Schlagwort: Tiberius

Über dem Beginn der griechischen Geschichte steht wie ein Morgenrot die homerische Poesie.

Hellenische und asiatische Fürsten verlassen ihre schimmernden Stadtpaläste, um zehn Jahre hindurch auf dem Gefilde zwischen dem schiffbedeckten Gestade, Priams hoher Feste und dem waldigen Idagebirge um schöne Weiber, Waffen, Schätze und Ruhm mit einander zu ringen. Dann fahren sie von Trojas rauchenden Trümmern in ihren dunklen Schiffen heim, manche von Insel zu Insel, von einem Abenteuer zum andern verschlagen, bis in die Tiefe des Hades hinab. Über alles ragt der Berg Olympos, auf dessen Gipfel unter Vater Zeus Lenkung die glanzvolle Götterfamilie wohnt, ewig und selig und doch oft von Liebe und Haß unter sich entzweit und in Liebe und Haß dem Treiben der Sterblichen dort unten zugewandt. So schwingen sie sich denn auch hilfreich oder verderblich zu ihnen herab oder empfangen droben den Fettdampf ihrer reichen Schlachtopfer oder die Gebete, die aus einfachen Tempeln zu ihnen aufsteigen. Auf einer nicht weiten und fest umrissenen Bühne, den Wogen und Inseln und Küsten des östlichen Mittelmeers, bewegen sich diese Menschen und diese Götter, nach Alter und Geschlecht, Geburt und Schicksal, Wuchs und Gemüt, Rang und Beruf scharf von einander geschieden. Ihre klare, milde, freie Schönheit, die reife und doch so frische Frucht einer langen Kultur, erquickt uns fremde Ungläubige noch heute, und ihr phantastisches Bild schwebt noch heute uns vor Augen wie eine zwar zerronnene, einst aber lebendig gewesene Wirklichkeit.

Und nach Homer verkündeten den Glauben an diese Wunderwelt und viele andere Götter und Dämonen und ihre mannigfachen Schicksale, Dienste und Feste Hunderte von hochbegabten Dichtem, Geschichtschreibern, Reiseschriftstellern und fast lauter noch zahllose Baumeister, Bildhauer und Vasenmaler durch unvergleichliche Werke, jeder in seiner, jeder aber in echt griechischer Weise. Schier unerschöpflich fließen die reinen Brunnen hellenischer Überlieferung.

Der Urkundenschatz unsrer germanischen Mythologie ist weit ärmer an alten, vollen heimischen und echt heidnischen Zeugnissen und ist untermischt mit viel fremdem Gut. Denn er ist bunt zusammengesetzt aus Berichten römischer Offiziere, Inschriften fremder Steinmetzen, Straf- und Bußparagraphen kirchlicher Synoden und Mönchsorden und aus Anekdoten christlicher Bekehrungsgeschichten, aus deutschen Zaubersprüchen, nordischen Götterliedern und isländischen Romannotizen, aus noch heute nicht verschollenen Sagen und still geduldeten Bräuchen unsrer Bauern. Es fehlt ein klares, echtes zusammenfassendes Bild, denn die altnordische Völuspa, die von der Götterdämmerung singt, ist voller Rätsel und noch dazu aus christlichen Ideen erwachsen; es fehlt auch fast völlig der Schmuck der Bildnerei. Aber überall, wo er nicht zu stark verschüttet ist, bricht auch aus germanischem Boden ein reicher Strom von Glaubenspoesie hervor, die denn doch trotz aller Renaissance und allem Humanismus uns oft tiefer ergreift als alle andre Heidenpracht, weil sie aus einem Geist geboren ist, von dem wir noch immer einen Hauch in uns selber verspüren.

die Quellen der germanischen Mythologie Mythologie der Germanen

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Das römische Reich fühlte sich noch nicht gesättigt. Es hatte noch Hunger nach Land, und immer mehr Land. Trotz der Mahnung des alten Augustus, sich mit dem Erworbenen zu begnügen, und trotz der im gleichen Sinne tätigen Praxis des Tiberius († 37) erweiterten die Feldherrn der folgenden Kaiser neuerdings die Grenzen des Reiches. Sie durchschritten den Hoch-Atlas. Sie führten die Eroberung Britanniens durch. Sie drangen in Südalgerien und Transkaukasien vor. Zugleich hielt man es für notwendig, an den verschiedensten Plätzen Flottenstationen anzulegen. Am Ärmelkanal und in seiner Nachbarschaft wurden gleich mehrere Stationen gegründet. Andere wurden in Spanien errichtet. Am wichtigsten war eine Anlage in Südarabien, die von Adana. Die Stadt, die am Eingang des Roten Meeres liegt, das heutige Aden, wurde um die Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts von den Römern als Flottenstützpunkt ausgebaut. Der Verkehr mit Südasien belebte sich. Eine Gesandtschaft, unter Rachias, reiste von Ceylon nach Rom. Sie erzählte dem Kaiser Claudius († 56), der sich für entlegene Forschungen interessierte und der sogar ein Buch über das Etruskische verfaßte, daß einige Ceyloner bis China gelangt seien. Wir haben oben gesehen, wie ärgerlich bei dem abendländischen Handel mit China die hemmende Zwischenstellung der Parther empfunden wurde. Man verfiel jetzt auf Mittel, um diese Stellung zu umgehen und diese Zwischenstellung der Parther auszuschalten. Die Umgehung konnte auf zweierlei Wegen ausgeführt werden: zu Lande im Norden und zur See im Süden. Tatsächlich haben denn auch die Kaufleute des Westens beide Wege benutzt. Der Geograph Marinos von Tyrus, also ein Semit, und nicht minder Plinius, gibt uns darüber genauen Aufschluß. Aus den Karten des großen Geographen Marinos (um 90 n.Chr.), dessen Aufzeichnungen später Ptolemäus benutzte, erkennen wir mitStaunen, wie groß schon damals der Kreis der bekannten Welt war. Er erstreckte sich von Irland und Südschweden bis nach Senegambien und derSophala, von dem Atlantischen Ozean bis Formosa und Java. Von unserer ganzen Halbkugel waren nur Südafrika und Westafrika und Asien nördlich vom Hoangho den Alten nicht bekannt, wenn auch die Vorstellungen über die Grenzen der entfernteren Striche oft reichlich verschwommen waren, dergestalt, daß man zum Beispiel einen Landzusammenhang zwischen Südafrika und Java annahm.

In Afrika hatte man von den himmelhohen, mit ewigem Schnee bedeckten Vulkanen und von den großen Seen der Mitte schon deutliche Kunde erhalten. Selbst über Tibet und die Tartarei wußte man einigermaßen Bescheid. Die Grenzen des Wissens nach Osten waren die „Insel des Jabadios“, d. i. das Eiland (indisch Diwa oder Diu) Java, ferner die Maniolä-Inseln, d. i. Manilla und „das Eiland der Satyre“, ein Name, der auf Formosa geht. Der Satyr trägt nämlich einen Bocksschwanz, und die wilden Formosaner hatten bis in die Neuzeit die seltsame Sitte, sich zu ihrer Galaausstattung Zierschwänze hinten anzubinden. Münzfunde haben die weite Ausdehnung des antiken Handels bestätigt. Man hat Römermünzen in den nordchinesischen Provinzen Schensi und Schansi, und in den Ruinen von Zimbabwe, südlich vom Sambesi, ausgegraben; nicht minder im Kongogebiet. Byzantinische Münzen sind sogar in der fernen Tundra, bei den Jakuten aufgetaucht.

Die Festsetzung in Aden fiel zeitlich mit einer wichtigen Entdeckung zusammen. Hippalos bemerkte, daß die Winde im Indischen Ozean eine Zeit lang von West nach Ost, und dann wieder monatelang ohne Unterbrechung von Ost nach West wehten. Er entdeckte das Gesetz der Monsune. Für die Seefahrt war das von großem Belang. Ein Schiff konnte nun sicher sein, wenn es den indischen Ozean durchkreuzen wollte, zu einer bestimmten Jahreszeit günstigen Wind zu haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatten die Anwohner des Indischen Ozeans schon längst die Gewohnheit des Monsuns beobachtet, und der griechische Ankömmling hatte die Sache von den Uferleuten gehört. Genug, der griechische Reisende teilte jetzt die Beobachtung der Kulturwelt mit, und der Handel nach Südasien erhielt dadurch einen mächtigen Anstoß.

Der Verkehr mit Ostasien wollte aber, trotzdem neue Handelswege entdeckt waren, auf keinen befriedigenden Fuß kommen. Der Grund hierfür war sehr einfach. Die betriebsamen, aber äußerst genügsamen Chinesen wollten nur verkaufen und schönes Silber einnehmen, allein sie waren nicht dazu zu bringen, auch ihrerseits Waren von dem Abendlande einzutauschen und dafür Geld auszugeben. So kam es, daß die Westwelt mit Seide und chinesischem Eisen überschwemmt, aber von Silber ganz entblößt wurde. Der Verlust an Silber, den das römische Reich während eines Jahrhunderts durch den Seidenhandel erlitt, belief sich auf zwei Milliarden Mark. Die damaligen Volkswirte wurden die Gefahr wohl gewahr, sahen jedoch kein Mittel, um sie gründlich zu beseitigen.

Einstweilen aberwuchsallenthalben im Römerreicheder Wohlstand der Bewohner. Kriege wurden in der Hauptsache nur noch an den entlegenen Grenzen geführt. Das öffentliche Leben wurde von keinen großen Fragen berührt. Es beschränkte sich auf Lokalpolitik. Für den Schutz des Eigentums sorgte hinreichend das Kaisertum. So hatten die Untertanen nichts anderes zu tun, als dem Erwerb nachzugehen. Abwechslung brachten nur friedliche Feste und religiöse Mysterien. Bereichert euch! Vergnügt euch! so der Wahlspruch des Kaisertums. Dafür wurde nichts anderes verlangt als regelmäßige Steuerentrichtung und Loyalität gegen den Kaiser. Nicht einmal Waffendienst wurde gefordert, denn das Heer bestand jetzt fast ausschließlich aus Söldnern. Auf jede Art leistete die Regierung der Erwerbs- und Vergnügungssucht Vorschub. Die Massen sollten angenehm beschäftigt sein, damit sie sich nur nicht um Politik kümmerten. In Rom waren glänzende Feste, namentlich Zirkusspiele, an der Tagesordnung; aber auch die anderen Städte Italiens und der Provinzen folgten bald diesem Beispiel. Ob dieser oder jener Gladiator in der Arena siegen werde, ob Quintus besser singe und schauspielere als Publius, ob die Prinzessin Messalina ihrem Gatten treu sei oder nicht, das war dem Pöbel viel wichtiger, als eine Schlappe in einer afrikanischen Kolonie, als ein Erfolg über Armenier und Parther.

Durch die geistreichen Ausfälle der Satiriker und die trockenen inschriftlichen Zeugnisse, weiter durch den scharfen Tadel der Kirchenväter sind wir über das gesellschaftliche, wirtschaftliche und religiöse Leben der Kaiserzeit besser unterrichtet, als über irgendeine Epoche vor der Renaissance. Allerdings wird man bei den redseligen Schilderungen zwischen dem Treiben der Großstadt und den Sitten auf dem Lande, die uns weniger bekannt sind, scheiden müssen. In der Großstadt ist man nie Herr seiner Zeit. Ein lärmendes, inhaltloses Leben ist nicht selten. Es entwickelt sich das Talent zum beschäftigten Müßiggang. An unsere Kaffeehausgenies erinnert die schola poetarum. Bei den Gastmählern ließen sich professionelle Rezitatoren und Anekdotenerzähler bewundern. Die Kinderlosigkeit nimmt zu. Ebenso die Zahl der Ehescheidungen. Seneka spottet, manche Frauen zählten ihre Jahre nicht nach der Konsularepoche, sondern nach ihren verschiedenen Männern. Das oberste Gesetz der Gesellschaft war die Sucht nach Vergnügen und die Lust an Theater und rauschender Musik. Aus dem häufigen Theaterbesuch der Frauen gingen vielfach Verhältnisse mit Schauspielern, Sängern, Gladiatoren und Zirkuskünstlern hervor. Naturgemäß war, um alle Vergnügungen auszukosten, ein großes Vermögen notwendig. Die Kaiser selbst gingen mit dem Beispiel der Üppigkeit und der Verschwendung voran. Der Bauluxus hatte allerdings schon in der Zeit Cäsars begonnen. Aber jetzt erst, seit Caligula, wurde dieser Luxus..übertrieben und geriet mitunter in das Gebiet geschmackloser Übertreibung. Das Kolossale und das gesucht Seltsame wurde Trumpf. So brachte man an den Decken der Speisesäle bewegliche Felder an. Ganze Seen wurden zugeschüttet, um der Bauwut zu fröhnen oder auch umgekehrt auf dem festen Lande Seen ausgegraben. Keine Familie, die etwas auf sich hielt, die nicht ein prächtiges Landhaus, womöglich in Bajä, oder besser noch, mehrere Villen an verschiedenen Stellen besessen hätte. Die Freude des Zeitalters an der äußeren Form, an der Schönheit der Erscheinung zeigte sich besonders auch in dem Bau großer Bäder. Wenn es früher Sitte gewesen war, sich nur alle acht Tage zu baden, so wurde es jetzt zur täglichen Gewohnheit. Manche badeten gar zweimal des Tags, wobei zu bedenken ist, daß ein Bad immer so zwei bis drei Stunden in Anspruch nahm. Den Kirchenvätern erschien solches Beginnen als törichter Zeitvertreib, womöglich als sündhaft; im Lichte unserer Sonnenbäder muß man jedoch den gesundheitlichen Wert selbst langausgedehnter Kleiderlosigkeit anerkennen. Es fehlte nicht an den vielfachsten Marotten beim Bauen. Die gewöhnlichste war das „arme Zimmer“ entsprechend der Bauernstube in Berliner Villen. Nicht minder war der Kleiderluxus groß. Besonders war Seide sehr gesucht. Stöhnend berechnet der alte Plinius, daß in keinem Jahre weniger als für zwölf Millionen Mark Seidenstoffe ins Römerreich kamen; dabei wurden höchstwahrscheinlich für die Versteuerung die Stoffe zu niedrig angegeben; auch hatte das Geld damals einen weit höheren Wert. Im ganzen, so berechnete Plinius, verlor Rom alljährlich beinah 22 Millionen Mark an China. Denkt man sich diesen Verlust durch drei bis vier Jahrhunderte fortgesetzt, so kommt man auf sechs bis acht Milliarden und man begreift, da die Chinesen durchaus nichts vom Abendland kaufen wollten, daß dieser passive Handel der Wirtschaft des Westens eine unheilbare Wunde schlug.

