstens, daß man dem Orient die Benutzung gezähmter Elefanten entlehnte. Endlich verbreitete sich griechische Sprache überallhin, bis zu den Alpen Abessiniens, bis zu den Hängen des Hindukusch und im Norden bis zum Kaukasus und nach Samarkand. Im fernen Abendlande entsprach dem eine Ausbreitung der Sprache bis zur Rhone und bis nach Tripolis. Genau so wie den Fahrten eines Vasco da Gama die Verbreitung des Portugiesischen und denen eines Columbus die des Spanischen folgte, so hat auf die Eroberungzüge Alexanders, ferner des Agathokles, der Karthago bestürmte, und des Pyrrhus, der gegen Rom focht, eine Ausdehnung des griechischen Sprachgebietes Platz gegriffen. Neben den Entdeckungen, zu denen Alexander den Anstoß gab, waren am wichtigsten die Fahrten des Pytheas und des Eudoxos. Pytheas aus Massalia in Südfrankreich hat Nordeuropa als erster Kultureuropäer bereist.

Die Zeitgenossen des Herodot nahmen an, daß an den Gestaden der nebel verhüllten, eisigen Nordmeere der Wohnsitz der Hyperboräer liege. Aber schon der „Vater der Geschichtsschreibung“ zweifelt daran, daß der Nordpol bewohnbar sei, denn „wenn der Nordpol bewohnbar ist, muß es auch der Südpol sein.“ Von der Existenz fabelhafter Menschen im äußersten Norden erzählten bereits Homer und Hesiod; hier liege das gelobte Land der Seligen, wo kein Streit und Hader ist, sondern ewiger Friede herrscht. Diese Geschichten von der Neidlosigkeit der Hyperboräer paßten gar nicht schlecht zu der friedliebenden Gesinnung und der treuen Art der heutigen Eskimos, und der Ausspruch des Geographen Eratosthenes von Kyrene, daß in diesem Lande die Sonne nur einmal auf- und untergehe, ist von einer guten Naturbeobachtung eingegeben. Doch alle solche Berichte blieben doch nur phantastische Vorstellungen, bis etwa um das Jahr 320 v. Chr. Pytheas seine berühmte Fahrt nach Thule unternahm. Eine neue, wunderbare Welt schloß der Mann aus Massilia dem Altertume auf, als er die Orkney- und die Shetlandinseln entdeckte, und vielleicht sogar bis nach Norwegen, dem nordischen Thule vordrang. Dieser erste Pionier der Polarforschung berichtet schon von dem sogenannten „Totenwasser“, von dem dann im Mittelalter wieder die Wikinger und die deutschen Walfischfänger bei ihrem Eindringen in die Eismeere zu erzählen wußten. Durch Pytheas wird die Kunde von einem Eismeer dem „hyperboräischen Ozean“ in die Vorstellung der Alten von der Erde eingeführt. Von diesem „trägen Meer“ nahm man an, daß es dem Ende der Welt benachbart sei, wo Erde, Luft und Meer in eins zusammenflössen, und jede Schiffahrt unmöglich werde. Eine wundersame, unbewohnbare Welt „wo das zähe Eis alle Monate hindurch steht“, und „wo die Sonne Ruhe hält.“ Eudoxos, d.er im Dienste der Ptolemäer, der mazedonischen Beherrscher Ägyptens, seine Fahrten ausführte, hat als erster wissenschaftlicher Reisende die ozeanischen Küsten Afrikas nördlich vom Gleicher näher erforscht. In den Jahrhunderten nach Eudoxos nahm die Kenntnis von Afrika noch weiter zu. An der Ostküste ging sie wohl bis Mosambik und Madagaskar hinunter. An der Westküste bis Senegambien und vielleicht noch darüber hinaus. Im Innern gelangte man bis zu den ersten Katarakten des Nils und vernahm dunkle Kunde von den großen Seen, die erst das 19. Jahrhundert ganz entschleiert hat. Nicht minder ist eine trübe Kunde von dem großen Flusse Niger damals schon bis an das Mittelmeer gelangt.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens

