Während meines fast sechsjährigen Aufenthaltes auf der Südsee-Insel Neu-Guinea und dem zugehörigen Bismarck-Archipel habe ich wiederholt Gelegenheit gehabt, teils aus eigner Anschauung, teils aus Schilderungen meines schwarzen Hauspersonals, die verschiedenen Bestattungsgebräuche der einzelnen Stämme kennen zu lernen.

Es würde an dieser Stelle für den beschränkten Raum zu weit führen, auf die sämtlichen, gänzlich von einander abweichenden, oft unglaublich komplizierten Zeremonien auch nur in kurzen Umrissen einzugehen; in alle aber lässt sich auch ohne den grossen Apparat der ethnologischen Analyse ein symbolischer Sinn hineinlegen, der bei den Gebräuchen einzelner Stämme unverkennbar in die Erscheinung tritt. Ich will mich darauf beschränken, eine Totenfeier der Salomons-Insulaner ausführlich zu schildern, die ohne Zweifel erkennen lässt, dass zwischen den Gebräuchen dieser Wilden und denen der Kulturvölker eine gewisse Aehnlichkeit besteht.

Read More Totengebräuche auf den Salomons-Inseln

Kolonie und Heimat

Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Menschheit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab. Die Mythen wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmärchen nur von den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, sondern vom ganzen Volke wie etwas Wirkliches geschaut und empfunden und in Furcht und Hoffnung heilig gehalten. Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engeren Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen ein geheimnisvolles übermenschliches Wesen zu leben und zu weben schien. So verflochten sich bereits mit diesen ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Abhängigkeit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dramatisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden dann zum Teil wieder in die Erzählung des Mythus aufgenommen und gestalteten sie oft eigenartig um. Doch finden wir im germanischen Mythus kaum sichere Spuren davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsenden Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancherlei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Begabung und Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer monotheistischen Religion mündeten.

Die menschliche Einbildungskraft, die Haupttriebfeder der Mythologie, vermag zwar auch das toteste, unpersönlichste Ding bis zu einem gewissen Grade vorübergehend zu beleben und zu beseelen. Aber nur eine Auslese von Dingen und Erscheinungen war imstande, sie zu eigentlich lebensfähiger, personifizierender, eindrucksvoller und allgemein anerkannter Mythenbildung aufzuregen, nämlich solche, in denen drei Eigenschaften vereinigt waren: ein geheimnisvolles, rätselhaftes und darum staunenerweckendes Äussere, ein sinnenfälliger, den Schein persönlichen Lebens tragender Formen- oder Kraftwechsel und ein starker Einfluß auf das Wohl und Wehe des Menschen. Nur diesen erkannte man die Bedeutung und Lebenskraft eines übermenschlichen Wesens zu. Solche Erscheinungen sind im Menschendasein vor allem der Tod, dann der Traum und im weiteren Welträume die Luft- und Himmelserscheinungen: das Gewitter, der Wind, der Wolkenzug, das Himmelslicht, die Tageshelle und die großen Gestirne, endlich auch die sprossende Erde.

Wer mag bestimmen, welche von den erwähnten Erscheinungen zuerst die Phantasie wie mit einer Zauberrute aus ihrem Schlummer weckte? Sie mögen in unvordenklicher Zeit gleichzeitig gewirkt haben. Aber so viel ist gewiß, daß der Anblick des Sterbens, das dem Naturmenschen ebenso unverständlich war wie das Leben selbstverständlich, und die Folgen, die der Tod für die Angehörigen der Verstorbenen hatte, gerade in der unsrer Kunde erreichbaren ältesten Zeit einen besonders wichtigen und umfangreichen Mythenkreis veranlaßt haben. Dessen hohes Alter wird auch durch den Einklang der Vorstellung nicht nur der germanischen und indogermanischen, sondern auch der niedrigsten Völker der Erde bezeugt, der auf keinem mythologischen Gebiete so überraschend genau ist wie auf diesem. Noch ein anderes auffälligeres Zeugnis für diesen alten Bestand darf man anführen, das nämlich, daß der aus diesem Gebiete entsprungende rohe und ärmliche Geister- und Gespensterglaube üppiger als irgend welcher andre Heidenglaube noch heute fortwuchert. Denn es ist ein durchgreifendes Gesetz der Psychologie, daß eine Vorstellung je älter, desto unverwüstlicher ist. Die Götterwelt, das Letzte und Schönste des Heidentums, ist längst vor den Augen des Volkes versunken. Für zerstäubt in nichts gilt auch schon lange wenigstens der Mehrheit das Elfenwesen; die Gespenster aber leben in der Einbildung gar vieler noch heute fort und feiern sogar Triumphe in gebildeten Spiritistenkreisen. Fast möchte man sagen, der Same des Gespensterglaubens rege sich in uns Allen, wo die Nähe einer Leiche und das tiefe Dunkel der Nacht in einem Sterbezimmer, auf einem Friedhof, an einer Mordstätte sich vereinen, oder auch sogar mitten im hellerleuchteten vollen Theater, wenn ein wirklicher Dichter an ihn appelliert. „Auch kommt es nur“, sagt Lessing in seiner Dramaturgie,

„auf die Kunst des Dichters an, diesen Samen zum Keimen zu bringen; nur auf gewisse Handgriffe, den Gründen für die Wirklichkeit von Gespenstern in der Geschwindigkeit den Schwung zu geben. Hat er diese in seiner Gewalt, so mögen wir im gemeinen Leben glauben, was wir wollen, im Theater müssen wir glauben, was Er will. Vor dem Gespenste in Shakespeares Hamlet richten sich die Haare zu Berge, sie mögen ein gläubiges oder ein imgläubiges Gehirn bedecken“.

Wenn es uns rührt und erhebt, daß schon die Urmenschen hinter dem Tode ein Leben witterten und der erbarmungslosen Tatsache des Sterbens ein durch den Tod ununterdrückbares Leben entgegenstellten, so erfüllt es uns fast mit Scham, oder soll ich lieber sagen, mit Demut, daß ihre tiefsten Geheimnisse auch noch die unsrigen sind: Leben, Tod, Seele. Gerade darum haben diese der ältesten Religion den Boden aufgewühlt, sie sind die starken Pflugscharen noch unsers Glaubens.

Um den Begriff der Seele oder des Geistes dreht sich dieser alte Mythenkreis. Dieser Begriff ist ursprünglich keine Abstraktion, herausgezogen etwa aus der zusammenfassenden Beobachtung der vielen Einzelerregungen des eigenen Inneren, er ist auch nicht das Produkt der Sehnsucht nach einem höheren, freieren Dasein. Er ist dem schmerzlichen Anblick der seltsamen, wechselnden Wandelungen, die der Sterbende in seinen letzten Stunden durchmacht, abgerungen. Da wird der Atem immer schwerer und langsamer, um dann plötzlich still zu stehen, das Auge bricht und starrt unheimlich, Wärme und Farbe verlassen den Leib, kalt, bleich, steif und lautlos liegt er da, wie ein Stein. Nach unsrer gegenwärtigen Gemeinauffassung ist mit diesen Vorgängen das physische Leben und gleichzeitig mit ihm, aber losgelöst von ihm, das psychische Leben, die Seele, entflohen. Jenes besteht überhaupt nicht mehr und läßt den Leib als tote Masse zurück, die Seele aber lebt für sich in einer anderen Welt unvergänglich weiter. Eine alte weitverbreitete und auch germanische Auffassung war eine ganz andre. Nicht nur gleichzeitig mit, sondern in dem physischen Leben, in dem Atem, der Bewegung, der Wärme und Farbe entwich die Seele. Das physische Leben selber war ein Wesen, das im Tode sich löste, so daß es gleichsam zweimal da war, neben seinem lebendigen Ich ein im Tode erst frei werdendes andres Ich beherbergte. Dieses letzte, das im Kopfe wohnt, ging beim Sterben als ein Bewegliches, ein Hauch, ein Wind, ein Nebel, ein Licht oder gar als ein Tierchen aus dem Munde davon. Die Seele blieb also ein körperliches, wenn auch ein verflüchtigtes oder zusammengeschrumpftes Wesen. Sie hielt sich auch möglichst dicht an den verlassenen Leib, wohnte bei ihm im Grabe oder in dessen Nähe, oder auch in dem von ihm verlassenen Hause, oder in benachbarten Bäumen und Hügeln. Sie war auch nicht unvergänglich, sondern starb mit dem Zerfall der Leiche, zu der sie gehörte, oder welkte mit der Erinnerung der Überlebenden an den Toten auf immer dahin. Dazu stimmt, daß in den dänischen Steingräbern die Knochen der älteren Leichen bei Seite geschoben und über einander aufgestapelt wurden, um Platz für die neu beigesetzten Gerippe zu gewinnen. Viele neue Gräber sind auf fränkischen und merovingischen Gräberfeldern in und quer durch ältere gelegt.

Die Seele ist nach der germanischen Anschauung vor allem das Bewegliche. Denn die beiden Wörter Seele, gotisch saiwala, und See, gotisch saiws sind beide derselben Wurzel entsprungen, die etwas Bewegliches bezeichnet haben muß. Der Begriff einer noch heftigeren Beweglichkeit möchte im Worte Geist stecken, was besonders die nordischen Worte geisa = brausend einherfahren, wüten, geistr = heftig, feurig, geist = brausend, schnell verraten. Die deutsche Sage erzählt wiederholt von brausenden Geistern. Aus einer Wurzel an = hauchen entwickelte sich das indische anas Hauch, anilas Wind, das griechische anemos Wind, das lateinische anima Wind und Seele, vergleichbar dem griechischen Psyche Hauch und Seele. Zur Wurzel an gehört das althochdeutsche unst = Wind, Sturm und möglicherweise auch das althochdeutsche ano, unser Ahne, das ursprünglich einen, der ausgehaucht hat, einen Verstorbenen und darnach den Vorfahren bezeichnet hätte. Auch das gothische us-anan bedeutet aushauchen und das aus derselben Wurzel erwachsene nordische Seele, Leben, andi Geist und ör-endr todt, eigentlich ausgehaucht.

Noch sicherer als die Sprache bezeugt der Volksglaube die Windnatur der Seele. Die plötzlich gewaltsam ausgepreßte oder auch die beim Tode imruhige Seele fährt folgerichtig nicht als Wind, sondern als Sturm davon. Darum heißt es noch durch ganz Deutschland, daß sich ein Sturm erhebe, wenn sich jemand erhängt, und sich erst nach dessen Bestattung lege.

„Welcher Lump mag sich nun wieder erhängt haben!“

sagt man am Lechrain bei plötzlich losbrechendem Sturm. So sauste einmal an Hans Sachs im Walde bei Osnabrück das wütende Heer der kleinen Diebe vorbei, das aus lauter Erhängten bestand, und darunter ein erst desselbigen Tags Gehenkter, mit dem er sich in ein Gespräch einließ, fuhr dahin „als ein scharpfer Wind“. In Schwaben fahren auch die im Rausch Gestorbenen mit dem Muetisheer d. h. dem stürmischen wilden Heer. Von den Geistern Verstorbener heißt es in England, daß sie Hindernisse auf ihrem Wege umwerfen wie „a furious whirlwind“.

Rührend ist, daß eine im Kindbett und noch dazu ohne Beichte, also mit doppelt unruhiger Seele gestorbene Frau im Wirbelwind dahinfliegt. Dagegen wenn ein Mensch ruhig verscheidet, bewegt sich nach Schweizer Glauben die Luft im Sterbezimmer mit leisem Wehen. In Devonshire kann ein Verschluß im Hause das Sterben eines Kranken verzögern, und so öffnet man in Bayern wohl das Fenster oder deckt einige Dachschindeln ab, um einem Menschen das Sterben zu erleichtern. Gemeindeutscher Brauch, der sich noch an zahllosen Orten erhalten hat, war es, beim Eintreten des Todes ein oder mehrere Fenster, die Türe, die Luke oder gar die „Dachblatte“ zu öffnen, daß die Seele bequem hinwegfliegen könne. Man jagt sie sogar bisweilen durch Wehen mit Tüchern hinaus und ruft ihr nach „Geh hin und pfludere“ d. h. flattere. Hat das Dach im Aargau keine „Heiterlöcher“ d. h. Luftlöcher, so sucht die Seele des verstorbenen Hausbewohners gewaltsam Einlaß, indem sie es mit Sturm abdeckt. Darum muß in einigen Orten der Schweiz immer ein Fenster oder eine Stelle des Dachs offen bleiben, damit der „Geist“ aus- und eingehen könne. Im Unterinntal fahren noch heute die armen Seelen im sogenannten Allerseelenwind und anderswo in Deutschland nach älterem, schon von Geiler v. Keisersperg um 1500 bezeugten Glauben alle eines gewaltsamen Todes Gestorbene oder vor der Taufe gestorbene Kinder im wütenden Heer oder in der wilden Jagd, namentlich während der Zwölften, der zwölf heiligen Nächte der Jahreswende. Dieser Jagdzug der Seelen hat im höheren Norden im Geisterzuge der norwegischen Aaskereia, Oskerei, die ebenfalls in den Jul-nächten durch die Dörfer und Häuser tobt, noch den niedrigeren rein dämonischen Charakter bewahrt. Sie hat keine Gottheit an ihrer Spitze, die doch in Deutschland und Dänemark den Zug führt: nämlich Wodan oder auch Bertha oder Holda. In dieser Verbindung mit der Gottheit erreicht die Vorstellung vom Windseelenzuge ihren höchsten mythologischen Ausdruck. Ähnliche Stadien durchläuft der griechische Seelenglaube: in der Odyssee werden die dicht vor ihrer Hochzeit gestorbenen Töchter des Pandareos durch Stürme hinweggeführt, offenbar ursprünglich ihre, über ihr Los zürnenden windförmigen Seelen. Ein paar Verse weiter heißen diese Stürme schon Harpyien, sind also dahin raffende Winddämonen geworden. Später sausen vor ihrer Hochzeit verstorbene Mädchen im Heer der Jagdgöttin Artemis oder in dem ganz jagdartig dargestellten, von Hunden umbellten Schwarm der Hekate. In Indien fahren die Bhütas, die Seelen von Bösewichtern, im Gefolge des Sturmgottes Rudra durch die Luft. Selbst in den höchsten Mythen von der Windseele berühren sich also die verschiedenen indogermanischen Völker.

Verdichtet sich der Hauch, so wird er zum Nebel, Dunst, Rauch oder gar zur Wolke. Schon bei Homer geht die Seele als Rauch oder Schatten dahin. Nach dem neueren germanischen Aberglauben schwebt in Tirol die Seele eines Tugendhaften als weißes Wölkchen aus dem Munde. Wo man ihr im schlesischen Dyhemfurth beim Sterbefall nicht das Fenster öffnete, sah man sie am nächsten Morgen als Rauchwölkchen an der Zimmerdecke. In Ostpreußen können manche den Gestorbenen noch vierzig Tage nach dem Tode als eine nebelartige Gestalt erkennen. Und nicht nur im Tode, sondern auch im Traume des todähnlichen Schlafs wird jenes andere Ich, die Seele, lebendig und kann durch den atmenden Mund herausspazieren, um am Schluß des Traumes wieder zum Körper des Schläfers zurückzukehren. Diese Traumseele entschlüpft als Dunst dem Munde eines Schlafenden nach hessischer wie Oldenburger Sage; nach dieser kehrt sie zurück und mit ihr das Leben, nach jener bleibt sie aus und der Tod erfolgt. Diese Sage lebt voll ausgebildet in Island weiter und war schon vor mehr als einem Jahrtausend bekannt. Nur güt, was man in Island von einem bläulichen Dunst erzählt, im altfränkischen Bericht von einem Tierlein. Der gute Frankenkönig Gunthram, der um 600 lebte, war einmal auf der Jagd im Schoß eines Dieners eingeschlafen. Da schlich aus seinem Munde ein Tierlein in Schlangenweise hervor und wollte gern über den nahen Bach. Der Diener legte sein Schwert hinüber, auf dem das Tierlein das Wasser überschritt. Drüben schlüpfte es in einen Berg und lief nach einigen Stunden wieder über die Schwertbrücke in den Mund des Königs zurück. Erwacht aber erzählte dieser, er wäre im Traum über die eiserne Brücke eines großen Flusses gegangen und hätte in der Höhle des drüben gelegenen Berges einen unsäglich reichen Schatz gefunden.

Bevor wir aber die vielerlei Seelentierchen näher betrachten, müssen wir des Lichts oder Feuers als Seelenformen gedenken. Die Seele läßt den toten Leib kalt zurück oder, wie es Freidank derber ausdrückt: „die Seele fährt von mir wie ein Blaas (Hauch, Windlicht) und läßt mich liegen wie ein Aas.“ Wenn über dem Schlafenden oder am Dach eines Hauses ein Flämmchen schwebt, ein Licht von selbst erlischt oder eine Sternschnuppe in der Richtung eines Hauses fällt, so kommt nach deutschem Aberglauben der Tod, und der Sterbende „verzeigt sich“ gern Abwesenden durch einen plötzlichen Lichtschein. Die Seele macht sich dann gleichsam zeitig davon und kündet dadurch die Nähe des Todes des bereits von ihr verlassenen Leibes an. Das „Totenlicht“ setzte sich schon im Mittelalter an Haar und Kleidung der Nordleute, wenn sie sterben sollten. Manche altnordische Gräber umgab ein Feuer; nach der Hervarar-saga zeigten sich Angantyr und seine Brüder nachts als Flammen auf ihren Gräbern, und noch heute erscheinen isländische Gespenster vom „Totenfeuer“ ümleuchtet. In Deutschland flattert der Irrwisch, das Irrlicht, der Brünnlig, Pütz- und Wiesenhüpfer, in England der Willy with the wisp (Wisch), in Dänemark der blaas- oder lygtemand, der Feuer- oder Lichtmann, in Schweden der eidgast der Feuergeist über Sümpfen, feuchten Wiesen oder Feldrainen. Im Aargau gibt es Irrlichter beiderlei Geschlechts, Füerstein-mannli wie Zunselwibli. Das sind die Seelen derer, die wie die noch ungetauften Kinder, die Erhängten, die Ertrunkenen, vor der Zeit das liebe Leben eingebüßt, oder solcher, die ihr Leben mit einer beunruhigenden Tat beschlossen hatten und nun die Stätte derselben wieder aufsuchen, z. B. Grenzsteinverrücker und unehrliche Landmesser, die dann den Grenzstein auf der Schulter tragen müssen, oder Geizhälse, die irgendwo ihr Geld verscharrt hatten. Auch irrlichtem die von den Tirolern erschossenen und zerschmetterten Franzosen bei Mittenwald im Herbst auf ihren in fremder Erde bereiteten Gräbern umher. Die irrlichtemden Landmesser schlagen im Badischen wohl mit glühenden Meßstangen auf einander los, und bis ins Hochgebirge hinein, auf dem Streitgampen unter dem Pazinkopf in Tirol, befehden sich die feurigen Pütze. Reizbar ohrfeigt der Irrwisch den Wanderer, der ihn neckt, führt ihn irre, springt ihm auf den Rücken, zündet ihm das Haus an und bedroht sogar sein Leben. Seltener leuchtet er ihm dienstfertig heim. Wie andere Seelen fahren auch die Irrwische mit der wilden Jagd um.

Die flüchtige Seele als Vogel aufzufassen, lag nahe. Die indischen Ahnen, die Pitaras, fliegen in Vogelgestalt umher, weshalb beim Totenopfer den Vögeln ein Kuchen gegeben wurde. Den Griechen zeigte sich die Seele bei der Totenbeschwörung als Uhu oder Fledermaus. Germanische Seelen von Ermordeten und Selbstmördern fliegen als Raben und Krähen umher, diejenigen unschuldig Getöteter als weiße Tauben und Schwäne. Doch scheinen die Taubenfiguren bei Paulus Diaconus, die bei Pavia von Grabstangen nach der Richtung schauten, wo der in der Fremde gestorbene Langobarde seine Ruhestatt hatte, nicht die Toten, sondern deren klagende Verwandte zu bedeuten. In Westfalen sagt man Mädchen, die nicht heiraten:

„Ihr sollt die Kibitze heiraten,“

und auf dem wilden Gieritz(Kibitz)moos an der Aare in der Schweiz werden die alten Jungfern wirklich zu Kibitzen. In Schweden heißt der Schmetterling „Altweiberseele“, und in Deutschland sagt man, daß man vor der Geburt mit den „Feifaltem“ d. h. Schmetterlingen fliege. Auch in den Motten, Bienen, Käfern und sonstigem fliegenden Getier stecken Seelen, auch in der Hausgrille.

Aber andre Hausgenossen spielten unter den Seelentieren eine viel bedeutendere Rolle, die unschädliche Ringelnatter, die Maus, das Wiesel und die Kröte. Der Wohnung der Menschen zugetan, leise aus der Erde kriechend oder huschend und wieder still und plötzlich dann verschwindend, erschienen sie wie geheimnißvoll in ihrem alten Heim fortlebende Seelen der Verstorbenen, deren Leiber früher in dessen unmittelbarer Nähe oder sogar in dessen Innerem bestattet wurden. Wir blicken in den dunkelsten Winkel indogermanischer Hausreligion mit all ihrer Heimlichkeit und Unheimlichkeit, wie sie durch zahllose neuere, aber auch viele ältere nicht nur germanische, sondern auch andere indogermanische Zeugnisse enthüllt wird.

Früh wird auf attischen Grabdenkmälern und spartanischen Votivreliefs eine Schlange dargestellt, die als Opfergaben Honig und Brei zu sich nimmt, also nicht Schlangen-, sondern Menschennahrung. Verschiedene Seelenformen, Flügel wesen und Schlangen wesen, vereinigt die Darstellung einer Totenklage auf einem attischen Gefäß: am oder im Grabhügel flattern beschwingte Menschenfigürchen über einer Schlange, der Seele des Verstorbenen, von dem die Inschrift spricht. In Theophrasts Charakteren 16 errichtet der Abergläubische an dem Ort seines Hauses, wo er eine heilige Schlange gesehen, sofort ein Heroon, ein Ahnenheiligtum. Am Grabe des Heros wurde häufig eine Schlange als dessen dämonische Erscheinung gehegt. Wie er, hütet diese „Haushüterschlange“ Tempel, Haus und Grab; beleidigt aber bringt er, wie sie, Verderben. Nach dem neugriechischen Volksglauben lebt im Grunde jedes Hauses eine Schlange als Hausherr oder Hausherrin. Ihr Erscheinen im Innern desselben bedeutet Glück, besonders die unerwartete Rückkehr des Hausherrn. Verscheucht oder beleidigt zieht sie Unheil herab; man steckt Brot in ihr Erdloch und schmeichelt ihr mit dem Gruße: „Schönes Dingel!“ — Die Römer weihten ihrem Genius einen von einer Schlange umwundenen Altar und hielten im Schlafzimmer ein paar Schlangen, die für die Genien des Hausherrn und der Hausfrau galten, und zwar in so vielen Häusern, daß Plinius besorgte, die Schlangenbrut würde in Rom den Menschen noch über den Kopf wachsen, wenn ihr nicht die Feuersbrünste Einhalt täten. Starb eine solche Schlange, so galt das als böses Vorzeichen dem Vater der Gracchen, wie dem Kaiser Tiberius. Umwand eine Schlange fest das Haupt eines Schlafenden, das war den Römern ein gutes Vorzeichen; die Seele dachte nicht daran sich abzulösen. Die Schlangen aber, die Pompejus beim Verlassen seines Schiffes in Dyrrhachium erblickte, bedeuteten seinen nahen Untergang; als Seelen, die schon ihn und die Seinigen aufgegeben hatten. — In Litthauen hatte jeder Familienvater im warmen Winkel eine Schlange, der er Speise auf Heu darbrachte.

Die Ringelnatter heißt bei den Germanen Hausschlange, Hausotter, Hausunk, Hauswurm, schwedisch gärds- oder lyckoorm, Hof- oder Glücksschlange. Das altschwedische Erbauungsbuch, der Seelentrost, verbot schon tun 1400 den tief gewurzelten Glauben an Tomptorma d. h. Hausschlangen. Aber von Siebenbürgen und der Schweiz bis nach Skandinavien wurde diese da und dort noch neuerlich trotz ihres nicht angenehmen Geruchs im Stalle oder auch unter den Stubendielen gern geduldet und ihr im Herdwinkel wie in Griechenland eine für Schlangen ungeeignete offenbare Ahnenopferspende, nämlich Semmelmilch, vorgesetzt. Am Lechrain hielt noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts jedes Haus eine Hausotter, deren Geräusch den Tod eines Hausbewohners anzeigte. Auf den Betten, wenn sie gesonnt wurden, in der Küche und auf dem Rande des Brunnentrogs konnte man sie liegen sehen. Im Fricktaler Dorfe Mägden in der Schweiz vermutete man noch um dieselbe Zeit fast in jedem Keller eine Hausschlange, die sich nur bei außergewöhnlichen Fällen sehen ließ und durch ihr Geräusch, wie am Lechrain, einen Trauerfall der Familie anzeigte. Manchmal hatte ein Haus, ganz wie das römische, ihrer zwei, die mit Hausvater und Hausmutter lebten und starben. In Mittelschlesien wird die von niemand gesehene, in den Grund des Hauses sich einwühlende Hausotter für einen Schutzgeist angesehen. Doch in der ,Tunkelstunde‘ kommt die schlesische ,Otterkönigin‘, die Ahnfrau, gern einmal aus der Mauer herftir. Als der Hofbauer des sogenannten Schlangenhofes im badischen Schappacher Tal starb, starb auch der Schlangenkönig mit all den anderen Schlangen des Hofes, und von diesem wich seitdem der Segen. In der Liederedda gräbt sich die über den Tod ihres Sohnes Atli trauernde Mutter offenbar als Natter dem Gunnar rächend ins Herz. Gleich der Seele liegt auch die Hausotter gern unter der Türschwelle, auf der man wegen dieses Tieres in Bayern und im Voigtland allen Lärm, z. B. Holzspalten, möglichst vermeidet. Wie in Rom bedeutet das Erscheinen der männlichen Hausschlange im Spreewald den Tod des Vaters und der Mutter. Ja in einigen böhmischen Familien gab es ganze Schlangenfamilien, von der jedes Glied ein Glied der Hausbewohnerschaft vertrat, so daß, was einer der Schlangen geschah, auch dem entsprechenden Familiengliede widerfuhr. Mögen wir auch die beiden letzten Nachrichten den Slaven verdanken, die wie die Litthauer einen reichen Seelenschlangenkultus hatten, dieselben oder ähnliche Vorstellungen waren jedenfalls auch germanisch, z. B. nähert sich eine Schlange dem Hause, so bedeutet das nach norwegischem Glauben Glück, kriecht sie dagegen über die Straße, Unglück, wie in Rom. Wer im Bayreuthischen ein Erdhuhn oder eine Hausotter beschädigt oder sieht, muß selbigen Jahres sterben. Im innigsten Verhältnis steht dies Seelentier zum Kinde: Kinder werden wohl mit einer Schlange um den Hals geboren, wie in Rom. Die Hausschlange spielt in der Sage gern mit dem Kind des Hauses, teilt mit ihm Speise und Trank, schläft mit ihm in der Wiege und gibt ihm Gedeihen. Als aber einst das Kind, das mit ihr aus einem gemeinsamen Napf Milch und Brocken aß, sie schlug und ärgerlich rief: „Iß auch Brocken!“, da siechte es schnell dahin. Seine eigene Seele war getroffen. Die Schlange verwandelt sich also aus der Seele des lebenden und des verstorbenen Menschen zu einem Schutzgeist der Mitlebenden und der Überlebenden, zu einem Schutzgeist des Hauses. Sie wird die schützende ,Muhme‘ der ganzen Familie, wie auch das Wiesel und die Kröte. Um 1400 erzählt Nikolaus von Dinkelsbühl von der Muma, daß sie die Häuser besuche und aus offenen Gefäßen esse oder trinke, die dann die Leute alsbald wieder nachfüllten, denn sonst käme Unglück übers Haus. Mit der Muhme wird die Hausotter gemeint sein, der man ja noch viel später einen Milchnapf hinsetzte. Das Wiesel heißt gemütlich nicht nur Mühmlein, sondern in Spanien auch comadreja Gevatterin, Hebämmelein. Wie der Neugrieche die Hausschlange als „schönes Dingel“ begrüßt, so nennt der Oberbayer sein Hauswiesel „Schöntierlein oder Froie“. In andern deutschen Gegenden heißt es das Jüngferchen, bei den Griechen des Mittelalters „Bräutlein“. Obgleich es den Griechen und Römern ein bekanntes Haustier war, das etwa unsre Katze vertrat, erregte doch sein plötzliches Erscheinen bei einem außergewöhnlichen Unternehmen oder an ungewöhnlicher Stelle Furcht vor Unglück oder Tod. In Athen löste sich die Volksversammlung, in der es sich zeigte, auf; ließ es sich auf dem .Dach blicken, so war das ein böses Zeichen wie das Flämmchen auf dem Dach in Deutschland. Kommt ein Wiesel mehrmals nach einander in die Nähe derselben Wohnung, so beruft es jemand daraus ab. So gilt auch seine Vertreterin, die Katze, für einen Hausgeist. Im Aargau

„stirbt die schwarze Hauskatze ihrem Herrn vor“.