Der Stil der Baukunst war seit Trajan beständig gesunken. Der Bogen des Septimius Severus weist schon eine schlimme Vergröberung der Formen auf. Auf der anderen Seite griff eine unkräftige Geziertheit um sich. Die gleichen Erscheinungen im Schrifttum. Die Schulbildung nahm schon im zweiten Jahrhundert ab. Die Sprache der Inschriften läßt seit 200 eine zunehmende Barbarei erraten. Auf der anderen Seite aber erfreute sich das Gekünstelte und Uberkühne, das schon mit Petronius begonnen, wachsender Beliebtheit. Der Stil der Biographen der späteren Kaiser bedeutet einen jähen Absturz.

Im Kunstgewerbe und überhaupt im Handwerk ist das auffälligste Merkmal die steigende Arbeitsteilung. Bei den Silberschmieden hatte jedes Gefäß bis zur Vollendung durch viele Hände zu gehen. Es gab eigene Geschäfte für Grabdenkmäler. Der eine gab zu einem Unternehmen das Kapital, der andre übernahm die technische Leitung. Es gab Innungen der Handwerker und Händler, die man heutigen Gewerkschaften vergleichen kann. Der Kleinhandel war sehr differenziert. Man hatte verschiedene Geschäfte für die verschiedenen Arten von Mänteln und von leichten Sommerkleidern, hatte eigene Handlungen in Drogen, Farben, Salzen, Toilettegegenständen.

Von absonderlichen Sitten wäre zu vermerken, daß gelegentlichTiere, z. B. im Jahre 35 ein beim Volk beliebter Rabe, unter großen Feierlichkeiten begraben wurden. In der Gegenwart kommt es ja auch wohl vor, daß extravagante alte Fräulein Lieblingsvögel und -katzen, und daß alte Junggesellen Hunde und Affen prunkvoll begraben lassen.

Divus Cäsar war der amtliche Titel schon zur Zeit des Augustus. In der Folge wurden Standbilder der Kaiser aufgestellt, denen man zu opfern hatte. Bei Christenprozessen wurde dies gern als Probe genommen. Wer opferte, wurde freigelassen; wer sich des weigerte, mußte in die Arena oder in die Verbannung. Das umständliche Zeremoniell, das mit unsrem Begriff von Byzantinismus eng verknüpft ist, war wohl in den ersten Jahrhunderten noch nicht sehr entwickelt; wohl möglich, daß es unter der severischen Dynastie schon recht bemerkbar war. Seine richtige Entfaltung nahm es jedoch allem Anschein nach erst seit Konstantin. Der Orient, namentlich Persien, ist hier anerkanntermaßen von beträchtlichem Einfluß gewesen. Eins war aber schon lange vor Konstantin gangund gäbe: Geheimdienst und Spionage. Hadrian richtete eine weitverzweigte Geheimpolizei ein, wie sie der Gegenwart aus der Herrschaft Abdul Hamids bekannt ist.

Vor dem Kaiser erblaßte der Glanz des Adels. Bis auf Hadrian spielten einzelne Generäle und Statthalter, die dem Hochadel entstammten, noch eine gewisse selbständige Rolle. Danach aber galten auch die erfolgreichsten Feldherrn und Gouverneure, zumal sie immer häufiger aus niederem Stande in die Höhe gekommen waren, nur noch als Beamte, die gänzlich vom Willen des Kaisers abhingen. Ein Moderatorund ein Praefectus equitum schwang sich entweder selbst zum Cäsar auf, oder aber er blieb neben dem Kaiser eine Null wie die anderen. Die Politik des Kaisertums war ausschließlich auf die Hebung der unteren Stände gerichtet. Sie suchte auch die Kluft, die bisher immer noch zwischen Römern und Nichtrömern bestanden hatte, auszugleichen. Caracalla (211—217) verlieh sämtlichen Freien im Imperium das Bürgerrecht. Damit war das Privileg Italiens und einiger Städte draußen aufgehoben. Ohnehin gravitierte das Imperium bereits nach Osten.

Die großstädtische Gesellschaft war ein günstiges Tummelfeld für alle möglichen Arten von Scharlatanen. Ärzte, die mit ihren großen Allüren ihre Patienten entzückten, wußten ihnen gewandt das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ein besonderer Humbug, den solche Scharlatane trieben, war das Befragen der Sterne. Sie bestimmten die Mahlzeiten nach dem Stande der Planeten. Sie erklärten, daß die Krankheit nur gefährlich werde, wenn der Mond im Stier, Löwen oder Wassermann stehe, aber ungefährlich sei, wenn der Mond durch den Widder oder Krebs gehe. Überhaupt war Astrologie weit verbreitet. Unter Alexander Severus wurden sogar Lehrstühle für sie errichtet. Griechische und orientalische, besonders ägyptische Astrologen gingen in den Palästen aus und ein. Firmicus Maternus schrieb 350 ein vielgelesenes Buch über Astrologie, die für eine aristokratische Wissenschaft galt. Ein Augustinus hatte als Jüngling große Neigungzu ihr. Tischklopfen, Prophezeihen aus den verschiedensten Zeichen, Nachtwandeln und Traumdeutungen waren im Schwang. Bereits teilte man in Stufen ein: die kleineren Zeichendeuter oder -deuterinnen prophezeiten aus den Gesichtszügen, aus der Hand, aus Würfeln, aus Käse und Feuer, die größeren aus der Gruppierung der Gestirne. Aber es gab auch schon Winkelastrologen, die, an der Hand von leichtzubeschaffenden Tabellen, für ein Billiges die Geburtskonjunktur zurückberechneten.

Der erwähnte Firmicus sagt: Nur der Kaiser hängt nicht von den Gestirnen ab. Er ist der Herr der ganzen Welt, die er durch das Urteil des höchsten Gottes lenkt. Er selbst gehört zum Kreise der Götter, welche die Urgottheit zur Vollbringung und Erhaltung aller Dinge eingesetzt hat. Diese Äußerung gibt einen trefflichen Vorschmack von dem Byzantinismus, der mit und seit Justinian sich noch herrlicher entfalten sollte.

Naumanns Zweiheit „Demokratie und Kaisertum“ ist beiden imperialistischen Zeiten gemeinsam, der Gegenwart und Spätrom. Gemeinsam auch das Großgewerbe, Aufstände des Pöbels, Militarismus und Bureaukratie. Die Sklaverei wird, wie schon einmal in einer imperialistischen Epoche, in der Zeit Hammurabis, so wieder seit Cicero und Seneka, milde und wird von den ersten Christen überhaupt nicht anerkannt; in der Gegenwart wird die Leibeigenschaft aufgehoben und in Brasilien und Afrika die Sklaverei abgeschafft. Der Gedanke der Humanität hatte schon in der damaligen Zeitenwende weite Kreise ergriffen; es wurde geradezu Sitte, im Testament möglichst viele Sklaven freizulassen, die Freigelassenen jedoch brachten es nicht selten zu Ansehen und großen Reichtümern. Unter Claudius und später unter Kommodus suchten Freigelassene sich sogar der Staatsverwaltung zu bemächtigen. Heutige Dienstboten, die gewiß nicht bescheiden sind, stellen noch nicht entfernt die Ansprüche, wie sie damalige Angehörige des dienenden Standes sich häufig anmaßten.

Bezeichnend ist weiter für die spätere Kaiserzeit das Emporkommen einer vielverzweigten Beamtenschaft.

Willst du dich selber verstehen,

So sieh, wie die andern es treiben!

Die Geschichte Roms liegt offen vor uns. Sie hat keine Geheimnisse mehr vor unseren Augen. Die Elemente der Gegenwart sind indessen noch keineswegs so klar und deutlich, und wohin unsere Zeit schreitet, ist ganz in Dunkel gehüllt. So mag genauere Betrachtung des römischen Imperialismus und seiner Kultur uns Fingerzeige für unseren eigenen geben.

Apulejus war der Zola des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts. Sein „goldener Esel“ leistet Erkleckliches an Hautgout und Naturalismus. Das Schauspiel und die Welt der Großstadt spielt in seinen Romanen eine große Rolle. Dann hat er aber noch eine Besonderheit, die man zwar nicht bei Zola, aber bei den Spiritisten von heute trifft. Ein förmliches System der Geister macht sich bei ihm breit. Schlosser, der Historiker, sagt: Apulejus hat

„dadurch den groben Naturalismus gefördert, der aus allen solchen Theorien von übersinnlich erklärten, sinnlichen Erscheinungen hervorgehen muß, weil dabei das Geistige als etwas einer Gasart Ähnliches, folglich als etwas Körperliches, aufgefaßt wird. Die platonischen Ideen mißbrauchend, setzt er dem Aberglauben eine Art von Zauberkunst entgegen, welche auf einer geheimnisvollen Erkenntnis der Natur beruhe, mit mystischen Weihen und Symbolen zusammen hänge, und die Fähigkeit gewähre, künftige Ereignisse vorauszusehen und Wunder zu tun.“

Ähnlich haben in der Neuzeit die llluminaten, die frommen Frauen, von Krüdener und die Blavatzky, theosophische Systeme ersonnen, der Telepathie das Wort geredet, und die Zukunftzuerkennengelehrt.Dem Mißbrauch der philosophischen, platonischen Philosophie entspricht dabei heute eine übertreibende und grundsätzlich verkehrte Auslegung des Buddhismus. Das Gesundbeten, spiritistische und hypnotische Experimente, haben bei Hofe und in Privathäusern, ja sogar an Universitäten, Triumphe gefeiert.

Derselbe Schlosser meint:

„Der alte Volksglaube war den Fortschritten der Bildung erlegen. Da jedoch das Staatswesen zu innig mit der Staatsreligion verbunden war, so mußte man den seelenlos gewordenen Kultus der Vorfahren beibehalten, und dem abgestorbenen Glauben durch Gewalt und äußeren Schein zur Hilfe kommen. Die Feste und Feierlichkeiten, die Opfer und Mysterien, die Priesterwürde und die heilige Sage, kurz, der ganze Nationalkultus verlor seinen Sinn und seine Bedeutung. Dazu kann man von Rußland bis England, und bis zum spanischen Amerika, so manche Gegenstücke heute aufweisen.“

Ohne Zweifel war die spätere Kaiserzeit ein Zeitalter der decadence. Das bedeutet nicht, daß sie für das Menschengeschlecht wertlos war. Man schilt immer auf die decadence. Sie ist jedoch eine notwendige Folge der Kultur. Alle Kultur zermürbt. Alle Städte sind mehr oder weniger angreifend und machen nervös. Aber schließlich ist es das Schicksal des Brotes und des Weines, gegessen und getrunken zu werden; nur so kann es und er wirken und stärken. Ebenso muß die Gesundheit der Völker von der Kultur verzehrt werden, wenn anders die Kraft und Gesundheit Nutzen tragen soll. Decadence ist öfters nur ein anderes Wort für die Vollendung der Kultur.

Freilich ist sie auch die Abnahme der Lebenskraft und zuletzt das Aufhören starker Interessen.

Die Politik verschwand, außer bei wenigen Familien der Hauptstadt, fast ganz aus dem Denken der Zeit, und beschränkte sich bald nur noch auf Angriffe und Intrigen gegen mißliebige Verwaltungsbeamte. Wo sollte auch Politik herkommen in einem Reiche, dessen Verfassung für Jahrhunderte hinaus geregelt war, das so ziemlich alle Religionen duldete, das kein Parlament besaß, für das auswärtige Fragen kaum bestanden, da eben, außer den fernen Parthern überhaupt keine auswärtige Macht vorhanden war, mit der man in Reibungen kommen konnte? In keinem Falle konnten sich über Hauptprobleme der äußeren oder inneren Politik Parteien bilden, denn die ganze innere Politik hieß: Gehorsam gegen den Kaiser, und die ganze äußere Politik: Niederwerfung der Feinde. Dachte einer anders, so war es in beiden Fällen Hochverrat. Kein Wunder, wenn durch den Mangel an Streitfragen und Parteiungen das Leben verarmte, wenn die Kunst, großer Anregungen bar, versandete und verflachte. Da aber das Leben einen Inhalt haben muß, so wandten sich die Menschen, die auf der Erde nicht viel mehr zu tun hatten, als ihren Bauch zu füllen, der Erde ab und dem Himmel zu. Die Neigung zu dem Übernatürlichen wuchs. Ein empfänglicher Boden für das Aufsprossen neuer Religionen war vorbereitet.

Das einzige Ereignis, was ab und zu die Gemüter in Bewegung setzte, war die Thronbesteigung eines neuen Kaisers. Diegeschah selten ohne große Erschütterungen. Gerade der erste Usurpator des Thrones, bloß Augustus war eines natürlichen Todes verblichen. Der staatsmännische, kühle, menschenverachtende, und zuletzt menschenscheue Tiberius, der genial-verrückte Hanswurst Caligula, der wohlmeinende aber schwache, von Weibern und Günstlingen gegängelte Claudius, der lasterhafte und maßlos eitle Nero, alle wurden sie auf gewaltsame Weise aus dem Wege geräumt. Nach dem Sturze Neros, 68 nach Christi, brach ein Bürgerkrieg aus, und ein Prätendent folgte in raschem Wechsel auf den anderen. Der tüchtige Otho wurde durch den Schlemmer Vitellius verdrängt, an dessen Büste die ungeheueren, kräftige Eßlust verratenden Kinnbacken sofort in die Augen fallen. Aber auch die Herrlichkeit des Vitellius dauerte nicht ein Jahr. Von Syrien, wo er einen Aufstand der Juden zu dämpfen hatte, marschierte Flavius Vespasianus mit einem mächtigen und wohlgeübten Heere nach Italien, und ließ sich zum Kaiser ausrufen. Seinen Sohn Titus ließ er vor Jerusalem zurück; nach langer hartnäckiger Belagerung, die Tür Angreifer wie Angegriffene gleich anstrengend war, ist die Stadt im Jahre 70 erobert und zerstört worden. Der Schlag soll den Juden eine halbe Million Seelen gekostet haben. In christlichen Kreisen wurde der Fall der Stadt als eine Strafe für die Verstocktheit der Juden, die das Evangelium nicht annehmen wollten, angesehen. Viele glaubten gar, er bedeute den Anfang vom Ende der Welt.