Alexander der Große Männer; Völker und Zeiten

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Vom ersten Tage des Krieges an hat die englische Marine die volle und unbestrittene Seeherrschaft ausgeübt. Die überlegene Schlachtflotte auf ihrer Station im Norden beherrscht alle offenen Weltmeere, so lange sie nicht herausgefordert und nicht geschlagen wird. Sie ist die alles beherrschende Vorbedingung für alle Unternehmungen des Verbandes auf jedem Kriegsschauplatz, das unbedingte Veto für jede Auslandsbetätigung des Feindes. Obgleich die Linienschiffsgeschwader der Großen Flotte erst ein einziges Mal für ein paar kostbare Augenblicke mit den deutschen Schiffen im Kampfe waren, obgleich ihnen jede Gelegenheit zur Entscheidungsschlacht versagt war, haben sie doch von Anfang an alle Früchte eines vollkommenen Sieges genossen. Hätte Deutschland niemals ein Großkampfschiff gebaut oder wären alle deutschen Großkampfschiffe versenkt, die alles leitende, gesetzmäßige Macht der englischen Marine hätte nicht wirksamer sein können. Auch ohne ein Trafalgar sind die vollständigen Folgen eines Trafalgar andauernd wirksam gewesen, und zwar mit einer unerhörten Strenge. Das gesamte ungeheure Geschäft des englischen und verbündeten Handelsund Transportverkehrs vollzieht sich ungehindert. Eine Versicherung von 1% deckt nicht nur die Kriegsgefahren, wie man sie vor dem Kriege verstand, sondern auch die Verluste infolge des ungesetzmäßigen und unmenschlichen Unterseekrieges gegen Handelsschilfe. Verbandsarmeen können, beschränkt nur durch den Umfang des verfügbaren Schiffsraumes, nach jedem Teile der Welt gesandt und an ihren Landestellen unterhalten werden. Das Vereinigte Königreich, seine Kolonien, Festungen, Schutzgebiete und die seiner Bundesgenossen liegen sicher und unberührt da. Dem Feinde jedoch ist jeder Besitz außerhalb der Linie seiner Festlandsarmeen genommen worden oder er wird ihm genommen; auf dem weiten Spiegel der offenen See kann er keinen Kiel schwimmen lassen. Ura einen Brief nach NewYork zu schicken, müssen die Deutschen tatsächlich ein eigenes Fahrzeug bauen, das unter Wasser fährt. Die diesige Luft der Nordsee, die finsteren und stürmischen Nächte, die ungeheuren Weiten der Meere und Ozeane sind kein Deckmantel, um vor der unaufhörlichen, allumfassenden Überwachung Schutz zu bieten, die jede deutsche Bewegung zu Wasser verbietet. Es liegt kein Grund dafür vor, daß dieser Stand der Dinge nicht unbegrenzt so weiter besteht. Der Glaube ist durchaus begründet, daß die unbegrenzte Fortdauer desselben — abgesehen von allen anderen Angriffs mittein — das Schicksal des Kampfes entscheiden wird. Wir sind berechtigt, mit dieser Lage völlig zufrieden zu sein. Die Kriegsaufgabe der englischen Marine wird unbedingt gründlich und erfolgreich erfüllt. Ohne eine Schlacht haben wir alles, was die siegreichste Schlacht uns geben könnte. Das ist der Ausgangspunkt für alle Betrachtungen über den Seekrieg. Wir sind zufrieden!

Wenn die Deutschen mit dem Stand der Dinge nicht ebenso zufrieden sind, so liegt das Abhilfsmittel auf der Hand. Um sie von jeder Unbequemlichkeit, unter der sie leiden, zu erlösen, brauchen sie nur die Große Flotte aufzusuchen und vernichtend zu schlagen. Ist das geschehen, so würden für Deutschland alle Schwierigkeiten beendet sein. Die englischen Armeen könnten nicht länger auf dem Festlande aufrecht erhalten werden; das Leben und die Industrie des Vereinigten Königreiches wäre gelähmt, die Munitionszufuhr abgeschnitten und das ganze Gebäude des Krieges, der Diplomatie und des Handels der Verbandsmächte würde mit einem Zauberschlage zusammenbrechen. Der Sieg in dem großen Kriege, der sichere, schnelle und endgültige Sieg, die Überwachung der Meere, die Beherrschung der Welt, die ganze Zukunft der Zivilisation liegt in ihrer Hand, wenn nur dieses erste Hindernis überwunden ist. Ihre Sache ist es zu handeln.

Die Betrachtung dieser einfachen Tatsachen wird dem Laienverstand deutlich machen, was so oft übersehen oder nicht begriffen worden ist, nämlich, daß die Handlungen der englischen Marine in Wirklichkeit offensiv und aggressiv sind. Wir haben die Initiative ergriffen und alle Vorteile geerntet; unser stiller Angriff auf die Lebensinteressen des Feindes geht ohne Aufhören weiter, Sommer und Winter, Tag und Nacht, jahrein, jahraus. Keine Kriegsverpflichtung verlangt von uns, weiter zu gehen. Der nächste Schachzug kommt den Deutschen zu. Es ist ein ganz einfacher und selbstverständlicher Zug. Wenn sie ihn unterlassen, so ist es, weil sie nicht stark genug dazu sind und es nicht wagen, ihn zu tun. Niemals war die Not größer oder das Abhilfsmittel offenkundiger.