Wieseln oder schwarzen Katzen begegnen, ist im Lechrain und anderswo ein böser Angang. Bläst ein Wiesel den Menschen an, nachdem es die Springwurzel gefressen, so muß er nach Tiroler Glauben sterben. Ob die Kröten auch jenen andern Indogermanen für Seelentiere galten, ist mir nicht bekannt. Doch wagen die toskanischen Bauern eine Kröte nicht zu töten, weil so oft ein Mensch darin verwandelt ist, und in Sicilien füttert man Kröten im Hause mit Brot und Wein, weil diese „mächtigen Feen“ oder „unbegriffenen Genien“ Glück bringen. Die Germanen sahen in ihnen arme Seelen, namentlich in den Ostalpen. Aber auch im Badischen ächzt der Geist eines Wirtes als Kröte unter dem Ofen oder auch der eines Geizhalses auf dem mit ihm vergrabenen Geldsack. In Tirol darf man Kröten am Allerseelentage nicht töten, „weil arme Seelen darin sind“, wie sie denn auch an den Quatembertagen gleich armen Seelen zu Kapellen wallfahrten. Wie die römischen Laren oder Ahnengeister in Genien und sogar in Penaten Vorratsgeister übergehen, so hießen die Kröten in Schweden „bolvaetter“ Hausschutzgeister, im Aargau aber „Nahrungshunde“. Diese hielten im Keller die Lebensmittel in gutem Zustand und wurden mit Milch gepflegt. Mißhandelt bringen sie in Skandinavien Unglück und Alpdruck. Dagegen fing man sie am Lechrain wie die Wiesel im Frauendreißigst (15. Aug. bis 13. Sept.), spießte sie und opferte sie in Kirchen. „Mäusen pfeifen“ heißt „den Seelen ein Zeichen geben“. So pfiff ein schlecht behandeltes Bergmännchen Mäuse und Kinder in den Tannenberg bei Lorsch, der Hameler Rattenfänger Ratten und Kinder in den Koppelberg. Ein Windgeist pfeift den Kindern und ihren Seelen voran. Die von Hatto von Mainz in einer Scheune verbrannten Armen wimmeln als Mäuse aus dem Feuer hervor und verfolgen ihn bis zum Mäuseturm bei Bingen, wo sie ihn auffressen. Eine Mausheilige war die hl. Gertrud, die im krainischen Bauernkalender und im Gertrudenbüchlein als Spinnerin dargestellt wird, an deren Rocken Mäuse und Ratten hinauflaufen, offenbar Seelen, denn man nahm an, daß die Seelen in der ersten Nacht nach dem Tode bei dieser Heiligen herbergten. Der Sinn dieses Tiermythus ist jetzt klar. Auf ihrer Suche nach Seelenbildern stellte die Phantasie einen überraschenden Zusammenhang zwischen Tier und Mensch, einem kleinen Haustier und dem Edelsten, was er hat, seiner Seele her. Schon von den Indogermanen wurden jene der menschlichen Wohnung anhänglichen Erdtiere als Seelen der Toten des Hauses gedacht. Sie gehörten zum Ingesinde als einflußreiche Ahnengeister, mit deren Wohl  und Wehe das der Nachlebenden auf das innigste verknüpft war. Daher die freundliche Pflege und die Furcht, sie zu verletzen oder gar zu töten. So erhob sich das Tierlein mehr und mehr zum Heros, Genius, Schutzgeist der Person und des Hauses. Aus dieser und ähnlichen Seelenvorstellungen erwuchs der namentlich im Norden so reich ausgebildete Glaube an die Folge- und Schutzgeister (siehe unten). Aber die Verwandlungsfähigkeit der Seele ist eine viel mannigfaltigere. Mochte sich der gemeine Mann mit einem Weiterleben als Haustierchen begnügen, so verlangte die Seele des Vornehmen für ihr öffentliches Auftreten vornehmere Tierformen. In Griechenland zeigte sich der wieder erwartete Ahnherr, der Heros, hier und dort in Wolfsgestalt, in eben dieser oder in Bärengestalt die Fylgja oder der Schutzgeist tapferer Nordleute. Während der kühne Bjarki noch schlummert, kämpft seine Fylgja schon vor seinem Zelte draußen in der Schlacht als Bär, um zu verschwinden, sobald er auf gewacht heraustritt. Die Traumseelen in Tierform schweben dann auch in die Träume Anderer, in denen das Schicksal ahnungsvoll auf steigt. Kriemhild träumt von ihrem Falken (Siegfried), daß ihn zwei Adler erkrallten (Hagen und Günther), und ähnlich sieht im Anfang der Gunnlaugssaga der träumende Thorstein auf dem Hausfirst einen schönen Schwan (Helga) sitzen, um den zwei Adler (Gunnlaug und Hrafn) kämpfen, bis sie beide im Streit tot herabfallen. Mit einem Falken aber (ihm selber) flieht endlich der Schwan davon. Öfter stürzen im Traum Scharen von Wölfen und Eisbären heran, welche Landesfeinde bedeuten. Andere Verstorbene nehmen je nach ihrem Charakter oder ihrer Lebenslage diese oder jene größere Tierform an. Den Bewohnern der Färöer und Rügens sind die ins Wasser sich werfenden rundköpfigen Seehunde Menschen, die sich ertränkt haben. Auf den Färöern kriechen sie in der Epiphaniasnacht mit ihren Menschenleibern aus dem Balg, um sich mit Tanz und Spiel in den Klippenhöhlen zu ergötzen. Nach dänischem Glauben legt der Seehund jeden neunten Tag seine Haut ab und wird ein Mensch. Auf der Tiroler Alm müssen Hirten, die ihr Vieh mißhandelten, nach ihrem Tode als Stiere, Säue, Hunde umgehen. Beim weinreichen Dorfe Oberflachs poltert das Gespenst eines unredlichen Trottenmeisters, das Trottentier, im Hause herum. Und viele Dorftiere, die abends in der Nähe der Dörfer dem Wandrer aufhocken und ihn irreführen in Kälber-, Hunde- und Schweinegestalt, sind die Seelen von Übeltätern, haben aber oft den Charakter von Wettergeistern. Auch lebendige Menschen können sich in Tiere verwandeln durch Zauberei. Die Königstöchter des eddischen Wielandsliedes machen sich zu Schwanjungfrauen, und der Iarl Franmar in dem einen Helgeliede nimmt Adlersgestalt an. Die bekannteste und schlimmste Tierform aber ist der Wolf. Er heißt althochdeutsch Weriwolf, bei Berthold von Regensburg werwolf, in England im Norden vargulfr (Verbrecherwolf), varulf. Noch heute sprechen wir vom Werwolf. Man schwankt, ob man den Werwolf als Mannwolf aus ags. ahd. Mann oder als Kleidwolf, Wolfsfellbekleideten aus ags. were, ahd. weri erklären soll. Für die erste Deutung spricht der griechische Werwolfsname: lykanthropos, Wolfsmensch, der bretonische denbleiz Mannwolf und vor allem der inselschwedische folkwarg Menschenwolf, ja auch der entlegenere, aber in seinem Wesen gleichartige indische „Menschentiger“. Die zweite Deutung empfehlen die altnordischen Ausdrücke ulfshamr Wolfskleid als Hülle des vargulfr und ulfhedinn wolfsbekleidet, das im ahd. Eigennamen Wolfhetan wiederkehrt. Auch der westfälisch-hessische Werwolfsname Böxenwolf d. h. Hosenwolf, wohl ein Wolf, der eigentlich Hosen trägt, spricht dafür. In Italien galt das allgemeine Wort Versipellis der Fell Wechsler, altnordisch hamrammr, der sein Kleid, sein Äußeres zu wechseln vermag. Das erste Zeugnis für Deutschland bringt Bonifacius im 8. Jahrhundert bei, wo er in einem Sermon verbietet, an Hexen und „ficti lupi“ d. h. fingierte Wölfe zu glauben; ausführlicher bekämpft Burkhard von Worms, wie es scheint, denselben Glauben an die sogenannten Parzen oder drei Schwestern, die einem Neugeborenen die Gabe verleihen könnten, sich jederzeit in einen Werwolf zu verwandeln. In einigen Familien galt diese Eigenschaft für erblich: ein gewisser Ulfhedinn hat einen Vater Ulfhamr und vielleicht noch einen Großvater Ulfhamr. Aber die nordische Sage von jenem geschilderten, selber so werwölfisch gesinnten größten Skalden, Egil Skallagrimsson, verbreitet noch mehr Licht über die unheimliche Art eines solchen Tiermenschen. Es ist des Dichters eigener Großvater Ulf, der vom ersten Morgengrauen an seine Wirtschaft mit kluger Tatkraft fördert und unablässig seine Knechte zur Arbeit antreibt. Abends aber kann ihn niemand zum Sprechen bringen, er wird in sich gekehrt und schlaftrunken. Nun zeigt er sich im Dunkel seines einsamen Lagers als hamrammr, er nimmt eine andere Gestalt an. Sein Arbeitsdrang erwacht von neuem, schlägt aber nun eine andre, furchtbare Richtung ein. Als Wolf fällt er mit unwiderstehlicher Stärke und Wildheit die Menschen draußen in der Nacht an. Ist die Wut gewichen, so liegt er andern Morgens tief erschöpft im Bette. Man nannte ihn von dieser abendlichen Vertierung Kveldülfr den Abendwolf. In der Wölsungensage legen zwei mit dicken Goldringen versehene Männer auf neun Tage Wolfsfelle an, um aus ihnen am 10. Tage herauszuschlüpfen und sie vor dem Schlaf an die Wand zu hängen. So finden Sigurds Vater Sigmund und Stiefbruder Sinfjötli diese Felle, ziehen sie über und fahren dann unter Geheul im Walde umher,

„mit Wölfen schwelgend und mit eisigem Atem Wunden saugend“.

Statt neun Tage muß der Werwolfsmensch nach pommerschen Sagen drei, sieben oder neun Jahre im Wolfsleib beharren. Sieben Jahre dauert diese Verwandlung in der Normandie, in Irland und Armenien. Nach deutschem Werwolfsglauben, der noch immer nicht im Norden und Osten (Hinterpommem), auch da, wo längst die Wölfe ausgestorben sind, erloschen ist, müssen namentlich die in den Zwölfnächten, zwischen Weihnacht und dem heiligen Dreikönigstage, geborenen Kinder Werwölfe werden. Die Kunst der Werwolfsverwandlung können auch, wie uns Burkhard von Worms soeben gelehrt hat, die Schicksalsweiber den Neugeborenen geben. Nach deutschem Aberglauben wird der siebente Sohn eines Ehepaares ein Werwolf, nach dänischem bringt die Frau, die sich behufs leichter Geburt eines Zaubers bedient, Knaben zur Welt, welche Werwölfe, oder Mädchen, welche Nachtmahren werden. Kenntlich im Norden sind die Menschen, die sich in Werwölfe verwandeln, an zusammengewachsenen Augenbrauen. Zum Werwolf kann sich derjenige selber machen, der einen aus Wolfsleder oder Menschenhaut verfertigten Wolfsgürtel um den Leib schnallt. Er geht nachts aus, um Menschen zu zerfleischen und Vieh zu verschlingen, der Böxenwolf springt den Leuten auf den Rücken. Die Nennung seines Taufnamens, oder ein Wurf von Stahl und Eisen über ihn weg, westfäl. Blankmaken genannt, oder eine gegen ihn gerichtete Degenspitze oder eine Verwundung entzaubert ihn. Doch wirkt die Verletzung oft nicht sofort, aber sie verrät ihn dann später, indem auch der wieder Mensch gewordene Körper an der entsprechenden Stelle die Wunde trägt. Eine Wolfsfalle, in die man drei Kreuze vom Holz von einem Osterfeuer steckt, fängt ihn. Verfolgt wird er wohl schon wieder zwar als Mensch im Bette angetroffen, aber noch hängt der Wolfsschwanz heraus. In Schleswigholstein galt er auch wohl als „gefroren“ d. h. unverwundbar. Im 16. Jahrhundert bis ins 17. hinein blühten die Werwolfsprozesse namentlich in Nord- und Mittelfrankreich, aber auch in Deutschland. Noch 1589 wurde in Köln Peter Stube, der Werwolf von Epprath, hingerichtet, weil er bekannte, in Wolfsgestalt 13 Kinder zerrissen und ihnen das Gehirn aus dem Kopf gefressen zu haben. 1610 wurden in Lüttich zwei Werwölfe wegen gleicher Untaten hingerichtet. Dieser allen europäischen Indogermanen und auch den indogermanischen Armeniern gemeinsame, dagegen bei den Persern und Indern nicht nachweisbare Glaube reicht hoch über die ältesten germanischen Zeugnisse in die Vorzeit hinauf. Schon das alte Griechenland kannte die Werwolfskrankheit, sie spielt schon in die Sage von dem altertümlichen Kultus des Zeus Lykaios hinein. Wer diesem Gotte auf dem hohen arkadischen Berge Lykaion ein Kind opferte, wurde zur Strafe in einen Wolf verwandelt. Enthielt er sich aber neun Jahre des Menschenfleisches, so nahm er im zehnten wieder Menschengestalt an, was an die neuntägige, beziehungsweise neunjährige Werwolfszeit bei den Germanen erinnert. Ferner stimmt zum deutschen Glauben, daß der neugriechische struppige, krallenbewehrte Kalikant-sare oder Werwolf, der wie der westfälische Böxenwolf jedem Begegnenden aufhockt und das Gesicht zerfleischt, ebenfalls in den Zwölfnächten geboren wird. Diese Zeit ist auch seine eigentliche Raubzeit, wie die der livländischen und polnischen Werwölfe. Während der russischen und rusinischen Weihnachtsfeier rennen in Wolfspelze Vermummte umher und peinigen in Haus und Hof, wen sie erhaschen, und auch in Deutschland gab es Leute, die sich in der Weihnachtszeit in Wölfe verwandelten. Der germanische Norden brachte noch eine eigentümliche Abart dieser halb wirklichen, halb eingebildeten Ver-tierung des Menschen hervor, den Berserkergang d. h. die Berserkerwut. Die Vertierung nahm nämlich in der Wikingerzeit, in der so viele Nordleute ihre Sache auf Raub und Mord und Krieg stellten, einen militärischen Charakter an. Die Berserker d. h. Bärenkleider waren Soldaten, die statt des Panzers ein Bärenfell trugen. Angesichts des Feindes überkam sie eine unsinnige Kampfeswut, die ihnen ungewöhnliche Stärke und außerdem Empfindungslosigkeit gegen allen Schmerz verlieh. Sie scheuten weder Eisen, noch Feuer, zerbissen den Rand ihrer Schilde, stürzten sich mit geschwungenen Schwertern gleich Wölfen heulend in die Schlacht und hieben, was ihnen in den Weg kam, Menschen oder Bäume, nieder. Nach einem solchen Ausbruch fielen sie, wie nach einer schweren Krankheit, in tiefe Erschöpfung. Wie aus dem Krieg, machten sie aus dieser Wut ein Gewerbe und verdangen sich bandenweise dem Könige, der am meisten bot. Die zwölf Berserker des sagenhaften Dänenkönigs Hrolf Kraki kämpften bald an der sächsischen Grenze, bald auf dem Eise des schwedischen Waenersees. Noch Harald Schönhaar um 900 hatte Berserker, die über ihren Panzern Wolfspelze trugen, in seinem Dienst, und sein Skalde Thorbjöm Hornklofi feierte diese brüllenden Helden samt dem Hofnarren und dem Lieblingshunde des Königs. Aber obgleich sie sich oft als Schützlinge Odins ausgaben, wurden sie von den übrigen „Kämpen“ mit Mißgunst oder gar mit Verachtung angesehen. So verrauchte die alte wilde Leidenschaft in einer anmaßlichen gewinnsüchtigen Schauspielerei, und was einst vielleicht mehr eine Plage der Ergriffenen gewesen war, wurde nun zu einer schlimmeren Plage ordentlicher Leute. Darum straften die Isländer mit Recht den Berserkergang mit Friedloslegung, wenn aucht nicht mit völliger. Deute ich eine Stelle im Paulus Diakonus 1, 11 richtig, so hätten Südgermanen schon Jahrhunderte vor der nordischen Wikingerzeit solche Krieger gekannt. Als nämlich die Langobarden auf ihrer Wanderung nach Süden auf die Assipiter stießen und die große Zahl dieser ihrer Feinde und ihre eigne geringe sahen, da sprengten sie listig aus, sie führten Hundsköpfe im Lager bei sich d. h. ungeheure Menschen mit Hundsköpfen, die nach Menschenblut dürsteten und, wenn sie keinen Feind erreichen könnten, ihr eigenes tränken. Der aus der gelehrten Literatur des Plinius und Solinus bekannte Name der Kynokephalen, eines fabelhaften hundsköpfigen Volkes, ist an die Stelle der in Wolfs- oder Bärenfell gekleideten langobardischen Vorkämpfer getreten. Im bayrischen oder Tiroler Raufer, der, wenn er keinen Gegner findet, wie ein Stier den Rasen ausrauft, lebt die alte Kampfeswut fort. Auf diese Nachtseiten menschlichen Geisteslebens fällt vom Seelenglauben her einiges Licht. Denn der eingebildete Wechsel der Hülle oder des Überwurfs, das alt nordische „hamskiptast“, woran das deutsche „Ausderhautfahren“ anklingt, deckt sich im wesentlichen mit der griechischen Ekstasis, dem Austritt nämlich der Seele aus dem Körper. Verläßt die Seele diesen im Tode dauernd, im Traume oder auch in der Ohnmacht vorübergehend, so macht sie sich auch in der Verzückung frei von ihm oder wird vielmehr seine Herrin. Sie reißt ihn mit sich in ihr neues fremdartiges Treiben hinüber. Der tief eingewurzelte Wahn, daß bei Tod und Traum die Seele eines kampflustigen Mannes als Kampftier, Wolf oder Bär, zum Vorschein komme, mochte im aufregenden Dunkel des Abends einen ruhelos tätigen Mann dazu aufstacheln, sich selber in ein solches Tier verwandelt zu fühlen. Er mochte seinen Sinnen und Gliedern eine melancholische Wildheit aufzwängen, wie sie den Wolf zu erfüllen schien, wenn er in der Stille der Nacht einsam die Herde würgte. Von demselben Wahn beherrscht konnten Leute das nächtliche Treiben ihres rücksichtlos rührigen Herrn leicht nach dieser Richtung hin deuten und seine etwaigen Erzählungen für wahr halten. Bis wie weit die Wirklichkeit dem Glauben entsprach? Man behauptet, den Werwolf könne man morgens mit bleichem Gesicht und Blut im Bart heimkehren sehen. Hieß doch auch der Verbannte, der wegen Friedensbruchs aus der menschlichen Gesellschaft Gestoßene, schon bei den Goten und den salischen Franken ein Warg, ein Wolf, oder ein Waldgänger, der im dunklen Wald ein Wolfsleben führte, ein Wolfshaupt, ags. wulfes heäfod, trug und überall auch im Heiligtum als „vargr i veum“, Wolf im Tempel, gehetzt wurde, gehetzt, so weit der Himmel sich wölbt und Menschen wohnen. Denn Bär und Wolf sind nach dem altnordischen Gesetz, wie nach dem Sachsenspiegel überall, selbst im Bannforst, friedlos. Die Werwölfe trieben in der dunkelsten Zeit des Jahres, in den Zwölf nächten, ihr Unwesen oder waren in dieser Zeit geboren. Legt ein Werwolf am 9. Tage oder auch erst im 3., 7. oder 9. Jahre sein Fell ab, so hängt das wieder mit dem Seelenglauben zusammen. Soeben ist mit geteilt worden, daß der in einen Seehund verwandelte Ertrunkene jeden neunten Tag seine Haut abstreife, um wieder Mensch zu werden, und überhaupt pflegt der Verstorbene, insbesondere der vorzeitig Verstorbene, am neunten Tag nach seinem Tode in Deutschland wie in Altgriechenland wiederzuerscheinen, wann nämlich die Zeit der ersten Versöhnungsopfer für die Toten abläuft. In Pommern heißen solche Wiedergänger Neuntöter, weil ihr werwölfisches Treiben neun Jahre dauert, ein Zeitraum, den in Griechenland die Selbstverbannung, das Wolfsleben, nach einem Morde erheischte. Ja der aus dem Grab gestiegene Wiedergänger geht mm geradezu als Werwolf um, wie im Jahre 1685 der verstorbne Bürgermeister von Ansbach. Die umgehende Leiche also nimmt nun wirklich die Gestalt des zauberisch verwandelten lebenden Menschen an. In Pommern namentlich werden nicht zur Rechenschaft gezogene Verbrecher nach ihrem Tode Werwölfe, die sich von Menschenfleisch nähren, sowie in der Normandie die Leichen Verdammter in Werwolfsgestalt Sarg und Hügel durchbrechen. Der englische König Johann ohne Land soll nach seinem Tode ebenfalls als Werwolf umgegangen sein. Wenn nun außerdem in Danziger Sagen dieser Gräberwerwolf zum Vampyr wird, so erkennt man wiederum, in wie alten Geleisen dieser düstre Glaube fährt. Denn der griechische Heros kehrt auch in Wolfsgestalt wieder und verübt Vampyrtaten. Auffallend erzählt die inselschwedische Sage, daß die Wölfe die Wiedergänger zerreißen, wo sie dieselben nur finden. Als ob sie in ihnen Nebenbuhler witterten. Die Berserkerwut aber gleicht mehr jener Ekstase der Bacchantinnen, die in der nächtlichen Feier des thrakischen Gottes Dionysos durch heftige Wirbeltänze zur Raserei gesteigert wurde. Mit geschwungnen Dolchen oder Thyrsosstäben, Schlangen würgend und zerreißend, trugen sie Feuer auf ihrem Lockenhaupt, ohne dessen Brand oder eine andere Wunde zu empfinden, und zerrissen mit ihren Zähnen das blutige Fleisch der Opfertiere, bis auch sie erschöpft zusammenbrachen. Hier haben wir die weibliche, griechische, dort die männliche, nordische Form der Ekstase; der wilde Tanz ist hier, der wilde Kampf dort die Triebfeder der Raserei. Von dieser Episode aus dem Seelentaumel Lebendiger rufen uns nun die Seelen der Toten wieder zu sich zurück. Denn außer dem Reiche der Lüfte und dem der Tiere sucht die Seele sich auch noch die gleichsam mitteninne liegende Pflanzenwelt dienstbar zu machen, diese jedoch nur mit halbem Erfolg. Die Bäume und Büsche, die um die Wohnung wuchsen, gehörten zwar auch, fast wie die Haus- und die besprochenen Seelentiere, mit zur Familie. Aber auf einen Fleck gebannt, zeigten sie doch kein ausreichendes Maß der Lebendigkeit, daß auch sie für wirkliche, vollgiltige Seelenverkörperungen gelten konnten. Um so besser eignete sich ihr dichtes, bald stummes, bald leise flüsterndes oder laut rauschendes Laub zum Aufenthalt der Seelen, namentlich solcher Verstorbener, die von ihrer heimlichen grünen Warte herab das Wohl der hinterbliebenen Ihrigen wachsam behüteten. Am längsten hat sich diese gewiss einst gemeingermanische Vorstellung im schwedisch-norwegischen Värd-oder Boträd Wacht- oder Hausbaum erhalten. Wir erinnern uns des Word, wie er als Schlange oder auch als Licht oder als des Menschen Scheinbild, also immer als Seele, sich offenbart, und der Boträd wird auch geradezu der Baum der Tomtegubber, der Gehöftsahnen, genannt, die im altschwedischen ,Seelentrost‘ sogar (tadelnd) Tomtegudha d. h. Gehöftsgötter heißen. Ein solcher Baum wurde durch Opfer und Gebet geehrt und von Schwangeren in ihrer Not umklammert, nicht weil er selber eine Seele oder ein Gott, sondern weil er der Sitz einer Ahnenseele, eines Schutzgeistes des Hauses, war. Darum leiteten manche schwedische Familien von einem solchen Baum ihren Namen ab, unter andern von einer dreistämmigen Hoflinde die drei Familien Lindelius, Tiliander (d. i. Lindemann) und die weltberühmte des Linnaeus oder Linn6. Aber der Glaube an eine eigentliche Verwandlung der Seele in einen Baum oder eine Blume, den Koberstein für altindogermanisch hält, scheint ein später zarter Seitenschößling des markigen Wiedergängerglaubens zu sein. Hin und wieder hört man z. B. von drei verfluchten und vom Blitz erschlagenen Jungfern, deren Seelen in drei große Bäume fuhren. Nach vielen Volksliedern und Ortssagen sprießen die Seelen Ermordeter oder unschuldig Gerichteter oder jung gestorbener Liebender aus dem Grabe oder dem hinströmenden Blut als weiße Lilien, rote Rosen, Myrthen und Epheu, ja als Eichen und Ebereschen hervor. Ruhen zwei Liebende darunter, so neigen und verzweigen sich die Gewächse, ,wär’n gern einander nah‘. In der englischen Ballade von Margret und William klettern die Rosenranken aus ihrer Brust sogar bis zur Turmspitze der Kirche, in der sie begraben liegen, empor und verschlingen sich hier in einen Liebesknoten.

„Das Gemüt vermag es nicht zu tragen, daß zwei jugendliche Wesen, deren Dasein soeben eines in dem andern erst erfüllt und vollendet werden sollte, so auf einmal auseinandergerissen oder beide zugleich der Zeitlichkeit entrückt sein könnten. Es ruft die Phantasie zu Hilfe, daß sie aus dem Tode ein neues Leben hervorgehen lasse, in dem sich das alte fortsetze, an das sich das Gemüt sinnlich halten, das es anschauen könne“.

