Schlagwort: Tempelschlaf

Neben Orakel und Tempelschlaf giebt das Altertum den Philologen und Kulturhistorikern noch ein drittes und grösstes Rätsel auf: die Mysterien. Die rationalistische Erklärung dieses Rätsels ist zwar häufig versucht worden, aber gerade die gewiegtesten Forscher sind darüber einig, dass uns zur Lösung desselben das Stichwort fehle. Dieser Mangel kann zwei Ursachen haben: Entweder besassen die Alten Kenntnisse, die seither wieder verloren gingen, oder es fehlt den Erforschern des Altertums die Kenntnis jener Phänomene aus unserer Zeit, womit sich die Mysterien vergleichen lassen. Diese zweite Annahme, die vorweg viel wahrscheinlicher ist, als die erstere, würde uns darauf verweisen, uns nach einem Aschenbrödel unter den Wissenschaften umzusehen, worin der gesuchte Vergleichungspunkt läge. Ein solches Aschenbrödel, welches die Philologen ganz vernachlässigen, ist nun ohne Zweifel die Mystik. Indirekt ergiebt sich also die grosse Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei den Mysterien um mystische Phänomene handelte; das Studium der Mystik aber ergiebt die positive Bestätigung jener Vermutung. In unseren fernsehenden Somnambulen sind die weissagenden Priesterinnen der Orakel, in unseren medizinischen Somnambulen die Tempelschläfer wieder erstanden. Ausser diesem Somnambulismus muss aber in den Mysterien noch ein anderer Zweig der Mystik gepflegt worden sein. Wenn ich nun im Nachfolgenden die Hypothese aufstelle, dass sie der Vorläufer des modernen Spiritismus sind, so werde ich zwar auf den Beifall der Philologen so lange nicht rechnen dürfen, als ihnen der Spiritismus ein Aschenbrödel bleibt; desto sicherer bin ich mir aber dieses Beifalls, wenn sie sich einmal bemühen sollten, den Spiritismus zu studieren; denn dann drängt sich die Vergleichung ganz unwillkürlich und nicht etwa nur in Ermangelung einer besseren Hypothese auf. Jene grossen Rätsel des Altertums können nur als Probleme der Mystik gelöst werden, oder überhaupt nicht; denn es ist zwar versucht worden, entweder die Thatsachen zu leugnen, oder sie aus einem kolossalen Betrugssystem zu erklären, aber die Schwierigkeiten waren dabei so gross, dass die berühmtesten Philologen es vorgezogen haben, auf eine Erklärung überhaupt zu verzichten. Die Betrugstheorie dürfte bezüglich der Mysterien schon daran scheitern, dass sie eine staatliche Einrichtung waren, neben welcher allerdings noch ausländische Privatanstalten existierten. Die griechischen Mysterien stammten aus Ägypten, oder hatten mit den dortigen eine gemeinschaftliche orientalische Quelle. Als Urheber der Mysterien wurden Gottheiten genannt: Osiris, Isis, Bacchus, Ceres; als Überbringer derselben aus Ägypten nach Griechenland nannte man Könige und Gesetzgeber: Zoroaster, Inachus, Orpheus, Melampus, Trophonius, Minos, Erechtheus. Schon darin drückt sich das hohe Ansehen aus, welches die Mysterien im Altertum genossen. Von einer Betrugstheorie, ja überhaupt von einer rationalistischen Theorie, findet man im Altertum keine Spur; es ist daher mehr als gewagt, wenn wir jetzt nach ein paar Tausend Jahren nach solchen Theorieen greifen, nur um uns aus einer Verlegenheit zu befreien. Eine der rationalistischen Hypothesen fusst darauf, dass Bacchus und Ceres (Dionysos und Demeter) als Repräsentanten der Triebkraft und Lebensfülle der Natur Mysteriengottheiten waren. Man brachte also die Mysterien mit der Landwirtschaft in Verbindung. So sagt z. B. Paulus:

„Ich gestehe, den anfänglichen Zweck aller solcher, mit dem Priesterwesen befreundeten geschlossenen Gesellschaften nur darin zu finden, dass Klügere den Getreidebau, die Obst- und Wein-Kultur an Auserwählte als einen Gottesdienst lehrten.“

Auch Schelling erwähnt einen Franzosen, der aus den Mysterien einen cours d’agriculture machen wollte, und einen anderen Ausleger, der in den Tempelfeierlichkeiten zu Eleusis Darstellungen des Ackerbaus, vom Säen angefangen bis zur Ernte, vermutete. Diese Hypothesen lassen geradezu alles unerklärt, was von den Mysterien berichtet wird, sind also ganz wertlos. Richtig ist, dass die Demeterfeste die Zeit der Saat und der Ernte betrafen und Gebräuche ländlicher Religion und Freude blieben, wie das natürliche Gefühl bei der Ernte sie eingab. Aber einige derselben — die Eleusinien und Thesmophorien — wurden zu Mysterien; bei ihnen muss also noch ein Überschuss vor den anderen bestanden haben. Dieser Überschuss findet sich in den Mysteriengottheiten selbst, die in der d griechischen Mythologie in Beziehung standen zum Tode und zur Unterwelt, als dem Aufenthaltsorte der Verstorbenen. Betrachten wir die chthonischen Gottheiten in dieser letzteren Eigenschaft, so wird unser Problem sofort erhellt.  Paulus: Beiträge zur Kirchen- und Religionsgeschichte.  Eine andere rationalistische Hypothese lautet, dass in den Mysterien Lehren vorgetragen worden seien, die von der Volksmetaphysik abwichen und daher geheim gehalten wurden. Auch diese Erklärung ist ganz verfehlt. Davon abgesehen, dass die griechischen Priester überhaupt nicht Lehrer und Prediger waren, so würde doch der Staat sicherlich nicht religiöse Anstalten begünstigt und beschützt haben, in welchen esoterische, der Volksreligion gefährliche Doktrinen gelehrt worden wären. Dass aus den Mysterien bestimmte metaphysische Ansichten als Folgerungen gezogen wurden — wir werden sie noch kennen lernen — ist freilich nicht zu bezweifeln; aber die Stütze des Staates ist nur erklärlich, wenn solche Folgerungen, statt die Religion zu bedrohen, sie höchstens in wünschenswerter Weise ergänzten. Die Ansicht von Meiners, Warburton, Constant, Ouvaroff, dass in den Mysterien Monotheismus gelehrt wurde, ist also nicht zulässig; man kann den griechischen Staatsmännern nicht Zutrauen, dass sie öffentlich die alte Religion geschützt, insgeheim aber eine neue ermuntert hätten. Gegen die Annahme einer esoterischen Doktrin spricht auch der Umstand, dass der Andrang zu den Mysterien ein ungeheurer war, ja dass sogar Kinder zugelassen und eingeweiht wurden:

„Tereniius Apollodorum sequitur, apud quem legitur, in insula Samothrace a certo tempore pueros initiatos.“

Keine Lebenslage und kein Alter schloss von den Mysterien aus.Plutarch sagt denn auch ausdrücklich, dass es sich um keinen Unterricht gehandelt habe, und erzählt, dass Philipp von Makedonien und seine spätere Gattin Olympias sich zuerst als Kinder bei den kabirischen Orgien sahen. Bei verschiedenen Schriftstellern lesen wir, dass die Mysterien Schauspiele waren, zu deren Anblick die Eingeweihten vorbereitet wurden, um sie in eine gewisse Stimmung zu versetzen. Daher gingen diesen Schauspielen, worin die Schicksale der chthonischen Gottheiten in theatralischen Szenen dargestellt wurden, Reinigungen und Opfer  vorher Klemens Alexandrinus, der selbst eingeweiht war, sagt von den grossen Mysterien:

„Hier endigt aller Unterricht; man sieht die Natur der Dinge“ —

was allerdings sehr geheimnisvoll klingt. Es muss zum Verständnis der Mysterien festgehalten werden, dass den Einzuweihenden Geheimnisse geboten wurden. Geheimnisvoll wurden auch Orakel und Tempelschlaf betrieben. Das begreift sich aber, weil alle Geheimwissenschaften des Missbrauches in einem Grade fähig sind, von dem unsere Generation sehr wenig weiss. Dieser Furcht des Missbrauches lag ohne Zweifel auch die Unterscheidung zwischen kleinen und grossen Mysterien zu Grunde, zu welchen letzteren nur Auserwählte zugelassen wurden, während Frauen ganz ausgeschlossen blieben. Von dem Stifter der samothrakischen Mysterien, dem Priester (nicht Sänger) Orpheus, hiess es, dass er vom Blitz getroffen wurde, weil er die Grenzen menschlicher und göttlicher Wirksamkeit verrückte und Geheimnisse verriet.Herodot zeigt sich sehr zurückhaltend, wenn er auf die Mysterien zu reden kommt. Er spricht von dem Grabe des Osiris zu Sais, ohne jedoch den Gott zu nennen:

„Es ist aber auch das Grab Eines, dessen  Namen bei einer solchen Gelegenheit zu nennen mir nicht erlaubt ist, zu Sais in dem Heiligtum der Athene, hinter dem Tempel, und stösst an die Wand desselben; in dem heiligen Raum stehen grosse Obelisken von Stein, und daran stosst.  An diesem See stellen sie zur Nachtzeit die Leiden des Gottes dar, und das nennen sie die ägyptischen Mysterien; indessen darüber muss ich, obwohl ich ein Mehreres davon weiss, wie es sich damit verhält, reinen Mund halten.“

Daraus geht also hervor, dass die theatralischen Szenen über das Schicksal des Gottes nicht das eigentliche Geheimnis waren. Auf diese Stelle spielt Plutarch an, und zwar in einer Weise, die uns schon auf eine Spur des Verständnisses leitet:

„In Ansehung der Mysterien, die uns freilich den besten Aufschluss über die Natur der Dämonen geben könnten, muss ich, um mit Herodot zu reden, den Mund halten.“

Hatten doch die Mysterien ihren Namen eben daher, weil es verboten war, den Mund darüber zu öffnen, weil dabei das Gebot, zu schweigen, den Mund zu schliessen, auferlegt wurde. Sogar über die blosse Einrichtung des inneren Tempels zu Eleusis zu reden, war verboten. Das Gesetz bestrafte mit dem Tode und mit Einziehung der Güter die Profanation der Mysterien. Wer die ihnen schuldige Achtung verletzte, wurde als schuldvoller angesehen, als wer die staatliche Ordnung seines Vaterlandes Umstürzen wollte. Auf den Kopf des Diagoras, der sich Spässe über die, noch dazu ausländischen, Mysterien erlaubte, war ein Preis gesetzt, ein Talent, wenn er tot, zwei Talente, wenn er lebend eingeliefert würde. Der blosse Verdacht, von den Geheimnissen etwas verraten zu haben, war von Gefahren begleitet. Als Äschylus einiges von den Mysterien der Demeter auf die Bühne brachte, konnte er sich vor der Wut des Volkes nur schützen, indem er zum Altar des Dionysos flüchtete; vor Gericht gestellt, wurde er nur freigesprochen, weil er den Beweis lieferte, dass er überhaupt nicht eingeweiht war.Inschriften auf Erz, die das Andenken des Frevlers der Nachwelt überlieferten, waren Strafe der Verletzung. Alkibiades und seine Freunde wurden wegen Verletzung der Geheimnisse gerichtlich verfolgt, und Lysias in seiner Rede gegen den Andokides, einen Mitgenossen des Alkibiades, erklärt die begangene Verletzung als das grösste Staatsverbrechen. Zwei junge Akamanier, die aus Unwissenheit mit dem Haufen der Eingeweihten in den Tempel der Ceres gingen, wurden als Nichteingeweihte entdeckt und erlitten die Todesstrafe. Vielleicht war die Erblichkeit der Priesterwürde in den ägyptischen Tempeln darum eingeführt, weil man darin eine grössere Gewähr für die Geheimhaltung sah. Auch bei den Griechen war der Hierophant, der erste Priester von Attika und die vornehmste Person bei den eleusinischen Geheimnissen, immer aus dem Geschlecht der Eumolpiden gewählt, die ausschliesslich die Geheimnisse bewahrten und auslegten. Die Oberpriesterin zu Eleusis, die Hierophantide, stand in so hohem Ansehen, dass man öffentliche Angelegenheiten nach dem Jahr ihres Amtes datierte. Sie begleitete bei den Zeremonieen den Oberpriester und war bei der Einweihung zugegen. Die Verletzung der Geheimnisse zog also göttliche Strafe, weltliche Strafe und die Verachtung in der öffentlichen Meinung nach sich, und noch bei Horaz heisst es:

Ihr sicherer Lohn auch harrt der Verschwiegenheit, Und nimmer soll, wer Ceres’ geheime Fei’r Entweihte, ein Dach mit mir teilen, Noch im zerbrechlichen Kahn mit mir vom Land stossen. Oft hat rächend Diespiter Ruchlosen Menschen Unschuld’ge zugesellt; Nur selten blieb mit lahmem Fusse Hinter dem Frevler zurück die Strafe.

Wie wählerisch noch in späterer Zeit bezüglich der Einweihung vorgegangen wurde, beweist Kaiser Nero, der es nicht wagte, bei seiner Anwesenheit in Griechenland sich einweihen zu lassen, weil Verbrecher ausgeschlossen waren. Dagegen Hess sich Marcus Aurelius, als er aus dem Orient zurückkehrte, in Eleusis einweihen, um dadurch öffentlich den Verdacht von sich zu entfernen, dass er an dem Tode des rebellischen Statthalters in Syrien, Ovidius Cassius, Anteil habe. Damit in Zusammenhang steht es, dass der Einweihung eine Art Beichte vorausging, und Lysander die unrechtmässigste Handlung seines Lebens bekennen musste. Dass die Mysterien nicht rationalistisch auszulegen sind, ‚ dürfte aus dem Bisherigen schon klar geworden sein. Wären sie nur ein „cours d’agriculiure“ gewesen, so hätten diesen die Griechen wohl nicht als Geheimnis doziert, sondern vielmehr an die Gemeindevorsteher hinausgegeben. Auch auf den theatralischen Vorstellungen über Götterschicksale lag jedenfalls nicht der Accent der Mysterien. In der Ablehnung derartiger Hypothesen können wir nur bestärkt werden, wenn wir die hohe Verehrung erwägen, welche die Mysterien genossen. Aristoteles nennt sie das Herrlichste und Vortrefflichste und was am meisten in Ehren gehalten werden sollte. Isokrates spricht von ihnen als dem grössten Geschenk, welches mitgeteilt worden, und dessen sich wegen seiner Grösse und Wichtigkeit die Menschen überall und zu allen Zeiten dankbar erinnerten. Cicero sagt, dass Athen nichts Besseres für die menschliche Gesellschaft hervorgebracht habe, als die Mysterien; sie werden Anfänge (initia) genannt, als die wahren Anfänge des Lebens, denn sie geben nicht nur Ursache, mit Freude zu leben, sondern auch mit besserer Hoffnung zu sterben. Pausanias sagt, dass die Griechen den Mysterien einen so hohen Rang vor allen übrigen gottesdienstlichen Handlungen gegeben haben, als von ihnen die Götter über die Helden gestellt seien. Dieses Ansehen geht auch aus dem grossen Zudrang hervor, der bei den kleinen Mysterien wenigstens nicht gehemmt worden zu sein scheint. Der Tempel zu Eleusis, der Ceres und Proserpina gewidmet, war der schönste in Griechenland; das Innere desselben war so gross, wie ein Theater, und fasste zwanzig bis dreissig Tausend Menschen. Es fehlte denn auch nicht an solchen, welche die Einweihung erschwert wissen wollten. Platon, welcher sagt, dass man mit gemeinen Leuten gar nicht darüber reden sollte, weil sie es nicht zu fassen vermögen und nichts glauben, was sie nicht zu sehen gewohnt seien, spricht den Wunsch aus, den Zutritt zu den Mysterien durch grössere Opfer zu erschweren. Noch in den Zeiten des politischen Verfalls genossen die Mysterien ihr ungeschmälertes Ansehen. Dem Kaiser Valen-tinian sagte der Prokonsul von Achaja, dass den Griechen ohne die Mysterien das Leben unerträglich sein würde. Die Alten sprechen von Vorbereitungen, welchen sich die Einzuweihenden zu unterwerfen hatten; sie mussten fasten und in strenger Keuschheit leben. Als verbotene Speise wird insbesondere die Bohne erwähnt, und ein orphischer Vers sagt, man müsse das Essen von Bohnen so sehr verabscheuen, als wenn es das Haupt des eigenen Vaters wäre. In der indischen Mystik herrscht noch heute diese Anschauung. Man musste ferner durch die kleinen Mysterien hindurchgehen, um die grossen zu erreichen. Die Eingeweihten der kleinen Mysterien Messen Mysten, die der grossen Epopten. Plutarch erzählte es als einen ausserordentlichen Fall, dass die Athener den Demetrius Poliorketes auf sein dringendes Verlangen sogleich in die grossen Mysterien einweihten. Bei den Eleusinien ist von drei Stufen die Rede: i. die Reinigung eine mit Entbehrungen und Kasteiungen verbundene Vorbereitung.  Die kleine Einweihung – Die erst nach mehrjähriger Vorbereitung zu erlangende grosse Einweihung — enonnsia. Die Vorbereitungen sind ungemein geeignet, uns über das wahre Wesen der Mysterien aufzuklären. Von Pythagoras wird erzählt, dass er vor seiner Einweihung in Ägypten schweren Prüfungen unterworfen wurde. Von den ägyptischen Priestern wird ferner gesagt, dass sie sich zu den wichtigen religiösen Handlungen durch siebentägige bis zweiundvierzigtägige Enthaltungen vorbereiteten. Dieses Fasten der Priester selbst scheint darauf hinzudeuten, dass es sich um Erweckung mystischer Fähigkeiten handelte, die bei den Mysterien notwendig waren. Dies wird noch deutlicher bei den Mithrasgeheim-nissen, die aus Persien stammten und unter Trajan in Rom eingeführt wurden. Der Sonnengott Mithras wurde noch verehrt, als die übrigen Götter bereite verschwunden waren, und bei seinen Mysterien wurden besonders schwere Prüfungen auferlegt. Menippus erzählt, dass er nach Babylon gereist sei, um von den Nachfolgern des Zoroaster in den Hades und wieder zurückgeführt zu werden; unter seinen Prüfungen erwähnt er Hunger, Durst, Schläge, lange Wanderungen zu Fuss, das Schwimmen durch grosse Wasser, Durchgang durch Feuer und Eis. Der Einzuweihende wurde durch ein gezücktes Schwert erschreckt, und dass dabei auch Blut floss, ja dass Kaiser Commodus sogar angeklagt war, dort einen Menschen getötet zu haben, hat, vielleicht irrtümlich, zu der Ansicht Veranlassung gegeben, dass bei diesen Mysterien Menschenopfer gebracht wurden. Auch Nonnus sagt, dass in die Mithrasgeheimnisse niemand ohne schwere Prüfungen eingeweiht wurde, deren es achtzig Grade gab; der Einzuweihende musste mehrere Tage durch grosse Wasser schwimmen und durch Feuer gehen, dann in der Einsamkeit fasten und Übungen vornehmen, bis er die achtzig Stufen überwunden. Dann erst, wenn er mit dem Leben davonkam, wurde er eingeweiht. Dies ist nun eine ganze Reihe von Punkten, die ganz entschieden auf den Spiritismus hindeuten. Nicht um Belehrung handelte es sich dabei, sondern man wollte den Einzuweihenden durch gewaltsame Massregeln physisch in einen bestimmten Zustand versetzen. Bei der Voraussetzung nun, dass er, sei es zum Medium, sei es zum Adepten herangebildet werden sollte, werden diese sonderbaren Prüfungen sehr klar. Einsamkeit, Fasten und Kasteiungen waren dazu — wie noch heute in Indien — die ersten Vorbereitungen. Das Schwimmen durch grosse Wasser konnte natürlich keine Schwimmprobe im gewöhnlichen Sinne des Wortes sein; denn von einem Nichtschwimmer konnte vernünftigerweise nichts anderes erwartet werden, als dass er ertrank. Dieses Schwimmen war also Prüfung auf eine mystische Begabung, wie sie auch bei den Neuplatonikern vorkommt und als Wasserprobe der Hexen im Mittelalter. Es handelte sich also um eine Eigenschaft, die nicht in der normalen Naturanlage des Menschen liegt, um die mystische Verringerung des spezifischen Gewichtes, die Crookes am Medium Home sogar als übertragbar experimentell festgestellt hat. Eine eben solche Eigenschaft ist aber auch die Feuerfestigkeit. Beim Gehen durchs Feuer wollte man nicht etwa den Mut erproben, etwas zu thun, was er als normaler Mensch nimmermehr ungefährdet thun konnte, sondern seine mystische Fähigkeit, es ungefährdet thun zu können, wurde geprüft; er musste beweisen, dass er ein Medium sei. Wenn bei unseren modernen Medien die Wasserprobe abhanden gekommen ist, so liegt das nur an der Unbequemlichkeit des Verfahrens; die Feuerfestigkeit aber ist am Medium Home mehrfach zur Beobachtung gelangt. Bringen wir ferner das „Erschrecken durch ein gezücktes Schwert“ in Verbindung mit dem Umstand, dass nicht jeder mit dem Leben davonkam, ja dass Commodus sogar einen Menschen tötete, so stellt sich das in Parallele mit den schweren Selbstprüfungen tibetanischer Priester und arabischer Fakire, die nach den Berichten des Missionärs Huc und der Fürstin Belgiojoso greuliche Selbstverwundungen magisch heilen. Ohne dass man also genötigt wäre, absichtliche Tötungen oder gar Menschenopfer anzunehmen, lässt sich doch denken, dass manchmal unzulänglich entwickelte Medien verfrühten oder zu starken Prüfungen unterworfen wurden, so dass bei diesen „Züchtigungen“ — wie man die Proben bei den Mithrasgeheimnissen nannte — dann und wann jemand das Leben verlor, wie ja auch bei der Wasserprobe der Hexen die hochentwickelten Medien auf dem Wasser schwammen und alsdann verurteilt wurden, während die schwächer entwickelten untersanken und herausgezogen werden mussten, was, als normale Eigenschaft des Menschen, zur Freisprechung führte. Dass die alten Priester den Somnambulismus kannten, das zeigen die Orakel und der Tempelschlaf. Auch in den Mysterien finden wir ihn so bestimmt ausgesprochen, dass dem Kenner der Mystik der philologische Verzicht auf die Lösung dieser Rätsel unbegreiflich erscheint. Aber wie bei den Priesterinnen zu Delphi, so nahm auch bei den Mysterien der Somnambulismus oft eine sehr ungeregelte Gestalt an. Scyles, König der Scythen, wollte in die Mysterien des Dionysus Bacchus eingeweiht werden; die Scythen aber schmähten über die Hellenen wegen dieses bacchischen Dienstes, weil es unvernünftig sei, einen Gott zu ersinnen, der die Menschen zur Raserei treibe. Nachdem nun aber Scyles eingeweiht war. lief einer von den Borystheniten zu den Scythen und sprach: Ihr spottet über uns, weil wir am bacchischen Feste schwärmen und der Gott uns ergreift; jetzt hat dieser Gott auch Euren König ergriffen, und er ist rasend von dem Gotte. Der Redner Aristides, indem er vom Tempelschlaf spricht, dem ei sich mehrmals unterwarf, sagt:

„Ich glaubte ordentlich den Gott zu berühren, sein Nahen zu fühlen, und ich war dabei zwischen Wachen und Schlaf; mein Geist war ganz leicht, so dass es kein Mensch sagen und begreifen kann, der nicht initiiert ist. Da nun in die Geheimnisse des Tempelschlafes niemand eingeweiht wurde, so wollte Aristides wohl sagen, dass der Zustand des Tempelschläfers — in dessen Beschreibung er mit jedem Wort an Somnambulismus erinnert — nur dem in die Mysterien Eingeweihten verständlich sei, bei welchen also ebenfalls der Somnambulismus erregt wurde. Darauf deutet auch der Umstand hin, dass mit den Mysterien in den Tempeln häufig ein Orakeldienst verbunden war. Ganz ungeregelt erscheint der Somnambulismus auch bei den Korybanten, den Priestern der Cybele, die ihn an sich selber in ähnlicher Weise hervorriefen, wie noch heute die Derwische; sie tanzten in verschlungenen Windungen und verbanden damit Geisselungen und blutige Verwundungen, Brust und Schultern waren entblösst und im Gürtel trugen sie ein scharfes Messer. Die Unterdrückung des sinnlichen Lebens, als negative Seite des Somnambulismus, spricht sich aus in der Übereinstimmung zwischen manchen Zeremonieen bei der Einweihung und anderen bei Begräbnissen und Trauerfeierlichkeiten, weil die Eingeweihten durch einen totenähnlichen Zustand hindurchgingen. Plutarch spricht von den Gemütsbewegungen, dem Schrecken und Beben der Eingeweihten und vergleicht ihren Zustand mit dem Sterbender, ja er nennt geradezu den Tod eine Einweihung in die grossen Mysterien. Nach Porphyrius muss der Zustand der Seele im Sterben so sein, wie während der Mysterien, d. h. ohne Leidenschaft. Ebenso deutlich sind aber auch die positiven Seiten des Somnambulismus geschildert, d. h. die Erwerbung transcendental-psychologischer Eigenschaften, und dieser Zustand wurde in Parallele gesetzt mit dem Zustand nach dem Tode. Schon der Anfang der Mysterien, die Reinigung, wird als ein mystischer Tod bezeichnet,und wenn Themistius von den Seligkeiten des künftigen Lebens eine Vorstellung geben will, so vergleicht er sie mit den Mysterien. Es ist also nicht als mündliche Belehrung zu verstehen, sondern als Erweckung des transcenden-talen Zustandes — die einzige in der Erfahrung uns gegebene Antizipation des transcendenten Zustandes —, wenn gesagt wird, dass in den Mysterien die Unsterblichkeit gelehrt wurde. Cicero behauptet das in den von Ernesti herausgegebenen Fragmenten von allen Mysterien. Porphyrius sagt es von den persischen Mithrasgeheimnissen, und Celsus erwidert dem Origenes, dass in den Mysterien jenseitige Belohnungen und Strafen gelehrt werden. Da nun aber diese Unsterblichkeit auch Lehre der Philosophen war, so muss auf Seite der Mysterien noch ein Überschuss gewesen sein, und dieser Überschuss konnte wohl nur in dem empirischen Beweis für die Unsterblichkeit liegen, den man teilweise schon im Somnambulismus fand, mehr aber noch in den eigentlich spiritistischen Bestandteilen der Mysterien. Es klingt ganz indisch, wenn Proclus sagt, dass die Seele bei den grossen Mysterien von einem dem Tode ähnlichen Leben zur Gottheit hinaufgeführt werde; denn auch bei den Indiern wird das mit dem Absterben des sinnlichen Lebens verbundene transcendentale Erwachen als Vereinigung mit Brahma bezeichnet Weil auch den Griechen diese Erwerbung transcendentaler Eigenschaften als Teilnahme an der göttlichen Natur erschien, wird die Einweihung als Vergöttlichung.  Stobaeus vergleicht die Einweihung mit dem Tode; die Seele empfinde im Tode eben das, was der in die grossen Mysterien Eingeweihte; die Worte kommen mit den Worten, die Sachen mit den Sachen überein: denn zsXsvtäv heisst sterben. Apulejus der selbst eingeweiht war, nennt die Einweihung einen freiwilligen Tod und eine Wiedergeburt in ein neues Leben; es geschehe bei der Einweihung in die grossen Mysterien der Isis ein freiwilliges Hingeben zum Tode, und das dabei wiedererlangte Leben müsse als ein von dieser Göttin erbetenes Geschenk betrachtet werden, durch deren Gnade man gleichsam wiedergeboren, zu neuem Leben zurückgerufen werde.  Er wusste auch, dass man durch magische Künste ebenfalls diesen Zustand erwecken kann:

„Auch bedenke ich, dass der menschliche Geist, zumal der kindische und einfältige, durch Zauberlieder oder Räucherdunst eingeschläfert und bis zur Vergessenheit der gegenwärtigen Dinge entzückt werden kann. So kehrt der allmählich seines Körpers Vergessende zu seiner ersten Natur zurück, welche nämlich unsterblich und göttlich ist, und kann auf diese Art, gleichsam im Schlummer, künftige Dinge voraussehen. (Quin et illud tnecum reputo, posse animum humanum, et puerilem praesertim simplicemque, seu carminum avocamento, seu odorum delinimento soporari et ad oblrvionem prae-sentium externari; et paulisper remoto corporis memoria redigi ac redire ad naturam suam, quae est immortalis scilicet et divina, atque ita veluti quodam sopore, futura rerum praesagire“.

Hier ist also der somnambule Zustand, nach seiner negativen wie positiven Seite unverkennbar bezeichnet, mit dem vorgeburtlichen und künftigen in Verbindung gebracht.  Deutlicher noch spricht Hierokles den Zustand aus, der in den Mysterien erweckt wird; er nennt diese Religionsgebräuche Mittel zu den telestischen Tugenden, wodurch die Menschen Dämonen werden. Durch die Philosophie des Platon zieht sich die Lehre, dass die wahre Philosophie und die Seelenreinigung in den Mysterien mit einander übereinstimmen, welche Reinigung in einer Absonderung der Seele vom Körper bestehe, indem sie gleichsam aus den Fesseln desselben befreit wird.2) Was aber der Philosoph durch ein geordnetes, auf das Übersinnliche gerichtetes Leben erzielt, das wird in den Mysterien momentan erzielt durch Versetzung in den somnambulen Zustand. Dass es sich um denselben Somnambulismus handelt, den die Griechen auch im Tempelschlaf anwendeten, das zeigt Aristophanes an, wenn er sagt, dass den Kranken auch zum Zwecke der Heilung die Mysterien erteilt wurden. Den durch die Mysterien erweckten Zustand stellt Platon dem vor der Geburt gleich. Durch die Mysterien wird die Erinnerung an die vormals geschauten und erkannten Dinge geweckt, d. h. an die Ideen, die ausserhalb der Körperwelt existierenden immateriellen Urwesen der körperlichen Dinge. Es werden also Dinge geschaut, die vorher sinnlich nicht wahrnehmbar waren; Zweck der Mysterien sei, die Seele dort wieder hinaufzuziehen, woher sie herabgefallen. Proclus aber bemerkt, es sei Zweck der Mysterien, die Seele vom körperlichen Leben abzuziehen — kataieptischer Zustand — und mit den Göttern zu vereinigen — somnambule Vision. Auch die kabirischen Geheimnisse hiessen  und wurden als  eine Aufnahme in den Bund von Göttern betrachtet.

„Der Eingeweihte wurde durch die empfangenen Weihen selbst ein Glied jener magischen Kette, er selber ein Kabir, aufgenommen in den unzerreissbaren Zusammenhang und, wie die alten Inschriften sich ausdrückten, dem Heere der oberen Götter gesellt.“

Die Mysterien stehen also im Zusammenhang mit dem Glauben an Präexistenz und Seelen Wanderung; die Präexistenz hat die Seelenwanderung schon zur Voraussetzung, daher denn Platon auch beide immer verbindet und die Präexistenz als Lehre der Mysterien bezeichnet. Die irdische Geburt ist ein Glied dieser Seelenwanderung und sie erscheint wegen der Höherstellung des somnambulen Lebens als ein Sündenfall. Im Phädrus und Timäus ist die Seelen Wanderung als Unglück und Strafe geschildert, verschuldet durch die Sünden in einem früheren, besseren und vollkommneren Zustand; dieser Zustand wird in den Mysterien wieder erreicht, und wenn es auch nur vorübergehend geschieht, so liegt darin doch eine Gewähr für die Unsterblichkeit und das Wiedererwachen zu jenem Leben, in welchem die Seele die immateriellen Ideen schaut. Das gegenwärtige Leben ist eine Frucht des früheren und der Keim des künftigen. Im Cratylus nennt Platon den Leib ein Gefängnis der Seele, und im Gorgias sagt er, er habe von den Weisen gehört, dass unser gegenwärtiges Leben wahrer Tod sei und der Leib das Grab der Seele. Da nun Platon in Ägypten unterrichtet worden war, so lässt sich annehmen, dass dieses die Lehre der Mysterien war. Die irdische Geburt ist ihm ein Abfall von einem seeligen und göttlichen Leben. Die Seelen an sich sind Dämonen. Der Körper  ist das Grab der Seele, aus dem sie wieder zur Seligkeit hinaufgeführt werden soll. Cicero führt diese Anschauung als eine solche an, die in allen Mysterien gelehrt wurde, und vergleicht die Verbindung der Seele mit einem Körper mit jener Strafe, welche etruskische Seeräuber an ihren Gefangenen vollzogen, indem sie diese mit den Leichnamen Getöteter zusammenfesselten. Im Pbädon wird der Zustand derEingeweihtenmit demZustand vor dem Sündenfall verglichen; die ehemalige Seligkeit sei dem Zustand der Eingeweihten ähnlich gewesen, aber noch reiner und vollkommener; gleichwohl sei es eine grosse Lehre der Mysterien, dass der Mensch aus dem irdischen Gefängnis sich nicht selbst erlösen dürfe. Platon schreibt die Anschauung, dass die Seele wegen früherer Schuld im Körper, wie in einem Gefängnis sich befinde, den Orphikern zu. Nach dieser Lehre, einer metaphysischen Auslegung des goldenen Zeitalters, ist der Mensch nicht eigentlich ein irdisches Geschöpf, sondern ein himmlisches, ein Dämon. Auch dem Empedokles sind die Menschenseelen gefallene Dämonen, die vorher ein besseres Leben führten, allmählich aber ihre ursprüngliche Seligkeit wieder erlangen werden; der Tod ist die Wiedergeburt eines lange verwiesenen Dämons. Der Sündenfall, die Seelenwanderung oder Palingenesie, die ursprüngliche Dämonennatur des Menschen, die in abnormen Zuständen wieder erweckt werden kann, das sind eben Probleme, womit sich, wenn auch mit Veränderung der Ausdrücke eine jede Philosophie auseinandersetzen muss, welche die Thatsachen der Mystik zu ihren Spekulationen verwertet; insofern aber kann man allerdings sagen, dass wir über Platon noch nicht hinausgekommen sind. Bei den Neuplatonikern führten diese Anschauungen zur Theurgie, zum Bestreben, die latente dämonische Natur des Menschen zu erwecken und die Verbindung mit einer höheren Geisterwelt wieder herzustellen. Sie haben sich aber noch länger erhalten: die gnostische Sekte der Karpokratianer lehrte, dass der Leib ein Kerker der Seele sei. (Corpus enim dicunt esse carcerem. Die Gnostiker glaubten, sie seien Dämonen, die vor dem irdischen Leben in einem höheren Zustand gewesen und zur Strafe für Sünden in einen Körper eingeschlossen wurden. So deutet denn alles darauf hin, dass es sich bei den Mysterien nicht um Belehrung im reflektiven Sinne handelte, sondern um Erweckung eines mystischen Zustandes, der alsdann allerdings Stoff genug zu philosophischen Spekulationen bot, weil dieser Zustand sich als vom irdischen ganz verschieden und, wenn auch in beschränkter Richtung, darüber erhabener zeigte, welchen mit Präexistenz und Postexistenz zu vergleichen sehr nahe lag. Dieser Zustand stimmt mit dem überein, was wir als Somnambulismus kennen, in negativer Hinsicht — als Unterdrückung des sinnlichen Bewusstseins — und in positiver Hinsicht — als Erwerbung transcendentaler, mit Visionen verbundener Fähigkeiten. In negativer Hinsicht ergiebt sich die Vergleichung der Mysterien mit Schlaf und Tod; darum nennt Plutarch den Schlaf die kleinen Mysterien des Todes, der also seinerseits mit den grossen Mysterien zu vergleichen ist. Im Sterben, sagt Porphyrius, soll die Seele so sein, wie während der Mysterien, frei von Leidenschaften, Hass, Neid, Zorn — was an die moralische Steigerung der Somnambulen in der Hervorkehrung ihres transcendentalen Bewusstseins erinnert. Dieser Mysterienzustand ist es auch, dem der Weise im Leben nachstrebt. Im Phädrus sagt Sokrates, dass die Reinigung der Seele, das Bestreben, sie von den Banden des Körpers freizumachen, Zweck der wahren Philosophie und der Mysterien sei. Nur derjenige sei künftiger Seligkeit fähig, der durch sinnliche Entsagung die Seele vom Körper getrennt und dadurch ihre Reinigung verursacht hätte. Durch die Entsinnlichung in den Mysterien erreiche der Eingeweihte schon in diesem Leben die Seligkeit, die ihm im künftigen Zustand zu Teil werden soll und welche die Seele durch Versenkung in die Leiblichkeit verloren. Dieser Zustand der Eingeweihten wird bewirkt durch Zeremonieen und Handlungen, und es wurde alles aufs genaueste beobachtet, um die gehoffte Wirkung zu erreichen. Daher sagt der Redner Lysias, dass nie jemand sich unterfangen habe, bei den Mysterien Neuerungen einzuführen, nicht einmal bei den ungeschriebenen Gesetzen derselben,1) und Jamblich us spricht von der göttlichen Vereinigung, die nur erreicht werden könne durch strengste Beobachtung der Zeremonieen und des festgesetzten Rituals. (Nam unio illa deifica non acquiritur nisi per ceremoniarum ineffabilium observaiionem, per operaiiones riie factas. Damit ist im allgemeinen auch die positive Seite des durch die Mysterien erreichten Zustandes bezeichnet, den die Alten nicht hoch genug preisen konnten. Es war ein heiliger Wahnsinn der mit der Begehung der Mysterien erbunden war, eine Seligkeit, nicht in Gedanken, sondern in wirklicher Erfahrung. Nach Euripides werden die Teilnehmer in einen ausser-gewöhnlichen Zustand der Seligkeit versetzt, der ihnen schon auf Erden ein Glück, gewährt, das der Uneingeweihte nicht kennt. Der höchste Zustand, die inomsia, die auf die mit dem Sterben verglichene , wird als höchste Seligkeit gepriesen. Es war Redensart bei den Griechen, zu sagen:

„Ich scheine mir im Zustand des Epopten, des die Geheimnisse Schauenden“, wie wir sagen: „Ich bin wie im Himmel.“

Diese Seligkeit wird verglichen mit der, die uns im Tode erwartet; sie wird nicht in der materiellen Welt, nicht mit dem Leib, sondern nur in der Befreiung von diesem empfunden. Mit anderen Worten: der somnambule Zustand ist ein transcendentaler; er ist nicht aus dem Körper zu erklären, sondern tritt trotz desselben ein, in äquivalenter Steigerung mit der Unterdrückung des sinnlichen Lebens. Daher sagt Sophokles in einem Fragment:

Wie höchstbeglückt gelangen die ins Schattenreich,

Die eingeweihet sind. Sie leben dort allein,

Den andern ist nnr Not und Ungemach bestimmt.

In einem Hymnus an Demeter heisst es mit Bezug auf die Eleusinischen Weihen:

Selig, welcher das schaute der sterblichen Erdenbewohner!

Aber wer dieser Weihen nicht teilhaft, hat nicht ein gleiches

Los im Tode, sobald er ins düstere Dunkel hinabstieg.

