Schlagwort: Tastsinn

„Der Tastsinn ist psychologisch der eigentliche Realitätssinn; nur was wir greifen können oder könnten, scheint uns die volle Wirklichkeit zu besitzen. Gewiß sind die Leinwand und der Marmor greifbar; aber so wenig wie an der Buchseite, die das Gedicht trägt, ist an innen das, was getastet wird, das Kunstwerk — dieses vielmehr liegt ausschließlich in den Formen, die dem Gesicht und keinem anderen Sinn zugänglich sind. Durch diese Ablösung der Sichtbarkeit und Hörbarkeit von der sonst stets mit ihr verbundenen Tastbarkeit, die uns allein die empirische Wirklichkeit zu garantieren pflegt, erhält das bloß ästhetisch wirksame jene Distanz von der Wirklichkeit; nach der letzteren zu fragen, haben wir tatsächlich innerhalb des ästhetischen Gebietes kein Interesse, weil dieses Gebiet von vornherein den Sinn ausschließt, der uns als die einzige Brücke zur Realität gilt.“

Diese Sätze stehen in den Kantvorlesungen des bekannten Professors der Philosophie Georg Simmel. Sie geben mit der aus ihnen sprechenden Verachtung des Tastsinns die Anschauung des größten Teiles der gegenwärtigen Menschheit. Wenn von Zeit zu Zeit die bedeutendsten Kunsthistoriker vor der Verrohung des Auges warnen und von der Notwendigkeit einer optischen Kultur sprechen, um wieviel eher und nachdrücklicher müßte man für die Pflege und Kultivierung des Tastsinns eintreten! Denn er ist nicht nur wegen seiner Verbreitung durch den ganzen Körper und seiner Konzentrierung in jenem Organ, das dazu bestimmt ist, den ganzen geistig-seelisch-anschaulichen Gehalt des Künstlers noch einmal sammelnd in die spezifische Materie überzuleiten, sondern vor allem wegen der Kunst, auf die er gerichtet ist, ein vornehmer und reiner Sinn, der die vorzüglichste Ausbildung verdient. Nur weil die meisten Menschen Barbaren des Getastes sind, führt die Plastik ein so kärgliches, fast heimatloses Dasein in unserer Zeit, sie, die bei Griechen und Ägyptern die Königin der Künste war und es nach ihrem innersten Wesen, nach der Art wie sie als Form den Stoff tilgt, zu sein berufen ist. Es wird sich zeigen lassen, daß der Inhalt jener leider so repräsentativen Sätze dem sachlichen Gehalt nach falsch, der philosophischen Anschauung nach — unphilosophisch ist.

Der Tastsinn ist ein sehr zusammengesetztes Gebilde, dessen mannigfaltige Elemente nur eine eingehende Analyse unterscheiden kann. Zunächst sind offenbar jene beiden Grundnaturen des Menschen, daß er ein empfangendes und ein gebärendes, ein aufnehmendes und ein aktives, ein sensorisches und motorisches Wesen ist, aufs engste in der Hand verknüpft, die das Hauptorgan des Tastsinnes ist. Alle anderen Organe sind ihrer Natur nach rein passiv, ihre Eigentätigkeit kann sich über die Begierde nicht hinaus erstrecken. Auge und Ohr können verschlingen, aber nicht ergreifen. Allein die Hand, in der (nach dem Prinzip der höchsten Zweckmäßigkeit im biologischen Sinne) das Getast mit seiner sensorischen Funktion aufs engste an eine motorische geknüpft ist, kann zugleich empfinden, begehren und zupacken.

Man wird zunächst, wenn man keine intellektuellen Konfusionen liebt, diese beiden Momente aufs schärfste trennen müssen. Dann bleibt immer noch die scheinbar unzweifelhafte Tatsache, daß uns durch das Getast der Gegenstand unmittelbar und sicher gegeben ist, während ihn das Auge und das Ohr nur indirekt wahrnehmen und darum Täuschungen bis zu dem Grade unterliegen, daß sie das Vorhandensein von Dingen behaupten, die in Wirklichkeit nicht da sind. Die große Gruppe der optischen und akustischen Täuschungen finde keine Analogie im Gebiet des Tastsinnes. Alle diese Sätze sind mehr auf einem auf völlig mangelnde Erfahrung beruhenden Schein hingenommen als wirklich erwiesen. Der Unterschied zwischen der Wahrnehmung durch das Getast und der durch das Auge ist kein wesentlicher sondern nur ein gradueller.

Was durch das Tasten tatsächlich in unser Bewußtsein kommt, ist durch die ganze Nervenbahn bis zum Zentrum ebenso bedingt wie unsere Aufnahme durch Auge und Ohr und muß daher prinzipiell ähnlichen Täuschungen unterworfen sein. Fast alle optischen oder akustischen Täuschungen beruhen entweder auf einem bestimmten Zusammenklang mehrerer Objekte der Realität mit unserem Organ oder sind Folgeerscheinungen irgend einer Rezeption.

Man taste also einmal einen Stoff so lange, daß man das Gefühl genau kennt; man benetze dann ihn oder die Hand und man wird ein völlig neues Gefühl haben. Das Beispiel ist eine Analogie der Brechung eines geraden Gegenstandes im Wasser. Oder man taste eine Reihe von Gegenständen einmal vorwärts, dann rückwärts, um zu empfinden, wie völlig verschieden das Gefühl ist, das allein aus einer Umordnung der Reihenfolge entsteht.

Kunstartikel