Schlagwort: Totenfeier


Während meines fast sechsjährigen Aufenthaltes auf der Südsee-Insel Neu-Guinea und dem zugehörigen Bismarck-Archipel habe ich wiederholt Gelegenheit gehabt, teils aus eigner Anschauung, teils aus Schilderungen meines schwarzen Hauspersonals, die verschiedenen Bestattungsgebräuche der einzelnen Stämme kennen zu lernen.

Es würde an dieser Stelle für den beschränkten Raum zu weit führen, auf die sämtlichen, gänzlich von einander abweichenden, oft unglaublich komplizierten Zeremonien auch nur in kurzen Umrissen einzugehen; in alle aber lässt sich auch ohne den grossen Apparat der ethnologischen Analyse ein symbolischer Sinn hineinlegen, der bei den Gebräuchen einzelner Stämme unverkennbar in die Erscheinung tritt. Ich will mich darauf beschränken, eine Totenfeier der Salomons-Insulaner ausführlich zu schildern, die ohne Zweifel erkennen lässt, dass zwischen den Gebräuchen dieser Wilden und denen der Kulturvölker eine gewisse Aehnlichkeit besteht.

Kolonie und Heimat

„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von deinen Tränen!“

Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Menschheit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab. Die Mythen wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmärchen nur von den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, sondern vom ganzen Volke wie etwas Wirkliches geschaut und empfunden und in Furcht und Hoffnung heilig gehalten.

Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engeren Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen ein geheimnisvolles übermenschliches Wesen zu leben und zu weben schien. So verflochten sich bereits mit diesen ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Abhängigkeit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dramatisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden dann zum Teil wieder in die Erzählung des Mythus aufgenommen und gestalteten sie oft eigenartig um. Doch finden wir im germanischen Mythus kaum sichere Spuren davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsenden Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancherlei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Begabung und Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer monotheistischen Religion mündeten.

Die menschliche Einbildungskraft, die Haupttriebfeder der Mythologie, vermag zwar auch das toteste, unpersönlichste Ding bis zu einem gewissen Grade vorübergehend zu beleben und zu beseelen. Aber nur eine Auslese von Dingen und Erscheinungen war imstande, sie zu eigentlich lebensfähiger, personifizierender, eindrucksvoller und allgemein anerkannter Mythenbildung aufzuregen, nämlich solche, in denen drei Eigenschaften vereinigt waren: ein geheimnisvolles, rätselhaftes und darum staunenerweckendes Äussere, ein sinnenfälliger, den Schein persönlichen Lebens tragender Formen- oder Kraftwechsel und ein starker Einfluß auf das Wohl und Wehe des Menschen. Nur diesen erkannte man die Bedeutung und Lebenskraft eines übermenschlichen Wesens zu. Solche Erscheinungen sind im Menschendasein vor allem der Tod, dann der Traum und im weiteren Welträume die Luft- und Himmelserscheinungen: das Gewitter, der Wind, der Wolkenzug, das Himmelslicht, die Tageshelle und die großen Gestirne, endlich auch die sprossende Erde.

Wer mag bestimmen, welche von den erwähnten Erscheinungen zuerst die Phantasie wie mit einer Zauberrute aus ihrem Schlummer weckte? Sie mögen in unvordenklicher Zeit gleichzeitig gewirkt haben. Aber so viel ist gewiß, daß der Anblick des Sterbens, das dem Naturmenschen ebenso unverständlich war wie das Leben selbstverständlich, und die Folgen, die der Tod für die Angehörigen der Verstorbenen hatte, gerade in der unsrer Kunde erreichbaren ältesten Zeit einen besonders wichtigen und umfangreichen Mythenkreis veranlaßt haben. Dessen hohes Alter wird auch durch den Einklang der Vorstellung nicht nur der germanischen und indogermanischen, sondern auch der niedrigsten Völker der Erde bezeugt, der auf keinem mythologischen Gebiete so überraschend genau ist wie auf diesem. Noch ein anderes auffälligeres Zeugnis für diesen alten Bestand darf man anführen, das nämlich, daß der aus diesem Gebiete entsprungende rohe und ärmliche Geister- und Gespensterglaube üppiger als irgend welcher andre Heidenglaube noch heute fortwuchert.

Mythologie der Germanen

(Die darein aufgenommenen Lebensskizzen der genannten Brüder sind hier weggelassen, da sie nicht von Goethe herrühren.

Die Betrachtung, die sich uns nur zu sehr aufdrängt: daß der Tod alles gleich mache, ist ernst, aber traurig und ohne Seufzer kaum auszusprechen; herzerhebend, erfreulich aber ist es, an einen Bund zu denken, der die Lebenden gleich macht, und zwar in dem Sinne, daß er sie zu vereintem Wirken aufruft, deshalb jeden zuerst auf sich selbst zurückweist und sodann auf das Ganze hinleitet.

Betrachten wir also die von uns abgeschiedenen Brüder, als wenn sie noch unter uns wären Auch sind sie noch unter uns, denn wir haben wechselseitig aufeinander gewirkt und, indem daraus grenzenlose Folgen sich entwickeln, deutet es auf ein ewiges Zusammensein.

Unser Bund hat viel Eigenes, wovon gegenwärtig nur das eine herausgehoben werden mag, daß, sobald wir uns versammeln, die entschiedenste Art von Gleichheit entsteht: denn nicht nur alle Vorzüge von Rang, Stand und Alter, Vermögen, Talenten treten zurück und verlieren sich in der Einheit, sondern auch die Individualität muß zurücktreten. Jeder sieht sich an der ihm angewiesenen Stelle gehalten. Dienender Bruder, Lehrling, Geselle, Meister, Beamte, alles fügt sich dem zugeteilten Platz und erwartet mit Aufopferung die Winke des Meisters vom Stuhl; man hört keinen Titel, die notwendigen Unterscheidungszeichen der Menschen im gemeinen Leben sind verschollen. Aber auch nichts wird berührt, was dem Menschen sonst am nächsten liegt, wovon er am liebsten hört und spricht; man vernimmt nichts von seinem Herkommen, nicht, ob er ledig oder verheiratet, vater- oder kinderlos, zu Hause glücklich oder unglücklich sei; von allem diesem wird nichts erwähnt, sondern jeder bescheidet sich, in würdiger Gesellschaft, in Betracht höherer, allgemeiner Zwecke, auf alles Besondere Verzicht zu tun.

Höchst bedeutend ist daher die Anstalt einer Trauerloge: hier ist es, wo die Individualität zum ersten Male hervortreten darf, hier lernen wir erst einander als Einzelne kennen; hier ist es, wo das bedeutende wie das unbedeutende Leben in seinen Eigenheiten erscheint, wo wir uns in dem Vergangenen bespiegeln, um auf unseren gegenwärtigen, lebendigen Wandel aufmerksam zu werden.

Wenige allgemeine Betrachtungen über die uns dargestellten Lebensereignisse von vier Brüdern, deren jeder in seiner Art unserem Bunde Ehre macht, wird man wohl hier erwarten dürfen. Der erste, in Armut und Niedrigkeit geboren, höhere Eigenschaften in sich fühlend, mit entschiedenem Willen die Ausbildung derselben erstrebend, einen mäßigen Zustand erreichend und in demselben selbständig, sich selbst beherrschend, seinen Vorsätzen, seiner Pflicht getreu, ein ruhiges Leben in Mittelmäßigkeit führend, gibt uns das schönste Beispiel eines aus sich selbst entwickelten, im engen Kreise tätigen, der Gesellschaft nützlichen, und kaum bemerkt vorübergehenden Mannes. Gerade dies sind Eigenschaften und Schicksale, die sich in der bürgerlichen Welt sehr oft wiederholen und überall, wo sie erscheinen, ein segenvolles Beispiel hinterlassen.

Der zweite, in einen leidlichen Zustand eintretend, fühlt schon in den Knabenjahren, daß es schwer sei, für sich selbst zu bestehen, daß vielmehr derjenige wohltut, der sich bald entschließt, zu eigener Erhaltung anderen zu dienen, um bei fortgesetztem guten Betragen sich an das Glück mehrbegünstigter Weltbürger mit angereiht zu sehen. Hier gelangt er denn über wenige Stufen in den Dienst einer vortrefflichen Fürstin, genießt den Vorteil ihrer Nähe zu den schönsten Zeiten, schließt zuletzt seine Laufbahn als dienender Bruder des hohen Bundes, und fühlt sich in die würdigste Einheit verschlungen: ein günstiges Schicksal, das er sich durch lebenslängliche Dienstfertigkeit wohl verdient hat.

Der dritte, im mittleren bürgerlichen Leben einen bequemen Weg geführt, findet zuletzt angemessene Stellen im Staate; er versieht sie mit Zufriedenheit seiner Vorgesetzten und des Fürsten und hält sich gleichmäßig aus bis ans Ende. Aber die ihm obliegenden Geschäfte füllen seine Tätigkeit nicht aus, eine mäßige Einnahme reicht zu seinen Bedürfnissen nicht hin, und so bemüht er sich im weltbürgerlichen Sinne, durch Vieltätigkeit anderen zu dienen und vielleicht dadurch sich selbst zu nützen: aber keines von beiden gelingt in dem Grade, daß die doppelte Absicht erfüllt würde; wir bemerken seine Wirkung nach außen oft unterbrochen, gelähmt, und sehen ihn aus einer sorgenvollen Lage hinscheiden.

Der vierte gibt uns gleichfalls Anlaß zu ernsten Betrachtungen. Er war von Jugend auf durch Natur und Umstände begünstigt; als Knabe schön gebildet, Liebe und Neigung sich von früh auf erwerbend; aus dem Jünglinge entwickelte sich ein treffliches Künstlertalent; er lebte als treuer, heiterer Freund unter seinen Gesellen, zeigte sich als wackerer, kriegerischer Bürger, und in allen diesen Zuständen sieht er sich gefördert, jeden Wunsch erreicht, jeden Vorsatz begünstigt.

Betrachten wir ihn nun als Maurer, so fällt auch hier: jede Bemerkung zu seinen und unseren Gunsten. Mit Leidenschaft schloß er sich an unseren Bund; denn er fühlte darin die Ahnung dessen, was ihm sein Leben durch gefehlt hatte, dessen, was er bei dem besten Willen aus sich selbst zu entwickeln, bei sich selbst festzustellen nicht vermochte, einen gewissen Halt nämlich, ein Regulativ, woran er sich als Künstler messen, als Mensch, Freund und Liebender prüfen könnte. In unserem Bunde erschien ihm zum ersten Male das Ehrwürdige, das uns selbst Würde gibt, die alles umschlingende, aus lebenden Elementen geflochtene Kette, der Ernst einfacher, immer wiederkehrender und doch immer genügender und hinreichender Formen.

Dieser Eindruck auf das empfängliche Gemüt war so groß, daß er unseren Arbeiten niemals ohne Aufregung beiwohnen, ihrer niemals ohne Rührung gedenken konnte ; daß er in denselben Sitte, Gesetz, Religion zu fühlen und vorzuempfinden glaubte, und zwar in dem Grade, daß er in seinen letzten Augenblicken als höchste Beruhigung empfand, einem Bruder die Hand zu drücken und den übrigen Verbundenen einen traurig-dankbaren Gruß zu senden. Ja man kann überzeugt sein, daß, wäre er früher in unsere Verbindung getreten, ihm dasjenige geworden wäre, was man an ihm zu vermissen hatte.

Und hiermit lasset uns zum Schlüsse eilen; denn sowohl über ihn als sonstige Abgeschiedene eigentlich Gericht zu halten, möchte niemals der Billigkeit gemäß] sein. Wir leiden alle am‘ Leben; wer will uns, außer Gott, zur Rechenschaft ziehen? Tadeln darf man keinen Abgeschiedenen; nicht was sie gefehlt und gelitten, sondern was sie geleistet und getan, beschäftige die Hinterbliebenen. An den Fehlern erkennt man den Menschen, an den Vorzügen den einzelnen; Mängel und Schicksale haben wir alle gemein, die Tugenden gehören jedem besonders.

Text aus dem Buch: Goethe und die königliche Kunst (1905), Author: Wernekke, Hugo.

Hier geht es weiter:
Goethe und die königliche Kunst – Vorwort
GOETHE UND DIE LOGE AMALIA
Goethe und die königliche Kunst – ZWISCHEN DEM ALTEN, ZWISCHEN DEM NEUEN
Goethe und die königliche Kunst – IM FREIMAURERBUNDE
GOETHE UND DAS MAURERTUM
Goethe und die königliche Kunst – ZUSTIMMUNG UND ANREGUNG

Weiterführendes über Goethe:
Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.
Goethe und die graphischen Künste – Holzschnitt.
Goethe und die graphischen Künste – Steindruck.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes graphische Sammlungen.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes Anregungen zu graphischen Werken.
Goethe und die graphischen Künste – Goethe und die Einrichtung von graphischen Anstalten in Weimar.

Goethe und die königliche Kunst

III. IM FREIMAURERBUNDE

Am 8. Juli 1808 wurde der wiedererweckten Loge Amalia das von der Hamburger Großloge erbetene Patent erteilt, und am 24. Oktober, also am Geburtstage der inzwischen aus diesem Leben geschiedenen fürstlichen Gönnerin und dem 44. Stiftungstage, wurde in dem Salon des Wittumspalais die Loge durch eine schlichte Feier (ohne Tafelloge) von dem neuen Meister vom Stuhl, Br. Bertuch d. Ä., wieder eröffnet. Goethe war aus Karlsbad zurückgekehrt, hatte aber von Jena aus. eine Entschuldigung gesandt:

Eben war ich im Begriff, nach Weimar zu fahren, um heute abend bei der ersten feierlichen Versammlung nicht zu fehlen, als ich vernahm, daß: unsere verehrte Herzogin wahrscheinlich morgen herüberkommt und sich in den Museen umsehen will. Dadurch sehe ich mich veranlaßt, hier zu bleiben, und sende diesen Boten mit der Bitte, mich entschuldigt zu halten; denn ich möchte nicht gern einen Augenblick gleichgültig gegen eine so teure und bedeutende Verbindung scheinen.