Wie Herkules bei Euripides sagt:

„Ich war glücklich, da ich die Geheimnisse sah“

, so preisen auch unsere Somnambulen ihren ekstatischen Zustand als eine Seligkeit Dass es sich in den Weihen um Somnambulismus handelte, geht daraus hervor, dass Epimenides, den die Kretenser als Priester des Zeus einen Kureten nannten,5) nicht nur in göttlicher Ekstase weissagte, — das Fernsehen der Somnambulen — sondern auch die Dichtkunst betrieb — das Dichten der Somnambulen — und dass er sich während seines Schlafes mit ovofxia, d. h. mit der Bereitung wunderbarer Heilmittel aus der Pflanzenwelt beschäftigte — die Heilmittelverordnung der Somnambulen.Wer die Aussagen unserer Somnambulen in Bezug auf die Ähnlichkeit ihres Zustandes mit dem Sterben kennt, ihre felsenfeste Überzeugung von einem Fortleben nach dem Tode, der wird vom Standpunkt unserer Hypothese ein Gleiches bei den Mysterien zu finden erwarten. In der That war es allgemeine Ansicht, dass die Mysterien die Furcht vor dem Tode benehmen, und sie findet sich schon ausgedrückt in der Sage, dass Herkules seine Kühnheit, in die Unterwelt hinabzusteigen, durch die Eleusinischen Weihen erhalten habe. Das heisst doch wohl, dass man durch die Mysterien mit dem Hades in einer Weise bekannt wurde, die weniger schrecklich war, als die Volksvorstellung. Isokrates sagt, dass die Menschen vermöge des Geschenkes, das sie von der Ceres durch die Mysterien erhalten, mit weit besserer Hoffnung auf die Zukunft aus der Welt scheiden. Plutarch verweist seine um den Tod der Tochter trauernde Frau an die Mysterien, bezüglich der Hoffnung eines künftigen Lebens; man wisse es aus den Mysterien, dass die Seele nach dem Tode noch lebe und empfinde :

„Du weisst es aus den Überlieferungen deiner väterlichen Religion und aus den mystischen Symbolen der Orgien, in die wir beide eingeweiht worden, dass die Meinungen der enigen Philosophen falsch sind, welche den Tod als gänzlichen Untergang des Menschen, als das Ende aller Freuden und Leiden ansehen.“

Aber nicht nur die Überzeugung von der Unsterblichkeit überhaupt wurde den Eingeweihten erteilt, sondern es war ihnen auch im Gegensatz zu den Nichteingeweihten und im Gegensatz zum Volksglauben, der nur einen freudelosen Hades kannte, ein besonders glücklicher Zustand versprochen. Von den Eleusinien wird es entschieden betont, dass sie den Eingeweihten tröstliche Hoffnungen für das Jenseits gewähren, und es wird den Mysterien im allgemeinen nachgerühmt, dass sie nicht nur für dieses Leben, sondern auch für das künftige die besten Aussichten eröffnen. Bei Platon bildet dieser Unsterblichkeitsglaube die Vollendung der Philosophie; im Phädrus wird er als selige Vergangenheit gelehrt, im Phädon als selige Zukunft. Die Erhebung der Seele über die Sinnlichkeit bildet ihm eine Gewähr für die Fortdauer, die im Tode nicht beseitigt, sondern vollendet wird. Das Streben der Philosophen ist auf Sterben und Tod gerichtet; der Philosoph verachtet den Körper, sucht ihm zu entrinnen und selbständig zu werden. Der Tod erscheint im Phädon nicht als ein Übel, sondern als Weg zu den höchsten Gütern. Darum trinkt Sokrates den Giftbecher heiter und ohne Furcht; er begrüsst den Tod als Erretter von der Krankheit des Lebens, und sein letztes Wort ist, dass er dem Heilgott Asklepios einen Hahn schulde, das gebräuchliche Opfer, welches die von einer Krankheit Genesenen darbringen. Dem irdischen Leben gegenüber erscheint der künftige Zustand als ein höheres Leben; darum sagt Euripides in einem Fragment:

Wer weiss, ob nicht das Leben ist Gestorbensein,

Doch das Gestorbensein für Leben unten gilt ?

Plutarch aber, der als Oberpriester zu Delphi über Orakel und Mysterien am besten belehrt sein musste, war nicht nur von der Unsterblichkeit überhaupt überzeugt, sondern musste auch als Beobachter und philosophischer Ausleger der mystischen Phänomene notwendig zu der Ansicht kommen, dass das jenseitige Leben dem irdischen an Wert überlegen sei. Zwar leitet er die Geburt des Menschen aus einer Neigung der Seele zur Erde ab, aber diese Neigung findet am Inhalt des Lebens nicht ihre Rechnung, und wird vielleicht von Plutarch selbst als durch anderweitige Motive veranlasst gedacht Er sagt:

„Wenn die Seele mit dem Körper verbunden ist, befindet sie sich in derselben Lage, wie Ulysses, der sich an dem wilden Feigenbaum anklammerte und ihn fest in die Arme schloss, nicht etwa aus Liebe und Zuneigung zu ihm, sondern nur aus Furcht vor der unten befindlichen Charybdis.Ebenso ist es auch nicht die Liebe und ein Wohlgefallen, wodurch die Seele an den Körper gefesselt ist und mit ihm innigst verbunden wird, sondern bloss die Furcht vor der Ungewissheit des Todes; denn wie der weise Hesiodus sagt:

»Vor uns Menschen halten die Götter das Leben verborgen/ Sie haben also nicht die Seele mit fleischlichen Banden an den Körper gefesselt. Um sie darin festzuhalten, erfanden sie ein besonderes Mittel, eine ganz eigene Art von Banden, nämlich die Ungewissheit und Zweifel in Bezug auf den Zustand nach dem Tode. Wenn die Seele von der Glückseligkeit, welche die Menschen nach dem Tode erwartet, fest überzeugt wäre, so würde sie sich, wie Heraklit sagt, durch nichts auf der Welt zurückhalten lassen.“

Die Unsterblichkeitsüberzeugung wurde also nicht reflektiv gelehrt, und auch szenischen Darstellungen aus dem Leben im Hades würde nur das Gewicht dichterischer Phantasieen erteilt worden sein; sie wurde also erworben durch eigene Erfahrung auf transcendental-psychologischem Wege. Diese subjektive Erfahrung wurde aber noch verstärkt durch objektive Bestandteile der Mysterien, die uns geradewegs nötigen, dieselben mit den spiritistischen Sitzungen unserer Tage zu vergleichen. Damit erst erklärt sich vollständig das Geheimnis, womit sie umgeben waren. Darum ist es aber auch nicht verwunderlich, dass unseren Philologen, die im Spiritismus nur Betrug und Täuschung vermuten, der wahre Sinn der Mysterien entgangen ist, und dass sie darin noch immer ein unlösliches Problem sehen. Was in den Mysterien nicht gelehrt, sondern gezeigt wurde, hatte Bezug auf die Gottheiten der Unterwelt und erweckte die feste Überzeugung von der Unsterblichkeit. Daraus allein schon könnte man schliessen, dass in den Mysterien Nekromantie getrieben wurde, und diese Vermutung wird vollkommen bestätigt. Was die alten Schriftsteller davon enthüllen, musste allerdings, weil das Geheimnis so streng gehütet wurde, allen Nichteingeweihten ganz unverständlich bleiben und konnte nur von den Eingeweihten verstanden werden. Dieses Verhältnis besteht aber noch heute: Wer mit Kenntnissen des Spiritismus an das Studium der Mysterien geht, dem sprechen die Alten eine verständliche Sprache, so geheimnisvoll sie auch thun; wer aber die moderne Nekromantie nicht kennt, dem bleiben die Mysterien ein Rätsel, und er wird, wie unsere Philologen, die Flinte ins Korn werfen d. h. auf eine Erklärung verzichten. Der moderne Spiritist befindet sich also in der Lage des Eingeweihten im Altertum: er versteht die dunklen Andeutungen der Schriftsteller Plutarch sagt, dass die Athener vor alters die Verstorbenen Demetreier genannt hätten. Der Demeterdienst hatte also Bezug auf die Unterwelt. In der Unterwelt herrschte Proserpina über die Schatten der Verstorbenen; darum war ihr die Cypresse geweiht und es galt als gleichbedeutender Ausdruck, in die Unterwelt hinabzusteigen oder der Proserpina Opfer zu bringen,8) was sich sehr gut erklärt, wenn die Opfer zum Behufe der Nekromantie geschahen. Andrerseits ist die Antizipation des künftigen Zustandes durch die Einweihung in die Mysterien als Rückkehr zu dem, diesem identischen, Zustand vor der Geburt aufzufassen. Im Phädrus erscheint als Wirkung der Mysterien die Versetzung des Bewusstseins aus dem Reich des Materiellen in das Reich der geistigen Potenzen; Platon sagt, dass die Seele in ihrem früheren Zustand, ehe sie in die materielle Welt kam, Orgien feierte. Da damit auch die Einweihung bezeichnet wird, war sie Rückkehr in diesen ehemaligen Zustand.

Immerhin ist bei den Alten die Beziehung der Mysterien auf den künftigen Zustand vorwiegend betont, und zwar konnte der Vorzug derselben vor den religiösen und philosophischen Vorstellungen nur darin bestehen, dass zum dogmatischen und logischen Unsterblichkeitsbeweise der empirische hinzutrat; nur darin konnte der Überschuss und höhere Wert der Mysterien begründet sein. Schelling sagt mit Recht:

„Man muss immer zuerst die Frage aufwerfen: Welche Quelle könnten die Mysterien haben, die nicht auch der Philosophie zugänglich waren? Denn solche Quellen mussten sie haben, um sich auch im Zeitalter der schon mächtig entwickelten Philosophie, in Zeitaltern, die schon einen Sokrates, Platon und Aristoteles kannten, in ihrem Werte zu behaupten.“

Würde es sich um Dinge von ganz anderer Art handeln, als welche von der Philosophie behandelt wurden, so würden wir im Unklaren bleiben. Nun legen aber die Mysterien den Accent auf die Unterwelt und die Unsterblichkeit, die einem Platon als Vollendung der Philosophie galt. Es konnte also kein diametraler Gegensatz zwischen Philosophie und Religion und andererseits den Mysterien bestehen, sondern nur ein Gegensatz der Stufen. Eine wirklich höhere Stufe konnte nur in dem Erfahrungsbeweise der Unsterblichkeit liegen, der teils auf dem Wege der transcendentalen Psychologie erreicht wurde, durch Somnambulismus, teils durch objektive Phänomene mystischer Natur, durch Spiritismus. In unseren spiritistischen Sitzungen sind die Hauptbestandteile : Physikalische Phänomene und das Erscheinen von Phantomen. Sehen wir also zu, ob die Berichte der Alten deutlich genug sind, um auf solche Phänomene schliessen zu lassen. Der Glaube an Geister ist in unseren Tagen so gering, dass gerade die durchschnittlich gebildeteren Klassen in den physikalischen Kundgebungen nur Trivialitäten sehen, die eines wirklichen Geistes ganz imwürdig wären. Bei dieser Ansicht übersieht man die Gesetzmässigkeit der intelligiblen Welt und verwechselt die objektive Beschränktheit der Eingriffsmöglichkeiten in unsere Welt mit subjektiver, geistiger Beschränkung der Eingreifenden. Im Altertum dagegen war der Glaube an das Übersinnliche noch sehr lebendig, und ohne Bezug auf dasselbe hätten die Mysterien ihr hohes Ansehen nicht gewinnen können; physikalische Manifestationen konnten also von Leuten, die auf das zu Erwartende gar nicht vorbereitet waren, nur mit einem gelinden Grauen aufgenommen werden; denn dem Gespensterleugner kann es nicht schwer fallen, bei Manifestationen, die er für Betrug hält, mutig zu bleiben, der Gespenstergläubige dagegen wird diesen Mut nicht unter allen Umständen auf bringen. Bei den Alten ist nun sehr viel von dem Schrecken die Rede, womit die Mysterien erfüllen. In einem dem Plutarch zugeschriebenen Fragment bei Stobäus ist davon die Rede, dass die mit der Einweihung verknüpfte Seligkeit nicht sofort erreicht wird; zuerst finde langes Umherirren statt, beschwerliche Wege, und aus einem gewissen Dunkel verdächtige und zu keinem Ausweg führende Wege; dann, vor dem Ende selbst, alles Furchtbare, Schauer, Zittern, Angstschweiss und Entsetzen. Sodann aber kommt ein wundervolles Licht dem Einzuweihenden entgegen, glänzende Auen und Ebenen mit Stimmen und Chortänzen, ehrwürdige Laute und göttliche Erscheinungen. Dann erst begeht der Eingeweihte, freigeworden und entlassen umhergehend, gekrönt die eigentliche Feier. Er geht sodann mit heiligen und reinen Menschen um, die uneingeweihte Menge der Nichtgeweihten von oben her sehend, wie sie in tiefem Schlamm und Qualm von sich selbst zertreten und umhergetrieben und aus Unglauben an jene höheren Güter mit der Furcht des Todes allen anderen Übeln preisgegeben bleiben. Pausanias spricht von dem Grauen, welches die Uneingeweihten von den Mysterien zurückhält und es entspricht ganz dem Hexensabbath und den oft sehr unsanften Berührungen bei spiritistischen Sitzungen, wenn es heisst:

„Einige werden zu Boden geworfen, bei den Haaren ergriffen, geschlagen, ohne in der Finsternis den Thäter entdecken zu können.“

Aber auch was in dem eben angeführten Fragment bei Stobäus von der nachträglichen Stimmung der Eingeweihten gesagt ist, entspricht sehr gut dem aristokratischen Gefühl, womit manche Spiritisten auf die Schar der Nichtspiritisten herabsehen zu dürfen glauben.

Dass die erwähnten göttlichen Erscheinungen als Phantome, als Materialisationen, angesehen werden müssen, wird aus den Berichten klar. Dabei finden sich, wie eben auch in unseren Tagen, die drei möglichen Auffassungsweisen, dass man es mit guten Dämonen, oder bösen Dämonen, oder mit verstorbenen Menschen zu thun habe. Plutarch spricht von den Dämonen, die für gewöhnlich ihren Aufenthalt im Mond haben, zuweilen aber auf die Erde herabkommen, um die Orakel zu besorgen, den erhabensten Mysterien beizuwohnen und an der Feier derselben teilzunehmen. Wenn sie sich etwas zu Schulden kommen lassen, so werden sie auf die Erde verstossen und in menschliche Körper eingeschlossen. Als solche verstossene Dämonen nennt er nun Mysterienpriester, die Daktylen in Kreta — die ältesten Bewohner Kretas, denen als Wohlthätern der Menschheit göttliche Ehren erwiesen wurden — und die Korybanten in Phrygien, jene Priester der Cybele, welchen übermenschliche Eigenschaften zugeschrieben wurden, vermöge ihrer mystischen Kenntnisse. Apulejus sagt von seiner Einweihung:

„Ich war in Gemeinschaft der oberen und niederen Götter und habe sie in grosser Nähe verehrt.“

Von bösen Dämonen — Antihei — wird gesagt, dass sie sich einstellen, wenn im Rituale etwas verfehlt wird. Vielleicht ist es in dieser Weise zu erklären, wenn von den ägyptischen Priestern gesagt wird, dass sie ihren Göttern sogar drohen. Jedenfalls werden neben den höheren Göttern auch solche von niederer Art angenommen. Apulejus sagt, dass die Dämonen mit den eigentlichen Göttern die Unsterblichkeit, mit den Menschen die Leidenschaften gemein haben, dem Zorn und der Erbarmung zugänglich seien. Dieser Ansicht neigt sich auch Plutarch zu:

„Aus diesem Grunde thut man wohl am besten, wenn man alles, was von Typhon, Osiris und Isis erzählt wird, nicht für Begebenheiten einiger Götter und Menschen, sondern gewisser grosser Dämonen hält, welche, wie auch Platon, Pythagoras, Xenokrates und Chrysippus mit den alten Theologen übereinstimmend behaupten, zwar stärker sind, als die Menschen, und von Natur eine grössere Macht besitzen, als wir, aber auf der anderen Seite auch nicht eine ganz reine und unvermischte Gottheit, sondern so, wie wir, eine Seele und einen Körper haben, die Vergnügen und Schmerzen empfinden können, und allen den damit verbundenen Abwechslungen und Leidenschaften unterworfen sind, welche einige mehr, andere weniger beunruhigen, indem unter den Dämonen so gut, als unter den Menschen, in Ansehung der Tugend und des Lasters eine grosse Verschiedenheit stattfindet.“

Der Übergang zu der Vorstellung, dass die Dämonen verstorbene Menschen seien, finden wir bei Heliodor, wo Kalasiris sagt:

„Götterund Dämonen nehmen, wenn sie zu uns kommen und von uns gehen, höchst selten Gestalten von anderen Geschöpfen, meistenteils die von Menschen an, um von uns besser bemerkt zu werden. Den Uneingeweihten können sie nun leicht verborgen bleiben, dem Scharfblick des Klugen entgehen sie nicht: er erkennt sie an dem scharf und unverwandt blickenden Auge, dessen Lider sich niemals schliessen, und mehr noch an ihrem Gang, indem sie nicht ausschreiten und dieFüsse abwechselnd setzen, sondern indem sie die Luft in einem widerstandslosen Zuge und Schweben mehr durch-schneiden als durch wandeln.“

Man kann nicht deutlicher reden, und das passt vollkommen auf Phantome. Endlich finden wir es aber auch, wenn nicht geradezu ausgesprochen, so doch als implidte Folgerung, dass die Erscheinungen bei den Mysterien verstorbene Menschen seien. Nach hellenischer Ansicht sind nämlich die Verstorbenen unkörperliche Gebilde, aber nicht unleiblich und es verbleibt ihnen sogar Geschlecht und Alter. Man kann sie nicht greifen, aber sehen, wie „dampfenden Rauch“, sie sind also nicht rein immateriell; sie haben Gesicht, Grösse, Kleidung und Stimme, wie sie im Leben hatten. Es mangelt ihnen Besinnung und Gedanke, die man durch das Zusammensein von Körper und Seele bedingt hielt. Sie müssen Blut trinken, um zur Besinnung zu kommen. Es war also den Nekromanten ausserhalb der Mysterien und musste noch mehr den Mysterienpriestern bekannt sein, dass Phantome durch Verwendung organischer Stoffe zur deutlichen Materialisierung gebracht werden können. Dazu kommt noch, dass nach der Lehre griechischer Philosophen die Seelen der Menschen ehemals Dämonen waren, die zur Strafe in menschliche Leiber versenkt wurden und erst wieder glücklich werden, wenn sie sich in die Gesellschaft der anderen Geister hinaufschwingen, also wieder Dämonen werden; und so erscheint es natürlich, dass die Dämonen ihrerseits als verstorbene Menschen bezeichnet werden. Schon in dem goldenen Gedicht des Pythagoras kommen neben Göttern und Heroen auch die Dämonen vor; unter letztere rechnete man aber auch die abgeschiedenen Menschenseelen, die teils im Lufträume, teils unter der Erde sich aufhalten, und nicht selten den Menschen erscheinen. Wie schon Heraklit und Demokrit bezeichnet auch Xenokrates die Seele des Menschen als seinen Dämon. Hesiod nennt die Geschlechter der früheren Menschen gute Dämonen.Josephus hält die Dämonen für die Seelen verstorbener Menschen. Bei Philo sind Engel, Dämonen und Seelen nur verschiedene Namen für dieselben Wesen; von der Lust zur Erde getrieben steigt ein Teil dieser Seelen herab, um sich mit sterblichen Leibern zu verbinden. Auch Apulejus rechnet die menschlichen Seelen zum Geschlecht der Dämonen, sowohl während ihres irdischen Lebens, als nach ihrer Befreiung; doch seien es nur Dämonen niedriger Ordnung, die in den Leib eingehen. Cicero sagt:

„Erinnere dich, weil du doch eingeweiht bist, was man in den Mysterien hört, und du wirst von selbst einsehen, wie allgemein wahr es sei, dass unsere Götter ehemals Menschen waren.‘‘

Es ist nicht schwer, darin Anschauungen zu erkennen, die allmählich durch die ägyptischen und griechischen Tempelmauern hindurchsickerten. Porphyrius nennt die Seelenwanderung eine Lehre der Mithrasmysterien Cicero bezeichnet es als Lehre der Mysterien, dass die Menschen wegen der in einem früheren Leben begangenen Sünden zur Strafe auf die Erde gesetzt seien. Andrerseits wird nach Proklus die Seele durch die Mysterien von dem körperlichen und sterblichen Leben abgesondert und in die Gemeinschaft der Götter versetzt, und auch im Phä-rus wohnen die Eingeweihten mit den Göttern zusammen. Demgemäss erscheint das irdische Leben als ein mittleres zwischen zwei anderen Existenzen, in welchen sich die Seelen der Verstorbenen mit den Dämonen vermischen; der Totenkultus wird zu einem Bestandteil des Dämonenkultus. Daraus ergeben sich für die Mysterien zwei Hauptbestandteile:

1. Die menschlichen Seelen wurden zu Dämonen erhoben, und dies kommt unserem heutigen Somnambulismus am nächsten.
2. Die Dämonen wurden zur irdischen Materialisierung gebracht, d. h. wir können die göttlichen Erscheinungen in den grossen Mysterien unseren Phantomen im Spiritismus gleichstellen. Der Begriff des Mediums scheint sich, begrifflich wenigstens, aus den mystischen Phänomenen des Altertums nicht deutlich herausgeschält zu haben; die Materialisationen wurden mehr durch Verwendung organischer Stoffe und Räucherungen erleichtert. Bei Jamblichus ist die Rede von Bildern der Götter, die in der Luft, in den mit Feuer angemachten Dämpfen erscheinen. Bei den Opfern, die der Ceres dargebracht wurden, nahm man Honig, Wein, Salz, Milch und Mehl, brannte auch Weihrauch- oder, wie Ovidius sagt: Harzfackeln. Auch dass die Phantome in den Mysterien sprachen, wird berichtet. Proklus sagt, dass in den heiligsten der Mysterien durch gewisse den Einweihungen vorhergehende Schrecken die teils durch Worte, teils durch gezeigte Gegenstände erregt werden, die Seele dem Göttlichen unterworfen und fügsam gemacht wird; noch deutlicher sagt Dio Chrysostomus, dass der Schrecken durch seltsame und unerklärliche Stimmen, teils durch mystische Erscheinungen erregt wurde, und abwechselnd Licht und Finsternis den Einzuweihenden empfingen. Celsus sagt dass, um die Zuschauer bei den Mysterien in einen heiligen Schrecken zu versetzen, neben anderen Mitteln auch das Erscheinen von Phantomen angewendet wurde. Wenn in den Mysterien der Begriff des Mediums nicht auseinandeigesetzt ist und vielleicht überhaupt nicht deutlich erfasst wurde, finden sich doch sehr deutliche Anzeichen, dass die Einweihung eben darin bestand, mediumistische Kräfte zu entwickeln. Zunächst sind die Priester selbst nach modernen Begriffen teils als Medien, teils als Adepten anzusehen. Von den Teichinen, den pelasgischen Priestern, heisst es, dass sie in ihren religiösen Gebräuchen zu Wundem und Fascinationen ihre Zuflucht nahmen. Bei Diodor heisst es:

„Man sagt von ihnen, dass sie Zauberer gewesen seien und Wolken, Regen und Hagel anwenden konnten, wenn sie wollten, desgleichen auch Schnee herbeiführen. Und das sollen sie in der Weise gemacht haben, wie es auch die Magier thun. Auch konnten sie ihre eigene Gestalt verwandeln; andern aber ihre Künste zu lehren, darin waren sie zurückhaltend.“

Den Korybanten, phrygischen Priestern, wurde eine Ekstase von göttlicher Herkunft zugeschrieben; mit der Zeit wurden sie selbst zu untergeordneten Gottheiten erklärt. Hyginus sagt, dass sie Lares genannt wurden, und Servius noch deutlicher: Corybanies daemones sunt. Gleiches gilt von den Kabiren, welche durch Magie und Theurgie die höheren Wesen zur Wirkung brachten.

Schelling sagt:
„Unmittelbare Abkömmlinge der Kabiren, Korybanten oder Samothraker sind nach Sanchuniaton , die die Kenntnis der Kräuter, Heilung giftiger Bisse und die Beschwörungen zuerst erfunden. Strabo sagt, nach einigen seien die Korybanten, die Kabiren, die idäischen Daktylen und die Teichinen einerlei, nach andern Verwandte und nur durch geringe Unterschiede von einander getrennt. Von den idäischen Daktylen aber sagt Schol. Apoll. Paris. L. I, S. 113t,und auch hier war Zauber und Gegenzauber. Nämlich die linken, wie Pherekydes lehrte, die den Zauber knüpfenden, die rechten aber die den Zauber lösenden. Einige lehrten, die rechten (Finger, Daktylen) seien männlich, die linken seien weiblich. Von denselben sagt der euhemerisierende Diodor Sic. V, S. 392, da sie Zauberer gewesen, haben sie sich der Beschwörungen, Einweihungen und Geheimlehren beflissen und, auf Samothrake verweilend, die Einwohner durch dies alles in nicht geringes Staunen gesetzt, fast gleichlautend mit manchen Erzählungen von Othin und seinen Gesellen. Über die Zauberkräfte der Teichinen s. Diodor V, c. 55. Strabo XIV, S. 653 etc. Hesych. h. v. u. a.“

Auch die schon bei den Ägyptern gebräuchliche Erblichkeit der Priesterwürde spricht dafür, dass es sich bei denselben weniger um Kenntnisse, als um mystische Eigenschaften von persönlicher und erblicher Natur handelte. Ebenso scheint nun aber auch die Einweihung in die höchsten Grade nicht so fast in reflektiver Belehrung, sondern darin bestanden zu haben, dass der Schüler zum passiven Medium oder aktiven Adepten entwickelt wurde. Darauf deutet schon die Vorbereitung durch Fasten und Keuschheit hin. Die Orphiker, die den Dienst des Bacchus besorgten, enthielten sich der Fleischnahrung. Die Gelehrsamkeit der ägyptischen Priester mag noch so gross gewesen sein, so war sie doch gewiss nicht so unerschöpflich, dass ein Pythagoras und andere zehn bis zwanzig Jahre ihres Lebens in diesem Unterricht hätten verbringen müssen. Dagegen wird deren langer Aufenthalt in Ägypten sehr verständlich, wenn die Schüler magische Eigenschaften erwerben sollten, die ja dem Pythagoras wirklich zugeschrieben wurden. Die Einweihung in die höheren Mysterien bestand also darin, den Schüler zum passiven Werkzeug für transcendente Einflüsse auszubilden — Medium — oder die latenten transcendentalen Fähigkeiten des Menschen in ihm aktiv zu machen — Adept. Dafür hatten Fasten und Keuschheit einen Sinn; für eine reflektive Belehrung waren sie überflüssig. Porphyrius sagt;

„In den Eleusinien enthielt man sich von Geflügel, Fischen und Bohnen, der Granaten und der Äpfel; ebenso macht unrein der Beischlaf und das Berühren von Kadavern. Wer die Natur der Geistererscheinungen kennt, der weiss, weshalb man sich aller Vögel enthalten muss, zumal wenn man strebt, von der Erde weggenommen und zu den himmlischen Göttern versetzt zu werden.“

Der Zusammenhang zwischen Fasten, Somnambulismus und Mediumität ist hier sehr klar. In den Mysterien des Mithras mussten die Einzuweihenden Hunger, Durst und Kälte ertragen — es scheint mit der Zeit ein forciertes Verfahren angewendet worden zu sein —; sie mussten grosse Wasserstrecken mehrere Tage hintereinander durchschwimmen — Wasserprobe der mittelalterlichen Hexen — und sich ins Feuer werfen — Feuerfestigkeit moderner Medien. Bestanden sie diese Proben, so wurden sie zur Einweihung zugelassen — d. h. wohl, man verwendete sie alsdann als ausgebildete Medien zur Nekromantie.

Auf einem in Tirol gefundenen, auf den Mithrasdienst deutenden Monumente sind Relieffiguren dargestellt, die solchen Proben unterworfen werden. Die einen werden ins Wasser geworfen; andere liegen ausgestreckt auf einem Bett mit schmerzerregenden Spitzen — Unempfindlichkeit der Somnambulen —, anderen sind beide Füsse in der Erde vergraben, oder sie sind in gezwungener und schmerzlicher Körperhaltung,— hypnotische Katalepsie —; endlich halten sie die Hand ins Feuer. Aus einer späteren Zeit werden wir durch Apulejus aufgeklärt. Derselbe war zu Hadrians Zeiten Oberpriester in Karthago und in alle Mysterien von Griechenland eingeweiht. Er war als Magier verschrieen, schrieb auch eine Apologie der Magie, und nach seinem Tode setzte man ihn sogar einem Apollonius von Tyana gleich und bewies damit gegen die Christen, dass auch andere die Wunder verrichten konnten, die man Christus zuschrieb. Dieser Apulejus geht in seinen Eröffnungen über die Mysterien weiter, als irgend ein anderer; aber seine Worte, ganz rätselhaft und sinnlos für den Rationalisten, werden erst verständlich, wenn man den Massstab der Mystik daran legt:

„Ich ging bis zur Grenzscheide zwischen Leben und Tod — somnambule Ekstase —; ich betrat die Schwelle der Proserpina, und nachdem ich durch alle Elemente gefahren — Wasserprobe, Feuerfestigkeit, Erheben in die Luft— kehrte ich wiederum zurück. Zur Zeit der tiefsten Mitternacht sah ich die Sonne in ihrem hellsten Lichte leuchten — mystische Lichtphänomene. Ich schaute die unteren und die oberen Götter von Angesicht zu Angesicht — Materialisationen — und betete sie in der Nähe an.“

Weiterhin spricht er davon, dass es noch eine höhere Weihe in die Geheimnisse des Osiris gebe, und dass er auch diesen von Angesicht zu Angesicht gesehen. Dazu bemerkt Burkhardt:
„Dies sind Dinge, über welche man nie ins klare kommen wird“, und bezüglich des Zauberwesens, dass „die Geschichte ewig umsonst nach dem objektiven Thatbestand fragen wird.“ Aber, wie wir sehen, rächt sich hier — wie in so vielen Wissenszweigen — nur die Vernachlässigung mystischer Studien, die allerdings über diese Dinge viel Klarheit verbreiten, so viel auch des Rätselhaften noch übrig bleibt.

Dass es sich bei den Mysterien um spiritistische Phänomene handelte, geht auch daraus hervor, dass sie in der Finsternis gehalten wurden. Die Mysterien des Mithras wurden in dunklen Höhlen gefeiert. Der Tempel zu Eleusis hatte einen unterirdischen Teil,4) — Reichenbachische Dunkelkammer —; von den Thesmophorien, von welchen Männer ausgeschlossen waren, heisst es, dass sie nachts gefeiert wurden; ebenso von den Mysterien des Bacchus. Demetrius von Phalerä sagt, dass bei den Mysterien alles auf Schrecken, Bestürzung und Schauen angelegt war.6) Wenn der Einzuweihende in den Tempel trat, sagt Themistius, so war er zuerst von Schrecken und wie von Schwindel befallen, von Kummer und einer gänzlichen Bestürzung eingenommen, da er keinen Schritt vorwärts zu thun vermochte, noch einen Weg zu finden, der ins Innere führte, bis endlich der Vorhang des Tempels weggezogen wurde. Die Mysterien der Isis begannen bei einbrechender Nacht, wie Apulejus in der erwähnten Stelle sagt. Nach Cicero wurden auch die Eleusinien nachts gefeiert. An die Verwendung von Musik— die Mesmer in seine Behandlung aufnahm und die auch im Spiritismus zur Verwendung kommt — erinnert eine Stelle bei Aristoteles.

Endlich dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass Magie und Nekromantie auch ausserhalb der Mysterien in Gebrauch waren. Schon in der ägyptischen Weisheit unterscheidet Heliodor zweierlei Arten:

„Die eine ist für den Pöbel und wandelt sozusagen immer niedrig auf der Erde; sie hat mit Gespenstern zu thun und balgt sich mit Leichen, klebt an Kräutern und stützt sich auf Zauberformeln; ihr Endzweck ist niemals etwas Gutes, weder an sich, noch für den, der sie zu Rate zieht; in ihren Wegen geht sie meistenteils fehl; gelingt ihr einmal etwas, so ist es etwas Abscheuliches und Garstiges; bald giebt sie Dinge zu sehen, die nicht sind, bald täuscht sie gehegte Hoffnungen, bald verhilft sie zu unerlaubten Handlungen und ist ungezügelten Lüsten dienstbar. Die andere aber, die wahre Weisheit, um die wir Priester und Propheten uns von Jugend auf bemühen, blickt zum Himmel empor, verkehrt mit den Göttern und hat Teil an der Natur der mächtigen Wesen; sie erforscht die Bewegung der Gestirne und gewinnt das Vorherwissen der Zukunft.“

Diese thatsächliche Anerkennung der schwarzen Magie, deren Beschreibung an das mittelalterliche Zauberwesen erinnert, neben der weissen lässt um so mehr die grosse Heimlichkeit begreifen, mit welcher die Mysterien umgeben waren; man fürchtete eben den Missbrauch mystischer Kenntnisse und transcendentaler Fähigkeiten. Darum war man so strenge, dass der Hierophant von Eleusis sogar den Apollonius von Tyana als einen Magier von den Mysterien mit den Worten zurückwies, er würde niemals die Eleu-sinischen Geheimnisse einem Menschen entdecken, der die göttlichen Dinge profaniere. Apollonius, der sodann seine höheren Kenntnisse in der Geheimlehre betonte, wies dann seinerseits den nun willfähriger gewordenen Oberpriester zurück und erklärte, er würde sich erst durch dessen Nachfolger einweihen lassen, den er nannte, und dem in der That vier Jahre später der Tempel übergeben wurde.

Über die Nekromantie ausserhalb der Mysterien sind die Nachrichten sogar sehr vielfältig, und wenn sie auch bei den sogenannten Totenorakeln noch mit Geheimnis umgeben war so kommt sie doch auch von Privaten getrieben vor. Die Beschwörung der Toten, um durch sie auf vorgelegte Fragen, Antworten zu erhalten, Zukünftiges und überhaupt Verborgenes zu erfahren, kommt schon bei Homer vor. Herodot erwähnt ein Totenorakel in Thesprotien, wo man durch Anwendung geheimer Mittel die Seelen der Verstorbenen zu erscheinen und Antwort zu geben nötigte. In Italien bestand ein solches Orakel am Averners ee in Misenum; nach geschlachtetem Opfer und Ausgiessung des Trankopfers rief man dort den Toten, worauf ein Phantom erschien, zwar dunkel und nicht leicht zu erkennen, das aber doch redete und nach gegebener Antwort verschwand. Auch andere erwähnen dieses der Persephone heilige Orakel. Solche bestanden auch in Pigalia in Arkadien, im thrakischen Heraklea, am See Aomos in Thessalien u. s. w. Nach alter Vorstellung haben die chthonischen Gottheiten die Herrschaft im Hades, daher wurden sie in der Nekromantie angerufen7) und wurde der Hekate die Macht zugeschrieben, Tote erscheinen zu lassen. Lucian verspottet die Geister, die sich am Wohlgeruch des Opferdunstes und des Räucherwerks ergötzen, und diese Verwechslung von Nahrungsmittel und Materialisationsmittel scheint dem ganzen Altertum anzugehören. Dem Hades, der Hekate und den Erinnyen wurde Honig geopfert und Honig wurde auch bei Totenbeschwörungen verwendet.3) Blut als Materialisationsmittel war sehr im Gebrauch, ja es liegt wohl eben darin die eigentliche unverstandene Bedeutung der blutigen Opfer, von welchen sogar Menschenopfer nicht ausgeschlossen waren. Por-phyrius belastet damit sogar die Mysterien in Kreta:

„Istros in seiner Sammlung kretensischer Opfer sagt, dass die Kureten von altersher gewohnt waren, dem Saturn Knaben zu opfern. Pallas, der das beste über die Mithrasmysterien geschrieben hat, sagt, dass die öffentlichen Menschenopfer erst unter Kaiser Hadrian abgeschafft wurden.“

Leicbenopfer an Pluto und Proserpina werden erwähnt, und bei Heliodor finden wir die sehr ausführliche Beschreibung einer Totenbeschwörung, woraus die Verwendung von Blut als Materialisationsmittel sogar im Privatgebrauch erhellt.

Solche Privatleute als Nekromantiker kommen im ganzen Altertum vor. Bei Plutarch sagt Simmias, dass er am Grabe des Lysis die Totenopfer verrichtete und die Seele des Lysis beschwor, damit sie bezüglich seiner Beerdigung ihren Wunsch kundgebe; er sah die ganze Nacht hindurch nichts, glaubte aber eine Stimme zu hören, die ihm einen Befehl erteilte. Der Grammatiker Apion behauptete, den Schatten des Homer um sein Vaterland und seine Eltern befragt zu haben, verschweigt aber die Antwort. Appius, Zeitgenosse des Cicero, gab sich mit Totenbeschwörung ab. Nero beschwor den Geist seiner ermordeten Mutter,2) Garacalla die Geister seines Vaters und Bruders. Dem Vatinius wirft Cicero vor:

„Du pflegst die Geister der Verstorbenen heraufzubeschwören und den Göttern der Unterwelt Eingeweide der Knaben zu opfern.“

Auch dem Nero wird vorgeworfen, dass er es bei seinen magischen Operationen an Menschenopfern nicht fehlen liess. Catilina und die Kaiser Heliogabalus, Didius Julianus und Valerianus stehen im Verdachte der Kinderopfer. Pollentianus handelte nach dem Gebrauch, einer schwangeren Frau die unreife Frucht herauszuschneiden, um Geister zu beschwören, und das Gleiche wird dem Maxentius nachgesagt. Nach dem Tode des Kaisers Julian fand man in dem von ihm zu geheimen Mysterien benutzten Tempel zu Carrä ein an den Haaren aufgehängtes Weib mit aufgeschnittenem Leibe, von welchem Verfahren schon Lucanus berichtet. Die Unkenntnis des Begriffes „Medium“ hatte also arge Scheusslichkeiten zur Folge. Sogar Spyridion, Bischof von Cypem, wird als Totenbeschwörer erwähnt: Ein Bekannter hatte seiner Tochter Irene einen wertvollen Gegenstand anvertraut; sie starb und Spyridion, der den Schatz zurückgeben sollte, aber den Ort der Aufbewahrung nicht wusste, beschwor ihren Schatten, bis sie ihm aus dem Grabe heraus Kunde gab. Noch im Mittelalter finden wir die Totenbeschwörung in ihrer scheusslichsten Gestalt bei Gilles de Laval, Baron von Rez, dem französischen Marschall, in dessen Schloss bei Nantes Hunderte von Kindern verschwanden, bis er 1440 zum Tode verurteilt wurde.