Die obige Lage ist in sich vollständig und von unserem Standpunkt aus in sich durchaus befriedigend. Wenn wir zur Schlacht bei Jütland kommen, so treten neue und weitere Züge hinzu. Die Engländer hatten es überhaupt nicht nötig, jene Schlacht zu suchen. Ein strategischer Grund oder ein dahin wirkender Zwang, unsere Schlachtflotte in dänische Gewässer vorzuschieben, lag nicht vor. Wenn es uns beliebte, dahin zu gehen, so geschah es aus Eifer und dem Gefühl der Stärke. Ein heißer Wunsch, den vor uns hergetriebenen Feind in ein Gefecht zu verwickeln, und eine kühle Berechnung des weiten Spielraumes an Überlegenheit

rechtfertigten eine Bewegung, die aber keinerlei praktisches Bedürfnis notgedrungen verlangte. Was schadet es uns, wenn die deutsche Flotte einmal in See spazieren fährt? — Inwiefern würde eine solche Leistung die grimmige und tödliche Lage zur See ändern, aus der Deutschland ein Entkommen finden oder in der es umkommen muß? Wenn Deutschland das Glück wenden will, so muß seine Flotte nicht nur herauskommen; sie muß herauskommen und kämpfen bis zur endgültigen Entscheidung; es bleibt der englischen Flotte zur Entscheidung anheimgestellt, wo und unter welchen Bedingungen die Schlacht geschlagen werden soll.

Wenn wir demnach hören, daß Sir John Jellicoe über die Nordsee eilt, seine Schlachtflotte mit äußerster Fahrt den deutschen Küsten zusteuernd, Admiral Beatty und seine Schlachtkreuzer weit voraus; wenn wir sehen, wie diese großen Schiffe südostwärts dampfen, weißen Schaum vor dem Bug, schwarze Rauchsäulen über ihren Dreibeinmasten, dann müssen wir uns sofort sagen: „Was für eine Übermacht muß der in Händen haben!“ Sicherlich würde die englische Flotte nicht an der Küste des Feindes die Schlacht suchen, wenn sie sich nicht nur stark genug fühlte, ihn zu schlagen, sondern auch stark genug, um alle noch weiter damit verbundenen Gefahren zu laufen und die Nachteile auf sich zu nehmen, die mit einem Kampf weit von den eigenen Stützpunkten und in seinen gefährlichen Gewässern verbunden sind. Wir dürfen uns darauf verlassen, daß diese Entscheidung nur getroffen worden ist auf Grund der sorgsamsten (conservative) Stärkeberechnungen und mit einem wohlbegründeten Vertrauen. Angenommen z. B., wir hätten ein Dutzend unserer besten Schiffe verloren, so würden wir nicht imstande sein, noch weiter eine so abenteuerliche Politik zu verfolgen, sondern dann würden wir auf die sichere und weit stärkere Stellung zurückgehen, den Feind zu zwingen, geradezu nach unseren Küsten herüberzukommen, um die letzte Entscheidung zu suchen. So muß die Schlacht bei Jütland als ein kecker Versuch angesehen werden, den Feind zur Schlacht zu stellen, ein Versuch, der aus dem durch die Ereignisse völlig gerechtfertigten Bewußtsein einer überwältigenden Überlegenheit entsprang.

Die Bewegungen unserer Schlachtkreuzer und schnellen Linienschiffe dürfen mit Recht verwegener und unternehmungslustiger Art sein. Diese schnelldampfende Flotte ist zum mindesten dreimal so stark, wie die schnellen schweren Schiffe des Feindes. Sie kann von keiner Streitmacht, die stark genug wäre, um ihr gefährlich zu werden, eingeholt oder zur Schlacht gezwungen werden. Mit deutschen Linienschiffen braucht sie sich nie in den Kampf einzulassen. Sie kann sich der gesamten deutschen Flotte nähern, ohne der Unterstützung zu bedürfen, und kann ganz in der Nähe weit überlegener Streitkräfte bleiben, ohne sich bloßzustellen oder in einer entscheidenden Weise auf ein Gefecht einzulassen. Wenn Sir David Beatty 100 Seemeilen vor Sir John Jellicoe steht, so ist er weder außer Verbindung, noch außer Fühlung mit ihm. Die gegenseitigen Stellungen sind vollkommen gesichert und befriedigend. Beatty kann in jedem Augenblick zurückgehen, oder Jellicoe kann ihn zurückrufen. Der Verkehr ist ununterbrochen und die Lage völlig in ihrer Gewalt. Die einzige Gefahr liegt darin, daß ein einzelnes Schiff nicht mitkommen kann. Aber so hart es auch sein mag, einen Genossen im Stich zu lassen, so sollte man es doch nicht zulassen, daß dies an sich der Grund für eine allgemeine Schlacht mit der feindlichen Schlachtflotte würde. Unter diesem Vorbehalt sind die Bewegungen unserer schnellen Flotte gänzlich frei. Von einer Unbesonnenheit oder Überstürzung im Hinblick auf den weiten Abstand zwischen den schnellen Schiffen und der Großen Flotte im Augenblick des Schlachtbeginns kann gar nicht die Rede sein.

