Schlagwort: Tapferkeit

Von der Ehrenhaftigkeit der Frau sprechen unsere Quellen genau so wie von der des Mannes. Wichtig ist, daß sie auch das gleiche Wort für die Frau mit Ehrbewußtsein wie für den Mann gebrauchen, also auch hier keinen Wesensunterschied zwischen Mannesehre und Frauenehre machen. Mit dem „drengr godr“, dem „Ehrenmenschen“ (eigentlich aufrechter, ehrhewußter Kerl) des alten Nordens, werden Mann wie Weib bezeichnet. Wir finden die Wurzeln des drengr-godr-Ideals in einer tieferen Schicht als in der Steigerung sogenannter „männlicher Eigenschaften“. Vor allem aber scheint uns auch das wichtig, daß dieses Ideal der Ehrenhaftigkeit, das Im-Besitz-der-Ehre-Sein und sie stets beweisen, als Forderung für beide Geschlechter gestellt, in beiden auch seine Erfüllung findet und von beiden entwickelt worden ist. Uns, die wir bemüht sind, aus unserem Sprachgebrauch wie aus unserem Denken solch artfremde, alle Lebenserscheinungen nach „männlich“ oder „weiblich“ einordnenden Etikette zu entfernen, scheint die Formulierung dieser Auslegung zumindest gefährlich. Wir glauben, einmal Ernst machen und mit jener Auffassung aufräumen zu müssen, die alle Tapferkeit, Disziplin, Zucht und Ehre als „männliche“ Tugenden anspricht. Auf solch einen Gesichtswinkel hat uns allein westisches und orientalisches Denken beschränkt. Germanische Frühgeschichte aber zeigt, daß die germanischen Bäuerinnen von demselben Mut, der gleichen Tapferkeit, Freiheitsliebe, Selbstzucht durchglüht sind wie ihre Männer, daß auch sie in jedem Augenblick bereit sind, für solche Werte das Leben einzusetzen.

Nicht nur die Frauen der Kimbern und Teutonen, Ambrorer und Tipuriner, deren furchtloser Tapferkeit im Römerkrieg, wilder Freiheitsliebe und heißem Ehrgefühl für immer und sogar von Feindeshand ein glänzendes Denkmal gesetzt ist, haben Beweise dieser ihrer „männlichen“ Eigenschaften abgelegt, sondern auch diejenigen germanischen Bäuerinnen, deren Leben nicht so im Lichtkreis politischer Großereignisse stand; auch sie waren allein schon durch die Art des Lebens, den losen Verband der Gemeinschaft, die keinen allgemeinen Frieden kannte und die Sippe auf ihre eigene Kraft verwies, gezwungen, für die Sippe stark und tapfer zu denken und zu handeln. Sie mußten ihre eigenen Wünsche dem Wohl der Sippe nachstellen, sich selbst in Zucht halten. Wir wagen daher nicht, den Geist der Tapferkeit und Zucht, den Geist der Ehrhaftigkeit, als männlich oder weiblich zu bezeichnen, da wir ihn in beiden Geschlechtern gleich stark leben sehen. Wir wagen auch nicht, unseren Vormüttern den unverdienten Schimpf anzutun, sie unweiblich zu heißen, da sie „männliche“ Tugenden zeigten. Wir können aber auch nicht solchen Auslegungen folgen, die den drengr-godr-Geist allein dem Manne zuschreiben wollen. Allein schon aus der Kenntnis germanischer Weltschau, Gemeinschaftordnung, Persönlichkeitswert, die nicht an das Geschlecht gebunden ist, kann es nicht wundernehmen, wenn immer wieder neben den für die Ehre sterbenden Männern germanische Bäuerinnen hervortreten, die vom gleichen Ehrbewußtsein erfüllt sind. Es ist selbstverständlich, daß ein Volk, das seinen Frauen etwas „Heiliges und Ahnungsvolles“ zuspricht, ihnen nicht dasjenige aberkennen kann, das in germanischen Augen überhaupt erst zum Vollmenschen macht, die Ehre. Wichtig dagegen seheint es uns, daß im I.aufe der Entwirklung eine orientalische Weltanschauung allmählich die germanische Art der Ehre der Frau totschweigt oder ihr einen anderen Inhalt unterschiebt. Frauenehre wird orientalischem Lebensgefiihl gemäß — einzig und allein eine physisch-sexuelle Angelegenheit, und schließlich versteht man darunter nur noch die körperliche Jungfräulichkeit und Unberührtheit. Begriffe werden hier vertauscht.