Wenn wir nun sehen, dass ein so wichtiger Bestandteil der Mysterien, wie die Totenbeschwörung, nicht hinter den Mauern der Tempel verborgen blieb, und im Privatgebrauch, wo der Begriff des Mediums unbekannt war, in grässlicher Weise verwilderte, so werden wir vorweg annehmen dürfen, dass mysteriöse Lehren, die von den Philosophen so hochgeschätzt waren, allmählich auch in die Systeme derselben drangen. Die Philosophen waren nachweisbar in beständiger Fühlung mit den Mysterien und hatten wohl ihre besten Einsichten aus diesen entlehnt. Thaies wurde von ägyptischen Priestern unterrichtet, Pythagoras wurde von den Priestern in Memphis und Theben eingeweiht, nachdem er alle vorgeschriebenen schweren Prüfungen durchgemacht. Vorher schon war er in Biblos und Tyrus eingeweiht worden. Er blieb in Ägypten volle zweiundzwanzig Jahre, und ging dann nach Chaldäa und Persien, um sich dort von den Magiern unterrichten zu lassen. Daher werden ihm auch magische Künste zugeschrieben. Seine Zahlenlehre hatte er von den Ägyptern. Seine Dämonenlehre stimmt überein mit der des Hesiod. Er lehrte Seelenwanderung, und auch von den Mysterien des Mithras heisst es, dass man dort von der Seelenwanderung überzeugt wurde. Von den Pythagoräem heisst es im allgemeinen, dass sie Freunde der Theurgie und Divination waren, und Jamblichus sagt, dass in dieser Schule alles mündlich als göttliches Geheimnis sich fortpflanzte. Heraklit lehrte den Übergang der Seele aus ihrem dämonischen Zustand in den menschlichen, ünd in einem Bruchstück nennt er die Götter unsterbliche Menschen, die Menschen sterbliche Götter. Platon Hess sich ebenfalls in Ägypten unterrichten, und hätten ihn die Kriegsunruhen nicht abgehalten, so würde er sogar nach Persien zu den Magiern gereist sein. Dass die platonische Philosophie dieselbe sei, wie die der Orphischen Mysterien, sagt Proklus geradezu, und allgemein schreibt Herodot die Ausbildung der Mysterien den Philosophen zu. In der That hätte Platon die Philosophie nicht das Höchste, was man lernen kann genannt, wenn ihm auf Seite der Mysterien ein Überschuss geblieben wäre, und er nicht vielmehr selbst diesen Überschuss, immerhin unter Wahrung von Geheimnissen, in seine Philosophie gemengt hätte. Er lehrte Präexistenz und Unsterblichkeit und die dem griechischen Geiste fremde Vorstellung, dass der Körper ein Kerker der Seele sei. Unser gegenwärtiges Los ist ihm abhängig von einem früheren Leben und Verhalten, das künftige Los vom gegenwärtigen Verhalten. Sein Unsterblichkeitsbeweis ist mystisch aus der Verwandtschaft der Seele mit den Ideen geführt. Die Seele verbringe, was auch von den Eingeweihten gesagt werde, nach dem Tode die Zeit mit den Göttern. Die der Philosophie ergebene Seele erwarte nach dem Tode keine neue Wanderung, sondern, wenngleich kein körperloser Zustand, doch ein vom Körper möglichst wenig beschwertes Dasein ätherischer Art. Wie dieses an die Phantome der Mysterien erinnert, so seine Vorstellung, dass die am Körper hängende Seele ruhelos das Grab umschweift, an Nekromantie. Dass die griechischen Mysterien aus Ägypten kämen, scheint hervorzugehen aus der Identität der ägyptischen Isis mit der griechischen Ceres und der fast völligen Gleichheit ihrer Mysterien. Das eigentliche Heimatland der Mysterien ist aber wohl Indien. Es ist jedenfalls bezeichnend, dass die Philosophen, welche eingeweiht waren, wie Empedokles, Platon, Pythagoras, Apollonius, auch von der indischen Magie hoch dachten und sie zum Teile kannten. Es sollen sogar die Worte , womit nach Beendigung der Eleusinien die Versammlung aufgehoben wurde, aus dem Sanskrit stammen, und sollen sich die Brahminen nach Beendigung ihrer religiösen Feierlichkeiten derselben ebenfalls bedienen. Wenn nun auch zugegeben werden muss, dass in den Mysterien

,,an eine lehrhafte Überlieferung einer reineren Gottesaufifassung, eine Ausdeutung der Mythen nicht zu denken ist“

und die dramatische Natur der Mysterien jetzt allgemein anerkannt ist; wenn es ferner richtig ist, dass die Philosophen in ihrer exoterischen Lehre es für erlaubt hielten, wenn von den Volksgöttern, der Seele und den Geistern die Rede war, zu Erdichtungen ihre Zuflucht zu nehmen, so dürfte doch das Urteil Zellers, dass die griechische Philosophie nichts Erhebliches von den Mysterien entlehnt habe, bedeutend einzuschränken sein. Er selbst giebt zu, dass der Unsterblichkeitsglaube aus den Mysterien hervor gegangen zu sein scheine. Es verdankten gerade die eleusinischen Mysterien ihre Berühmtheit nicht nur der Pracht, die darauf verwendet wurde, sondern hauptsächlich dem herrschenden Glauben, dass der dort Eingeweihte eine sichere Bürgschaft jenseitiger Seligkeit besitze, was doch wohl heisst, dass man in Eleusis die überzeugendsten, also empirischen Beweise von der Unsterblichkeit erhielt. Die Beeinflussung der Philosophie durch die Mysterien wird allerdings erst in der späteren Zeit griechischer Philosophie recht deutlich. Nachdem durch die römischen kaiserlichen Edikte die Mysterien bedroht waren, nahmen sie die Maske der Philosophie an und flüchteten in die alexandrinischen Philosophenschulen, wo theurgische Beschwörungen getrieben wurden. Sie hatten Mysterien, bei welchen man zur Anschauung der Götter gelangte, die in verschiedenen Gestalten, namentlich menschlichen, oft auch nur durch gestaltlosen Lichtglanz, sich offenbarten, was mit spiritistischen Manifestationen verglichen, ungemein verständlich wird, aber bei Zeller, der rationalistisch urteilt, als Absurdität erscheint. Damit stimmt auch die Dämonenlehre des Plot in überein. Er versetzt diese in das Zwischenreich zwischen dieser und der anderen Welt; sie sind ewig, wie die Götter, aber den Leidenschaften unterworfen; sie haben Erinnerung, sinnliche Empfindung, ja sogar die Sprache, einen Leib aus intelligibler Materie, hören auf Anrufungen und nehmen, um zu erscheinen, Luftleiber an.

Aus der dämonischen Natur der menschlichen Seele folgt für Plotin die Unterscheidung einer doppelten Selbsterkenntnis; in der einen erkennt sich der Mensch als irdisches, bewusstes Wesen, in der anderen als transcen-dentales Subjekt. Die berühmte Inschrift am Tempel zu Delphi

„Erkenne dich selbst!“

, die rationalistisch ausgelegt nicht viel mehr als ein Gemeinplatz ist, wird also wohl an einem Tempel, darin die Priesterin im Somnambulismus weissagte, im Sinne jener zweiten Selbsterkenntnis gemeint gewesen sein. Der Mensch soll nicht seine zeitliche Natur erkennen, sondern seine ewige, die sich in seinen transcendentaien Fähigkeiten erweist. So genommen, ist jene delphische Inschrift noch heute nicht veraltet und dürfte an sämtlichen Universitäten angebracht werden. Porphyrius anerkennt gute, wie böse Dämonen; sie sind bald sichtbar, bald unsichtbar und mit luftartigen Leibern versehen. Sie können zur Materialisation gebracht werden, indem sie an den Trankopfern und am Fettdampf der Brandopfer sich laben, wodurch ihr Geist selber zu Fett wird; denn er lebe nur vom Brodem der Opfer und werde stark durch den aufsteigenden Dampf von Opferfleisch und Blut. Diese Verwechslung von Nahrung und Materialisationsmittel ist wohl ebenso unrichtig, wie die Ansicht des Augustinus, dass nicht, wie Porphyr und andere meinen, der Geruch der Opfertiere die Dämonen ergötze, da sie ja derlei Gerüche überall finden könnten, sondern dass sie sich an der ihnen erwiesenen göttlichen Ehre erfreuen. Jamblichus glaubt unter echten Erscheinungen auch an trügerische, welche die Fehler der theurgischen Operationen benützend, sich den höheren Dämonen unterschieben. Die Analogie mit den spiritistischen Phänomenen geht aber noch weiter und bis ins Detail. So z. B. wenn es von Ädesius, dem Schüler des Jamblichus, heisst, dass er einst den Hexameter, den ihm der Gott im Schlaf gesagt, vergass, aber nach dem Erwachen in seine linke Hand geschrieben fand, was an mystische blutunterlaufene Schriften auf dem Arm bei Medien erinnert. Dieser Ädesius ist es, der seinem Schäler, dem Kaiser Konstantin, (in Bezug auf die dämonische Natur des Menschen) sagt:

„Wenn du einst an den Mysterien teilnimmst, wirst du dich schämen, überhaupt nur als Mensch geboren zu sein“

Bei Jamblichus sind Phänomene, deren jedes an Spiritismus anklingt, zusammengedrängt in dem Satze:

„Viele der Inspirierten fühlen das Feuer nicht; sie schreiten durch das Feuer und schwimmen über Ströme in wunderbarer Weise. Ihre Körper dehnen sich aus nach der Breite und Höhe und erheben sich in die Luft“ —

was alles auf das Medium Home und andere zutrifft —; „das Tönen ihrer Stimme ist oft gleich-mässig, oft unregelmässig, oft stark, oft schwach“ — wie bei Sprechmedien. Dass es sich auch bei den Neupythagoräern — deren Schule in sieben Städten Unteritaliens blühte: Croton, Sybaris, Catanea, Rhegium, Himera, Agrigent, Thauromenium — mehr um mystische Entwicklung, als um lehrhafte Doktrinen handelte, und nicht so fast der Charakter geprüft wurde, sondern die Mediumität, geht daraus hervor dass sie drei Jahre lang im Stande der Prüfung lebten und in der zu führenden Lebensweise unterrichtet wurden, vielleicht auch aus dem grossen Gewicht, das sie der Musik beilegten, die eines der besten Steigerungsmittel des Somnambulismus ist.

Demgemäss fällt denn auch das Ende der Mysterien zusammen mit dem Untergang der alexandrinischen Philosophie. Durch Justinian wurden die Philosophen dieser Schule genötigt, das römische Reich zu verlassen, und von ihnen, welche praktische Mystik trieben, ist es ganz verständlich, dass sie, um Freiheit zu geniessen, nach Persien übersiedelten. Damit waren die Mysterien im grossen und ganzen beseitigt, nachdem sie achtzehn Jahrhunderte hindurch bestanden hatten. Einiges davon scheint sich gleichwohl noch länger erhalten zu haben, und zwar bei den Gnostikern. Von der Sekte der Prepuzier wird gesagt, dass sie bei der Einweihung Phantome erscheinen Hessen, ja sie standen sogar im Rufe, kleine Kinder zu opfern; sie ahmten auch äusserlich die Mysterien nach und hatten ihre Einweihungen. Bei den Christenverfolgungen scheinen sie gelinder behandelt worden zu sein, weil die Verwandtschaft ihrer Lehre mit der der Mysterien zu ihren Gunsten sprach. Die Marcioniten und Marcosier hatten ihre Weissagerinnen und es erinnert wieder an Sprechmedien — im Mittel-alter Besessene genannt — wenn sie von Geistern sprechen, welche den Menschen bewohnen und beherrschen.

Die Mysterien waren die festeste Stütze des untergehenden Heidentums, weil sie eben durch Thatsachen belehrten. Daraus lässt sich aber indirekt schliessen, dass auch das aufsteigende Christentum mystische Thatsachen, magische Heilungen u. s. w. zur Verfügung haben musste; denn mit blossen Gegendogmen hätte es die Mysterien nicht verdrängen können. Noch der Kaiser Julian wurde Apostat, nachdem er die Mysterien kennen gelernt hatte.

Es lag daher sehr im Interesse der Kirchenväter, die Mysterien herabzuwürdigen. Sie thaten aber das nicht in der flachen rationaUstischen Weise der heutigen Gegner des Spiritismus. Sie zeigen sich unterrichtet über die Mysterien, weil denn doch der geheimnisvolle Schleier von denselben allmählich weggezogen worden war, und sind weit davon entfernt, die Thatsachen als solche zu leugnen. Arnobius giebt sogar die Zauberei in ihrem ganzen Umfang zu, nur dass er die Wunder der Magier auf die Dämonen zurückführt. Wenn auch Betrug zugegeben wurde, und der heilige Hippolyt in seiner „Widerlegung der Ketzerei“ eine Anzahl von Betrügereien der Zauberer enthüllte, so wurde doch die Betrugstheorie nicht verwendet, um das ganze Gebiet der heidnischen Mystik los zu werden und der Erklärung sich entschlagen zu dürfen. Wenn wir die exoterische Vorstellung der Griechen über den traurigen Zustand der Verstorbenen im Hades erwägen, der den Schatten des Achilleus sagen lässt:

Lieber möcht’ ich fürwahr dem unbegüterten Meier,
Der nur kümmerlich lebt, als Tagelöhner das Feld bau’n,
Als die ganze Schar vermoderter Toten beherrschen —

so können wir uns die Begeisterung, welche die Mysterien genossen, wohl erklären. Denn allerdings sagt Platon, dass die Griechen zu seiner Zeit die Sagen vom Hades und den dortigen Strafen, so lange sie gesund waren, für lächerlich hielten; er fügt aber bei, dass wenn sie dem Tode sich näherten, sie die Angst vor denselben nicht unterdrücken konnten. Diese Stimmung gegen die anerzogenen religiösen Vorstellungen ist eben eine allgemein menschliche, und sie findet sich auch in unseren Tagen. Darum können wir aber auch jene Begeisterung der alten Griechen in Parallele stellen mit jener, womit in unseren Tagen der Spiritismus aufgenommen wurde, der sich in vier Jahrzehnten rascher verbreitete, als seinerzeit das Christentum in vier Jahrhunderten. Es gaben eben die Mysterien sowohl, als der Spiritismus, der Menschheit eine Hoffnung zurück, die damals eine skeptische Philosophie und heute der Materialismus ihr genommen hatten.

Eines jedoch hat das Altertum vor unserer Zeit voraus. Nach griechischer Anschauung verdiente keine Wissenschaft, die nur auf sinnliche Dinge gerichtet ist, den Namen Weisheit, und Materialisten, wie Kritias und Hippon, werden von Aristoteles zu den plumpen Denkern gezählt. Gerade die grössten Geister des Altertums drängten sich daher zu den Mysterien, ja sie schreckten sogar vor den beschwerlichen Reisen nach Ägypten und Persien nicht zurück, um in Sachen der Mystik neue Aufschlüsse zu erhalten. Bei uns dagegen ist der Enthusiasmus für den Spiritismus beschränkt geblieben, und gerade die Vertreter der Wissenschaft, mit wenigen Ausnahmen, finden ihr Genügen an der sinnlichen Erscheinung des Menschen, haben für den Spiritismus nur Spott und Hohn, oder sagen gar, wie Huxley, dass diese Dinge, selbst wenn sie wahr wären, sie nicht interessieren.

Im Altertum war es ein blosser Tempelschreiber, Pankrates, der ein funfundzwanzigjähriges Studium (im Sinne des Adepten) nicht scheute, um endlich in den Besitz der ägyptischen Gelehrsamkeit zu gelangen. Unsere Gelehrten dagegen, die, statt weiter Reisen, nur um die nächste Strassenecke zu gehen nötig hätten, um sich die anschauliche Überzeugung von der Einseitigkeit ihrer Weltanschauung zu holen, geben sich trotzdem oder vielleicht eben darum diese Mühe nicht. Man kann ihre Zweifel begreiflich finden, sogar ihre apriorische Negation verzeihen; aber die Weigerung, mit eigenen Augen zu sehen, was sie in nächster Nähe finden könnten, geht jedenfalls über das Mass des Verzeihlichen hinaus. In dieser Hinsicht ist also der Vergleich unserer Zeit mit dem Altertum für uns in hohem Grade beschämend.

Wenn wir nun sehen, dass in den Mysterien der Alten es sich um Spiritismus handelte — eine Hypothese, die meines Wissens noch nicht aufgestellt worden ist — so lässt sich daraus allerdings noch kein absoluter Beweis für die Wahrheit des Spiritismus führen; aber die Betrugstheorie der Modernen erscheint jedenfalls lächerlich gegenüber der Thatsache, dass die Mysterien, wiewohl sie von den grössten Geistern des Altertums beständig kontrolliert waren, doch an zweitausend Jahre bestanden, was nimmermehr möglich gewesen wäre, wenn in der That nur Betrug darin gewesen wäre. Unsere Rationalisten werden sich daher vielleicht bestimmen lassen, etwas weniger vorschnell über den Spiritismus abzusprechen, wenn sie bedenken, dass sie in dieses Absprechen zugleich die hervorragendsten griechischen Philosophen einbeziehen müssen. Darum ist zu hoffen, dass der Spiritismus, und die Mystik im allgemeinen, eine neue Bekräftigung erhalten werden, wenn einmal die Philologen sich entschliessen werden, den Massstab der Mystik an die alten Klassiker zu legen. Es wird ihnen dann nicht schwer fallen, den Beweis für die Richtigkeit der hier vorgetragenen Hypothese in viel gründlicherer Weise zu führen, als es mir bei meinen beschränkten Kenntnissen über das klassische Altertum möglich war.

Text aus dem Buch:Die Mystik der alten Griechen (1888), Author: Du Prel, Karl Ludwig August Friedrich Maxmilian Alfred, freiherr.

Siehe auch:
Die Mystik der alten Griechen – Vorrede
Die Mystik der alten Griechen – Der Tempelschlaf.
Die Mystik der alten Griechen – Die Orakel.
Die Mystik der alten Griechen – Die Mysterien.
Die Mystik der alten Griechen – Der Dämon des Sokrates.

Die Mystik der alten Griechen

Wenn aus entlegener Vergangenheit, und zwar übereinstimmend von den zuverlässigsten Autoren, Dinge berichtet werden, welchen wir gar kein Verständnis abgewinnen können, so darf man sicher sein, an einem Punkte zu stehen, dessen Aufklärung von weittragender Bedeutung wäre. Um aber solche Probleme auch richtig zu lösen, ist es vor allem nötig, die Erscheinungen genau so hinzunehmen, wie sie berichtet werden; die Brille des Jahrhunderts muss ganz abgelegt werden. Davon .geschieht aber meistens das Gegenteil. Der Rationalismus verfälscht in der Regel solche Erscheinungen, um sich die Erklärung derselben leichter zu machen; statt sich denselben anzupassen, nimmt er an ihnen solche Korrekturen vor, wodurch sie ihm angepasst werden; davon hat aber die Wissenschaft nur einen scheinbaren Gewinn, der Rationalismus dehnt nur scheinbar sein Erkenntnisgebiet aus, er schliesst mit dem Probleme einen faulen Frieden.

Ein solches vom Altertum aufgegebenes Rätsel ist der Tempelschlaf, über welchen die hervorragendsten Schriftsteller der Alten wie über eine vollkommen sichere Sache sprechen, Ja, diese Einrichtung, die wir in Ägypten, Griechenland und Italien finden, bestand mindestens ein Jahrtausend hindurch, ohne von den Gebildeten in Zweifel gezogen zu: werden. Und doch schüttelt der moderne Mensch ganz unwillkürlich das Haupt, wenn er liest, um was es sich dabei handelte. In der That, was sollen wir sagen, wenn wir erfahren, dass vor der Begründung der modernen Medizin durch Hippokrates die Kranken von Göttern unter Vermittlung der Priester geheilt wurden? Man versammelte sich in dem Tempeln gewisser Gottheiten; dort erschienen den Kranken diese Gottheiten im Schlafe, belehrten sie über ihren Krankheitszustand, gaben ihnen die Mittel der Heilung an, und das ganze Altertum preist die Wunderkuren des Tempelschlafes. Natürlich wird der Rationalist sich den Vorteil nicht entgehen lassen, den die Existenz des Wortes „Pfaffentrug“ bietet; bei näherem Zusehen dürfte es ihm aber schwer werden, bei dieser Erklärung zu verharren. Es ist wohl denkbar, dass trügerische Priester, welche geschickte Ärzte waren, Masken annahmen, um ihren Patienten als Gottheiten zu erscheinen, dass sie dann die Diagnose Vornahmen und Heilmittel angaben, wodurch — wie allgemein anerkannt ist — wunderbare Erfolge erzielt wurden; aber der Zweck solcher Umschweife ist nicht einzusehen. Die Priester hätten ihr Ansehen jedenfalls mehr gesteigert, wenn sie ihre Aussprüche nicht dramatisiert hätten. Auch geht die übereinstimmende Aussage aller Tempelschläfer dahin, dass ihnen die Heilgötter im Traum erschienen seien, nicht im. Wachen, und an diesem Punkt allein schon muss die Betrugstheorie scheitern.

Eine Theorie, durch welche der so rätselhafte Tempelschlaf seine Erklärung fände, dürfte neben dem philosophischen Verdienst mindestens noch ein psychologisches, wenn nicht einmedizinisches, für sich in Anspruch nehmen. Überschauen wir uns also die historischen Berichte, welche vorliegen, nehmen wir an, dass dieselben genau der Wahrheit entsprechen, und sehen wir dann zu, ob nicht an Stelle der Betrugstheorie eine bessere und minder gewaltsame sich finden lässt.

