Aus den Nachrichten auf assyrischen Tontafeln wissen wir, daß seit der Mitte des 9. Jahrhunderts arische Stämme durch die Tore des Kaukasus und das Becken des Urmiasees in Iran einwanderten. Auch aus den Steppen östlich vom Kaspischen Meer erreichten arische Clans über das nördliche Randgebirge Irans das Hochland. Zwei ihrer Stämme allen voraus organisierten sich zu festeren, staatenfähigen Gemeinschaften. Die Mada besetzten den nordwestlichen Teil des heutigen Königreiches Iran, der durch die Städte Teheran, Hamadan, Kaschan und Kazwin gekennzeichnet ist, während die Parsa südlich davon in den Zagrostälern bis hinab in die Provinz Fars ihre Sitze hatten. Von skythischen Stämmen, die indessen auch diesseits des Kaukasus erschienen waren, und von den Babyloniern unterstützt, besiegten die Meder im Jahre 612 v. d. Zw. die Assyrer und beendeten deren Herrschaft für immer.

Ninive wurde zerstört. Allein schon Astyages, der Sohn des Eroberers Kyaxares, verfiel in seiner Residenz Egbatana beim heutigen Hamadan der von den gealterten Assyrern übernommenen Verweichlichung und wurde von Kyros seines Thrones beraubt. Kyros oder Kurusch, wie ihn die Perser nannten, kam 559 auf den Thron und besiegte 550 die Meder. Er unterjochte darauf Lydien, das Land des Kroisos, durch die Einnahme der Hauptstadt Sardes im Jahre 546 und Babylon im Jahre 539. So hatte er binnen zwanzig Jahren ganz Vorderasien unterjocht. Den Plan, Ägypten zu erobern, konnte Kyros nicht mehr durchführen, da er 530 in Ostiran, wo er gegen eindringende arische Stämme focht, starb. Sich auf sein eigenes Volk, die Perser, als herrschendes Volk stützend, hatte Kyros ein Nationalreich gegründet.

Er befreite sie von allen Abgaben und verpflichtete sie nur zur Heeresfolge, für die er sie mit Ländereien in den eroberten Ländern belohnte. Mit den Satrapien bildete das persische Stammland einen Bundesstaat, in dem es auch gesamtstaatliche Organisationen, wie einen königlichen „Obersten Gerichtshof“, gab, dem die Rechtsprechung und Erklärung der Gesetze oblag. Er bestand aus sieben persischen Richtern, die, analog unseren „Geheimräten“, den Titel „Wohltäter des Königs“ führten. Die Eroberung Ägyptens wurde von Kyros‘ Sohn Kambyses durchgeführt, der jedoch schon auf der Heimkehr aus Ägypten starb, so daß der erst zwanzigjährige Dare-ios, welcher der jüngeren, zweiten Linie der Achämeniden angehörte, die Armee heimführen mußte. Dort war ein gegen das Königshaus gerichteter, allgemeiner Aufstand ausgebrochen, angezettelt durch den medischen Magier Gaumata, der sich als der, wie er vorgab, nur gerüchtweise ermordete Bruder des Kambyses, Bardija, ausgab und die Herrschaft an sich reißen wollte. Von seinen treuen Stammesfürsten unterstützt, gelang es Dareios, den Gaumata zu besiegen. Aus Eifersucht aber über die Auszeichnungen und Belohnungen, die eisernen Getreuen gab, brach gleich nach seiner Thronbesteigung (522) abermals eine nahezu allgemeine Empörung aus, und zwar gleichzeitig in allen Ländern, von Babylonien bis Baktrien, das ebenso wie die Länder jenseits des Euphrat treu blieb. Erst im Jahre 518 war die Ruhe im ganzen Reich wiederhergestellt, und Dareios konnte nun zur straffen Organisierung seines Weltreiches schreiten.