Man könnte auch in den Grabesblumen gewaltsam oder unschuldig Getöteter ununterdrück-bare Zeugen der Unschuld sehen, die das von einer späteren Naturauffassung Tieren und Pflanzen beigelegte Mitgefühl unwiderstehlich aus der Unglücksstätte hervorgetrieben hätte. So wächst denn auch hinwiederum an solchem Ort kein Gras, und eine Fichte bleibt dort stets klein und dürr. Trostlose Trauer hängt darüber wie eine ewige Strafe. Aus dem Munde eines in der Schlacht gefallenen Königs wächst eine hohe Eiche, aus dem Grabe eines Selbstmörders ein Dornbusch oder eine Distel. Unter den alten Hagebuttensträuchem der nordfriesischen Gräber hausen Wiedergänger. Alle bisher besprochenen Seelenformen überbot an tiefer Gemütswirkung und poetischer Triebkraft weitaus die Erscheinung der Seele in Menschengestalt. Aus dem Traumbild oder auch dem wachen Phantasiebild, wie es im gram oder schreckerschütterten Gemüte der Überlebenden nach dem Tode eines verehrten, geliebten oder eines gefürchteten, gehaßten Angehörigen aufzusteigen pflegt, wurde ein mit voller Lebensgröße des Verstorbenen ausgestatteter Geist. Zuweilen schwebt er nur als ein Schatten vorüber wie der Geist von Hamlets Vater. Öfter aber ist der Wiederkehrende von Grabesdunst umwittert, entstellt oder verklärt, abgeblaßt oder gedunkelt, zuweilen ins Riesenhafte ausgereckt. Bald schwebt er still und flüchtig herbei, bald tritt er mit festem Fleisch und Bein in seiner leibhaftigen Gebärde und mit seiner Gemütsart mitten unter die Menschen, namentlich nach nordischer Sage mit übermenschlicher Höllenkraft ausgerüstet. In ihm, dem meist furchtbaren Heimsucher, aber auch wohl dem Helfer und Tröster der Überlebenden, dem phantastischen Wiedergänger, hat der Seelenmythus seinen höchsten, gleichsam klassischen Typus geschaffen und zugleich eins der wertvollsten Zeugnisse urältester Menschenkunde hinterlassen. Der an die Elemente, Tiere und Pflanzen geknüpfte Seelenglaube hatte entweder einen unbestimmten oder doch einen überwiegend ruhigen idyllischen Charakter, der Wiedergängerglaube legt wie kaum ein andrer das innerste Wurzelwerk der ältesten menschlichen Seele bloß. Aus ihm strömt eine leichenduftige und doch zum Leben drängende Poesie hervor, welche die ganze Tonleiter menschlicher Gefühle von der jämmerlichsten Gespensterangst durch die heißesten Gewissensqualen und die ergreifendsten Muttersorgen hindurch bis zu dem andachtsvollen Schauer durchläuft, den auch wir vor einer überirdischen Geistermacht empfinden. Der Ursprung dieses wilden, lebenssehnsüchtigen Glaubens, der doch auch ausnahmsweise so innig und zart sein kann, liegt in jener fernen Steinzeit, wo man die Toten, ihre ganzen Leiber, begrub, nicht in der späteren Zeit des Leichenbrandes, der nur ein paar Knochen in einem Häufchen Asche zurückließ. Er liegt in jener Zeit roher Gewalttat, Blutrache und Selbsthilfe, in der der Mörder nach seiner Untat zwar Gewissensangst nicht empfinden mochte, wohl aber das verwandte unbezwingbare Gefühl, daß der Gemordete ein Recht auf Vergeltung habe und zuraal, wenn dieser keine rächenden Erben besaß, als Ungesühnter sich selber zu blutiger Sühne erheben müsse. Denn seine ergrimmte Seele lebte und vermochte den begrabenen Leib zu vorübergehendem Nachleben mit sich fortzureißen, wie die Werwolfsseele den lebendigen in die ihr entsprechende Gestalt zwang. Aber nicht nur Ermordete kamen wieder, sondern alle, die im Leben oder im Tode nicht ihr Recht bekommen hatten, die, vor der Zeit gestorben, vom Leben nicht lassen wollten, oder die ungenügend bestattet waren. Wiederum liegt uns in der Wiederkehr solcher Toten ein indogermanisches Glaubensstück vor. Schon im alten Indien plagten Wiedergänger ihre Hinterbliebenen und fuhren die Seelen ungeborener Kinder als Blutsauger um. Die Preta d. h. die Hingegangenen irrten zunächst hungernd auf Erden umher, bis sie durch ein besonderes Opfer zu den Pitaras oder Ahnen ins Jenseits geführt waren. Die Pitaras aber schützten oder straften ihre Nachkommen, je nachdem sie geehrt oder vernachlässigt wurden. Ein aus Kummer über die Untreue seiner Frau gestorbener Mann kommt jede Nacht, sie zu peinigen. Doch man verwarf den Glauben, daß Hausväter nach ihrem Tode als Dämonen ihre Gräber auf suchten. Für das Kastenwesen ist dieser alte Glaube verwertet, wenn im Mahabharata die Brahmanenhasser nach dem Tode zu Unholden werden. — Die Perser dachten offenbar ähnlich. Denn Xenophon scheint ihren Glauben richtig aufgefaßt zu haben, wenn er den sterbenden König Kyros daran erinnern läßt, daß die Seelen derer, die Unrecht erlitten, den Mördern Schrecken einflößten. In Griechenland spielte der Glaube an die Wiederkehr der Toten in verschiedenen Farben. In der Ilias fleht die Seele des Patroklos, in Euripides’ Hekuba der Schatten des ermordeten Polydoros um Bestattung, beide, weil sie Ruhe finden möchten. Nach Hesiod werden die Menschen des ältesten, goldenen Geschlechts nach ihrem Tode Dämonen auf der Erde, Wächter der Menschen, die ,in Nebel gehüllt‘ d. h. unsichtbar Recht und Unrecht beobachten. Plato gab, wenn er auch etwas von seiner Philosophie hineinvernünftelte, doch deutlicher den volkstümlichen Grund der Unruhe gewisser Toten an. Seelen, die ihre Sinnlichkeit nicht ablegen, meint er, umschweben längere Zeit ihre Gräber, da die sinnliche Leidenschaft die Seele wie mit einem Nagel an den Körper hefte und sie selber fast körperlich mache. Der Gemeinglaube aber kannte zwei große Klassen von Wiedergängem, nämlich die Aoroi, die vor der Zeit Gestorbenen, und die nach dem Tode Vernachlässigten. Zu jenen gehören die eines gewaltsamen Todes, sowie die kinderlos oder unverheiratet Gestorbenen, zu diesen die Unbestatteten, auch die ohne die gebührlichen Totenopfer Gelassenen. Was ihnen lebend oder tot entzogen wurde, suchen ihre Seelen einzubringen, indem sie entweder einzeln als rachgierige Irrgeister Alastores umgehen oder scharenweise im Heer der Hekate beängstigend einherziehen. Namentlich die Heroen mit ihrem reizbaren Ehrgefühl machen gefürchtete Angriffe auf ihre Beleidiger. Sie quälen mit vampyrartigem Alpdruck, stürzen ganze Familien ins Verderben, erwürgen jeden, der ihnen begegnet, und verhängen sogar über weite Landschaften Dürre und Seuche. Darum spielen sie im Zauberwesen einst wie heute eine bedeutsame Rolle. Aus dem Grabe trieb es noch die widerwillig zum Christentum bekehrte „Braut von Korinth“, den ihr genommenen heidnischen Bräutigam zu umarmen und seines Herzens Blut zu saugen. Der neue Glaube vermochte nicht diesen mächtigen Zug nach Vergeltung und Befriedigung zu ersticken : die Manes, die Ahnen, auch noch christlicher Römer wurden durch Rachsucht oder Mitleid auf die Oberwelt zurückgeführt. Bei allen Germanen hieß oder heißt dieses Wesen der Wiedergänger, französisch reve, oder allgemeiner Gespenst, Draugr, Trugbild, mundartlich , Nachsehr er, Neuntöter. Sein Tun ist der Wiedergang, der Nachspuk, das Umgehen. Groß ist die Schar der germanischen Wiedergänger: Ermordete, Ertrunkene, Verhungerte, Liebende, Kindbetterinnen und diejenigen, die in ihrer Sterbestunde nicht den Beistand ihrer Söhne oder nicht ein ehrliches Begräbnis gefunden haben; aber auch solche, denen noch im erkalteten Herzen der Gedanke an ihre Untat oder auch die Sorge um Hab und Gut brennt, oder denen ein Gelübde oder auch die Lust am Saus und Braus der Jagd keine Ruhe läßt, oder Kinder, die hilflos oder, wie man später sagte, ungetauft dahingerafft sind. Nach diesen ihren verschiedenen wirklichen Schicksalen gestaltete sich das Nachschicksal, das Schein- und Trugleben des Wiedergängers, das ihn rächen, sühnen, trösten, befriedigen, schadlos halten soll, sehr verschieden. Und so bekommt jeder dieser so schroff abgerissenen Lebensläufe ein meist unheimliches, zuweilen aber unsäglich rührendes Nachspiel; der schrille Schlußakkord ihres Lebens klingt noch einmal dumpf wider. Die ältesten Wiedergänger scheinen die Seelen von Ermordeten und Mördern gewesen zu sein, von denen der eine den andern zum Bruch der Grabesruhe aufregt. Schon die bloße Nähe des Mörders, des „Mortmeilen“, macht das starre Blut des auf der Bahre liegenden Erschlagenen fließen. Als Hagen an Siegfrieds Bahre trat, „flössen die Wunden sehr“. Als Richard Löwenherz sich der Leiche seines königlichen Vaters näherte, da brach aus dessen Nase das Blut hervor, als ob es zu Gott über den schreien wollte, der für die Ursache seines Todes gehalten wurde. Im Jahr 1503 troff das Blut einer aufgegrabenen Baslerin durch die Bahre, als ihr Mann ihre Ermordung abschwören wollte. Der schon indische Glaube an dieses in Mitteleuropa freilich erst in den französischen Artusromanen des 12. Jahrhunderts bezeugte Bahrgericht scheint im badischen Volke selbst heute noch nicht ganz erloschen. — Ermordete und andere Verunglückte müssen nach ostdeutschem Glauben so lange umgehen, als sie noch hätten leben können. Nach altnordischem Gesetz begrub man mit Tod gestrafte Verbrecher auf der Flutgrenze, als ob das wiederkehrende Wasser seine Wiederkehr hindern solle. Die Bedeckung, das Hüllen „hylja“ der Leiche, wurde später im Norden gesetzliche Pflicht eines jeden, der den Leichnam fand; sogar der Mörder hatte sie an seinem erschlagenen Gegner zu erfüllen. Unterließ er sie, so wurde er eben deswegen geächtet und fühlte sich selber der Rache des wiederkehrenden Gemordeten mm aus doppeltem Grunde preisgegeben. Nach dem angelsächsischen Gesetz soll der Mörder dem Getöteten nichts nehmen, sondern ihn auf den Schild legen, das Haupt nach Westen, die Füße nach Osten gerichtet. Mit solcher Strenge wahrte das bajuwarische Volksrecht die Unverletzlichkeit der Toten, daß selbst derjenige, der beim Wegschießen der Aasvögel die Leiche mit dem Pfeil verwundete, in Todesstrafe verfiel. — Unter den Mördern sind vorzugsweise die Selbstmörder zur Wiederkehr geneigt; sie müssen fort und fort nach dem Ort ihrer Entleibung hinwandeln, der für so unheimlich gilt, daß man dort nicht ruhig sterben kann. Nach altschwedischem Gesetz sind sie zu verbrennen, damit sie nicht nach ihrem Tode andres ehrliches Volk heimsuchen. Geschwächt kommt der Wiederkehrsgedanke zu neuerem Ausdruck, wenn die Hand des Vatermörders, ja des Kindes, das nach den Eltern geschlagen hat, sowie die des Meineidigen, Diebes, Baumfrevlers sich aus dem Grab emporstreckt. — Ertrunkene wollen ihr Teil am Totenmahl: so tritt der ertrunkene Isländer Thorodd noch naß mit seinen Unglücksgefährten neun Tage nach seinem Untergang in die Halle, wo man bereits zu seinem Totengedächtnis das Erbbier trinkt. So behält auch in Schwaben das Wasser den Ertrunkenen neun Tage, um ihn dann wieder auszuwerfen. In Steiermark wandelt der Ertrunkene so lange in der Nähe seiner Unglücksstätte, bis er einen verlockt hat, ebenfalls zu ertrinken. — Furchtbar rächen sich die nicht gebührlich Bestatteten. Nach der altisländischen Eyrbyggjasaga schieden eines Abends der herrische Thorolf und sein Sohn in Groll von einander. Heimgekommen setzte sich der Alte in seinen Stuhl, sagte nichts, aß nichts; seine Leute gingen schlafen. Als sie andern Morgens wieder eintraten, sitzt Thorolf noch immer da — tot! Als der herbeigerufene Sohn bemerkt, wie das Gesinde über den auf dem Antlitz des Toten lagernden Unmut erschrocken ist, nähert er sich dem Stuhle von hinten, zieht den schweren Greis rückwärts auf seine Schultern und schlägt seinen Mantel um dessen unversöhntes Haupt. Darauf läßt er die Wand durchbrechen, und durch das Loch, das dann wieder geschlossen wird, schleift er ihn ins Freie. Wozu das alles? Zu der germanischen Totenbesorgung, den nordischen „näbjargir Totenhilfen“, wie zu den griechischen gehörte es, gleich nach dem Eintritt des Todes dem Verstorbenen die Augen zuzudrücken, wie es scheint, damit nicht der unheimlich gebrochene Blick als „böser Blick“ Unheil stifte. In Deutschland belegte man noch dazu Augen und Mund mit einem Sternchen oder Geldstück, das ursprünglich ebensowenig wie die griechische Beigabe des Naulon oder Fährgelds für einen unterirdischen Fergen bestimmt, sondern eine Geldabfindung für den Toten war. Dem gefürchteten Verstorbenen zog man in anderen altnordischen Sagen auch eine Haut über den Kopf. Ähnlich wie den Thorolf im Norden, schleifte man in Deutschland einen toten Missetäter unter der Schwelle hindurch, damit er den Heimweg nicht fände, ja noch heute wird hie und da aus demselben Grunde die Leiche nicht durch die Türe, sondern durch das Fenster hinausgebracht. Aus Furcht vor der Wiederkehr bricht man auch im fernen Indonesien eine Öffnung durch die Mauer. Aber den vernachlässigten Thorolf bezwangen alle solche Vorsichtsmaßregeln nicht; nach Sonnenuntergang tobte er furchtbar unter Mensch und Vieh und verwüstete selbst den Acker, bis er umgebettet und sein neues Grab hoch umzäunt wurde. Viele brechen ihren eigenen Grabesfrieden aus unstillbarer Kampfbegier, Waidlust, Habgier und aus Geiz. Gleich den marathonischen Kämpfern erheben sich die Gefallenen der katalaunischen Schlacht zu neuem Waffengange. Hilde, Högnis Tochter, weckt auf der Insel Haey durch Zauber die samt ihren Waffen zu Stein gewordenen Erschlagenen wieder auf, und so sollen sie immer wieder kämpfen bis zur Götterdämmerung. Nach einer deutschen Sage sprangen einmal Tote aus den Gräbern den Ihrigen bei, als diese schon unterliegen wollten. Leidenschaftliche Jäger, später namentlich solche, die ruchlos den Feiertagsfrieden nicht geachtet haben, gesellen sich als Wiedergänger der wilden Jagd bei. Leidenschaftliche Hauswirte kommen wieder. Der Isländer Vigahrapp ließ sich dicht unter der Küchentür stehend begraben, um von dort aus nach seinem Tode die Wirtschaft bequemer überwachen zu können. Weil ihm aber die Knechte nicht genügten, quälte und tötete er sie voll Zorns, ja er verödete dann seine ergibigen Äcker, Lachs- und Seehundweiden. Darum grub man ihn wieder aus, verbrannte ihn und streute seine Asche ins Meer. Milder als der Isländer verfuhr der Geist eines oberschwäbischen Bauern, der seiner Kinder wegen gern nach Scheuer und Stall schaute und jeweils den saumseligen Knechten eine „Humse“ Ohrfeige versetzte. Fridthiofs Vater will dem Grabe seines Königs gegenüber am Strande begraben sein, daß sie sich bequem über den Fjord hinüber zurufen können, wenn Wichtiges bevorsteht. — Endlich haben Geizhälse, Wucherer, Betrüger, Wortbrüchige, ja in Norwegen selbst Trunkenbolde und Spötter keinen Grabesfrieden, sondern gehen um. Zumal in den langen Winternächten um Weihnachten. Da läßt sich der gottlose Fastenverweigerer anfangs undeutlich sehen. Die Kühe, die ihn erblicken, werden wild und stoßen einander, die Menschen verlieren den Verstand, mit zerbrochenen Knochen findet man sie am andern Morgen. Und selbst der furchtloseste aller Menschen, Grettir, ist einer Ohnmacht nahe, als er den von ihm besiegten Wiedergänger bei seinem Fall seine grauen Augen starr auf den Mond richten sieht. Um ihn dann unschädlich zu machen, wird sein abgeschlagener Kopf gegen seinen Hintern gesetzt und auf „kalten Kohlen“ verbrannt. Mit versöhnendem Glanz leuchtet in dieses Reich düsterer Vorstellungen die Liebe hinein, die Brautpaars-, die Gatten- und die Mutterliebe. Die Mitglieder eines eng verbundenen Menschenpaars treibt es zu einander, aus dem Leben zum Tode, aus dem Tode zum Leben, mit unwiderstehlicher Sehnsucht, mit unverbrüchlicher Treue. Der Wiedergängerglaube verklärt sich zu imvergänglicher Poesie. Im zweiten Eddaliede von Helgi, dem Hundingstöter, nimmt Odin den gefallenen Helden in Walhall auf. Aber es wird ihm eine „Heimfahrt“ erlaubt, und die Magd seiner Witwe Sigrun sieht ihn mit stattlichem Gefolge zu seinem Grabhügel reiten und berichtet der Herrin, das Grab Helgis sei offen, der Fürst sei gekommen und bitte sie, das Bluten seiner Wunden zu stillen. So ging denn Sigrun ins Grab zu Helgi und sprach:

„Nun will ich küssen dich leblosen König, Bevor du die blutige Brünne abwirfst. Dein Haar ist, mein Helgi, von Reif durchdrungen, Ganz bist du von Leichentau bespritzt.“

Darauf er:

„Du allein verschuldest, Sigrun von Sefafjöll, Daß Helgi mit Leidestau benetzt ist. Du weinst, Goldgeschmückte, grimme Zähren, Du Sonnenhelle, eh’ schlafen du gehst. Jede fällt blutig auf die Brust des Helden, Naßkalt, tiefdringend, kummerschwer.“

Und nun trinken sie zusammen im Hügel köstlichen Trunk, und selig ruht sie die Nacht dem Toten im Arme, bis es Zeit für ihn ist, auf fahlem Rosse die morgenroten Himmelswege zu reiten. Es war ein alter, mm den alten Weibern überlassener Glaube — so heißt es in einem Prosazusatz zum Gedicht —, daß die Beiden wiedergeboren seien, er als ein anderer Helgi und sie als Kara. Es ist der höchste Schluß des Wiedergängertums, der auch noch hie und da im Norden gezogen wird: die Wiedergängerseele kommt nicht zu einem bloß scheinbaren, sondern zu einem vollen neuen Leben wieder. Und zwar kann sie auch nach dem Prosazusatz in einer andern Person wiedergeboren werden, sich also auf die Seelenwanderschaft begeben. Denn auch die Seelenwanderung war dem Norden nicht ganz fremd. Das Gedicht aber gibt der alten einfachen Wiedergängersage, die offenbar an das irdische Grab als alleinigen Wohnsitz des Toten gebunden war, ebenfalls eine andre neue Wendung. Sie spielt sich nun, der Einheitlichkeit des Schauplatzes beraubt, auf dem prunkvolleren Hintergrund des später erfundenen Totenreiches, der Walhalla, ab. Das germanische Volkslied aber bewahrt überall die ältere einfachere und wohl ergreifendere Fassung. Der dänische Ritter Aage kehrt aus dem schwarzen Grund zu seiner herzwunden Braut Else zurück die ihn fragt, wie es in seinem Grabe sei, indem sie unter Tränen seine welken Haare kämmt. Er antwortet:

„Jedesmal daß du dich freuest, Und dir ist froh dein Mut, Da ist mein Sarg gefiillet Mit Rosenblättern rot: Jedesmal daß du voll Sorgen Und dir ist schwer dein Mut, Da ist mein Sarg gefiillet Ganz mit geronnenem Blut.“

So folgt sie dem wieder Versinkenden in den schwarzen Grund, sowie in Schottland Margarete, bis an die Kniee geschürzt, dem Geist ihres Wilhelm durch die lange Wintemacht nacheilt, bis der Hahn kräht und er verschwindet im Nebel und läßt sie ganz allein. Da bricht ihr holder Leib tot zusammen. Und mm steigt vor uns jenes unvergleichliche Stimmungsbild des deutschen Volksliedes auf, aus dem Bürgers Lenore hervorgegangen ist: Der Mond scheint so helle, Die Toten reiten schnelle. „Feins Liebchen, graut dir nicht?“ Im Volkslied des mährischen Kuhländchens nässen die Tränen der Witwe das Hemde des Eheherrn im Grabe so sehr, daß sie, wie sie davon hört, hineindringt, um immer bei ihm zu bleiben. Umgekehrt kommt in Pommern die heißgeliebte Frau allnächtlich aus ihrem Grabe ans Bett ihres Gatten, um ihm freundlich zuzusprechen, bis er eines Morgens auf ihrem Grabe gefunden wird, lang ausgestreckt, als ob er das Gras hätte küssen und mit seinen Armen umfangen wollen. Milder und behaglicher äußerte der Iarl Thorgnyr seine Anhänglichkeit an die verstorbene Gattin, wenn er gern auf ihrem nah bei der Wohnung gelegenen großen Grabhügel bei guter Mahlzeit saß, Rat erteilte und den Spielen zusah. Wie leidenschaftlich tanzt dagegen die tote Braut im Aargau auf dem Kreuzweg so lange fort, bis ihr der Bräutigam nachstirbt! Man mag sie im Wirbelwind, der die Kreuzwege liebt und Windsbraut heißt, zu sehen geglaubt haben. Alt ist auch die rührende Geschichte von der Wiederkehr der im Kindbett verstorbenen Mutter zu ihrem hinterbliebenen Kinde. Wochenlang kommt sie in jeder Mitternacht mit leisen Tritten, das Licht verlischt, und bald hört man das Kind an ihrer Brust begierig saugen, oder sie kocht ein Müslein und wäscht die Windeln. Sie wiegt und singt es ein, bei ihm wachend bis zum ersten Hahnschrei. In Oberelsaß tränkt die Mutter Gottes, auf die die Mutterpflichten übertragen sind, in stillen Nächten gütig das mutterlose Kindlein am Milchbrunnen. Dann lächelt es am Morgen in der Wiege mit seinem Milchbärtchen. In Schlesien bereitet man solcher Kindbetterin das Bett. Wo man aber ihre Wiederkehr nicht wünscht, breitet man die Windeln ihres Kindes, mit Steinen beschwert, über ihr Grab. So bleibt sie dort. Grausam hielt man zu Burchards Zeit, um das Jahr 1000, eine samt ihrem Kinde in den Wochen gestorbene Frau fern; man heftete beide mit einem Pfahl im Grabe fest. Auch ein imgetauft gestorbenes Kind durchbohrten Weiber mit einem Pfahl, damit es sich nicht aus dem Grabe erhöbe und Schaden anrichte. Nach der neueren Sage tritt das Kind in seinem Totenhemdchen vor der weinenden Mutter Bett und fleht:

„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von deinen Tränen!“

Leichenpfählungen trafen nach Saxo Grammatikus auch den blutsaugenden Wiedergänger Asvit und sollen noch in neuerer Zeit in Pommern tote Kindbetterinnen und ungetaufte Kinder getroffen haben. Oder man trennte des Wiedergängers Kopf ab oder durchschlug ihm die Sohlen. Oder man grub ihn, wie Thorolf und Vigahrapp, wieder aus und verbrannte ihn. Erklärt sich daraus, daß so manchen Toten Kopf, Hände und Füße, abgeschnitten und verbrannt, neben den übrigen Gliedern beerdigt wurden und in andern Gräbern wiederum nur der Schädel vorhanden war? Das waren übrigens nicht besonders germanische Maßregeln, sondern z. B. die Griechen ergriffen gleich erbarmungslose. Die Inder legten der Leiche nur eine Fußfessel an, um sie an der Wiederkehr zu hindern. In Altgriechenland aber schnitt der Mörder wohl dem Erschlagenen einzelne Glieder ab, um ihn zu schwächen, und hängte sie sich um den Nacken. In Neugriechenland nagelte man die Hände und die Füße des Wiedergängers fest, oder man riß ihm das Herz aus, zerstückelte und verbrannte es, oder man verbrannte den ganzen Körper. Den Wiedergänger unschädlich zu machen, beabsichtigt auch der uralte weltweite Brauch, Steine auf eine Mordstätte zu werfen. Zauberer, Räuber, Geächtete, selbst noch nicht ganz tote, steinigten die Nordleute, tun sie von weiterer Untat abzuhalten, und warfen noch später beim Vorübergehen Steine auf solche Haufen in demselben Sinne. In Schweden fürchtete man andernfalls von dem Erschlagenen irregeführt zu werden. Nach oldenburgischem und voigtländischem Glauben schafft am besten eine tiefe Einsenkung der Leiche oder eine feste Rasendecke der armen Seele Ruhe. Ein geistigeres Mittel war die Beschwörung, mit der man in England Wiedergänger feierlich in die See und in Deutschland später ein Geistlicher in den Wald oder auf einen hohen Berg z. B. den Feldberg bannte. Aber nicht nur gegenüber den zur Wiederkehr durch ihr Schicksal bestimmten Toten, sondern auch gegenüber den unter gewöhnlichen Umständen Verstorbenen und gebührend Begrabenen überwog die Furcht oder doch die Vorsicht die hingebende Verehrung, die sich erst später und auch dann nur vorzugsweise unter den höheren Ständen breitere Bahn machte. Hingen doch auch die gutmütigen und ungekränkten Sterbenden so fest am Leben, daß ihnen schon jedes Bedauern der Anwesenden das Sterben schwer machte. Die Furcht war der Grundzug der altgermanischen Totenbehandlung, wovon Burchard von Worms ums Jahr 1000 das erste vollere Zeugnis ablegt.

Er erwähnt nicht nur jene schauerlichen Pfählungen von Mutter und Kind, sondern auch lustige Leichenwachen, Körnerverbrennen und Kammklappem im Sterbehause, Aufsetzen des Sarges auf die Mitte eines auseinander gezogenen Wagens, Schütten von Wasser unter die Totenbahre und anderes. Aber auch die Volksüberlieferung ist hier besonders reich und fest. Durch ganz Deutschland und auch im Norden wurde der Seele des Verstorbenen alsbald das Fenster zu freiem Davonflug geöffnet, wo sie nicht etwa leicht von der freien Diele aus durch ein Loch im Dache oder den Schornstein entkommen konnte. Jeder Topf wurde umgekehrt, daß sie unterwegs nicht unterschlüpfe, das Geschirr des Toten zerschlagen, daß es ihn nicht festhalte. Nichts im Hause durfte rundum gehen, kein Spinn-, noch Wagenrad, etwa tun ihn nicht aufzuregen. Andererseits wurde alle Frucht gerüttelt, Wein und Bier geschüttelt, damit das nicht abstände, alles Vieh im Stalle aufgejagt und diesem, wie auch den Bienen, ja selbst den Bäumen der Tod angesagt und alle Schlafenden im Sterbehause geweckt, damit sie nicht mitstürben. So lange der Tote auf seinem Bett oder auf Stroh oder auf einem Brett im Hause lag, mußte er durch die Leichenwache nicht nur behütet, sondern auch ergötzt werden. Sie dauerte schon im Nibelungenlied drei Tage und drei, jetzt meistens zwei Nächte, ln guter Laune sollte er von den Lebenden scheiden, auch vielleicht derbe Scherze ihr Grausen betäuben. Singen und Lachen, Tanz und Vermummung bei Leichenwachen hatten im 10. und 11. Jahrhundert Regino von Prüm und Burchard von Worms zu verdammen, und im 13. sah sich das alte Stadtrecht von Zwolle genötigt, die Zahl der Wächter auf zwölf Männer und nur vier Frauen zu beschränken. Die Kurfürsten von Köln wiederholten im 18. Jahrhundert ihre scharfen Verbote gegen die Gelage und unzüchtigen Spiele der Leichenwachen, die man noch neuerdings im westfälischen Sauerlande untersagte wegen ihrer Stelldichein und tollen Pfänderspiele. In Tirol und im Schwarzwald beten die Wächter meistens, aber sie spielen und trinken auch dazwischen und erzählen sich lustige Geschichten. Auch in Skandinavien dauern die Leichenwachen fort. Daß in dem Hause, wo ein Toter lag, nach Burchard Korn verbrannt wurde, scheint auch germanisch, wenigstens werden noch in Westfriesland, freilich mit Bezugnahme auf die Dreieinigkeit, drei Handvoll Gerstenkörner um den Toten ausgestreut, in deutschen Sagen wird Korn auf die Gräber geworfen, und man hat auch im Innern derselben Korn gefunden. Burchard verbietet ferner den Frauen, ihre Weberkämme über der Leiche zusammenzuschlagen, was wohl die Seele verscheuchen sollte wie jenes Wehen mit Tüchern. Die Leiche darf noch an vielen Orten in Deutschland, Holland und Schweden nur so aus dem Bett oder dem Hause getragen werden, daß ihre Füße in der Richtung der Tür bleiben; so wird sie den Rückweg nicht finden. So lag schon Patroklos’ Leichnam mit dem Gesicht der Zelttüre zugewandt. Nach Burchard goß man, wenn die Leiche aufgehoben wurde, schweigend Wasser unter die Bahre, wie man dem Sarge heute in einzelnen Gegenden Wasser, hie und da auch Mehl, Asche, Feuer nachwirft, sogar dreimal. Oder man stellte, namentlich in Niederdeutschland und Ostholland, eine Schüssel Wasser unter oder an das Bett. Daraus hat sich auch wohl ein Seelenbad entwickelt, das man dem Toten ans Fenster setzt. Auch wird die Stube hinter der Leiche ausgefegt oder auf die Schwelle zur Abwehr ein Besen oder Stahl oder eine Axt gelegt. Die Leiche darf nicht höher als kniehoch in Westfriesland gehoben werden, nach Burchard aus Gesundheitsrücksichten. In Holland setzt man die Leiche noch hie und da auf einen sogen. ,Lank wagen*, der aus zwei durch einen langen Wagenbaumverbundenen Rädergestellen besteht; einen solchen auseinander geteilten Leichenwagen kennt auch Burchard. Das Reve- oder Leichenstroh ließ man bis vor kurzem in Westfalen auf dem Leichen weg, in Österreich auf dem Acker des Verstorbenen, in Holland auf einen Kreuzweg fallen und verbrannte es auch wohl vor dem Begräbnisplatz. So wurde die letzte Verbindung zwischen dem Toten und seinem Hause verweht und zerstört. Ausschließlich nur mit Leichen befahren wurde auch in Bayern der Toten weg, in Holland der Lijk-, Nood- oder Reeweg. Dem Toten gebührt die Totenklage, über die schon Tacitus in scharf zugespitzten Antithesen sich äußert.

„Die Deutschen legen das Jammern über den Tod schnell, den Schmerz langsam ab. Doch gilt bei den Frauen die Klage für ehrenvoll, bei den Männern die treue Erinnerung.“

Freilich übermäßige Klage stört die Totenruhe. Aber Klagen wurden angestimmt bei der Bestattung der Westgotenkönige Alarich und Theoderich und des Langobardenkönigs Alboin, und Beowulfs Grabhügel umritten zwölf Edelinge und priesen trauernd der Männer mildesten. Der Indiculus des 8. Jahrhunderts bekämpfte die „dadsisas“ die Totenklagen, die im 10. Regino von Prüm „Teufelsgesänge“ schimpfte. Man könnte fremden Einfluß vermuten, wenn bei den Deutschen in Siebenbürgen, Ungarn und Krain eigens bestellte Klageweiber ihre Weisen beim Begräbnis absingen. Aber im elsässischen Münstertal stürzen wohl noch nach einem Todesfall sofort laut schluchzende Weiber ins Sterbehaus, sowie bei Mülheim a. d. Ruhr noch kürzlich Frauen aus der Totenklage ein Gewerbe machten. In Schlesien aber darf man keine Träne auf die Leiche fallen lassen, weil sonst ihre Ruhe gestört oder der Weinende ihr nachgezogen wird. Weitaus die ältesten Zeugnisse für den Seelenglauben, ja für den Glauben der Germanen überhaupt liefert die Totenbestattung. Die Anlage, die Bauart und der Inhalt der Gräber geben mannigfachen Aufschluß über die Sinnes weise der näheren und der fernsten Vorzeit. Freilich sind aus der ältesten Steinzeit, in der die Menschen sich mit plumpen, grob zugehauenen Werkzeugen aus Feuerstein behalfen, Gräber nicht mit Sicherheit nachweisbar, vollends nicht germanische; die Leichen scheinen damals ohne besondere Bräuche nachlässig verscharrt worden zu sein. Mit der jüngeren Steinzeit aber begann eine sorgsame Beerdigung des Körpers, die nach vielen Jahrhunderten ihres Bestandes der Leichenverbrennung wich, um diese dann wieder überall zu verdrängen, so daß der Leichenbrand in dieser mehrtausendjährigen Geschichte gleichsam nur eine Episode bildet. Auch scheint er bei einigen Stämmen der Germanen nicht recht emporgekommen zu sein, wenigstens nicht bei den niederen Ständen. In der jüngeren Steinzeit baute man aus Steinen dem Toten zuerst kleinere Stuben, erweiterte sie dann zu den großen Riesenstuben oder Hünenbetten und ging dann mit Beginn der Bronzezeit, etwa seit 1500 v. Chr., zu der Steinkistenform über, einem bloßen Sarge. Meistens im norddeutschen oder dänischen Flachlande gelegen, wurden diese Steinhäuser aus mtihsamst zusammengeschleppten Findlingsblöcken hergestellt. Nichts kann den schwermütigen Reiz der Heide oder der Waldeinsamkeit mehr erhöhen als ein Hünengrab, dessen Felssteinmauem, halb oder ganz mit Erde bedeckt, von einem weiteren Steinkreise wie ein Heiligtum umzäunt sind. Dennoch war dieses ursprünglich wohl weniger ein eigentliches, der Andacht geweihtes Denkmal, als vielmehr ein festes Haus, das die Toten schützen, aber auch einschließen und von der Wiederkehr zu den Lebenden zurückhalten sollte. Die Gerippe liegen oder hocken in den geräumigeren Gräbern in größerer oder kleinerer Gemeinschaft, neben sich hochhalsige Krüge, trefflich geschliffene Steinbeile und oft auch schon gebrauchtes, ziemlich wertloses Gerät. Brandreste in den Kammern scheinen darauf hinzuweisen, daß man die Toten von Zeit zu Zeit durch Feuer erwärmte, um ihnen ihre dunkle Wohnstatt möglichst behaglich zu machen. Man dachte sich also die Toten noch fortlebend, doch nur eine Weile fortlebend. Denn wenn Gerippe später Verstorbener hineingelegt wurden, so wurden die älteren bei Seite geschafft und unordentlich aufeinander gestapelt. Nach dem Schädelbefund waren sie Germanen. Diese ältesten Germanengräber bedecken den nördlichsten Teil eines ungeheuren bogenförmigen Steingräberstreifens, der von Indien bis nach Spanien und von da durch Westeuropa bis an die Weichsel und nach Schweden reicht. Man vermutet, daß die im Morgenland üblichen einfachen Felsengräber die Vorbilder dieser zwar künstlicheren, aber immerhin noch einfacheren Steingräber gewesen seien, die in den ägyptischen Pyramiden und den mykenischen Kuppelgräbern ihre höchste Kunstform gefunden hätten. Wie dem sei, jedenfalls ist der Glaube an jene sehr bedingte Unsterblichkeit mit der von Volk zu Volk getragenen alten Kulturmitteilung der Steingräber nicht so fest verknüpft, daß er nicht auch schon vorher hätte gewonnen werden können. Doch mag er in dieser eingeführten fremden Grabform eine neue Stütze gefunden haben. Noch bis in die ältere Bronzezeit hinein, in der die Steingeräte den Bronzegeräten wichen, bis etwa zum Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends, wurden die Leichen unverbrannt in Steingemächern oder nun auch in Steinsärgen beigesetzt. Nicht lange vor der jüngeren Bronzezeit aber, die im Norden etwa mit dem 8. Jahrhundert v. Chr. anhob, wurde der ebenfalls aus dem Orient herübergebrachte Leichenbrand bei den Germanen üblich. Er scheint aus einem Umschwung des Glaubens hervorgegangen zu sein. Wollte man die Seele vom toten Leibe entschiedener loslösen und aus der dumpfen Grabesruhe befreien, ihr einen anderen lichteren Raum zum Weiterleben schaffen? Nach der ältesten indischen Urkunde, dem Rigveda, gibt es unverbrannte und verbrannte Ahnen. Für den imverbrannten wird bei der Totenfeier gebetet:

„Spring auf, o Erde, presse dich nicht nieder. Umhüll ihn, Erde, wie den Sohn die Mutter hüllt in ihr Gewand“ (10, 18, 11).