Diodor von Sizilien, der Ägypten besuchte, schreibt über den Tempelschlaf:

„Von der Isis erzählen die Ägypter, dass sie viele Arzneimittel entdeckt und grosse Erfahrungen in der Heilkunde besessen habe. Deshalb habe sie auch, nachdem sie eine der Unsterblichen geworden, die grösste Freude daran, die Menschen zu heilen, und im Traume zeige sie denjenigen Heilmittel an, welche sie darum bitten … Im Traume trete sie an das Lager der Leidenden und reiche ihnen Heilmittel gegen die Krankheit und wer an sie glaube, der werde in wunderbarer Weise gesund. Viele, denen wegen Unheilbarkeit von den Ärzten alle Hoffnung schon abgesprochen war, seien von ihr geheilt worden.“

Ähnlich preist Strabo den Serapis. Dies also ist der Kern der Sache, zu welchem andere Schriftsteller Einzelheiten hinzufugen, die wir noch kennen lernen werden. Aber nicht nur von der Isis, welche die Römer salutaris nannten, und von Serapis wird solches gerühmt, sondern auch vom Äskulap, in dessen Tempeln ebenfalls der Tempelschlaf ausgeübt wurde. Der berühmteste Isisterapel war nach Herodot der zu Busiris in Ägypten:

„In dieser Stadt ist das grösste Heiligtum der Isis.“

Dem Serapis geweihte Tempel gab es in Memphis, Alexandrien und Canopus. Der Ursprung des Tempelschlafes reicht sehr weit zurück; schon Isaias wirft den Heiden vor, dass sie in Tempeln schlafen. Aus Ägypten verpflanzte sich dieses System nach Griechenland und von dort nach Italien. Griechische und römische Schriftsteller sind es also, bei welchen wir nähere Mitteilungen finden, und welche mit mehr oder minder grosser Verehrung davon, sprechen:

Pythagoras, Homer, Herodot, Antisthenes, Philo, Seneca, Diodor, Macrobius, Plutarch, Sokrates, Hippokrates, Platon, Aristoteles, Xenophon, Plinius, Arrian, Varro, Artemidorus, Strabo, Cicero, Valerius Maximus, Pausanias, Herodian, Tacitus, Virgil, Marcus Aurelius, Aelian, Sueton, Tibullus etc.

Gehen wir zunächst nach Griechenland über. Nach Herodot sind fast alle Namen der griechischen Götter aus Ägypten nach Hellas gekommen. Dazu gehört auch Äskulap, den die Griechen den Traumsender nannten. Er hatte sehr zahlreiche Tempel  in Pergamus, Epidaurus, Thisorea in Phokis, Megalopolis, Ägä in Cilicien, Asopus in Lakonien, Athen, Astypalea auf der Insel Kos, Smyrna, Lebana auf der Insel Kreta, Pömanena in Mysien, Trikka in Thessalien etc. Philosophen, Dichter und Historiker zollten dem Äskulap Verehrung und es ist nur von einigen Epikuräern und dem Lustspieldichter Aristophanes bekannt, dass sie dem Tempelschlaf den Glauben versagten.

Von Griechenland aus verbreitete sich der Tempelschlaf — incubatio, incubare Aesculapio — nach Italien. Nach Plinius wurde der Äsculapkultus 463 zur Abwendung einer langwierigen Pestkrankheit von Epidaurus nach Rom verpflanzt; das hohe Ansehen aber, das dieser Kultus genoss, wird am besten bezeichnet durch das Verhalten der mächtigen römischen Kaiser zu demselben. Kaiser Julian sagt, Äskulap habe ihn häufig in Krankheiten geheilt, indem er ihm Träume sandte. Marcus Aurelius, der Philosoph auf dem Throne, der die Tempei der Isis, des Serapis und Äskulaps reichlich ausstattete, sagt:

„Ich danke Euch, dass mir durch Träume Heilmittel angegeben wurden gegen Bluthusten und Schwindel.“

Er nahm, wie er selbst sagt, den Tempelschlaf zu Cajeta vor. Caracalla besuchte den Tempel zu Pergamus, um einen Gesundheitsrat zu erhalten, und Julian flehte dort den Äskulap an. Die Kaiser Otho, Domitian, Commodus und Alexander verehrten den Isisdienst. Antonius liess dem Serapis einen Tempel bauen. Vespasian besuchte einen Serapistempel, Trajan den zu Heliopolis. Auf der Tiberinsel bei Rom stand ein Tempel, wo der Schlaf sehr gebräuchlich war. Die Römer schickten ihre kranken Sklaven dahin und die Besuche scheinen den Priestern lästig geworden zu sein, denn Claudius erliess ein Dekret, dass alle durch Tempelschlaf geheilten Sklaven als frei angesehen werden sollten. Auf dieser Insel wurden Marmortafeln aufgefunden, welche von den Heilungen berichten. Römische Schriftsteller reden vom Tempelschlaf. Plinius sagt: Hodie ab oraculis medicina petitur und Virgil beschreibt eine Inkubation.

Wie erwähnt, redet schon Isaias — ca. 600 v. Chr. — vom Tempelschlaf; andererseits sagt Origen es — 250 nach Chr. — dass er zu seiner Zeit noch sehr im Gebrauch war, und Eusebius erzählt, dass Constantin in Cilicien einen Tempel niederreissen liess, wohin eine Menge von Menschen, und sogar die Gebildetsten des Landes, kamen, um dort einen Dämon anzubeten, der ihnen erschien, wenn sie schliefen und ihre Krankheit heilte.

Es ist unnötig, die historischen Nachrichten noch weiter auszudehnen. Das Vorstehende genügt vollständig, uns eine Meinung zu bilden. Wir sehen, dass der Tempelschlaf in Ägypten, Griechenland und Italien, sogar im Innern von Afrika ungefähr 1000 Jahre hindurch in Blüte stand; die Anzahl der Heiltempel lässt sich ungefähr auf hundert schätzen, und da die gebildetsten Männer dieser Jahrhunderte den Götterdienst verehrten, so dürfte die Betrugstheorie sowohl dem Historiker, wie dem Psychologen gewiss unhaltbar erscheinen. Es handelt sich also darum, eine Theorie aufzustellen, welche nicht nur die Thatsache des Tempelschlafes, sondern auch die darüber berichteten verschiedenen Besonderheiten einschliesst und überdies auch den Erfolg der Kuren erklärlich macht. Im Nachfolgenden soll nun gezeigt werden, dass diese noch wenig erkannte Erscheinung des Altertums identisch ist mit einer noch wenig erkannten der Neuzeit: Der Tempelschlaf war ein durch magnetische Behandlung erzeugter Somnambulismus. Wer die alten Berichte über die Inkubation mit den Erscheinungen des Somnambulismus vergleicht, wird finden, dass sie sich gleichen, wie ein Ei dem andern.

Was geht beim Magnetisieren vor, falls dasselbe bis zur Erzeugung des Somnambulismus vorgenommen wird? Folgendes sind die Hauptpunkte:

1. Einem Menschen in sitzender oder liegender Stellung werden die Hände aufgelegt.

2. Mit den Händen werden magnetische Striche über den Leib gemacht.

3. Der Patient schläft ein.

4. Er erwacht innerlich, spricht von seiner Krankheit, nimmt die Diagnose seines Innern, die innere Selbstschau, vor.

5. Der Heilinstinkt erwacht in ihm und steigert sich bis zur anschaulichen Vorstellung der nötigen Heilmittel.

6. Dieser Heilinstinkt nimmt oft die dem ganzen Traumleben eigentümliche Form der Dramatisierung an und der ärztliche Rat wird objektiven Traumfiguren in den Mund gelegt.

7. Diese Heilmittel haben oft bedeutenden Erfolg.

8. Der Kranke spricht oft richtig vom künftigen Verlauf seiner Krankheit, und sein Fernsehen schweift häufig nach fremden Dingen ab.

9. Diese Fähigkeiten des Patienten erstrecken sich oft auf den Zustand anderer Kranken, mit welchen er in Verbindung gesetzt wird.

10. Die angeordneten Mittel weichen oft ganz von den gebräuchlichen ab und sind zum Teil von sehr heroischer Natur.

11. Die Somnambulen sprechen manchmal in gebundener Redeweise.

Die angeführten Punkte sind nun sämtlich von so eigentümlicher Natur, dass wenn von ihnen allen die Parallelerscheinungen im Tempelschlaf nachgewiesen, werden könnten, kein Zweifel mehr bestände, dass in den alten Tempeln der künstliche Somnambulismus angewendet wurde. Es ist daher nicht zu verwundern, dass bei der Wiederentdeckung des Magnetismus durch Mesmer und des Somnambulismus durch seinen Schüler Puysegur, sowohl diesen, wie ihren Nachfolgern die Ähnlichkeit sofort auffiel, und dass sie auf die Identität beider Erscheinungen schlossen.

1. Was das Auflegen der Hände betrifft, so giebt es ägyptische Skulpturen und Wandgemälde, die den Prozess des Magnetisierens darstellen: Ein Mensch liegt mit geschlossenen Augen auf einem Ruhebette — es ist kein Toter; denn oft ist er halb aufgerichtet oder sitzt, — ein anderer, vor ihm stehend, legt ihm die Hände auf verschiedene Körperteile. Bei Montfaucon finden sich die Abbildungen von ehernen Händen, wie sie dem Serapis zum Danke für die durch den Tempelschlaf gewonnene Heilung geweiht wurden. Diese Hände halten die drei ersten Finger ausgestreckt, die zwei letzten zurückgebogen. Sie bezeichnen also einen magnetischen Akt unsere Magnetiseure wenden zwar die ganze Hand an, aber sie behaupten, dass die drei ersten Finger die kräftigste Wirkung ausüben. Auch einzelne Zeigefinger finden sich als Weihgeschenke; sie endigen in einem langen Nagel, waren also wohl an der Mauer befestigt. Das Magnetisieren mit bloss einem Finger wird nun auch heute oft angewendet, und zwar besonders von den Somnambulen selbst, wenn sie veranlasst werden, jemanden zu magnetisieren. Bei den Römern hiess der Zeigefinger Medicus. Diese Hände und Finger sind nun aber gerade jenen Gottheiten geweiht, in deren Tempeln die Inkubation angewendet wurde.

Weitere Abbildungen, die mit dem ägyptischen Tempelschlaf in Verbindung stehen, finden sich bei Athan. Kircher (Sphinx mystag.), Denon (Voyage d’Egyple Bd. HL) und in der „Mythologischen Galerie“ von A. J. Millin.

Eine von der Umhüllung einer Mumie hergenommene Abbildung stellt einen auf dem Bett ausgestreckten Menschen mit offenen Augen dar, daneben eine stehende Figur, mit der Maske eines Hundes vor dem Gesicht, gegen den Kranken gewendet, die rechte Hand auf dessen Brust, die linke auf den Kopf desselben gelegt, die Augen auf ihn geheftet. Oberhalb sieht man die Gottheiten Isis, Osiris, Anubis, Horus. Der Magnetisierende ist hier offenbar ein Priester unter der Maske des Anubis. Aber auch Talismane — sogenannte Abraxas — finden sich bei Montfaucon abgebildet, welche gegen Krankheiten getragen wurden; man sieht darauf magnetische Akte eingeschnitten.

Da nun die Juden so lange in Ägypten waren, und insbesondere von Moses in der Bibel berichtet ist, dass er in der Wissenschaft der Ägypter unterrichtet war, so lassen sich bei ersteren vorweg Traditionen über Magnetismus und die Heilwirkung aufgelegter Hände vermuten. In der That zieht sich durch die ganze Bibel die Bestimmung der Hände, durch ihre Annäherung oder ihr Auflegen in Extase zu versetzen, Hellsehen zu erzeugen und zu heilen. Wenn Gott einen Propheten inspirierte, so heisst es in metaphorischer Übertragung eines magnetischen Verhältnisses regelmässig: „Die Hand des Herrn kam über ihn.“ Dann folgt die Inspiration und Eröffnung der Zukunft. Die heilende Wirkung der Hand kommt ebenso häufig im Neuen Testament vor. Aber auch im Alten Testament geht Naaman, der sich heilen lassen will, zu Elias, erhält aber den Rat, sich im Jordan zu waschen, worauf er zornig spricht:

„Ich dachte, er würde zu mir herauskommen, den Namen Gottes anrufen und mit seiner Hand den Ort der Krankheit berühren.“

Die Propheten heilten also durch Händeauflegen, wie später Christus und die Apostel. Eben darum warfen dem wunderwirkenden Christus seine Gegner vor, er hätte den Ägyptern ihre Geheimwissenschaft geraubt, die in den Tempeln gepflegt wurde: Aegyptiorum ex aditis furatiis est disciplinasp. Man nannte Christus einen Magier und behauptete, dass Männer, die in Ägypten gelerntdieselben Wunder — non minora miracula — verrichten könnten.

Der Magnetismus musste als menschliche Eigenschaft auch zu allen Zeiten bekannt gewesen sein, und zwar im allgemeinen als ein wohlthätiger Einfluss von Körper zu Körper, besonders aber als Ausfluss der menschlichen Hand. David schlief mit Abigail, ohne sie zu berühren. Plinius sagt, dass der ganze Körper bei manchen Menschen heilend sei und der starke Wille dem entströmenden Agens heilende Wirkung verleihe. Bei Christus war es hinreichend, ihn zu berühren, um gesund zu werden. Virgil spricht von der heilenden Hand.  Prosper Alpinus spricht von Frauen, welche Dyssenterie heilen, indem sie die Hände auf den Nabel des Kranken legen. Augustinus sagt, es gebe Leute, die durch Berührung, durch den Blick und den Hauch heilen. Sogar die Übertragbarkeit des Magnetismus scheint den Alten bekannt gewesen zu sein, wofür der Glaube an Talismane und Amulette spricht. Was insbesondere die Übertragbarkeit auf Wasser betrifft, so sagt Älian, dass die Phyllen den Biss giftiger Schlangen durch Auflegen ihres Speichels heilten und dass bei gefährlichen Wunden der Kranke Wasser trinken musste, dass sie im Munde geschwenkt hatten; endlich legten sie sich auf den Kranken. Aus seinen ferneren Worten, dass man das Bewusstsein verlöre, wenn man sich ihnen nahte, bis sie sich wieder entfernten, lässt sich auf somnambulen Schlaf schliessen, auf den somnus medicus, von dem Galenus spricht. Durch, das Orakel zu Memphis erhielten ein Gelähmter und ein Erblindeter den Rat, sich durch den in Ägypten anwesenden Kaiser Vespasian heilen zu lassen, der das Auge des einen mit Speichel benetzte, den anderen mit dem Fuss berührte.

Da nun auch Wischnu abgebildet wird mit vier Armen und acht Händen, aus welchen Flammen hervorgehen, und Philostratus von den indischen Weisen sagt, dass sie durch Handauflegen merkwürdige Kuren verrichteten, so scheint auch in Indien der Magnetismus bekannt gewesen zu sein. Vielleicht ist sogar das Segnen mit den Händen nur ein kulturhistorisches Überbleibsel jenes von ältesten Zeiten her bekannten magnetischen Aktes. Tommasini in seiner Abhandlung über die mysteriösen bronzenen Hände der Ägypter macht die Bemerkung, dass dieselben die Fingerhaltung segnender Priester haben.

2. In Bezug auf das magnetische Streichen können wir vielleicht bis auf Homer zurückgehen, bei weichem Hermes seinen Stab gebraucht, um damit die Augen der Männer einzuschläfern. Wir finden das Streichen sodann bei den als Zauberer und Hexenmeister berühmten Teichinen auf den Inseln Kreta und Rhodus, die wohl ihre Namen von diesem Streichen oder sanften Berühren hergenommen haben. In Bezug auf Rom aber ist der magnetische Strich und das Spargieren unserer Magnetiseure, und zwar als bereits ausserhalb der Tempel in Anwendung, nicht zu verkennen, wenn z. B. Martial sagt: Die Berührerin— Tractatrix — durchläuft mit geschickter Kunst den Körper und besprengt mit fertiger Hand alle Glieder. Ferner heisst es bei Plautus:

„Wie? wenn ich ihn mit der Hand langsam berührte, dass er schliefe (Tractim tangam, ut dormiat) ?“

 

3. Dass nun der Schwerpunkt bei der Behandlung in den Tempeln in der Erzeugung eines somnambulen Schlafes lag, geht aus allen Berichten hervor. Auf magnetische Striche deutet die Haltung des Operators auf ägyptischen Bildern und dass der Kranke, der vor ihm sitzt oder liegt, das Aussehen eines Schlafenden hat. Aber auch andere Mittel scheinen angewendet worden zu sein. Nach Plinius wurde die Inkubation durch Räucherungen und Narkose vorbereitet. Beim Tempelorakel der Ceres zu Paträ mussten die Kranken beten, räuchern und sich räuchern lassen, dann aber in einen Spiegel sehen, der in einen Brunnen so hinuntergelassen wurde, dass er das Wasser berührte; die Kranken erblickten sich darin lebend oder tot. Hier scheint also die Prognose, das Fernsehen in der Richtung des Krankheitsverlaufes, durch spiegelnde Flächen erweckt worden zu sein, die durch alle Zeiten hindurch eine Rolle als Erweckungsmittel der Ekstase spielen. Von opiatischen Getränken und Kräutern spricht auch Tibullus. Selbst die Verwendung von Gesang und Musik deutet darauf hin, dass es auf Erweckung des Schlafes abgesehen war, wie denn auch Mesmer seine Operationen am Baquet mit Musik verband, und die Steigerung magnetischer Wirkung durch Tönschwingungen unseren Magnetiseuren bekannt ist. Deutlich spricht es Jamblichus aus, dass es sich um somnambulen Schlaf in den Tempeln handelte; er sagt, dass der Zustand mit einer Schwere des Kopfes beginne und die Augen sich unwillkürlich schlossen (gravedo capitis, vei inchnatio et occupatiovisus.

Es lässt sich annehmen, dass die Priester ihre eigentlichen Manipulationen, um das Geheimnis besser zu bewahren» unter mystischem Beiwerk verbargen; aber eben dieser Zweckwurde am besten erreicht, wenn die eigentliche magnetische Behandlung erst nach eingetretenem Schlafe vorgenommen wurde.

4. Derselbe Jamblichus beschreibt nun auch das eintretende Hellsehen, zunächst das Sehen des Gegenwärtigen ohne Vermittlung der Augen, und die sodann eintretende innere Selbstschau. Manchmal sei es ein ruhiges und reines Licht welches von der Seele gesehen werde, obwohl die Augen geschlossen sind; man sehe die Gegenstände viel deutlicher, als im Wachen. So sehen auch unsere Somnambulen den Händen des Magnetiseurs das magnetische Agens entströmen und sie sprechen wie Jamblichus, welcher sagt, es dringe in alle Teile des Körpers und verjage die Krankheiten der Seele wie des Körpers. Der Redner Aristides spielt auf Krampfsomnambulismus an, wenn er sagt, dass er oft Konvulsionen gehabt, infolge deren sich sein Körper wie ein Bogen krümmte  — eine Erscheinung, die beim Autosomnambulismus der Besessenen und Hysterischen vorkommt. Dieser Aristides schildert seine lange Krankheit und den Tempelschlaf sehr ausführlich.

Die innere Selbstschau zeigt sich in einfachster Gestalt schon im gewöhnlichen Schlaf, wobei körperliche Empfindungen, die zu leise sind, um während des Wachens ins Bewusstsein kommen zu können, im Schlafe wahrgenommen werden und die später daraus entstehenden Zustände ankündigen, wobei aber, wie immer im Traum, solche Empfindungen dramatisiert, d. h. durch eine äussere Ursache motiviert werden. Einen solchen Traum, den ihm Äskulap geschickt habe, erzählt Aristides: Ein Stier ging auf ihn los, der ihn am Knie verwundete ; nach dem Erwachen zeigte sich dort eine Geschwulst Um nun die Wahrnehmungsfähigkeit dieser leiseren Empfindungen zu steigern, enthielten sich die Kranken aller Unmässigkeit, sie mussten fasten und sich vom Wein enthalten. Im Altertum war der Glaube allgemein, dass Speise und Trank welche körperliche Träume hervorrufen, wertvolle Träume verhindern. Die dramatisierte Empfindung des Innern steigert sich im Somnambulismus bis zur eigentlichen inneren Selbstschau, die man nicht deutlicher bezeichnen kann, als Hippokrates mit den Worten, dass die Seele mit verschlossenen. Augen den Zustand des Körpers sieht: Quae corpus contingunt,. eadurn animus cernit occulis clausis. In der That, Hippokrates hat entweder in den Tag hineingeschwätzt, oder er schildert mit diesen Worten den somnambulen Schlaf.