Die Verwaltung des Vespasian war nach allen Seiten hin wohltätig und fruchtbringend. Er starb an einer Krankheit. Ihm folgte sein Sohn Titus, der 79 bis 81 regierte. Von der Nachwelt wurde Titus mit unverdientem Lobe bedacht. Er scheint an seinen Ausschweifungen gestorben zu sein. Er hatte eine Leidenschaft für Knaben. Stadtkundig war seine Verbindung mit der schönen Jüdin Berenice, einer Prinzessin aus dem Hause des Herodes. Wiederum folgte der Sohn. Es war Domitian. Uber ihn wissen wir zwar nur aus den Berichten seiner Feinde, aber es muß wirklich ein hervorragend unangenehmer Mensch gewesen sein. Namentlich war der Argwohn bei ihm so krankhaft ausgeprägt, wie in unserer Zeit bei Abdul Hamid, und artete schier in Verfolgungswahn aus. Der Wüterich wurde 96 ermordet. So hatte die Dynastie des Vespasianus, nach seinem Vornamen „die Flavier“ benannt, nicht ganz ein Menschenalter bestanden. Trotzdem prägte sich die Erinnerung an sie so stark der Menschheit ein, daß noch ein Jahrtausend später gelegentlich bei den Arabern alle Römer als „Söhne der Gelben“, das ist der Flavier, bezeichnet werden.

Neben dem jüdischen Kriege und den nie ganz abreißenden Feldzügen gegen die Parther waren Kämpfe in Britannien und am Niederrhein die bedeutendsten Unternehmungen der Zeit. Bei den germanischen Batavern, den Vorfahren der Holländer, erhob sich ein in den Waffen, wie in Staatskunst gleich tüchtiger Mann, dessen römischer Name Claudius Civilis lautete. Er benutzte die Unruhen, die nach dem Tode Neros entstanden, um sein Volk unabhängig zu machen. Dabei half ihm die Seherin Veleda. In dem ewig Weiblichen sahen ja die alten Germanen etwas Heiliges, und trauten ihm prophetische Gabe zu. Es war die unbewußte Intuition der Frau, die solchen Glauben erzeugte. Ein Jahr lang machte Civilis den römischen Legionen das Leben sauer. Von Xanten am Unterrhein bis zum Meere tobte der Kampf. Das Ende war ungefähr so,wie nach demUnabhängigkeits-kampfe des Transvaals, so wie bei den Buren, den Urenkeln der Bataver, nach Majuba. Was das Schwert errungen, verdarb wieder die Diplomatie. Die Selbständigkeit wurde zugestanden, aber die Oberhoheit Roms blieb, und die Bataver verpflichteten sich, wenn Not, den Römern Hilfstruppen zu stellen.

In Britannien war ebenfalls ein Weib die grimmigste Gegnerin der Römer. Die Königin Boadicea entflammte ihr Volk zu leidenschaftlichem Widerstande. Boadicea (oder Budika) war die

Königin der Ikener. Ihr Gemahl Prasatus hatte den römischen Kaiser zum Miterben seiner beiden Töchter gemacht, um sein Haus und sein Reich zu schützen. Statt dessen aber wurde sein Reich mitsamt seiner Familie der Habsucht und dem Übermute preisgegeben. Boadicea sah ihre Töchter entehrt, sich selbst mit Schlägen mißhandelt, die Vornehmsten ihres Volkes wurden ihrer Güter beraubt und wie Sklaven gehalten. Dazu übte der römische Prokurator, Dekanius Catus, im Namen des Kaisers die drückendste Habsucht. Endlich brachte Boadicea einen allgemeinen Aufstand zum Ausbruche. Mit den Ikenern erhoben sich die Trinobanten und andere Nachbarvölker. Während der Legat (General) Suetonius Tranquillus auf einem Zuge nach der Insel Mona(Anglesy) abwesend war, wurde die Veteranenkolonie Camulodunum erobert, und der Legat der neunten Legion, Cerialis, in die Flucht geschlagen. Suetonius — derselbe Mann, der eine Expedition nach dem Hochatlas geleitet hatte — eilte hierauf herbei und drang bis Londinium vor. Allein er war zu schwach, um diese Stadt zu halten, und gab sie den Feinden preis. Londinium, und bald darauf Verulanien wurden von den Britannen eingenommen, und alle Römer und römischen Bundesgenossen — angeblich gegen 76000 — grausam ermordet. Als Suetonius gegen 10000 Mann beisammen hatte, beschloß er eine Schlacht. Boadicea stellte ihm ein ungeheures Heer, das ein späterer Schriftsteller auf 230000 Menschen schätzt, entgegen. Allein die Kriegskunst siegte über die Masse; von den Römern sollen 400, von den Britten angeblich 80000 Mann gefallen sein. Boadicea wollte das Unglück nicht überleben und starb durch Gift. Die Romanisierung Britanniens biszu dem Forth of Firth in Schottland ging nun unaufhaltsam ihren Gang. England ward eine Provinz wie Gallien, eine Provinz mit großen und blühenden Städten, römischen Einrichtungen, und einer starken, Latein sprechenden Bevölkerung inmitten einer zahlreichen, Keltisch redenden Unterschicht. In Wales und in Nordschottland behaupteten sich noch unabhängige Kasstämme, die vermutlich jetzt durch zurückflutende, flüchtende Keltenstämme keltisiertzu werden begannen. Auch in Gallien regte sich noch einmal die einheimische Rasse und machte, ziemlich gleichzeitig mit dem Aufstande des Civilis, unter Julius Vindex einen letzten Versuch, das fremde Joch abzuwerfen. Der Versuch mißlang. Seitdem ging das Keltische in Gallien merklich zurück, um im dritten Jahrhundert ganz zu verschwinden. Auch in die Welt der Basken, die damals wohl noch von dem Ebro bis zur Garonne saßen, wurde Bresche gelegt. Tolosa, das heutige Toulouse, ward ein glänzender Mittelpunkt für die Ausstrahlung römischer Kultur.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum

Männer; Völker und Zeiten


In diese Zeit des größten Aufschwungs der Südkultur fällt das Emporkommen der Germanen. Wir haben oben gesehen, daß die Germanen ein Zweig der Indogermanen oder Arier sind. Als ihre nächsten Verwandten kann man die Italiker (die ursprünglich wohl in Litauen saßen) und die Slawen ansprechen. Die Germanen treten zuerst an der mittleren Donau, dann am Rhein, und noch später am Schwarzen Meere auf. Ob die Bastarner, die um 200 v. Chr. Verhandlungen mit dem Mazedonier Philipp dem Zweiten pflogen, germanischen Blutes waren, ist unsicher. Nicht einmal von den Kimbern und Teutonen ist es völlig gewiß. Der erste bestimmt beglaubigte Zug der Germanen ist der der Sueven oder Schwaben, die unter Ariovist in das Elsaß einbrachen und sich bis zur oberen Seine ausbreiteten. Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß damals Europa noch von einer Fülle anderer Rassen bewohnt war. Von dem Atlantischen Ozean bis zur Wolga und zum Kaukasus hausten Verwandte der Tscherkessen und Georgier. Alle die oftgenannten Urvölker, die Iberer, die Ligurer, Rätier, Vindelizier und Jazygen gehörten zu dieser Rasse. Bis in die Gegenwart ragt ein Überbleibsel jener europäischen Kasstämme, nämlich die Basken. Im Norden aber, vom Weißen Meer bis nach Jütland und vielleicht bis Holland saßen die Finnen. Außerdem war ein beträchtlicher Teil Europas noch von den Kelten erfüllt, deren Niederlassungen von Portugal bis zum Bosporus reichten. Die Germanen scheinen von der Gegend zwischen mittlerer Donau und oberer Weichsel ausgegangen zu sein. Jüngste Forschung hat entdeckt, daß in der Urzeit Bayern und Angelsachsen zusammengewohnt haben. Das kann nur in der beschriebenen Gegend gewesen sein. Von Osteuropa aus breiteten sich die Germanen, den keltischen Block umfließend, zugleichnach Norddeutschland und nach der oberen Donau und dem oberen Rhein zu aus. Umstritten ist die Frage der Besiedlung Skandinaviens. Wahrscheinlich sind auch nach Skandinavien die Germanen erst spät, und zwar von Osteuropa aus gekommen. Die niederrheinischen Germanen hatten Berührungen und Reibungen mit den keltischen Beigen, die oberrheinischen mit den Alpenvölkern. Ariovist hatte zwei Gattinen zu gleicher Zeit; die eine davon war die Tochter des nichtarischen Königs vonNorikum (Oberösterreich und Steiermark). Es ist nur natürlich, daß die zahlreichen, bereits ansässigen Fremdvölker nicht ohne Rückwirkung auf das Blut und die Gesittung der Germanen blieben. In vielen Fällen wird die ältere Bevölkerung die Kulturgeberin gewesen sein. Sogar die Waffen der Germanen sind zu einem großen Teile keltischen Ursprungs. Und von den Kasstämmen hat sich so manches Wort wie Spanferkel, Zelter, Lawine bis zum heutigen Tage bei uns erhalten, gleichwie auch im Französischen und im Italienischen noch viele baskische Wörter ihr Dasein fortsetzen. Aus Urkunden läßt sich nachweisen, daß noch im zwölften Jahrhundert Rätier zwischen Garmisch und Innsbruck saßen. Der fremde Einfluß im Skandinavischen erhellt aus der seltsamen Gewohnheit des Schwedischen und Dänischen, den Artikel hintenan zu setzen. Das ist die Gepflogenheit des Baskischen und Finnischen. Die Edda erzählt, daß die Äsen das Pferd von den Thursen kennen lernten. Die Thursen aber sind, wie schon Jacob Grimm sah, die Thyrsener oder Etrusker.

Weit entfernt jedoch, der Art und Sitte der Unterworfenen sich gänzlich anzubequemen, haben vielmehr die Germanen den großen Schatz eigener Einrichtungen und Sitten, die sie mitbrachten, im wesentlichen behauptet. Sie hatten selbständige Ansichten über das öffentliche Leben, über Anlage der Dörfer und Hausbau, endlich über die Stellung der Frauen und das Walten der Gottheit. Immerhin muß darauf hingewiesen werden, daß die Namen der meisten Städte in germanischen Landen vorgermanischen, und meist vorarischen Sprachen entnommen sind, und in den Alpengegenden wenigstens hat sich die Tracht der älteren Volksschicht siegreich durchgesetzt. Das Hochziel des Germanen war Jagd oder Krieg. Den Ackerbau überließ man den Unfreien, das heißt den unterjochten Nichtgermanen, die ihren Herren frohnden und zinsen mußten. Erst allmählich gewöhnten sich auch Freie an den Gedanken, daß ein selbst ausgeübter Ackerbau keine Schande bringe.

Nun stießen die Germanen mit den in gewaltigster Ausdehnung begriffenen Römern zusammen. Ein Naturvolk, zwar hochbegabt, aber noch auf niedriger Stufe stehend, ohne Schrifttum, ohne festere Staatsformen, ohne die Zucht, die ein Zusammenarbeiten in größeren Heeresverbänden bringt, wollte den Kampf mit den unerschöpflichen Hilfsquellen, mit der Artillerie und der straffen Zucht der Römer aufnehmen. Es war ein Wunder, daß die Germanen da nicht erlagen. Ein einziger Mann rettete sie: Arminius. Er ist zuversichtlich der Siegfried unserer Sagen. Es gibt keine große Gestalt unserer Heldenlieder, die nicht geschichtlich wäre. Also muß auch Siegfried im Fleische gewandelt haben. Zudem zeigen die anderen Namen seiner Sippe, Segest, Segimer und Segistag dieselbe Wurzel wie Siegfried — eine Gewohnheit der Namengebung, die auf germanischem Boden sehr häufig ist.

Freilich waren die Germanen weiter von der Südkultur und ihrem überwältigenden Einflüsse entfernt, als die Kelten. Aus dem gleichen Grunde haben sich die Türken besser der chinesischen Umklammerung zu erwehren gewußt, als die dem Reich der Mitte näheren Tungusen. Gleichwohl haben es die Römer wahrlich nicht an Mühe und Anstrengung fehlen lassen, um die widerspenstigen Feinde im Norden zu bezwingen. Zu Wasser und zu Lande rückten sie ihnen von allen Seiten zu Leibe. Auf der ungeheuren Linie, die von der mittleren Donau und der oberen Elbe über den Spessart nach der Weser führt, drangen die römischen Legionen vor; so war die Germanenwelt von Südosten, Süden und Westen her flankiert. Auf der Nordsee aber kreuzte eine römische Flotte, die an der friesischen Küste Landungen versuchte — ein Zusammenwirken, wie es dem Geiste Wallensteins bei der Belagerung Stralsunds vorschwebte, insofern spanische Truppen von Oberitalien nach dem Niederrhein marschiert waren und Wallenstein eine spanische Flotte nach der Ostsee wünschte. Auf dem Landwege war Drusus bereits bis zur unteren Elbe gekommen, und nur wenig Jahre vergingen, da war Böhmen mit dem nördlichen Vorlande ein römischer Vasallenstaat. So fehlte wenig und der Ring wäre geschlossen worden. Arminius, der in römischen Heeren gedient hatte und dabei weit in der Welt herum, vielleicht sogar bis Armenien gekommen war, erkannte die furchtbare Gefahr. Ehre und Preis dem Manne, der aus einem dunklen Naturgefühl heraus, lediglich aus Selbsterhaltungstrieb, den heimischen Boden gegen feindlichen Einfall verteidigt. Allein Arminius stand weit höher als ein Kirgisenhäuptling, der gegen die Russen kämpft, oder ein Emir des Sudans, der sich der Franzosen zu erwehren sucht. Bei ihm war es mehr als ein dunkles Gefühl, als ein unklarer Instinkt. Arminius war ein Staatsmann von hohem Wurf. Warum sollte man ihm weniger Zutrauen als dem Ariovist oder seinen Vorgängern, die mit einer Partei in Rom und dem fernen Mithridat in Verbindung standen? Der Cherusker hat denn auch ebensoviel durch List, wie durch persönliche Tapferkeit sein Ziel erreicht. Er lockte den Varus in den Teutoburger Wald, in die Nähe der Porta Westfalika, und vernichtete fast zwanzigtausend Mann. Ihn selbst, den Befreier des Vaterlandes, traf im eignen Hause schweres Geschick; sein geliebtes Weib, Thusnelda, fiel in die Gefangenschaft der Römer. Das war so zugegangen. Mit stürmender Hand hatte einst Armin die Braut aus der Feste Segests geraubt. Der Schwiegervater wider Willen, der es ohnehin mit den Römern hielt, zürnte unversöhnlich und nun doppelt dem jungen Cheruskerfürsten. Er benutzte eine Abwesenheit Armins, um sich mit Gewalt der Thusnelda zu bemächtigen, und er überlieferte selbst die Tochter, die damals hochschwanger war, dem Neffen des Tiberius, dem Germanikus, der herbeigeeilt war, um die Niederlage im Teutoburger Walde zu rächen. Thusnelda blieb bis an ihr Lebensende in Gefangenschaft. Wer kann den Schmerz ihres hochgemuten Gatten ermessen? Vielleicht entflammte ihn der Verlust zu immer größerer Anstrengung, zu heißer Wut. Als die Nachricht von dem Kommen des Germanikus erscholl, da ritt Armin wie auf den Flügeln der Windsbraut, wie der lichtschnelle Gott Freier selbst durch die deutschen Gauen, um die Stämme zum Zusammenschluß und zum erbitterten Widerstande anzustacheln, Waffenä! erbrauste es überall, und begeistert folgten die Mannen dem erprobten Führer. Von neuem maßen sich die starken Gegner in offner Feldschlacht; es war der Sommer des Jahres 15 n. Chr. Die Wahlstatt lag etwas weiter östlich, als im Jahre 9, da Varus dahinsank. Die Männer des Südens nannten sie Idistavisus, das ist die Geisterwiese. Es wird die Gegend am heutigen Deister sein, und der Morast, in den die Legionen gerieten, wird unweit des Steinhuder Meeres gewesen sein. Beim Bade Nenndorf, in der Nähe, wird heute noch eine Römermauer gezeigt. Fast wären die Legionen neuerdings erlegen. Nur mit äußerster Mühe fochten sie sich durch. Tiberius hielt ein weiteres Ringen für zwecklose Vergeudung von Geld und Gut, gebot Einhalt, und versetzte den tatenfreudigen Germanikus, der gern einen entscheidenden Sieg davontragen wollte, nach Vorderasien. Der Kaiser, der selbst jahrelang gegen die Germanen im Felde gestanden hatte, tat dabei den denkwürdigen Ausspruch: Unsere beste Bundesgenossin gegen die Germanen ist deren eigene Uneinigkeit.