Alles Gute und viel Freude zum gedeihlichen Anfang wünschend

Jena, den 24. Okt. 1808. Goethe.

Bei der nächsten Versammlung, im Januar 1809, nahm Goethe an der Tafelloge teil. Es wurde an jenem Abend dem Br. Fernow vom Br. Schulze eine Gedächtnisrede gehalten, und ein poetischer Nachruf gewidmet vom Br. Werner, der zum ersten Male als Besuchender anwesend war. In der Februarloge trug derselbe Bruder ein Gedicht zum Lobe. der Großherzogin Luise aus Veranlassung ihres Geburtstages vor.

Mit Bertuch, dem neuen Logenmeister, war Wieland von jeher befreundet gewesen. Schon dem Studenten hatte er seine Teilnahme zugewandt, ihn 1774 für den redlichsten, gutherzigsten Mann erklärt, den Gottes Boden trägt, und 1775 geschrieben:

„Ich liebe ihn wie einen Sohn.“

Kleine Mißstimmungen waren nur vorübergehend; nach dreißig Jahren noch standen sie in vertrautem Gedankenaustausch. So war es natürlich, daß Bertuch von der Sache, um deren Förderung er sich so eifrig bemüht hatte, auch mit Wieland gesprochen, und daß Wieland die überzeugung gewonnen hatte, die geringschätzige Meinung, womit er vor Jahren den Freimaurerorden und den Kapuzinerorden auf ungefähr gleiche Stufe gestellt, sei nicht mehr aufrecht zu halten, wenn sie überhaupt je berechtigt gewesen. Er war zu der Ansicht gelangt, die dermalige Freimaurergesellschaft

„sei ein der Menschheit Ehre machendes, auf ein hohes, aber erreichbares Ziel hinarbeitendes Institut“

, von dem er seinem eignen Streben nach sich gewissermaßen als ein unsichtbares Mitglied betrachten könnte, und er sprach den Wunsch aus, in diese „venerable Verbrüderung“ eingeführt zu werden. So wurde er denn in den ersten Tagen des April „in einer engeren, bloß vom Meister mit den Brüdern Beamten gehaltenen stillen Loge zum Br. Freimaurer historisch aufgenommen“. Dem 76jährigen Greise die ritualgemäß; damit verbundenen Formen zu ersparen, war von dem Großmeister ausdrücklich gestattet worden. Am 4. April wurde er in einer zahlreich besuchten Logenversammlung, in der auch Goethe nicht fehlte, feierlich eingeführt. Bei der sich anschließenden Tafelloge wurde das für diesen Tag vom Br. Werner verfaßte Lied gesungen, worin die Freude zum Ausdruck kommt, daß den Brüdern der Amalia hinfort das Licht der Dioskuren Goethe und Wieland strahlen solle.

Wieland vergalt reichlich die Verehrung, die ihm entgegengebracht wurde. Er scheint in keiner Logenversammlung gefehlt zu haben, es sei denn, daß Krankheit ihn verhinderte. Seine Ansichten über die Bedeutung und die Wirksamkeit der Freimaurerei legte er in drei formvollendeten Reden, bei festlichen Gelegenheiten vorgetragen, den Brüdern dar; aus eignem Antriebe bat er, an den Sitzungen der Armenkommission teilnehmen zu dürfen. Goethe konnte zum Besuch der Loge keine Zeit mehr erübrigen — selbst nicht bei so bedeutsamer Veranlassung wie am 9. September 1809, als sich Prinz Bernhard von Weimar in die Loge aufnehmen ließ und Wielands Schwiegersohn, Br. Reinhold (Professor in Kiel), eine Rede hielt, worin er dem neuaufgenommenen Bruder die erhabenen Zwecke der Freimaurerei und das Verhältnis eines Fürsten zu derselben vorstellte; oder bei der Neuwahl des Meisters vom Stuhl am 10. Juni 1810, da wegen Überhäufung mit Geschäften Bertuch die Logenleitung aufzugeben wünschte, sich jedoch bewegen ließ, das von seinem Nachfolger, Br. Ridel, bisher bekleidete Amt des deputierten Meisters zu übernehmen; oder am 4. September desselben Jahres, wo der Geburtstag des durchlauchtigsten Protektors (am 3. Sept.) und Wielands (am 5. Sept.) eine gern benutzte doppelte Veranlassung zu einer schönen Logenfeier gegeben hatte. Am 5. Oktober 1812 richtete Goethe an Ridel folgendes Schreiben:

Ew. Wohlgeb. würden mir eine besondere Gefälligkeit erzeigen, wenn Sie mich auf irgend eine schickliche, der maurerischen Form nicht unangemessene Weise als Abwesenden betrachten und meine Verpflichtungen gegen die Gesellschaft suspendieren möchten.

Ungern würde ich diese ehrenvolle und interessante Verbindung ganz aufgeben, möchte aber doch, da es mir unmöglich fällt, den Logen regelmäßig beizuwohnen, nicht durch mein Ausbleiben ein böses Exempel geben. Vielleicht vernehme ich mündlich das Nähere, bis dahin ich auch meine Entschuldigung verspare.

Verehrend

Goethe.

Von dieser Entschuldigung, die jedenfalls freundliche Billigung fand, machte Goethe fortan Gebrauch, ohne sich jedoch der Loge ganz zu entziehen. Es wird versichert, daß, er

„ununterbrochen an jedem bedeutungsvollen Ereignisse, an jedem größeren Feste der Loge so lebhaften Anteil nahm, daß die wichtigeren Reden, Gesänge und Anordnungen meist seiner vorausgehenden Prüfung und Billigung sich erfreuen durften“

; die Vermittelung mag meist durch den Kanzler v. Müller geschehen sein. Wie gewissenhaft Goethe bei der Bekundung solcher Teilnahme war, zeigt sich recht deutlich bei den Vorbereitungen zu Wielands Totenfeier.

Von einem Schlaganfall, der den sonst noch so rüstigen Greis am 1o. Januar 1813 getroffen, genas er nicht wieder. Am 20. Januar gegen Mitternacht entschlief er. In Bertuchs Hause wurde die Leiche ausgestellt, in Oßmannstedt fand das Begräbnis statt. Zum Tragen des Sarges hatten sich Mitglieder der Amalia und zwei auswärtige Brüder erboten. Konnte die Feier am Grabe infolge der rauhen Jahreszeit nur kurz sein, so dachten die Brüder alsbald an eine besondere Trauerfeier in der Loge. Karl August äußerte den Wunsch, daß die ganze fürstliche Familie bei dieser Feier, die auf den 18. Februar angesetzt wurde, zugegen sein und diese danach eingerichtet werden möge. Es war ein außerordentlicher Fall, besonders soweit es sich um die Damen des Hofes handelte; denn nun wünschten auch die Frauen der Brüder kommen zu dürfen. Goethe war bereit, die Gedächtnisrede zu halten, erklärte aber, daß diese nicht auf die Gegenwart von Frauen berechnet sei — „anderer Gründe seiner Abneigung dagegen nicht zu gedenken“. Dem Meister vom Stuhl übersandte er am 6. Februar den Entwurf seiner Rede zur Durchsicht mit diesen Zeilen:

Ew. Wohlgeb. wünschten die besprochene Rede bald zu sehen; ich teile sie daher sogleich mit, um gütige Bemerkungen bittend, von denen ich bei weiterer Ausarbeitung Gebrauch zu machen nicht verfehlen werde. Sie schenken mir wohl nächste Woche einen Mittag, wo das Weitere kann besprochen werden. Mögen Sie mir Herrn Landkammerrat Bertuch zusenden, so bespreche ich mit diesem noch einiges Äußerliche. Wegen des gestrigen augenblicklichen Dissenses um Verzeihung bittend, erkläre ich mich zu allem willig und bereit, was die verehrten Brüder beschließen werden.

Hochachtungsvoll und dankbar

Weimar, den 6. Februar 1813. Goethe.

Ridel schrieb nach dem ersten Durchlesen der Rede, am folgenden Tage (Sonntag):

„Ihro Exzellenz haben mir durch die Zusendung Ihrer Rede zu Wielands Angedenken eine der höchsten und genußreichsten Stunden meines Lebens verschafft, wofür ich Ihnen in der Tat meinen und derer Dank, welche auch diesen Genuß bald zu hoffen haben, nicht genug zu sagen weiß, Nur Sie konnten mit solchen Meisterzügen in dieser kurzen Zeit das ganze poetische und menschliche Leben Wielands so kräftig und wahr auffassen und den Schlüssel zu diesem Schatz, der so vielen ein ewiges Geheimnis bleiben wird, so glücklich auffinden und in unsere Hände darlegen. Meiner bisherigen Überzeugung nach wünsche ich kein Wort darin geändert. Wollen Sie indes erlauben, daß ich die Rede behalten darf, bis ich persönlich aufwarten kann, so wäre es mir besonders deswegen sehr lieb, damit ich sie vielleicht noch ein paarmal durchlesen könnte. Es versteht sich von selbst, und ich verspreche es überdies auf Maurerwort, daß die Rede in meinem Pulte verschlossen bleibt, und daß niemand sie zu sehen bekömmt. Etwa vom Donnerstag an stehe ich jeden Tag, wo es Ihnen am bequemsten ist, jederzeit zu Ihrem Befehl. Früher möchte ich es deswegen verbitten, weil die Loge am nächsten Dienstag mit den Vorbereitungen zur Feier u. dgl. viel Zeit wegnimmt und der Mittwoch dann auch noch kleine Arbeiten notwendig macht, auch Kammersession ist . . . Ihre gütige Äußerung, sogleich in das einzustimmen, wohin die Wünsche der Brüder gingen, veranlaßt mich, sogleich meinen Wunsch mitzuteilen, dessen Erfüllung nun hoffentlich auch mit Ihrer Zustimmung geschehen kann.“

Ridel weist nun, im Einverständnis mit der Beamtenkonferenz, darauf hin, daß die Damen des Hofes auf des Großherzogs Wunsch erscheinen würden, daß dann aber auch die Frauen der Brüder teilzunehmen wünschten; daß ein solches Zusammentreffen doch auch sonst, in Konzerten, Ressource-Gesellschaften, auf der Redoute stattfinde; daß die Frauen ja gleich im oberen Saale des Wittumspalais ihre Plätze erhalten könnten, während „der Hof im eigentlichen Sinne“ sich in den unteren Zimmern versammelte: sobald auch dieser in den oberen Saal eingetreten, könne die Feier ihren Anfang nehmen. Übrigens sei bei den vom Herzog Karl von Mecklenburg2) in Hannover und Hildburghausen abgehaltenen Schwesternfesten neben den höchsten Herrschaften und den Damen des Hofes auch die geringste Kanzlistenfrau zugegep gewesen und alles in großer Eintracht und ohne Anstoß abgegangen. Man habe auch erwähnt, daß die Männer, als Glieder eines Bundes, von dem man doch glaubt, daß er die menschliche Gleichheit liebt und erhält, falls sie ihre Frauen ausschließen sollten, in deren Augen als inkonsequent handelnd erscheinen könnten, auch in der Loge leicht eine Verstimmung hervorgerufen, hingegen durch Zulassung der Frauen manche Widersacherin der Maurerei mit ihr versöhnt werden könne. Diese Zuschrift Ridels kreuzte sich mit einem Billet von Goethe:

Ew. Wohlgeb. erzeigen uns die Ehre, morgen mittag ein kleines Mahl bei uns einzunehmen, bei dem manches zu besprechen sein wird. Ich wünschte womöglich meinen Aufsatz diesen Abend zurück, weil ich bei einem so reichen Thema mich mancher Omissionen schuldig gemacht. So ist z. B. die Prachtausgabe seiner Werke nicht erwähnt, welche doch auch einem Autor, der sie erlebt, zu großen Ehren gereicht; sowie noch manches andere durch Adsper-sionen im Vorübergehen angedeutet werden kann.

Mich bestens empfehlend

Weimar, den 7. Februar 1813. Goethe.

Da Ridel dieser Einladung auf den Montag nicht folgen konnte, schrieb ihm Goethe:

Ew. Wohlgeb. Beifall, den Sie meiner Rede schenken, ist mir unendlich viel wert, und nun erst kann ich mir eine gute Wirkung von derselben versprechen. Mögen Sie mir das Manuskript durch Überbringer zurücksenden, so kann ich diese Tage noch einige Sorgfalt darauf wenden; es steht alsdann wieder zu Diensten.

Dem so wohl motivierten Beschluß wegen der Schwestern trete mit Überzeugung bei, und hoffe Donnerstag mittag Ihre liebe Gegenwart.

Mich angelegentlichst empfehlend

Weimar, den 8. Febr. 1813. Goethe.

Nach der vertraulichen Unterredung am Donnerstag stellte Ridel am folgenden Tage mit den Logenbeamten den Verlauf der Feier fest, worauf sich Goethe nochmals zu einer kurzen Besprechung anmeldete:

Finde ich Ew. Wohlgeb. zu Hause, so spreche ich gegen i Uhr bei Ihnen ein, um mich eines geneigten Rats zu erholen.

13. Febr. 1813. Goethe.

Darauf wurden die nötigen Einladungen und Weisungen erlassen, und am Donnerstag, 18. Februar, fand die so umsichtig vorbereitete Trauerfeier statt. Die Einführung des Hofes geschah in der vorgesehenen Weise. Der öurchl. Protektor, in Trauer gekleidet, trug „mit Weglassung aller übrigen Orden“ auf der Brust nur das Zeichen der Loge Amalia, und dieses zierte auch die sämtlichen Brüder, ohne sonstige maurerische Bekleidung. Die meisten waren von ihren Frauen begleitet — darunter auch Frau v. Goethe; Bertuch hatte Wielands jüngste Tochter eingeführt. Nach der Eröffnungsansprache des Meisters trug Goethe seine Gedächtnisrede vor, worauf nach nochmaliger Ansprache Ridels mit der üblichen Sammlung für die Armen geschlossen wurde.