5. Innerhalb des Somnambulismus wiederum lag der Schwerpunkt in jenen Visionen, worin sich die für die Genesung nötigen Heilmittel darstellten. Solche Visionen, übereinstimmend mit den Aussagen unserer Somnambulen, sind auf den Tafelinschriften bezeichnet, die auf der Tiberinsel und an anderen Orten gefunden wurden.

 

Die Heilmittel erschienen, wie weder in ihrer wirklichen Gestalt von den Priestern gedeutet wurden. Eine ausführliche Erklärung solcher Visionen habe ich in der „Philosophie der Mystik“ versucht. Sie haben in der That nichts Wunderbares. Wenn es eine Naturheilkraft, einen inneren Arzt im Menschen giebt, so muss jede monistische Seelenlehre zugeben, dass — da es eine und dieselbe Seele ist, welche organisiert und welche denkt — diese Naturheilkraft nicht beschränkt sein kann auf das organische Wirken, dass sie auch in die Vorstellungssphäre übergreifen kann, wo sie als Heilinstinkt oder als Heilmittelvision auftritt. Nicht einmal der Materialismus, der ja auch im Geiste nur die Fortsetzung der Natur anerkennt, kann sich weigern, aus der Thatsache der Naturheilkraft die Möglichkeit von Heilmittelvisionen abzuleiten. Mit dem modernen Somnambulismus stimmt es nun überein, dass bei derartigen Träumen auch der Fundort des Heilmittels aQgezeigt wurde, wie z. B. bei der Wurzel, welche den Ptolomäus heilte.

6. Wie nun schon im gewöhnlichen Traum alles, was aus dem hinter dem Traumbewusstsein liegenden Unbewussten auftaucht, die dramatische Form annimmt, wie wir z. B. vermöge einer dramatischen Spaltung des Ich Antworten auf Fragen, Ein würfe u. s. w. den fremden Traumfiguren in den Mund legen, so ist das auch bei der Heilmittelvision der Fall. Unseren Somnambulen wird der Rat von ihren „Schutzgeistern“ gegeben, den alten Tempelschläfem von Äskulap, Isis, Serapis u. s. w. In beiden Fällen liegt nur dramatisierter Heilinstinkt vor, eine Form die allen Träumen eigentümlich ist. Alle unsere Träume bestehen aus dramatisierten inneren Empfindungen und könnten für die ärztliche Diagnose verwertet werden, wenn nicht die meisten, und zwar gerade die des leichten Schlafes und die von Erinnerung begleiteten, gestört wären durch Einmischung fremder Bestandteile: Erinnerungsfragmente aus dem wachen Leben, und die aus dem Verdauungsgeschäft und Alkoholwirkungen entspringenden körperlichen Empfindungen.

Aus der Ungetrenntheit der beiden Seelenfunktionen, Organisieren und Vorstellen, ergiebt sich also, dass im Schlafe, besonders im tiefen somnambulen Schlafe, die Naturheilkraft thätig ist und in der Vorstellungssphäre die Heilmittelvision erregt. Es ist eine ganz unwesentliche Seite der Sache, dass diese Vision im Tempelschlaf dramatisiert wurde, indem die Schläfer die Gestalten ihrer Heilgötter sahen; das Wesentliche ist die Vision überhaupt. So also ist es zu verstehen, wenn es z. B. bei Artemidorus heisst, dass Apollo sich im Traum den Kranken zeige und ihnen die Heilung anzeige;  wenn Jamblichus sagt, man höre im Schlafe Stimmen, welche sagen, was zu thun sei, dass ferner die Schläfer manchmal von Erscheinungen besucht werden, die rings um sie gleiten, und die nicht mit den Augen des Leibes gesehen werden, sondern durch einen inneren Sinn; wenn Diodor von der Hemithea in Kastabos sagt, sie erscheine den Kranken in sichtbarer Gestalt und zeige die Heilmittel an, wodurch schon mancher Kranker, dem alle Hoffnung auf Rettung abgesprochen war, Hilfe fand und gesund wurde.

Es begreift sich, dass trotz der hohen Anerkennung, welche die Heilorakel im Altertum genossen, manchem Zweifel über die Sache aufstiessen, weil man eben das Wesentliche der Sache, den Heilinstinkt, nicht durchschaute und den Accent auf das Unwesentliche, die dramatische Form, legte. So meint z. B- Aristoteles, es wäre schicklicher für die Götter, wenn sie sich den Menschen im Wachen offenbaren würden.Und Cicero sagt:

„Wenn Äskulap und Serapis zeigen könnten, wie man gesund wird, so müsste ebenso Neptun einen Lotsen unterrichten können, wie man Schiffe führt; und wenn Minerva einen Kranken heilen könnte, warum sollten nicht die Musen uns im Traum Lesen und Schreiben lehren können und uns in den schönen Künsten unterrichten!“

Von diesen beiden Einwürfen wird nun zwar jene Auslegung getroffen, welche im eigentlichen Sinne annahm, dass uns die Götter im Tempelschlaf ärztlichen Rat erteilen, nicht aber die richtige Auslegung, dass solche Träume dramatisierte Heilvorstellungen sind. Im Wachen ist das eben nicht möglich, wie Aristoteles wünschte. Im Wachen kann weder die Naturheilkraft, noch überhaupt die Reproduktionskraft so intensiv auftreten, wie im Schlaf; die feineren organischen Empfindungen und dadurch erregte Heil Vorstellungen können nicht im Wachen die Bewusstseinsschwelle überschreiten, sondern nur im Schlafe, wenn die Ablenkung des. Bewusstseins auf die Aussenwelt aufhört. Kurz die Zweifel des Aristoteles und Cicero treffen zwar die göttliche Inspirationstheorie, nicht aber die dramatisiert Inspiration durch unser eigenes transcendentales Subjekt. Diese dramatische Form muss aber jeder Traum überhaupt annehmen. Gerade wenn die Träume nicht auf fremder Inspiration beruhen, muss die Quelle derselben in unserem eigenen Organismus liegen. Allen den wunderbaren Szenerieen unserer Träume, allem Durcheinander der handelnden Figuren müssen organische Zustände unseres Innern korrespondieren, die sich in objektive äussere Vorstellungen umsetzen. Alle Reden, die wir an die Traumfiguren richten, alle Antworten, die wir von ihnen erhalten, entstehen aus uns selber; der Traumdialog ist ein dramatisierter Monolog, der durch eine dramatische Spaltung des träumenden Ich zu stände kommt.

7. Dass nun der Heilinstinkt im Traume das Richtige trifft, wie überhaupt jeder wirkliche Instinkt, das haben die Tempelschläfer so bestimmt behauptet, wie unsere Somnambulen. Die Berichte sprechen sich über erfolgreiche Kuren in den Tempeln sehr deutlich und anerkennend aus. Sogar ist es ein Arzt, der aus der Schule schwätzt und gesteht, dass

„die Heilungen in den Tempeln viel zahlreicher sind, als die unsrigen“.

Ebenso sagt Aristides:

„Für mich war es nicht zweifelhaft, dass ich dem Äskulap mehr gehorchen müsse, als den Ärzten.“

Und als er geheilt war und die Ärzte ihn sahen, bewunderten sie den Gott und lobten .den Gehorsam des Kranken gegen diesen.

Die geheilten Kranken Hessen kostbare Weihgeschenke in den Tempeln zurück: goldene und silberne Gefässe, Kunstsachen und Votivtafeln, die aufgehängt wurden. Auch Kronen, Leuchter, Opferschalen werden als Weihgeschenke . Zu Reggio fand man eine Inschrift, dass Valerius Symphorus und seine Frau dem Äskulap eine goldene Kette, sieben Pfund schwer, und anderes geweiht. Ärmere begnügten sich mit Votivtafeln aus Erz, Marmor und Holz, oder auch mit Inschriften, die in die Tempelsäulen eingegraben wurden. Auch aus Holz oder Elfenbein geformte Glieder, welche geheilt worden waren, wurden aufgehängt, eine Sitte; der wir bekanntlich noch heute auf dem Lande begegnen. Die Krankheitsgeschichten wurden, oft symbolisch, auf Gemälden dargestellt. Lateinische Inschriften, die den Dank an die Götter enthielten, sind bereits erwähnt worden; aber auch griechische haben sich erhalten.

An wirklichen Kuren scheint es also nicht gefehlt zu haben, und alle aufgeklärten Theorieen, welche aufgestellt werden, um dieses merkwürdige Problem des Tempelschlafes los zu werden, leiden an dem Übelstande, dass sie auf diesen nachweisbaren Erfolg der angeratenen Mittel keine Rücksicht nehmen. Die Ärzte, welche von gesteigerter Phantasie, von Halluzinationen u. s. w. der Tempelschläfer reden, wären in die grösste Verlegenheit versetzt, wenn von ihnen verlangt würde, durch Halluzinationen u. s. w. ihre Kranken zu heilen; ja wenn auch nur verlangt würde, sie sollten durch ein beliebiges Verfahren ausserhalb des Somnambulismus ihre Kranken von Heilmitteln träumen lassen, welche helfen, ja auch nur von solchen, welche nicht helfen. Solche rationalistische Ärzte, die im Tempelschlaf nur subjektive Täuschungen und Halluzinationen sehen, wären doch unfähig, auf diese von ihnen vermuteten Prinzipien eine Schule zu gründen, welche Jahrhunderte hindurch den Beifall der Gebildeten hätte.

8. Das Fernsehen der Somnambulen im magnetischen Schlafe betrifft in der Regel nur die künftigen Zustände des Organismus, indem sie Anfälle u. s. w. Vorhersagen — eine organisierende Seele muss eben auch die Entwicklungsgesetze des Körpers kennen — und schweift nur manchmal zu nebensächlichen Dingen ab, die nicht in der Linie des Krankheitsverlaufes liegen. So auch im Tempelschlaf. Aristides erzählt, der Gott habe ihm im Schlafe angezeigt, dass er am Flusse, wo er baden sollte, den Wächter des Tempels sehen werde und ein Pferd, das sich im Wasser bade. Die Erfüllung dieser Vision flösste ihm das grösste Vertrauen zu den Ratschlägen des Gottes ein. Diese Vermischung von Ferngesichten mit Heilverordnungen zeigt nun aber deutlich, dass eben beide eine gemeinschaftliche Quelle haben: die sowohl vorstellende, als organisierende Seele, ein neuer Beweis, dass dem Tempelschlaf der Somnambulismus zu Grunde lag, so dass man da das Fernsehen in der Richtung des Krankheitsverlaufes häufiger ist, als das in anderer Richtung — fast auf die Vermutung kommen könnte, erst aus dem Tempelschlaf hätten sich später die Orakel mit ihrem Fernsehen nach den anderen Richtungen abgezweigt. In der That wurde die Pythia in Delphi, deren Ferngesichte sich der grössten Berühmtheit erfreuten, manchmal auch medizinisch konsultiert. Auf eine solche Vermischung deutet auch der Bericht des Cicero über die Ephoren zu Sparta:

„Die oberste Behörde der Lakedämonier, nicht zufrieden mit der Sorge während des Wachens, legte sich im Tempel der Pasiphaö zum Träumen nieder, weil sie die Orakel während des Schlafes für wahr hielt.“

Man suchte also politische Ferngesichte im Tempelschlaf zu erreichen; andererseits erteilte das Orakel des Dionysos in Phokis therapeutische Ratschläge, und darum wurde der Gott ein Arz genannt. So haben wir also bei den Orakeln die medizinische Konsultation als Ausnahme, beim Tempelschlaf das Fernsehen als Ausnahme, eine Vermischung, die deutlich den Somnambulismus und eine Seelenthätigkeit nach ihren beiden Funktionsrichtungen, Organisieren und Vorstellen, anzeigt. Auch bei den Druiden waren die Ärzte zugleich Seher, und Pomponius Mela — oder wie sonst der Verfasser der betreffenden Schrift heisst — sagt, dass die Priesterinnen des Orakels auf der Insel Sena an der englischen Küste Krankheiten heilen und in die Zukunft sehen konnten.

9. Es ist die Regel, dass Diagnose, Prognose und Heilverordnung im Somnambulismus nur den Schläfer selbst betreffen; aber zunächst stehen die Somnambulen in Rapport mit dem Magnetiseur, von welchem Empfindungen und Gedanken auf sie übergehen, so das gleichsam eine Verschmelzung der beiden Nervensysteme stattfindet, und dieser Rapport kann ausnahmsweise auch zwischen dem Schläfer und anderen Personen hergestellt werden. Empfindungen fremder Organismen werden so mit empfunden und befähigen den Somnambulen zu einer sensitiven Diagnose. Das geschah nun auch im Tempelschlaf Prosper Alpinus sagt, dass wenn es den Kranken selbst nicht gelang, Heilmittel zu träumen, die Priester für sie schliefen, und dass diesen der Gott den Heiltraum nicht versagte. Im Tempel des Amphiaraus waren Priester, welche für andere träumten. Zu diesem direkten Rapport dar Schläfer mit dem magnetisierenden Priester kam auch noch der indirekte zwischen Schläfer und fremden Personen. Die Tempelschläfer träumten oft für andere, welche von ihnen Ratschläge für ihre Gesundheit zu haben wünschten. Perikies liess in Athen der Minerva eine Statue errichten, zum Danke dafür, dass sie ihm im Traum die Pflanze Parthenium geraten, womit er den Mnesikles, einen der Baumeister an den Propyläen, heilte. So wurde also der Tempelschlaf zu Gunsten der Kranken von Verwandten oder Freunden derselben ausgeübt. Für den sterbenden Alexander konsultierten seine Generale den Gott. Aristides sagt, dass er und sein Freund Zosimus gegenseitig für einander träumten; auch seine weitere Erzählung deutet atif solchen Rapport, dass er und ein Priester gleichzeitig einen Doppeltraum hatten, worin das von Aristides zu nehmende Medikament übereinstimmend in so starker Dosis verordnet wurde, dass noch niemand eine so grosse genommen hatte, was aber sehr guten Erfolg hatte.

Das eben erwähnte Merkmal der heroischen Mittel und von der offiziellen Medizin abweichender Medikamente ist nun gleichfalls dem Somnambulismus und Tempelschlaf gemeinschaftlich. Plinius spricht vom Dekokt aus wilden Rosen, wodurch ein Soldat und andere Patienten derselben Art geheilt wurden. Im Tempel des Serapis wurden einst nach Älian drei Kranke geheilt. Der eine hatte Blutspeien, der andere Schwindsucht, der dritte hatte Schlangeneier gegessen und glaubte sich in Gefahr; der erste musste Stierblut trinken, der zweite Eselsfleisch essen, dem dritten befahl der Gott, sich von einer Muräne an der Hand beissen zu lassen.

10. Eine sehr merkwürdige, dem Somnambulismus und Tempelschlaf gemeinschaftliche Thatsache ist ferner die gebundene Redeweise der Schläfer.

„Ich habe ganze Lebensregeln in dichterischer Mundart hersagen hören,“

sagte der mehrfach erwähnte Aristides. Die Tempelschläfer machten im Traum Verse, richtige Hexameter, oder sie schrieben solche psychographisch, wie ebenfalls unsere Somnambulen, sowie die Nachtwandler, ohne etwas davon zu wissen. Da nun dieselbe Erscheinung auch in der Blütezeit der Orakel vorkam, sogar der Hexameter als eine Erfindung der Pythia angesehen war, so ist es sehr tiefsinnig, dass den alten Griechen Apollo nicht nur als Gott der Seher galt, sondern auch der Dichter und der Arzneikunde. Die griechischen Somnambulen betrachtete man als durch Apollo inspiriert, und bei ihnen wie bei unseren Somnambulen kommt Fernsehen, Dichtung und Heilverordnung vor.

So haben wir also in allen wesentlichen Punkten die Identität der Erscheinungen bei Somnambulen und Tempelschläfern. Nur in einem Punkte herrscht Verschiedenheit‘. A. Gauthier, alle sonstige Übereinstimmung übersehend, legt den Accent auf diesen einen Punkt, dass nämlich die Tempelschläfer beim Erwachen sich an die erteilten Ratschläge erinnerten, während unsere Somnambulen erinnerungslos erwachen.  Dieser Unterschied bietet aber durchaus keine Schwierigkeit und widerlegt keineswegs die Identität. Bekanntlich liegt es vollständig in der Hand des Magnetiseurs und Hypnotiseurs, den Somnambulen die Erinnerung an alles aus ihrem Traumleben aufzuerlegen, wenn es ihnen oder was davon ihnen befohlen wird. Nur die sich selbst überlassenen Somnambulen erwachen erinnerungslos, und dann allerdings haben sie die eben erst von ihnen ausgesprochenen Verordnungen so gründlich vergessen, dass sie die Anwendung dieser Mittel auf den Arzt zurückführen. Dies ist wenigstens die Regel; dass aber das erinnerungslose Erwachen keineswegs mit allen somnambulen Zuständen notwendig verbunden ist, zeigen schon die Propheten im alten Testament, bei welchen beides vorkommt: Erinnerung und Vergessen. Unbestreitbar aber und durch die neuesten experimentalpsychologischen Untersuchungen der Franzosen Bern heim, Liebault, Li6geois, Cullerre, Beaunis neuerdings festgestellt, ist die fast unbeschränkte Macht des Magnetiseurs, nach Belieben Erinnerung oder Vergessen nach dem Erwachen ein-treten zu lassen, und zwar einfach vermöge des während der Krise erteilten Befehls. Dass nun die alten Priester, denen die: Erscheinungen des Somnambulismus besser bekannt waren als uns — dafür sprechen auch die Orakel und Mysterien — gerade davon nichts gewusst haben sollten, lässt sich nicht wohl annehmen. In der Höhle des Trophonius, dessen Orakel Pau-sanias beschreibt,1) überliess man es dem Belieben der Konsultierenden, ob sie Erinnerung oder Vergessenheit haben wollten; im ersten Falle mussten sie von der Quelle Mnemosyne trinken, im andern Fall von der Lethe.

Die rationalistische Erklärung des Tempelschlafes reicht nicht annähernd an das Problem hinan. Dass die Tempel an gesunden Orten gelegen waren, die Patienten zu vernünftiger Diät angehalten wurden, zu Leibesübungen, Jagen, Reiten und Waffenspielen, wobei sogar die Art der Bewegung und Waffen voigeschrieben war, und endlich Friktionen angewendet wurden, — die aber selber magnetisch wirken und verkannt sind, wenn man sie lediglich als mechanische Mittel ansieht — beweist noch nicht das Fehlen eines mystischen Kerns und berechtigt nicht, diese Anstalten mit unsem Kurorten zu vergleichen, mögen sie auch den sanitären Anforderungen, die an solche gestellt werden, mehr oder minder entsprochen haben. Die Kranken mussten feierlich geloben, die Vorschriften pünktlich zu erfüllen, aber auch unsere Somnambulen sind darin von der peinlichsten Genauigkeit; sie mussten fasten und sich vom Weintrinken enthalten,4) aber das ist eine notwendige Vorbedingung, um Träume allein durch die in die Vorstellungssphäre übergreifende Naturheilkraft bestimmen und durch das Verdauungsgeschäft nicht stören zu lassen. Kurz es ist nur ein rationeller Verlegenheitsspruch, wenn z. B. Prof. Ritters-hain sagt:

„Mögen die Spielereien in den Tempeln wie immer schwindelhaft gewesen sein, die Behandlung (abgesehen von Inkubation), die Regelung der Lebensweise, der Kost u. s. w. und manche direkte Ordination in der Vorbereitungszeit trugen in der That, soviel wir davon wissen, den Stempel ärztlichen Verständnisses an sich und machten, vielleicht- wenigstens an solchen Orten, wo ärztliche Schulen sich gebildet hatten, die Hauptsache aus.“

Geradezu gefälscht aber ist das Problem, wenn er weiter sagt, dass die Priester selbst die Ordination besorgten; denn alle Berichte sagen, dass die Heilmittel geträumt, und zwar meistens von den Kranken selbst geträumt wurden. Wenn er endlich sagt, die Priester hätten auch die Erscheinungen des Gottes besorgt, so ist das der charakteristische Fehler aller rationialistischen Zweifler, die lieber hundertjährigen Betrug annehmen, dem die grössten Geister zum Opfer gefallen wären, als Unkenntnis der zweitausend Jahre später auftretenden Kritiker. Der wahre Grund, warum solche rationalistische Auslegungen der Inkubation überhaupt möglich sind, liegt darin, dass in unsem Tagen die Geschichte der Medizin ein sehr vernachlässigtes Fach ist, und dass die Ärzte das Studium des Somnambulismus noch immer für entbehrlich halten, so dass ihnen für die Beurteilung des Tempelschlafes der richtige Massstab fehlt Darum haben sich auch nur sehr wenige Ärzte mit dem Problem beschäftigt und meistens nur die Altertumsforscher.