In der Tat brach bald ein Bürgerkrieg zwischen Armin und Marbod, der in „Böheim“ und Sachsen ein Reich begründet hatte, aus. Auch regte sich die Eifersucht der eigenen Verwandten gegen den Cheruskerfürst. Wie es ein vogtländischer Dichter der Spätromantik, Deeck, in einem „heldischen“ Gesänge ausgedrückt hat,

Ruhm Hermann, dem Vaterlandsretter!

Tod Hermann, dem Freiheitsdränger!

Es war die berühmte „Libertät“, um die noch während des Dreißigjährigen Krieges die Fürsten stritten. Wir nennen es heute Partikularismus. Ein Mord also war der Dank der Niedersachsen — oder waren es Hessen? — für ihre Befreiung. Sofort bemächtigte sich denn auch die Sage der Gestalt Armins. Selbst der große Geschichtsschreiber seiner Gegner, Tacitus, (um 90 n. Chr.) hat von den Heldenliedern erfahren. Die Sage laßt Siegfried durch Anstiftung seiner Verwandten fallen, nachdem er das meiste dazu beigetragen, den Ansturm eines gefährlichen Feindes zurückzuwerfen.

Der eine Trost konnte wenigstens dem Sterbenden bleiben: sein vaterländisches Werk war erfolgreich gewesen. Zwar ist fast ein Drittel Germaniens, das durch einen ungeheuren Wallgraben, den Limes, von dem freien Germanien abgeschnürt war, auf vierhundert Jahre, und in manchen Gegenden, wie bei Regensburg, noch länger der Romanisierung verfallen. Das Herz des Landes aber mit dem breitflächigen Gebiete, das sich bis jenseits derWeichselund des Riesengebirges erstreckte, war selbstständig geblieben. Nur einmal in der Weltgeschichte, wenn man von den paar spanischen Söldnern Karls V. und den Kroaten Tillys und Wallensteins absieht, ist das innere Deutschland von einem nichtgermanischen Feinde erobert worden: von Napoleon. Indessen dauerte diese Besetzung nur sieben Jahre. Wie oft sind dagegen slawische und romanische Staaten von Rassefremden, und zwar lange Zeiträume hindurch, beherrscht worden!

Der Limes ging von Kehlheim an der Donau oberhalb Regensburgs über den Spessart und Taunus nach dem Rheine, wo er gegenüber von Andernach aufhörte. Mit Vorliebe wählt der Limes den Kamm der Gebirge, weil man von darnach allen Seiten bequem ausschauen kann, und sich vor einer Überrumpelung schützt. Alle zehn bis fünfzehn Kilometer wurde ein befestigtes Lager errichtet. Auch fehlte es nicht an Wachttürmen längs der Linie. Im Taunus geht der Limes gerade über den Feldberg, gar nicht weit vom Brünhildisfelsen, berührt also heilige Stätten der Germanen. Dort im Taunus ist ein großes Lager noch in den Grundfesten erhalten, und ist auf Veranlassung Kaiser Wilhelms II. ganz in römischer Art wieder aufgebaut worden. Es ist die Saalburg. Zwei Stunden davon ist die kleinere Kapernburg. Nicht ausgeschlossen ist, daß die Römer, die von der großen Mauer Chinas Kentnis hatten, durch das chinesische Vorbild auf den Gedanken des Limes verfielen. Jedenfalls dienten beide Riesenwerke dem gleichen Zweck, die kriegerischen Völker des Nordens im Zaume zu halten. Gleiche Lage aber erzeugt wohl gleiche Maßregeln. Noch in der Gegenwart hat Lord Kitchener in Südafrika eine Art Limes mit Blockhäusern zur Abwehr der schweifenden Burenscharen ersonnen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus

Männer; Völker und Zeiten

Bildverzeichnis der Abbildungen unten.

WAS die Römer von Natur aus inilbrachtcn für die Befähigung zum Borträt war eine klare aufs Sachliche gerichtete und nüchterne Anlage in der Betrachtung aller Dinge. Diese Anlage erhielt durch die realistische Porträtkunst der Etrusker ihre erste künstlerische Festigung. Bis gegen das Ende der Republik, ehe noch die großen genialen Persönlichkeiten aus der Gleichgewichtslage des republikanischen Lebens herausdrängten, genügte diese sachliche Treue gegen das empirische Objekt, um die Physiognomien von Menschen festzuhalten, die noch von keinem regen Geistesleben differenziert waren, und deren Züge vor allem die leicht in Formen festzuhaltenden prägnanten Merkmale einer willensmäßigen Energie trugen. Mit der Erweiterung des römischen Stadtstaates über die ganze Mittelmeerwelt war es notwendig gegeben, daß einige hervorragend begabte Individuen sich von dem Grunde loslösten, der bisher allen gemeinsam gewesen war, und sich über die Mittelmäßigkeit erhoben. Für diese Individuen genügte der reine Erobererwille, der bloße Machtinstinkt nicht mehr; sie mußten die Welt, die sie unterworfen hatten, auch mit überlegenem Geiste erfassen, um jene gleichmäßige Atmosphäre ausbreiten zu helfen, in der alle Menschen als in einer homogenen Luft zu atmen vermochten. Alles Neue und Fremde strömte in sie hinein, den verschiedensten Einflüssen mußte ihre Seele offen stehen, damit sie das Getrennte zu verkitten imstande waren durch einen alle Formen durchströmenden Äther. Sie waren Eroberer und wurden erobert; der politische Stoß nach Osten löste den geistigen Gegenstoß nach Westen aus, und in der hellenistischen Kultur ward das verbindende Element gefunden. Neben die rücksichtslose Willenskraft trat die geistige Aufnahme- und Urteilsfähigkeit und gab den Individuen ein anderes Gesicht. Die trocken nachzeichnende Porträtkunst der Etrusker genügte nicht mehr, um das Wesen dieses neuen Typus Mensch zu umspannen; mit ihr mußte sich griechische Genialität verbinden, um das Geistige in die Grenzen der Form einzubilden.

Die hellenistische Porträtkunst war imstande, die geistige Atmosphäre mit zu fassen und zu vermählen mit dem empirisch Gegebenen; sie hatte die Verbindung der physiognomischen Einzelheiten mit dem bewegenden inneren Elemente zuwege gebracht und die Peripherie mit dem geistigen Zentrum verankert, so daß in allen Einzelheiten dieses eine Wesentliche zur Geltung kam. Die Bahnen von außen nach innen waren freigelegt und dem fühlenden Erkennen gangbar gemacht worden. Erst durch diese hellenistische Porträtkunst wurde die römische möglich und das, was sie ist.

Die freie Phantasieschöpfung, die immer neue Gestaltung der Götterwelt hörte im Laufe des hellenistischen Zeitalters auf, da diese Welt die Geister nicht mehr binden konnte. Mit einem neuen Objekte mußte sich die Kunst vermählen, um wirklich Neues zu schaffen, und dieses Objekt war die frei in sich schwebende Persönlichkeit. Aus der Gebundenheit trat das Individuum heraus, um ganz auf sich gestellt zu sein. Die Bindung war es gewesen, die eine einheitliche und große Organisation geschaffen hatte; das war die Größe des Allgemeinen, die durch das Opfer des Einzelnen möglich wurde, und dieses Allgemeine erhielt sich nunmehr aus eigener Kraft, aus Beharrungsvermögen. Die Machtvollkommenheit ging vom römischen Volke an eine ordnende und den eingeleiteten Gang überwachende Zentralgewalt über, die alles an sich riß. War sie früher der Lebensinhalt einer gleichgestimmten Vielheit gewesen, die ganz sich in ihr ausgab, so wurde sic jetzt in allmählichem Fortschreiten immer mehr Vorrecht eines über alle hinausgestellten Mächtigen, dem eine Unzahl anderer früher gleichberechtigter Individuen weichen mußte. Dem Ausschluß von der Herrschaft folgt bei den früher beteiligten Elementen die Interesselosigkeit, wie bei dem Arbeiter, der im Dienste einer Maschine steht, das Interesse an dem Produkt aufhört, das sie hervorbringt; nur wenn er selbst tätig mitgestaltet, schöpferisch das Produkt von Anfang an unter seinen Händen entstehen läßt, kann er sich an ihm ausleben und befriedigen. So traten denn die Individuen aus der politischen Bindung immei mehr heraus und blieben sich selbst überlassen. Die Kräfte, die früher im Leben für den Staat angesetzt wurden, mußten sich einen Ersatz suchen und anderswo angreifen; sie standen der Persönlichkeit frei zur Verfügung, die sich ihrer zum Guten oder Schlimmen bedienen konnte, je nach ihrer Charakteranlage.

Das Individuum wurde frei, um sich mit der geistigen Kultur des Hellenismus zu durchdringen und ihr Träger zu sein. Mit der Lockerung der politischen Bindung traf in der Kaiserzeit bei den Gebildeten eine Lockerung der alten religiösen zusammen, so daß das Individuum ganz auf sich und in sich selbst zurücksank und von sich aus seine Stellung zur Welt im ganzen Umfange ihres materiellen und geistigen Inhaltes bestimmen mußte. Es schwebte frei in sich, konnte sich zum Höchsten entfalten und zum Tiefsten erniedrigen, in alle Extreme zerspringen. Genießen und Leiden tun sich in ihrer ganzen Gegensätzlichkeit auf und werden nicht gemildert durch eine in allen lebendigen Erscheinungen wirksame Orientierung des Gemütes, durch eine allgemeine, die Gegensätze überbrückende Idee; es herrscht das Pathos der Persönlichkeit. Der eine Mensch wirft sich ganz in den Genuß und entfesselt wilde Kräfte in einem wahrhaft genialen Taumel; der andere kehrt sich gegen sich selbst und deklamiert mit theatralischer Heftigkeit gegen das böse Gelüste in ihm, ohne sich doch befreien zu können, da die Kraft nicht zu Hilfe kommt, die größer ist als der einzelne Mensch. Im besten Falle kann er das Leben von sich aus verneinen, ohne jedoch durch diese Verneinung ein neues Positives zu setzen, so daß Trostlosigkeit seinem Wege zur Seite schreitet. Sein Gebühren wird leicht zu eitler Pose, da es an einem lebendigen Ziel und Inhalt gebricht, der Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit verleiht. Nur wenigen gelingt es, ihrer Freiheit in weiser Mäßigung und sorgfältiger Abwägung dauernd froh zu werden.

Wie steht nun die Frau in dieser Admosphäre ? Die weibliche Welt erhält durch die über ihr stehende männliche ihren Charakter und ihre Bestimmung. Als der Mann noch ganz für den Staat und durch den Staat lebte, da tat das gleiche die Frau in strenger Zucht und Pflichterfüllung in ihrem Staate, der Familie. Der gleiche ernste, herbe und nüchterne Geist herrschte dort wie hier. Die Interessen der Frau gingen nicht über die enge Sphäre ihres Staatswesens hinaus; sie wrar ganz darin gebunden und opferte sich in harter Arbeit auf für den patriarchalischen Haushalt und die Kinder. Ihr Leben verlief in gleichmäßiger Arbeit und strenger Ordnung.