„Der Erfolg des Abends,“ schreibt Ridel, „war äußerst glücklich. Achtungsvoll sind der Hof, achtungsvoll die Schwestern von uns geschieden; höher denn vielleicht je ist die Achtung des Publikums gegen die Maurerei gestiegen. Laut wird sie den Brüdern von seiten unseres durchl. Protektors, von den Prinzessinnen, vom Hofe und von den Schwestern bezeugt. Wir haben die schönsten Hoffnungen, daß die würdigsten der Männer, die uns noch nicht angehören, selbst von den Frauen, Maurer zu werden, Veranlassung bekommen. Wenigstens haben die edelsten unter ihnen mit größter Wärme sich dafür erklärt. O, daß der Sturm der Zeiten doch keine dieser schönen Aussichten trübe!“

In dem lateinischen Propemptikon, das K. A. Böttiger den Manen Wielands’gewidmet, hieß es am Schlüsse: Vor der überall tobenden Unruhe, vor dem im Norden ausbrechenden Kriegslärm bist du, ganz in deinen Cicero versunken, dorthin entflohen, wo die verstimmenden Ereignisse nicht zu dir dringen. — Wer so lange wie Wieland seine Teilnahme an den Tagesereignissen, und sehr entschieden auch an den politischen, bekundet hatte, durfte sich wohl eine solche Zurückgezogenheit gönnen. In der Loge konnte und wollte man sich den Eindrücken jener bewegten und schweren Zeit nicht verschließen. Wenn bedeutende Ereignisse die Mitbürger erregten, wenn Mitglieder der Loge zum Kriegsdienst berufen, wenn die einen auf dem Felde der Ehre geblieben, die andern glücklich heimgekehrt waren, so kam das Mitgefühl der Brüder auch in der Loge zu gebührendem Ausdruck. So geschah es gewiß auch, als der Herzog, der nach der Schlacht bei Leipzig sich den Verbündeten angeschlossen hatte, als russischer General ein aus Sachsen, Hessen und Russen zusammengesetztes Korps nach Belgien zu führen hatte, und wiederum, als er nach einer Abwesenheit von fast acht Monaten (er hatte nach der Einnahme von Paris noch eine Reise nach England gemacht) wieder heimkehrte. Mit Jubel wurde der geliebte Fürst von dem Lande, zumal von seiner Hauptstadt, begrüßt. Festlich geschmückt waren die Häuser. Unter den symbolischen Bildern, die an der Kunstschule angebracht waren — vermutlich auf Anregung und unter Mitwirkung Goethes — befand sich auch eins mit den Sinnbildern der Freimaurerei: Zirkel, Winkelmaß, Senkblei, fünfstrahliger Stern. Von Goethe eigenhändig gezeichnet und mit einem Sinnspruche versehen, fand es bei Karl Augusts Regierungs- und Goethes Staatsdienerjubiläum nochmals Verwendung.

Am 50. Stiftungsfest der Loge (24. Okt. 1814) wurde der russische Oberst v. Geismar aufgenommen, der sich um die Stadt Weimar namentlich durch den Schutz gegen den am 21. Oktober‘ 1813 drohenden feindlichen Überfall verdient gemacht hatte. Da seine Anwesenheit nur noch kurz war, wurde seine Beförderung in den zweiten und den dritten Grad sehr beschleunigt. Der zu diesem Zwecke am 15. November abgehaltenen Meisterloge wohnte Herzog Bernhard bei. Auch hatte der Meister vom Stuhl das Vergnügen, den Br. v. Goethe zu begrüßen, welcher nach langen Abhaltungen zum ersten Mal wieder im Bruderkreis erschienen war. Dem Eindruck dieser Versammlung ist vielleicht das als „Symbolum“ bezeichnete Gedicht zu verdanken („Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben . . .“).

Am 5. Dezember 1815 konnte den Brüdern v. Egloffstein, v. Linker und v. Wolfskeel, die aus ehrenvollem Kampfe für Deutschlands Freiheit zurückgekehrt waren, ein maurerisches Willkommen geboten werden. An demselben Abende wurde Julius August Walther v. Goethe, Kammerrat und Kammerjunker, unter der Bürgschaft seines Vaters in den Freimaurerbund aufgenommen. Es war die letzte ritualmäßige Arbeit, der Br. v. Goethe d. Ä. beigewohnt hat. Um so fleißiger nahm der neue Bruder teil. Nachdem er am 8. Dezember 1816 in den zweiten und am 26. Januar 1820 in den dritten Grad befördert worden war, übernahm er das Amt des zweiten Schaffners, das er von 1820 bis 1829 pünktlich verwaltete. Durch ihn wurde fortan vorzugsweise der Verkehr des Vaters mit der Loge vermittelt. So erfahren wir aus der Lehrlingsloge vom 16. Januar 1816, der ersten nach seiner Aufnahme, daß er bei der Umfrage um das Wort gebeten, „um den Dank seines verehrten Vaters abzustatten für die ihfn in der letzten Loge widerfahrene ausgezeichnete brüderliche Aufnahme“. Ebenso sprach er am 19. Februar desselben Jahres beim Stiftungsfeste der Loge zu Erfurt in des Vaters Namen. Als er (am 25. Dezember 1789 geboren) am 27. Oktober 1830 in Rom gestorben war, widmete der Meister vom Stuhl ihm einen ehrenden Nachruf, mit warmer Anerkennung der Liebe und Treue, die er dem Bunde bewahrt habe. „Das Wohlwollen seines Herzens, die ungeschminkte Aufrichtigkeit seiner brüderlichen Gesinnungen hat er oft in Kraft des ihm übertragenen Amtes mit dem seltenen Wohllaut seiner Stimme hier ausgesprochen, öfter solche bei jedem Anlaß den Brüdern betätigt; denn alle Begegnisse der Freunde fanden in seinem Herzen den lebendigsten Anteil.“ — „Schmerzlich überraschend,“ heißt es weiter, „war uns allen die Nachricht seines Todes, am schmerzlichsten dem hochverehrten Vater: denn wie tief und innig muß das Gefühl dessen sein, der das fremde Leid nachzuempfinden, der Jammerklage Worte zu leihen, der alles, was das Gemüt eines Vaters bewegt, so auszusprechen vermochte:

Die Zukunft ist des Vaters Eigentum;

Dort liegen seiner Hoffnung weite Felder,

Dort seiner Saaten keimender Genuß.

Doch mit mehr als männlicher Kraft bezwang unser Meister die Gefühle seines Herzens; aber diese Gewalt drohte die Brust zu sprengen, dem eigenen Leben verderblich zu werden. Preisen wir uns glücklich, daß diese Gefahr vorübergegangen ist, und möge die lebendigste Teilnahme seinen Schmerz lindern und er, die Zierde dieses Bundes, noch lange der Welt und uns erhalten sein, den eigenen Spruch bewahrheitend:

„Nicht in das Grab, nicht übers Grab verschwendet Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert.

Er kehrt in sich zurück und findet staunend In seinem Busen das Verlorne wieder.“

Aus erfreulichem Anlaß fand wenige Monate darauf eine große Festloge statt. Der Großherzog hatte den Wunsch geäußert, daß zur Feier der Ankunft des Herzogs Bernhard mit seiner jungen Gemahlin (Prinzessin Ida von Meiningen) eine Fest- und Tafelloge unter Beteiligung der Schwestern angeordnet werden möge. Diese Feier, am 11. Juni 1816, verlief sehr ansprechend in Gegenwart der höchsten Herrschaften und zahlreicher Brüder und Schwestern. Der deputierte Meister, Br. v. Müller, trug eine Abhandlung vor über das Interesse edler Frauen an den Fortschritten höherer Kultur und die rege Teilnahme ihres forschenden Verstandes an dem ernsten Streben der Maurerei, und der erste Aufseher, Br. v. Fritsch, sprach über die Geschichte geheimer Verbindungen. Erstere Rede wurde dann Goethe vorgelegt; er schrieb unter dem 14. Juni an den Verfasser:

Ew. Hochwohlgeb. danke schönstens für die mitgeteilte Rede. Wie sehr wünscht ich, sie gehört zu haben. Auch sie hat den Charakter der diesmaligen Schwesternloge, wo man die Sache ernsthaft und würdig nahm und nicht, wie vor alten Zeiten, ins Scherzhafte und Parodistische zog. So läßt auch Ihre Rede, ohne das Geheimnis zu verraten, den Wert des Geheimnisses fühlen. Da es mir nicht gelang, sie zu hören, danke zum schönsten für ihre Mitteilung.

Im März 1818 sah sich Ridel durch körperliche Leiden veranlaßt, von der Logenleitung zurückzutreten. Sein Nachfolger wurde der bisherige erste Aufseher, der Staatsminister Karl Wilhelm von Fritsch. Er war der Sohn des ersten Meisters vom Stuhl der Amalia, geboren am 16. Juni 1769 in Weimar, trat 1789 in den weimarischen Staatsdienst, wurde 1815 Minister und stand von 1819 an als Chef des ersten Departements des Staatsministeriums an der Spitze der Regierung. 54 Jahre war er im Staatsdienste, und 33 Jahre war er Leiter der Loge. Er starb am 16. November 1851. Daß sein verdienstliches Wirken für die Maurerei nicht auf die Loge Amalia beschränkt blieb, ist besonders hervorgehoben in der Gedächtnisrede, die sein Nachfolger im Logenamte, Staatsminister Stichling, ihm hielt. Er sagt unter anderm: „Dürften wir, vor allem wir, vergessen, welche wesentlichen und ersprießlichen Dienste er im Jahre 1833 als bevollmächtigter Abgeordneter des Gesamthauses Sachsen Ernestinischer Linie bei den Kabinettskonferenzen zu Wien dem deutschen Frei-maurertume geleistet hat — vergessen, daß er es war, der die gegen dasselbe auftauchenden Verdächtigungen mit beharrlichem Eifer zu widerlegen bemüht war und, als es seiner beredten Verteidigung nicht gelingen wollte, die drohenden Maßregeln von unserm Bunde abzuwenden, mit edlem Freimute vor der Diplomatie als Wissender sich bekannte und nur durch1 die bündige Versicherung, daß den Logen jede Beteiligung an dem politischen Parteiwesen fremd sei, sie vor der Ausführung bereits eingeleiteter verderblicher Beschlüsse rettete ? Daß auf deutscher Erde unsere königliche Kunst überhaupt noch Geltung findet, daß demnach auch Weimar noch eine Loge hat, daß kein politisches Interdikt die Bruderkette auseinandergerissen: wir verdanken es ihm, und nie haben Bruder einem in den ewigen Osten eingegangenen Meister verdientere Huldigungen darzubringen gehabt, als wir sie heute unserm verklärten Meister vom Stuhl weihen.“

In der Trauerloge vom 15. Juni 1821 war vor allem des hochverehrten Altmeisters Ridel zu gedenken, der am 16. Januar aus dem Leben geschieden war, ferner der Brr. Kästner (Kantor an der Stadtkirche), Krumbholz (Kastellan des Wittumspalais), Slevogt (Vizebürgermeister von Jena) und Jagemann (Maler). Da die vom Br. v. Müller gehaltene Denkrede auf Ridel gedruckt werden sollte, wurde beschlossen, sie mit einer würdigen Einleitung zu versehen und ihr einen Auszug der vier anderen Reden vorauszuschicken. Das Interesse für dies Schriftchen, schreibt Br. v. Fritsch bei der Absendung an die verbündeten Logen, werde

„gewiß noch dadurch gesteigert werden, daß unser hochverehrter Br. v. Goethe d. Ä. es war, der sich dieser Aufgabe auf das gemütvollste und lehrreichste unterzog“.

Zur Feier des 3. September 1825, des Tages, an dem der durchlauchtigste Protektor vor 50 Jahren seine beglückende und segensreiche Regierung begann, hielten am 13. September im großen Stadthaussaale die Brüder der Amalia eine Festloge in Gemeinschaft mit den Schwestern, wrobei erst der Meister vom Stuhl, dann Br. v. Müller in trefflichen Reden des hohen Einflusses gedachten, welchen das mit Goethe: verbundene Leben und Wirken des verehrten Fürsten auf Künste und Wissenschaften und auf das Gedeihen alles Guten, Edlen und Schönen im Vaterlande geäußert hatte. Goethe, der den Jubeltag selbst in eigenster, schönster Weise gefeiert hatte, zeigte seine Teilnahme an dem Logenfeste durch drei demselben geweihte sinnvolle Gesänge, die vom Br. Hummel in gleichem Geiste komponiert waren (Einmal nur in unserm Leben — Laßt fahren hin das Allzuflüchtige — Nun auf und laßt verlauten).

In demselben Jahre war Goethes 5ojähriges Staatsdienerjubiläum zu feiern. Das am 7. November im Stadthaus abgehaltene Festmahl trug zwar keinen maurerischen Charakter, doch hatte sich um dessen Veranstaltung die Loge besonders bemüht, und die als Redner, Dichter und Komponisten auf tretenden Personen waren fast ausnahmslos Mitglieder der Amalia. Den Vorsitz führte Br. Schwabe (Hofrat und Bürgermeister), und die von ihm ausgebrachten Trinksprüche auf den Großherzog und die Großherzogin waren vom Br. v. Müller verfaßt.

Im nächsten Jahre konnte die Loge zugleich mit dem Geburtstage des Landesfürsten die Rückkehr des Herzogs Bernhard von seiner langen Reise nach Amerika (April 1825 bis Juli 1826) festlich begehen. Bei der Tafel trug Br. v. Goethe II. das von seinem Vater verfaßte Gedicht vor: „Dem glücklich-bereicherten Wiederkehrenden“ (Das Segel steigt, das Segel schwillt).