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„Ich warte gern…“

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Wieder einmal liegen sich die Politiker in den Haaren und streiten sich um ungelegte Eier. „Das deutsch-russische Abkommen“ ist ihnen zu Kopf gestiegen. Noch ist über das Abkommen von keiner Seite eine autoritative Aeußerung gefallen — auch die gestrige Rede Pichons hat keine Aufklärung gebracht — und schon beeilen sich englische Zeitungen, „Kompensationen“ zu fordern; in Frankreich sieht man die Tripelentente bedroht und in Rußland versucht man, das Abkommen in das Fabelland zu verweisen. Warum die Unruhe und Aufregung? Weil die deutsche Regierung sich dazu entschlossen hat, Rußland einen deutlichen Beweis ihrer offenen und ehrlichen Politik zu geben und gleichzeitig einzelne Unklarheiten in der politischen Konstellation im näheren Orient zu beseitigen, ohne dabei andere Interessenten irgendwie zu schädigen. Aber die guten und redlichen Absichten der deutschen Politik zu entstellen, gehört ja zum täglichen Brot gewisser Politiker in London und Paris, die sofort die Alarmtrommel rühren, sobald Deutschland auch nur im geringsten etwas tut, was man einem andern Staate gar nicht weiter verübeln würde.

Wenn auch der von der „Evening Times“ veröffentlichte Wortlaut des noch gar nicht abgeschlossenen deutschrussischen Abkommens allgemein als bare Erfindung erkannt worden ist, so müssen in dieser Publikation doch gewisse Stücke enthalten sein, die den Gedankengängen entnommen sind, in denen sich die Unterhandlungen zwischen der deutschen und der russischen Regierung bewegen; sonst würde man nicht aus St. Petersburg melden, daß die dortigen Regierungskreise wegen der durch die Eröffnungen der „Evening Times“ bewiesenen „Indiskretionen“ eine gewisse Unruhe erfaßt habe. Ganz unbeachtet kann man also die Mitteilungen der „Evening Times“ nicht lassen, nur darf man in ihnen nicht mehr erblicken, als ein noch völlig uüklares Schattenbild der in Aussicht genommenen Vereinbarungen. Läßt man das drum und dran von „Erklärungen“ bei Seite, so tritt als Kernpunkt der ganzen Aktion das Bestreben Deutschlands hervor, der Bagdadbahn von Bagdad, dem wirtschaftlichen und politischen Mittelpunkte Mesopotamiens aus einen Zugang nach West-Persien zu sichern. Deutschland ist an der Bagdadbahn – Gesellschaft heute mit gut 50 Prozent beteiligt; „international“ ist die Gesellschaft wegen der Beteiligung französischen und andern fremden Kapitals heute schon. Nur hat die deutsche Kapitalgruppe die Leitung in Händen und ist bestrebt, alle Hindernisse zu beseitigen, die für die spätere Entwicklung des für das fremde Kapital, wie für die Türkei und gleicherweise auch den internationalen Handel gleich wichtigen großen Werkes nachteilig sein könnten.

Die Entwicklung des Handels mit West-Persien, die dem Warenzuge vom Persischen Golf und vom Norden her den Weg über Bagdad weist, läßt es als eine zwingende Notwendigkeit erscheinen, von Bagdad aus eine Bahnlinie zu schaffen, die auf persischem Gebiete ihre Fortsetzung in einer bis Teheran reichenden Bahn finden muß. Nun hat die russische Regierung bisher einer solchen Bahnverbindung zwischen Bagdad und Teheran aus politischen und strategischen Gründen ein Mißtrauen entgegengebracht, das sachlich zwar nicht begründet ist, aber trotz aller Bemühungen noch nicht beseitigt werden konnte. Um nun Rußland zu zeigen, daß sein Mißtrauen gegen die von Bagdad nach der persischen Grenze bei Chanikin abzweigende Linie unbegründet ist, will man jetzt allem Anscheine nach von deutscher Seite, wohlgemerkt auch im Interesse der an der Bagdadbahn beteiligten fremden Kapitalgruppen, Rußland das Zugeständnis machen, daß die nach Persien hineinreichende Zweiglinie der Bagdadbahn nur bis zur persischen Grenze von der Bagdadbahn-Gesellschaft ausgebaut wird, daß aber die Ausführung der Bahn auf persischem Gebiete Rußland überlassen werden soll.

Wenn diese Kalkulation richtig ist — und sie wird voraussichtlich durch die bevorstehenden authentischen Veröffentlichungen bestätigt werden —, dann liegt für die englische und französische Diplomatie gar kein Grund vor, das deutsch-russische Abkommen anzugreifen, denn seine Durchführung würde in Mesopotamien und Persien weder fran zösische noch englische Interessen schädigen, da die Bahn-Bagdad-Teheran dem internationalen Handelsverkehr, also auch dem französischen und englischen Handel, Nutzen bringen würde.