Die Schlacht wurde durch den Angriff von sechs englischen Schlachtkreuzern auf fünf deutsche eröffnet — wobei die englischen Schiffe an Geschoßgewicht weit überlegen waren. Der Feind zog sich erklärlicherweise auf seine eigene anmarschierende Schlachtflotte zurück. Während der Schlacht erhielten wir Verstärkung, erstens durch die vier schnellen Linienschiffe („Queen Elizabeths“) und zweitens durch Admiral Hoods drei ältere Schlachtkreuzer. Somit war, was die schnellen Streitkräfte der beiden Flotten anlangt, die englische Überlegenheit zahlenmäßig wie 13 zu 5 und an Geschützstärke mindestens wie 4 zu 1. — Als die deutsche Hochseeflotte auf dem Kampfplatze erschien, vermied Beatty mit Leichtigkeit eine allgemeine Schlacht mit ihr durch das einfache Mittel, daß er seine Geschwindigkeit steigerte und die deutschen Schlachtkreuzer zwang, mit ihm Schritt zu halten oder von ihm überflügelt (crossed) zu werden. So liefen die schnellen Schiffe von der deutschen Hochseeflotte weg, und nur die Schiffe der „Queen Elizabeth“-Klasse am Ende unserer Linie standen ernstlich mit den vordersten feindlichen Linienschiffen im Gefecht, wozu sie ja auch wohl geeignet waren. Alles dies scheint natürlich und befriedigend zu sein. Erstaunlich ist es jedoch, daß das Feuer der sehr überlegenen englischen Batterien in den drei Stunden der Schlacht keine entscheidenden Ergebnisse auf die feindlichen Schlachtkreuzer zuwege brachte. Die „Lützow“ wurde zum Sinken gebracht. „Seydlitz“ und „Derfflinger“ wurden schwer getroffen und die anderen beiden arg mitgenommen. Die wechselnden Dunstbänke gaben uns alles in allem das schlechtere Licht. Die Vernichtung dreier unserer Schiffe verminderte unsere Streitkräfte in einem kritischen Augenblick. Aber die Tatsache, daß vier von fünf der deutschen Schlachtkreuzer während des ganzen Zeitraumes der Schlacht andauernd dampften und feuerten und schließlich entkamen, ist bemerkenswert. Die leichteste Erklärung ist die, daß es dem viel schwereren Panzer zuzuschreiben ist, den diese sehr steifen Schiffe im Gegensatz zu unseren Schlachtkreuzern tragen. Auf alle Fälle hielten die Schiffe der „Queen Elizabeth“-Klasse, die am stärksten gepanzerten Schiffe der Welt, ein fürchterliches Schießen an Zahl überlegener deutscher Linienschiffe aus, ohne irgendeinen Verlust oder eine Einbuße an Gefechtskraft. Soweit es zur Zeit möglich ist, Lehren aus diesem Ereignis zu ziehen, scheint der Wert des starken Panzers erwiesen. Als die beiden Gros ins Gefecht kamen war die englische Feuerüberlegenheit fast sofort erkennbar, obwohl nur ein Teil der englischen Schlachtlinie im Gefecht lag. Die deutsche Flotte brach das Gefecht ab und zog sich in der diesigen Luft und der sinkenden Dämmerung zurück. In dem kurzen, aber denkwürdigen Treffen erlitt sie ernsthafte Beschädigungen. Unzweifelhaft war das einzelne Schiff der englischen Schlachtflotte dem Gegner an Leistung überlegen, Schiff gegen Schiff, von der Überzahl ganz abgesehen. Es kann auch nicht bezweifelt werden, daß die Schlacht, hätte man sie fortgesetzt, nur zu einem Schluß geführt haben könnte, und dies wurde von dem Feinde erkannt und anerkannt.