Bei den Römern war die Frau nicht scharf von der Welt des Mannes geschieden wie in Griechenland; als daher der Mann die Bande lockerte, die ihn eisern an den Staat gefesselt hielten, und sich Raumfreiheit zu seiner individuellen Entwicklung verschaffte, da wurde auch die Frau bald befreit von dem Drucke, der durch den Geist des Mannes von jener streng republikanischen allgemeinen Gesinnung auf sie ausgeübt wmrde. Die Familienbande lockern sich, und jeder Teil greift über die enge Sphäre hinaus, um sich nach Anlage und Charakter zu entfalten. Diese Emanzipation der Frau wairde begünstigt durch ihre soziale Stellung: sie behielt ihre Mitgift als unantastbaren Besitz für sich und war, wenn sie aus vermögendem Hause stammte, materiell unabhängig von ihrem Gatten und ihm nicht auf Gnade und Ungnade überantwortet. Die materielle Selbständigkeit gab ihr einen bedeutenden Rückhalt, und schwache Männer konnten leicht zu Sklaven der Mitgift ihrer Frauen werden. So nahm die Frau im öffentlichen Leben ein Stellung ein, die Berücksichtigung erforderte. In der Zeit der starken politischen und ökonomischen Krisen, die mit der gewaltsamen Umgestaltung des ganzen Staatswesens Hand in Hand gingen, erhielten Frauen aus vornehmem Hause noch eine besondere Bedeutung dadurch, daß man die Heirat als Sprungbrett benutzen konnte, um im öffentlichen Leben eine Rolle zu spielen. Die alten Adelsgeschlechter waren stark mitgenommen worden in den furchtbaren Krisen; neue Männer traten auf den Plan, um die Lücke auszufüllen, die in die alte Herrscheraristokratie gerissen war. Aber an dieser Klasse haftete doch noch der ganze Nimbus einer großartigen Vergangenheit, so daß es ein gewaltiger Vorteil war, mit ihr in engste Beziehung zu kommen. Eine Frau aus altadeligem Hause konnte die Brücke schlagen und dem Talent die Vorteile der Geburt verschaffen. Auch innerhalb der Aristokratie war die Frau ein bedeutsamer politischer Faktor, und eine Ehe wurde hauptsächlich unter diesem Gesichtspunkt geschlossen. Durch die Wahl der Frau konnte man schließlich in Beziehung treten zum herrschenden Geschlechte. Daß die Frauen begierig die Gelegenheit ergriffen, die ihnen eine erhöhte Machtstellung zu gewähren vermochte, ist selbstversändlich.

Schon bei den Etruskern hatte die Frau eine ganz andere öffentliche Geltung als in Griechenland, sie nahm an all den ausgelassenen Festveranstaltungen teil, und es galt nicht, wie in Griechenland, für unschicklich, daß sie sich mit den Männern gemeinsam hinlagerte zu Gelagen. Hier war eine ganz andere Gelegenheit für intime Beziehungen gegeben, die erotische Phantasie erhielt unmittelbare Anregung, wenn man den weiblichen Körper in lässiger Ruhe ganz mit den Augen abtasten konnte. Auch die Römer nahmen an dieser freien Sitte keinen Anstoß und duldeten die Gegenwart des weiblichen Elementes nicht nur bei den alltäglichen Mahlzeiten, sondern auch bei Gastereien im eigenen und fremden Hause. So konnte die Frau ganz anders umstellt werden, wenn man einmal den strengen Maßstab bürgerlicher Sittsamkeit verlassen hatte, als in der Abgeschlossenheit des Frauengemaches.

Ganz dem öffentlichen Leben ferngehalten wurde nur das Mädchen; es erhielt im Hause eine geistige Erziehung, die sich nicht sehr von der der Knaben unterschied: Literatur, Musik und Tanz bildeten den Hauptgegenstand der Unterweisung. Schon frühzeitig, oft noch im Kindesalter, wurde das Mädchen verlobt; die Eltern schlossen die Verbindung, die ihnen nützlich und gewinnbringend erschien; Neigung wurde nicht berücksichtigt. Auf gut Glück mußte sich der Mann mit einer Frau versorgen lassen, denn eine Gelegenheit, sich vor der Ehe kennen zu lernen, gab es nicht. Das hatte natürlich verhängnisvolle Folgen, wenn der alte, strenge Familiensinn und der Kreis traditioneller Pflichten gegenüber Staat und Familie sich lösten. Immer schwerere Mißstände mußte diese Sitte im Gefolge haben, je stärker das persönliche Moment sich ausprägte und die unpersönliche Gleichmäßigkeit verlassen wurde. Da konnte es nicht ausbleiben, daß Gegensätze aufeinanderprallten, zwischen denen es keine Brücke gab, und die in Haß und Verbitterung sich scheiden oder in Gleichgültigkeit nebeneinander hinleben mußten.

Trat nun das Mädchen aus seiner vollkommenen Abgeschlossenheit ins Leben als Frau, so fielen plötzlich alle Schranken vor ihr; die große Welt stand ihr mit einemmal offen, und eine Flut neuer Eindrücke und Einflüsse stürmte auf sie ein, die sie emporheben oder hinwegspülen konnte. Alle Möglichkeiten der Entwicklung waren gegeben, und es richtete sich nur nach ihrer individuellen Anlage, was aus ihr wurde. An der Spitze eines gegen Ende der Republik immer riesiger wachsenden Hauswesens wurde sie aus dem Verhältnis des Gehorchens in das des Herrschens versetzt. Das öffentliche Leben, an dem sie teil hatte, brachte eine Fülle der verschiedenartigsten Anregungen, denen sie sich hingeben oder deren sie sich erwehren konnte, je nach ihrer Veranlagung. Das Beste oder das Schlimmste vermochte sie aus sich selbst zu machen, denn die Gestaltung ihres Lebens war in ihre Hand gegeben. Die Kultur, die schon überreif von Osten vordrang, nahm von ihr Besitz, verfeinerte und erhöhte ihre Lebensansprüche. Alle individuellen Schattierungen waren möglich in einer solchen Welt: von der wilden und in ihrer Art grandiosen Zügellosigkeit einer Messalina bis zu der adeligen Größe einer Arria, die ihrem Gemahl zeigte, wie man ein Unglück zu tragen und durch freiwilligen Tod sich zu befreien vermochte. Durch Klugheit, List und Verschlagenheit vermochte die Frau eine hervorragende Rolle zu spielen; ja, diese Eigenschaften mußten sich ausbilden in einer Zeit, die den Frauen den Boden unter den Füßen wegzog, auf dem sie ein beruhigtes Dasein sich gründen konnten. Durch den schnellen Umschlag der Interessen konnte die Frau, die heute viel gegolten, morgen nutzlos werden; man entledigte sich ihrer durch die Scheidung, die so leicht zu bewerkstelligen war, und schickte sie fort. Unter dieser Unsicherheit der Verhältnisse hatten besonders edle Frauen zu leiden, die es nicht vermochten, ihr Wesen stets in den Vordergrund zu drängen, und auf sie häufte sich leicht der ganze Jammer eines schweren und unverdienten Loses. Was Wunder, daß man zu Mitteln Zuflucht nahm, die besser zu einem annehmbaren Ziele führten, und den gesicherten Moment voll auszukosten strebte. Die Grundfesten des Familienlebens waren gelockert und konnten bei jeder leisen Erschütterung zusammenfallen; wollte man seinen ganzen Lebensinhalt nicht in Frage gestellt sehen, so mußte man seine Interessen von der Familie lösen und sich Ersatz schaffen durch Betonung der individuellen Selbstgenügsamkeit. Dadurch ging aber vielen Frauen das Element verloren, in dem sie ihre ganze segensreiche Tätigkeit entfalten konnten, zu der sie von Natur berufen waren.

Die innere Befriedigung des Weibes, die aus einer gesicherten mütterlichen Funktion entsprang, blieb vielen ferne, und sie wurden in Verhältnisse getrieben, die zu Maßlosigkeit und Exzentrizität führen mußten. In diesem unsicheren Milieu waren Klugheit, Berechnung, Energie und weitgehender Egoismus Faktoren, die eher eine Gewähr für Anerkennung und Geltung leisteten, als aufopfernde Hingabe und Güte. Dadurch aber wurde wiederum die ganze Psyche in Spannung erhalten, so daß die geistige Regsamkeit, Durchbildung und Nuancierung beständig fortschritt und ganz neue Formen des Individuellen schuf. Die egozentrische Persönlichkeit wurde das Feste im bewegten Leben; auf sie lenkten sich alle Zwecke und Kräfte, die früher der Allgemeinheit gedient hatten. Die psychischen Einwirkungen auf die Frau, die ungeformt und in jugendlicher Unkenntnis ins Leben trat, waren mannigfach. Sie sah sich an der Spitze eines zahlreichen Sklavenheeres, über das sie nach Gutdünken verfügen konnte. Wenn Macht- und Grausamkeitsinstinkt in ihrer Natur wohnte, so hatte er hier die erste, ausgiebige Nahrung. Dazu kam noch ein Heer von Klienten und der ganze Schwarm abhängiger Menschen, der sich an ein vornehmes Haus wie ein Kometenschweif heftete, um in der Herrin eines solchen Hauswesens eine großartige Vorstellung von persönlicher Macht und Einfluß zu erwecken. Umworben und umschmeichelt wurde sie von den verschiedenartigsten Elementen, und es bedurfte schon eines großen Maßes von Selbstbeherrschung und Festigkeit, um sich nicht verwirren zu lassen. Ein Zufall war cs, wenn die durch Konvenienz geschlossene Ehe sich harmonisch gestaltete; erwies es sich jedoch, daß die Ehegatten keine inneren Beziehungen zueinander finden konnten, so war es ein leichtes, daß durch Künste der Verführung die Frau zur Untreue verlockt wurde. Gelegenheiten gab es überall: bei den Gastmählern, wo oft durch Aufführung gewagter Szenen die Sinnenlust wachgerufen wurde, bei den öffentlichen Spielen, die durch nervenerregende Vorgänge das ganze Empiin-dungsleben aufpeitschten und in unruhige Vibration versetzten. So konnte die Frau mannigfachen Versuchungen anheimfallen, und es ist kein Wunder, daß die römischen Schriftsteller über ihre mangelhafte Treue und ihre Flatterhaftigkeit klagen. Doch in dieser Freiheit gediehen erst die persönlichen Fähigkeiten, und das Individuum gewann seinen Stil nach dem Grundrhythmus, der in ihm schwang; ob er sich zum Guten oder Schlechten neigte, großartig konnte er in jedem Falle werden. Welch einer ethischen Kraft bedurfte es, um in diesem Leben voll der lockendsten Versuchungen seine Ehrenhaftigkeit rein zu bewahren! Der Mensch war ganz auf sich gestellt und konnte einmal zeigen, wie er sich aus eigner Kraft mit dem Leben auseinandersetzte. Die Bindung an feste Zwecke und Ziele, geheiligt durch die Tradition, an ererbte, festumschriebene Pflichten und Rechte tat sich auf, und das Individuum schritt frei aus dem begrenzten Kreise, der seinen inneren Möglichkeiten Schranken setzte, hinaus und konnte zu einer persönlichen Monumentalität gelangen, von der uns die römische Kaiserzeit hervorragende Beispiele gegeben hat. Der Zug ins Großartige, quantitativ Monumentale wohnte dem römischen Wesen von Natur aus ein und zeitigte auf dem Gebiete der persönlichen Lebensgestaltung Formen, die eine analoge Wirkung auf uns üben wie die riesenhaften Bauten eines auf gewaltige Repräsentation gerichteten Geistes. Das lebendige Material, welches der Kunst zur Gestaltung gegeben war, bot einen unendlichen Anreiz und Ansporn, nach reichen Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen, um diese ganze Welt in ihrer Fülle festzuhalten. Gegenstand und formales Kunstvermögen trafen in adäquater Ausbildung zusammen, um ein Produkt von glänzender Wirkung hervorzubringen, das eine unmittelbar lebendige Illustration der römischen Kultur darstellt.

Der Zeit der Republik gehört das Ehepaar auf dem Grabdenkmal Abb. 258 an. Ein derber Menschenschlag steht uns hier noch vor Augen; keine beweglichen Geister sind diese Typen, durch zähe Starrköpfigkeit und unverwüstliche Vitalität setzen sie durch, was sich einmal in diesem schweren Schädel festgerammt hat. Keine Abweichung von einem Vorgesetzten Ziel ist bei solcher bornierten Einseitigkeit möglich. Durch diese zähen Naturen, die sich aus dem eingenommenen Raum nicht mehr verdrängen lassen, selbst wenn die Welt über ihnen zusammenfällt, ist der römische Staat groß geworden. Mann und Frau verraten die gleiche Grundanlage; schwere Haus- und Mutterpflichten lasten auf der Frau und drücken ihren Geist zu Boden, wo er ganz dem materiellen Leben verfällt. Arbeitsreich ist ihr Dasein, keine Spur von Anmut, falls sie je vorhanden war, kann sich erhalten. So sieht das Geschlecht aus, das in dumpfer Tätigkeit und verbissener Solidität die Grundfesten zimmert, die einst ein mächtiges Gebäude voll Leben und Schönheit tragen sollen. Trocken sachlich und konstatierend formt der Künstler mit schweren Händen sein Werk nach der Wirklichkeit und zeichnet mit hartem Griffel die vom Leben ebenso gezeichneten Züge ein. Reichere Nuancen birgt schon das Porträt Abb. 259. Das Typische weicht einer individuellen Charakteranlage. Auch diese Frau ist noch ein Arbeitstier; doch fügt sie sich nicht mehr mit dumpfer Gelassenheit in ihr Los; ihr ganzes Wesen ist ein Protest. Verbissen und verbittert wird sie oft leidenschaftlich aufbegehren und ihre Umgebung durch Heftigkeit erschüttern. Dennoch schimmert noch ein Rest von Gutmütigkeit durch die harten Formen, die das Leben geprägt hat. Die starren, unbeweglichen Mittel, welche die Kunst handhabt, werden allmählich flüssiger und weicher, wie der Kopf Abb. 260 es zeigt. Die Einzelform sucht nach Vermittlung mit dem Ganzen und gibt ihre energische Isolierung auf. Die Zerrissenheit wandelt sich in plastische Ruhe, und die vermittelnde Kunstsprache wird zurückhaltender, vornehmer, aber auch kühler. Diese Frau gehört noch dem älteren Schlage an; sie ist eine gewöhnliche Person, gutmütig und beschränkt, aber ehrenwert in jeder Beziehung, da keine lebhafte Anlage und Interessen sie aus dem Kreis des Hergebrachten und der biederen Bürgerlichkeit heraustreiben.