Dagegen führt die Seele des Verbrannten auf dem Feuer leicht wie auf einem Wagen ins Reich des Totengottes Iama und vereint sich mit ihm und den Ahnen, mit neuem Leibe glänzend (10, 14, 8). Nach der Ilias 7, 410 werden die Toten erst durch ihre Verbrennung besänftigt, nach der Odyssee 11, 222 vernichtet das Totenfeuer die Sehnen, die Fleisch und Gebein Zusammenhalten, die Seele aber fliegt frei davon. Von Kleinasien, wo die homerische Dichtung entstand, kam der Leichenbrand erst im 7. Jahrhundert nach Attika, und die römischen Zwölftafeln des 5. Jahrhunderts kannten beides, das Beerdigen und das Verbrennen. Die Germanen legten die verbrannten Gebeine in einem Tongefäß in einem kleinen von Steinen umgebenen Raum oder auch in einer Holzkiste oder auch ohne Behälter in der Erde nieder. Aber dann wurde nach altem Brauche, wie früher über den unverbrannten Gerippen, auch über den verbrannten ein Hügel gewölbt. Weit jünger als die germanischen Aschenurnen der jüngeren Bronzezeit ist das älteste literarische Zeugnis, das des Tacitus:

„die Leichen berühmter Männer werden auf bestimmten Holzarten samt ihren Waffen und auch wohl ihrem Rosse verbrannt.“

Aber gerade bei den westdeutschen Stämmen, die Tacitus am genauesten kennt, ist dieser Brauch schon vor dem 5. Jahrhundert wieder erloschen. Das salische Gesetz spricht nur von Beerdigung. Nicht einmal die deutsche Heldensage, die doch in der Völkerwanderung wurzelt, weiß von Verbrennung, und auch in den Geschichts- und Rechtsbüchern der Burgunder, Bayern, Langobarden und Goten fehlt jeder Hinweis darauf. Im Gegenteil, die großen historischen bekannten Leichenfeiern sind Beerdigungen: die Westgoten senkten ihren König Alarich mit vielen Schätzen in das trocken gelegte Busentobett und beerdigten hernach ihren greisen König Theoderich in vollem Waffenschmuck angesichts des feindlichen Heers auf dem katalaunischen Schlachtfeld. Der Frankenkönig Childerich (gestorben481) und der Langobarden könig Alboin wurden in voller Wehr beerdigt, der erste sogar mit seinem Rosse. Noch Kaiser Otto III soll Karl den Großen in der Domgruft zu Aachen in voller Kaiserpracht thronend gesehen haben. Nur die Sachsen hielten am Leichenbrand zäher fest, nicht nur in der Poesie. Beowulfs „Beinhaus“ wird auf einem mit Waffen behängten Scheiterhaufen verbrannt, so daß der Rauch über das nahe Meer hinzieht, und dann die Brandstätte mit einem hohen breiten Hügel, einer „den Seefahrern weithin sichtbaren Burg“, zugedeckt, und noch Karl der Große setzte auf den Leichenbrand und solche Hügelbestattung der Sachsen Todesstrafe. Die westlichen Nordleute gaben, wie die Gräberfunde lehren, schon seit der Völkerwanderungszeit das Brennen nach und nach wieder auf, so daß z. B. auf der seit etwa 900 n. Chr. besiedelten Insel Island keine Spur mehr davon zu finden ist. Die östlichen Nordgermanen blieben beim alten Brauch noch im 10. Jahrhundert. Aber auch in der Sage und Dichtung der Norweger und Isländer wurden noch viele Jahrhunderte nach dem Aussterben der Sitte Scheiterhaufen für die gefallenen Helden angezündet, offenbar, um ein so altes malerisches Motiv nicht zu verlieren. Der Deutsche Siegfried, der nach seiner heimischen Sage beerdigt wird, verbrennt in der nordischen auf einem Holzstoß, und mit ihm verbrennen seine Brynhild, Knechte und Mägde, zwei Hunde und zwei Habichte, ein stattliches Gefolge, damit dem zum Totenreich voranziehenden Fürsten die hinter ihm zuschlagende Tür der Hel nicht auf die Fersen fallen könne. Aber die nordische Überlieferung schwankt auch in ihren Berichten von der Bestattung echt nordischer Götter und Helden. Nach dem Dänen Saxo erhielt Balder ein königliches Begräbnis, nach der isländischen Prosaedda aber einen großartigen Leichenbrand auf einem auf das Land gezogenen Schiffe. Als er hinaufgetragen wurde, brach seiner Gattin Nanna das Herz. Mitverbrannt wurde sein Roß in vollem Reitzeug, das Schiff wurde auf das Meer gestoßen. Auch der verstorbene Dänenkönig Harald Hilditönn wurde nach Saxo mit Roß, Wagen und Waffen auf einem Schiffshinterteil verbrannt und seine Urne in Lethra beigesetzt, dagegen ließ nach andrer Sage König Hring die Leiche Haralds, gewaschen und ausgerüstet, auf einem Wagen in den aufgeworfenen Hügel führen, das Roß töten und seinen eigenen Sattel zu dem Toten legen, damit dieser nach eigener Wahl nach Walhall reiten oder fahren könne. Waffen und Ringe warfen Hrings Krieger hinein. Die Schweden wollten den toten Frey nicht verbrennen, sondern begruben ihn, um ihrem Lande seine Gaben, gute Zeit und Frieden, zu erhalten. Nach den nordischen wie deutschen Gräberfunden wurden in dem Brennalter der Bronzezeit nicht Waffen und anderes Kriegs- oder Jagdzeug, sondern nach der Mode des klassischen Altertums vollständige Speise- und Trinkgeschirre in den Grabhügel gelegt. Die Herkunft dieser charakteristischen Beigaben aus dem Süden bezeugt am deutlichsten die häufige ungermanische Verzierung der Gefäße mit Mäanderbändem. Man suchte dem Verstorbenen das Dasein nach dem Tode möglichst genußreich zu gestalten. In jenen meist späteren Bestattungsberichten sind also die Bräuche verschiedener Zeitalter, das Brennen der Bronzezeit und die kriegerische Ausstattung der jüngeren Wikingerzeit, durcheinander geworfen. Tacitus zwar fand nach seiner obigen Aussage schon im Brennalter die Beigaben von Waffen und Roß vor, im Norden aber drang erst in der Wikingerzeit der neue kriegerische Geist in die Gräber, die Leichen wurden erst damals für ein weiteres Kampfleben, für Walhall ausgerüstet. Und die Ynglingasage verheißt jedem in Walhall den Besitz alles dessen, was auf seinen Scheiterhaufen gelegt ist. So fand man in den Bomholmer Gräbern, die der jüngeren Eisenzeit angehören, volle Waffenrüstung, auch Messer, Schere und Wetzstein und wiederum des Toten Reitpferd und Hund, einen Hund von großer, dänischer Rasse. So bargen die Grabhügel über verbrannten wie imverbrannten Leichen allerhand Schätze, die die Lebenden oft zum Nachgraben reizten, zum „Haugbrot“ oder Hügelbruch. Wer an der langen norwegischen Küste hinsegelte, sah ihrer viele, und die Schiffer verkürzten sich gern die Zeit mit Geschichten von ihren Insassen. Dafür dankbar trat einmal einer von ihnen, der tote König Vatnar, aus seinem Grabe, um dem Erzähler im Traume zu erscheinen und ihm zu sagen:

„Du hast meine Sage erzählt; nun will ich dich belohnen. Suche nach Gütern in meinem Grabe, und du wirst noch etwas finden.“

Er suchte und fand viel. Eigenartig germanisch, wenigstens nordgermanisch, ist die Ausstattung des Toten mit einem Schiff, das bald unversehrt mit ihm aufs Meer gestoßen oder beerdigt, bald brennend mit ihm aufs Meer gelassen oder verbrannt mit ihm gleichfalls mit Erde zugedeckt wurde. Wie oben bemerkt, wurde Balder auf brennendem Schiff den Wogen übergeben, Harald Hilditönn aber auf einem Schiffshinter-teüe verbrannt und dann mit einem Erdhügel bedeckt. Den Stammvater der dänischen Könige, Skyld, legten nach dem Beowulf gedieht seine Leute nach seinem Tode reichgeschmückt beim Maste in den Schoß eines Schiffes, befestigten ein goldnes Banner hoch über seinem Haupt und schoben das Fahrzeug ins Meer hinaus auf eine ungewisse Fahrt. Die Völkerwanderung scheint die Schiffsbestattung tief ins Binnenland gebracht zu haben: im 15. Jahrhundert fand man im Berner Oberland ein Totenschiff mit vielen Gerippen tief in der Erde. Aber die wichtigsten zwei Zeugnisse, ein antiquarisches und ein historisches, sind noch nicht gegeben. Vor einiger Zeit ist ein mit Erde bedecktes Schiffsgrab, das etwa aus dem Jahre 900 n. Chr. stammt, bei Gokstad in Norwegen gefunden worden; es barg ein mit einem Mast und 32 Rudern versehenes Schiff, dessen Bord mit Schildern behängt war, und dem darin liegenden unverbrannten Toten waren Pferde und Hunde beigegeben. Andere solcher Schiffsgräber sind außer in Norwegen noch in Schweden, aber nicht in Dänemark gefunden worden. Aber um dieselbe Zeit berichtet der Araber Ibn Fadlän von Schiffsbestattungen der skandinavischen Russen, d. h. der östlichen Nordgermanen, die den russischen Staat gründeten. Er traf ihre Kaufleute in den Jahren 921 und 922 unter den Wolga-Bulgaren. Einen Armen legen sie nach seinem Tode in ein eigens dafür gebautes kleines Schiff und verbrennen es. Beim Tode eines Reichen aber teilen sie seine Habe in drei Teile, von denen der eine der Familie zufällt, der zweite für die Ausstattung des Toten verwendet wird, während sie für den dritten berauschende Getränke kaufen, um es an dem Tage zu trinken, an dem ein Mädchen (die Lieblingskebse?) sich dem Tode preisgibt und mit dem Herrn verbrannt wird. Denn sie ziehen ein Schiff auf das Land und legen darin den prächtig gekleideten Toten auf eine mit Tüchern und Kopfkissen bedeckte Ruhebank. Dann bringen sie ihm berauschendes Getränk, Früchte, Basilienkraut, Brot, Fleisch und Zwiebeln, auch seine Waffen.

Dann werfen sie das Fleisch eines in zwei Teile zerschnittenen Hundes und zweier müde gehetzter und zerstückelter Pferde ins Schiff, endlich einen geschlachteten Hahn und ein Huhn. Das Schiff wird mit seinem Inhalt verbrannt und ein Hügel darüber aufgeworfen. Fast durch ein Jahrtausend kann man als stets wiederkehrende Grabbeigaben Waffen, Pferd und Hund verfolgen; ein kampf- und jagdfrohes Geschlecht ruht zwischen ihnen. Je nach der Mode der Zeit, dem Stande, dem Vermögen und vielleicht auch je nach dem Charakter des Verstorbenen wurden zu seiner Rüstung noch Schmucksachen, Hausrat, Nahrungsmittel und Amulette hinzugefügt. Von letzteren z. B. enthielt ein schönes seeländisches Grabgefäß aus Bronze ausser einem Pferdezahn und Ebereschenzweig Reste eines Vogels, eines Wiesels, einer Natter, als ob diese uns schon (S. 76) bekannten Seelentiere dazu ausersehen wären, das Seelenleben des Toten zu schützen und zu fristen. Die seefahrenden Nordleute brachten das Schiff hinzu, das auch in ihrem Götterkultus und in ihrer Kunst eine viel wichtigere Rolle spielte als bei den Binnenlandsbewohnem. In einem jütischen Sandhügel der jüngeren Bronzezeit fand man, in einem Tongefäß in einander gesteckt, etwa 100 kleine Goldboote, die wahrscheinlich Votivgaben für die Götter waren, und viele südskandinavische Felsenzeichnungen derselben Zeit zeigen uns neben bewaffneten Männern und Wagen mit Pferden am häufigsten Schiffe mit hohen „Hörnern“ oder Steven, oft zu ganzen Flotten vereint. Später, in der jüngeren Eisenzeit, verwendete man das Schiff auch für den Totenkultus. Man richtete namentlich in Dänemark zahlreiche Schiffssteinsetzungen auf, zwei schwach um das Grab ausgebogene Steinreihen. Tiefer griff, wie wir gesehen, die eigentliche Schiffsbestattung ein. Das Schiff war wahrscheinlich nicht nur dazu bestimmt, dem Verstorbenen in einer anderen Welt zu dienen, sondern ihn auch sicher über etwaige hemmende Gewässer dahin zu geleiten, gerade wie auch das mitbegrabene oder mitverbrannte Pferd oder dessen Stellvertreter, das Rind. Die Reise nach Walhall mochte Harald Hilditönn zu Wagen oder Roß machen (S. 110), und die auf jütischen Leichen gefundenen Kuhhäute sollten ihnen die Hilfe der geopferten Tiere sichern. In christlicher Zeit, zuerst nach einer St. Galler Urkunde von 806, fiel auf germanischem, wie keltischem Boden das dem Sarge voranschreitende oder nachfolgende Rind oder Pferd der Kirche statt dem Grabe zu, um dem Seelenheil des Toten zu dienen. Man gedenke dabei des indischen Bestattungsgebrauches, den Schwanz einer Kuh, mit deren Fell der Tote Glied für Glied belegt wurde, ihm in die Hand zu geben, damit er auf schwindelndem Wege nicht falle. Noch heute führt man dort an das Lager des Sterbenden eine reich geschmückte Kuh, damit dieser sie beim Schwanz ergreife und sicher zur anderen Welt hinübergeführt werde. Merkwürdigerweise haben alte Leute in Mecklenburg gehört, daß kurz vor dem Abscheiden eines Familienmitglieds ein Stück Vieh ins Zimmer gebracht worden sei, damit der Sterbende seine Seele in dasselbe hineinhauche. Die deutschen Redensarten: ,die schwarze Kuh drückt ihn oder ,hat ihn getreten bedeuten so viel als: ,er ist todkrank‘  oder ,er ist gestorben‘ . Das norwegische Gedicht Draumakvaedi preist den glücklich, der in dieser Welt den Armen eine   Kuh gibt, er braucht nicht schwindlig auf der Gjallarbru, der Totenbrücke, zu gehen. Und auch den preist es glücklich, der in dieser Welt den Armen Schuhe gibt, er braucht nicht barfuß die Domenheide zum Totenreich zu durchwandern. Der Holsteiner Godeskalk sieht auf seiner um 1190 unternommenen visionären Reise zuerst eine breite Linde, die über und über mit Schuhen behängen war, die denjenigen, die im Leben barmherzig gewesen, gereicht wurden, um darnach eine , weite Domenheide zu durchschreiten. Diese Jenseitsschuhe sind nach dem Volksglauben von Yorkshire dieselben, die man im Leben Armen geschenkt hat. So wurde denn auch dieses wichtigen Reisebedarfs bei der Bestattung nicht vergessen. Es war im Norden Sitte, den Toten Helschuhe zu binden, in denen sie nach Walhall gehen konnten. Auch in Deutschland wurden sie mit Totenschuhen versorgt, um unverletzt über die spitzen Steine und durch die Domen der Unterwelt schreiten zu können. Nach einem rührenden, noch nicht völlig erloschenen deutschen Volksbrauch bedenkt man die im Kindsbett Verstorbene mit Schuhen, damit sie zu ihrem zurückgelassenen Kind kommen und es säugen könne. Statt Schuhe den Toten ins Grab zu geben, spendete man sie in christlicher Zeit den Armen als Gottesschuhe, Hedwigssohlen, oder auch in Gebildbrote für die Armen verwandelt.

Diese oft reiche, oft ärmliche Aussteuer der Toten war gewohnheitsrechtlich genau bemessen. Ein Drittel der Habe jenes russischen Nordmanns an der Wolga wurde dazu verbraucht, dem Toten Kleider zuzuschneiden. Aus diesem für die Totenbestattung bestimmten Drittel wahrscheinlich nur der fahrenden Habe wurde nach der Christianisierung in England, Frankreich und Deutschland the deads pari, la partie au der Tote nteilt oder Seelschats, Seelgerät, Seelteil, ursprünglich ebenfalls ein Drittel der fahrenden Habe, das aber nun der Kirche oder den Armen zufiel, nicht im Grab erstarb. Daher erklärt sich auch, daß der Seelschatz noch bei offenem Grabe geleistet und daß die altheidnischen Beigaben des toten Kriegers, Waffen und Streitroß, der christlichen Kirche zugewendet wurden. Doch kehrte man sich schon in der Heidenzeit nicht immer an solche strenge Teilungsvorschriften: in der Vatnsdaelasaga wird alles, was der Held im Krieg erobert hatte, nicht vererbt, sondern als sein eigenstes Eigen mit ins Grab gesenkt.

Der höchsten Totenbeigabe ist noch nicht gedacht, des mit dem Toten im Leben eng verbundenen Menschen. Die Gefolgsleute eines deutschen Fürsten verschmähten es nach Tacitus, ihren in der Schlacht gefallenen Herrn zu überleben. Sie mögen mit ihm ein gemeinsames Grab gefunden haben. Nanna folgt ihrem Gatten, Brynhild mit Knechten und Mägden ihrem Geliebten auf den Scheiterhaufen, aber dies scheint reine Poesie, der die Wirklichkeit nicht entsprach. Blutsbrüder schwuren sich nach Saxo gegenseitig zu, daß nach dem Tode des einen der andere sich begraben lasse. Auch sitzt nach einer anderen Erzählung der Überlebende wohl bei dem Verstorbenen drei Nächte im Hügel.

Reste der Sitte, dem Toten allerhand Sachen zu weiterem Gebrauch mit in den Sarg zu legen, bestehen im Widerspruch mit der christlichen Lehre bei allen germanischen Stämmen bis auf den heutigen Tag.

Nicht nur durch solche einmalige Liebesgaben, sondern auch durch wiederkehrende Totenopfer wurde für Nahrung und Ehrung des Verstorbenen gesorgt. Die Stiere und Böcke, die die Deutschen nach Papst Zacharias’ Angabe um 748 den Göttern beim Totenopfer schlachteten, galten wohl eigentlich nicht den Göttern, sondern den Toten. Papst Gregor III. im Jahr 739 und kurz darauf der erste Artikel des Indiculus und später Burkhard von Worms bekämpften diese deutschen Opfer, durch die manche Tote ebenso wie Kirchenheilige gefeiert wurden. Im Norden wenigstens opferte man dem König Olaf Geirstadaalf um Fruchtbarkeit an seiner Grabstätte wie einem Alf d. h. Halbgott, und man verteilte die Gebeine Halfdans des Schwarzen gerade wie die Reliquien eines griechischen Heros oder eines christlichen Heiligen, damit sie mehreren Landschaften zum Schutz und Segen gereichten. Nach Rimberts Leben des H. Ansgar erhoben die Schweden ihren König Erich sogar unter die Götter, bauten ihm einen Tempel und opferten ihm darin. Schon die Brandstätten der mykenischen Kuppelgräber und der germanisehen Riesenstuben, welche unverbrannte Leichen bergen, scheinen Opferstellen gewesen zu sein. Kunstloser angelegte Gruben auf Grabfeldem der Merowingerzeit sind mit Asche, Kohlen, Gefäßscherben und Tierknochen angefüllt zum Beweise, daß in ihnen die den Toten dargebrachten und auf den Gräbern genossenen Mahlzeiten zubereitet wurden. Da der altgermanische Opferhof häufig zum Gerichts- und Versammlungsplatz diente, so erklärt sich, warum man noch im Mittelalter auf großen Grabhügeln, als auf früheren Totenopferstätten, Gerichte und Versammlungen abhielt; so auf dem Gunzenlö bei Augsburg und dem Birtinlö bei Rottenburg am Neckar. Bei dem schifförmigen Grab von Blomsholm in Südschweden steht ein „dömhringr“ ein Gerichtssteinring mit einem mächtigen (Opfer ?)stein in der Mitte. Die Totenopfer wurden später von den heidnischen Friedhöfen auf die christlichen übertragen, und mit ihnen drangen Gelage, Gesänge und Tänze sogar in die Kirche, namentlich in deren Vorraum, das „Paradies“. Im Jahr 1348 wurden diese Lustbarkeiten auf den Gräbern am Niederrhein unterdrückt; noch 1638 hielt in England die Kirchenbehörde darnach Umfrage.

Einflußreicher als die Übertragung der Totenopfer von heidnischen Gräbern auf christliche war ihre schon früh aus praktischen Gründen vorgenommene Verlegung vom Grabe ins Sterbehaus. Hier wurde das Leichenmahl gehalten, seltener vor dem Hinaustragen der Leiche, meistens nach der Beerdigung. Es ist das niederdeutsche Ostelbier oder Riieaten Reu-, Traueressen, das nord- und mitteldeutsche Fell-, Haut-, Bastversaufen oder das Sachsenhäuser Totenvertanzen, das bayrische Eindaichteln, das gemeinhochdeutsche Totenvertrinken. Die englischen „minnying days“ Gedächtnistage, das jütische ,der seligen Leiche Heil trinken‘ und das altnordische ,drekka erfl‘ das Erbe trinken oder ,erfiöl‘ Erbbier weisen schon auf einen höheren Sinn.

Im Norden wurde die Erbteilung am Begräbnistage oder am 7. oder am 30. Tage nach dem Tode, oft aber auch wegen der gewaltigen Entfernungen erst am Jahrestage des Begräbnismahls vorgenommen. Dann strömten wie zum Julgelage oder zum Thing von nah und fern die Gäste zu der Feier herbei, die drei Nächte dauerte. Die nächsten Verwandten aber, z. B. die Söhne Hjaltis, gingen zu ihres Vaters Erbgelage so schön gekleidet, daß die Leute glaubten, die Äsen kämen. Am ersten Abend saß der Erbe auf einer Stufe des Hochsitzes, den man für den anwesend gedachten Ehrengast, den Geist des Verstorbenen, frei hielt Dann aber nach einem Minnetrunk auf diesen und die Götter, mit dem er vom Toten freundlich Abschied nahm, bestieg er den leeren Hochstuhl und nahm damit sein Erbe in Besitz. Dann wurde ein Preisgedicht auf den Toten vorgetragen. Diese Teilnahme des Toten an seinem eigenen Gedächtnismahl tritt bei den einfacheren deutschen Leichen-schmäusen zurück. Doch verweilte noch nach neuerer Aussage in Ostpreußen der „Geist“ während dieses Mahls hinter einem breiten Handtuch, womit der Sarg in die Tiefe gesenkt war, oder er setzte sich ungesehen mit zu Tische, an den man ihm Stuhl, Licht, Speise und Trank hingestellt hatte. Erst mit den Gästen entfernt sich auch er. Dieser Stuhl war auch in Schlesien gebräuchlich. In Oldenburg kehrte der Tote drei, im Voigtland neun Tage nach seinem Tode zum Hause zurück, wahrscheinlich um sich wie der ertrunkene Therodd (S. 96) seinen Anteil am Totenmahl zu sichern.

Ein kleiner Zug ist noch bezeichnend, weil er ähnlich im alten Griechenland wiederkehrt. Die Verstorbenen haben namentlich Anspruch auf das Haus- oder Heimbrot. Wenn jemand in Tirol Brosamen auf die Erde fallen läßt, so sagt er:

„Arme Seelen, rappet, daß ’s der Tuifel nit dertappet“,

und wenn er Brosamen ins Feuer wirft, so kommen sie armen Seelen zu. Auch in Griechenland gehörten vom Tisch gefallene Brosamen den Verstorbenen, den Heroen.

Wieder stoßen wir hier auf einen den Indogermanen gemeinsamen eigentümlichen Festbrauch. In Indien stimmten die verschiedenen Provinzen in der Wahl und Zahl der Totengedächtnistage nicht immer genau überein. Aber der 1.,3., 7., 9. nach dem Tode springen als die beliebtesten Tage der Wasserspenden an den Verstorbenen und der 30. als ein Haupttotenopfertag deutlich heraus. Am dritten, später am 10. (9.?) Tage lud der Erbe den Verstorbenen zum Kloßopfer ein und trat damit seine Erbschaft an. Die Seele der toten Perser blieb bei ihrem Leibe noch drei Tage bis zum Schaf- oder Ziegenmahl, und während neun Tage durfte kein Feuer im Hause brennen. Am 30. Tag war das Totenopfer. Nachdem die Griechen am 3. Tage das Grabesopfer der Trita dargebracht hatten, nahmen sie das Perideipnon, das Rundmahl, ein, wobei in die Runde getrunken und der Verstorbene, der für den Wirt galt, gepriesen wurde. Auch noch am 9. oder 10. Tage setzte man Speisen, die Ennata oder Neunten, aufs Grab und schloß in Athen am 30. die Trauerzeit. Die Römer reichten dem Toten am 3. oder 7. Tage das Silicernium, Schweigemahl, am Grabe und feierten am 8. und 9. Tag in großer Stille daheim das Novemdiale, das Neuntagsopfer. Älter war wahrscheinlich die Circumpotatio, der Rundtrunk, den das Zwölftafelgesetz verbot. Doch der Grundsatz blieb: „Keine Erbschaft ohne Totenopfer“. Beide klassischen Völker brachten auch ein Jahrestotenopfer. Die littauische Totenfeier endet mit dem 9. Tag.

Diese heidnischen Festsetzungen eignete sich, auf biblische Stellen gestützt, auch die Kirche für ihre Seelmessen an, und so sind auch im deutschen Mittelalter der 3., der 7. und der 30. oder 40. Tag durch feierliche Seelgottesdienste ausgezeichnet. Und manche Geistliche hatten die Neigung, diese Totenfeste nicht nur in christlichem, sondern auch in heidnischem Stil mitzufeiern, so daß die Wormser Synode von 868 den Priestern verbieten mußte, an den Totengedächtnistagen des 3., 7., 30. oder am Jahresgedächt-nis sich zu berauschen, zu Ehren der Heiligen zu beten und der Seele des Verstorbenen zuzutrinken, Klatsch- und Lachgeschichten zu erzählen oder zu singen und sich garstige Scherze mit einem Bären und mit Tänzerinnen und Maskenspiele, talamascae, vorführen zu lassen. Noch im Scherzgedicht vom Frankfurter Borgerkapitän trinkt man beim Leichenmahl des ,Gestorbenen Gesundheit’.

Nicht nur eine Privatfeier des Einzeltoten, sondern auch eine umfassendere gemeinsame Feier mehrerer Toten eines Geschlechts oder einer ganzen Gemeinde kannte bereits das indogermanische Altertum. Drei Generationen Ahnen bis zum Urgroßvater wurden geehrt; „einen vierten Ahnen gibt es nicht“ sagte ein indisches Gesetzbuch. Später opferte man den Ahnen bis ins zwölfte Glied hinauf und empfahl endlich auch dringlich die Ehrung der verstorbenen Mütter. Ahnenopfer brachte auf der Hochzeit das junge Paar, wenn es zum Zeichen der Fruchtbarkeit mit Reis bestreut war, und wenn die Braut sich dem häuslichen Feuer und den Ahnen verneigte. Die indischen Hausregeln setzten für die allgemeinen Haupttotenfeste den Nachmittag der zweiten Monatshälfte am Ende und am Anfang des Winters an. Nachdem die herangekommenen Ahnen mit Speis und Trank gestärkt waren, wurden sie entlassen mit den Worten „Nun gehet fort, ihr Väter, auf euren tiefen alten Pfaden“, und wurden auch wohl bis zur Dorfgrenze begleitet. — Die Perser spendeten zu Ende Februar den Ahnen und den Armen ein Mahl. — Auch die Griechen opferten den Toten gegen Abend an den drei letzten Monatstagen im Frühling, wie im Herbst. Auch sie vertrieben bei der Darreichung ihrer Gaben die Seelen mit den Worten: „Aus der Türe, ihr Seelen“. In Attika beteten die Neuvermählten, die auch mit Früchten überschüttet wurden, zu den Dritt-vätem um Kindersegen. — Die Römer öffneten beim Eintritt des Bräutigams ins Haus, der dabei Nüsse ausstreute, die Schreine, in denen die Ahnenbilder standen. Auch sie feierten im Frühling wie im Herbst ein Totenfest, vorzugsweise gegen Ende des Tags und Monats. Im Mai entließ man die Lemuren, die unruhig tungehenden Verstorbenen, nach einem Bohnenopfer mit dem neunmaligen Rufe: „Geht hinaus, ihr Ahnen.“

In denselben Bahnen bewegte sich die Seelenfeier der heidnischen Germanen und verließ sie auch nicht nach der Bekehrung. Auch sie schoben sie gern auf das Ende eines Zeitabschnitts. In der Oberpfalz und am Rhein kommen die armen Seelen jeden Samstag aus dem Fegfeuer in ihr Haus, und an diesem Tage wird ihnen im Zillertal ein Stück Butter auf den Dreifuß des Herdes gelegt, um ihre Brandwunden zu salben. In Tirol und Böhmen bleiben sie vom Mittag- oder Abendläuten des Allerheiligentags bis zum Morgenläuten des folgenden Allerseelentags. Am Schluß der Ernte, im Herbst, feierten die Marsen beim Tempel der Tanfana ein großes Erntefest, an dem als Teilnehmer wahrscheinlich auch die Toten gedacht wurden. Denn zu derselben Zeit ehrten die Sachsen nach ihrem Sieg bei Scheidungen im Jahre 531 drei Tage lang ihre Toten, offenbar nach älterer Sitte. Die Kirche verlegte auf den 29. September das Fest ihres Seelenpatrons St. Michael, und in der damit verknüpften Festzeit, der Meinweke, oder ,Gemeinen‘ , wurden täglich Seelmessen gelesen. Im Norden trank man auf dem Herbstfest zu Ehren der Götter und der Verstorbenen einen Gedächtnistrunk, der später die Mikjalsminni hieß, und Michaelis Kirchwreih ist nach oberbayrischer Anschauung in Himmel und auf Erden, d. h. wird von den Verstorbenen im Himmel, deren Minne getrunken wird, wie von den überlebenden Freunden auf Erden gefeiert. Odilo von Clugny setzte im 10. Jahrhundert diesen allgemeinen Seelenkult in Novembersanfang. Besonders in Tirol ist der neue christliche Kult mit altheidnischen Bräuchen stark verschmolzen. Wie man vor Jahrtausenden den Toten in ihren kalten Steingräbern Feuer anmachte (S. 106), heizt man hier noch für die Allerseelennacht ein, damit die armen Seelen sich wärmen können, stellt Krapfen oder besonders geformte Kuchen für sie auf den Tisch, auch Milch. In Schweden empfängt man die Verstorbenen erst am Julabend in möglichster Stille in gewärmter Badstube, überläßt ihnen den Hochsitz und erquickt sie mit Julspeise. In Norwegen räumt man ihnen am Julabend die Betten ein.