Falls daneben Rußland die Erklärung abgibt, daß es dem Weiterbau der Bagdadbahn keine Hindernisse in den Weg legen und den deutschen Handel in Persien nach dem Prinzip der Gleichberechtigung behandeln will, während Deutschland feierlich versichert, daß es in Persien keine politischen Ziele verfolgt, so wären das unter den jetzigen Verhältnissen Selbstverständlichkeiten, die doch keinen Menschen weiter in Aufregung versetzen sollten.

Ein im Abkommen etwa ausgesprochener Verzicht Deutschlands auf größere wirtschaftliche Unternehmungen in Nord-Persien zugunsten Rußlands würde nur allein deutsche Interessen berühren, also gleichfalls als Schreckgespenst nicht wirken können. Bliebe als Residuum von allgemein politischer Tragweite die Tatsache übrig, daß Rußland und Deutschland im Wege gütlichen Uebereinkommens sich über eine ganz konkrete Frage, den Ausbau der Zweiglinie Bagdad—Teheran, geeinigt, vorhandene Mißverständnisse beseitigt und bei dieser Gelegenheit sich auch über gewisse Richtlinien für ihr Verhalten auf persischem Gebiete ausgesprochen haben. Alles Dinge, die nicht dazu angetan sind, in den politischen Kreisen Europas Unruhe hervorzurufen oder gar den Wunsch nach „Kompensationen“ berechtigt erscheinen zu lassen.

Trotz aller Schwankungen in den äußeren Vorgängen unserer politischen und wirtschaftlichen Betätigung in Mesopotanien und Persien habe ich in den Veröffentlichungen der „Deutschen Orient-Korrespondenz“ stets daran festgehalten, daß unsere deutsche Politik in jenen Ländern am besten beraten ist, wenn sie unablässig im Auge behält, daß die klaren Folgen geschichtlicher Vorgänge uns auch dort als Richtschnur für unser Handeln dienen sollen. Geschichtliche, durch die geographische Lage bedingte Vorgänge haben bekanntlich dazu geführt, daß Rußland in Nord-Persien auf handeis- und verkehrspolitischem Gebiete eine ausschlaggebende Stellung für sich errang, — daß England wiederum vom Persischen Golfe aus seine Einflußsphäre in Süd-Persien befestigte und nach dem räumlich benachbarten Mesopotamien ausdehnte. Bei ruhiger Abschätzung aller von Rußland und England in der Vergangenheit schon geleisteteten Arbeit und für die Zukunft angesammelter Aktionskraft in jenen vom Zweistromlande bis zum Kaspischen Meere und den Grenzen Beludschistans reichenden Gebieten, konnte die deutsche Diplomatie nach meinem Dafürhalten keinen anderen Weg wählen, als den, dem sie jetzt zu folgen sich entschlossen hat. Unbeirrt durch die von deutschen Unternehmern mit anerkennenswerter Kühnheit gefaßten Pläne, hat sie sich bereit finden lassen, in Nord-Persien sowohl wie in Süd-Mesopotamien den Ansprüchen einerseits Rußlands, andererseits Englands Rechnung zu tragen. Zweifellos wird das kluge Verhalten der deutschen Diplomatie, deren Gedankengängen ich in meinen oben wiedergegebenen Ausführungen nachzuspüren mich bemüht habe, reiche Früchte tragen und zur Befriedung der politischen Lage mehr beitragen, als manche phantastische Auslassungen englischer Minister über Abrüstungspläne und Schiedsgerichts vertrüge.

Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.

Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient
Frankreich als Lehrmeister der neuen Türkei
Eine türkische Studienreise nach Frankreich
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Überraschungen
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Nervosität
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Übertreibungen
Der Streit um die Bagdadbahn
Deutschland und die Bagdadbahn
Die Bahn von Bagdad nach Damaskus
Der Anteil Deutschlands am Handelsverkehr in Bassra und Bagdad
Einiges über Kapitalanlagen in türkischen Eisenbahnbauten und über die Bagdadbahn
England deckt im Streit um die Bagdadbahn seine Karten auf
Kuweit als Endpunkt der Bagdadbahn aufgegeben?
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Eine Enttäuschung
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Politische Phantasien
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Persien
Die Entwicklung des deutschen Handels mit Persien
Rußlands Handel mit Persien
Vom persischen Markt
Der Anteil der einzelnen Staaten am persischen Handel.
Die Zukunft des Eisenbahnbaues in Persien.
Deutschland und Persien
Eisenbahnbauten in Persien
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Persien II
Der Streit um Persien

Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte

Seit Veröffentlichung der offiziösen russischen Kundgebung in der „Rossija“ ist in der deutschen Tagespresse das Thema „Persien“ des öftern behandelt worden; leider vermißt man aber in den Auslassungen der Blätter das Maß politischer Einsicht, ohne das die einschlägigen Fragen nicht richtig beurteilt werden können. Es ist zu viel die Rede von deutscher Macht, von deutschem Selbstbewußtsein usw.; dagegen ist die Frage vielfach unberücksichtigt gelassen, wie wir denn wohl unsere Macht in Persien zur Geltung bringen sollen und welche Ereignisse der Vergangenheit schließlich zu der jetzigen Lage der in Persien ausschlaggebenden auswärtigen Machtfaktoren geführt haben.

Es ist nicht erst seit gestern bekannt, daß England und Rußland ein Abkommen bezüglich der Begrenzung ihrer Interessensphären in Persien abgeschlossen haben, das heute noch gilt. In diesem Abkommen sind wohl Zusicherungen enthalten, daß alle andern Staaten ein Recht auf freie wirtschaftliche Betätigung in Persien haben sollen; das Abkommen enthält aber so viele einschränkende Bestimmungen, daß deutlich zu erkennen ist, unter welcher Bedingung England und Rußland diese freie Betätigung anderer Staaten zugestanden wissen wollten. Durch das Abkommen zieht sich wie ein roter Faden der deutlich ausgesprochene Wunsch, die Kontrolle über alle wirtschaftlichen Vorgänge von irgendwelcher Bedeutung in der Hand zu behalten, weil nach Ansich der vertragschließenden zwei Mächte wirtschaftliche Unternehmungen von größerer Wichtigkeit, wie Anleihen und Bahnbauten, für die Persien benachbarten Staaten leicht eine politische Bedeutung erhalten können.

Erschien ein solches Abkommen den anderen Staaten zu drückend oder im Widerspruch mit den sonst geltenden völkerrechtlichen Gebräuchen, so war damals bei Abschluß des Abkommens der Zeitpunkt gegeben, um Bedenken gegen die von England und Rußland getroffenen Vereinbarungen geltend zu machen. Wurde ein derartiges Eingreifen damals — auch von deutscher Seite — nicht beliebt, dann konnten die am Abkommen beteiligten zwei Staaten mit Recht annehmen, daß ein Widerspruch gegen das Abkommen und gegen etwaige weitere Schritte, die sich als Konsequenz aus den Bestimmungen des Abkommens ergeben, auch in Zukunft nicht geltend gemacht werden würde. Qui tacet, consentire videtur. Von deutscher Seite ist bisher kein Einspruch gegen die durch das englisch-russische Abkommen vom Jahre 1907 geschaffene Lage in Persien erhoben worden; stillschweigend wurde damit anerkannt, daß Rußland und England ein Anrecht auf gewisse Vorzugsrechte in Persien besitzen, die in dem besonderen Verhältnisse dieser Staaten zu Persien begründet sind. Im Widerspruch zu diesem bisherigen Verhalten würde es nun stehen, wollte die deutsche Diplomatie jetzt Unternehmungen deutscher Kapitalisten in Persien unterstützen, deren Durchführung England und Rußland Unbehagen bereiten würde. Zu einem derartigen Schritt wird sich die deutsche Regierung nicht verleiten lassen. Da nun aber Unternehmungen großen Stils in Persien von fremden Kapitalisten nicht ohne Beihilfe der Diplomatie ins Werk gesetzt werden können, so sollte man in den beteiligten Kreisen bei uns darauf Bedacht nehmen, im Wege friedlichen Meinungsaustausches sich den Anteil an den Kulturarbeiten in Persien zu sichern.