Der ganze Zuschnitt des Lebens änderte sich gegen Ende der Republik, und auch die Frau trat mehr aus dem Bann begrenzter Pflichten und Bedürfnisse heraus, die ihrer Entwicklung keinen Spielraum ließen. Die alte Rustizität konnte sich in solchen Verhältnissen nicht mehr erhalten, denn die Weltherrschaft verlangte repräsentative Größe. Der vulgäre Typus bildet sich um zu feineren Physiognomien, die eine ruhige Größe und selbstbewußte Vornehmheit zur Schau tragen. Schon das Bildnis der Frau auf dem Grabmonument Abb. 261 zeigt die veredelte Form, die alle scharfe Prägnanz der Einzelzüge vermeidet, um ein Bild kühler Vornehmheit hinzustellen. Es wird zum erstenmal Wert auf weibliche Anmut und unaufdringliche Erscheinung gelegt. Diese Frau leidet nicht mehr unter der Last körperlicher Arbeit; sie hat Muße, sich selbst zu kultivieren und auf eine angenehme Körperlichkeit Bedacht zu nehmen. Das Zeitalter des Augustus steht unter dem Zeichen einer distinguierten Reserve und idealisierenden Geschmacksrichtung. Der rücksichtslose Realismus der vorangegangenen Epoche galt als vulgär und unvornehm; er paßte nicht in eine Zeitstimmung, die von der weltgeschichtlichen Berufung des römischen Volkes durchdrungen war und dieser Glanzstellung durch aristokratische Würde und Feierlichkeit Rechnung zu tragen liebte. Man war gebildeter geworden und genoß die Schätze griechischer Weisheit und Kunst. Gegen die verheerenden Einflüsse, die aus dem Orient hereinfluteten, suchte ein Teil der herrschenden Klasse Front zu machen, um den alten strengen und etwas steifen Geist, durch den Rom groß geworden, zu konservieren. Das klassisch Ruhige und Leidenschaftslose wurde demgemäß auch in der Kunst bevorzugt; man nahm sich die ältere griechische Kunst zum Vorbild und strebte nach plastisch klarer, unbewegter Form. Nach den greuelvollen Zeiten der Inneren Wirren hielt man den lange ersehnten Frieden doppelt wert, und die Äußerungen der Leidenschaft konnten eine Zeitlang durch dieses Ruhebedürfnis zurückgehalten werden. So steht denn, wie alles andere, auch die Porträtkunst dieser Zeit unter dem Zeichen ruhiger Schönheit und veredelter Formvollendung. Am Hause des Augustus hatte dieser feierlich ernste, pon aller Extravaganz sich fernhaltende altrömische, konservative Lebensstil einen bedeutenden Rückhalt, während zugleich der neue ungebundene und frohe Grniußergiist Einlaß begehrte und in der Tochter und Enkelin des Prinzips, Julia, Vertretei innen fand.

Ein Beispiel für diese klassizistische Geschmacksrichtung der augusteischen Kunst bietet der Basaltkopf der Oktavia (Abb. 262), der edlen Schwester des Augustus. Vollendete Formklarheit und ruhige Schönheit sind vor allem angestrebt, um ein edles Bild vornehmer Fraucnhaftigkeit in idealer Form festzuhalten. Das lebendige Temperament ist sorgsam zurückgedämmt zugunsten der stolzen Reserve, die eine fugend des beherrschten aristokratischen Gemütes ist.

Zu den Hauptvertreterinnen der altaristokratischen Tugenden und Sittenstrenge gehörte Livia, die Gemahlin des Augustus. Nur ein ganz sicheres Bildnis besitzen wir von ihr in dem Bronzebüstchen des Louvre (Abb. 263). Obwohl keine erstklassige Arbeit, hat dieses Werk doch eine Unmittelbarkeit im Ausdruck, die die Erscheinung dieser hervorragenden Frau lebhaft vors Auge führt. Auf diesem Antlitz spiegelt sich ein lebendiges, ruheloses Temperament, eine bewegte Geistigkeit, unbeugsamer Stolz, rasche Schlüssigkeit und zielbewußte Energie.

Die kluge Beraterin des Augustus mit dem scharfsichtigen Intellekt ist uns unmittelbar gegenwärtig. Stärker noch als die Klugheit spricht das herrische Temperament; was diese Frau einmal als recht, als erstrebenswert erkannt hat, das vertritt sie mit der unbeugsamen Härte leidenschaftlicher Naturen. Kompromisse gibt es für sie nicht; Charaktere, die durch leichtere Anlage und anderes Temperament zu einer anderen Lebensauffassung und Lebensführung bestimmt sind als sie, will und kann sie nicht verstehen; sie haben an ihr eine strenge, rücksichtslose Richterin. Der ganze unüberbrückbare Gegensatz zwischen ihr und einer Julia, die sich unbedenklich dem Lebensgenüsse hingab, steht uns mit diesem Porträt lebendig vor Augen. Der Kopenhagener Kopf (Abb. 264) ist kein sicher beglaubigtes Bildnis der Livia. Dieses Werk zeigt die ganze vornehm kühle Reserve augusteischen Kunststiles. Das unmittelbar sprechende Leben ist sorgsam zurückgehalten zugunsten einer klaren, kühlen Hoheit in Haltung und Miene. Die neue Frisur bringt das Antlitz vorteilhafter zur Geltung, als es bei der etwras altmodisch plumpen zur Zeit der Oktavia und der jüngeren Livia der Fall war. Distinguierte Noblesse, auf alle Fälle gewahrte Distanz bestimmen das aristokratische Ganze dieser Erscheinung. Halten wir die Köpfe aus dem republikanischen Zeitalter dagegen, so wird uns die physiognomische Veredelung, die ganz neue geistige Atmosphäre klar, in der diese Frauen lebten. Durchgebildet bis in jede Nuance ist dieser Kopf; das verfeinerte geistige Leben prägt edlere Formen als die ganz aufs Materielle gerichtete Energie, die schonungslos hart das Antlitz durchfurcht. Der gestaltende Künstler trifft eine sorgsame Auslese unter den physiognomi-sclicn Merkmalen; er läßt das Unwichtige untergehen in wenigen Hauptzügen, um der Erscheinung plastische Ruhe und Klarheit zu geben. Ein Meisterwerk von Natur und Kultur ist das scliarfgeschnittene, aristokratische Profil, dessen Lebendigkeit weniger unter der erloschenen Bemalung leidet. Männliche Bestimmtheit des Urteils und Willens prägt sich darin aus, angeborene Befähigung, zu erkennen, zu leiten und zu herrschen mit der Umsicht eines prüfenden Intellektes und dienstbar gemachter Energie. Psychologisch würde nichts dagegen einzuwenden sein, wollte man in diesem Bildnis die ältere Livia erkennen.

In der letzten Zeit des Augustus melden sich schon die Anzeichen eines neuen, die strenge, alte Sittsamkeit umstürzenden Geistes. Immer tiefer drang die hellenistische Kultur mit ihrer luxuriösen Verfeinerung aller Ansprüche in die Schichten der vornehmen Gesellschaft ein und bildete in den Menschen ein neues Lebensideal des unbekümmerten Genießens aus. Der konservative Puritanismus erwies sich, wie es immer so ist, dieser anstürmenden Flut gegenüber doch nicht stark genug; Augustus selbst, dieser Vertreter alter bürgerlicher Ehrsamkeit, mußte seine Tochter und seine Enkeltochter wegen Vergehens gegen das Ehebruchsgesetz in die Verbannung schicken, um einem öffentlichen Skandal vorzubeugen. Ovid, der graziöse Schilderer des eleganten erotischen Lebens, war verstrickt in die lockeren Beziehungen der jüngeren Julia und mußte ihr Los teilen. Diese Julia, die Gattin des kaltherzigen Tiberius, war recht eine Vertreterin des lebensfreudigen, graziösen und leicht tändelnden Genußlebens. Hier treten klar die verhängnisvollen Folgen einer Eheschließung zutage, die nur auf politischer Überlegung basiert war; zwei Menschen wurden aneinander gebunden, die durch Temperament und Charakter zu unüberwindlicher Abneigung kommen mußten. Einer Julia ist es nicht zu verdenken, daß sie den erkältenden Umgang des ihr aufgedrungenen Gemahles mied und der lockenden Stimme der Verführung ihr Ohr lieh. Von ihr besitzen wir kein authentisches Porträt. Auch von den Frauen, die in der stark bewegten, leidenschaftlichen Folgezeit eine so hervorragende Rolle spielen sollten, sind uns keine gesicherten Bildnisse erhalten. Über das Haus des Augustus brach mit Macht die Zerstörung herein. Aber in diesem Prozeß der Degeneration eines Geschlechtes sammeln sich die gesamten Kräfte noch einmal und verdichten sich in Persönlichkeiten, die, aus dem normalen Gleichgewicht herausgeworfen, exzentrisch fortrasen und an ihrer Maßlosigkeit zugrunde gehen. Eine der extremsten Epochen der Weltgeschichte ist diese Zeit, in der sich Neues und Altes Überwerfen, ehe ein fester Zustand geschaffen werden kann. Neben prägnanten Charakteren wie Tiberius, Caligula, Claudius und Nero stehen ebenso ausgeprägte Frauen: die ältere und die jüngere Agrippina, Poppaea, Messalina usw., und es ist bedauernswert, daß uns ihr Bildnis nicht in lebendiger Unmittelbarkeit gegenübersteht. Monumentale Rücksichtslosigkeit ist ein besonderer Charakterzug dieser Naturen. Die Bildnisse aus der klaudischen Zeit sind nicht genau zu identifizieren; deshalb wollen wir alle Mutmaßungen beiseite lassen und uns nur an das Gegenständliche halten. Charakteristisch für die klaudische Epoche ist die Frisur; ie vorne kurzen Haare sind in der Mitte gescheitelt und in Wellen oder gekräuselten Locken zur Seite gestrichen; im Nacken endigt das Haar in einen oder mehrere Zöpfe. Diese einfache Haartracht wird erst gegen Ende der Epoche etwas komplizierter. Verschiedene Porträtstatuen sind uns aus dieser Zeit erhalten; auf der griechischen Vorbildern nachgeahmten Gewandfigur sitzt der römische Charakterkopf, und das Ganze ist gleichsam ein Symbol der römischen Kultur, die auf griechischer Grundlage ruht und eine Vereinigung anstrebt zwischen römisch realer Lebensauffassung und griechischer Schönheit und Idealität. Bei der Münchener Statue (Abb. 265) sitzt der Kopf steif und eigenwillig auf dem Körper, ganz dem unbeugsamen Charakter der dargestellten Person angemessen, während er bei der Neapeler Figur (Abb. 266) harmonisch in den lebendigen Rhythmus des Ganzen hineingezogen ist.

Eine scharf ausgeprägte Persönlichkeit bezeichnet die vornehme Sitzfigur Abb. 267. Der mächtige Körper bildet eine kraftvolle Resonanz für den stolz aufragenden Kopf, in dem List, Herrschsucht und eine kaum von einer gewinnenden Miene hinweggetäuschte Nuance von Grausamkeit sich offenbaren. Es ist etwas Sphinxartiges in diesem selbst-und zielbewußten Wesen. Line der prachtvollsten Leistungen dieser Zeit ist das Sitzbild der alten Matrone Abb. 268. Haltung und Ausdruck des Antlitzes verdichten sich zu einem eindringlichen Stimnnmgsgehnlt. Schwere und bittere Erfahrungen haben ihre Spuren hinterlassen in dem Gesicht; kummervoll sinnend schaut die Frau vor sich hin, als ließe sie das ganze schwere Leben noch einmal an ihrem Geiste voriiberziehen, um zu der resignierten Erkenntnis zu gelangen: es ist alles eitel. Zu dieser Resignation und großen Müdigkeit mußten viele Naturen kommen, die dem wildbewegten Leben nicht durch leidenschaftliches Ergreifen des Momentes und erhabenen Leichtsinn den Genuß heftig gesteigerter psychischer Spannungen abgewinnen konnten.

Eines der reifsten Werke dieser Epoche ist das feine Bildnis Abb. 269. Die Formen sind hier nicht mehr so nüchtern klar und kühl, wie die klassizistische Richtung sie liebte, sondern sie gehen weicher ineinander über, ohne doch ihren prägnanten Charakter zu verlieren. Der Blick dieser beschatteten Augen dringt ganz anders aus dem Innern als bei den Porträts des augusteischen Stiles, und von wunderbarem Leben ist der feingeschnittene, reizvolle Mund. Eine reichbewegte Vergangenheit spricht aus dem Antlitz dieser Frau, die schließlich auch in wehmütiger Resignation die Fäden, die sie tausendfach an das Leben gebunden hielten, zurückzieht. Es ist in ihr eine Wundheit, die von übergroßer Reizbarkeit des ganzen Gefühls und des Empfindungsapparates bedingt wird. Sie selbst ist nicht rein aus dem Leben, in das sie durch die Gewalt der Umstände und mannigfache Beziehungen verschlungen war, hervorgegangen; das Temperament mag sie oft in Situationen geführt haben, in denen sie die Herrschaft über sich verlor, und dann ging sie selbst am Laster nicht unberührt vorüber. Komplizierte Anlage und eine den vielfältigsten Einflüssen ausgesetzte gesellschaftliche Stellung trafen zusammen, um ihren Lebenspfad nicht in einfacher Geradlinigkeit fortlaufen zu lassen. Aus den verschlungenen Irrwegen führt eine letzte Bahn in die Einsamkeit, in die das Auge verloren und melancholisch blickt, während die fein geschwungenen, leicht wollüstigen Lippen und das ungeregelte Profil die Erinnerung an leidenschaftliche Stunden aufbewahren.

In der flavisch-trajanischen Zeit bricht sich ein neuer Stil in der Porträtbildnerei Bahn. Stand die augusteische Epoche im Zeichen eines klassizistischen Geschmackes, der vor allem kühle Reserve und aristokratische Vornehmheit betonte und auf plastisch scharfe, tastbare Klarheit der Form bedacht war, so sucht der neue Stil stärker das unmittelbare Spiel des Lebens auf der Oberfläche festzuhalten. Sinnlich blühender und üppiger ist diese Kunst; sie unterscheidet sich ebenso von der augusteischen wie die schillernde, glühende Farbenpracht der Malerei des letzten pompejanischen Stiles von der zeichnerisch ruhigen Kühle des vorangegangenen. Die Haartracht bei den Frauen der flavischen Zeit ist viel komplizierter geworden; über der Stirn erhebt sich ein mächtiger Wulst, der in kleine Ringellöckchen aufgelöst ist und dem Antlitz eine pompöse Krönung gibt. Die Gesamterscheinung erhält dadurch etwas Üppiges und Mondänes. Zwischen dem von dunklen Schattenlöchern und hellen Windungen gefurchten Haar und den glatten Gesichtsflächen bildet sich eine starke Kontrastwirkung, die über den plastisch ruhigen Charakter der bisherigen Bildnisse weit hinausgeht. Licht und Schatten werden ganz anders für die Wirkung ausgenützt.