Siehe auch:
Die Ehre der germanischen Frau
Ebenbürtigkeit in der germanischen Ehe
Leitgedanken

3. Reich Die Ehre der germanischen Frau

Über dem Beginn der griechischen Geschichte steht wie ein Morgenrot die homerische Poesie.

Hellenische und asiatische Fürsten verlassen ihre schimmernden Stadtpaläste, um zehn Jahre hindurch auf dem Gefilde zwischen dem schiffbedeckten Gestade, Priams hoher Feste und dem waldigen Idagebirge um schöne Weiber, Waffen, Schätze und Ruhm mit einander zu ringen. Dann fahren sie von Trojas rauchenden Trümmern in ihren dunklen Schiffen heim, manche von Insel zu Insel, von einem Abenteuer zum andern verschlagen, bis in die Tiefe des Hades hinab. Über alles ragt der Berg Olympos, auf dessen Gipfel unter Vater Zeus Lenkung die glanzvolle Götterfamilie wohnt, ewig und selig und doch oft von Liebe und Haß unter sich entzweit und in Liebe und Haß dem Treiben der Sterblichen dort unten zugewandt. So schwingen sie sich denn auch hilfreich oder verderblich zu ihnen herab oder empfangen droben den Fettdampf ihrer reichen Schlachtopfer oder die Gebete, die aus einfachen Tempeln zu ihnen aufsteigen. Auf einer nicht weiten und fest umrissenen Bühne, den Wogen und Inseln und Küsten des östlichen Mittelmeers, bewegen sich diese Menschen und diese Götter, nach Alter und Geschlecht, Geburt und Schicksal, Wuchs und Gemüt, Rang und Beruf scharf von einander geschieden. Ihre klare, milde, freie Schönheit, die reife und doch so frische Frucht einer langen Kultur, erquickt uns fremde Ungläubige noch heute, und ihr phantastisches Bild schwebt noch heute uns vor Augen wie eine zwar zerronnene, einst aber lebendig gewesene Wirklichkeit.

Und nach Homer verkündeten den Glauben an diese Wunderwelt und viele andere Götter und Dämonen und ihre mannigfachen Schicksale, Dienste und Feste Hunderte von hochbegabten Dichtem, Geschichtschreibern, Reiseschriftstellern und fast lauter noch zahllose Baumeister, Bildhauer und Vasenmaler durch unvergleichliche Werke, jeder in seiner, jeder aber in echt griechischer Weise. Schier unerschöpflich fließen die reinen Brunnen hellenischer Überlieferung.

Der Urkundenschatz unsrer germanischen Mythologie ist weit ärmer an alten, vollen heimischen und echt heidnischen Zeugnissen und ist untermischt mit viel fremdem Gut. Denn er ist bunt zusammengesetzt aus Berichten römischer Offiziere, Inschriften fremder Steinmetzen, Straf- und Bußparagraphen kirchlicher Synoden und Mönchsorden und aus Anekdoten christlicher Bekehrungsgeschichten, aus deutschen Zaubersprüchen, nordischen Götterliedern und isländischen Romannotizen, aus noch heute nicht verschollenen Sagen und still geduldeten Bräuchen unsrer Bauern. Es fehlt ein klares, echtes zusammenfassendes Bild, denn die altnordische Völuspa, die von der Götterdämmerung singt, ist voller Rätsel und noch dazu aus christlichen Ideen erwachsen; es fehlt auch fast völlig der Schmuck der Bildnerei. Aber überall, wo er nicht zu stark verschüttet ist, bricht auch aus germanischem Boden ein reicher Strom von Glaubenspoesie hervor, die denn doch trotz aller Renaissance und allem Humanismus uns oft tiefer ergreift als alle andre Heidenpracht, weil sie aus einem Geist geboren ist, von dem wir noch immer einen Hauch in uns selber verspüren.

die Quellen der germanischen Mythologie Mythologie der Germanen

Der Krieg hat sich in seinen Formen von Grund aus umgestaltet. Aber die Eigenschaften, die dabei entfaltet werden, sind bis zum heutigen dieselben geblieben. Man hat ja öfters gemeint, daß durch die immer steigende Verbesserung der Feuerwaffen und ihre immer größere Fernwirkung persönliche Tapferkeit völlig ausgeschaltet und der Nahkampf ganz unmöglich werden würde. Der ostasiatische Krieg brachte fast täglich Beispiele vom Gegenteil. Schon im 15. Jahrhundert konnte man einen ähnlichen Umschwung so in der Technik wie in der Psychologie des Krieges beobachten. Positionskriege waren Mode geworden, Kriege, die nicht durch Schlachten sondern lediglich durch Manövrieren entschieden wurden. Die Heere bestanden aus Söldnern. Eine Hauptsache war, für die Söldner das nötige Geld zu schaffen, bei der damaligen Naturalwirtschaft und der geringen Zentralisation der Staaten kein leichtes Geschäft. Nun marschierten die Feldherren mit ihren Truppen hin und her durch die Lande. Sie bemühten sich, ihrem Gegner die Zufuhr abzuschneiden, ihn in unfruchtbare Gegenden zu drängen, und trachteten auf jede Weise dahin, den Krieg möglichst lange hinauszuziehen, den Gegner zu ermüden, bis er an dem Punkte angelangt: point d’argent, point de Suisses. Nun kam auf einmal am Ende des Jahrhunderts Karl XII. von Frankreich und suchte Italien mit einer andern Methode zu erobern. Er schlug tüchtig drauf los. Er ließ stechen und feuern und töten. Darob große Empörung. So eine plumpe Metzelei, hieß es, das sei ja gar kein Krieg. Wo bleibe da die Taktik, die Feinheit der Kunst, die Strategie? Ähnlich hatte es zu unsrer Zeit bereits den Anschein gewonnen, als ob die Technik das meiste im Kriege zu sagen hätte. Wer die kälteste Berechnung ausführt, wer das rauchloseste Pulver erfindet, wer die schönsten Scheinwerfer, die besten Eisenbahnen, die zündbarsten Minen hat, und dann vor allem noch, werdas meisteGeld besitzt, der siegt. Auch hat ein japanischer General geäußert, das Telephon sei ihm schier wichtiger als seine Kanonen. Das alles ist durchaus unanfechtbar. Aber der unterdrückte, der zeitweise latente menschliche Gehalt, der beim Kriegführen denn doch schließlich die Hauptrolle spielt, der hat sich wieder z. B. bei den Buren und in Ostasien, wie kürzlich in Tripolis offenbart. Wie bei den einzelnen, so bei ganzen Völkern. Unerschütterte Charakterfestigkeit, zähe Ausdauer, klangloses Ertragen von Entbehrungen, und bei aller steigenden Erbitterung dennoch zugleich steigende Hochachtung für einander. Auch fehlt es keineswegs an einzelnen dramatischen Zügen. Kühne Patrouillenritte, nächtliche Überfälle, zahlreiche Bajonettkämpfe, geräuschlose Arbeit in unterirdischen Minen, Spionenabenteuer; Treue und Aufopferung, Siegesjubel und Verzweiflung.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches
Deutschtum und Türkei : Mohammedaner und Christen
Deutschtum und Türkei : Kaiserbesuch
Weltkriege der Gegenwart : Burenkrieg und Boxerwirren
Weltkriege der Gegenwart : Blüte Nordamerikas
Weltkriege der Gegenwart : Japanisch-russischer Krieg
Weltkriege der Gegenwart : Hottentottenkrieg
Weltkriege der Gegenwart : Marokko
Weltkriege der Gegenwart : Eduard VII.
Weltkriege der Gegenwart : Bosnien
Weltkriege der Gegenwart : Persien
Weltkriege der Gegenwart : Spannung zwischen Union und Japan
Weltkriege der Gegenwart : Parlamentarismus im Orient
Weltkriege der Gegenwart : Panama
Weltkriege der Gegenwart : Tibet
Weltkriege der Gegenwart : Ein japanisches Festlandreich
Weltkriege der Gegenwart : Kiderlen
Weltkriege der Gegenwart : Mexiko
Weltkriege der Gegenwart : Agadir und Tripolis
Weltkriege der Gegenwart : Revolution in China
Deutsche Kulturbeziehungen zum Ausland
Faktoren der Gegenwart : Das monarchische Prinzip
Faktoren der Gegenwart : Kampf gegen das Papsttum