Auch die bei jenen vier indogermanischen Völkern bemerkte Frühlingsfeier der Toten fehlte den Germanen nicht, insbesondere nicht der bezeichnende Zug, die Verabschiedung der Seelen, wenn er auch verdeckt erscheint. Schon die zweite Synode von Tours 567 mißbilligt diejenigen, die an der Stuhlfeier Petri den Toten Speisen opfern und nach der Messe daheim sich heidnischen Mißbräuchen hingeben. Man muß bedenken, daß dieses Fest in der römischen Kirche bis mindestens ins 12. Jahrhundert ausschließlich an dem altrömischen Totentag, dem 22. Februar, den sogenannten Caristia begangen wurde. Lorichius tadelte noch im 16. Jahrhundert den heidnischen Unfug in Schwaben, Fleischspeisen am ersten Fastensonntag, also um dieselbe Zeit, durch die ganze Nacht für die Seelen bereit zu halten. Dann kochte man auch im Odenwald und am Niederrhein leckere Speisen für die lieben Englein d. h. Seelen und ließ sie bei offenem Fenster über Nacht auf dem Tisch stehen. Um dieselbe Jahreszeit, in den Anthesterien, rief man in Athen nach der Seelenbewirtung: „Aus der Tür hinaus, ihr Seelen!“, und die Inder und Römer kannten ähnliche Verabschiedungen der Seelen (S. 19). Derselbe Ruf scheint versteckt in der bis in unsere Tage hineinreichenden Petri Stuhlfeier Westfalens und der badischen Ortenau, die zwar jene bereits von der Wormser Synode bekämpfte Totenspeisung auf gegeben hat, aber auch auf eine Vertreibung, wie die athenische Feier, gerichtet ist. Mit lautem „Herausruf“ und Hämmern an die Pforten werden Kröten, Schlangen, Mäuse und Motten, die wir alle als Seelentiere kennen, aus der Türe hinausgejagt. Und wiederum ist es doch nur eine Verschleierung des seelischen Inhalts dieser alten Bräuche, wenn Schwaben, Bayern und Franken am etwas späteren Frühlingsfest des Laetaretags: „Daraus, daraus, Tod naus, Tod naus“ singen.

Die Kirche hat endlich auch den schönen Familienzug der Ahnenbegrüßung durch das Brautpaar, den wir in Indien, Griechenland und Rom fanden, nicht ausmerzen können oder wollen. In der schwedischen Landschaft Wärend trinkt der Bräutigam auf das Wohl seiner verstorbenen Voreltern und seiner Schwiegervoreltem. Am Lechrain, in Oberschwaben, Baden und um Saarlouis geht das Paar vor oder nach der Trauung mit den Freunden an die erblichen Grabstätten, um dort zu beten. Dies Betreten der Gräber nannte man bei Saarlouis „zu Gaste laden“. Das Gebet zu den Ahnen mag auch hier vorzugsweise auf Kindersegen gerichtet gewesen sein, wie bei jenen andern Völkern, wenigstens kommt die dort damit verbundene Beschüttung mit Früchten auch in Deutschland in demselben Abschnitt des Festverlaufes vor. Wenn das junge Paar aus der Kirche trat, überreichte man ihm in der Zwickauer Gegend Getreideähren, in Oberelsaß und in Mecklenburg aber begoß man es mit Korn oder Leinsamen. Nicht nur bei der Eheschließung, sondern auch bei andern wichtigen Entschlüssen suchte man die Stätten der Ahnen auf. So forderte der mächtige Gode Snorri einen ratsbedürftigen Freund auf, mit ihm hinauf aufs Helgafell, den heiligen Berg seiner Vorfahren, zu gehen, denn die dort geratenen Ratschläge seien gewöhnlich nützlich gewesen. Offenbar, weil die Toten für Schutzgeister der Familie galten.

Wie sich der Totenkultus aus dem engeren Geschlechtsverbande zu einer umfassenderen Geltung emporarbeitete, lehrt am deutlichsten die germanische namentlich im Norden, wo sich diese Art der Genossenschaft, gleich dem für ihre Hauptfeier maßgebenden Erbmahl, in der altertümlichsten und vollsten Form erhalten hat. Die nordische Gilde war eine nicht auf Blutsverwandtschaft, sondern auf einen feierlich beschworenen Bund gegründete Brüderschaft, deren Mitglieder in ältester Zeit die der Sippe zustehende Pflicht übernahmen, den Totschlag eines Mitglieds zu rächen, oder das Wergeid dafür zu empfangen und den Kultus des Toten zu besorgen. Sie führte ihren Namen von dem aus gemeinsamen Beisteuern, Geldern, bestrittenen regelmäßig wiederkehrenden Opfergelage, altnordisch gildi, altsächsisch geldy angelsächsisch gild, das ursprünglich dem Verstorbenen von der Genossenschaft verrichtet wurde. Der Erbe fügte bei diesem Mahl der Minne des Vaters die Minne der Götter, in christlicher Zeit aber Gottes, Christi und seiner Heiligen bei, die nach der Sage der Bischof Martin von Tours in einem Traum dem König Olaf Tryggvason statt der Götter beim Minnetrunk anzurufen geboten hatte. So trank denn auch z. B. König Svein als Erbe die Minne seines Vaters, des großen Knut, mit dem Gelübde, den Angelsachsen König Äthelred zu töten, dann die Minne Christi und endlich die des heiligen Michael. Der Totenminnetrunk wurde in den christlichen Gilden, z. B. den schwedischen, durch ein Gebet aller Brüder und später auch Schwestern für das Seelenheil der verstorbenen Mitglieder verdrängt, dann folgte aber der Rundtrunk auf das Gedächtnis Gottes im Himmel, der Dreieinigkeit oder des Schutzheiligen Erich oder Olaf oder aller Heiligen. Der altheidnische mit Blutrache und Totenverehrung verquickte Seelendienst mag vorzugsweise Karl den Großen im Jahr 779 bewogen haben, den sächsischen Gildebrüdem die gegenseitige Eidleistung zu verbieten und ihnen nur bei Feuers- und Wassersnot gegenseitige Hilfe zu gestatten.

Man verkehrte aber mit den Toten nicht nur durch Opfer, sondern auch durch , eine uralte Kultart, die gerade in diesem Verkehr ihre starke Stammwurzel hatte. Die Toten, an Alter den Lebenden überlegen und in andre Kreise entrückt, wußten mehr als die Hinterbliebenen. Schon die Sterbenden vermochten in die Zukunft zu schauen, wie der todeswunde Sigmund den Ruhm seines noch ungeborenen Sohnes Sigurd voraussagte, und dieser scheute sich, dem von ihm erlegten Drachen Fafnir seinen Namen zu nennen, aus Furcht vor des Sterbenden Fluch. Dem Verstorbenen vollends traute man übermenschliche Fähigkeiten zu und suchte sich in Zweifeln und Nöten seines Rats und Beistandes zu versichern. Man ging an sein Grab und weckte ihn durch feierliche Rufe, Beschwörungen und Runensprüche, die Hellirunen d. h. Unterweltsrunen. Als Sacrileg bekämpfte solches Toten wecken und befragen schon der fränkische Indiculus im 8. Jahrhundert bei den Sachsen. Swipdag rief vor seiner Brautfahrt seine Mutter Groa, ihn aus dem Grabe mit ihrer Zukunftskunde in Zaubersprüchen zu beraten. Hervör erwirkte durch ihren Weckruf, daß ihr toter Vater Angantyr ihr das fluchbeladene Schwert Tyrfing aus seinem Grabhügel warf. Wie im 12. Jahrhundert ein Norweger auf den Orkneys auf die Gräber ging, um von den Toten Ratschläge und Kunde verborgener Dinge zu empfangen, so legten in Deutschland „weise Leute“ noch vor kurzem den Toten nachts auf dem Friedhof Fragen über die Zukunft vor. Auch ging der alte Nordmann wohl zum Galgen, um mit dem vom eddischen Havamal überlieferten Runenspruch den daran schwebenden Leichnam zum Gehen und Sprechen zu bringen. Die Völur oder Seherinnen aber setzten sich nachts draußen auf das Feld, wo viele Geister schwärmten, und holten sich von ihnen ihre Weisheit (siehe unten). Also auch die Weissagung stammt aus dem Bereiche des Seelenkultus, und selbst der oberste Gott bedarf ihrer Hilfe. Durch Balders böse Träume erschreckt, ritt Odin zur Hel hinab und zwang durch seinen Leichenzauber eine längst tote Wölwa, auf die schon viel Schnee und Regen gefallen war, zur Auskunft über der Götter Schicksal.

Wie die christlichen Gräber unter dem Zeichen des Kreuzes oder auch unter einer frommen Inschrift stehen, so wurden die nordischen Grabsteine und Urnen nicht nur durch eingeritzte Hammerfiguren und Hakenkreuze, Thors Blitzwaffen, sondern auch noch deutlicher durch Runeninschriften wie: „Thor, weihe dieses Grab!“ geschützt. Im Bronzezeitalter aber stellte man im Norden große inschriftlose Steine bei und zuweilen in dem Grabe auf, die sogenannten Bautasteine, wahrscheinlich ursprünglich, um den Toten darin festzuhalten. Doch wurden diese Steine später durch Runen zu Gedenksteinen umgebildet. Dem Bautastein innerlich verwandt scheint die Heersäule (Haristado) oder der Stappel des Salischen Gesetzes, der ins Grab eingelassen wurde, und ziemlich klar liegt die Geschichte des bayrisch – alemannischen Toten-, Leichen-oder Rebretts vor. Man legte den Verstorbenen gleich nach dem Tode auf ein Brett, brachte ihn auf diesem zum Grabe, ließ ihn in die offene Erde hinabgleiten und legte das Brett über ihn. Dies letzte bezeugt das bajuwarische Gesetz. Auf der Züricher Landschaft und in der Ramsau ließ man noch später die Leiche vom Brette hinab, nahm dieses aber mit, um es als Gedenkladen über einen Bach zu legen oder am Wege aufzurichten. Noch später richtete in Bayern der Tischler zuerst das Brett, dann den Sarg und das einfache Holzkreuz. Das Brett wird noch im Salzburgischen beim Leichenzuge mitgetragen und bei der „Totenrast“, am ersten Feldkreuz oder alten Baum, woran ein Heiligenbild hing, unter kurzem Gebete niedergelegt. Oder es wird im Pinzgau nach der Heimkehr vom Begräbnis an der Scheune der Familie des Verstorbenen wagerecht befestigt oder senkrecht in die Erde gepflanzt. Sie sollen den, der über diese Rebretter oder Gedenkläden schreitet oder an ihnen vorbeigeht, zum Gebete für die arme Seele mahnen. Mitten in der freien stillen Natur oft in größerer Anzahl aufgerichtet, ergreifen sie als eigenartige Totengedächtnismäler einer anderen Welt mächtig das Gemüt, wie jene hohen unbehauenen Bautasteine, die in Schweden und Bornholm meistens auch in größerer Anzahl beisammenstehen.

Das bunte Wirrsal aller dieser oft widerspruchsvoller Vorstellungen und Bräuche indogermanischer Völker durchzieht wie ein roter Faden ein Urgefühl, ein Grundgedanke: die Seele ist ein nach dem Tode mehr oder minder sinnlich fortlebendes, wenn auch nur einige Zeit, etwa drei Menschenalter, nicht ewig fortlebendes Wesen. Sie fährt als Wind dahin, wohnt als Tier im Hause, streift in Wolfsgestalt umher oder kehrt als Wiedergänger in Menschengestalt zurück. Sie kann sich zu einem Heros, zu einem Rache- oder Schutzgeist steigern, wie wir noch hören werden. Sie kann mächtig auf das Dasein der Hinterbliebenen ein wirken. Weil sie reizbar ist, wird sie meistens abgewehrt oder zu versöhnen gesucht, doch macht sich später auch liebevolle Verehrung bemerkbar. Zumal am 3. Tage nach dem Tode, ferner am 9. (10.), später am 7., dann am 30. und endlich am Jahrestage des Todes verlangt die Seele ihr Opfer, die Seelengesamtheit im Herbst und im Frühling, wenn, wie es scheint, ihre Lebensweise mit der Jahreszeit sich ändert. Ein fleißiger Verkehr entsteht zwischen den Lebenden und den Toten und unterhält, wie z. ß. namentlich beim Gebet zu den Ahnen auf der Hochzeit, einen festen Familienzusammenhang. So ist auch vielfach noch der Aufenthalt der Seele das Haus, das sie als lebendiger Mensch bewohnte, oder doch die Umgebung desselben, das nahe Grab oder ein benachbarter Berg. Noch Snorres Vorfahren nimmt der heilige Fels Helgafell auf, und Holger Danske, Siegfried und die drei Grütlimänner gehen in den Berg. Doch bewohnen die Seelen auch abgelegene Heiden- und Waldhügel oder fahren unruhig in nebelnder oder sausender Luft einher. Wie es keine ewige Fortdauer, gibt es auch kein eigentliches Jenseits für sie. Doch besteht schon früh ein Vergeltungsglaube. Das ist der Urglaube der indogermanischen Völker, der zwar durch den Elfen- und den Götterglauben erweitert und veredelt wird, aber trotz aller Poesie und Philosophie und selbst trotz der Bekehrung zum Christentum noch immer wie ein Bleigewicht an den höheren Unsterblichkeitsvorstellungen unseres Volkes hängt.

Der Seelenglaube hat auf die anderen Gebiete der heidnischen Religion einen starken Einfluß geübt. Die Seele als Wind z. B. griff vielfach in den Kreis der Winddämonen und der Windgötter hinüber. Die Seele als Tier, das vor dem Todesmoment erscheint, und als Wiedergänger mußte den Glauben an besondere Schutz- oder Rachegeister wecken oder stärken. Vereinigte sich die Seele schon im Winde mit den Dämonen und Göttern, so lag es nahe, sie auch in deren Rast- und Wohnörter einzuführen und diese zu Höllen und Paradiesen zu gestalten. Die alten Totenopferzeiten und -bräuche wurden zum Teil auch den Naturgeistem und den Göttern zugewendet. Der Seelenglaube wurde eine Vorschule gar mancher höherer Mythenbildungen und Kultusformen. Diese sind weiten, teilweise später angelegten Schonungen vergleichbar, die im Schutze eines älteren Waldes aufwuchsen, um endlich hoch über jenen emporzuschießen. Wir betrachten nun diese anderen Bestände.

Text aus dem Buch: Mythologie der Germanen, Verfasser Meyer, Elard Hugo.

Siehe auch Deutsche Mythologie:

Die einzelnen Kapitel des Buches:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt

Mythologie der Germanen

(Die darein aufgenommenen Lebensskizzen der genannten Brüder sind hier weggelassen, da sie nicht von Goethe herrühren.

Die Betrachtung, die sich uns nur zu sehr aufdrängt: daß der Tod alles gleich mache, ist ernst, aber traurig und ohne Seufzer kaum auszusprechen; herzerhebend, erfreulich aber ist es, an einen Bund zu denken, der die Lebenden gleich macht, und zwar in dem Sinne, daß er sie zu vereintem Wirken aufruft, deshalb jeden zuerst auf sich selbst zurückweist und sodann auf das Ganze hinleitet.

Betrachten wir also die von uns abgeschiedenen Brüder, als wenn sie noch unter uns wären Auch sind sie noch unter uns, denn wir haben wechselseitig aufeinander gewirkt und, indem daraus grenzenlose Folgen sich entwickeln, deutet es auf ein ewiges Zusammensein.

Unser Bund hat viel Eigenes, wovon gegenwärtig nur das eine herausgehoben werden mag, daß, sobald wir uns versammeln, die entschiedenste Art von Gleichheit entsteht: denn nicht nur alle Vorzüge von Rang, Stand und Alter, Vermögen, Talenten treten zurück und verlieren sich in der Einheit, sondern auch die Individualität muß zurücktreten. Jeder sieht sich an der ihm angewiesenen Stelle gehalten. Dienender Bruder, Lehrling, Geselle, Meister, Beamte, alles fügt sich dem zugeteilten Platz und erwartet mit Aufopferung die Winke des Meisters vom Stuhl; man hört keinen Titel, die notwendigen Unterscheidungszeichen der Menschen im gemeinen Leben sind verschollen. Aber auch nichts wird berührt, was dem Menschen sonst am nächsten liegt, wovon er am liebsten hört und spricht; man vernimmt nichts von seinem Herkommen, nicht, ob er ledig oder verheiratet, vater- oder kinderlos, zu Hause glücklich oder unglücklich sei; von allem diesem wird nichts erwähnt, sondern jeder bescheidet sich, in würdiger Gesellschaft, in Betracht höherer, allgemeiner Zwecke, auf alles Besondere Verzicht zu tun.

Höchst bedeutend ist daher die Anstalt einer Trauerloge: hier ist es, wo die Individualität zum ersten Male hervortreten darf, hier lernen wir erst einander als Einzelne kennen; hier ist es, wo das bedeutende wie das unbedeutende Leben in seinen Eigenheiten erscheint, wo wir uns in dem Vergangenen bespiegeln, um auf unseren gegenwärtigen, lebendigen Wandel aufmerksam zu werden.

Wenige allgemeine Betrachtungen über die uns dargestellten Lebensereignisse von vier Brüdern, deren jeder in seiner Art unserem Bunde Ehre macht, wird man wohl hier erwarten dürfen. Der erste, in Armut und Niedrigkeit geboren, höhere Eigenschaften in sich fühlend, mit entschiedenem Willen die Ausbildung derselben erstrebend, einen mäßigen Zustand erreichend und in demselben selbständig, sich selbst beherrschend, seinen Vorsätzen, seiner Pflicht getreu, ein ruhiges Leben in Mittelmäßigkeit führend, gibt uns das schönste Beispiel eines aus sich selbst entwickelten, im engen Kreise tätigen, der Gesellschaft nützlichen, und kaum bemerkt vorübergehenden Mannes. Gerade dies sind Eigenschaften und Schicksale, die sich in der bürgerlichen Welt sehr oft wiederholen und überall, wo sie erscheinen, ein segenvolles Beispiel hinterlassen.

Der zweite, in einen leidlichen Zustand eintretend, fühlt schon in den Knabenjahren, daß es schwer sei, für sich selbst zu bestehen, daß vielmehr derjenige wohltut, der sich bald entschließt, zu eigener Erhaltung anderen zu dienen, um bei fortgesetztem guten Betragen sich an das Glück mehrbegünstigter Weltbürger mit angereiht zu sehen. Hier gelangt er denn über wenige Stufen in den Dienst einer vortrefflichen Fürstin, genießt den Vorteil ihrer Nähe zu den schönsten Zeiten, schließt zuletzt seine Laufbahn als dienender Bruder des hohen Bundes, und fühlt sich in die würdigste Einheit verschlungen: ein günstiges Schicksal, das er sich durch lebenslängliche Dienstfertigkeit wohl verdient hat.

Der dritte, im mittleren bürgerlichen Leben einen bequemen Weg geführt, findet zuletzt angemessene Stellen im Staate; er versieht sie mit Zufriedenheit seiner Vorgesetzten und des Fürsten und hält sich gleichmäßig aus bis ans Ende. Aber die ihm obliegenden Geschäfte füllen seine Tätigkeit nicht aus, eine mäßige Einnahme reicht zu seinen Bedürfnissen nicht hin, und so bemüht er sich im weltbürgerlichen Sinne, durch Vieltätigkeit anderen zu dienen und vielleicht dadurch sich selbst zu nützen: aber keines von beiden gelingt in dem Grade, daß die doppelte Absicht erfüllt würde; wir bemerken seine Wirkung nach außen oft unterbrochen, gelähmt, und sehen ihn aus einer sorgenvollen Lage hinscheiden.

Der vierte gibt uns gleichfalls Anlaß zu ernsten Betrachtungen. Er war von Jugend auf durch Natur und Umstände begünstigt; als Knabe schön gebildet, Liebe und Neigung sich von früh auf erwerbend; aus dem Jünglinge entwickelte sich ein treffliches Künstlertalent; er lebte als treuer, heiterer Freund unter seinen Gesellen, zeigte sich als wackerer, kriegerischer Bürger, und in allen diesen Zuständen sieht er sich gefördert, jeden Wunsch erreicht, jeden Vorsatz begünstigt.

Betrachten wir ihn nun als Maurer, so fällt auch hier: jede Bemerkung zu seinen und unseren Gunsten. Mit Leidenschaft schloß er sich an unseren Bund; denn er fühlte darin die Ahnung dessen, was ihm sein Leben durch gefehlt hatte, dessen, was er bei dem besten Willen aus sich selbst zu entwickeln, bei sich selbst festzustellen nicht vermochte, einen gewissen Halt nämlich, ein Regulativ, woran er sich als Künstler messen, als Mensch, Freund und Liebender prüfen könnte. In unserem Bunde erschien ihm zum ersten Male das Ehrwürdige, das uns selbst Würde gibt, die alles umschlingende, aus lebenden Elementen geflochtene Kette, der Ernst einfacher, immer wiederkehrender und doch immer genügender und hinreichender Formen.

Dieser Eindruck auf das empfängliche Gemüt war so groß, daß er unseren Arbeiten niemals ohne Aufregung beiwohnen, ihrer niemals ohne Rührung gedenken konnte ; daß er in denselben Sitte, Gesetz, Religion zu fühlen und vorzuempfinden glaubte, und zwar in dem Grade, daß er in seinen letzten Augenblicken als höchste Beruhigung empfand, einem Bruder die Hand zu drücken und den übrigen Verbundenen einen traurig-dankbaren Gruß zu senden. Ja man kann überzeugt sein, daß, wäre er früher in unsere Verbindung getreten, ihm dasjenige geworden wäre, was man an ihm zu vermissen hatte.

Und hiermit lasset uns zum Schlüsse eilen; denn sowohl über ihn als sonstige Abgeschiedene eigentlich Gericht zu halten, möchte niemals der Billigkeit gemäß] sein. Wir leiden alle am‘ Leben; wer will uns, außer Gott, zur Rechenschaft ziehen? Tadeln darf man keinen Abgeschiedenen; nicht was sie gefehlt und gelitten, sondern was sie geleistet und getan, beschäftige die Hinterbliebenen. An den Fehlern erkennt man den Menschen, an den Vorzügen den einzelnen; Mängel und Schicksale haben wir alle gemein, die Tugenden gehören jedem besonders.

Text aus dem Buch: Goethe und die königliche Kunst (1905), Author: Wernekke, Hugo.

Hier geht es weiter:
Goethe und die königliche Kunst – Vorwort
GOETHE UND DIE LOGE AMALIA
Goethe und die königliche Kunst – ZWISCHEN DEM ALTEN, ZWISCHEN DEM NEUEN
Goethe und die königliche Kunst – IM FREIMAURERBUNDE
GOETHE UND DAS MAURERTUM
Goethe und die königliche Kunst – ZUSTIMMUNG UND ANREGUNG

Weiterführendes über Goethe:
Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.
Goethe und die graphischen Künste – Holzschnitt.
Goethe und die graphischen Künste – Steindruck.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes graphische Sammlungen.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes Anregungen zu graphischen Werken.
Goethe und die graphischen Künste – Goethe und die Einrichtung von graphischen Anstalten in Weimar.

Goethe und die königliche Kunst

III. IM FREIMAURERBUNDE

Am 8. Juli 1808 wurde der wiedererweckten Loge Amalia das von der Hamburger Großloge erbetene Patent erteilt, und am 24. Oktober, also am Geburtstage der inzwischen aus diesem Leben geschiedenen fürstlichen Gönnerin und dem 44. Stiftungstage, wurde in dem Salon des Wittumspalais die Loge durch eine schlichte Feier (ohne Tafelloge) von dem neuen Meister vom Stuhl, Br. Bertuch d. Ä., wieder eröffnet. Goethe war aus Karlsbad zurückgekehrt, hatte aber von Jena aus. eine Entschuldigung gesandt:

Eben war ich im Begriff, nach Weimar zu fahren, um heute abend bei der ersten feierlichen Versammlung nicht zu fehlen, als ich vernahm, daß: unsere verehrte Herzogin wahrscheinlich morgen herüberkommt und sich in den Museen umsehen will. Dadurch sehe ich mich veranlaßt, hier zu bleiben, und sende diesen Boten mit der Bitte, mich entschuldigt zu halten; denn ich möchte nicht gern einen Augenblick gleichgültig gegen eine so teure und bedeutende Verbindung scheinen.

Alles Gute und viel Freude zum gedeihlichen Anfang wünschend

Jena, den 24. Okt. 1808. Goethe.

Bei der nächsten Versammlung, im Januar 1809, nahm Goethe an der Tafelloge teil. Es wurde an jenem Abend dem Br. Fernow vom Br. Schulze eine Gedächtnisrede gehalten, und ein poetischer Nachruf gewidmet vom Br. Werner, der zum ersten Male als Besuchender anwesend war. In der Februarloge trug derselbe Bruder ein Gedicht zum Lobe. der Großherzogin Luise aus Veranlassung ihres Geburtstages vor.

Mit Bertuch, dem neuen Logenmeister, war Wieland von jeher befreundet gewesen. Schon dem Studenten hatte er seine Teilnahme zugewandt, ihn 1774 für den redlichsten, gutherzigsten Mann erklärt, den Gottes Boden trägt, und 1775 geschrieben:

„Ich liebe ihn wie einen Sohn.“

Kleine Mißstimmungen waren nur vorübergehend; nach dreißig Jahren noch standen sie in vertrautem Gedankenaustausch. So war es natürlich, daß Bertuch von der Sache, um deren Förderung er sich so eifrig bemüht hatte, auch mit Wieland gesprochen, und daß Wieland die überzeugung gewonnen hatte, die geringschätzige Meinung, womit er vor Jahren den Freimaurerorden und den Kapuzinerorden auf ungefähr gleiche Stufe gestellt, sei nicht mehr aufrecht zu halten, wenn sie überhaupt je berechtigt gewesen. Er war zu der Ansicht gelangt, die dermalige Freimaurergesellschaft

„sei ein der Menschheit Ehre machendes, auf ein hohes, aber erreichbares Ziel hinarbeitendes Institut“

, von dem er seinem eignen Streben nach sich gewissermaßen als ein unsichtbares Mitglied betrachten könnte, und er sprach den Wunsch aus, in diese „venerable Verbrüderung“ eingeführt zu werden. So wurde er denn in den ersten Tagen des April „in einer engeren, bloß vom Meister mit den Brüdern Beamten gehaltenen stillen Loge zum Br. Freimaurer historisch aufgenommen“. Dem 76jährigen Greise die ritualgemäß; damit verbundenen Formen zu ersparen, war von dem Großmeister ausdrücklich gestattet worden. Am 4. April wurde er in einer zahlreich besuchten Logenversammlung, in der auch Goethe nicht fehlte, feierlich eingeführt. Bei der sich anschließenden Tafelloge wurde das für diesen Tag vom Br. Werner verfaßte Lied gesungen, worin die Freude zum Ausdruck kommt, daß den Brüdern der Amalia hinfort das Licht der Dioskuren Goethe und Wieland strahlen solle.

Wieland vergalt reichlich die Verehrung, die ihm entgegengebracht wurde. Er scheint in keiner Logenversammlung gefehlt zu haben, es sei denn, daß Krankheit ihn verhinderte. Seine Ansichten über die Bedeutung und die Wirksamkeit der Freimaurerei legte er in drei formvollendeten Reden, bei festlichen Gelegenheiten vorgetragen, den Brüdern dar; aus eignem Antriebe bat er, an den Sitzungen der Armenkommission teilnehmen zu dürfen. Goethe konnte zum Besuch der Loge keine Zeit mehr erübrigen — selbst nicht bei so bedeutsamer Veranlassung wie am 9. September 1809, als sich Prinz Bernhard von Weimar in die Loge aufnehmen ließ und Wielands Schwiegersohn, Br. Reinhold (Professor in Kiel), eine Rede hielt, worin er dem neuaufgenommenen Bruder die erhabenen Zwecke der Freimaurerei und das Verhältnis eines Fürsten zu derselben vorstellte; oder bei der Neuwahl des Meisters vom Stuhl am 10. Juni 1810, da wegen Überhäufung mit Geschäften Bertuch die Logenleitung aufzugeben wünschte, sich jedoch bewegen ließ, das von seinem Nachfolger, Br. Ridel, bisher bekleidete Amt des deputierten Meisters zu übernehmen; oder am 4. September desselben Jahres, wo der Geburtstag des durchlauchtigsten Protektors (am 3. Sept.) und Wielands (am 5. Sept.) eine gern benutzte doppelte Veranlassung zu einer schönen Logenfeier gegeben hatte. Am 5. Oktober 1812 richtete Goethe an Ridel folgendes Schreiben:

Ew. Wohlgeb. würden mir eine besondere Gefälligkeit erzeigen, wenn Sie mich auf irgend eine schickliche, der maurerischen Form nicht unangemessene Weise als Abwesenden betrachten und meine Verpflichtungen gegen die Gesellschaft suspendieren möchten.

Ungern würde ich diese ehrenvolle und interessante Verbindung ganz aufgeben, möchte aber doch, da es mir unmöglich fällt, den Logen regelmäßig beizuwohnen, nicht durch mein Ausbleiben ein böses Exempel geben. Vielleicht vernehme ich mündlich das Nähere, bis dahin ich auch meine Entschuldigung verspare.

Verehrend

Goethe.

Von dieser Entschuldigung, die jedenfalls freundliche Billigung fand, machte Goethe fortan Gebrauch, ohne sich jedoch der Loge ganz zu entziehen. Es wird versichert, daß, er

„ununterbrochen an jedem bedeutungsvollen Ereignisse, an jedem größeren Feste der Loge so lebhaften Anteil nahm, daß die wichtigeren Reden, Gesänge und Anordnungen meist seiner vorausgehenden Prüfung und Billigung sich erfreuen durften“

; die Vermittelung mag meist durch den Kanzler v. Müller geschehen sein. Wie gewissenhaft Goethe bei der Bekundung solcher Teilnahme war, zeigt sich recht deutlich bei den Vorbereitungen zu Wielands Totenfeier.