Marokko sollte uns hierbei als lehrreiches Beispiel dienen. Dort haben wir zeitweilig die nun einmal vorhandenen realen Machtverhältnisse außer acht gelassen, sind nach Algeziras gewandert, ohne die Lage wesentlich zu bessern und sind erst nachträglich auf den richtigen Weg gekommen, indem wir mit Hilfe des Kompromisses Vorteile errungen haben, die noch immer wertvoll genug sind, um uns ein großes Arbeitsfeld in Marokko darzubieten. In gleicher Weise sollten wir auch in Persien jetzt Vorgehen und Fehler vermeiden, die uns im Marokkohandel schweren Schaden zugefügt haben.

Monate sind seit dem Erscheinen der zuletzt hier wiedergegebenen Artikel vergangen. Diese Zeit hat uns als wichtigstes Ereignis auf dem Gebiete der Orientpolitik die Potsdamer Entrevue gebracht, deren politisches Ergebnis ich darin erblicken möchte, daß es der deutschen Diplomatie gelungen ist, das Mißtrauen Rußlands gegenüber den wirtschaftlichen Plänen Deutschlands im nahen Orient zu beseitigen. Dieses Ergebnis ist so überaus wichtig, daß es nicht als ein Schaden bezeichnet werden kann, wenn von deutscher Seite, um zum Ziele zu gelangen, Opfer gebracht worden sind. Ein Opfer war es, daß während des Potsdamer Meinungsaustausches, wie ich im Vorworte schon erwähnt habe, die deutsche Regierung sich bereit erklärte, die Unterstützung irgendwelcher größerer Unternehmungen deutscher Kapitalisten in Nord-Persien fallen zu lassen. Ein Opfer war es ferner, daß das Abkommen getroffen wurde, den Ausbau der auf persischem Gebiete geplanten Verbindungsbahn Chanikin-Teheran russischen Unternehmern zu überlassen. Nach beiden Richtungen hin hatte Rußland irgendwelche Rechtsansprüche nicht geltend zu machen; trotzdem verzichtete man auf deutscher Seite auf weitere Unternehmungen, nur um zu beweisen, daß Deutschland in Persien, ebenso wie in Mesopotamien lediglich wirtschaftliche Ziele verfolgt und von der Ausführung oder Kontrolle wirtschaftlicher Unternehmungen zurückzutreten bereit ist, falls Erwägungen politischer Art dies wünschenswert erscheinen lassen.

Um die Potsdamer Entrevue und das „deutsch-russische Abkommen“ hat sich schon ein üppiger Legendenkranz gebildet, zu dem englische, französische, wie auch russische Publizisten besonders reichlich beigetragen haben. Die einen behaupteten, daß Rußland und Deutschland unter Verletzung französischer und englischer Interessen eigenmächtig über Fragen entschieden hätten, die nur auf internationalem Wege geregelt werden könnten; andere fabelten von einem „Geheimvertrag“ und hatten auf diese Weise freie Hand, die gruseligsten Geschichten zu erzählen. Die Veröffentlichung des „Abkommens“ in der „Evening Times“ gab Anlaß zu den tollsten Kommentaren. In der „Deutschen Orient-Korrespondenz“ habe ich den Versuch gemacht, die Haltlosigkeit all dieses Geredes nachzuweisen.

D. O. K. 1911, 13. Januar.

Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.

Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient
Frankreich als Lehrmeister der neuen Türkei
Eine türkische Studienreise nach Frankreich
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Überraschungen
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Nervosität
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Übertreibungen
Der Streit um die Bagdadbahn
Deutschland und die Bagdadbahn
Die Bahn von Bagdad nach Damaskus
Der Anteil Deutschlands am Handelsverkehr in Bassra und Bagdad
Einiges über Kapitalanlagen in türkischen Eisenbahnbauten und über die Bagdadbahn
England deckt im Streit um die Bagdadbahn seine Karten auf
Kuweit als Endpunkt der Bagdadbahn aufgegeben?
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Eine Enttäuschung
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Politische Phantasien
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Persien
Die Entwicklung des deutschen Handels mit Persien
Rußlands Handel mit Persien
Vom persischen Markt
Der Anteil der einzelnen Staaten am persischen Handel.
Die Zukunft des Eisenbahnbaues in Persien.
Deutschland und Persien
Eisenbahnbauten in Persien
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Persien II

Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte