Die Strafe als Rechts- und als Erziehungsmittel. — Die Strafrechtstheorien. — Absolute und relative Straftheorien in der Rechtslehre. — Die Vergeltung als absolute Rechtfertigung der Strafe. — Die Abschreckung. — Steigerung der Kriminalität durch die Abschreckung. — Strafrechtsentwicklung. — Psychologie der Abschreckung durch Strafen. — Kriminalistische Erfahrungen. — Erfahrungen der Psychiater. — Was lehrt die Dressur der Tiere? — Ansichten von Philosophen und Psychologen. — Das Problem der Ambivalenz. — Die Sicherungstheorie. — Die Theorie der Besserung und Heilung durch Strafe.

Die sakrale Strafe war inneres Gebot. Die Strafe als Vergeltung und Rache war selbstverständliches Bedürfnis und Recht. Erst als die Erziehung des Menschen zur Gemeinschaft und durch die Gemeinschaft ein Gegenstand der Ueberlegung wurde, wurde auch in der Strafe das Erziehungsmittel erkannt und erörtert. Dadurch wurde erst eine Psychologie der Strafe möglich und erst, als man schon viele Theorien des Strafrechts und später, von pädagogischer Seite, des Strafens in der Erziehung entwickelt hatte, untersuchte man den Gegenstand des Strafens selbst und versuchte das Verbrechen und den Verbrecher zu verstehen. In dieser Entwicklung stehen wir heute noch mit unsern praktischen Versuchen und theoretischen Forschungen.

Es bestehen heute nebeneinander mehrere Strafrechtstheorien. Ihre Herrschaft wechselte im Lauf der Geschichte je nach Stand und Entwicklung der Gesellschaft. Vergeltung- und Gerechtigkeitstheorien heissen die «absoluten» im Gegensatz zu den relativen, wie z. B. die Abschreckungs- oderBesserungstheorien. Die Verfechter der ersteren sehen den Sinn des Strafens vorwiegend in der «gerechten Vergeltung» der Untat. Sie wird von ihren Befürwortern vor allem durch die Annahme gestützt: der Mensch hat einen Vergeltungstrieb in sich, auch ein natürliches Gerechtigkeitsgefühl. Mit der Entwicklung der Menschenkenntnis und der Seelenkunde erkannte man aber, dass der Drang zur Vergeltung und zur Gerechtigkeit formal und inhaltlich verschieden sind. Gerechtigkeit als Funktion der Unparteilichkeit ist keine angeborene Tugend der Menschheit — sie ist nach Hunte eine «künstliche» Tugend —, der Impuls zur Vergeltung ist ursprünglich eine primitive Reaktion, eine Art Reflex, verwandt den Reaktionen des Tieres auf Angriff und Schädigung.

Erinnern wir uns an die frühere Feststellung vom Fluch als Rest der sakralen Riten, aber auch als Methode, der Natur die Justiz zu übergeben. Auch der alttestamentarische Gott mit seinem Strafgericht über die Bösen ist noch in der modernen Strafrechtstheorie der Vergeltung zu spüren. In ihr übernimmt zum Teil eine irdische Instanz die Funktion Gottes und begründet oft ihr Recht zur Vergeltung mit der Göttlichkeit menschlicher Justiz.

Die mit dem Strafen als Vergeltung gemachten Erfahrungen verneinen ihre wirklich «abschreckende» und damit auch ihre erzieherische Wirkung. Im modernen Kampf um die Strafiechts-theorie der Vergeltung haben Forscher wie Kraepelin und Aschaffenburg darauf hingewiesen, dass Strafe als Vergeltung nachweislich erfolglos sei. Den Hauptgrund für die Wirkungslosigkeit sieht ein anderer Forscher, Liszt, darin, dass das Objekt der Vergeltungsstrafe nicht der Täter, sondern die Tat sei. Fromm und Haun haben vom psychoanalytischen Standpunkt aas gezeigt, dass auch in den Reihen der Befürworter der Vergeltungsstrafe gewisse Zweifel an ihrer Wirksamkeit bestehen. Die Annahme, dass das «Volk» durch die Vergeltungsstrafe in seinem «Gerechtigkeitstrieb» wirklich befriedigt und in seiner Rechtsmoral erzogen würde, wird immer wieder in Frage gestellt. So meint Seufert:

«Die Befriedigung, welche das Walten der Strafrechtspflege erzeugt, ist bei vielen Menschen nichts anderes als das Lustgefühl über den Schmerz eines anderen».

Lilienthal schreibt:

«Die Strafe entsühnt nicht, sie brandmarkt . . . Von einer Sühne durch Strafe zu reden, heisst die harte Wirklichkeit des Lehens völlig verkennen».