Niemals hat eine Marine es nötiger gehabt, eine Schlacht zu schlagen und sich einen entscheidenden Sieg zu sichern, als die deutsche an jenem Tage. Nie konnte sie eine günstigere Gelegenheit erwarten. Ihr Gegner war bis vor ihre Tür gekommen. Er war weit entfernt von seinen Stützpunkten; er war in ihren eigenen gefährlichen Gewässern. Er ließ sich auf ein Verfolgungsgefecht ein, das den Deutschen alle erdenkliche Gelegenheit bot, ihn über Minenfelder und in den Hinterhalt von Unterseebooten zu leiten. Die geringe Sichtigkeit verhinderte ein Gefecht auf weite Entfernungen, gab ihnen gute Aussicht, ihre viel gepriesene Mittelartillerie zu verwenden, und begünstigte in jeder Weise die Grundsätze, nach denen ihre Flotte konstruiert und ausgebildet war. Und doch, trotz alledem, und obgleich sie einen Sieg so bitter nötig hatten, ließen sie sich auf die Probe nicht ein. So hoch schätzte die englische Flotte ihre Überlegenheit ein, daß sie jede Gefahr lief und sich stark genug fühlte, fast alle ihr zu Hilfe kommenden Vorteile aufzugeben, in der Hoffnung auf eine Entscheidung, die sie strategisch gar nicht nötig hatte. So tief war die Überzeugung von ihrer Unterlegenheit in den Köpfen der deutschen Befehlshaber, so tief bestärkte sie darin der Eindruck von der Berührung mit dem Feinde, daß sie trotz aller auf ihrer Seite liegenden Vorteile die Schlacht ablehnten, wo doch ein Sieg in der Schlacht Deutschland gerettet haben würde. Von Mangel an Mut bei den deutschen Besatzungen und Befehlshabern kann nicht die Rede sein. Das wird von allen frank und frei bezeugt. Hier handelt es sich um kühle und wissenschaftliche Berechnung der kriegerischen Stärke, und da ist das Urteil vollständig und ganz deutlich. Die Seekriegsgeschichte berichtet von keiner stolzeren Behauptung der Kampfüberlegenheit auf Seiten der stärkeren Flotte und von keinem mehr erniedrigenden Eingeständnis der Ohnmacht auf Seiten des Schwächeren, beides durch die Tatsachen und Ereignisse völlig gerechtfertigt, als von dieser Schlacht bei Jütland.

Daß der Torpedo verhältnismäßig wenig imstande war, den Lauf der allgemeinen Seeschlacht zu beeinflussen, ist ebenso klar und für uns ebenso befriedigend. Die stärkere Marine verläßt sich hauptsächlich auf die Stärke des schweren Geschützes in der Schlachtlinie. Darauf gründet sich unser ganzes System, unsere ganze Auffassung vom Seekriege. So ist es in der Vergangenheit immer gewesen und trotz aller Wandlungen, welche die fortschreitenden Erfindungen nötig gemacht haben, blieb es die Grundlage jeder Politik der Admiralität. Die erste Seemacht verläßt sich auf das Geschütz; die zweite muß ihre Hoffnungen auf den Torpedo setzen. Die Konstruktionspläne und der Bau deutscher Schiffe jeder Klasse, die Organisation ihrer Flotte entspricht in jeder Hinsicht diesem Grundsatz. Die englische Marineanschauung war, während sie dem Grundgedanken von der Macht des Geschützes treu blieb, in jüngster Zeit in wachsendem Maße von der Drohung der Torpedowaffe voreingenommen worden. Es schien tatsächlich schwierig, sie nicht als ein möglicherweise entscheidendes Kampfmittel zu behandeln. In der Schlacht bei Jütland aber haben wir 60 oder 70 große Schiffe der beiden Marinen während nahezu 20 Stunden, bei Tageslicht und in der Dunkelheit, sich in Gewässern bloßstellen sehen, die von fast 200 verwegen geführten Über- und Unterwasser-Torpedofahrzeugen verseucht waren. Auf englischer Seite wird nur ein einziges Schiff, die „Marlborough“, getroffen, ohne gezwungen zu sein, das Feuer einzustellen, während all die rücksichtslose Verwegenheit unserer eigenen Flottillen nicht mehr als drei oder vier Opfer einbrachte. Dies ist vielleicht die überraschendste und für uns eine der beruhigendsten Erscheinungen der Schlacht.

Es wird gefährlich sein, aus den Erfahrungen einer einzelnen Schlacht zu entscheidende Schlüsse zu ziehen oder anzunehmen, daß der lange und stets verschärfte Wettstreit zwischen der Kanone und dem Torpedo mit der unbestrittenen Herrschaft der ersteren geendet hat. Soweit aber diese Schlacht den Weg weisen kann, so deutet sie unweigerlich auf den Vorrang der Geschützkraft und weist dem Torpedo eine Nebenrolle zu, wenn es sich um die großen Entscheidungen handelt. Und hier sehen wir wiederum die harte Regel des Seekrieges unserer Zeit:

„Der stärksten Marine alles, der nächststärksten nichts.“ „Von dem aber, der nichts hat, wird auch das genommen werden, das er hat.“