Am 14. Juni 1828 starb Großherzog Karl August. Mit seinem Lande — um nicht zu sagen mit Deutschland, dessen Interesse an Weimar dem Landesfürsten nicht minder als seinen Dichtern und Denkern galt — betrauerte seinen Hintritt die Loge Amalia, die sich während nahezu eines halben Jahrhunderts seines aufgeklärten Schutzes, seiner immer neu bewiesenen Huld und Förderung erfreut hatte. An seinem Geburtstage (3. September) wurde im großen Stadthaussaale die Trauerloge gehalten, auch diesmal unter Teilnahme der Schwestern. Br. v. Müller hielt die Gedächtnisrede auf den hohen Entschlafenen; aber auch der übrigen Toten des vergangenen Jahres, der Brr. v. Einsiedel (Oberhofmeister), Wolf (Hofschauspieler) und Meisel (Lehnssekretär) wurde gedacht, und dem erst am Vorabend dieses Tages verstorbenen Geh. Hofrat und Leibmedikus Huschke glaubte die Loge, obwohl er nicht Maurer gewesen, ein ehrendes Andenken öffentlich zollen zu müssen, da er im schönsten Sinne die Grundsätze des Bundes geübt und um viele der Brüder sich verdient gemacht hatte. Bei dem tiefen Schmerz, den

Goethe, der nun selbst schon in das achtzigste Lebensjahr eingetreten war, über den Verlust des fürstlichen Freundes empfinden mußte, konnte man auf seine Teilnahme an der angreifenden Feier nicht rechnen, keinen poetischen Ausdruck der gemeinsamen Trauer von ihm erwarten. In sinniger, rührender Weise knüpfte der vom Br. v. Müller gedichtete, vom Br. Eberwein komponierte Weihegesang an Goethes Festgruß von 1825 an durch die Eingangszeilen :

Einmal nur im ganzen Leben,

Was auch noch begegnen mag,

War uns höchstes Glück gegeben,

Strahlte mild ein goldner Tag.

Als ihm selbst noch ein goldener Jubeltag beschieden war, hielt Goethe sich ebenfalls still im Hause. Selbst die Deputation der Loge, die ihn am 23. Juni 1830 begrüßen sollte, konnte er wegen Unpäßlichkeit nicht persönlich empfangen. Das Diplom, das ihm bei „der fünfzigsten Wiederkehr seiner Aufnahme in ihren Hallen die Loge Amalia als Pfand innigster Verehrung, Dankbarkeit und Liebe“ und als Urkunde seiner Ehrenmitgliedschaft darbrachte, nahm er aber mit großer Freude entgegen. Sein poetischer Dank dafür wurde am nächsten Tage bei der johannisfeier der Loge vorgelesen, eingeflochten in die Ansprache, womit Br. v. Müller bei der Festtafel seinen Trinkspruch auf den Jubelmeister einleitete:

Ein schönerer Stern, meine geliebten Brüder, konnte unserm diesjährigen Johannisfeste wohl nicht leuchten, als der, welcher an seinem Vorabende uns aufging, der Glücksstern unsers Goethe, die fünfzigste Wiederkehr des Jahrtages seines Eintritts in unsere Hallen.

Scheint es doch, ein gütiges Geschick wolle ihn in jedem Lebensverhältnis die höchste Stufe nicht nur erreichen — sondern auch heitersten, jugendfrischen Umblick auf ihr genießen lassen!

Fünf Jahre schon — und wir feierten mit freudigem Stolze den goldnen Jubeltag seiner Einkehr in unser Vaterland; — diese fünf Jahre, wie reich an neuen Blüten und Früchten seines unerschöpflichen Geistes sind sie vorübergezogen, mit wieviel neuen Kränzen des Ruhms haben sie sein teures Haupt geschmückt! — Wie sein ganzes Leben hindurch jedes erreichte Ziel in Wissenschaft und Kunst ihn alsobald zu neuer Bestrebung, zu erhöhter Kraftäußerung aufregte; so scheint auch mit jeder höheren Lebensstufe ihm neue Befestigung seines Daseins und Wirkens, uns neue Bürgschaft jenes freundlichen Ver-weilens gewonnen!

Und er ist unser — dürfen wir verbundene Brüder uns heute mit noch gerechterem Stolze zurufen, als jene längst in den ewigen Osten eingegangenen Brüder, die heute vor fünfzig Jahren ihn zum ersten Male als den Ihrigen in diesen Hallen begrüßten.

Mit welchem ahnungsreichen Gefühl mag der ehrwürdige Bode, der an jenem Tage gerade den Hammer führte, einen Genius wie Goethe in unsern Tempel eingeführt, in unsere Symbole und Überlieferungen eingeweiht haben! Von allen Zeugen jenes Johannisfestes ist nur ein einziger noch übrig, unser geliebter Bruder von Schardt; — aber in einem neuen Geschlechte lebt das heilige Gedächtnis jener folgenreichen Stunde zu neuem Jubel wieder auf.

Wenn der edelste Zweck des Maurerbundes Erweckung und Verbreitung rein menschlicher Gesinnung, harmonische Entfaltung und Veredelung geistiger Kräfte, mit einem Worte Humanität ist — wer hat wohl diesen Zweck erfolgreicher gefördert, wer diese Aufgabe meisterhafter gelöst, wer mit schönerem Schmucke die Säulen unseres Tempels umkleidet als Goethe?

Mit dem Adlerfluge des Genius hat er die besonnene Richtung auf klar erkannte Ziele, mit dem höchsten Streben die würdigste Mäßigung, im tiefsten Forschen die lebendigste Anschauung, in zwangloser Freiheit ein sicheres Gleichgewicht zu bewahren und zu vereinigen gewußt. Dieselbe Hand, die den Zauberstab der Dichtung schwang, hat auch mit Winkelmaß und Zirkel die Kreise bürgerlichen Lebens geordnet und ausgeschmückt, unzählige Bausteine zu schirmenden Hallen dauernd aneinander gefügt und mit vollkräftiger Meisterschaft neue Altäre des Lichts und der Wahrheit aufgerichtet. Derselbe Blick, der unermüdet den Geheimnissen der Natur nachspähte, hat auch mit heiterm Wohlwollen in jedem geselligen Verein geleuchtet, dem Ernst des Lebens stets die freundlichste Seite abgewonnen und teilnehmend, erfrischend, belohnend nach tausendfachen Richtungen hin Kraft und Tätigkeit hervorgerufen. Wer vermöchte die Saaten edelster Gedanken und Lehren alle zu zählen, die er segensvoll ausgestreut; — wer zu berechnen, welche unermeßlichen Früchte Mit- und Nachwelt daraus geerntet und ernten werden? Wie am heitern Nachthimmel Stern an Stern überzählig sich hervordrängen, so erscheinen unsern Blicken seine Leistungen!

Und er ist unser — aus unsern stillen Kreisen gingen alle diese herrlichen Strahlen hervor, die die ganze gebildete Welt, vom fernsten Norden über weit getrennte Berge und Meere bis zu Amerikas jugendlich erblühenden Völkern, so wohltätig erleuchten, erwärmen, entzünden!

Mit festem Sinne blieb er unserm Bunde durch alle Wechselfälle des Lebens getreu. Wie die Natur seinem Auge stets als ein lebendiges, großes Ganze erschien, das im Kleinsten wie im Größten den erhabenen Stempel ewiger Gesetzmäßigkeit trägt — so suchte er auch stets in unserm Bunde die einzelnen Kräfte auf ein harmonisches Zusammenwirken, auf ein gemeinsam Erreichbares hinzuleiten; denn er erblickte in der Maurerei — lassen Sie mich es mit seinen eignen Worten ausdrücken — „die alles umschlingende, aus lebenden Elementen geflochtene Kette, den Ernst einfacher, immer wiederkehrender und doch immer genügender und ausreichender Formen.“

Wie freue ich mich, Ihnen das schönste Zeugnis seiner Achtung und Liebe in den geist- und herzvollen Worten mitteilen zu können, die er in dankbarer Erwiderung unsers Andenkens an sein Jubelfest alsobald als brüderlichsten Gegengruß uns gewidmet hat. Ich ersuche den geliebten Bruder ersten Schaffner, sie öffentlich vorzutragen.

(Br. Coudray verliest die Verse: Fünfzig Jahre sind vorüber)

Gewiß mit tiefer Rührung haben wir alle diesen sinnvollen Brudergruß unsers Jubelmeisters vernommen. Wird doch solch ein Dank alsobald zu einer neuen köstlichen Gabe, indem er frischen Samen zu edlem Tun und Sinnen ausstreut. Ja, wie der wohltätige Schimmer eines ewigen Gestirns, leuchtet uns auf den Bahnen des Lebens ein urkräftiges Wort, ein lichtreicher Gedanke! Und wie die wahre Nähe der Geister nicht durch körperlichen Raum bedingt ist, so fühlen auch wir jetzt unsern Goethe mitten unter uns, und unsere Brust erweitert und erwärmt durch seinen Zuruf.

Nicht würdigeres Dankopfer können wir ihm bringen, als wenn wir fort und fort redlich streben, in seinem Sinne zu arbeiten und zu wirken, Licht und Recht, Wahrheit und Bruderliebe, jeder in seinem eigenen, alle im größeren Kreise, unermüdet zu fördern und zu verbreiten.

Möge der ewige Baumeister der Welten ihn noch lange, lange Zeuge dieses unsers Strebens sein lassen!

Ihm, der auf langer Segensbahn Dem Bunde leuchtete voran,

Ehrwürdig in der Weisheit Rat,

Geliebt durch menschlich schöne Tat,

Der in dem raschen Flug der Zeit,

Gesät, gebaut für Ewigkeit,

Mit jedem Lorbeer reich geschmückt,

Durch seine Liebe uns beglückt,

Ihm laßt in froh geschlungnen Reih’n Uns Leberuf und Jubel weih’n!

Die Ansprache wurde gedruckt und dem Gefeierten vorgelegt. Goethe sprach dem Redner seine Zufriedenheit aus, wie dieser in seinem Tagebuche erwähnt (Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedr. v. Müller — 2. Juli 1830): Lob meiner Rede am Johannisfest. Ein mäßiger Enthusiasmus, wie er sich notdürftig rechtfertigen läßt; alles wohl zusammengestellt; gute rhetorische Motive. „Ich bin alt genug,“ waren Goethes Worte, „um das, was mir zu Ehren geschrieben wird, wie ein Unparteiischer beurteilen und loben zu können.“

Als 1832 das Johannisfest gefeiert wurde, war unter den Toten des vergangenen Maurerjahres an erster Stelle -der ehrwürdige Br. v. Goethe zu nennen. Die Trauerloge wurde am Vorabend von Schillers Geburtstag abgehalten. Die durch die teilnehmenden Schwestern vergrößerte Versammlung mußte wieder im großen Stadthaussaale abgehalten werden, der von Br. Coudray (Oberbaudirektor) sinnig ausgeschmückt war.39) Im Osten des Saales erblickte man eine fünfzehn Fuß breite und ebenso hohe, mit einem Bogen auf Säulen geschlossene Durchsicht in ein anmutiges stilles Tal, in welchem auf Felsen sich ein Sarkophag mit den Meisterinsignien zeigte. Darüber erhob sich eine Pyramide, an deren Spitze der Name Goethes im Sternenglanz strahlte, umgeben von schwebenden Genien mit Trophäen und Kränzen. An der Pyramide las man die Inschrift:

Johann Wolf gang von Goethe

geboren 28. August 1749
In den Maurerbund auf genommenden

25. Juni 1780
Eingegangen in den ewigen Osten

den 22. März 1832

Seinem Andenken
Die Brüder der Loge

Amalia


An der vor der Durchsicht angebrachten Brüstung hatte der Meister vom Stuhl seinen Sitz. Hinter ihm erhoben sich die Büsten von Anna Amalia und Karl August. Nach Westen zu, an den langen Seiten des Saales, saßen die beiden Aufseher. Ein hellblauer Teppich war in der Mitte ausgebreitet; an der einen Ecke trug eine dreiseitige Ara Goethes maurerische Bekleidung, mit einem Kranze von Lorbeer und Immergrün bedeckt; an den drei übrigen Ecken waren Kandelaber aufgestellt. Die Wände des reich beleuchteten Saales waren mit passenden Emblemen geschmückt, der Fries durch einen fortlaufenden Sternen-kranz belebt. In einem anstoßenden Raume hatten sich die Brüder versammelt, in einem anderen die Schwestern: „bei der Gedächtnisfeier des unsterblichen Dichters durften edle Frauen nicht fehlen“. Jeder von ihnen (es waren 72) wurde eine mit Goethes Brustbild geschmückte Busennadel überreicht. Tiefen Eindruck machte das Erscheinen der geliebten Schwiegertochter des Verewigten, die, dem angelegentlichen Wunsche der Loge nachgebend, sich mit beiden Söhnen, Walther und Wolf, eingefunden hatte.

Nachdem alle Teilnehmer Platz genommen hatten, stimmten die musikalischen Brüder Rost, Genast, La Roche und Müller IV. den vom deputierten Meister verfaßten Weihegesang an:

Öffnet euch, geweihte Pforten,

Heiliger Schatten, schweb’ herauf!

Liebe sucht von Ort zu Orten Edlen Daseins Spuren auf.

Hat er tüchtig kühn begonnen,

Hat er Rühmlichstes erstrebt,

Sieg nach schwülem Kampf gewonnen,

Für ein höchstes Ziel gelebt;

Hat er wahr und tief empfunden,

Selbst wo menschlich er gefehlt:

Bleibt er ewig uns verbunden,

Höchsten Meistern zugezählt.

Und zum stillen Aschenkruge Tritt die Hoffnung mild heran,

Winket mit geheimem Zuge Uns zu ewiger Sterne Bahn.

Nun folgte die Eröffnungsrede des Meisters vom Stuhl:

Es ist der Drang der Herzen vielmehr als das heilige Gesetz des Bundes, welcher diese Trauerfeier zu veranstalten und zu solcher die höchst- und hochverehrten Anwesenden einzuladen uns gebot; denn nicht begrenzt auf den engem Kreis der Brüder ist der Schmerz um den großen Verlust, den die Loge Amalia am 22. März dieses Jahres erlitten; es ist die ganze gebildete Welt, die ihn mitempfindend teilt.

Im Laufe der nächstvergangenen Jahre war nur zu oft die schmerzliche Veranlassung gegeben, zu gemeinsamer Trauer vereinigt, in tiefster Betrübnis das ewig teure Gedächtnis des erhabenen Schirmherrn sowohl als anderer unvergeßlicher Mitglieder unserer Loge zu feiern. Sie haben der Klage das Mitgefühl nicht versagt, Ihre gemütvolle Teilnahme vermochte das herzzerreißende Leid zu lindern; auch jetzt dürfen wir auf gleich tröstende Mitempfindung zählen.