Männer; Völker und Zeiten

Tacitus war gewohnt, im römischen Lande kunstvoll hergestellte Götterbilder im Überflüsse zu sehen. Um so mehr fiel ihm bei den Deutschen die Dürftigkeit ihrer Baukunst und ihrer Götterbilder oder die völlige Bildlosigkeit ihrer Verehrung auf. Zwar legt er der Abwesenheit von Tempeln und Bildsäulen allzu edle Motive bei (S. 404), zwar betont er ausdrücklich, daß es im heiligen Haine der Nahanarvalen keine Bildnisse der göttlichen Söhne des Tius gibt (Germ. 43), zwar erwähnt er kein nach menschlicher Gestalt geformtes Bild germanischer Götter (simulacrum), aber ohne Frage kannten die Römer wenigstens bei den zunächst wohnenden Stämmen germ. Götterbilder. Sie erschienen ihnen nur im Vergleiche zu ihren Kunstwerken zu roh und unbedeutend, als daß sie diesen Namen verdienten. Übrigens widerspricht sich Tacitus selbst. Wenn er von der Nerthus sagt, die Gottheit wird im See gewaschen (Germ. 40), so ist doch an eine bildliche Darstellung zu denken: die Worte „wenn man es glauben will“, sollen nur das Geheimnisvolle und Schaurige seines Berichtes erhöhen. Und was sind die von Priestern in die Schlacht getragenen Symbole der Götter anders denn Bilder und Zeichen ihrer Gegenwart? „Signa“ sind die Attribute der Götter, Waffen, wie das Schwert des Tius, die Lanze Wodans, des Hammer Donars. Die „effigies“, Symbole, sind verschiedener Art ; anders waren die im Kriege, anders die im Frieden gebräuchlichen.

Da« Symbol der Gottheit, die. im Frühjahr ihren Einzug bei den Menschenkindern hält, war der erste grüne Zweig, die erste blühende Blume, der erste Vogel oder Käfer; das Kultzeugnis der Vermählung des Himmelsgottes mit der mütterlichen Erde war vermutlich im Sommer der Maibaum, im Herbst die letzte Garbe; Schiff und Pflug waren Symbole der Frühlingsund Sonnengöttin. Oder die Symbole waren Tierbilder, die auf Stangen von den Priestern bei der feierlichen Prozession durch die Fluren wie durch die Schlachtreihen getragen wurden (S. 345). Durch die lange Kriegsführung, sagt Tacitus (Ann. 2*5), batten sich die Germanen gewöhnt, den Feldzeichen zu folgen. Aber schon die Kimbern hatten als Feldzeichen einen ehernen Stier, und die Usipeter und Tencterer führten Feldzeichen (Caes. b. g. 4IS). Daß es Tiergestalten waren (Hist. 4n), ist allerdings richtig: es waren der Adler des Tina, wie die Siegessäule der Sachsen nach der Schlacht an der Unstrut zeigt, ferner Eber und Bär, Donars Tiere, Hund und Wolf, Wodans Tiere. Der got. Volksstamm der Thervinger entrollt die Banner und läßt das schrecklich klingende Heerhorn erschallen (Ammian. Marc. 315, j). Vor der Niederlage der Thüringer ergreift ein hochbetagter, schon ergrauter sächsischer Krieger ein Feldzeichen, das bei ihnen für heilig gilt, mit dem Bilde eines Löwen und Drachen und darüber eines fliegenden Adlers geziert, um den Wert der Tapferkeit und Klugheit und ähnlicher Eigenschaften zu zeigen (Widukind 1„). In der Schlacht bei Bouvines ließ Otto IV. nicht das Reichswappen, sondern ein Drachenbild entfalten, das alte Zeichen der Sachsen. Auch Richard Löwenherz, König Johann und Heinrich III. führten das alte Wappentier. Die Namen der aga. Führer, unter denen England erobert ward, Hengist und Horsa, sind vielleicht auf die heiligen Pferde zu beziehen, die als Symbole und Fahnen den Heereszug leiteten. Aus den Tierbildern leitet man den Ursprung des Wappenwesens ab.