Alles in allem ist es erstaunlich, daß die Folgen selbst einer mäßigen Überlegenheit zur See so vollständig und weitreichend sind. Nimm zwei Marinen, deren Stärke sich wie 16 zu 10 verhält. Haben sie an den Vorteilen der Seemacht in demselben Verhältnis Anteil? Überwacht die stärkere 16 Meeresteile und die schwächere zehn Teile? Überwacht die schwächere fünf Teile? Überwacht sie auch nur einen einzigen? Nein, wahrhaftig nicht. Die offene See kommt ganz und gar dem Stärkeren zu. Nichts bleibt dem Schwächeren — seine Ausgaben bringen nichts ein; seine Anstrengungen bleiben ohne Lohn. Es kann nicht einmal, wie in den alten Segelschiffstagen, ein verlängerter Kreuzerkrieg solange geführt werden, wie die schwächere Hauptflotte außerstande ist, eine Entscheidungsschlacht zu schlagen. Die Vernichtung jedes Kreuzers oder jedes Handelsfahrzeuges unter seiner Flagge, ja jedes Stützpunktes und jeder Niederlassung im Auslande ist nur eine Frage der Zeit. Bei diesem Wettstreit gibt es keine Trostpreise.

Es ist merkwürdig, daß die öffentliche Meinung geneigt zu sein scheint, Unternehmungen zur See kritischer, ja befangener zu beurteilen, als Unternehmungen zu Lande. Zu Lande kamen große Verluste vor, zuweilen zwecklos, zuweilen mit sehr geringen und unzureichenden Ergebnissen. Mißwirtschaft, Unentschlossenheit, Halsstarrigkeit, Tollkühnheit spielen ihre Rolle und führen zu schrecklichen Ereignissen. Aber in der Rotglut des Kampfes läßt sich nichts genau unterscheiden. So vieles ist stets fraglich, so vieles ist dunkel, so viel Gelegenheiten sind da, das Bild zu verwirren und den Ausgang zu verwischen. Und durch alles hindurch schimmert die unermüdliche Tapferkeit der Truppen, ihr edelmütiges Opfer, die überragende Notwendigkeit, sie, und nicht den Feind zu ermutigen. Öffentliche Urteile über Ereignisse zu Lande sind deswegen entweder nachsichtig oder abwartend. Mit der Marine ist es ganz anders. Die See ist eben und klar. Auf ihrer Oberfläche ist jedes Fahrzeug zu sehen — ein genaues Ziel. Verliert man eins, so ist das ein Ereignis, worüber nicht zu streiten ist. Der einfachste Verstand kann die Tatsache beurteilen, daß es nicht mehr da ist. Verliert man auch nur ein einziges Schiff, so gilt das als ein Unglück, die Folge irgendeiner einfachen Ursache — Nachlässigkeit, Voreiligkeit, Unfähigkeit, für die irgendeiner getadelt oder bestraft werden muß! Und doch hat sicherlich ein Admiral größeren Anspruch auf die Großmut seiner Landsleute als ein General. Seine Kriegführung ist fast gänzlich neuartig. Kaum einer hatte überhaupt jemals irgendwelche Erfahrung im Seekampf gehabt. Alle hatten sie erst die fremdartigen, neuen und unberechneten, ja in Friedenszeiten meistenteils unberechenbaren Bedingungen zu lernen. Mögen auch Generale in hohen Kommandostellen, welche von ihren Fernsprechern in Schlössern meilenweit hinter der Front Befehle zu verzweifelten Angriffen zu geben haben, oft das Gefühl haben, daß es eine ungeheure Erleichterung wäre, sich für eine Weile auf das Gefechtsfeld zu begeben, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß ihnen dies durch die Bedingungen des Krieges heutzutage versagt ist. Aber der Admiral auf seiner Brücke, der seine Flotte oder sein Geschwader in eigener Person in die Schlacht führt, dessen stolz wehende Flagge das Ziel des vereinigten Feuers ist, der von Augenblick zu Augenblick fast mit einer Gebärde den Gang der größten und heftigsten Schlacht leitet, wie die Kriegerkönige und Paladine des Altertums, der ist eine Heldengestalt. Der gemeine Mann in der Flotte ist lange nicht solchen Gefahren ausgesetzt wie Jellicoe und Beatty. Kein höherer General, wie bewundernswert er auch sei, hat persönlich und unverzüglich, mitten im Donnersturm der Schlacht, den augenblicklichen Tod vor Augen, so wissenschaftliche, so gräßliche, so peinlich genaue Fragen zu lösen wie er. Mächtige Schiffe, jedes als Kriegsmittel mindestens einer ganzen Infanteriedivision gleichwertig, verschwinden in einer einzigen Explosion und hinterlassen nicht einmal eine Spur. Ein Drittel des Schlachtkreuzer-Geschwaders in ein paar Minuten vernichtet, Schiffe von größter Wichtigkeit dahin für immer, das Schicksal der Sache der Verbandsmächte, das Schicksal des englischen Reiches, der Ausgang des Weltringens, alles steht auf dem Spiel, hängt in der Schwebe, überall von dem Unbekannten verborgen! Sicherlich, von allen persönlichen Feuerproben des großen Krieges ist dies die höchste Prüfung, dies der wahre Ruhm.