Die Enttäuschung über die Wirkung der Vergeltungsstrafe hängt wohl mit der Erkenntnis zusammen, dass die Rache eine Uebeltat nicht mehr gutmachen kann, ein Verbrechen nicht mehr ungeschehen macht, dass nach der Tat die Rache in keinem Zusammenhänge mehr mit der Tat steht und dass man im Grunde zu spät eingegriffen hat; man hätte vorher das Verbrechen hindern sollen. Dennoch scheint die Straflosigkeit der Verbrechen die Sicherheit des Rechtempfindens im Volke zu lockern. Der durch Erziehung und Anlage zum Rechttun moralisch Genötigte wird allerdings nicht zum Verbrecher, weil er Verbrechen ungesühnt sieht, und der immoralisch Empfindende wird durch die Abschreckung nicht gebessert. Aber dem rechtlich Denkenden wird das bisher ungeprüfte Rechtsgefüge zum Problem, er wird zum Verbrechen z. B. mit politischer Begründung leichter sich verstehen, der unmoralisch Empfindende ist durch die «Rechtsunsicherheit» gleichsam in seinem Handeln bestätigt.

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Strafen und Erziehen

Erziehungsgruppen als Strafraum. — Der sakrale Ursprung. — Das Talion. — Wandlung der Strafe und ihrer Motive. — Verschiedene Formen der sakralen Strafe und Beginn der Justiz. — Die Blutrache. — Humanisierung der Strafe. — Fluch als Strafmethode. — Das Denken der Primitiven und das Unbewusste. — Dämonologie der Strafe und göttliches Strafgericht. — Der Henker als Magier.

Gemeinschaft als Lebensform bedeutet eine innere und äussere soziale Verbundenheit der Individuen als Träger persönlicher und überpersönlicher Strebungen. In der Gemeinschaft spielt die Erziehungspaargruppe eine bedeutsame Rolle: Erwachsener und Kind, Lehrer und Schüler, Mann und Frau, Staat und Bürger erziehen einander absichtlich und unabsichtlich. Hierbei wirken sich Impulse und Ueberlegungen aus mit dem Ziel der Selbst- und Fremdhilfe. Verstösse oder Vergehen werden gerächt oder bestraft, die Gefahr ihrer Wiederholung soll dadurch vermindert oder unmöglich gemacht werden. Bevor Belohnen und Bestrafen zu Erziehungsmitteln wurden, musste jene Epoche überwunden sein, in der nicht eigentlich erzogen wurde, sondern die Kinder aus Instinkt und Not sich den Erwachsenen assimilierten.

Um die Frage zu verstehen, wie Strafe überhaupt zum Erziehungsmittel wurde, spüren wir ihre Urformen auf. Wie rechtfertigt sich das Strafen? Welche Ergebnisse hat das Strafen gezeitigt? Welche Rolle spielen Traditionen und Fortschritt beim Festhalten und Verwerfen dieser uralten, aber auch ganz modernen Einrichtung?

Das Strafen als unbewusster und bewusster Versuch, Menschengruppen oder Individuen methodisch leiden zu machen, um sie zu erziehen, ist uralt, war aber immer gemischt mit anderen Motiven. Historisch gesehen lässt sich eine klare Scheidung zwischen irrationalen und verständlichen Strebungen, zwischen Leidenschaft, Willkür und Nützlichkeitsüberlegung, Magie, Hass, Rache und Nothilfe, Justiz, Religion und Pädagogik nicht vornehmen. Aber eines scheint uns historisch gesichert: Das Modell der Erziehungsstrafe ist geprägt in der Werkstatt der Rache und Vergeltung, der sakralen oder heiligen Handlung, der Feindseligkeit und des Zornes.

Die Erziehungsstrafe hat wie alles Strafen ihren Ursprung nicht im Verstand, sondern im Affekt, im heiligen Zorn, in der sakralen Hilflosigkeit und im «Tremendum Mysterium», im Rausch, in der Ekstase und im Schauer.

Das «Heilige» ist in der Vorgeschichte der Menschheit uralt, Rudolf Otto vor allem wies nach: es ist ursprünglich die dämonische Scheu, das primitive religiöse Gefühl. Die dämonische Scheu durchläuft viele Stufen, bis ihre «verstreuten und verworrenen aufzuckenden Gefühle» zu Religion werden, auch bis sie mit Ethik und Verstand in Fühlung tritt.

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Strafen und Erziehen

Nächst dem Aufkeimen des Glaubens an übermenschliche Wesen überhaupt ist die Wendung eines Volkes vom niederen Seelen– und Geisterglauben zum höheren Götterglauben das denkwürdigste Ereignis seiner Mythengeschichte. Durch hundert Fasern hängt dieser neue Glaube mit dem alten zusammen; am tiefsten wurzelt er im Naturgeisterreich.