Seit dem 2. Jhd. etwa übernahmen die deutschen Truppen, die in röm. Solde standen, von ihren Lagergefährten die Sitte, in besonderen Fällen den Göttern der Heimat Votivsteine zu errichten, die in wenigen Worten den Zweck, den Namen des Weihenden und der Gottheit enthielten, zuweilen auch eine bildliche Darstellung. Bereits die Bilder und heiligen Zeichen lassen eine gewisse Fertigkeit erwarten, Gestalten aus Holz zu schnitzen oder aus Stein zu meißeln, und diese Kunst mochte sich unter dem Einflüsse der Fremde bis zu einem gewissen Grade vervollkommnet haben.

Das nächste Zeugnis fällt in die zweite Hälfte des 4. Jhds.: die holzgeschnitzte Bildsäule eines gotischen Gottes (S. 284).

Steinerne und hölzerne Bilder, wie es scheint, mit Gold und Silber geschmückt, erwähnen die Lebensbeschreibungen der Bekehrer bei fast allen germ. Stämmen und zeigen auf Grund biblischer Stellen wie Jes. 44#_I0, Ps. 135,5—18 und der Geschichte vom goldenen Kalbe das Törichte dieses Treibens. „Eure fränkischen Götter sind ein Gebilde aus Stein, Holz oder Erz“, ruft Chlodwigs christliche Gemahlin aus. Columban und der heilige Gallus treffen 612 bei Bregenz am Bodensee, also auf alemannischem Boden, in einem zu Ehren der heiligen Aurelia eingerichteten Bethause noch drei eherne, vergoldete Bildsäulen an der Wand, denen das Volk mehr anhing und mehr Gelübde darbrachte, als dem Schöpfer der Welt Gallus zerschmetterte vor den Augen aller die weggenommenen Götzenbilder an den Felsen und schleuderte sie in die Tiefen des Sees (V. Galli 1). Gregors Brief an Melittus empfiehlt Schonung der ags. Tempel, Opfer- und Opfergelage, aber nicht der Götzenbilder (S. 329), und Daniel, Bonifatius’ Freund, erwähnt, dass die Christen ungestraft die heidnischen Götzenbilder zertrümmern (s. u.). König Edwin von Northuraberland verbrennt sein altes Heiligtum mit allen Götterbildern. DenSachsen verbietet derlndiculus Götterbilder durch die Fluren zu tragen (Nr. 28), oder Götterbilder aus geweihtem Mehl (Nr. 26) oder aus Zeuglappen herzustellen (Nr. 27). Die Sachsen errichteten 532 nach der Eroberung von Scheidungen vor dem Östlichen Stadttor als göttlich geehrtes Siegesmal eine Irrainessül. Innensäulen, d. h. gewaltige Säulen, Abbilder des mythischen Weltenbaumes, werden zweimal erwähnt. Sie waren nicht auf einen Ort beschränkt, sondern wurden gelegenlich auf den Höhenpunkten des nationalen Lebens zur Anwendung gebracht. Eine Irmensäule erwähnt der offiziöse Bericht der Lorscher Annalen über den Feldzug Karls d. Gr. gegen die Sachsen 772. Nach der Zerstörung der Eresburg zog Karl nach dem heiligen Bezirke (wih) in der Gegend des Bullerborns bei Altenbeken, der nach der dort stehenden Irmensäule als seinem wichtigsten Heiligtums benannt war. Diese war ein unter freiem Himmel in die Höhe gerichteter, in die Erde eingegrabener Baumstamm von besonderer Größe. Das Gold und Silber, das sich dort fand, nahm Karl weg und machte das sächsische Nationalheiligtum, dessen politische Bedeutung er erkannte, völlig dem Erdboden gleich.

Willehad wirft den Friesen ihre Torheit vor, von einem Steine Hilfe zu erwarten und von stummen, leblosen Bildern Schutz und Trost zu erhoffen. Liudger wird vom Bischof von Utrecht ausgeschickt, um die Verehrung verschiedener Götzenbilder bei dem Volke der Friesen abzuschaffen. Willibrord gerät in Lebensgefahr, als er das Bild der Nehalennia aufWal-cheren zertrümmert. Bonifatius zerschlägt 755 die Götterbilder in den Tempeln östlich der Zuidersee. Aber noch 782 opfern die Friesen unter Aufgabe des Christenglaubens nach altem Irrwahne den Idolen.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz

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Deutsche Mythologie