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.
An Bord des „Derfflinger“ während des Vormarsches nach dem Skagerrak.
Der erste Gefechtsabsehnitt der Skagerrak-Schlacht (5 Uhr 48 Minuten bis 6 Uhr 55 Minuten).
Der zweite Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (6 Uhr 55 Minuten bis 7 Uhr 5 Minuten).
Der dritte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (7 Uhr 50 Minuten bis 9 Uhr 5 Minuten).
Der vierte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht. (9 Uhr 5 Minuten bis 9 Uhr 37 Minuten.)
Der fünfte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (von 9 Uhr 37 Minuten bis 10 Uhr 35 Minuten) und die Nacht zum 1. Juni.
Betrachtungen über die Skagerrak-Schlacht.

Die zwei weissen Völker

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Am 15. Dezember 1914 war ich zum ersten Male Zeuge vom Zusammentreffen deutscher und englischer Seestreitkräfte. Unsere Schlachtkreuzer beschossen an diesem Tage die befestigte englische Hafenstadt Scarborough. Ich selber mußte mich an Bord eines Linienschiffes damit begnügen zuzusehen, wie die „Hamburg“ im Morgengrauen ein englisches Torpedoboot erfolgreich bekämpfte. Ungefähr zur gleichen Zeit spielte sich aber eine Begegnung mit unseren Freunden aus der Kieler Woche ab, die hochinteressant war, die aber aus naheliegenden Gründen bisher noch nicht in der Öffentlichkeit bekannt geworden ist. Unseren Schlachtkreuzern waren unsere kleinen Kreuzer zur Teilnahme an der Beschießung zugeteilt worden. An der englischen Küste stand aber eine so gewaltige See und das Wetter war so stürmisch, daß eine Waffenverwendung der kleinen Kreuzer unmöglich war. Der Führer der Schlachtkreuzer, Vizeadmiral Hipper, entschloß sich daher, die kleinen Kreuzer zum Gros zurückzuschicken. Die Ausführung dieses Befehls barg die große Gefahr in sich, daß die kleinen Kreuzer unterwegs auf überlegene Streitkräfte stoßen konnten. Etwa auf der Hälfte der zurückzulegenden Strecke stießen unsere kleinen Kreuzer auf ein Geschwader englischer kleiner Kreuzer, die wahrscheinlich unter dem Befehl des Kommodore Goodenough gestanden haben. Infolge des unsichtigen Wetters standen sich die Schiffe plötzlich ganz nahe gegenüber. Das englische Führerschiff machte mit dem Scheinwerfer ein Morse-Erkennungssignal, aus zwei Buchstaben bestehend. Dies wurde vom deutschen Führerschiff abgelesen und durch irgendwelche Morsebuchstaben beantwortet. Schließlich merkten die Engländer, wen sie vor sich hatten und eröffneten Feuer, das von den deutschen Kreuzern sofort erwidert wurde. Bei dem herrschenden Sturm war aber eine Waffenwirkung beiderseits so gut wie ausgeschlossen. In einer einsetzenden Regenbö verloren sich die Verbände aus den Augen. Gleich darauf stießen unsere sechs kleinen Kreuzer auf die acht Dreadnoughts des von Vizeadmiral Sir George Warrender geführten zweiten Linienschiffs-Geschwaders! Voller Geistesgegenwart ließ der Führer der deutschen kleinen Kreuzer sofort das vorher abgelesene englische Erkennungssignal machen. Auf dem englischen Geschwader ließ man sich täuschen und glaubte es mit den eigenen kleinen Kreuzern zu tun zu haben. Das war die Rettung unserer Schiffe, denn wenige Salven aus den 34,5 cm-Geschützen der „King George V.“-Klasse hätten genügt, um die kleinen Kreuzer zu vernichten! Nur kurze Zeit behielten sich die beiden Geschwader in Sicht, dann wurden sie durch Regenböen getrennt und die kleinen Kreuzer stießen bald darauf zu unseren Linienschiffen, froh, der großen Gefahr glücklich entgangen zu sein. Ich glaube, sehr schlaue Gesichter werden weder Admiral Warrender noch sein Flaggleutnant Buxton gemacht haben, als sie nachträglich erfahren haben, was für Schiffe sie vor ihren Geschützrohren gehabt hatten. Sir George Warrender ist bald darauf als Geschwaderchef abgelöst worden und erhielt ein Landkommando, wohl deshalb, weil er die einzige Gelegenheit zu einer erfolgreichen Kampfhandlung, die ihm das Geschick geboten hatte, ungenutzt hatte vorübergehen lassen. Ich las 1916 in einem Funkspruch des englischen Nachrichtendienstes, daß er als Chef einer Marinestation gestorben sei.