Denn die auf einzelne Menschen angewiesenen Seelen und Maren fügten sich ihrer ganzen Art nach schwer zu einer höheren geschlossenen Körperschaft zusammen. Ungezählt und zerstreut lebten sie weiter und gestatteten nur eine schwache Idealisierung über ihr Dämonentum hinaus. Das Reich der Naturgeister aber, unter denen schon Könige erstanden und aus denen schon, gleichsam als Versuche der Vergöttlichung, die meisten höheren Dämonen hervorgegangen waren, wurde bei der wachsenden Naturerkerintnis, beim Bestreben, die zersplitterten Naturkräfte einheitlicher zu fassen und das Naturleben gleich dem Menschenleben besser zu ordnen, und bei dem mit der Kultur steigenden Bewußtsein von dem Dasein auch sittlicher Mächte, äußerlich und innerlich umgeschaffen. Man schritt von Einzelvorstellungen zu höheren und umfassenderen Begriffen fort, und der Name einer bedeutenderen Naturgeistergruppe z. B. der Holden und Berchten wurde zum Eigennamen einer einzelnen Göttin, zu Holda oder Berchta, oder es wurde ein neuer Name dem neuen Vertreter einer hervorragenden Naturgewalt z. B. Donar beigelegt. So finden wir denn all die alten dämonisierten Naturgewalten, außer dem Donner auch den Wind und die Wolke, das Himmelslicht und die sprossende Erde, in den neuen Göttergestalten wieder. Aber alle Eigenschaften, Kräfte und Ehren der Vielen, die bisher Herren dieser oder jener Naturkräfte waren, wurden nun einem Donnergott, einem Windgott u. s. w. zugeschrieben, der wie ein unumschränkter König in seiner Machtsphäre herrschte. Höchstens wurde dieser von den älteren Naturgeistem als Dienerschaft und Troß umgeben oder auch mit Kindern und anderer Verwandtschaft ausgestattet. Während jene älteren Naturgeister nicht nur die Luft, sondern auch die Erde bewohnten, wurden die Götter, abgesehen von der Mutter Erde, als durchweg vornehme Himmelsbewohner gedacht, die nur ausnahmsweise die Erde mit ihrem Besuch beehrten.

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Mythologie der Germanen

„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von deinen Tränen!“

Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Menschheit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab. Die Mythen wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmärchen nur von den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, sondern vom ganzen Volke wie etwas Wirkliches geschaut und empfunden und in Furcht und Hoffnung heilig gehalten.

Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engeren Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen ein geheimnisvolles übermenschliches Wesen zu leben und zu weben schien. So verflochten sich bereits mit diesen ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Abhängigkeit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dramatisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden dann zum Teil wieder in die Erzählung des Mythus aufgenommen und gestalteten sie oft eigenartig um. Doch finden wir im germanischen Mythus kaum sichere Spuren davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsenden Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancherlei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Begabung und Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer monotheistischen Religion mündeten.

Die menschliche Einbildungskraft, die Haupttriebfeder der Mythologie, vermag zwar auch das toteste, unpersönlichste Ding bis zu einem gewissen Grade vorübergehend zu beleben und zu beseelen. Aber nur eine Auslese von Dingen und Erscheinungen war imstande, sie zu eigentlich lebensfähiger, personifizierender, eindrucksvoller und allgemein anerkannter Mythenbildung aufzuregen, nämlich solche, in denen drei Eigenschaften vereinigt waren: ein geheimnisvolles, rätselhaftes und darum staunenerweckendes Äussere, ein sinnenfälliger, den Schein persönlichen Lebens tragender Formen- oder Kraftwechsel und ein starker Einfluß auf das Wohl und Wehe des Menschen. Nur diesen erkannte man die Bedeutung und Lebenskraft eines übermenschlichen Wesens zu. Solche Erscheinungen sind im Menschendasein vor allem der Tod, dann der Traum und im weiteren Welträume die Luft- und Himmelserscheinungen: das Gewitter, der Wind, der Wolkenzug, das Himmelslicht, die Tageshelle und die großen Gestirne, endlich auch die sprossende Erde.

Wer mag bestimmen, welche von den erwähnten Erscheinungen zuerst die Phantasie wie mit einer Zauberrute aus ihrem Schlummer weckte? Sie mögen in unvordenklicher Zeit gleichzeitig gewirkt haben. Aber so viel ist gewiß, daß der Anblick des Sterbens, das dem Naturmenschen ebenso unverständlich war wie das Leben selbstverständlich, und die Folgen, die der Tod für die Angehörigen der Verstorbenen hatte, gerade in der unsrer Kunde erreichbaren ältesten Zeit einen besonders wichtigen und umfangreichen Mythenkreis veranlaßt haben. Dessen hohes Alter wird auch durch den Einklang der Vorstellung nicht nur der germanischen und indogermanischen, sondern auch der niedrigsten Völker der Erde bezeugt, der auf keinem mythologischen Gebiete so überraschend genau ist wie auf diesem. Noch ein anderes auffälligeres Zeugnis für diesen alten Bestand darf man anführen, das nämlich, daß der aus diesem Gebiete entsprungende rohe und ärmliche Geister- und Gespensterglaube üppiger als irgend welcher andre Heidenglaube noch heute fortwuchert.

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Mythologie der Germanen