Der Verfasser dieser Arbeit ist am 29. Mai 1940 beim Vormarsch auf Dünkirchen als Mitglied der Waffen SS gefallen.

Das Buch, das er bei Kriegsbeginn unvollendet zurückgelassen hatte und dem er nur noch einige Wochen eines Heimaturlaubes widmen konnte, übergeben wir der Öffentlichkeit im wesentlichen unverändert. Nur einige Ergänzungen, die Prof. Otto Brunner, Wien, und Prof. Hermann Heimpel, Straßburg, freundlich beigesteuert haben, und ein paar Zusätze des Herausgebers wurden beigefügt. Sonst wurde der hinterlassene Wortlaut beibehalten, auch dort, wo Hinweise hätten erweitert oder manche überschärfte Formulierung hätte geglättet werden können.

Denn es sollte nicht verwischt werden, daß der Verfasser um ein Grundsätzliches gerungen hat, dem er seine ganzen letzten Lebensjahre mit leidenschaftlichem Streben geweiht hat: um die Klärung des Unterschieds zwischen Zweckverbänden, in denen der Einzelne sein wohlverstandenes Interesse sucht, und solchen Lebensgemeinschaften, denen er als Ganzer sich eingliedert, denen er als einem übergeordneten „gehört“ und dient.

Der Sinn der vorliegenden Untersuchung ist das Streben, diesen schicksalsschweren Gegensatz zwischen atomisierten Interessenverbänden und organischen Gemeinschaften klären zu helfen und historisch zu erweisen, daß die Zunft in ihrer ursprünglichen Form nur als organische Lebensgemeinschaft verstanden werden kann, nicht als ein Zusammenschluß isolierter Einzelner, die ihren privaten Vorteil suchten.

Siemsen führt seinen Beweis durch eine Untersuchung der zünftischen Lebensformen, — Formen, die bei reinen Interessenverbänden vom Typus der Aktiengesellschaften, Kartelle o. dgl. sinnlos und unvorstellbar wären, sich aber im Zunftwesen als wichtige und wichtig genommene, zäh verteidigte Daseinsgestalten erweisen: Teilnahme am Jahreskult, feierliche Weihe neuer Mitglieder, pathetische Symbolformen für die Ehre der Gemeinschaft und ein das ganze Bundesbrauchtum prägendes treues Festhalten an den Toten.

Diese und andere, über jeden rationellen wirtschaftlichen (oder sonstigen) „Zweck“ hinausreichende und gleichwohl jahrhundertelang unsterbliche, überaus ernst genommene Brauchtumsformen der Zunft erweist Siemsen durch morphologischen Vergleich als typische Gestaltelemente menschlichen Lebens, die weit über den Kreis des Handwerkerstandes hinausgreifen. Die einzelnen Formen — Jahresfeiern, Weihebräuche, Totenehrungen und manche andere — lassen sich bis ins germanische Altertum und weiter zurück verfolgen und erweisen sich als immer wiederkehrende, offenbar innerlich notwendige Lebensgestalt wehrhaft-kultischer Männerbünde. Die mittelalterliche Zunft stellt sich als eine Sonderausformung dieses Grundtypus dar. Die reiche Formenwelt, in der sie lebt, beweist engen und ungebrochenen Zusammenhang mit altgermanischen Gestaltungen und bezeugt dadurch die einheimisch germanische Herkunft und den bodenständig deutschen Gehalt dieser Gebilde, die in unserer Geschichte eine so wichtige und ehrenvolle Rolle gespielt haben.

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3. Reich Germanengut im Zunftbrauch