Dem hochherzigen fürstlichen Freund ist in die Gruft der treue Lebensgefährte gefolgt — das letzte leuchtendste Gestirn ruhmvoller Vorzeit, die Zierde dieses Brudervereins, des Großherzogtums, Deutschlands, ist untergegangen! Und wie bei der sinkenden Sonne die Erde vom Schleier des Taues befeuchtet wird, so netzen umhüllende Tränen jedes Auge bei dem Dahinscheiden des Dichters und Weisen, unsers geliebten und hochverehrten Bruders von Goethe I.

„Wer weinte nicht, wenn das Unsterbliche vor der Zerstörung selbst nicht sicher ist?“ —

Doch nicht in unfruchtbare niederbeugende Bekümmernis darf uns der Gram versenken; richten wir den Blick zuerst in die schöne Vergangenheit, auf das Leben und Wirken des nun im Lichte Verklärten; noch einmal trete sein Bild und sein Handeln lebendig vor unsere Seele, beruhigend, aufmunternd und ermutigend.

Wenige Monde sind verflossen, als in gleich schmerzlichem Beruf wir an dem Sarkophage des früh entschlafenen Sohnes, unseres geliebten Bruders von Goethe II., die Seelengröße und die Charakterstärke des Vaters bewunderten, innige, aus vollem Herzen strömende — leider! unerfüllte — Wünsche für dessen noch lange Erhaltung zum Himmel sendeten! Fassen wir jetzt sein Beispiel ins Auge, und mit verdoppelter Kraftanstrengung sei überwunden der Schmerz, damit zu freier Anschauung wir uns erheben.

Ein reiches Leben, ein viel umfassender unendlicher Wirkungskreis bietet sich der Betrachtung dar; mit ihm ist die glanzreichste Periode der vaterländischen Geschichte auf das innigste verwoben, zahllos verschiedene Sphären bürgerlicher Tätigkeit und Strebens hat dieses Leben berührt und bewegt; und gleichsam zur Versinn-lichung jener eigensten Zustände und vielseitigsten Verhältnisse sind dem Bruder von Goethe im Tode und in dieser Trauerfeier zwei andere Brüder zugesellt, — uns zugleich zur Lehre, daß im Maurerbunde, wie überhaupt im Leben, ein gemeinschaftliches Band die Genossen umschließt, so entfernt auch deren Laufbahn erscheint und nur selten die nähere Berührung erkannt wird.

Der eine dieser Brüder stand im Dienst der unvergeßlichen Fürstin, von welcher die Loge den ersten Schutz und den Namen empfing, der Fürstin, welche nach Weimar Bildung und Geschmack verpflanzte, den Sinn für Kunst und Wissenschaft in ihrem großen Sohne Karl August weckte und nährte; deren obervormundschaftliche Re-‚ gierung die ruhmvolle Bahn eröffnete, auf welcher das erhabene Fürstenhaus, wetteifernd mit jenem der Medici und der Este, seitdem gewandelt ist. Ihr Haus war der Vereinigungspunkt aller trefflichen Köpfe, der Herd der geistvollsten Unterhaltung, und Goethe — so hier als in Italien — stets einheimisch, stets willkommener Gast.

Der Name des zweiten in den ewigen Osten eingegangenen Bruders Voigt erinnert zunächst an seinen würdigen Oheim, an den hochverdienten Staatsmann und Freund unsers Goethe, mit dem er die Mühen und Sorgen um die wichtigeren Staatsgeschäfte teilte; insbesondere war ihrer gemeinschaftlichen Leitung und Pflege anvertraut das Bergwerk in Ilmenau, der Schloßbau, die Aufsicht über die Universität und die Museen, über Bibliotheken und Kunstsammlungen.

Wie überschwenglich die Mannigfaltigkeit der Natur in der physischen Welt sich kundgibt, wenn ein Lichtstrahl im wundersamen Farbenspiel des Regenbogens sich vervielfältigt, oder wenn eine Scholle den Halm und die königliche Eiche nährt, deren weitausgestreckte Aste Tausende von Zweigen umgrünen: so offenbart sich gleicher Reichtum, gleiche Mannigfaltigkeit in der moralischen Welt, und die Betrachtung lenkt sich auf die stufenweise Entwicklung des menschlichen Geschlechts, nach Maßgabe der äußern Zustände, der innern Anlagen und Fähigkeiten.

Johann Samuel Schwarz, zu Ettersburg den 8. August 1767 in niederer Hütte geboren, in der kleinen Dorfschule unterrichtet, umschloß in den Beschäftigungen des Hauses sein Dasein; das Leben floh dahin im Kampfe mit der sinnlichen Natur und mit dem Bedürfnis, bis der Tod ihn in tief erschütternder Lage am 16. Juni dieses Jahres erfaßte. Erst Türsteher, dann Kastellan bei der Loge Amalia hat er längere Zeit mit angeborener Gutmütigkeit uns Dienste geleistet. Sanft ruhe, seine Asche!

Das Leben und Wirken des Bruders Voigt, in zwar minder beschränkten, doch noch immer eng bemessenen Kreisen, wird Bruder Zeutzsch, Freund und Landsmann des Abgeschiedenen, mitteilen; Bruder von Goethe zu schildern, aus überreicher Fülle einige Hauptzüge seines Bildes aufzustellen, blieb dem Bruder von Müller, dem Vertrautesten unter den Vertrauten des Verewigten, Vorbehalten. Es sei mir indessen vergönnt, einiges über Goethes Bezug zum Maurerbunde hinzuzufügen.

Wenn Licht das Losungswort und das eigentlichste Wesen der Maurerei ist, wenn helleres Sehen in seiner innem und äußern Welt die hohe Bestrebung des Maurers sein soll, wenn Verbreitung der Aufklärung nach allen ihren Strahlen in die Nähe und Ferne eine der höchsten Pflichten ist, die der Maurer bei seinem Eintritt in den Bund feierlich übernimmt: wer könnte zweifeln, daß in solchem Sinne unser Goethe die höchste Stufe in der Maurerei erstiegen habe? Denn wer übertraf ihn im Scharfblick; womit er die geheimsten Tiefen des menschlichen Herzens wie die verborgensten Geheimnisse der Natur zu erspähen, in der Klarheit, womit er sie uns darzustellen vermochte?

Goethe war seinem innersten Wesen nach Freimaurer; denn unablässig strebte er nach allseitigem Licht, und es war ihm Bedürfnis, auch andern das Licht mitzuteilen, was ihm in so reicher Fülle geworden. Kaum in Weimar eingetreten, versammelte er oftmals die Jugend bei sich, um ihren Spielen tiefere Bedeutung, dem Bildungstrieb neue Bahnen zu verleihen, und ihre verschiedenen Fähigkeiten und Anlagen zu Kunst und Geschicklichkeit bei Maskenzügen und Schauspielen, auf der Eisbahn oder in der Zeichenschule, zu entwickeln und zu üben. Goethe war es, der durch Rede, Schrift und Beispiel des Jünglings Blick heiter emporrichtete, Kopf und Brust von einengenden Fesseln befreite; Goethe war es, der des Mannes Streben unterstützte, sobald sein wundersamer Scharfblick kräftiges Wollen, Ernst und Tüchtigkeit erkannte. Ein Wort, ein Wink von ihm eröffnete dann neue Ansichten, belehrte, ermunterte, oder führte von Ab- und Irrwegen zurück.

Über fünfzig Jahre huldigte Goethe dem Maurerbunde, vorzugsweise tätig, als die Loge Amalia dem einfachen uralten System sich anschloß. Ununterbrochen nahm er seitdem an jedem bedeutungsvollen Ereignis, an jedem großem Fest der Loge so lebhaften Anteil, daß die wichtigeren Reden, Gesänge und Anordnungen meist seiner vorausgehenden Prüfung und Billigung sich erfreuen durften. Wie er selbst mit eigener Meisterhand Wielands Leben und geistiges Bild auf noch unerreichte Weise uns geschildert, lebt in jedes Hörers und jedes Lesers Gedächtnis; welche hohe Achtung er für die Maurerei hegte, ist teils in der von ihm – verfaßten Einleitung zu Ridels und anderer Brüder Totenfeier (15. Juni 1821), teils in dem aus unversiegbarer Dichterquelle entströmenden Gegengruß bei der eigenen maurerischen Jubelfeier (23. Juni 1830) auf das sinnigste und unzweideutigste ausgedrückt.

Nun er zu dem Lichtmeer des ewigen Ostens auf Adlerschwingen emporgestiegen ist, dürfen wir, zwar von Wehmut gebeugt, doch mit Stolz auf ihn, den Unsrigen, hinblicken, und ein früher schon in tiefster, schmerzlichster Empfindung gesprochenes Wort mag in gleichem Gefühle auf ihn volle Anwendung finden:

Sein Gedächtnis bleibt in Segen,

Wirket nah und wirket fern,

Und sein Name strahlt entgegen Wie am Himmel Stern bei Stern.

Nach dieser Ansprache widmete Br. Zeutzsch dem am 15. Mai verstorbenen Br. Wilhelm Voigt (Bürgermeister von Allstedt) einen Nachruf. An den darauf folgenden Gesang des Liedes: Laßt fahren hin das Allzuflüchtige! schloß sich die Gedächtnisrede auf Johann Wolfgang von Goethe vom deputierten Meister Friedrich von Müller:

Sehr ehrwürdiger Meister, verehrte und geliebte Anwesende ! Zwanzig Jahre sind dahin seit jenem unvergessenen Abend, wo wir den, dessen Todesfeier wir jetzt begehen, in diesen selben Hallen trauernd an Wielands Sarkophage erblickten; in voller Mannskraft und Würde, aufrecht in edelster Haltung, mit der freien, Ehrfurcht gebietenden Stirne, mit dem großen, leuchtenden Auge, von der geistbeseelten Lippe Worte der Wehmut, aber auch der edelsten Beruhigung uns zusprechend; — zwanzig Jahre seif jener heiligen Stunde, wo Goethe den unverwelklichen Kranz gerechtesten Nachruhms und brüderlicher Pietät um des vorausgegangenen Freundes und Lebensgenossen Urne schlang.

„Achtzig Jahre“ — rief er uns damals zu — „wieviel in wenig Silben! Wer von uns wagt es in der Geschwindigkeit zu durchlaufen und sich zu vergegenwärtigen, was so viele Jahre, wohl angewandt, bedeuten? Wer von uns möchte behaupten, daß er den Wert eines in jedem Betracht vollständigen Lebens sogleich zu ermessen und zu schätzen wisse?“

Mit wie großem Rechte können wir nun diesen Ausruf auf ihn selbst anwenden, auf ihn, dem das Schicksal noch über jenes höchste menschliche Lebensziel hinaus Tage des frischesten Daseins und Wirkens, uns durch ihn noch so viele fruchtreiche Stunden heitern Zusammenseins und ungezählte Momente liebevollster Mitteilung gegönnt hat!

Ja, wer auch nur diese letzte Periode seit Wielands Totenfeier in gedrängten Umrissen an sich vorüberführt und sich all das Schöne, Große, Herrliche vergegenwärtigt, was Goethe darin geleistet, geschaffen, gefördert; die zahllosen Kreise all, in denen er segnend gewaltet und unermüdet vorwärts gestrebt; die tausend und abertausend Mitlebende, die an seinem geistreichen Wort Licht und kräftigeres Wollen, edlere Daseinsfreude und höhere Bildung gewonnen; die Herzen alle, die in der milderen Wärme seiner letzteren Jahre sich gesonnt, er quiekt, erbaut fanden: ja gewiß, dem muß die Überzeugung sich unwillkürlich aufdringen, daß für die Würdigung eines solchen Lebens kein gewöhnlicher Maßstab ausreicht.

Und nun noch mehr denn sechzig Jahre zurück — von den Blütentagen des talentreichen, feurigen, zu jedem Höchsten und Schwierigsten mit genialem Übermute anstrebenden Jünglings, den das überraschte Deutschland bald mit ungemessenem Jubel begrüßt, bald leidenschaftlich verketzert, zu der vielseitigen Entwicklung des reifenden Mannes, der mit gleicher Sicherheit ins praktische Leben eingreift, mit gleichem Scharfblick bürgerliche Zustände durchdringt, wie er eben erst die Reiche der Phantasie und Natur vor uns aufgeschlossen, und der alles Wahlverwandte unwiderstehlich in seine Kreise zieht:

weiter zu jenen mittleren Jahren ernstester Tätigkeit und prüfender Selbstbeschränkung, wo unter den Ruinen der ewigen Roma die großen Schatten der Vorwelt ihm begegnen, mit dem Meistergruß ihn segnen, und aus denen er in vollendeter, gereinigter Kraft ein neuer, scheinbar ganz Anderer hervortritt, weil das blödere Auge nicht durch den Schleier dringt, den höhere Weihe ihm überwarf; zu jenen heitern, ätherklaren, tatenlustigen Jahren endlich, wo er, mit dem fürstlichen Freunde aus Not und Gefahr wilden Kriegsgetümmels glücklich heimgekehrt, nun im Schoße des Friedens fruchtreichste Tage lebt, mit Voigt in der Wissenschaften Schutz und Pflege, mit Schiller Tag um Tag in immer kühneren poetischen und dramatischen Schöpfungen wetteifert, mit Meyer sich an der Betrachtung ewig musterhafter Kunstwerke erbaut und immer schärfer Gehalt, Bedingung und Grenze der Kunstschöpfungen feststellt; mit Göttling, Loder, Bätsch, Schelling, Humboldt in die Geheimnisse der Natur tiefer und tiefer eindringt, bald auch einsam mit sich selbst neue Bahnen bricht und mit dem Lichte der Divination in die tiefsten Schachten menschlicher Erkenntnis hinabsteigt! Ja fürwahr, die Feier des Andenkens an ein solches Leben verträgt sich nicht mit den hergebrachten Zeichen und Symbolen äußerer Trauer: sie muß zum höchsten Gefühl menschlicher Würde, sie muß zum frommen Danke gegen den ewigen Baumeister der Welten aufrufen, der solch eine segensvolle Erscheinung uns gegönnt, solch ein Leben bis zum spätesten Erdenziele bewahrt, geschützt, gesegnet hat.