Die nächste Beschießung der englischen Küste durch deutsche Schlachtkreuzer fand am 25. April 1916 statt, und diesmal hatte ich als erster Artillerieoffizier S. M. S. „Derfiflinger“, unseres größten und am stärksten armierten Schlachtkreuzers, die Aufgabe, unseren Eisenhagel auf die Hafenanlagen der Städte Lowestoft und Great Yarmouth zu lenken.

Aus Lowestoft liefen damals bei Beginn des Bombardements der Hafenstädte zwei kleine englische Kreuzer und etwa 20 Torpedobootszerstörer aus, und es entwickelte sich zwischen uns und diesen Seestreitkräften nach Durchführung des Bombardements ein kurzes Gefecht. Aber dieses Gefecht, in dem wir mit Leichtigkeit einen großen Teil der feindlichen Streitkräfte hätten vernichten können, wurde nach wenigen Minuten abgebrochen, da von einem unserer zur Sicherung im Süden aufgestellten kleinen Kreuzer das Herannahen überlegener feindlicher Streitkräfte gemeldet wurde. So haben wir an diesem Gefecht keine rechte Freude gehabt, obwohl wir in den wenigen Minuten einen kleinen Kreuzer in Brand schossen und ein oder zwei Torpedoboote zum Sinken brachten. Die Meldung des kleinen Kreuzers stellte sich außerdem später als falsch heraus. Als wir bereits von der Küste abliefen, griff uns noch ein Landflieger an, den unsere Flaks aber so gut eindeckten, daß er von uns abließ und der schwerverwundete Offizier nur gerade noch die rettende Küste erreichen konnte, wie ich später in einer englischen Zeitung las. Trotz des geringen militärischen Erfolges gegen die englischen leichten Streitkräfte war der Vorstoß gegen die englische Küste doch eine herzerfrischende Kriegsfahrt gewesen. Unvergeßlich bleibt mir die Stunde, als Englands hohe Küste im Morgengrauen vor uns auftauchte, als wir die Einzelheiten von Lowestoft und Great Yarmouth ausmachten und wir dann unsere gewaltigen Salven aus den schweren Geschützen auf die Hafenanlagen feuerten. Gorch Fock hat in seinem Buche „Nordsee“) in dem „Tag- und Nachtbuch S. M. S. ,Wiesbaden‘“ über diese Fahrt gen England vom 24. und 25. April 1916 berichtet. Er hat an der Fahrt an Bord der „Wiesbaden “ teilgenommen, also auf demselben Schiffe, auf dem” er in der Skagerrak-Schlacht gefallen ist. Folgende prächtige Sätze von ihm mögen veranschaulichen, welchen gewaltigen Eindruck diese Fahrt auf den Dichter gemacht hat:

„Um den Mittag machen wir wieder seeklar und nun weiß es mit einem Male das ganze Schiff, daß es ein Vorstoß gegen England werden soll, daß wieder eine große, bedeutsame Stunde geschlagen haben kann! Überall schießt und jagt es los: eine Weltmacht stürmt auf Tod und Leben hinaus, eine starke Flotte. Da sind wir nur Treiber, und die riesigen grauen Torpedoboote sind nur die Hunde der großen gewaltigen Jäger vom Range eines Lützow, eines Seydlitz, eines Derfflinger! Sieh dich vor, John Bull, sieh dich vor! Der deutsche Zorn, der heiße, lachende Zorn eines Siegfried über die Treulosigkeit der Sachsen, kommt über dich.

Wie das Schiff zittert! So weit das Auge reicht: deutsche Kriegsschiffe, bohrende, jagende, zornige Jäger und Hunde! Immer blauer wird die See, höher heben sich die Köpfe der Wogen, weißer wird die Bugwoge, sprühender die Kielfurche!

Es dunkelt rasch. Nun brausen wir todesernst in die Nacht hinein, ganze Berge von leuchtendem Gischt aufwühlend. Blasse Sterne stehen am Heben. Die See geht höher. Hin und wieder blitzt einMorselicht auf. DieTorpedoboote sind kaum zu sehen, nur die weiße Schaumwoge leuchtet zu uns herüber.

Das Schiff ist ein feuerspeiender Berg geworden. Auch unsere Nachbarn sind Vulkane! Ein zorniger Riese mit übermenschlichen Kräften tobt sich aus! Alle alten Götter sind aufgestanden und kämpfen mit, Walhall in der Götterdämmerung.

Und kein Licht auf der See! Urgewaltig und urweltlich droht sie mit den Hämmern der Nacht!

Ein Zeppelin segelt über uns: ein Schattenstreifen im Nachtgewölk. Sterne sind…..“

Die Fortsetzung dieses Tagebuches ist mit dem Dichter an Bord der „Wiesbaden“ in der Schlacht vor dem Skagerrak untergegangen.

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.

Die zwei weissen Völker