Von einem Schlaganfall, der den sonst noch so rüstigen Greis am 1o. Januar 1813 getroffen, genas er nicht wieder. Am 20. Januar gegen Mitternacht entschlief er. In Bertuchs Hause wurde die Leiche ausgestellt, in Oßmannstedt fand das Begräbnis statt. Zum Tragen des Sarges hatten sich Mitglieder der Amalia und zwei auswärtige Brüder erboten. Konnte die Feier am Grabe infolge der rauhen Jahreszeit nur kurz sein, so dachten die Brüder alsbald an eine besondere Trauerfeier in der Loge. Karl August äußerte den Wunsch, daß die ganze fürstliche Familie bei dieser Feier, die auf den 18. Februar angesetzt wurde, zugegen sein und diese danach eingerichtet werden möge. Es war ein außerordentlicher Fall, besonders soweit es sich um die Damen des Hofes handelte; denn nun wünschten auch die Frauen der Brüder kommen zu dürfen. Goethe war bereit, die Gedächtnisrede zu halten, erklärte aber, daß diese nicht auf die Gegenwart von Frauen berechnet sei — „anderer Gründe seiner Abneigung dagegen nicht zu gedenken“. Dem Meister vom Stuhl übersandte er am 6. Februar den Entwurf seiner Rede zur Durchsicht mit diesen Zeilen:

Ew. Wohlgeb. wünschten die besprochene Rede bald zu sehen; ich teile sie daher sogleich mit, um gütige Bemerkungen bittend, von denen ich bei weiterer Ausarbeitung Gebrauch zu machen nicht verfehlen werde. Sie schenken mir wohl nächste Woche einen Mittag, wo das Weitere kann besprochen werden. Mögen Sie mir Herrn Landkammerrat Bertuch zusenden, so bespreche ich mit diesem noch einiges Äußerliche. Wegen des gestrigen augenblicklichen Dissenses um Verzeihung bittend, erkläre ich mich zu allem willig und bereit, was die verehrten Brüder beschließen werden.

Hochachtungsvoll und dankbar

Weimar, den 6. Februar 1813. Goethe.

Ridel schrieb nach dem ersten Durchlesen der Rede, am folgenden Tage (Sonntag):

„Ihro Exzellenz haben mir durch die Zusendung Ihrer Rede zu Wielands Angedenken eine der höchsten und genußreichsten Stunden meines Lebens verschafft, wofür ich Ihnen in der Tat meinen und derer Dank, welche auch diesen Genuß bald zu hoffen haben, nicht genug zu sagen weiß, Nur Sie konnten mit solchen Meisterzügen in dieser kurzen Zeit das ganze poetische und menschliche Leben Wielands so kräftig und wahr auffassen und den Schlüssel zu diesem Schatz, der so vielen ein ewiges Geheimnis bleiben wird, so glücklich auffinden und in unsere Hände darlegen. Meiner bisherigen Überzeugung nach wünsche ich kein Wort darin geändert. Wollen Sie indes erlauben, daß ich die Rede behalten darf, bis ich persönlich aufwarten kann, so wäre es mir besonders deswegen sehr lieb, damit ich sie vielleicht noch ein paarmal durchlesen könnte. Es versteht sich von selbst, und ich verspreche es überdies auf Maurerwort, daß die Rede in meinem Pulte verschlossen bleibt, und daß niemand sie zu sehen bekömmt. Etwa vom Donnerstag an stehe ich jeden Tag, wo es Ihnen am bequemsten ist, jederzeit zu Ihrem Befehl. Früher möchte ich es deswegen verbitten, weil die Loge am nächsten Dienstag mit den Vorbereitungen zur Feier u. dgl. viel Zeit wegnimmt und der Mittwoch dann auch noch kleine Arbeiten notwendig macht, auch Kammersession ist . . . Ihre gütige Äußerung, sogleich in das einzustimmen, wohin die Wünsche der Brüder gingen, veranlaßt mich, sogleich meinen Wunsch mitzuteilen, dessen Erfüllung nun hoffentlich auch mit Ihrer Zustimmung geschehen kann.“

Ridel weist nun, im Einverständnis mit der Beamtenkonferenz, darauf hin, daß die Damen des Hofes auf des Großherzogs Wunsch erscheinen würden, daß dann aber auch die Frauen der Brüder teilzunehmen wünschten; daß ein solches Zusammentreffen doch auch sonst, in Konzerten, Ressource-Gesellschaften, auf der Redoute stattfinde; daß die Frauen ja gleich im oberen Saale des Wittumspalais ihre Plätze erhalten könnten, während „der Hof im eigentlichen Sinne“ sich in den unteren Zimmern versammelte: sobald auch dieser in den oberen Saal eingetreten, könne die Feier ihren Anfang nehmen. Übrigens sei bei den vom Herzog Karl von Mecklenburg2) in Hannover und Hildburghausen abgehaltenen Schwesternfesten neben den höchsten Herrschaften und den Damen des Hofes auch die geringste Kanzlistenfrau zugegep gewesen und alles in großer Eintracht und ohne Anstoß abgegangen. Man habe auch erwähnt, daß die Männer, als Glieder eines Bundes, von dem man doch glaubt, daß er die menschliche Gleichheit liebt und erhält, falls sie ihre Frauen ausschließen sollten, in deren Augen als inkonsequent handelnd erscheinen könnten, auch in der Loge leicht eine Verstimmung hervorgerufen, hingegen durch Zulassung der Frauen manche Widersacherin der Maurerei mit ihr versöhnt werden könne. Diese Zuschrift Ridels kreuzte sich mit einem Billet von Goethe:

Ew. Wohlgeb. erzeigen uns die Ehre, morgen mittag ein kleines Mahl bei uns einzunehmen, bei dem manches zu besprechen sein wird. Ich wünschte womöglich meinen Aufsatz diesen Abend zurück, weil ich bei einem so reichen Thema mich mancher Omissionen schuldig gemacht. So ist z. B. die Prachtausgabe seiner Werke nicht erwähnt, welche doch auch einem Autor, der sie erlebt, zu großen Ehren gereicht; sowie noch manches andere durch Adsper-sionen im Vorübergehen angedeutet werden kann.

Mich bestens empfehlend

Weimar, den 7. Februar 1813. Goethe.

Da Ridel dieser Einladung auf den Montag nicht folgen konnte, schrieb ihm Goethe:

Ew. Wohlgeb. Beifall, den Sie meiner Rede schenken, ist mir unendlich viel wert, und nun erst kann ich mir eine gute Wirkung von derselben versprechen. Mögen Sie mir das Manuskript durch Überbringer zurücksenden, so kann ich diese Tage noch einige Sorgfalt darauf wenden; es steht alsdann wieder zu Diensten.

Dem so wohl motivierten Beschluß wegen der Schwestern trete mit Überzeugung bei, und hoffe Donnerstag mittag Ihre liebe Gegenwart.

Mich angelegentlichst empfehlend

Weimar, den 8. Febr. 1813. Goethe.

Nach der vertraulichen Unterredung am Donnerstag stellte Ridel am folgenden Tage mit den Logenbeamten den Verlauf der Feier fest, worauf sich Goethe nochmals zu einer kurzen Besprechung anmeldete:

Finde ich Ew. Wohlgeb. zu Hause, so spreche ich gegen i Uhr bei Ihnen ein, um mich eines geneigten Rats zu erholen.

13. Febr. 1813. Goethe.

Darauf wurden die nötigen Einladungen und Weisungen erlassen, und am Donnerstag, 18. Februar, fand die so umsichtig vorbereitete Trauerfeier statt. Die Einführung des Hofes geschah in der vorgesehenen Weise. Der öurchl. Protektor, in Trauer gekleidet, trug „mit Weglassung aller übrigen Orden“ auf der Brust nur das Zeichen der Loge Amalia, und dieses zierte auch die sämtlichen Brüder, ohne sonstige maurerische Bekleidung. Die meisten waren von ihren Frauen begleitet — darunter auch Frau v. Goethe; Bertuch hatte Wielands jüngste Tochter eingeführt. Nach der Eröffnungsansprache des Meisters trug Goethe seine Gedächtnisrede vor, worauf nach nochmaliger Ansprache Ridels mit der üblichen Sammlung für die Armen geschlossen wurde.

„Der Erfolg des Abends,“ schreibt Ridel, „war äußerst glücklich. Achtungsvoll sind der Hof, achtungsvoll die Schwestern von uns geschieden; höher denn vielleicht je ist die Achtung des Publikums gegen die Maurerei gestiegen. Laut wird sie den Brüdern von seiten unseres durchl. Protektors, von den Prinzessinnen, vom Hofe und von den Schwestern bezeugt. Wir haben die schönsten Hoffnungen, daß die würdigsten der Männer, die uns noch nicht angehören, selbst von den Frauen, Maurer zu werden, Veranlassung bekommen. Wenigstens haben die edelsten unter ihnen mit größter Wärme sich dafür erklärt. O, daß der Sturm der Zeiten doch keine dieser schönen Aussichten trübe!“

In dem lateinischen Propemptikon, das K. A. Böttiger den Manen Wielands’gewidmet, hieß es am Schlüsse: Vor der überall tobenden Unruhe, vor dem im Norden ausbrechenden Kriegslärm bist du, ganz in deinen Cicero versunken, dorthin entflohen, wo die verstimmenden Ereignisse nicht zu dir dringen. — Wer so lange wie Wieland seine Teilnahme an den Tagesereignissen, und sehr entschieden auch an den politischen, bekundet hatte, durfte sich wohl eine solche Zurückgezogenheit gönnen. In der Loge konnte und wollte man sich den Eindrücken jener bewegten und schweren Zeit nicht verschließen. Wenn bedeutende Ereignisse die Mitbürger erregten, wenn Mitglieder der Loge zum Kriegsdienst berufen, wenn die einen auf dem Felde der Ehre geblieben, die andern glücklich heimgekehrt waren, so kam das Mitgefühl der Brüder auch in der Loge zu gebührendem Ausdruck. So geschah es gewiß auch, als der Herzog, der nach der Schlacht bei Leipzig sich den Verbündeten angeschlossen hatte, als russischer General ein aus Sachsen, Hessen und Russen zusammengesetztes Korps nach Belgien zu führen hatte, und wiederum, als er nach einer Abwesenheit von fast acht Monaten (er hatte nach der Einnahme von Paris noch eine Reise nach England gemacht) wieder heimkehrte. Mit Jubel wurde der geliebte Fürst von dem Lande, zumal von seiner Hauptstadt, begrüßt. Festlich geschmückt waren die Häuser. Unter den symbolischen Bildern, die an der Kunstschule angebracht waren — vermutlich auf Anregung und unter Mitwirkung Goethes — befand sich auch eins mit den Sinnbildern der Freimaurerei: Zirkel, Winkelmaß, Senkblei, fünfstrahliger Stern. Von Goethe eigenhändig gezeichnet und mit einem Sinnspruche versehen, fand es bei Karl Augusts Regierungs- und Goethes Staatsdienerjubiläum nochmals Verwendung.

Am 50. Stiftungsfest der Loge (24. Okt. 1814) wurde der russische Oberst v. Geismar aufgenommen, der sich um die Stadt Weimar namentlich durch den Schutz gegen den am 21. Oktober‘ 1813 drohenden feindlichen Überfall verdient gemacht hatte. Da seine Anwesenheit nur noch kurz war, wurde seine Beförderung in den zweiten und den dritten Grad sehr beschleunigt. Der zu diesem Zwecke am 15. November abgehaltenen Meisterloge wohnte Herzog Bernhard bei. Auch hatte der Meister vom Stuhl das Vergnügen, den Br. v. Goethe zu begrüßen, welcher nach langen Abhaltungen zum ersten Mal wieder im Bruderkreis erschienen war. Dem Eindruck dieser Versammlung ist vielleicht das als „Symbolum“ bezeichnete Gedicht zu verdanken („Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben . . .“).

Am 5. Dezember 1815 konnte den Brüdern v. Egloffstein, v. Linker und v. Wolfskeel, die aus ehrenvollem Kampfe für Deutschlands Freiheit zurückgekehrt waren, ein maurerisches Willkommen geboten werden. An demselben Abende wurde Julius August Walther v. Goethe, Kammerrat und Kammerjunker, unter der Bürgschaft seines Vaters in den Freimaurerbund aufgenommen. Es war die letzte ritualmäßige Arbeit, der Br. v. Goethe d. Ä. beigewohnt hat. Um so fleißiger nahm der neue Bruder teil. Nachdem er am 8. Dezember 1816 in den zweiten und am 26. Januar 1820 in den dritten Grad befördert worden war, übernahm er das Amt des zweiten Schaffners, das er von 1820 bis 1829 pünktlich verwaltete. Durch ihn wurde fortan vorzugsweise der Verkehr des Vaters mit der Loge vermittelt. So erfahren wir aus der Lehrlingsloge vom 16. Januar 1816, der ersten nach seiner Aufnahme, daß er bei der Umfrage um das Wort gebeten, „um den Dank seines verehrten Vaters abzustatten für die ihfn in der letzten Loge widerfahrene ausgezeichnete brüderliche Aufnahme“. Ebenso sprach er am 19. Februar desselben Jahres beim Stiftungsfeste der Loge zu Erfurt in des Vaters Namen. Als er (am 25. Dezember 1789 geboren) am 27. Oktober 1830 in Rom gestorben war, widmete der Meister vom Stuhl ihm einen ehrenden Nachruf, mit warmer Anerkennung der Liebe und Treue, die er dem Bunde bewahrt habe. „Das Wohlwollen seines Herzens, die ungeschminkte Aufrichtigkeit seiner brüderlichen Gesinnungen hat er oft in Kraft des ihm übertragenen Amtes mit dem seltenen Wohllaut seiner Stimme hier ausgesprochen, öfter solche bei jedem Anlaß den Brüdern betätigt; denn alle Begegnisse der Freunde fanden in seinem Herzen den lebendigsten Anteil.“ — „Schmerzlich überraschend,“ heißt es weiter, „war uns allen die Nachricht seines Todes, am schmerzlichsten dem hochverehrten Vater: denn wie tief und innig muß das Gefühl dessen sein, der das fremde Leid nachzuempfinden, der Jammerklage Worte zu leihen, der alles, was das Gemüt eines Vaters bewegt, so auszusprechen vermochte:

Die Zukunft ist des Vaters Eigentum;

Dort liegen seiner Hoffnung weite Felder,

Dort seiner Saaten keimender Genuß.

Doch mit mehr als männlicher Kraft bezwang unser Meister die Gefühle seines Herzens; aber diese Gewalt drohte die Brust zu sprengen, dem eigenen Leben verderblich zu werden. Preisen wir uns glücklich, daß diese Gefahr vorübergegangen ist, und möge die lebendigste Teilnahme seinen Schmerz lindern und er, die Zierde dieses Bundes, noch lange der Welt und uns erhalten sein, den eigenen Spruch bewahrheitend:

„Nicht in das Grab, nicht übers Grab verschwendet Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert.

Er kehrt in sich zurück und findet staunend In seinem Busen das Verlorne wieder.“

Aus erfreulichem Anlaß fand wenige Monate darauf eine große Festloge statt. Der Großherzog hatte den Wunsch geäußert, daß zur Feier der Ankunft des Herzogs Bernhard mit seiner jungen Gemahlin (Prinzessin Ida von Meiningen) eine Fest- und Tafelloge unter Beteiligung der Schwestern angeordnet werden möge. Diese Feier, am 11. Juni 1816, verlief sehr ansprechend in Gegenwart der höchsten Herrschaften und zahlreicher Brüder und Schwestern. Der deputierte Meister, Br. v. Müller, trug eine Abhandlung vor über das Interesse edler Frauen an den Fortschritten höherer Kultur und die rege Teilnahme ihres forschenden Verstandes an dem ernsten Streben der Maurerei, und der erste Aufseher, Br. v. Fritsch, sprach über die Geschichte geheimer Verbindungen. Erstere Rede wurde dann Goethe vorgelegt; er schrieb unter dem 14. Juni an den Verfasser:

Ew. Hochwohlgeb. danke schönstens für die mitgeteilte Rede. Wie sehr wünscht ich, sie gehört zu haben. Auch sie hat den Charakter der diesmaligen Schwesternloge, wo man die Sache ernsthaft und würdig nahm und nicht, wie vor alten Zeiten, ins Scherzhafte und Parodistische zog. So läßt auch Ihre Rede, ohne das Geheimnis zu verraten, den Wert des Geheimnisses fühlen. Da es mir nicht gelang, sie zu hören, danke zum schönsten für ihre Mitteilung.

Im März 1818 sah sich Ridel durch körperliche Leiden veranlaßt, von der Logenleitung zurückzutreten. Sein Nachfolger wurde der bisherige erste Aufseher, der Staatsminister Karl Wilhelm von Fritsch. Er war der Sohn des ersten Meisters vom Stuhl der Amalia, geboren am 16. Juni 1769 in Weimar, trat 1789 in den weimarischen Staatsdienst, wurde 1815 Minister und stand von 1819 an als Chef des ersten Departements des Staatsministeriums an der Spitze der Regierung. 54 Jahre war er im Staatsdienste, und 33 Jahre war er Leiter der Loge. Er starb am 16. November 1851. Daß sein verdienstliches Wirken für die Maurerei nicht auf die Loge Amalia beschränkt blieb, ist besonders hervorgehoben in der Gedächtnisrede, die sein Nachfolger im Logenamte, Staatsminister Stichling, ihm hielt. Er sagt unter anderm: „Dürften wir, vor allem wir, vergessen, welche wesentlichen und ersprießlichen Dienste er im Jahre 1833 als bevollmächtigter Abgeordneter des Gesamthauses Sachsen Ernestinischer Linie bei den Kabinettskonferenzen zu Wien dem deutschen Frei-maurertume geleistet hat — vergessen, daß er es war, der die gegen dasselbe auftauchenden Verdächtigungen mit beharrlichem Eifer zu widerlegen bemüht war und, als es seiner beredten Verteidigung nicht gelingen wollte, die drohenden Maßregeln von unserm Bunde abzuwenden, mit edlem Freimute vor der Diplomatie als Wissender sich bekannte und nur durch1 die bündige Versicherung, daß den Logen jede Beteiligung an dem politischen Parteiwesen fremd sei, sie vor der Ausführung bereits eingeleiteter verderblicher Beschlüsse rettete ? Daß auf deutscher Erde unsere königliche Kunst überhaupt noch Geltung findet, daß demnach auch Weimar noch eine Loge hat, daß kein politisches Interdikt die Bruderkette auseinandergerissen: wir verdanken es ihm, und nie haben Bruder einem in den ewigen Osten eingegangenen Meister verdientere Huldigungen darzubringen gehabt, als wir sie heute unserm verklärten Meister vom Stuhl weihen.“

In der Trauerloge vom 15. Juni 1821 war vor allem des hochverehrten Altmeisters Ridel zu gedenken, der am 16. Januar aus dem Leben geschieden war, ferner der Brr. Kästner (Kantor an der Stadtkirche), Krumbholz (Kastellan des Wittumspalais), Slevogt (Vizebürgermeister von Jena) und Jagemann (Maler). Da die vom Br. v. Müller gehaltene Denkrede auf Ridel gedruckt werden sollte, wurde beschlossen, sie mit einer würdigen Einleitung zu versehen und ihr einen Auszug der vier anderen Reden vorauszuschicken. Das Interesse für dies Schriftchen, schreibt Br. v. Fritsch bei der Absendung an die verbündeten Logen, werde

„gewiß noch dadurch gesteigert werden, daß unser hochverehrter Br. v. Goethe d. Ä. es war, der sich dieser Aufgabe auf das gemütvollste und lehrreichste unterzog“.

Zur Feier des 3. September 1825, des Tages, an dem der durchlauchtigste Protektor vor 50 Jahren seine beglückende und segensreiche Regierung begann, hielten am 13. September im großen Stadthaussaale die Brüder der Amalia eine Festloge in Gemeinschaft mit den Schwestern, wrobei erst der Meister vom Stuhl, dann Br. v. Müller in trefflichen Reden des hohen Einflusses gedachten, welchen das mit Goethe: verbundene Leben und Wirken des verehrten Fürsten auf Künste und Wissenschaften und auf das Gedeihen alles Guten, Edlen und Schönen im Vaterlande geäußert hatte. Goethe, der den Jubeltag selbst in eigenster, schönster Weise gefeiert hatte, zeigte seine Teilnahme an dem Logenfeste durch drei demselben geweihte sinnvolle Gesänge, die vom Br. Hummel in gleichem Geiste komponiert waren (Einmal nur in unserm Leben — Laßt fahren hin das Allzuflüchtige — Nun auf und laßt verlauten).

In demselben Jahre war Goethes 5ojähriges Staatsdienerjubiläum zu feiern. Das am 7. November im Stadthaus abgehaltene Festmahl trug zwar keinen maurerischen Charakter, doch hatte sich um dessen Veranstaltung die Loge besonders bemüht, und die als Redner, Dichter und Komponisten auf tretenden Personen waren fast ausnahmslos Mitglieder der Amalia. Den Vorsitz führte Br. Schwabe (Hofrat und Bürgermeister), und die von ihm ausgebrachten Trinksprüche auf den Großherzog und die Großherzogin waren vom Br. v. Müller verfaßt.

Im nächsten Jahre konnte die Loge zugleich mit dem Geburtstage des Landesfürsten die Rückkehr des Herzogs Bernhard von seiner langen Reise nach Amerika (April 1825 bis Juli 1826) festlich begehen. Bei der Tafel trug Br. v. Goethe II. das von seinem Vater verfaßte Gedicht vor: „Dem glücklich-bereicherten Wiederkehrenden“ (Das Segel steigt, das Segel schwillt).

Am 14. Juni 1828 starb Großherzog Karl August. Mit seinem Lande — um nicht zu sagen mit Deutschland, dessen Interesse an Weimar dem Landesfürsten nicht minder als seinen Dichtern und Denkern galt — betrauerte seinen Hintritt die Loge Amalia, die sich während nahezu eines halben Jahrhunderts seines aufgeklärten Schutzes, seiner immer neu bewiesenen Huld und Förderung erfreut hatte. An seinem Geburtstage (3. September) wurde im großen Stadthaussaale die Trauerloge gehalten, auch diesmal unter Teilnahme der Schwestern. Br. v. Müller hielt die Gedächtnisrede auf den hohen Entschlafenen; aber auch der übrigen Toten des vergangenen Jahres, der Brr. v. Einsiedel (Oberhofmeister), Wolf (Hofschauspieler) und Meisel (Lehnssekretär) wurde gedacht, und dem erst am Vorabend dieses Tages verstorbenen Geh. Hofrat und Leibmedikus Huschke glaubte die Loge, obwohl er nicht Maurer gewesen, ein ehrendes Andenken öffentlich zollen zu müssen, da er im schönsten Sinne die Grundsätze des Bundes geübt und um viele der Brüder sich verdient gemacht hatte. Bei dem tiefen Schmerz, den

Goethe, der nun selbst schon in das achtzigste Lebensjahr eingetreten war, über den Verlust des fürstlichen Freundes empfinden mußte, konnte man auf seine Teilnahme an der angreifenden Feier nicht rechnen, keinen poetischen Ausdruck der gemeinsamen Trauer von ihm erwarten. In sinniger, rührender Weise knüpfte der vom Br. v. Müller gedichtete, vom Br. Eberwein komponierte Weihegesang an Goethes Festgruß von 1825 an durch die Eingangszeilen :

Einmal nur im ganzen Leben,

Was auch noch begegnen mag,

War uns höchstes Glück gegeben,

Strahlte mild ein goldner Tag.

Als ihm selbst noch ein goldener Jubeltag beschieden war, hielt Goethe sich ebenfalls still im Hause. Selbst die Deputation der Loge, die ihn am 23. Juni 1830 begrüßen sollte, konnte er wegen Unpäßlichkeit nicht persönlich empfangen. Das Diplom, das ihm bei „der fünfzigsten Wiederkehr seiner Aufnahme in ihren Hallen die Loge Amalia als Pfand innigster Verehrung, Dankbarkeit und Liebe“ und als Urkunde seiner Ehrenmitgliedschaft darbrachte, nahm er aber mit großer Freude entgegen. Sein poetischer Dank dafür wurde am nächsten Tage bei der johannisfeier der Loge vorgelesen, eingeflochten in die Ansprache, womit Br. v. Müller bei der Festtafel seinen Trinkspruch auf den Jubelmeister einleitete:

Ein schönerer Stern, meine geliebten Brüder, konnte unserm diesjährigen Johannisfeste wohl nicht leuchten, als der, welcher an seinem Vorabende uns aufging, der Glücksstern unsers Goethe, die fünfzigste Wiederkehr des Jahrtages seines Eintritts in unsere Hallen.

Scheint es doch, ein gütiges Geschick wolle ihn in jedem Lebensverhältnis die höchste Stufe nicht nur erreichen — sondern auch heitersten, jugendfrischen Umblick auf ihr genießen lassen!

Fünf Jahre schon — und wir feierten mit freudigem Stolze den goldnen Jubeltag seiner Einkehr in unser Vaterland; — diese fünf Jahre, wie reich an neuen Blüten und Früchten seines unerschöpflichen Geistes sind sie vorübergezogen, mit wieviel neuen Kränzen des Ruhms haben sie sein teures Haupt geschmückt! — Wie sein ganzes Leben hindurch jedes erreichte Ziel in Wissenschaft und Kunst ihn alsobald zu neuer Bestrebung, zu erhöhter Kraftäußerung aufregte; so scheint auch mit jeder höheren Lebensstufe ihm neue Befestigung seines Daseins und Wirkens, uns neue Bürgschaft jenes freundlichen Ver-weilens gewonnen!

Und er ist unser — dürfen wir verbundene Brüder uns heute mit noch gerechterem Stolze zurufen, als jene längst in den ewigen Osten eingegangenen Brüder, die heute vor fünfzig Jahren ihn zum ersten Male als den Ihrigen in diesen Hallen begrüßten.

Mit welchem ahnungsreichen Gefühl mag der ehrwürdige Bode, der an jenem Tage gerade den Hammer führte, einen Genius wie Goethe in unsern Tempel eingeführt, in unsere Symbole und Überlieferungen eingeweiht haben! Von allen Zeugen jenes Johannisfestes ist nur ein einziger noch übrig, unser geliebter Bruder von Schardt; — aber in einem neuen Geschlechte lebt das heilige Gedächtnis jener folgenreichen Stunde zu neuem Jubel wieder auf.

Wenn der edelste Zweck des Maurerbundes Erweckung und Verbreitung rein menschlicher Gesinnung, harmonische Entfaltung und Veredelung geistiger Kräfte, mit einem Worte Humanität ist — wer hat wohl diesen Zweck erfolgreicher gefördert, wer diese Aufgabe meisterhafter gelöst, wer mit schönerem Schmucke die Säulen unseres Tempels umkleidet als Goethe?

Mit dem Adlerfluge des Genius hat er die besonnene Richtung auf klar erkannte Ziele, mit dem höchsten Streben die würdigste Mäßigung, im tiefsten Forschen die lebendigste Anschauung, in zwangloser Freiheit ein sicheres Gleichgewicht zu bewahren und zu vereinigen gewußt. Dieselbe Hand, die den Zauberstab der Dichtung schwang, hat auch mit Winkelmaß und Zirkel die Kreise bürgerlichen Lebens geordnet und ausgeschmückt, unzählige Bausteine zu schirmenden Hallen dauernd aneinander gefügt und mit vollkräftiger Meisterschaft neue Altäre des Lichts und der Wahrheit aufgerichtet. Derselbe Blick, der unermüdet den Geheimnissen der Natur nachspähte, hat auch mit heiterm Wohlwollen in jedem geselligen Verein geleuchtet, dem Ernst des Lebens stets die freundlichste Seite abgewonnen und teilnehmend, erfrischend, belohnend nach tausendfachen Richtungen hin Kraft und Tätigkeit hervorgerufen. Wer vermöchte die Saaten edelster Gedanken und Lehren alle zu zählen, die er segensvoll ausgestreut; — wer zu berechnen, welche unermeßlichen Früchte Mit- und Nachwelt daraus geerntet und ernten werden? Wie am heitern Nachthimmel Stern an Stern überzählig sich hervordrängen, so erscheinen unsern Blicken seine Leistungen!

Und er ist unser — aus unsern stillen Kreisen gingen alle diese herrlichen Strahlen hervor, die die ganze gebildete Welt, vom fernsten Norden über weit getrennte Berge und Meere bis zu Amerikas jugendlich erblühenden Völkern, so wohltätig erleuchten, erwärmen, entzünden!

Mit festem Sinne blieb er unserm Bunde durch alle Wechselfälle des Lebens getreu. Wie die Natur seinem Auge stets als ein lebendiges, großes Ganze erschien, das im Kleinsten wie im Größten den erhabenen Stempel ewiger Gesetzmäßigkeit trägt — so suchte er auch stets in unserm Bunde die einzelnen Kräfte auf ein harmonisches Zusammenwirken, auf ein gemeinsam Erreichbares hinzuleiten; denn er erblickte in der Maurerei — lassen Sie mich es mit seinen eignen Worten ausdrücken — „die alles umschlingende, aus lebenden Elementen geflochtene Kette, den Ernst einfacher, immer wiederkehrender und doch immer genügender und ausreichender Formen.“

Wie freue ich mich, Ihnen das schönste Zeugnis seiner Achtung und Liebe in den geist- und herzvollen Worten mitteilen zu können, die er in dankbarer Erwiderung unsers Andenkens an sein Jubelfest alsobald als brüderlichsten Gegengruß uns gewidmet hat. Ich ersuche den geliebten Bruder ersten Schaffner, sie öffentlich vorzutragen.

(Br. Coudray verliest die Verse: Fünfzig Jahre sind vorüber)

Gewiß mit tiefer Rührung haben wir alle diesen sinnvollen Brudergruß unsers Jubelmeisters vernommen. Wird doch solch ein Dank alsobald zu einer neuen köstlichen Gabe, indem er frischen Samen zu edlem Tun und Sinnen ausstreut. Ja, wie der wohltätige Schimmer eines ewigen Gestirns, leuchtet uns auf den Bahnen des Lebens ein urkräftiges Wort, ein lichtreicher Gedanke! Und wie die wahre Nähe der Geister nicht durch körperlichen Raum bedingt ist, so fühlen auch wir jetzt unsern Goethe mitten unter uns, und unsere Brust erweitert und erwärmt durch seinen Zuruf.