Und wie er selbst bei Wielands Totenfeier sich einen Zauberstab wünschte, jene düstere Umgebung unserer Trauerhallen augenblicklich in eine heitere zu verwandeln, auf daß ein festlich geschmückter Saal mit bunten Teppichen und munteren Kränzen, so froh und klar wie das Leben des Abgeschiedenen sich den Brüdern darstelle, so haben auch heute die Ordner dieses Trauerfestes, gehorsam jenem Winke und ganz gewiß in seinem Sinne gehandelt, wenn ihre Blicke, geliebte Brüder und Schwestern, diesmal statt düsteren Symbolen nur den heiteren Farben und Blumen des Lebens, statt Trauerfloren und nächtlichem Dunkel nur den Sinnbildern frischer Tätigkeit und dankbar froher Zuversicht begegnen.

Hat doch überhaupt sein großer Geist immer ins Heitere gestrebt, dem Unvermeidlichen stets mit würdiger Ergebung sich gefügt und beharrlich alles abgelehnt, was frischer Lebenswirkung und heiterer Pflichtübung Hemmnis drohte. Denn ihm war das Leben ernste Kunstaufgabe, und es aufs edelste vielseitig zu ergreifen und zu gestalten, innere Naturnotwendigkeit. Seine Auffassungsgabe war so unwillkürlich, so hell geschliffen der Spiegel seines Innern, daß er gleichsam gezwungen schien, alle äußeren Erscheinungen in der physischen wie in der sittlichen Welt in voller Treue in sich aufzunehmen, und daß er ihres übermächtigen Eindrucks sich nur dadurch erwehren, nur dadurch als selbständiges Individuum sich behaupten konnte, daß er sich jener Erscheinungen zu freier künstlerischer Gestaltung bemächtigte und sozusagen sie nach außen wieder zurückwarf.

Wie noch in diesen jüngsten Tagen jener geistreiche akademische Trauerredner mit klassischer Gediegenheit von ihm behauptete, daß in der stufenweisen, harmonischen Entwicklung seines Geistes alle die verschiedenen Perioden antiker griechischer Kultur in ihren Hauptmomenten nachzuweisen seien, so läßt sich ohne Übertreibung hinzufügen: es scheine, daß in ihm, dem Ein-v zelnen, die Natur den ganzen Kreislauf menschlichen Strebens und menschlicher Bestimmung habe abspiegeln, in ihm, in seinem Individuum, den Grundcharakter allgemeiner Menschheit, so in Tugenden wie in unvermeidlichen Schwächen, habe ausprägen und aufstellen wollen, oder, wie ein geistreicher Brite es noch kürzlich ausgedrückt hat:

„Es war, als ob Zufall und ursprüngliche Begabung sich vereinigt hätten, einen Charakter im höchsten Stile zu bilden“.

Leitete die aufmerksame Beobachtung des Ganges seiner eigenen Entwicklung und seiner inneren Kämpfe — denn nicht leicht hat wohl ein Sterblicher dem Andrange mächtiger Leidenschaften und Aufregungen öfter zu widerstehen gehabt und mit tieferem Gefühl ausgesprochen:

Denn ich bin ein Mensch gewesen,

Und das heißt ein Kämpfer sein —

leitete sie ihn zuerst auf jenes große Prinzip der Metamorphose in der organischen Welt, welches er späterhin auch auf alle sittlichen Zustände in der Geschichte und im Leben anwandte: so erblickte er auch im Tode nur Metamorphose, deren heiliges, geheimnisvolles Gesetz nicht durch bange Vorstellungen und schreckende Bilder zu umdüstern sei. Sein lebendiger Blick sah im ganzen Universum nur Leben und Tätigkeit:

— Stillstand, Auf hören, Nichtsein waren ihm Worte ohne Sinn und Bedeutung. Unvergeßlich bleibt mir jene nächtliche Stunde, wo ich ihn einst ausrufen hörte: „Glaubt ihr, ein Sarg könne mir imponieren? Kein tüchtiger Mensch läßt seiner Brust den Glauben an Unsterblichkeit rauben!“

Erwarten Sie nicht von mir, verehrte Anwesende und geliebte Brüder, daß ich es unternehme, Ihnen den Lebensgang unsers Goethe, seine unerreichten Eigenschaften und Leistungen als Dichter und Schriftsteller, seine Verdienste als Staatsmann und Förderer vaterländischer Kultur und Wohlfahrt abzuschildern. Ist doch längst die Welt seines Ruhmes voll, sind doch bereits drei Geschlechter seiner Schöpfungen und Wirkungen bewundernde Zeugen!“

Die Geschichte seiner Jugend und ersten Ausbildung hat er uns selbst mit jener inneren und höheren Wahrheit enthüllt und dargestellt, der nur die bescheidenste Selbstprüfung den Schleier der Dichtung beigesellte. In wenig Monaten werden diese unschätzbaren Bekenntnisse, fortgeführt bis zu seinem ersten Auftreten in Weimar, uns allen noch tiefere Blicke in die Geheimnisse eines Herzens tun lassen, das mitten unter den Stürmen der Leidenschaft stark genug war, dem Zauber süßester und edelster Neigung zu entsagen, wenn es der Befriedigung sittlich zarter Anforderungen galt. Nur reine, uneigennützige Motive hielten ihn ab, sein früheres Leben und Wirken in Weimar mit derselben treuen Ausführlichkeit abzuschildem; mit seltener Selbstverleugnung drängte er in wenige Blätter kursorisch zusammen, was den reichsten Stoff zu zahlreichen Bänden dargeboten hätte.

Auf die häufigen und dringenden Gegenvorstellungen, die seine Freunde ihm machten, hat er mir einst erwidert:

„Die wahre Geschichte der ersten zehn Jahre meines Weimarischen Lebens könnte ich nur im Gewände der Fabel oder eines Märchens darstellen; als wirkliche Tatsache würde die Welt es nimmermehr glauben. Kommt doch jener Kreis, wo auf hohem Standort ein reines Wohlwollen und gebührende Anerkennung, durchkreuzt von den wunderlichsten Anforderungen, ernstliche Studien neben verwegensten Unternehmungen, und heiterste Mitteilungen trotz abweichenden Ansichten sich betätigen, mir selbst, der das alles miterlebt hat, schon als ein mythologischer vor. Ich würde vielen weh, vielleicht nur wenigen wohl, mir selbst niemals Genüge tun; wozu das? Bin ich doch froh, mein Leben hinter mir zu haben. Was ich geworden und geleistet, mag die Welt wissen; wie es im einzelnen zugegangen, bleibe mein eigenstes Geheimnis.“

Doch der Hochsinn und die Pietät seines fürstlichen Freundes hat den schönsten Teil handschriftlicher Dokumente aus jener Zeit für eine dankbare Nachwelt aufbewahrt, und Karl August hat noch am Vorabend seines Scheidens dafür gesorgt, daß diese köstlichen Reliquien in späterer Zeit öffentlich kundgemacht werden können. Dann erst wird die Welt den ganzen seltenen Wert, die ganze Charakter- und Gemütsgröße des Mannes völlig kennen und schätzen lernen, den kleinlicher Neid und blöder Stumpfsinn so oft aus dem Gesichtspunkte der Gemeinheit zu lästern, mindestens, wo sie die Übermacht seines Geistes nicht anzufechten vermochten, seine sittliche Würde zu entstellen versuchten. Ja, wenn Goethes Ruhm als Dichter längst ein welthistorischer geworden und von den Zungen aller gebildeten Nationen, selbst in den entferntesten Weltteilen widerhallt; wenn die Bahn großartiger, freier Naturanschauung, die er im deutschen Vaterlande zuerst mit genialer Kraft gebrochen, im Wer-ther, Götz, Egmont, in hundert ergreifenden, herzvollen Liedern helleuchtend bezeichnet ist; wenn das Zarteste, was ein Menschenherz empfinden kann, den edelsten Ausdruck, die Weihe antiker Ruhe und Einfachheit in Iphigenien, Tasso, Eugenien, Hermann und Dorothea gefunden; wenn die wahrheitstreue Darstellung der viel verschlungenen Verhältnisse und Probleme bürgerlicher und sittlicher Zustände im Wilhelm Meister, in den Wahlverwandtschaften und in den Wanderjahren; wenn die heitere Grazie frischen Lebensgenusses in den Römischen Elegien, die ernstere sittliche Grazie in Euphrosyne, in Alexis und Dora, die malerische Lebendigkeit und Farbenpracht in dem Römischen Karneval, in der Novelle und im Märchen, an Form und tiefem Gehalt nicht leicht je übertroffen werden mögen; wenn endlich — um den Gipfel Goethescher Poesie mit einem Worte zu bezeichnen — sein Faust, diese titanische Dichtung, die den höchsten Sonnenpunkt und den tiefsten Abgrund menschlichen Tuns und Wollens zugleich umspannt, für immer als staunenswürdiges Ergebnis allgewaltiger Phantasie und tiefster Reflexion und Weltkenntnis erscheinen muß ; und wenn wir zu diesem unsterblichen Dichterruhme noch all das Herrliche hinzurechnen, was die Wissenschaften dem un-ermüdeten genialen Naturforscher, die Zivilisation dem großartig fördernden Pfleger des Lichts und der Wahrheit, die Kunst ihrem scharfsinnig urteilenden, geschmackvoll anordnenden Kenner und Freunde verdankt; kurz, alles das, was selbst im Auslande die Bezeichnung des staunenswürdigsten Mannes seines Jahrhunderts ihm erworben hat — immer noch dürfen wir, geliebte Brüder, mit süßem Stolze uns zurufen: Uns war er mehr!

Wie ein Meisterwerk der bildenden Kunst zwar auch in der Ferne, nach dem Gehalt seiner Motive, dem Geiste seiner Komposition und dem richtigen Verhältnis seiner einzelnen Teile erkannt, gewürdigt und bewundert werden kann, doch nur dem unmittelbaren Beschauer den vollen Zauber lebendiger Harmonie offenbart, so trat auch Goethes ganze Liebenswürdigkeit, die ganze harmonische Fülle seines Daseins erst im näheren persönlichen Umgänge unverschleiert hervor.

Von der Natur mit ungemein großer Reizbarkeit und Empfänglichkeit ausgestattet, hatte er von früh an sie zu mäßigen, jedes leidenschaftliche Übergewicht zu bekämpfen gestrebt. Mit seltener Klarheit fühlte er, daß, wenn gleich gerade diese ausgezeichnete Lebendigkeit seines Naturells ihm schnell die Herzen gewann und in jedem Kreise sein Auftreten und Wirken begünstigte, sie ihm doch auch gar leicht von folgerechter Bahn ablenke, ja Ziel und Maß zu überschreiten verführe.

In jüngeren Jahren zu rascher und ausschließlicher Hingebung geneigt, alle, die sich ihm einmal ergeben, unaufhaltsam mit sich fortreißend, hatten schmerzliche Erfahrungen mancher-Art ihm Selbstbeherrschung als höchste Pflicht erscheinen lassen, und so war späterhin das Zurückdrängen jedes übermächtigen Gefühls, die Bewahrung äußeren und inneren Gleichgewichts unter allem Andrang der Lebensereignisse, ihm zur unerschütterlichen Maxime, zu einer wahren Kunstaufgabe geworden. So hatte unvermerkt auch sein Äußeres und seine Mitteilungsweise in Weltverhältnissen einen Schein von Kälte und Verschlossenheit, ja oft von Steifheit angenommen, der ihm nicht selten für Stolz und Egoismus ausgelegt wurde, und auch in der Tat bei oberflächlicher Bekanntschaft leicht dafür gelten konnte.

Aber unter dieser äußeren Verhüllung, die den Zudrang gemeiner Wirklichkeit von ihm abhielt, veredelte sich immerfort der Kern seines inneren Wesens, und die Liebenswürdigkeit und Milde seines Gemüts trat für Freunde und Vertraute nur desto reiner und ergreifender hervor. Es bedurfte keineswegs ausgezeichneter Geistesgaben, um seine Teilnahme und in gewissem Grade sein Vertrauen zu gewinnen; nur ein tüchtiges, sicheres Wollen und Wirken, wenn auch im beschränktesten Kreise, war ihm unerläßliche Bedingung; abhold und widerwillig zeigte er sich nur jeder unbegründeten Anmaßung, jedem zwecklosen Umhertappen nach nichtigen Lebenszwecken. Zu kräftiger Förderung lebensfrischer Tätigkeit mit Vorliebe geneigt, konnte er in seiner Nähe kein Talent, keine nützliche Fertigkeit gewahren, die er nicht ermuntert, angeregt, durch Rat und Tat gesteigert hätte. Auch außerhalb des Kreises seiner bedeutenden amtlichen Wirksamkeit als Haupt so vieler wissenschaftlichen und gemeinnützigen Anstalten, auch schon im täglichen bürgerlichen Verkehr hat er auf diese Weise unglaublich wohlgetan.

Wer irgend mit ihm in nähere Verhältnisse kam, empfand den erfrischenden Anhauch seines Geistes und gewöhnte sich unwillkürlich an eine gewisse ernstere Richtung, Stetigkeit und Folge, die das Element seines Daseins war und die er der ganzen Atmosphäre um sich her mitzuteilen wußte; daher denn auch alle, die jemals seine Hausgenossen oder auch nur durch öftere Dienstleistungen ihm nahe waren, selbst wenn er nicht immer ihren Wünschen Genüge tun konnte, eine unzerstörliche Anhänglichkeit und Ehrfurcht für ihn behielten.