Die beiden Porträts Abb. 270 und 271 sind mit Wahrscheinlichkeit auf Julia, die sittenlose Tochter des Titus, zu beziehen. Von ihrem extravaganten Charakter ist aber in diesen Bildnissen nicht viel zu merken; viel mehr als eine abweisende stumpfe Miene gibt das erste Porträt nicht; allerdings entbehren die großen Augen des Lebens, das ihnen durch die Farbe einstmals verliehen wurde. Der andere Kopf mit den weichen, lockerfleischlichen Wangen hat mehr sinnliche Üppigkeit; Haltung und Gesichtsausdruck künden etwas liebenswürdig Gewinnendes und Einschmeichelndes. Eine kokette Modedame, die es nicht sehr streng mit der Sitte nimmt, steht hier vor uns; doch Julia Titi war mehr, etwas persönlich Bestimmteres und Bedeutenderes, was der Anlage nach in dem ersten, selbstbewußteren Porträt vorhanden ist. Abb. 272 zeigt eine Dame der flavischen Epoche, die sich noch als Sarkophagfigur in der Rolle einer halbnackten Venus gefällt. Der fleischliche Körper und das fette, aufgeschwemmte Gesicht verraten genugsam, daß sie ihr Leben einem keineswegs verfeinerten Aphroditekultus widmete. Doch muß selbst diese Gestalt an offen zur Schau getragener und mit Stolz betonterWollust zurücktreten hinter einem der Erfindung, wenn auch nicht der Ausführung nach größten Meisterwerke römischer Porträtkunst, wie es die Statue Abb. 273 darstellt. Hier hat uns die Kunst eine von jenen wild begehrenden, keine Schranke der Sitte achtenden Frauen überliefert, von denen die Geschichte zu sagen weiß. Alles, was von einer Messalina, Poppaea, Julia Titi usw. erzählt wird, das ist in dieser über den einzelnen Fall zum Symbol sich erweiternden Gestalt lebendig, körperlich gegenwärtig. Als halbnackte Venus steht sie vor uns in Haltung, aus der allein schon ädet der Mund durch das Gesicht, um jede vornehme Regung, wollte sic sich wirklich irgendwo hervorwagen, gewaltsam zu unterdrücken. Zügellosigkeit des Geschlechtstriebcs prägt sich unvergleichlich großartig auf diesem wüsten Munde aus; das ganze Seelenleben ist unterjocht von einer sexuellen Gewalt, die wahllos alles Lebendige an sich reißt und nicht losläßt, bis es kraftlos zusammenfällt. Verheerend ist diese dämonische Glut, wie ein wütender Brand; aber er offenbart sich mit der Großartigkeit elementarer Zerstörungsgewalten, die uns zur Bewunderung zwingen, weil sie die klare Besinnung vergewaltigen, so daß wir nur das Positive, diese Riesenkraft fühlen, ohne an die Richtung zu denken, die sic nimmt. So stehen wir vor dieser Gestalt auch mit einem gewissen Gefühl des Respektes; denn cs gehört eine unverwüstliche Kraft dazu, die allgemeine Fesselung des Lebens durch Sitte und Gewohnheit zu durchbrechen, um ohne Zersplitterung das zu werden, was man der Anlage nach ist. An Monumentalität des Lebensstiles läßt diese Person nichts zu wünschen übrig.

Wie unverfälscht die römischen Künstler das Vorbild Wiedergaben, zeigt das Bildnis Abb. 274. Nur der Mensch, der seine individuelle Eigenart vor allem anderen will und vertritt, billigt ein Porträt von ungeschminkter Treue. Sattheit und wegwerfendes Urteil, eingebildete Überlegenheit und Gleichgültigkeit spiegeln sich auf dem vulgären Antlitz dieser pompös aufgeputzten Person. Ihr wird im Leben nicht viel imponieren außer der eigenen Erscheinung. In der Wiedergabe der schlaffen Wangen und der Fettschwellungen offenbart die Kunst den neuerwachten Sinn für die stoffliche Lebendigkeit und Wärme. Dem vollwangigen Typus mit dem starken Untergesicht, dem wir unter den Angehörigen des flavischen Hauses oft begegnen, gehört auch die Dame Abb. 275 an.

Unendlich feiner und geistig bedeutender ist das Bildnis der Domitia (Abb. 276). Es gehört zu den distinguiertesten und vornehmsten Porträts, welche die Kaiserzeit geschaffen hat. Eine scharfsichtige Klugheit durchgeistigt die edelgeformten Züge dieses aristokratisch stolzen Gesichtes. Ganz leise umspielt den feingeschnittenen Mund ein Zug spöttischer Überlegenheit, der das Interesse lebhaft wachruft für diese Frau und unwiderstehlich in ihren Bann zwingt, da man die Rätsel ihres Wesens ergründen möchte. Durch ihre kühle und reservierte Ruhe facht sie die größte seelische Bewegung um sich an. Wenn auch die Datierung auf Domitia nicht ganz sicher ist, so würde die Rolle, die sie gespielt hat, sehr wohl mit dem Charakter der dargestellten Frau vereinbar sein. Zuerst die Maitresse Domitians, wurde sie nachmalig seine Gattin und Kaiserin. Als dieser jedoch seine Nichte Julia, die Tochter des Titus, verführte und ins Haus nahm, schenkte sie ihre Gunst dem gefeierten Pantomimen Paris, den Domitian auf offener Straße niederstoßen ließ. Welche Rolle berühmte Pantomimen ähnlich den Tenören von heute in der vornehmen Welt spielen, und wie sie die Gemüter der Frauen fesseln konnten, geht daraus hervor, daß viele seiner vornehmen Freundinnen den Ort, wo er gefallen, mit Blumen bestreuten und mit Essenzen begossen. Nach Julias Tode trat Domitia wieder in ihre alten Rechte ein, ohne ihrem Gemahl die Treue zu wahren. Möglich, daß sie die einmalige Zurücksetzung nicht verwänden konnte, denn die Frau, welche die Büste verewigt, ist von einem stolzen Bewußtsein ihres Anspruches und Wertes durchdrungen. Vieles mochte sie von der Seite ihres herrischen Gemahles wegtreiben, und endlich gab sie ihn vollständig auf, indem sie der Verschwörung gegen sein Leben beitrat, um sich von ihm zu befreien. Ein solch gefährliches Leben mußte in einer Frau Scharfsinn, Vorsicht, Macht- und Selbstbewußtsein und Tatkraft ausbilden.

Eine künstlerische Glanzleistung dieser Epoche ist die entzückende Büste Abb. 277. Der steife, feste Wulst wird durch die eigenwillige Bewegung zahlreicher, mit schlangen-haftcr Lebendigkeit sich windender Locken zum Schauplatz eines reizenden Spieles von Licht und Schatten. Diese Leichtigkeit und Beweglichkeit, das immer wechselnde Leben paßt so vorzüglich zum Wesen der dargestellten Schönen. Kokett wirft sie den Kopf zur Seite und sieht mit tändelfreudiger Keckheit ins Leben hinein. Alles ist Bewegung, der äußere und innere Mensch beständigem Wechsel unterworfen, so daß nur der Eindruck von einem flüchtig anmutigen Spiel im heiteren Lebenslichte bleibt. Heute lächeln der sinnliche Mund, der lebhafte Genüsse verspricht, und die schelmisch wandernden Augen diesem, morgen jenem. Das Leben ist leichter, schwingender Tanz, heiteres Genießen fernab von Langeweile, Beständigkeit und Überdruß. Schulter, Hals und Kopf sind in eine hemmungslose Bewegung zusammengenommen ; von einem inneren Schwünge wird alles durchflutet und reizend belebt, weich und duftig ist die Modellierung; in zarten Übergängen schwingt das Leben von E’orin zu Form und fließt ohne Stauung über die ganze Oberfläche. Recht einen Kontrast zu dieser kapriziösen Erscheinung bildet die etwas gelange eilt dreinschauende, konventionelle und eingebildete Dame Abb. 278. Der Lockenwulst ist hier zu einem kunstvoll aufgebauten Stufendiadem aus Haarrollen geworden, dem wohl ein Drahtgerüste Halt verleiht. Einfachere Frisuren kommen neben diesen komplizierten Haartrachten jedoch auch vor, wie Abb. 279 zeigt. Dieses Bildnis einer älteren Dame ist eine vortreffliche Arbeit; das ganze feine Muskelspiel des Gesichtes spiegelt sich auf der Hautoberfläche wider; jede Einzelform steht in lebendigem Kontakt mit allen übrigen und läßt die Ströme des Lebens ungehindert durchfließen, so daß sich die Einheit des organischen Seins in der äußeren Erscheinung sichtbar manifestiert. Keine festen Grenzen trennen die einzelnen Gesichtspartien voneinander, weich sind die Übergänge, damit dem ewigen Wechsel des Lebens keine starren Schranken entgegenstehen. Wie zart das Auge eingebettet liegt in der weichen Umgebung! leicht bringen Licht und Schatten die kleinen Erhebungen und Senkungen auf der Oberfläche zur Wirkung, beständig zwischen den Kontrasten vermittelnd. Die Partie um den kaum merklich zum Lächeln verzogenen Mund ist wuindervoll leicht und locker behandelt; ganz ohne Zwang in lebendiger Natürlichkeit spielen die Muskeln ihr kaum greifbares Spiel. Arbeitete die klaudische Epoche ähnlich der klassisch-griechischen gleichsam für den Tatsinn mit, so ist das nuancierte Leben hier, der Wechsel von zarten Lichtabstufungen nur optisch zu fassen. Eine ungemein sympathische Persönlichkeit ist diese charaktervolle alte Dame; mit klugem Verständnis, ohne sich schwer zu entrüsten, blickt sie auf das Leben, und liebenswürdige Schalkheit umspielt ihren Mund.

Eine Rückkehr zu der härteren und rein plastischen Porträtauffassung bekundet die Büste Abb. 2S0 aus trajanischer Zeit. Die energische Formensprache paßt jedoch vortrefflich zu diesem ausgeprägten, fast männlich durchgearbeiteten Kopf. Mit rücksichtsloser Treue bewahrt die Kunst die unschönen Züge dieser trotz allem nicht unsympathischen Persönlichkeit. Von der edlen Plotina, der Gemahlin Trajans, besitzen wir ein mit skopasischem Pathos sehnsüchtig aufblickendes Bildnis (Abb. 281). Die gleiche Frisur begegnet uns auf dem Porträt Abb. 282. Eine weich träumerische und melancholisch gestimmte Seele offenbart sich in diesem gütigen Frauenantlitz. Ähnlich in der Charakteranlage er scheint die schöne Frau Abb. 283. Die Sehsterne sind bei beiden plastisch ausgefülirt, was dem Blick eine unmittelbarere Sprache verleiht. Allgemeiner wird dieses seelische Ausdrwcksmittel erst von der hadrianischen Zeit ab zur Verstärkung herangezogen. Etwas unendlich Liebes und Gütiges, eine Anlage zu aufopfernder Hingabe berührt wohltuend an diesen beiden mütterlichen Naturen; ihre Psyche hat mehr die Unbestimmtheit des nur Gefühlsmäßigen und ist nicht so prägnant und energisch zusammengehalten wie die der Frauen, welche nur auf ihr eigenes Selbst gerichtet sind.

Ein ungemein liebenswürdiges Werk der Porträtplastik ist die Büste der Sabina, der Gemahlin des ,,Griechenkaisers“ Hadrian (Abb. 284). Von einer mädchenhaften Süße und Lieblichkeit wird dieses kindlich unschuldige Antlitz überhaucht. Den zierlichen Kopf schmückt eine schlichte Frisur; als weiche, duftige Masse kontrastiert das Haar gegen das glatte Gcsichtchen. Fast wie einer der köstlichen griechischen Mädchenköpfe aus dem vierten Jahrhundert mit ihrem unbeschreiblich herzerquickenden Charme wirkt dieses Bildnis auf uns ein. In der Zeit des begeisterten Griechenjüngers Hadrian ist eine solche Reminiszenz wohl verständlich. An der Büste haben sich noch einige Farbspuren erhalten und liefern den Beweis, daß man, wenigstens bis zu dieser Zeit, noch nicht mit der altgriechischen Tradition der Bemalung gebrochen hatte. Erst in der Folgezeit, vor allem von Mark Aurel ab, macht sich ein neues Stilprinzip Bahn, das mit der klassisch-griechischen Tradition in vieler Beziehung bricht. Die Bemalung hört auf, und mit plastischen Mitteln wird die stoffliche Charakterisierung und Kontrastwirkung durchgeführt. Die Haarmasse wird tief durchbohrt, so daß Licht- und Schattenmassen gleichwertig und schroff gegeneinanderstehen und einen koloristischen Hell-Dunkeleffekt hervorbringen. Die aufgelösten und die glatten Massen werden in schärferen Gegensatz zueinander gestellt, so daß sie eine bedeutendere Fernwirkung erhalten. Allein für das Auge wird die Wirkung berechnet, nicht für das Tastgefühl, dem nur die plastische Klarheit der Einzelform zugänglich ist.

Die frühere Ein-malung der Augensterne wird nunmehr ersetzt durch plastische Eingravierung, wodurch Licht und Schatten in mannigfachem Verhältnis den Ausdruck prägen. Die griechische Kunst hatte das Psychische durch die Umgebung des Auges am stärksten sprechen lassen und in dieser Versinnlichung großartige Ausdrucksmöglichkeiten gefunden. Die Porträtkunst dieser Zeit sucht den seelischen Ausdruck noch zu steigern und unmittelbarer aus dem Innern hcrausbrechen zu lassen; der Blick erhält eine momentane Lebendigkeit, eine bestimmte Richtung und eindrucksvolle Sprache. Daß man die Wechselwirkung von Licht und Schatten, dieses gleichsam immaterielle Verhältnis, zum Träger des Seelischen machte und es von dem stofflich Tastbaren befreite, lenkt uns hin auf die im Laufe der Zeit immer stärkere Wertung des rein Psychischen gegenüber dem Körperlichen.

Den Übergang von der bemalten zur farblosen Büste mögen Porträts darstellen, bei denen bunte Steinarten zur Hervorbringung eines farbigen Eindrucks verwandt wurden. Die Einheit der stofflichen Erscheinung, die das erste Erfordernis der griechischen Kunst-auffassung war, wird dadurch bis zu einem gewissen Grade zerrissen, aber der Effekt für das Auge bedeutend verstärkt. Eine so intensive Wirkung des Fleisches, wie sic bei der Büste der älteren Faustina (Abb. 285) durch den Kontrast der aus farbigem Marmor gearbeiteten Gewandung und dem Weiß des Alabasters hervorgerufen wird, wäre durch Bemalung kaum zu erreichen. Dieses Mittel spricht hier mit einer glänzenden Unmittelbarkeit. Die Üppigkeit der sinnlichen Erscheinung wird dadurch aufs äußerste gesteigert.