Nicht würdigeres Dankopfer können wir ihm bringen, als wenn wir fort und fort redlich streben, in seinem Sinne zu arbeiten und zu wirken, Licht und Recht, Wahrheit und Bruderliebe, jeder in seinem eigenen, alle im größeren Kreise, unermüdet zu fördern und zu verbreiten.

Möge der ewige Baumeister der Welten ihn noch lange, lange Zeuge dieses unsers Strebens sein lassen!

Ihm, der auf langer Segensbahn Dem Bunde leuchtete voran,

Ehrwürdig in der Weisheit Rat,

Geliebt durch menschlich schöne Tat,

Der in dem raschen Flug der Zeit,

Gesät, gebaut für Ewigkeit,

Mit jedem Lorbeer reich geschmückt,

Durch seine Liebe uns beglückt,

Ihm laßt in froh geschlungnen Reih’n Uns Leberuf und Jubel weih’n!

Die Ansprache wurde gedruckt und dem Gefeierten vorgelegt. Goethe sprach dem Redner seine Zufriedenheit aus, wie dieser in seinem Tagebuche erwähnt (Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedr. v. Müller — 2. Juli 1830): Lob meiner Rede am Johannisfest. Ein mäßiger Enthusiasmus, wie er sich notdürftig rechtfertigen läßt; alles wohl zusammengestellt; gute rhetorische Motive. „Ich bin alt genug,“ waren Goethes Worte, „um das, was mir zu Ehren geschrieben wird, wie ein Unparteiischer beurteilen und loben zu können.“

Als 1832 das Johannisfest gefeiert wurde, war unter den Toten des vergangenen Maurerjahres an erster Stelle -der ehrwürdige Br. v. Goethe zu nennen. Die Trauerloge wurde am Vorabend von Schillers Geburtstag abgehalten. Die durch die teilnehmenden Schwestern vergrößerte Versammlung mußte wieder im großen Stadthaussaale abgehalten werden, der von Br. Coudray (Oberbaudirektor) sinnig ausgeschmückt war.39) Im Osten des Saales erblickte man eine fünfzehn Fuß breite und ebenso hohe, mit einem Bogen auf Säulen geschlossene Durchsicht in ein anmutiges stilles Tal, in welchem auf Felsen sich ein Sarkophag mit den Meisterinsignien zeigte. Darüber erhob sich eine Pyramide, an deren Spitze der Name Goethes im Sternenglanz strahlte, umgeben von schwebenden Genien mit Trophäen und Kränzen. An der Pyramide las man die Inschrift:

Johann Wolf gang von Goethe

geboren 28. August 1749
In den Maurerbund auf genommenden

25. Juni 1780
Eingegangen in den ewigen Osten

den 22. März 1832

Seinem Andenken
Die Brüder der Loge

Amalia


An der vor der Durchsicht angebrachten Brüstung hatte der Meister vom Stuhl seinen Sitz. Hinter ihm erhoben sich die Büsten von Anna Amalia und Karl August. Nach Westen zu, an den langen Seiten des Saales, saßen die beiden Aufseher. Ein hellblauer Teppich war in der Mitte ausgebreitet; an der einen Ecke trug eine dreiseitige Ara Goethes maurerische Bekleidung, mit einem Kranze von Lorbeer und Immergrün bedeckt; an den drei übrigen Ecken waren Kandelaber aufgestellt. Die Wände des reich beleuchteten Saales waren mit passenden Emblemen geschmückt, der Fries durch einen fortlaufenden Sternen-kranz belebt. In einem anstoßenden Raume hatten sich die Brüder versammelt, in einem anderen die Schwestern: „bei der Gedächtnisfeier des unsterblichen Dichters durften edle Frauen nicht fehlen“. Jeder von ihnen (es waren 72) wurde eine mit Goethes Brustbild geschmückte Busennadel überreicht. Tiefen Eindruck machte das Erscheinen der geliebten Schwiegertochter des Verewigten, die, dem angelegentlichen Wunsche der Loge nachgebend, sich mit beiden Söhnen, Walther und Wolf, eingefunden hatte.

Nachdem alle Teilnehmer Platz genommen hatten, stimmten die musikalischen Brüder Rost, Genast, La Roche und Müller IV. den vom deputierten Meister verfaßten Weihegesang an:

Öffnet euch, geweihte Pforten,

Heiliger Schatten, schweb’ herauf!

Liebe sucht von Ort zu Orten Edlen Daseins Spuren auf.

Hat er tüchtig kühn begonnen,

Hat er Rühmlichstes erstrebt,

Sieg nach schwülem Kampf gewonnen,

Für ein höchstes Ziel gelebt;

Hat er wahr und tief empfunden,

Selbst wo menschlich er gefehlt:

Bleibt er ewig uns verbunden,

Höchsten Meistern zugezählt.

Und zum stillen Aschenkruge Tritt die Hoffnung mild heran,

Winket mit geheimem Zuge Uns zu ewiger Sterne Bahn.

Nun folgte die Eröffnungsrede des Meisters vom Stuhl:

Es ist der Drang der Herzen vielmehr als das heilige Gesetz des Bundes, welcher diese Trauerfeier zu veranstalten und zu solcher die höchst- und hochverehrten Anwesenden einzuladen uns gebot; denn nicht begrenzt auf den engem Kreis der Brüder ist der Schmerz um den großen Verlust, den die Loge Amalia am 22. März dieses Jahres erlitten; es ist die ganze gebildete Welt, die ihn mitempfindend teilt.

Im Laufe der nächstvergangenen Jahre war nur zu oft die schmerzliche Veranlassung gegeben, zu gemeinsamer Trauer vereinigt, in tiefster Betrübnis das ewig teure Gedächtnis des erhabenen Schirmherrn sowohl als anderer unvergeßlicher Mitglieder unserer Loge zu feiern. Sie haben der Klage das Mitgefühl nicht versagt, Ihre gemütvolle Teilnahme vermochte das herzzerreißende Leid zu lindern; auch jetzt dürfen wir auf gleich tröstende Mitempfindung zählen.

Dem hochherzigen fürstlichen Freund ist in die Gruft der treue Lebensgefährte gefolgt — das letzte leuchtendste Gestirn ruhmvoller Vorzeit, die Zierde dieses Brudervereins, des Großherzogtums, Deutschlands, ist untergegangen! Und wie bei der sinkenden Sonne die Erde vom Schleier des Taues befeuchtet wird, so netzen umhüllende Tränen jedes Auge bei dem Dahinscheiden des Dichters und Weisen, unsers geliebten und hochverehrten Bruders von Goethe I.

„Wer weinte nicht, wenn das Unsterbliche vor der Zerstörung selbst nicht sicher ist?“ —

Doch nicht in unfruchtbare niederbeugende Bekümmernis darf uns der Gram versenken; richten wir den Blick zuerst in die schöne Vergangenheit, auf das Leben und Wirken des nun im Lichte Verklärten; noch einmal trete sein Bild und sein Handeln lebendig vor unsere Seele, beruhigend, aufmunternd und ermutigend.

Wenige Monde sind verflossen, als in gleich schmerzlichem Beruf wir an dem Sarkophage des früh entschlafenen Sohnes, unseres geliebten Bruders von Goethe II., die Seelengröße und die Charakterstärke des Vaters bewunderten, innige, aus vollem Herzen strömende — leider! unerfüllte — Wünsche für dessen noch lange Erhaltung zum Himmel sendeten! Fassen wir jetzt sein Beispiel ins Auge, und mit verdoppelter Kraftanstrengung sei überwunden der Schmerz, damit zu freier Anschauung wir uns erheben.

Ein reiches Leben, ein viel umfassender unendlicher Wirkungskreis bietet sich der Betrachtung dar; mit ihm ist die glanzreichste Periode der vaterländischen Geschichte auf das innigste verwoben, zahllos verschiedene Sphären bürgerlicher Tätigkeit und Strebens hat dieses Leben berührt und bewegt; und gleichsam zur Versinn-lichung jener eigensten Zustände und vielseitigsten Verhältnisse sind dem Bruder von Goethe im Tode und in dieser Trauerfeier zwei andere Brüder zugesellt, — uns zugleich zur Lehre, daß im Maurerbunde, wie überhaupt im Leben, ein gemeinschaftliches Band die Genossen umschließt, so entfernt auch deren Laufbahn erscheint und nur selten die nähere Berührung erkannt wird.

Der eine dieser Brüder stand im Dienst der unvergeßlichen Fürstin, von welcher die Loge den ersten Schutz und den Namen empfing, der Fürstin, welche nach Weimar Bildung und Geschmack verpflanzte, den Sinn für Kunst und Wissenschaft in ihrem großen Sohne Karl August weckte und nährte; deren obervormundschaftliche Re-‚ gierung die ruhmvolle Bahn eröffnete, auf welcher das erhabene Fürstenhaus, wetteifernd mit jenem der Medici und der Este, seitdem gewandelt ist. Ihr Haus war der Vereinigungspunkt aller trefflichen Köpfe, der Herd der geistvollsten Unterhaltung, und Goethe — so hier als in Italien — stets einheimisch, stets willkommener Gast.

Der Name des zweiten in den ewigen Osten eingegangenen Bruders Voigt erinnert zunächst an seinen würdigen Oheim, an den hochverdienten Staatsmann und Freund unsers Goethe, mit dem er die Mühen und Sorgen um die wichtigeren Staatsgeschäfte teilte; insbesondere war ihrer gemeinschaftlichen Leitung und Pflege anvertraut das Bergwerk in Ilmenau, der Schloßbau, die Aufsicht über die Universität und die Museen, über Bibliotheken und Kunstsammlungen.

Wie überschwenglich die Mannigfaltigkeit der Natur in der physischen Welt sich kundgibt, wenn ein Lichtstrahl im wundersamen Farbenspiel des Regenbogens sich vervielfältigt, oder wenn eine Scholle den Halm und die königliche Eiche nährt, deren weitausgestreckte Aste Tausende von Zweigen umgrünen: so offenbart sich gleicher Reichtum, gleiche Mannigfaltigkeit in der moralischen Welt, und die Betrachtung lenkt sich auf die stufenweise Entwicklung des menschlichen Geschlechts, nach Maßgabe der äußern Zustände, der innern Anlagen und Fähigkeiten.

Johann Samuel Schwarz, zu Ettersburg den 8. August 1767 in niederer Hütte geboren, in der kleinen Dorfschule unterrichtet, umschloß in den Beschäftigungen des Hauses sein Dasein; das Leben floh dahin im Kampfe mit der sinnlichen Natur und mit dem Bedürfnis, bis der Tod ihn in tief erschütternder Lage am 16. Juni dieses Jahres erfaßte. Erst Türsteher, dann Kastellan bei der Loge Amalia hat er längere Zeit mit angeborener Gutmütigkeit uns Dienste geleistet. Sanft ruhe, seine Asche!

Das Leben und Wirken des Bruders Voigt, in zwar minder beschränkten, doch noch immer eng bemessenen Kreisen, wird Bruder Zeutzsch, Freund und Landsmann des Abgeschiedenen, mitteilen; Bruder von Goethe zu schildern, aus überreicher Fülle einige Hauptzüge seines Bildes aufzustellen, blieb dem Bruder von Müller, dem Vertrautesten unter den Vertrauten des Verewigten, Vorbehalten. Es sei mir indessen vergönnt, einiges über Goethes Bezug zum Maurerbunde hinzuzufügen.

Wenn Licht das Losungswort und das eigentlichste Wesen der Maurerei ist, wenn helleres Sehen in seiner innem und äußern Welt die hohe Bestrebung des Maurers sein soll, wenn Verbreitung der Aufklärung nach allen ihren Strahlen in die Nähe und Ferne eine der höchsten Pflichten ist, die der Maurer bei seinem Eintritt in den Bund feierlich übernimmt: wer könnte zweifeln, daß in solchem Sinne unser Goethe die höchste Stufe in der Maurerei erstiegen habe? Denn wer übertraf ihn im Scharfblick; womit er die geheimsten Tiefen des menschlichen Herzens wie die verborgensten Geheimnisse der Natur zu erspähen, in der Klarheit, womit er sie uns darzustellen vermochte?

Goethe war seinem innersten Wesen nach Freimaurer; denn unablässig strebte er nach allseitigem Licht, und es war ihm Bedürfnis, auch andern das Licht mitzuteilen, was ihm in so reicher Fülle geworden. Kaum in Weimar eingetreten, versammelte er oftmals die Jugend bei sich, um ihren Spielen tiefere Bedeutung, dem Bildungstrieb neue Bahnen zu verleihen, und ihre verschiedenen Fähigkeiten und Anlagen zu Kunst und Geschicklichkeit bei Maskenzügen und Schauspielen, auf der Eisbahn oder in der Zeichenschule, zu entwickeln und zu üben. Goethe war es, der durch Rede, Schrift und Beispiel des Jünglings Blick heiter emporrichtete, Kopf und Brust von einengenden Fesseln befreite; Goethe war es, der des Mannes Streben unterstützte, sobald sein wundersamer Scharfblick kräftiges Wollen, Ernst und Tüchtigkeit erkannte. Ein Wort, ein Wink von ihm eröffnete dann neue Ansichten, belehrte, ermunterte, oder führte von Ab- und Irrwegen zurück.

Über fünfzig Jahre huldigte Goethe dem Maurerbunde, vorzugsweise tätig, als die Loge Amalia dem einfachen uralten System sich anschloß. Ununterbrochen nahm er seitdem an jedem bedeutungsvollen Ereignis, an jedem großem Fest der Loge so lebhaften Anteil, daß die wichtigeren Reden, Gesänge und Anordnungen meist seiner vorausgehenden Prüfung und Billigung sich erfreuen durften. Wie er selbst mit eigener Meisterhand Wielands Leben und geistiges Bild auf noch unerreichte Weise uns geschildert, lebt in jedes Hörers und jedes Lesers Gedächtnis; welche hohe Achtung er für die Maurerei hegte, ist teils in der von ihm – verfaßten Einleitung zu Ridels und anderer Brüder Totenfeier (15. Juni 1821), teils in dem aus unversiegbarer Dichterquelle entströmenden Gegengruß bei der eigenen maurerischen Jubelfeier (23. Juni 1830) auf das sinnigste und unzweideutigste ausgedrückt.

Nun er zu dem Lichtmeer des ewigen Ostens auf Adlerschwingen emporgestiegen ist, dürfen wir, zwar von Wehmut gebeugt, doch mit Stolz auf ihn, den Unsrigen, hinblicken, und ein früher schon in tiefster, schmerzlichster Empfindung gesprochenes Wort mag in gleichem Gefühle auf ihn volle Anwendung finden:

Sein Gedächtnis bleibt in Segen,

Wirket nah und wirket fern,

Und sein Name strahlt entgegen Wie am Himmel Stern bei Stern.

Nach dieser Ansprache widmete Br. Zeutzsch dem am 15. Mai verstorbenen Br. Wilhelm Voigt (Bürgermeister von Allstedt) einen Nachruf. An den darauf folgenden Gesang des Liedes: Laßt fahren hin das Allzuflüchtige! schloß sich die Gedächtnisrede auf Johann Wolfgang von Goethe vom deputierten Meister Friedrich von Müller:

Sehr ehrwürdiger Meister, verehrte und geliebte Anwesende ! Zwanzig Jahre sind dahin seit jenem unvergessenen Abend, wo wir den, dessen Todesfeier wir jetzt begehen, in diesen selben Hallen trauernd an Wielands Sarkophage erblickten; in voller Mannskraft und Würde, aufrecht in edelster Haltung, mit der freien, Ehrfurcht gebietenden Stirne, mit dem großen, leuchtenden Auge, von der geistbeseelten Lippe Worte der Wehmut, aber auch der edelsten Beruhigung uns zusprechend; — zwanzig Jahre seif jener heiligen Stunde, wo Goethe den unverwelklichen Kranz gerechtesten Nachruhms und brüderlicher Pietät um des vorausgegangenen Freundes und Lebensgenossen Urne schlang.

„Achtzig Jahre“ — rief er uns damals zu — „wieviel in wenig Silben! Wer von uns wagt es in der Geschwindigkeit zu durchlaufen und sich zu vergegenwärtigen, was so viele Jahre, wohl angewandt, bedeuten? Wer von uns möchte behaupten, daß er den Wert eines in jedem Betracht vollständigen Lebens sogleich zu ermessen und zu schätzen wisse?“

Mit wie großem Rechte können wir nun diesen Ausruf auf ihn selbst anwenden, auf ihn, dem das Schicksal noch über jenes höchste menschliche Lebensziel hinaus Tage des frischesten Daseins und Wirkens, uns durch ihn noch so viele fruchtreiche Stunden heitern Zusammenseins und ungezählte Momente liebevollster Mitteilung gegönnt hat!

Ja, wer auch nur diese letzte Periode seit Wielands Totenfeier in gedrängten Umrissen an sich vorüberführt und sich all das Schöne, Große, Herrliche vergegenwärtigt, was Goethe darin geleistet, geschaffen, gefördert; die zahllosen Kreise all, in denen er segnend gewaltet und unermüdet vorwärts gestrebt; die tausend und abertausend Mitlebende, die an seinem geistreichen Wort Licht und kräftigeres Wollen, edlere Daseinsfreude und höhere Bildung gewonnen; die Herzen alle, die in der milderen Wärme seiner letzteren Jahre sich gesonnt, er quiekt, erbaut fanden: ja gewiß, dem muß die Überzeugung sich unwillkürlich aufdringen, daß für die Würdigung eines solchen Lebens kein gewöhnlicher Maßstab ausreicht.

Und nun noch mehr denn sechzig Jahre zurück — von den Blütentagen des talentreichen, feurigen, zu jedem Höchsten und Schwierigsten mit genialem Übermute anstrebenden Jünglings, den das überraschte Deutschland bald mit ungemessenem Jubel begrüßt, bald leidenschaftlich verketzert, zu der vielseitigen Entwicklung des reifenden Mannes, der mit gleicher Sicherheit ins praktische Leben eingreift, mit gleichem Scharfblick bürgerliche Zustände durchdringt, wie er eben erst die Reiche der Phantasie und Natur vor uns aufgeschlossen, und der alles Wahlverwandte unwiderstehlich in seine Kreise zieht:

weiter zu jenen mittleren Jahren ernstester Tätigkeit und prüfender Selbstbeschränkung, wo unter den Ruinen der ewigen Roma die großen Schatten der Vorwelt ihm begegnen, mit dem Meistergruß ihn segnen, und aus denen er in vollendeter, gereinigter Kraft ein neuer, scheinbar ganz Anderer hervortritt, weil das blödere Auge nicht durch den Schleier dringt, den höhere Weihe ihm überwarf; zu jenen heitern, ätherklaren, tatenlustigen Jahren endlich, wo er, mit dem fürstlichen Freunde aus Not und Gefahr wilden Kriegsgetümmels glücklich heimgekehrt, nun im Schoße des Friedens fruchtreichste Tage lebt, mit Voigt in der Wissenschaften Schutz und Pflege, mit Schiller Tag um Tag in immer kühneren poetischen und dramatischen Schöpfungen wetteifert, mit Meyer sich an der Betrachtung ewig musterhafter Kunstwerke erbaut und immer schärfer Gehalt, Bedingung und Grenze der Kunstschöpfungen feststellt; mit Göttling, Loder, Bätsch, Schelling, Humboldt in die Geheimnisse der Natur tiefer und tiefer eindringt, bald auch einsam mit sich selbst neue Bahnen bricht und mit dem Lichte der Divination in die tiefsten Schachten menschlicher Erkenntnis hinabsteigt! Ja fürwahr, die Feier des Andenkens an ein solches Leben verträgt sich nicht mit den hergebrachten Zeichen und Symbolen äußerer Trauer: sie muß zum höchsten Gefühl menschlicher Würde, sie muß zum frommen Danke gegen den ewigen Baumeister der Welten aufrufen, der solch eine segensvolle Erscheinung uns gegönnt, solch ein Leben bis zum spätesten Erdenziele bewahrt, geschützt, gesegnet hat.

Und wie er selbst bei Wielands Totenfeier sich einen Zauberstab wünschte, jene düstere Umgebung unserer Trauerhallen augenblicklich in eine heitere zu verwandeln, auf daß ein festlich geschmückter Saal mit bunten Teppichen und munteren Kränzen, so froh und klar wie das Leben des Abgeschiedenen sich den Brüdern darstelle, so haben auch heute die Ordner dieses Trauerfestes, gehorsam jenem Winke und ganz gewiß in seinem Sinne gehandelt, wenn ihre Blicke, geliebte Brüder und Schwestern, diesmal statt düsteren Symbolen nur den heiteren Farben und Blumen des Lebens, statt Trauerfloren und nächtlichem Dunkel nur den Sinnbildern frischer Tätigkeit und dankbar froher Zuversicht begegnen.

Hat doch überhaupt sein großer Geist immer ins Heitere gestrebt, dem Unvermeidlichen stets mit würdiger Ergebung sich gefügt und beharrlich alles abgelehnt, was frischer Lebenswirkung und heiterer Pflichtübung Hemmnis drohte. Denn ihm war das Leben ernste Kunstaufgabe, und es aufs edelste vielseitig zu ergreifen und zu gestalten, innere Naturnotwendigkeit. Seine Auffassungsgabe war so unwillkürlich, so hell geschliffen der Spiegel seines Innern, daß er gleichsam gezwungen schien, alle äußeren Erscheinungen in der physischen wie in der sittlichen Welt in voller Treue in sich aufzunehmen, und daß er ihres übermächtigen Eindrucks sich nur dadurch erwehren, nur dadurch als selbständiges Individuum sich behaupten konnte, daß er sich jener Erscheinungen zu freier künstlerischer Gestaltung bemächtigte und sozusagen sie nach außen wieder zurückwarf.

Wie noch in diesen jüngsten Tagen jener geistreiche akademische Trauerredner mit klassischer Gediegenheit von ihm behauptete, daß in der stufenweisen, harmonischen Entwicklung seines Geistes alle die verschiedenen Perioden antiker griechischer Kultur in ihren Hauptmomenten nachzuweisen seien, so läßt sich ohne Übertreibung hinzufügen: es scheine, daß in ihm, dem Ein-v zelnen, die Natur den ganzen Kreislauf menschlichen Strebens und menschlicher Bestimmung habe abspiegeln, in ihm, in seinem Individuum, den Grundcharakter allgemeiner Menschheit, so in Tugenden wie in unvermeidlichen Schwächen, habe ausprägen und aufstellen wollen, oder, wie ein geistreicher Brite es noch kürzlich ausgedrückt hat:

„Es war, als ob Zufall und ursprüngliche Begabung sich vereinigt hätten, einen Charakter im höchsten Stile zu bilden“.

Leitete die aufmerksame Beobachtung des Ganges seiner eigenen Entwicklung und seiner inneren Kämpfe — denn nicht leicht hat wohl ein Sterblicher dem Andrange mächtiger Leidenschaften und Aufregungen öfter zu widerstehen gehabt und mit tieferem Gefühl ausgesprochen:

Denn ich bin ein Mensch gewesen,

Und das heißt ein Kämpfer sein —

leitete sie ihn zuerst auf jenes große Prinzip der Metamorphose in der organischen Welt, welches er späterhin auch auf alle sittlichen Zustände in der Geschichte und im Leben anwandte: so erblickte er auch im Tode nur Metamorphose, deren heiliges, geheimnisvolles Gesetz nicht durch bange Vorstellungen und schreckende Bilder zu umdüstern sei. Sein lebendiger Blick sah im ganzen Universum nur Leben und Tätigkeit:

— Stillstand, Auf hören, Nichtsein waren ihm Worte ohne Sinn und Bedeutung. Unvergeßlich bleibt mir jene nächtliche Stunde, wo ich ihn einst ausrufen hörte: „Glaubt ihr, ein Sarg könne mir imponieren? Kein tüchtiger Mensch läßt seiner Brust den Glauben an Unsterblichkeit rauben!“

Erwarten Sie nicht von mir, verehrte Anwesende und geliebte Brüder, daß ich es unternehme, Ihnen den Lebensgang unsers Goethe, seine unerreichten Eigenschaften und Leistungen als Dichter und Schriftsteller, seine Verdienste als Staatsmann und Förderer vaterländischer Kultur und Wohlfahrt abzuschildern. Ist doch längst die Welt seines Ruhmes voll, sind doch bereits drei Geschlechter seiner Schöpfungen und Wirkungen bewundernde Zeugen!“

Die Geschichte seiner Jugend und ersten Ausbildung hat er uns selbst mit jener inneren und höheren Wahrheit enthüllt und dargestellt, der nur die bescheidenste Selbstprüfung den Schleier der Dichtung beigesellte. In wenig Monaten werden diese unschätzbaren Bekenntnisse, fortgeführt bis zu seinem ersten Auftreten in Weimar, uns allen noch tiefere Blicke in die Geheimnisse eines Herzens tun lassen, das mitten unter den Stürmen der Leidenschaft stark genug war, dem Zauber süßester und edelster Neigung zu entsagen, wenn es der Befriedigung sittlich zarter Anforderungen galt. Nur reine, uneigennützige Motive hielten ihn ab, sein früheres Leben und Wirken in Weimar mit derselben treuen Ausführlichkeit abzuschildem; mit seltener Selbstverleugnung drängte er in wenige Blätter kursorisch zusammen, was den reichsten Stoff zu zahlreichen Bänden dargeboten hätte.

Auf die häufigen und dringenden Gegenvorstellungen, die seine Freunde ihm machten, hat er mir einst erwidert:

„Die wahre Geschichte der ersten zehn Jahre meines Weimarischen Lebens könnte ich nur im Gewände der Fabel oder eines Märchens darstellen; als wirkliche Tatsache würde die Welt es nimmermehr glauben. Kommt doch jener Kreis, wo auf hohem Standort ein reines Wohlwollen und gebührende Anerkennung, durchkreuzt von den wunderlichsten Anforderungen, ernstliche Studien neben verwegensten Unternehmungen, und heiterste Mitteilungen trotz abweichenden Ansichten sich betätigen, mir selbst, der das alles miterlebt hat, schon als ein mythologischer vor. Ich würde vielen weh, vielleicht nur wenigen wohl, mir selbst niemals Genüge tun; wozu das? Bin ich doch froh, mein Leben hinter mir zu haben. Was ich geworden und geleistet, mag die Welt wissen; wie es im einzelnen zugegangen, bleibe mein eigenstes Geheimnis.“

Doch der Hochsinn und die Pietät seines fürstlichen Freundes hat den schönsten Teil handschriftlicher Dokumente aus jener Zeit für eine dankbare Nachwelt aufbewahrt, und Karl August hat noch am Vorabend seines Scheidens dafür gesorgt, daß diese köstlichen Reliquien in späterer Zeit öffentlich kundgemacht werden können. Dann erst wird die Welt den ganzen seltenen Wert, die ganze Charakter- und Gemütsgröße des Mannes völlig kennen und schätzen lernen, den kleinlicher Neid und blöder Stumpfsinn so oft aus dem Gesichtspunkte der Gemeinheit zu lästern, mindestens, wo sie die Übermacht seines Geistes nicht anzufechten vermochten, seine sittliche Würde zu entstellen versuchten. Ja, wenn Goethes Ruhm als Dichter längst ein welthistorischer geworden und von den Zungen aller gebildeten Nationen, selbst in den entferntesten Weltteilen widerhallt; wenn die Bahn großartiger, freier Naturanschauung, die er im deutschen Vaterlande zuerst mit genialer Kraft gebrochen, im Wer-ther, Götz, Egmont, in hundert ergreifenden, herzvollen Liedern helleuchtend bezeichnet ist; wenn das Zarteste, was ein Menschenherz empfinden kann, den edelsten Ausdruck, die Weihe antiker Ruhe und Einfachheit in Iphigenien, Tasso, Eugenien, Hermann und Dorothea gefunden; wenn die wahrheitstreue Darstellung der viel verschlungenen Verhältnisse und Probleme bürgerlicher und sittlicher Zustände im Wilhelm Meister, in den Wahlverwandtschaften und in den Wanderjahren; wenn die heitere Grazie frischen Lebensgenusses in den Römischen Elegien, die ernstere sittliche Grazie in Euphrosyne, in Alexis und Dora, die malerische Lebendigkeit und Farbenpracht in dem Römischen Karneval, in der Novelle und im Märchen, an Form und tiefem Gehalt nicht leicht je übertroffen werden mögen; wenn endlich — um den Gipfel Goethescher Poesie mit einem Worte zu bezeichnen — sein Faust, diese titanische Dichtung, die den höchsten Sonnenpunkt und den tiefsten Abgrund menschlichen Tuns und Wollens zugleich umspannt, für immer als staunenswürdiges Ergebnis allgewaltiger Phantasie und tiefster Reflexion und Weltkenntnis erscheinen muß ; und wenn wir zu diesem unsterblichen Dichterruhme noch all das Herrliche hinzurechnen, was die Wissenschaften dem un-ermüdeten genialen Naturforscher, die Zivilisation dem großartig fördernden Pfleger des Lichts und der Wahrheit, die Kunst ihrem scharfsinnig urteilenden, geschmackvoll anordnenden Kenner und Freunde verdankt; kurz, alles das, was selbst im Auslande die Bezeichnung des staunenswürdigsten Mannes seines Jahrhunderts ihm erworben hat — immer noch dürfen wir, geliebte Brüder, mit süßem Stolze uns zurufen: Uns war er mehr!

Wie ein Meisterwerk der bildenden Kunst zwar auch in der Ferne, nach dem Gehalt seiner Motive, dem Geiste seiner Komposition und dem richtigen Verhältnis seiner einzelnen Teile erkannt, gewürdigt und bewundert werden kann, doch nur dem unmittelbaren Beschauer den vollen Zauber lebendiger Harmonie offenbart, so trat auch Goethes ganze Liebenswürdigkeit, die ganze harmonische Fülle seines Daseins erst im näheren persönlichen Umgänge unverschleiert hervor.

Von der Natur mit ungemein großer Reizbarkeit und Empfänglichkeit ausgestattet, hatte er von früh an sie zu mäßigen, jedes leidenschaftliche Übergewicht zu bekämpfen gestrebt. Mit seltener Klarheit fühlte er, daß, wenn gleich gerade diese ausgezeichnete Lebendigkeit seines Naturells ihm schnell die Herzen gewann und in jedem Kreise sein Auftreten und Wirken begünstigte, sie ihm doch auch gar leicht von folgerechter Bahn ablenke, ja Ziel und Maß zu überschreiten verführe.