Ein empfangenes Gute dankbar zu vergelten, war ihm ein freudiger Genuß, doch nie auf gemeine Weise; durch Abwartung des passenden Augenblicks, durch sinnige Form und Bedeutsamkeit der Gegengabe wußte er stets ihren Wert eigentümlich zu erhöhen. Wie manche von uns werden sich mit Rührung jenes Morgens nach seiner fünfzigjährigen Jubelfeier erinnern — sind es doch heute gerade sieben Jahre — wo er, um seine Empfindung über die unaufgeforderte nächtliche Erleuchtung der Straße vom Theater bis zu seiner Wohnung aufs gemütlichste auszudrücken, sein Enkelpaar, die damals noch zarten Knaben, von Haus zu Haus herumsandte, die treuen Mitbürger mit kindlichen Dankesworten in seinem Namen zu begrüßen.

Undankbarkeit und Verkennung fremden Verdienstes war ihm in tiefster Seele verächtlich; wohl konnte es geschehen, daß bei der unglaublichen Menge von Gegenständen, die ihn beschäftigten, eine oder die andere ihm kund gewordene verdienstliche Leistung eine Zeitlang in den Hintergrund trat; aber mit doppeltem Eifer ergriff er dann die erste Gelegenheit, das Versäumte einzubringen.

Seiner großartigen Naturansicht gemäß ließ er jeden entschiedenen Charakter in seiner Eigentümlichkeit gewähren und gelten, und verschmähte jede Art von gewaltsamer Einwirkung auf die Überzeugung und Sinnesweise anderer, ja er vermochte sich mit Personen, die an Denkart und Bildung himmelweit von ihm abstanden, gleichwohl aufs beste und gemütlichste zu vertragen, sobald er nur irgend eine praktisch tüchtige Seite, irgend eine vorzügliche Eigenschaft an ihnen erprobt hatte.

Über seine Gegner in der literarischen Welt, wie früher im Staatsdienste, — denn man darf wohl behaupten, daß er in späteren Jahren darin keinen einzigen, sondern nur allenthalben tätige, anhängliche Förderer seiner Zwecke gefunden — konnte er sich wohl oft heftig, ja leidenschaftlich herauslassen; nie aber hat er, auch nicht am Feinde, das Achtungswerte, Verdienstliche, Talentvolle verkannt, nie kleinlichem Neide oder hämischer Verketzerungssucht sich hingegeben.

Wie oft horte ich ihn, wenn das Gespräch auf Männer fiel, die in früheren Jahren ihm geradezu entgegengewirkt oder durch bittere Urteile ihn gekränkt hatten, das Eigentümliche ihres Charakters, und wie sie demgemäß ihm und seinen damaligen Richtungen notwendig abhold sein mußten, mit höchster Milde auseinandersetzen und jedes ihrer Verdienste unbefangen hervorheben!

Nie hat er den großen Einfluß, den sein erhabener Fürst und Freund ihm gönnte, zu eigennützigen Zwecken oder zu irgend jemandes Schaden benutzt; ja ich kann aus eigener Wissenschaft beteuern, daß unter den zahlreichen Briefen und vertraulichen Vorträgen, die sich aufbewahrt finden, kaum einer anzutreffen ist, in welchem er nicht für diesen oder jenen redlichen Diener, für dieses oder jenes hoffnungsvolle Talent sich mit Wärme und persönlichster Teilnahme verwendet hätte.

Auf Untergebene weniger durch Befehl und strenge Vorschrift, als durch Belebung ihres Sinnes und ihrer Liebe an der Sache zu wirken, war ihm Grundmaxime; daher denn innerhalb gezogener Grenzen er ihnen gern freien Spielraum ließ, und, wenn sie in ihrem angewiesenen Kreise sich tüchtig erwiesen, auch wohl ihren Schwächen und Fehlern duldsam nachsah.

„Jedes Geschäft,“ so schreibt er seinem Fürsten in einem ausführlichen Vortrage über die Jenaischen Museen vom Jahr 1817, „jedes Geschäft wird eigentlich nur durch ethische Hebel bewegt, daher alles auf die Persönlichkeit ankommt, die jede auf eigentümliche Weise behandelt sein will. Ist man der Liebe des Individuums zu seinem Geschäftszweige gewiß, so verfahre man läßlich, doch Ordnung fordernd, und erhalte verdiente Männer bei gutem Humor. Daraus entstehen nun freilich so viele kleine Welten als Individuen.“

Von Goethe galt im höchsten Sinne, was Schiller von Wallenstein sagt:

Jedwedem zieht er seine Kraft hervor,

Die eigentümliche, und zieht sie groß.

Denn es ist unsäglich, wie wundersam anregend und belebend sein Anblick, seine edle Haltung, sein kraftvolles Wort auf jeden wirkte, dem er etwas auftragen, ihn zu etwas anstellen wollte. Diejenigen unserer Brüder, die des Glücks genossen, ihre dramatische Laufbahn unter seiner Direktion zu beginnen oder fortzusetzen, bekunden es noch oft mit enthusiastischer Wärme und Dankbarkeit.

Klar und deutlich bezeichnete er in wenigen aber gemessenen Worten das Ziel, die Aufgabe, erweckte mit kurzen, prägnanten Andeutungen das Bild der geforderten Leistung in der Phantasie des Untergebenen und wußte selbst durch Aufzählung der Schwierigkeiten den Mut des Unternehmens zu steigern, jede, auch die unwichtigere Aufgabe stellte er als eine höchste dar, damit selbst im kleinsten Detail etwas Bedeutendes erstrebt, etwas Volltüchtiges geleistet werde; nichts war seinem Blicke zu gering, es zu beachten; was er auch vornahm, er legte das ganze Gewicht seiner Persönlichkeit hinein. Ein Unbedeutendes kannte er nicht, weil seine Behandlungsweise, der Sinn, den er hineintrug, es alsobald zum Bedeutenden umschuf. Das Kuvertieren eines Briefes, das Einpacken einer Zeichnung wurde von ihm stets mit derselben besonnenen Genauigkeit und Zierlichkeit besorgt, wie der Abschluß des wichtigsten Geschäfts oder die Revision gehaltreichster Entwürfe. Daher ihm denn nicht leicht eine Mitteilung größeren Beifall abgewann, als da ich ihm einst erzählte, Graf Capo d’Istria habe mir bei seiner Abreise nach Griechenland gesagt:

„Ich folge dem Rufe des Schicksals, obgleich zweifelnd am Gelingen meines Unternehmens. Denn nicht was der Mensch erreicht, sondern was und wie er strebt, verdient Achtung, gewährt Beruhigung. Und wäre es meine Aufgabe, die Streusandbüchse, die eben vor mir steht, immerfort auszuschütten und wieder zu füllen, ich würde es mit unermüdeter Geduld und genauester Sorgfalt tun.“

Was nur irgend mit Liebe und Treue geleistet wurde, fern und nah, in welchem Geschäft, gleichviel zu welchem Zwecke, in Technik, Industrie, Landwirtschaft oder in Wissenschaft und Kunst, es erregte seine lebhafteste Anerkennung, Teilnahme, Mitfreude am Gelingen. Denn mit jedem zunehmenden Lebensjahre bestätigte sich ihm mehr und mehr jenes schöne, einst von ihm ausgesprochene Wort, daß die Menschheit zusammen erst der wahre Mensch ist, und daß der einzelne nur froh und glücklich sein kann, wenn er den Mut hat, sich im Ganzen zu fühlen. Und kann wohl der tiefste Sinn unseres Maurerbundes, geliebte Brüder, jemals klarer aufgefaßt, würdiger ausgedrückt werden, als es Goethe in diesen wenigen Worten getan?

Die ganze Richtung seines Sinnes und Gemütes weihte ihn zum Freimaurer. Der Begriff, daß große und edle Zwecke nur durch ein treues Zusammenwirken vieler Gleichgesinnten erreicht werden können, daß jede höhere Wahrheit eines sinnlichen Symbols, jede gemeinsame Tätigkeit streng geordneter Formen und Regeln bedürfe, war ihm eigentümlich, ging aus seiner vollsten Überzeugung, aus seinem tiefen Studium der Geschichte und der Natur hervor. Diesen Begriff zu befestigen, auch in unserem Bunde zu betätigen, hat er nicht leicht eine Gelegenheit vorüber gelassen.

Er war es, der unsern unsterblichen Protektor Karl August unseren Hallen zuführte, er, der mit dem edlen, zartsinnigen Herzog Ernst von Gotha langjährige vertrauteste Maurerverbindung unterhielt. Gleich fern von aberwitziger Schwärmerei, wie von politischer Einwirkungssucht, die jene, übrigens zum Teil ausgezeichneten Männer des Illuminaten-Ordens ergriff, hat er nie die hohe Bedeutung verkannt, die unser Bund nach seinem reinen Grundcharakter für edlere Gesittung und Ausbildung seiner Glieder, für echte Humanität und Zivilisation und dadurch für die Ruhe und Sicherheit der Staaten haben kann und soll.

Er beklagte es, wenn hier und da Ausartungen, die ja auch keinem anderen bürgerlichen Institute fremd bleiben, sich kundgaben; aber er hat nie die argwöhnische Furcht geteilt, daß der Maurerbund dem Staate oder der Religion gefährlich werden könnte.

Und fürwahr, dies Urteil, diese Überzeugung eines Mannes wie Goethe, der niemals leichtsinniger Hingebung oder revolutionärer Gesinnung auch nur im geringsten verdächtig war, der die Labyrinthe des Irrtums und der Leidenschaften so genau erforscht hatte, solch ein Ausspruch, geliebte Brüder, muß uns vom höchsten Werte, muß für uns immerdar ein diamantener Schild gegen Anfeindung und Verkennung sein.

Heilig für immer werden in unserem Gedächtnisse wie in unseren Archiven die goldenen Worte bleiben, die er bei Wielands, bei Ridels, Jagemanns, Müllers und anderer Brüder Totenfeier uns zugesprochen; dreifach heilig jene seelenvolle Erwiderung unseres Grußes bei seiner maurerischen Jubelfeier:

So die Menschheit fort zu ehren,

Lasset, freudig überein,

Als wenn wir beisammen wären,

Kräftig uns zusammen sein!

Das Geheimnis hatte überhaupt stets für Goethe einen ganz besonderen Reiz, nicht nur aus dem poetischen Gesichtspunkte, sondern auch vorzüglich darum, weil es vor Entweihung würdiger Vorsätze und Bestrebungen sichert, ihr Gelingen erleichtert und die Willenskräfte der Verbündeten steigert. In seinem Wilhelm Meister und in den Wanderjahren deutet er häufig darauf hin, ja eine seiner schönsten und gehaltreichsten, leider unvollendeten Dichtungen trägt die Bezeichnung „Die Geheimnisse“ an der Stirne und war bestimmt, unter dem Schleier der Poesie die Geschichte und den Charakter aller bekannten Religionen darzustellen und seine eigenen heiligsten Überzeugungen aufzunehmen. So hat er denn auch im Leben, ja selbst in alltäglichen Vorkommnissen diese Liebe zum Geheimnis betätigt und nur selten und ungern über die nächsten Anordnungen und Beschlüsse sich im voraus mitgeteilt. Noch unangenehmer war es ihm, wenn man sein Vorhaben erriet, oder irgend etwas, was er erst später vorzeigen oder eröffnen wollte, vorzeitig entdeckte oder zur Sprache brachte.

Seine Naturbetrachtungen hatten ihn gelehrt, wie alles Große und Bedeutende nur im stillen sich vorbereite, wachse und entwickle; seine Welterfahrung ihm bewiesen, daß die edelsten Unternehmungen, voreilig enthüllt, meist den feindseligsten Gegenwirkungen ausgesetzt sind. Und -er besaß die Kunst und Selbstverleugnung, oft die herrlichsten Erzeugnisse seines schöpferischen Geistes viele Jahre lang zu verbergen — wie denn sein letztes Meisterwerk, der zweite Teil des Faust, aufs strengste bis zu seinem Tode versiegelt blieb.

Mit dieser Liebe zum Geheimnis hing auch eine seiner schönsten Maurertugenden, die Verschwiegenheit, zusammen; ja man darf sagen, daß er sie oft bis zum Extrem geübt hat. Die wichtigsten Geheimnisse und Aufschlüsse in öffentlichen wie in Privatangelegenheiten lagen in seiner Brust so verschlossen wie in einem Grabe; selbst unbedeutende Tagesvorkommenheiten bewahrte er mit gleicher Gewissenhaftigkeit, wenn nur irgend jemandem daraus Schaden oder Kränkung erwachsen konnte.

Niemand war diskreter als er; auch in den vertraulichsten, jovialsten Gesprächen verleugnete sich nie die ihm eigentümliche zarte Rücksicht auf alle Verhältnisse. Nie provozierte er irgend eine Vertraulichkeit; erfolgte sie gleichwohl, so .mochte er sich gern als eine Art Beichtvater betrachten, zögerte wohl zuweilen ,mit seinem Rat, aber wirkte im stillen, wo er nur konnte, der ihm kund gewordenen Verlegenheit abzuhelfen.

Aus jener Liebe zum Geheimnis entsprang nicht minder seine vorherrschende Neigung zum Rätselhaften, die nicht selten den Genuß, seiner schriftstellerischen Leistungen erschwert.

Diese Neigung bildete sich in ihm zur überlegten Maxime aus; ich hörte ihn oft behaupten: ein Kunstwerk, besonders ein Gedicht, das nichts zu erraten übrig ließe, sei kein wahres, vollwürdiges; seine höchste Bestimmung bleibe immer, zum Nachdenken aufzuregen, und nur dadurch könne es dem Beschauer oder Leser recht lieb werden, wenn es ihn zwinge, nach eigener Sinnesweise es sich auszulegen und gleichsam ergänzend nachzuschaffen.

Jene Tugend der Verschwiegenheit, jene zarte Diskretion verlieh dem Verhältnis seiner zahlreichen Freunde und Freundinnen zu ihm einen unaussprechlichen Reiz. Er verstand die seltene Kunst, Freund seiner Freunde in der jedem Naturell zusagendsten Weise zu sein. Ohne jemals sich ausschließlich hinzugeben, wußte er doch jeden, den er einmal erprobt hatte, sich ganz anzueignen und gleichwohl jede Eifersucht fern zu halten, alle auf die für sie passendste Weise zu ehren und zu erfreuen. Wie ehrfurchtgebietend auch sein ganzes Wesen immerhin blieb, so machte er doch seine Überlegenheit nur in seltenen, prägnanten Fällen geltend, und auch dann nur im Gewände humoristischer Ironie, die, wie jede Gattung feinsten Scherzes, ihm in höchster Meisterschaft zu Gebote stand. Satire, Parodie und Mißlaune dagegen waren ihm im Innersten verhaßt.