Eine wollüstige Nacktheit und Weichheit erhält das Fleisch durch den Kontrast. Die Schulter wirkt mit der ganzen Sinnlichkeit des entblößten Fleisches. Zur Charakterisierung der dargestellten Person wäre kein Mittel geeigneter gewesen, denn dieses Weib ist ganz üppige Sinnlichkeit. Ein erotisches Fluidum von schwelgerischem Duft geht von ihm aus; weich und müde kommt der leise schielende Venusblick unter dem schweren Lid hervor und kann durch seine unerträgliche Ruhe bis zur Raserei aufreizen. Die ganze Erscheinung ist ein Versprechen wollüstig süßer Liebesfreuden. Selbst der tugendhafte Gemahl der Faustina, An-toninus Pius, mag unter dem Banne dieser lässig schenkenden Sinnlichkeit gestanden haben, denn er ertrug die Untreue der Gemahlin mit Geduld. Bei der folgenden Büste (Abb. 286) sind auch die Haare aus anderem Material; die stark gewellte Frisur, die zu dieser Zeit (2. Hälfte des 2. Jahrh. 11. Chr.) üblich wird, ist aus schwarzem Marmor aufgesetzt. Vielleicht ist die dargestellte Persönlichkeit identisch mit Lucilla, der Tochter Mark Aurels und der jüngeren Faustina. Psychologisch würde nichts gegen diese Deutung einzuwenden sein, denn die dargestellte Frau ist von ebenso lasterhaftem Charakter, wüster Brutalität und ungezügelte! Gier, wie man es von der historischen Lucilla voraussetzen darf.

Der gleichen Zeit gehört die schöne Kopenhagener Büste (Abb. 287) an, die eine etwas griesgrämige und krittelige junge Dame darstellt. Eine der sorgfältigsten Arbeiten vom Ende des 2. Jahrh. ist die Kopenhagener Büste Abb. 288. Die Fleischteile sind glatt poliert und stehen in wirkungsvollem Gegensatz zu dem fein-gefurchten bräunlichen Haar. Diese blanke Helle des Gesichtes gibt einen ganz anderen Hintergrund für die verschiedenen Schattennuancen, und der Gesamteindruck wird farbiger, fließender, als es bei den Porträts aus früheren Perioden der Fall war. Die rein optische Wirkung macht sich stärker geltend. Nunmehr bildet die Pupille eine Schattengrubc, und der Blick, der etwas seitwärts aus dem Auge hervorbricht, zieht zuerst die Aufmerksamkeit auf sich. Der Spiegel der Seele hat eine akzentuiertem Sprache als bei den Bildnissen aus der frühen Kaiserzeit. Das psychische Ausdrucks-moment zieht sieh mehr aus der ganzen körperlichen Hülle zurück auf einen Punkt, der unmittelbarer die Verbindung zum Innern schaffen soll. Auf diese Ausdrucks-möglichkeitcn des Blickes ist die spätere Porträtkunst mehr oder weniger gegründet.

Überschauen wir mit einem schnellen Blick noch einmal die Entwicklung der griechisch-römischen Kunst in bezug auf das Verhältnis des Seelischen zum Körperlichen. Die klassische Epoche hatte das Geistige ganz in das Sinnliche eingebettet; der Körper in seiner rhythmisch klaren Organisation war Spiegel des Psychischen; beide Seiten des Lebens, Stoff und Geist, schlossen sich aufs engste zusammen in der organischen Erscheinung. Das Geistige war ganz körperlich. Seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. konzentriert sich der Ausdruck viel stärker im Antlitz. Die Tendenz ist schon vorhanden, das Geistige aus der Verstreuung über den ganzen Körperkomplex herauszuziehen, zu verdichten und das Haupt zum Sitz des Geistes zu machen. Doch führt die griechische Kunst eine absolute Scheidung zwischen Antlitz und Leib nicht durch; der Leib redet weiter seine wundervolle Sprache. Die römische Kunst hatte einfach diesen Leib übernommen und ihm überhaupt kein neues Interesse zugewandt. Sie blickte schon ganz entschieden auf das Haupt hin.

In der letzten Periode der Kaiserzeit macht sich, natürlich in langsamer Entwicklung, das Streben bemerkbar, das Geistige noch mehr zu konzentrieren, aus dem Bereich des Materiellen herauszuziehen und seine ganze Kraft ins Auge zu legen, das für das Gefühl die unmittelbarste Beziehung zum Inneren oder Seelischen hat; es ist das Fenster, aus dem die Seele blickt. Der Tendenz nach liegt hierin schon eine Abwendung vom Körper, von diesem stofflichen Leibe, wie es auch in der gleichzeitigen Weltanschauung immer offener zum Ausdruck kommt. Aber der Blick an diesen Porträts der Spätzeit hat gleichsam noch Materielles, d. h. er geht mit bestimmter Richtung in die Welt des Raumes hinein und haftet an irgend etwas, das in dieser Welt ist. Die Entwicklung strebt dahin, ihm auch diese letzte materielle Bestimmtheit und Gebundenheit zu nehmen, ihn loszulösen von der Welt der Objekte und hinauszuschicken in die unfaßbare Weite des Unendlichen. Für unser Gefühl, dem die Loslösung des Lebens von der stofflichen Bindung wieder unlebendig geworden ist, wirkt auch dieser Blick leer, starr und unlebendig. Doch haben wir mit dieser allgemeinen Erörterung schon vorausgegriffen und die letzten Zeiten der römischen Kunst gestreift.

Aus dem Ende des 2. und der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts besitzen wir noch eine Anzahl lebensvoller und individueller Frauenporträts, so das Bildnis Abb. 289 mit dem sprechenden Blick und der energischen Kopfform. Die kräftige Seitwärtswendung des Kopfes und Auges wird in dieser Zeit oft angewandt, um das momentane Leben festzuhalten. Ein edles, vornehmes Werk ist der Kopf Abb. 290 mit den aristokratisch feinen Zügen und der wundervollen Haarfrisur, die zur Zeit der Julia Domna Mode wird. Diese schöne, geistreiche Syrerin, die aus niederem Stande als Gemahlin des Septimius Severus zum Kaiserthron emporstieg, ist vielleicht in der Münchener Bübte (Abb. 291), einem der feinsten Porträtwerke römischer Kunst, dargestellt. Das Haar ist ganz als eine weiche Masse behandelt, die als wirkungsvoller Rahmen das Antlitz einschließt wie ein Bild. Etwas von dem flächenhaften Charakter eines solchen

bekommt das Gesicht durch diese mächtige Umschließung. Von wunderbarer Feinheit ist das Profil Abb. 292, das sich nur wenig aus der duftigen Hülle hervorwagt. Zart und verschwimmend sind die Formen modelliert; ein hauchartiger Schmelz legt sich über die Haut und läßt sie in atmendem Leben vibrieren. Das Auge blickt schon etwas traumverloren aus schweren Lidern. Zu tiefer Melancholie verschleiert sich der Blick bei der Büste Abb. 293, die der Mitte des 3. Jahrh. näherrückt. Es ist schon etwas Unbewegtes in diesem schönen Kopfe, ein Streben nach Symmetrie, das dem Leben entgegensteht. Nach dem Jahre 250 n. dir. werden die Porträts immer seltener und das persönliche Leben entweicht aus ihnen. Die Entindividuali-sierung entsprach der allgemeinen Stimmung dieser Spätzeit. Abb. 294 mag uns eines der späteren Porträts vergegenwärtigen; die Formen sind in großen Umrissen und symmetrischer Anordnung gegeben, die feine Xuaneierung, die erst den individuellen Charakterhervorbringt, hat aufgehört künstlerisches Ideal zu sein. Schematisch ist das Haar angedeutet, es wird zum Ornament. Der Sinn für Proportionalität der Teile geht verloren, so daß manche Köpfe wie schief gebaut erscheinen. DieTeile lösen sich immer mehr aus dem Verbände der organischen Einheit. Zur Unlebendigkeit kehrt die Kunst zurück, und was sie darstellt, ist nur eine Abstraktion.

Die Erscheinung wird flächenhaft, frontal und symmetrisch und verliert an Körper. Das Interesse für die Rundfigur nimmt rapid ab, denn in ihr ist immer eine starke Sinnlichkeit, der sich der Geist der Menschheit abwandte. Das Porträt wird demgemäß seltener, denn das Interesse ist auf anderes und alle Menschen umfassendes gerichtet. Das Individuum hatte sich an sich selbst erschöpft, seine Kräfte waren zu Ende, und es bedurfte einer neuen Verknüpfung mit einer überpersön-lichen Geistesmacht, um Halt im Leben zu gewinnen. Eine glanzvolle Epoche ging zur Neige; frei hatte sich das Individuum entwickeln und seine Möglichkeiten fruchtbar machen können. Jetzt war es zu Ende und sehnte sich nach Unterordnung, nach einer neuen Bindung, nach Erlösung von sich selbst und seiner Einsamkeit. Dieses Leben für sich wurde ihm zum Überdruß; die Grenzen mußten wieder einmal gesprengt, hinausgestoßen werden, um neue Lebenswerte zu umgreifen. Die versinkende griechische Götterwelt war eine helle Mauer, gegen das unbekannte Dunkel der Unendlichkeit aufgerichtet; an ihr blieb der Blick haften und glitt beruhigt über die in Klarheit heraustretende Form.

Auf dieser Grenzscheide war die große Kunst möglich gewesen; aber ein neues Kaumgefühl drängte über die Begrenzung hinaus und mußte sielt erst verirren in der finsteien Einsamkeit, in welche noch kein Stern neues, glückbringendes Lieht hineinwarf. Die Erlösung von dieser Nacht brachte der Sohn Gottes mit seiner Verheißung einer ewigen Glückseligkeit nach dem Tode für alle, die ihn liebten. Was war das Dasein in diesem engen Leibe gegenüber der freien, geistigen Herrlichkeit in jener Lichtregion, die die Urheimat der Seele war! Wie sollte die Kunst noch diesen Leib, der dem Tode anheimgegeben war, verherrlichen können! Darum negierte sie ihn, soweit es ging, Jicl3 ihn nur als Schema bestehen, als wesenloses Gehäuse der ewig lebenden und sich fortsehnenden Seele. Alle künstlerischen Kräfte wurden dem Diesseitsentzogen, um das Jenseits zu gestalten. Die Einheit, die die griechische Kunst in der organischen Schönheit, in der Versöhnung von Körperlichem und Geistigem, geschaffen hatte, löste sich auf.

Ihrem reinen Wesen nach hätte die spätantike und christliche Weltanschauung die Kunst ganz verneinen müssen, denn die Kunst ist einmal an das Sinnliche gebunden. Doch in dieser abstrakten Reinheit konnte der christliche Geist nicht bleiben, denn alles abendländische Wollen geht zurück ins Leben; er mußte sich mit dieser Welt abfinden, sich in sie hineinbetten und einen neuen Körper schaffen. Er fand den römischen Staatskörper vor und organisierte sich nach diesem weltlichen Vorbilde zum geistlichen Staate, zur Hierarchie. Das war ein erstes Zurückkehren aus der Unendlichkeit, in welche die Sehnsucht ging, zum Endlichen. Auch in der Kunst schließt der Geist ein Kompromiß mit der Sinnlichkeit; er entmaterialisiert aber den Leib soweit wie möglich und macht ihn zur Fläche, zum Schema. Doch diese Flächenhaftigkeit ist nicht, wie die ägyptische oder frühgriechische, eine absolute; das Auge geht aus dieser Fläche heraus, indem es ins Weite, in die Leere, in den unendlichen Kaum blickt und so eine erste, wenn auch abstrakte Beziehung zwischen der Fläche und dem Unendlichen herstellt. Diese Beziehung ist noch rein gedanklich, man möchte sagen dogmatisch, denn die Kunst gelangt noch nicht dazu, das Kunstwerk selbst mit dem neuen Gefühl der Unendlichkeit lebendig innerlich zu durchdringen. Neue Kräfte, junge Völker waren zu dieser Entwicklung berufen, die die griechische plastisch begrenzte Individualität hineinstellte in den unendlichen Raum und eine höhere Versöhnung der ausgebrochenen Gegensätze schuf. Damit beginnt ein neues Ringen des menschlichen Geistes, eine neue Weltepoche der Kunst.

Im Text gezeigte Abbildungen:
Römisches Ehepaar
ältere Römerin
ältere Römerin II
Römisches Ehepaar II
Basaltkopf der Oktavia
Bronzekopf Livia
Livia
Römische Porträtstatuen
Rom – Porträtstatue
Julia Titi
Frauenporträt
Domitia
Faustina und Sabina
Frauenkopf
Frauenkopf II
Frauenkopf III
Frauenkopf IV
Frauenkopf V
Frauenkopf VI
Frauenkopf VII
Heilige Helena
Römische Matrone
Julia Domna Profil

Text aus dem Buch: Das Weib in der antiken Kunst (1914), Author: Ahrem, Maximilian.

Siehe auch:
Das Weib in der antiken Kunst – Vorwort
Das Weib in der antiken Kunst – I. Ägypten
Das Weib in der antiken Kunst – II. Die KRETISCH-MYKENISCHE KUNST
Das Weib in der antiken Kunst – III. DIE GRIECHISCHE KUNST
Das Weib in der antiken Kunst – DIE ARCHAISCHE KUNST
Das Weib in der antiken Kunst – DIE VASENMALEREI
Das Weib in der antiken Kunst – DER APHRODISISCHE KREIS
Das Weib in der antiken Kunst – DAS DIONYSISCHE ELEMENT
Das Weib in der antiken Kunst – MYTHOLOGISCHE UND ANDERE DARSTELLUNGEN
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES FÜNFTEN JAHRHUNDERTS
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES FÜNFTEN JAHRHUNDERTS II
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES FÜNFTEN JAHRHUNDERTS III
Das Weib in der antiken Kunst – Parthenonskulpturen
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES VIERTEN JAHRHUNDERTS UND DER HELLENISTISCHEN EPOCHE
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES 4. JAHRHUNDERTS
Das Weib in der antiken Kunst – DIE KUNST DES 4. JAHRHUNDERTS II
Das Weib in der antiken Kunst – DIE RÖMISCH-KAMPANISCHE WANDMALEREI
Das Weib in der antiken Kunst – DIE ETRUSKISCHE KUNST

Das Weib in der antiken Kunst