Um so befremdlicher muss es nun allerdings unseren Ärzten lauten, dass unsere moderne Medizin keinen anderen Ursprung hat, als eben den Tempelschlaf. Bekanntlich reisten Jahrhunderte hindurch die vornehmsten Weisen Griechenlands nach Ägypten. Diodor nennt als solche Orpheus, Melampus, Musäus, Homer, Lykurg, Herodot, Solon, Thaies, Pythagoras, Demokrit u. s. w. Platon soll dreizehn Jahre in Ägypten gewesen sein. So wurde der Tempelschlaf nach Griechenland verpflanzt; viele von den auf Votivtafeln verzeichneten Ordinationen wurden herühergebracht, und in Griechenland selbst wurden die Ordinationen kt die Thürpfosten und Tempelsäulen eingegraben. So wurde z. B. das dem Eudemus verordnete Rezept gegen den Biss giftiger Tiere an der Thüre des Äskulaptempels zu Kos eingegraben. Strabo sagt, dass in den Tempeln viele medizinische Wunder geschahen, wovon die berühmtesten Männer überzeugt seien, die für sich oder andere dort schliefen, und dass diese Wunderkuren auf Votivtafeln verzeichnet seien. Darum finden wir schon im Altertum die Ansicht ausgesprochen, dass in diesen Votivtafeln der Ursprung der Medizin zu suchen sei. Tibull redet die Isis an: „Hilf mir! Du kannst den Leiden der Kranken Erleichterung verschaffen; die Menge der in Deinem Tempel aufgehängten Bilder beweist die Menge der von Dir verliehenen Heilungen!“ Ja, speziell vom Vater der modernen Medizin, Hippokrates, wird behauptet, dass er einem Teil seiner Kenntnisse solchen Votivbildern verdankte, die er im Tempel zu Kos fand; und ebenso sagt Galenus, dass Heimes von Kappadokien im Tempel zu Memphis Ordinationen sammelte. Die Ärzte Celsus, Paul von Ägina und Galenus führen solche Ordinationen aus Tempeln an.8) Galenus sagt, dass noch zu seiner Zeit von Rezepten Gebrauch gemacht wurde, die als von der Isis kommend galten. Sogar einen Teil seiner eigenen ärztlichen Kenntnisse verdankt er der göttlichen Hilfe in nächtlichen Traumgesichtem. Jamblichus sieht ebenfalls den Ursprung der Medizin im Tempelschlaf und dessen nächtlichen Erscheinungen in göttlichen Träumen. Artemidorus sagt:

„Gar viele sind zu Pergamus, zu Alexandrien und an anderen Orten durch Rezepte geheilt worden, ja es giebt Leute, die den Ursprung der Medizin aus diesen Rezepten herleiten.“

Er fügt bei, dass Geminus aus Tyrus, Demetrius aus Phaleron — der als Redner und Staatsmann berühmte Schüler des Teophrast — und Artemon aus Milet, der erstere in drei, der andere in fünf, der letzte in zweiundzwanzig Büchern sehr viele Träume, meist von Serapis kommende Rezepte, gesammelt hätten.Kurz, der Glaube an den göttlichen Ursprung der Medizin war sehr allgemein. (Eine Sammlung von Aussprüchen darüber von alten Schriftstellern enthält die Abhandlung „De originibus et antiquiiaiibus medias“ in den von Walch herausgegebenen „Christophori Cellarii disseriaiiones academicae“.

In der That, wenn Hippokrates die Medizin der Träume die beste nannte, wenn er sagt, die Erkenntnis der Träume sei ein grosser Teil der Weisheit, wenn er zur grosse Verlegenheit seiner Ausleger von der Intervention des Göttlichen in den Krankheiten redet, so hat das nur einen Sinn, wenn er damit den Somnambulismus meinte.

Die Votivtafeln in den Tempeln waren also die ersten medizinischen Vorschriften, und Mesmer und Puysegur gebührt das Verdienst, uns den Sinn derselben enträtselt zu haben. Der Magnetismus war die primitive Medizin; die Ärzte, die ihn für Schwindel erklären, verleugnen damit ihre eigene Mutter. Man kann nun allerdings der materialistisch gewordenen Heilkunde keinen grösseren Hohn anthun, als den, ihren Ursprung aus der Mystik abzuleiten, für die sie ihrerseits nur Hohn hat. Indessen lässt die Wendung zum besseren, welche durch die hypnotischen Versuche der neuesten Zeit eingetreten ist, hoffen, dass sich auch an unserer Medizin das Wort erfüllen wird: Ou revient toujours ä ses peremiers amours.

Darin, dass die aus den Tempeln stammenden Ordinationen als starre Vorschriften auf ganze Krankheitsklassen ausgedehnt wurden, liegt nun allerdings ein Widerspruch mit den Prinzipien des Somnambulismus; die Heilvorschriften der Somnambulen beziehen sich nie auf Krankheitsklassen, sondern nur auf den individuellen Fall. Von einzelnen Rezepten abgesehen, dürfte sich daher gegen diese Erweiterung der Anwendung dasselbe einwenden lassen, was gegen die sympathetischen Kuren, die ebenfalls als somnambule Rezepte anzusehen sind, was nicht hindert, dass manche derselben eine allgemeinere Anwendung zulassen.

Jeder Aberglaube hat einen Wahrheitskem. Der Tempelschlaf wird uns verständlich durch den Mesmerismus, die darin erteilten Heilverordnungen durch den von Puysegur wieder entdeckten Somnambulismus. In den Aussprüchen unserer Somnambulen, die häufig die dramatische Form haben, sind die Orakel der alten Heilgötter wieder .aufgelebt. Wer die Identität von Somnambulismus und Tempelschlaf leugnet, müsste die unzulässige Hypothese aufstellen, dass das erste Kulturvolk, dem wir selbst unsere Bildung verdanken, in diesem Punkte tausend Jahre hindurch einer allgemeinen, von den grössten Geistern geteilten Verblendung anheimgefallen war.

Indessen ist dafür gesorgt, dass die Zweifel, denen heute noch der Tempelschlaf begegnet, nicht in den Himmel wachsen werden. Wer sich davon überzeugen will, mit welchen Riesenschritten die heutige Medizin, und zwar als Experimentalpsychologie, jener Anschauung über die Natur des Menschen entgegensteuert, von welcher die nächtlichen Manipulationen ägyptischer Priester in geheimnisvollen Tempeln geleitet waren, der kann nichts besseres thun, als die kürzlich — Juli 1886 — gegründete revue de Vhypnotisme nebst den darin erwähnten Schriften von ärztlichen Professoren durchzulesen. Er wird dann eine zeitgemässe Metamorphose des Tempelschlafes im neunzehnten Jahrhundert nicht mehr für unmöglich halten und Professor Kieser beistimmen, der schon vor einem halben Jahrhundert diese Hoffnung mit scharfem Tadel gegen die Ärzte seiner Zeit ausgesprochen hat:

„Die Heilkunst, die bei der grössten Zahl der heutigen Ärzte weder durch Intelligenz zu heilen versteht, weil sie, die Vernunft verachtend, lieber bequemer Empirie und Gedankenlosigkeit sich hingiebt, noch durch magische Kräfte des Gefühls heilen kann, weil sie, den Glauben verhöhnend, in ihrer Alterweisheit das Dasein derselben nicht ahnt, würde einen Gipfel erreichen, wie sie ihn noch nie erstiegen, seitdem das Menschengeschlecht besteht.“

Bei den Ägyptern lagen Seelsorge und Sorge für die leibliche Gesundheit in den gleichen Händen, wie später bei Christus und den Aposteln. Dass die Stände der Ärzte und Priester sich getrennt haben, entspricht einem allgemeinen Gesetze der Arbeitsteilung und Differenzierung in der Natur. Dass aber diese beiden Stände zu feindlichen Gegnern geworden, die von einander nichts lernen zu können glauben, das ist keineswegs für alle Zeiten beschlossen; vielleicht wird auch hier aus der Trennung allmählich wieder die Verbindung auf höherer Stufe sich ergeben.

Schliesslich könnte der Zweifler allerdings noch aus dem Untergang des Tempelschlafes die Wertlosigkeit dieser Institution folgern und sagen, dass eine wahrhaft nützliche Einrichtung, eine auf realen Kenntnissen beruhende Heilmethode niemals der Vergessenheit hätte anheim fallen können. Indessen darf man nicht vergessen, dass die Tempelpriester ihre Kenntnisse des Somnambulismus sehr geheim hielten, — von der Triftigkeit ihrer Gründe werden bald unsere Staatsanwälte zu erzählen wissen — so dass schon darum mit dem Untergang der Tempel auch die darin geübte Kunst verloren gehen musste. Mit der heidnischen Religion musste auch der Tempelschlaf untergehen, der an den Götterglauben geknüpft war. Hätte man erkannt, dass die Heilträume lediglich dramatisierter Heilinstinkt sind, dass die Göttererscheinungen in denselben dem Kem der Sache nur eine unwesentliche dramatische Form gaben, die dem damaligen Zeitbewusstsein entsprang, dann wäre der Tempelschlaf nicht zugleich mit der heidnischen Religion gefallen.

Übrigens sind die Kenntnisse der ägyptischen Priester nicht gänzlich verloren gegangen. Mit der Zeit sickerte das Geheimnis durch die Wände der Tempel. Bei den alexandrinischen Philosophen finden wir den Autosomnambulismus als Prinzip des Erkennens, und durch alle Jahrhunderte bis zum Auftreten Mesmers finden wir, wenn auch nur im Besitze von einzelnen, die Kenntnis des Magnetismus. Sogar der Tempelschlaf als solcher überdauerte noch das Heidentum. Aus den heidnischen Tempeln ging er in christliche Kirchen über. Prokopius sagt, dass Justinian den Märtyrer-Ärzten Cosmas und Damian einen Tempel errichtete, in welchem die von den Ärzten aufgegebenen Kranken schliefen; nach Gregor von Tours fuhren diese beiden Märtyrer auch nach ihrem Tode fort, Hilfe zu bringen; sie erschienen den Kranken und gaben ihnen wirksame Heilmittel an. In den Akten der Bollandisten wird ein Paralytischer angeführt, der zum Grabe des heiligen Litardus, Bischofs von Sentis, kam, vom Schlafe ergriffen wurde, und dem der Heilige, im Traum erscheinend, verkündete, er würde an einem Fusse gesund werden. Georg Fabricius sagt, dass er zu Padua Landleute gesehen, Jünglinge und Mädchen, die in der Kirche des heiligen Antonius die Inkubation vomahmen, da er im Rufe stand, Kranke zu heilen. In Italien war der Tempelschlaf noch Ende des siebzehnten Jahrhunderts in Gebrauch, und Spuren der Inkubation waren noch in neuerer Zeit zu finden, indem in Griechenland die Mütter zu Füssen der Heiligen für ihre Kinder schliefen.

Ob ausser den Votivtafeln unserer katholischen Kapellen noch andere Spuren dieses uralten Gebrauches in unseren Tagen nachweisbar sind, vermag ich nicht zu sagen. Aber wenn selbst die letzte verschwunden wäre, so ist er doch in unserem Somnambulismus in neuer Form gewissermassen wieder aufgelebt. Und so bewahrheitet sich das Wort des Horaz, welches Mesmer seiner DoktorDissertation eingefügt hat.

Text aus dem Buch:Die Mystik der alten Griechen (1888), Author: Du Prel, Karl Ludwig August Friedrich Maxmilian Alfred, freiherr.

Siehe auch:
Die Mystik der alten Griechen – Vorrede
Die Mystik der alten Griechen – Der Tempelschlaf.
Die Mystik der alten Griechen – Die Orakel.
Die Mystik der alten Griechen – Die Mysterien.
Die Mystik der alten Griechen – Der Dämon des Sokrates.

Die Mystik der alten Griechen

Die Philologie besitzt eine ausgesprochene Tendenz, sich isoliert zu halten, und sogar dem naturgemässen Bündnis mit der Linguistik kommt sie nur ungern entgegen. Dass nun Perioden der Isolierung, vermöge der Arbeitsteilung eintretend, zeitenweise für die Wissenschaften nützlich sind, mehr Vorteil als Nachteil bringen, lässt sich nicht leugnen. Gerade für die Philologie aber dürfte dieser Vorteil sehr gering, der Nachteil sehr gross sein, weil ihr Stoff — wenn wir von seltenen bibliothekarischen Funden und Schliemannschen Ausgrabungen absehen — keinem Wachstum unterliegt. Die Bearbeitung immer desselben Stoffes kann daher nur aufrecht erhalten werden durch immer detailliertere textkritische Untersuchungen und mikroskopische Analysen, die mehr und mehr abseits vom Interessenkreise der allgemeinen Bildung liegen. Dieses System ist leider auch auf den Jugendunterricht übergegangen, und darum wird auf unseren Gymnasien der Geschmack für die Klassiker nur selten in dem Grade geweckt, dass das Studium derselben eine liebe Beschäftigung auch der späteren Jahre bliebe. Und doch wäre das leicht zu erreichen, wenn man, statt uns zu Philologen zu erziehen, trachten würde, den Geschmack für Ästhetik, Kulturgeschichte und Linguistik aus den klassischen Quellen uns zu entwickeln.

Denjenigen Philologen nun, die nicht ganz in Textkritik aufgehen, müsste es ganz wünschenswert sein, wenn diese Isolierung nicht künstlich aufrecht erhalten würde, wenn Grenzberührungen mit anderen Wissenszweigen eintreten würden und so die Philologie neue Blutzufuhr bekäme, wenn nicht durch neuen Stoff, so doch durch neue Gesichtspunkte für den alten Stoff. Dies müsste sich um so fruchtbarer erweisen, je fremder der Philologie bisher jener Wissenszweig geblieben wäre, der den neuen Gesichtspunkt zu liefern hätte.

Einen solchen bisher vernachlässigten Gesichtspunkt möchte ich nun der Philologie in der Mystik liefern. Ich will in der vorliegenden Schrift den Nachweis fuhren, dass eine durch mystische Kenntnisse bereicherte Philologie Probleme zu lösen vermag, die ihr beim Mangel dieser Kenntnisse bisher unlöslich geblieben sind: der Tempelschlaf, die Orakel, die Mysterien und der Dämon des Sokrates. Dass dieselben für unser modernes Verständnis Rätsel sind, wird von den gewiegtesten Philologen zugegeben, und nur teilweise erleidet das eine Einschränkung, indem schon in der bisherigen Litteratur, wenigstens ausserhalb der philologischen Kreise, Andeutungen darüber sich finden, dass beim Tempelschlaf der Ägypter und Griechen medizinischer Somnambulismus getrieben wurde und die Priesterinnen der Orakel mit unseren hellsehenden Somnambulen sich vergleichen lassen. Dagegen ist die Erklärung des Sokratischen Dämons dem modernen Rationalismus nur dadurch scheinbar möglich geworden, dass er, statt an die deutlichen Berichte der Alten sich zu halten, das
Problem gefälscht hat, um sich die Erklärung leichter, ja allererst möglich zu machen. Bezüglich der Mysterien aber hat die Wissenschaft die Flinte ins Korn geworfen, auf eine Erklärung verzichtet, und die Philologen selbst haben die Hoffnung aufgegeben, eine solche zu finden.

Wer nun aber, vom Studium der Mystik herkommend, diese vier Probleme untersucht, wird keinen Augenblick anstehen, sie für erklärbar zu halten. Bei den Orakeln und dem Tempelschlaf handelt es sich in der That um Somnambulismus, die Mysterien werden sofort klar, wenn man sie in Verbindung mit dem modernen Spiritismus bringt, und der Dämon des Sokrates konnte nur darum seine Lösung nicht finden, weil man ihn nicht als ein Problem der transcendentalen Psychologie erkannt hat. Kurz, es ist leicht der Nachweis zu fuhren, dass die alten Griechen unsere moderne Mystik in allen ihren Zweigen gekannt haben: den Magnetismus, Somnambulismus und Spiritismus. Von diesem Nachweis wird allerdings zunächst nur ein kulturgeschichtlicher Gewinn abfallen, und die Frage bleibt noch immer offen, welchen Wahrheitsgehalt wir der Mystik zusprechen müssen. Für diese Frage, deren Behandlung nicht in diese Schrift gehört, muss ich den Leser auf meine „Philosophie der Mystik“ und „Monistische Seelenlehre“ verweisen. Von diesen grösseren Schriften habe ich die vorliegende nur darum abgetrennt, weil letztere, wenn jenen eingefügt, den Zusammenhang unterbrochen hätte, weil ferner die genannten vier Probleme unter sich Zusammenhängen, und weil sie einen grösseren Kreis von Interessenten voraussetzen lassen, wozu ausser den Mystikern auch noch die Philologen und Kulturhistoriker gehören. Durch das Studium auch jener Schriften dürfte dem Leser der Beweis verstärkt werden, dass in unserer modernen Mystik nur die alte wieder auflebt; er wird sich aber dort auch die Überzeugung holen, dass der Mystik allerdings ein grosser Wahrheitsgehalt zukommt, dagegen er hier nun sieht, dass ich mich für meine dort niedergelegten Anschauungen auf das schwerwiegende Zeugnis unserer philosophischen Lehrmeister berufen kann, welche der Mystik nicht nur den Glauben nicht versagten, sondern sie sogar sehr hoch schätzten.

Wenn ich die rätselhaften Mysterien mit unserem Spiritismus vergleiche, so bin ich mir allerdings bewusst damit eine Hypothese aufzustellen, die, schon weil sie zum erstenmal ausgesprochen wird, für paradox gelten muss. Indessen möchte ich den Zweifler doch schon hier in der Vorrede darauf aufmerksam machen, dass ich auf diese Hypothese durch die Berichte der Alten selbst gekommen bin, durch deren geheimnisvoll lautende Mitteilungen es wie moderner Spiritismus hindurchschimmert. In einer ganzen Reihe von Punkten ist die Identität der Phänomene gegeben, und für jeden, dem die Mystik bekannt ist, wird sich diese Hypothese von selbst einstellen, ohne dass er zu willkürlichen Gedankenoperationen greift.

Zugestandenermassen hat man bisher noch keinen Gesichtspunkt gefunden, der uns die Mysterien verständlich gemacht hätte. Der einzige noch nicht versuchte mystische Gesichtspunkt macht uns aber dieses grosse Rätsel sofort klar, und das allein schon dürfte für die Richtigkeit meiner Hypothese sprechen. Der Rationalist wird sagen, dass der Spiritismus auch dann ein Irrtum sein könnte, wenn er identisch wäre mit den Mysterien und so alt als diese. Das kann zugegeben werden; mir aber, der ich sehe, mit welcher hohen Verehrung die griechischen Philosophen von diesen Mysterien reden, kann es, da ich mich in so guter Gesellschaft weiss, nicht schwer fallen, den Zeitpunkt abzuwarten, bis unsere moderne Aufklärung sich genötigt sehen wird, vor den Thatsachen der Mystik die Segel zu streichen.

Schloss Mittersill im Pinzgau.

Dr. Carl du Prel

Text aus dem Buch:Die Mystik der alten Griechen (1888), Author: Du Prel, Karl Ludwig August Friedrich Maxmilian Alfred, freiherr.

Siehe auch:
Die Mystik der alten Griechen – Vorrede
Die Mystik der alten Griechen – Der Tempelschlaf.
Die Mystik der alten Griechen – Die Orakel.
Die Mystik der alten Griechen – Die Mysterien.
Die Mystik der alten Griechen – Der Dämon des Sokrates.

Die Mystik der alten Griechen