Alles, was seine Schriften an Geist und hinreißender Darstellungsgabe enthalten, ward durch die Liebenswürdigkeit seiner persönlichen Mitteilungen noch weit überboten. Alle, die das Glück genossen, ihm in traulichen Kreisen näher zu kommen, werden diese vielleicht auffallende Behauptung aus voller Seele bestätigen. Niemand besaß, so oft er nur wollte, die Kunst der Unterhaltung, der Erzählung, der augenblicklich geistreichsten, schlagenden und doch dabei heitersten Gegenrede in höherer Virtuosität; dabei verstand er es aufs feinste, jedem hinlänglichen Raum zu eigener Geltendmachung zu lassen, ja gleichsam jedem das Beste, was er zu geben vermochte, zwanglos abzugewinnen.

Die Anmut seiner Tischreden, wo jeder kleine Anlaß Funken des Witzes, sinnvolle Anspielungen oder die kern-haftesten Urteile und Aussprüche hervorrief, übertraf vielleicht noch der Zauber, den er in guten Stunden harmlosen Zwiegesprächs übte, wenn er die Schätze seiner Erfahrungen aufschloß, oder interessante Begebenheiten des Tages mit dem milden Lichte erhabener, ruhiger Weisheit beleuchtete, oder auch über die tiefsten sittlichen und künstlerischen Probleme mit genialer Klarheit und Einfachheit sich herausließ. Nicht schon in der ersten Stunde solchen Zusammenseins durfte man hoffen, dieser geistigen Blitze und wohltuenden Gemütsausströmung froh zu werden. Wie alles sich bei ihm folgerecht entwickelte und jedes sprunghafte Hervortreten oder absichtliche Ausforschen ihm verhaßt war, so bedurfte es auch erst längeren, ungestörten Gesprächs und zufälliger Anlässe, um die ganze Fülle seiner Liebenswürdigkeit zu entfalten. War aber ein solcher köstlicher Moment eingetreten, so schien sein ganzes Wesen verklärt, seine Brust gleichsam freier, ja die Person, zu der er sprach, ihm so viel lieber geworden, und er suchte und sann dann rings umher, wie er den befreundeten Genossen solcher traulichen Stunde noch mit einem sichtbaren Zeichen der Liebe und des Wohlwollens entlassen könnte.

Doch ich vergesse im Zudrang unschätzbarer Erinnerungen, daß ich vor einer Versammlung spreche, in der ja so viele das Bild seiner liebenswürdigen Mitteilungsweise im eigenen treuen Busen bewahren, — und wer von uns in diesem Kreise hätte mehr oder minder nicht seiner Rede geistbeseelte Kraft, nicht seiner Sitten Freundlichkeit erfahren?

Wo wäre ein Bürger dieser Stadt, ein Nachbar, ein Dienstleistender, der irgend je ihm nahe gekommen, und nicht lebenslang das Bild seiner würdigen Erscheinung, seiner ernst-bedeutsamen oder wohlwollend-heiteren Zusprache im Herzen trüge?

Wer erinnert sich nicht jener schönen erquicklichen Sommertage von 1814, wo er nach glücklich beendigtem Kriege für den jubelvollen Empfang des heimkehrenden geliebten Fürsten festliche Anordnungen unermüdet aussann und leitete? Wie er da, bald im frischesten Tatgefühl jedem seine Rolle ermunternd und belehrend zuteilte, bald von Straße zu Straße fröhlich umherwandelte, mit eigenen Augen dem Geleisteten nachsah, das noch Mangelnde ergänzte, bald bei dieser schon geschmückten Pforte zufrieden weilte, bald zu jenem Fenster hinein den Kränze und Schmuck Bereitenden heiter anregend zusprach, nun freundlich lobte, nun humoristisch schalt, überall gemütlich, ermutigend, belebend!

Oder wem schwebt nicht jener heilige Tag von Karl Augusts Jubelfeier (3. Sept. 1825) vor der Seele, wo er, der ehrwürdige Greis, in frühster Morgenstunde, dort jenem anmutigen Sommerhause seines Fürsten gegenüber, unvermutet aus dem Gebüsche heraustrat und durch die blumen- und lorbeerumschmückten Säulen sich leise hineinschlich, um, wie er der Lebensfreunde des Fürsten erster und ältester war, auch nun zuerst dem erhabenen Gefeierten, beredt in stummer Rührung, die Huldigung seines Herzens und jene Denkmünze, die fromme Gabe unserer Treue und Liebe,45) darzubringen? — In wessen Andenken lebt nicht der unvergeßliche Abend desselben Tages, wo er das eigene festlich bekränzte Haus zahllosen Gästen und Freunden öffnete, sie um sich sammelte, durch heiterste Zusprache erquickte, aufs sinnigste bewirtete und — der Beglückteste unter den Beglückten — im süßen Dank- und Frohgefühl bis tief in die Nacht umherwandelte ?

Ja gewiß, meine geliebten Brüder, wenn einst die Hand, welche jüngst die frech-verleumderischen Worte: „Goethe ist in Weimar schon vergessen“, öffentlich niederzuschreiben wagte; wenn einst diese Hand längst unbekannt vermodert, dann noch wird kein edles Herz in Weimars Mauern schlagen, dem Goethes Andenken nicht heilig wäre, kein Gebildeter auf Weimars Vorzeit zurückschauen, der nicht in Goethes Ruhme den köstlichsten Juwel erblickte, den ein segnendes Geschick dem Vaterlande und der Fürstenkrone unserer angestammten Beherrscher geschenkt hat, und der nicht, wenn rings umher das Genie des Dichters und Schriftstellers bewundert wird, mit süßem Stolze ausriefe: Uns war er mehr!

Sei mir vergönnt, noch mit wenigen Worten den für Weimar höchsten Leuchtpunkt unter Goethes Verdiensten zu berühren: sein Verhältnis zu unserem erhabenen und geliebten Fürstenhause. Es wird ewig unentschieden bleiben, ob dasselbe ihm, oder er demselben mehr und Größeres zu verdanken habe.

So innig waren der Fürsten und Fürstinnen Zuneigung, Anerkennung, großartige Förderung und Ermunterung, des Dichters und treusten Dieners Widmung, Hingebung und unerschütterliche Verehrung ineinander verzweigt und verflochten, so wechselsweise sich beseelend, erhebend, belohnend, daß man es zuversichtlich aussprechen darf: wie der schönste beiderseitige Ruhm sich in vielfacher Hinsicht gegenseits bedingt und begründet hat, so wird er auch in der Nachwelt ewig ungetrennt strahlen und leuchten.

In tausend Einzelheiten höchst verschieden, durch Naturell und Erziehung, Lebensrichtung und Sinnesweise, trafen Karl August und Goethe gleichwohl in dem geheimnisvollsten Punkte geistiger Verwandtschaft, in dem lebendigen Gefühl und in der aufrichtigen Anerkennung des rein Menschlichen dergestalt zusammen, daß vom ersten Zusammentreffen, von dem ersten Kontakt dieser ihrer innersten Lebenselemente an, keiner von dem anderen jemals mehr lassen konnte.

Ich halte mich verpflichtet, hier von einer vertraulichen Mitteilung Gebrauch zu machen, die einst unser verewigter Bruder Wieland mir machte: Wenn ich jemals, sprach er, noch so sehr mit Goethe zu zürnen veranlaßt werden, mich von ihm oder seiner Handlungsweise noch ’so sehr verletzt fühlen könnte, und es fiele mir ein — was niemand besser als gerade ich wissen kann —, welche unglaubliche Verdienste er um unsern Herzog in dessen erster Regierungszeit gehabt, mit welcher Selbstverleugnung und höchsten Aufopferung er sich ihm gewidmet, wieviel Edles und Großes, das in dem fürstlichen Jüngling noch schlummerte, er erst zur Entwicklung gebracht und hervorgerufen hat, so möchte ich auf die Knie niedersinken und Meister Goethe dafür mehr noch als für alle seine Geisteswerke preisen und anbeten.

Karl August und Goethe hatten wechselseits so große Achtung voreinander, jeder wußte des anderen Charakter und zarteste Eigentümlichkeit so gewissenhaft zu würdigen und zu schonen, daß sie sich mit unbedingter Offenheit vertrauten und sich dennoch wie Großmächte immer mit einer gewissen zarten Vorsicht behandelten.

Einst, als in den ersten Jahren nach der Schlacht von Jena die große Freimütigkeit des Herzogs in seinen politischen Urteilen und Äußerungen, und seine fortwährend höchst unverhehlte Anhänglichkeit an die Krone Preußen ernsthafte Besorgnisse erregten, beruhigte mich Goethe mit den Worten: Seien wir unbesorgt! Der Herzog gehört zu den Urdämonen, deren granitartiger Charakter sich niemals beugt, und die gleichwohl nicht untergehen können. Er wird stets aus allen Gefahren unversehrt hervorgehen; das weiß er recht gut selbst, und darum kann er so vieles wagen und versuchen, was jeden anderen längst zugrunde gerichtet hätte.

Wie dagegen Karl August seinen Goethe ehrte und liebte, davon läßt sich wohl kein schöneres Zeugnis — bedürfte es irgend noch eines — anführen, als jene einfachen Worte, die er dem Freunde als Dank für dessen Glückwunsch zu seinem Geburtstage am 3. September 1809 zurückschrieb : Meinen besten Dank für Deinen Anteil an dem heutigen Tag statte ich Dir ab. Wenn Du tätig, froh und wohl bist, solange ich noch mit Dir gute Tage erleben kann, so wird mir mein Dasein höchst schätzbar bleiben. Leb wohl. Karl August.

Und höchst charakteristisch, zumal an solchem Festtage, ist die lakonische Nachschrift: Wen an Göttlings Stelle ? Doch einen sehr Bedeutenden ? (Bekanntlich war es unser Döbereiner, der kurz nachher an jenes verdienstvollen Verstorbenen Stelle berufen wurde.)

So schöne Verhältnisse erbten sich ununterbrochen fort, ja unser jetziger Großherzog erkannte darin ein unschätzbares väterliches Vermächtnis, und mit wahrhaft frommer Ehrerbietung und Liebe widmete er Goethe bis zu dessen letzten Lebenshauche die treueste und zarteste Fürsorge und Neigung.

Kaum wird irgend ein Land sich in unmittelbarer Folge, nahe an ein Jahrhundert hindurch, dreier so großartiger, so edel gesinnter Fürstinnen zu rühmen haben, als Weimar in Annen Amalien, Luisen und Marien Paulo wnen! Wie sie in Wohlwollen, Anerkennung und zartestem Vertrauen für Goethe wetteiferten, so ist auch er sich gleich geblieben in Ehrfurcht und Treue, in sinniger Huldigung und in dankbarem Gefühl für alle die glücklichen und schönen Stunden, die er ihren seelenvollen Mitteilungen verdankte. Er erkannte es oft mit tiefer Rührung, daß ihre Huld seine Jugend veredelt und nachsichtsvoll begünstigt, seine mittleren Jahre bereichert und beglückt, sein Alter erheitert und geschmückt habe. Auch auf ein hoffnungsvolles fürstliches Enkel- und Urenkelgeschlecht trug er die Gesinnungen liebevollster Ergebenheit und Widmung über; und wenn einst der blühende Prinz, den die segnende Fürsorge erhabener Eltern und die glücklichsten Naturanlagen der Hoffnung unserer Nachkommen entgegenreifen lassen, in die glorreiche Reihe seiner Ahnen eintritt, so wird das Bild der traulich belebenden Stunden, die Goethe ihm gewidmet, gewiß zu seinen fruchtbarsten Erinnerungen gehören.

Wir aber, denen der ewige Baumeister der Welten gegönnt hat, so viele unvergeßliche Jahre inmitten der edelsten Wirksamkeit unseres verklärten Bruders zu leben, die wir jetzt mit frommer Hand und tiefbewegter Seele den Kranz der Liebe und Ehrfurcht um seine Urne schlingen, wir wollen mit ganzer Manneskraft uns selbst aufrufen und geloben, festzuhalten an allem Großen, Guten und Schönen, was er uns gelehrt, geschaffen und als ein unvergängliches Erbteil hinterlassen hat, damit wir, als wenn wir noch beisammen wären, im Geist mit ihm zusammen sei’n. Dann wird sich jenes edelste Wort an uns selbst erproben, welches Goethe am Grabe der Herzogin Anna Amalia aussprach: Ja, das ist der Vorzug edler Naturen, daß ihr Hinscheiden in höhere Regionen segnend wirkt, wie ihr Verweilen auf der Erde, daß sie uns von dorther, gleich Sternen, entgegenleuchten, als Richtpunkte, wohin wir unseren Lauf bei einer nur zu oft durch Stürme unterbrochenen Fahrt zu lenken haben; daß diejenigen, zu denen wir uns als zu Wohlwollenden und Hilfreichen im Leben hinwendeten, nun die sehnsuchtsvollen Blicke nach sich ziehen, als Vollendete, Selige.

Text aus dem Buch: Goethe und die königliche Kunst (1905), Author: Wernekke, Hugo.

Hier geht es weiter:
Goethe und die königliche Kunst – Vorwort
GOETHE UND DIE LOGE AMALIA
Goethe und die königliche Kunst – ZWISCHEN DEM ALTEN, ZWISCHEN DEM NEUEN

Weiterführendes über Goethe:
Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.
Goethe und die graphischen Künste – Holzschnitt.
Goethe und die graphischen Künste – Steindruck.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes graphische Sammlungen.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes Anregungen zu graphischen Werken.
Goethe und die graphischen Künste – Goethe und die Einrichtung von graphischen Anstalten in Weimar.

Goethe und die königliche Kunst