In jüngeren Jahren zu rascher und ausschließlicher Hingebung geneigt, alle, die sich ihm einmal ergeben, unaufhaltsam mit sich fortreißend, hatten schmerzliche Erfahrungen mancher-Art ihm Selbstbeherrschung als höchste Pflicht erscheinen lassen, und so war späterhin das Zurückdrängen jedes übermächtigen Gefühls, die Bewahrung äußeren und inneren Gleichgewichts unter allem Andrang der Lebensereignisse, ihm zur unerschütterlichen Maxime, zu einer wahren Kunstaufgabe geworden. So hatte unvermerkt auch sein Äußeres und seine Mitteilungsweise in Weltverhältnissen einen Schein von Kälte und Verschlossenheit, ja oft von Steifheit angenommen, der ihm nicht selten für Stolz und Egoismus ausgelegt wurde, und auch in der Tat bei oberflächlicher Bekanntschaft leicht dafür gelten konnte.

Aber unter dieser äußeren Verhüllung, die den Zudrang gemeiner Wirklichkeit von ihm abhielt, veredelte sich immerfort der Kern seines inneren Wesens, und die Liebenswürdigkeit und Milde seines Gemüts trat für Freunde und Vertraute nur desto reiner und ergreifender hervor. Es bedurfte keineswegs ausgezeichneter Geistesgaben, um seine Teilnahme und in gewissem Grade sein Vertrauen zu gewinnen; nur ein tüchtiges, sicheres Wollen und Wirken, wenn auch im beschränktesten Kreise, war ihm unerläßliche Bedingung; abhold und widerwillig zeigte er sich nur jeder unbegründeten Anmaßung, jedem zwecklosen Umhertappen nach nichtigen Lebenszwecken. Zu kräftiger Förderung lebensfrischer Tätigkeit mit Vorliebe geneigt, konnte er in seiner Nähe kein Talent, keine nützliche Fertigkeit gewahren, die er nicht ermuntert, angeregt, durch Rat und Tat gesteigert hätte. Auch außerhalb des Kreises seiner bedeutenden amtlichen Wirksamkeit als Haupt so vieler wissenschaftlichen und gemeinnützigen Anstalten, auch schon im täglichen bürgerlichen Verkehr hat er auf diese Weise unglaublich wohlgetan.

Wer irgend mit ihm in nähere Verhältnisse kam, empfand den erfrischenden Anhauch seines Geistes und gewöhnte sich unwillkürlich an eine gewisse ernstere Richtung, Stetigkeit und Folge, die das Element seines Daseins war und die er der ganzen Atmosphäre um sich her mitzuteilen wußte; daher denn auch alle, die jemals seine Hausgenossen oder auch nur durch öftere Dienstleistungen ihm nahe waren, selbst wenn er nicht immer ihren Wünschen Genüge tun konnte, eine unzerstörliche Anhänglichkeit und Ehrfurcht für ihn behielten.

Ein empfangenes Gute dankbar zu vergelten, war ihm ein freudiger Genuß, doch nie auf gemeine Weise; durch Abwartung des passenden Augenblicks, durch sinnige Form und Bedeutsamkeit der Gegengabe wußte er stets ihren Wert eigentümlich zu erhöhen. Wie manche von uns werden sich mit Rührung jenes Morgens nach seiner fünfzigjährigen Jubelfeier erinnern — sind es doch heute gerade sieben Jahre — wo er, um seine Empfindung über die unaufgeforderte nächtliche Erleuchtung der Straße vom Theater bis zu seiner Wohnung aufs gemütlichste auszudrücken, sein Enkelpaar, die damals noch zarten Knaben, von Haus zu Haus herumsandte, die treuen Mitbürger mit kindlichen Dankesworten in seinem Namen zu begrüßen.

Undankbarkeit und Verkennung fremden Verdienstes war ihm in tiefster Seele verächtlich; wohl konnte es geschehen, daß bei der unglaublichen Menge von Gegenständen, die ihn beschäftigten, eine oder die andere ihm kund gewordene verdienstliche Leistung eine Zeitlang in den Hintergrund trat; aber mit doppeltem Eifer ergriff er dann die erste Gelegenheit, das Versäumte einzubringen.

Seiner großartigen Naturansicht gemäß ließ er jeden entschiedenen Charakter in seiner Eigentümlichkeit gewähren und gelten, und verschmähte jede Art von gewaltsamer Einwirkung auf die Überzeugung und Sinnesweise anderer, ja er vermochte sich mit Personen, die an Denkart und Bildung himmelweit von ihm abstanden, gleichwohl aufs beste und gemütlichste zu vertragen, sobald er nur irgend eine praktisch tüchtige Seite, irgend eine vorzügliche Eigenschaft an ihnen erprobt hatte.

Über seine Gegner in der literarischen Welt, wie früher im Staatsdienste, — denn man darf wohl behaupten, daß er in späteren Jahren darin keinen einzigen, sondern nur allenthalben tätige, anhängliche Förderer seiner Zwecke gefunden — konnte er sich wohl oft heftig, ja leidenschaftlich herauslassen; nie aber hat er, auch nicht am Feinde, das Achtungswerte, Verdienstliche, Talentvolle verkannt, nie kleinlichem Neide oder hämischer Verketzerungssucht sich hingegeben.

Wie oft horte ich ihn, wenn das Gespräch auf Männer fiel, die in früheren Jahren ihm geradezu entgegengewirkt oder durch bittere Urteile ihn gekränkt hatten, das Eigentümliche ihres Charakters, und wie sie demgemäß ihm und seinen damaligen Richtungen notwendig abhold sein mußten, mit höchster Milde auseinandersetzen und jedes ihrer Verdienste unbefangen hervorheben!

Nie hat er den großen Einfluß, den sein erhabener Fürst und Freund ihm gönnte, zu eigennützigen Zwecken oder zu irgend jemandes Schaden benutzt; ja ich kann aus eigener Wissenschaft beteuern, daß unter den zahlreichen Briefen und vertraulichen Vorträgen, die sich aufbewahrt finden, kaum einer anzutreffen ist, in welchem er nicht für diesen oder jenen redlichen Diener, für dieses oder jenes hoffnungsvolle Talent sich mit Wärme und persönlichster Teilnahme verwendet hätte.

Auf Untergebene weniger durch Befehl und strenge Vorschrift, als durch Belebung ihres Sinnes und ihrer Liebe an der Sache zu wirken, war ihm Grundmaxime; daher denn innerhalb gezogener Grenzen er ihnen gern freien Spielraum ließ, und, wenn sie in ihrem angewiesenen Kreise sich tüchtig erwiesen, auch wohl ihren Schwächen und Fehlern duldsam nachsah.

„Jedes Geschäft,“ so schreibt er seinem Fürsten in einem ausführlichen Vortrage über die Jenaischen Museen vom Jahr 1817, „jedes Geschäft wird eigentlich nur durch ethische Hebel bewegt, daher alles auf die Persönlichkeit ankommt, die jede auf eigentümliche Weise behandelt sein will. Ist man der Liebe des Individuums zu seinem Geschäftszweige gewiß, so verfahre man läßlich, doch Ordnung fordernd, und erhalte verdiente Männer bei gutem Humor. Daraus entstehen nun freilich so viele kleine Welten als Individuen.“

Von Goethe galt im höchsten Sinne, was Schiller von Wallenstein sagt:

Jedwedem zieht er seine Kraft hervor,

Die eigentümliche, und zieht sie groß.

Denn es ist unsäglich, wie wundersam anregend und belebend sein Anblick, seine edle Haltung, sein kraftvolles Wort auf jeden wirkte, dem er etwas auftragen, ihn zu etwas anstellen wollte. Diejenigen unserer Brüder, die des Glücks genossen, ihre dramatische Laufbahn unter seiner Direktion zu beginnen oder fortzusetzen, bekunden es noch oft mit enthusiastischer Wärme und Dankbarkeit.

Klar und deutlich bezeichnete er in wenigen aber gemessenen Worten das Ziel, die Aufgabe, erweckte mit kurzen, prägnanten Andeutungen das Bild der geforderten Leistung in der Phantasie des Untergebenen und wußte selbst durch Aufzählung der Schwierigkeiten den Mut des Unternehmens zu steigern, jede, auch die unwichtigere Aufgabe stellte er als eine höchste dar, damit selbst im kleinsten Detail etwas Bedeutendes erstrebt, etwas Volltüchtiges geleistet werde; nichts war seinem Blicke zu gering, es zu beachten; was er auch vornahm, er legte das ganze Gewicht seiner Persönlichkeit hinein. Ein Unbedeutendes kannte er nicht, weil seine Behandlungsweise, der Sinn, den er hineintrug, es alsobald zum Bedeutenden umschuf. Das Kuvertieren eines Briefes, das Einpacken einer Zeichnung wurde von ihm stets mit derselben besonnenen Genauigkeit und Zierlichkeit besorgt, wie der Abschluß des wichtigsten Geschäfts oder die Revision gehaltreichster Entwürfe. Daher ihm denn nicht leicht eine Mitteilung größeren Beifall abgewann, als da ich ihm einst erzählte, Graf Capo d’Istria habe mir bei seiner Abreise nach Griechenland gesagt:

„Ich folge dem Rufe des Schicksals, obgleich zweifelnd am Gelingen meines Unternehmens. Denn nicht was der Mensch erreicht, sondern was und wie er strebt, verdient Achtung, gewährt Beruhigung. Und wäre es meine Aufgabe, die Streusandbüchse, die eben vor mir steht, immerfort auszuschütten und wieder zu füllen, ich würde es mit unermüdeter Geduld und genauester Sorgfalt tun.“

Was nur irgend mit Liebe und Treue geleistet wurde, fern und nah, in welchem Geschäft, gleichviel zu welchem Zwecke, in Technik, Industrie, Landwirtschaft oder in Wissenschaft und Kunst, es erregte seine lebhafteste Anerkennung, Teilnahme, Mitfreude am Gelingen. Denn mit jedem zunehmenden Lebensjahre bestätigte sich ihm mehr und mehr jenes schöne, einst von ihm ausgesprochene Wort, daß die Menschheit zusammen erst der wahre Mensch ist, und daß der einzelne nur froh und glücklich sein kann, wenn er den Mut hat, sich im Ganzen zu fühlen. Und kann wohl der tiefste Sinn unseres Maurerbundes, geliebte Brüder, jemals klarer aufgefaßt, würdiger ausgedrückt werden, als es Goethe in diesen wenigen Worten getan?

Die ganze Richtung seines Sinnes und Gemütes weihte ihn zum Freimaurer. Der Begriff, daß große und edle Zwecke nur durch ein treues Zusammenwirken vieler Gleichgesinnten erreicht werden können, daß jede höhere Wahrheit eines sinnlichen Symbols, jede gemeinsame Tätigkeit streng geordneter Formen und Regeln bedürfe, war ihm eigentümlich, ging aus seiner vollsten Überzeugung, aus seinem tiefen Studium der Geschichte und der Natur hervor. Diesen Begriff zu befestigen, auch in unserem Bunde zu betätigen, hat er nicht leicht eine Gelegenheit vorüber gelassen.

Er war es, der unsern unsterblichen Protektor Karl August unseren Hallen zuführte, er, der mit dem edlen, zartsinnigen Herzog Ernst von Gotha langjährige vertrauteste Maurerverbindung unterhielt. Gleich fern von aberwitziger Schwärmerei, wie von politischer Einwirkungssucht, die jene, übrigens zum Teil ausgezeichneten Männer des Illuminaten-Ordens ergriff, hat er nie die hohe Bedeutung verkannt, die unser Bund nach seinem reinen Grundcharakter für edlere Gesittung und Ausbildung seiner Glieder, für echte Humanität und Zivilisation und dadurch für die Ruhe und Sicherheit der Staaten haben kann und soll.

Er beklagte es, wenn hier und da Ausartungen, die ja auch keinem anderen bürgerlichen Institute fremd bleiben, sich kundgaben; aber er hat nie die argwöhnische Furcht geteilt, daß der Maurerbund dem Staate oder der Religion gefährlich werden könnte.

Und fürwahr, dies Urteil, diese Überzeugung eines Mannes wie Goethe, der niemals leichtsinniger Hingebung oder revolutionärer Gesinnung auch nur im geringsten verdächtig war, der die Labyrinthe des Irrtums und der Leidenschaften so genau erforscht hatte, solch ein Ausspruch, geliebte Brüder, muß uns vom höchsten Werte, muß für uns immerdar ein diamantener Schild gegen Anfeindung und Verkennung sein.

Heilig für immer werden in unserem Gedächtnisse wie in unseren Archiven die goldenen Worte bleiben, die er bei Wielands, bei Ridels, Jagemanns, Müllers und anderer Brüder Totenfeier uns zugesprochen; dreifach heilig jene seelenvolle Erwiderung unseres Grußes bei seiner maurerischen Jubelfeier:

So die Menschheit fort zu ehren,

Lasset, freudig überein,

Als wenn wir beisammen wären,

Kräftig uns zusammen sein!

Das Geheimnis hatte überhaupt stets für Goethe einen ganz besonderen Reiz, nicht nur aus dem poetischen Gesichtspunkte, sondern auch vorzüglich darum, weil es vor Entweihung würdiger Vorsätze und Bestrebungen sichert, ihr Gelingen erleichtert und die Willenskräfte der Verbündeten steigert. In seinem Wilhelm Meister und in den Wanderjahren deutet er häufig darauf hin, ja eine seiner schönsten und gehaltreichsten, leider unvollendeten Dichtungen trägt die Bezeichnung „Die Geheimnisse“ an der Stirne und war bestimmt, unter dem Schleier der Poesie die Geschichte und den Charakter aller bekannten Religionen darzustellen und seine eigenen heiligsten Überzeugungen aufzunehmen. So hat er denn auch im Leben, ja selbst in alltäglichen Vorkommnissen diese Liebe zum Geheimnis betätigt und nur selten und ungern über die nächsten Anordnungen und Beschlüsse sich im voraus mitgeteilt. Noch unangenehmer war es ihm, wenn man sein Vorhaben erriet, oder irgend etwas, was er erst später vorzeigen oder eröffnen wollte, vorzeitig entdeckte oder zur Sprache brachte.

Seine Naturbetrachtungen hatten ihn gelehrt, wie alles Große und Bedeutende nur im stillen sich vorbereite, wachse und entwickle; seine Welterfahrung ihm bewiesen, daß die edelsten Unternehmungen, voreilig enthüllt, meist den feindseligsten Gegenwirkungen ausgesetzt sind. Und -er besaß die Kunst und Selbstverleugnung, oft die herrlichsten Erzeugnisse seines schöpferischen Geistes viele Jahre lang zu verbergen — wie denn sein letztes Meisterwerk, der zweite Teil des Faust, aufs strengste bis zu seinem Tode versiegelt blieb.

Mit dieser Liebe zum Geheimnis hing auch eine seiner schönsten Maurertugenden, die Verschwiegenheit, zusammen; ja man darf sagen, daß er sie oft bis zum Extrem geübt hat. Die wichtigsten Geheimnisse und Aufschlüsse in öffentlichen wie in Privatangelegenheiten lagen in seiner Brust so verschlossen wie in einem Grabe; selbst unbedeutende Tagesvorkommenheiten bewahrte er mit gleicher Gewissenhaftigkeit, wenn nur irgend jemandem daraus Schaden oder Kränkung erwachsen konnte.

Niemand war diskreter als er; auch in den vertraulichsten, jovialsten Gesprächen verleugnete sich nie die ihm eigentümliche zarte Rücksicht auf alle Verhältnisse. Nie provozierte er irgend eine Vertraulichkeit; erfolgte sie gleichwohl, so .mochte er sich gern als eine Art Beichtvater betrachten, zögerte wohl zuweilen ,mit seinem Rat, aber wirkte im stillen, wo er nur konnte, der ihm kund gewordenen Verlegenheit abzuhelfen.

Aus jener Liebe zum Geheimnis entsprang nicht minder seine vorherrschende Neigung zum Rätselhaften, die nicht selten den Genuß, seiner schriftstellerischen Leistungen erschwert.

Diese Neigung bildete sich in ihm zur überlegten Maxime aus; ich hörte ihn oft behaupten: ein Kunstwerk, besonders ein Gedicht, das nichts zu erraten übrig ließe, sei kein wahres, vollwürdiges; seine höchste Bestimmung bleibe immer, zum Nachdenken aufzuregen, und nur dadurch könne es dem Beschauer oder Leser recht lieb werden, wenn es ihn zwinge, nach eigener Sinnesweise es sich auszulegen und gleichsam ergänzend nachzuschaffen.

Jene Tugend der Verschwiegenheit, jene zarte Diskretion verlieh dem Verhältnis seiner zahlreichen Freunde und Freundinnen zu ihm einen unaussprechlichen Reiz. Er verstand die seltene Kunst, Freund seiner Freunde in der jedem Naturell zusagendsten Weise zu sein. Ohne jemals sich ausschließlich hinzugeben, wußte er doch jeden, den er einmal erprobt hatte, sich ganz anzueignen und gleichwohl jede Eifersucht fern zu halten, alle auf die für sie passendste Weise zu ehren und zu erfreuen. Wie ehrfurchtgebietend auch sein ganzes Wesen immerhin blieb, so machte er doch seine Überlegenheit nur in seltenen, prägnanten Fällen geltend, und auch dann nur im Gewände humoristischer Ironie, die, wie jede Gattung feinsten Scherzes, ihm in höchster Meisterschaft zu Gebote stand. Satire, Parodie und Mißlaune dagegen waren ihm im Innersten verhaßt.

Alles, was seine Schriften an Geist und hinreißender Darstellungsgabe enthalten, ward durch die Liebenswürdigkeit seiner persönlichen Mitteilungen noch weit überboten. Alle, die das Glück genossen, ihm in traulichen Kreisen näher zu kommen, werden diese vielleicht auffallende Behauptung aus voller Seele bestätigen. Niemand besaß, so oft er nur wollte, die Kunst der Unterhaltung, der Erzählung, der augenblicklich geistreichsten, schlagenden und doch dabei heitersten Gegenrede in höherer Virtuosität; dabei verstand er es aufs feinste, jedem hinlänglichen Raum zu eigener Geltendmachung zu lassen, ja gleichsam jedem das Beste, was er zu geben vermochte, zwanglos abzugewinnen.

Die Anmut seiner Tischreden, wo jeder kleine Anlaß Funken des Witzes, sinnvolle Anspielungen oder die kern-haftesten Urteile und Aussprüche hervorrief, übertraf vielleicht noch der Zauber, den er in guten Stunden harmlosen Zwiegesprächs übte, wenn er die Schätze seiner Erfahrungen aufschloß, oder interessante Begebenheiten des Tages mit dem milden Lichte erhabener, ruhiger Weisheit beleuchtete, oder auch über die tiefsten sittlichen und künstlerischen Probleme mit genialer Klarheit und Einfachheit sich herausließ. Nicht schon in der ersten Stunde solchen Zusammenseins durfte man hoffen, dieser geistigen Blitze und wohltuenden Gemütsausströmung froh zu werden. Wie alles sich bei ihm folgerecht entwickelte und jedes sprunghafte Hervortreten oder absichtliche Ausforschen ihm verhaßt war, so bedurfte es auch erst längeren, ungestörten Gesprächs und zufälliger Anlässe, um die ganze Fülle seiner Liebenswürdigkeit zu entfalten. War aber ein solcher köstlicher Moment eingetreten, so schien sein ganzes Wesen verklärt, seine Brust gleichsam freier, ja die Person, zu der er sprach, ihm so viel lieber geworden, und er suchte und sann dann rings umher, wie er den befreundeten Genossen solcher traulichen Stunde noch mit einem sichtbaren Zeichen der Liebe und des Wohlwollens entlassen könnte.

Doch ich vergesse im Zudrang unschätzbarer Erinnerungen, daß ich vor einer Versammlung spreche, in der ja so viele das Bild seiner liebenswürdigen Mitteilungsweise im eigenen treuen Busen bewahren, — und wer von uns in diesem Kreise hätte mehr oder minder nicht seiner Rede geistbeseelte Kraft, nicht seiner Sitten Freundlichkeit erfahren?

Wo wäre ein Bürger dieser Stadt, ein Nachbar, ein Dienstleistender, der irgend je ihm nahe gekommen, und nicht lebenslang das Bild seiner würdigen Erscheinung, seiner ernst-bedeutsamen oder wohlwollend-heiteren Zusprache im Herzen trüge?

Wer erinnert sich nicht jener schönen erquicklichen Sommertage von 1814, wo er nach glücklich beendigtem Kriege für den jubelvollen Empfang des heimkehrenden geliebten Fürsten festliche Anordnungen unermüdet aussann und leitete? Wie er da, bald im frischesten Tatgefühl jedem seine Rolle ermunternd und belehrend zuteilte, bald von Straße zu Straße fröhlich umherwandelte, mit eigenen Augen dem Geleisteten nachsah, das noch Mangelnde ergänzte, bald bei dieser schon geschmückten Pforte zufrieden weilte, bald zu jenem Fenster hinein den Kränze und Schmuck Bereitenden heiter anregend zusprach, nun freundlich lobte, nun humoristisch schalt, überall gemütlich, ermutigend, belebend!

Oder wem schwebt nicht jener heilige Tag von Karl Augusts Jubelfeier (3. Sept. 1825) vor der Seele, wo er, der ehrwürdige Greis, in frühster Morgenstunde, dort jenem anmutigen Sommerhause seines Fürsten gegenüber, unvermutet aus dem Gebüsche heraustrat und durch die blumen- und lorbeerumschmückten Säulen sich leise hineinschlich, um, wie er der Lebensfreunde des Fürsten erster und ältester war, auch nun zuerst dem erhabenen Gefeierten, beredt in stummer Rührung, die Huldigung seines Herzens und jene Denkmünze, die fromme Gabe unserer Treue und Liebe,45) darzubringen? — In wessen Andenken lebt nicht der unvergeßliche Abend desselben Tages, wo er das eigene festlich bekränzte Haus zahllosen Gästen und Freunden öffnete, sie um sich sammelte, durch heiterste Zusprache erquickte, aufs sinnigste bewirtete und — der Beglückteste unter den Beglückten — im süßen Dank- und Frohgefühl bis tief in die Nacht umherwandelte ?

Ja gewiß, meine geliebten Brüder, wenn einst die Hand, welche jüngst die frech-verleumderischen Worte: „Goethe ist in Weimar schon vergessen“, öffentlich niederzuschreiben wagte; wenn einst diese Hand längst unbekannt vermodert, dann noch wird kein edles Herz in Weimars Mauern schlagen, dem Goethes Andenken nicht heilig wäre, kein Gebildeter auf Weimars Vorzeit zurückschauen, der nicht in Goethes Ruhme den köstlichsten Juwel erblickte, den ein segnendes Geschick dem Vaterlande und der Fürstenkrone unserer angestammten Beherrscher geschenkt hat, und der nicht, wenn rings umher das Genie des Dichters und Schriftstellers bewundert wird, mit süßem Stolze ausriefe: Uns war er mehr!

Sei mir vergönnt, noch mit wenigen Worten den für Weimar höchsten Leuchtpunkt unter Goethes Verdiensten zu berühren: sein Verhältnis zu unserem erhabenen und geliebten Fürstenhause. Es wird ewig unentschieden bleiben, ob dasselbe ihm, oder er demselben mehr und Größeres zu verdanken habe.

So innig waren der Fürsten und Fürstinnen Zuneigung, Anerkennung, großartige Förderung und Ermunterung, des Dichters und treusten Dieners Widmung, Hingebung und unerschütterliche Verehrung ineinander verzweigt und verflochten, so wechselsweise sich beseelend, erhebend, belohnend, daß man es zuversichtlich aussprechen darf: wie der schönste beiderseitige Ruhm sich in vielfacher Hinsicht gegenseits bedingt und begründet hat, so wird er auch in der Nachwelt ewig ungetrennt strahlen und leuchten.

In tausend Einzelheiten höchst verschieden, durch Naturell und Erziehung, Lebensrichtung und Sinnesweise, trafen Karl August und Goethe gleichwohl in dem geheimnisvollsten Punkte geistiger Verwandtschaft, in dem lebendigen Gefühl und in der aufrichtigen Anerkennung des rein Menschlichen dergestalt zusammen, daß vom ersten Zusammentreffen, von dem ersten Kontakt dieser ihrer innersten Lebenselemente an, keiner von dem anderen jemals mehr lassen konnte.

Ich halte mich verpflichtet, hier von einer vertraulichen Mitteilung Gebrauch zu machen, die einst unser verewigter Bruder Wieland mir machte: Wenn ich jemals, sprach er, noch so sehr mit Goethe zu zürnen veranlaßt werden, mich von ihm oder seiner Handlungsweise noch ’so sehr verletzt fühlen könnte, und es fiele mir ein — was niemand besser als gerade ich wissen kann —, welche unglaubliche Verdienste er um unsern Herzog in dessen erster Regierungszeit gehabt, mit welcher Selbstverleugnung und höchsten Aufopferung er sich ihm gewidmet, wieviel Edles und Großes, das in dem fürstlichen Jüngling noch schlummerte, er erst zur Entwicklung gebracht und hervorgerufen hat, so möchte ich auf die Knie niedersinken und Meister Goethe dafür mehr noch als für alle seine Geisteswerke preisen und anbeten.

Karl August und Goethe hatten wechselseits so große Achtung voreinander, jeder wußte des anderen Charakter und zarteste Eigentümlichkeit so gewissenhaft zu würdigen und zu schonen, daß sie sich mit unbedingter Offenheit vertrauten und sich dennoch wie Großmächte immer mit einer gewissen zarten Vorsicht behandelten.

Einst, als in den ersten Jahren nach der Schlacht von Jena die große Freimütigkeit des Herzogs in seinen politischen Urteilen und Äußerungen, und seine fortwährend höchst unverhehlte Anhänglichkeit an die Krone Preußen ernsthafte Besorgnisse erregten, beruhigte mich Goethe mit den Worten: Seien wir unbesorgt! Der Herzog gehört zu den Urdämonen, deren granitartiger Charakter sich niemals beugt, und die gleichwohl nicht untergehen können. Er wird stets aus allen Gefahren unversehrt hervorgehen; das weiß er recht gut selbst, und darum kann er so vieles wagen und versuchen, was jeden anderen längst zugrunde gerichtet hätte.

Wie dagegen Karl August seinen Goethe ehrte und liebte, davon läßt sich wohl kein schöneres Zeugnis — bedürfte es irgend noch eines — anführen, als jene einfachen Worte, die er dem Freunde als Dank für dessen Glückwunsch zu seinem Geburtstage am 3. September 1809 zurückschrieb : Meinen besten Dank für Deinen Anteil an dem heutigen Tag statte ich Dir ab. Wenn Du tätig, froh und wohl bist, solange ich noch mit Dir gute Tage erleben kann, so wird mir mein Dasein höchst schätzbar bleiben. Leb wohl. Karl August.

Und höchst charakteristisch, zumal an solchem Festtage, ist die lakonische Nachschrift: Wen an Göttlings Stelle ? Doch einen sehr Bedeutenden ? (Bekanntlich war es unser Döbereiner, der kurz nachher an jenes verdienstvollen Verstorbenen Stelle berufen wurde.)

So schöne Verhältnisse erbten sich ununterbrochen fort, ja unser jetziger Großherzog erkannte darin ein unschätzbares väterliches Vermächtnis, und mit wahrhaft frommer Ehrerbietung und Liebe widmete er Goethe bis zu dessen letzten Lebenshauche die treueste und zarteste Fürsorge und Neigung.

Kaum wird irgend ein Land sich in unmittelbarer Folge, nahe an ein Jahrhundert hindurch, dreier so großartiger, so edel gesinnter Fürstinnen zu rühmen haben, als Weimar in Annen Amalien, Luisen und Marien Paulo wnen! Wie sie in Wohlwollen, Anerkennung und zartestem Vertrauen für Goethe wetteiferten, so ist auch er sich gleich geblieben in Ehrfurcht und Treue, in sinniger Huldigung und in dankbarem Gefühl für alle die glücklichen und schönen Stunden, die er ihren seelenvollen Mitteilungen verdankte. Er erkannte es oft mit tiefer Rührung, daß ihre Huld seine Jugend veredelt und nachsichtsvoll begünstigt, seine mittleren Jahre bereichert und beglückt, sein Alter erheitert und geschmückt habe. Auch auf ein hoffnungsvolles fürstliches Enkel- und Urenkelgeschlecht trug er die Gesinnungen liebevollster Ergebenheit und Widmung über; und wenn einst der blühende Prinz, den die segnende Fürsorge erhabener Eltern und die glücklichsten Naturanlagen der Hoffnung unserer Nachkommen entgegenreifen lassen, in die glorreiche Reihe seiner Ahnen eintritt, so wird das Bild der traulich belebenden Stunden, die Goethe ihm gewidmet, gewiß zu seinen fruchtbarsten Erinnerungen gehören.

Wir aber, denen der ewige Baumeister der Welten gegönnt hat, so viele unvergeßliche Jahre inmitten der edelsten Wirksamkeit unseres verklärten Bruders zu leben, die wir jetzt mit frommer Hand und tiefbewegter Seele den Kranz der Liebe und Ehrfurcht um seine Urne schlingen, wir wollen mit ganzer Manneskraft uns selbst aufrufen und geloben, festzuhalten an allem Großen, Guten und Schönen, was er uns gelehrt, geschaffen und als ein unvergängliches Erbteil hinterlassen hat, damit wir, als wenn wir noch beisammen wären, im Geist mit ihm zusammen sei’n. Dann wird sich jenes edelste Wort an uns selbst erproben, welches Goethe am Grabe der Herzogin Anna Amalia aussprach: Ja, das ist der Vorzug edler Naturen, daß ihr Hinscheiden in höhere Regionen segnend wirkt, wie ihr Verweilen auf der Erde, daß sie uns von dorther, gleich Sternen, entgegenleuchten, als Richtpunkte, wohin wir unseren Lauf bei einer nur zu oft durch Stürme unterbrochenen Fahrt zu lenken haben; daß diejenigen, zu denen wir uns als zu Wohlwollenden und Hilfreichen im Leben hinwendeten, nun die sehnsuchtsvollen Blicke nach sich ziehen, als Vollendete, Selige.

Text aus dem Buch: Goethe und die königliche Kunst (1905), Author: Wernekke, Hugo.

Hier geht es weiter:
Goethe und die königliche Kunst – Vorwort
GOETHE UND DIE LOGE AMALIA
Goethe und die königliche Kunst – ZWISCHEN DEM ALTEN, ZWISCHEN DEM NEUEN

Weiterführendes über Goethe:
Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.
Goethe und die graphischen Künste – Holzschnitt.
Goethe und die graphischen Künste – Steindruck.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes graphische Sammlungen.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes Anregungen zu graphischen Werken.
Goethe und die graphischen Künste – Goethe und die Einrichtung von graphischen Anstalten in Weimar.

Goethe und die königliche Kunst