Kann man die Geschichtlichkeit der Sintflut beweisen? Soweit ein vorgeschichtliches Naturereignis mit den Methoden und Ergebnissen einer Ausgrabung bewiesen werden kann, ist es geschehen. Leonard Woolley, der Ausgräber von Ur am unteren Euphrat, hat durch die Feststellung einer 2,5 m starken Tonschicht, die in beträchtlicher Tiefe die Kulturschichten unterbrach, eine Flutkatastrophe von einzigartiger Mächtigkeit einwandfrei nachgewiesen. Daß diese Flut mit der biblischen Sintflut identisch ist, kann kaum ernstem Zweifel unterliegen. Die Überlieferung einer solchen Flut ist ja nicht biblisch, sondern sumerisch und wurde im babylonischen Gilgamesch-Epos dichterisch verarbeitet, wo Utnapischti seinem, das ewige Leben suchenden Urenkel Gilgamesch die Geschichte seiner Errettung von der Flut erzählt, und zwar in fast völliger Übereinstimmung mit der späteren biblischen Fassung. Wenn wir die heutige Entfernung von Ur vom Persischen Golf in Betracht ziehen, erscheint die Möglichkeit einer großen Flut, die ohne Mitwirkung der See undenkbar ist, freilich fabulos. Wenn wir jedoch den unablässigen Landzuwachs des babylonischen Alluvialgebietes in Betracht ziehen und erfahren, daß das Meer um 400 n. d. Zw. noch bis Kuma reichte, wo heute Euphrat und Tigris sich vereinigen, und daß um 2000 v. d. Zw. die beiden Ströme noch weit voneinander getrennt in den Golf mündeten, dann erscheint Ur ganz nahe an die Meeresküste herangerückt und mußte natürlich in eine Flutkatastrophe mit einbezogen werden.

Das Tal des Euphrat war damals noch ein Sumpf, aus dem immer mehr Inseln trockenen Alluvialbodens auftauchten, der mit seiner überwältigenden Fruchtbarkeit die an harte Feldarbeit auf dem unwirtlichen Boden des nahen arabischen Plateaus oder des mittleren Euphrattals gewohnten Bauern magnetisch anzog. Die alljährlichen Überschwemmungen, die das Land weithin in eine einzige Wasserfläche verwandelten, zwangen die Siedler mehr als irgendwo anders auf Erden zum Zusammenschluß in Städten, die im Laufe der Jahrhunderte, da Schlammziegelhütten kurzlebig sind und grundsätzlich von jeder Generation erneuert zu werden pflegen, immer höher über das Alluvialland emporwuchsen, die sich aber von ihrer Gründung an durch drei bis fünf Meter starke Rohziegelmauern vor dem Hochwasser schützen konnten. Daraus erklärt sich, daß Ur und andere Städte des Schwemmlandes sogar die Große Flut überlebten.

Read More Asien-Die Nachkommen Noahs

Asien

Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Menschheit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab. Die Mythen wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmärchen nur von den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, sondern vom ganzen Volke wie etwas Wirkliches geschaut und empfunden und in Furcht und Hoffnung heilig gehalten. Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engeren Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen ein geheimnisvolles übermenschliches Wesen zu leben und zu weben schien. So verflochten sich bereits mit diesen ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Abhängigkeit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dramatisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden dann zum Teil wieder in die Erzählung des Mythus aufgenommen und gestalteten sie oft eigenartig um. Doch finden wir im germanischen Mythus kaum sichere Spuren davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsenden Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancherlei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Begabung und Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer monotheistischen Religion mündeten.

Die menschliche Einbildungskraft, die Haupttriebfeder der Mythologie, vermag zwar auch das toteste, unpersönlichste Ding bis zu einem gewissen Grade vorübergehend zu beleben und zu beseelen. Aber nur eine Auslese von Dingen und Erscheinungen war imstande, sie zu eigentlich lebensfähiger, personifizierender, eindrucksvoller und allgemein anerkannter Mythenbildung aufzuregen, nämlich solche, in denen drei Eigenschaften vereinigt waren: ein geheimnisvolles, rätselhaftes und darum staunenerweckendes Äussere, ein sinnenfälliger, den Schein persönlichen Lebens tragender Formen- oder Kraftwechsel und ein starker Einfluß auf das Wohl und Wehe des Menschen. Nur diesen erkannte man die Bedeutung und Lebenskraft eines übermenschlichen Wesens zu. Solche Erscheinungen sind im Menschendasein vor allem der Tod, dann der Traum und im weiteren Welträume die Luft- und Himmelserscheinungen: das Gewitter, der Wind, der Wolkenzug, das Himmelslicht, die Tageshelle und die großen Gestirne, endlich auch die sprossende Erde.

Wer mag bestimmen, welche von den erwähnten Erscheinungen zuerst die Phantasie wie mit einer Zauberrute aus ihrem Schlummer weckte? Sie mögen in unvordenklicher Zeit gleichzeitig gewirkt haben. Aber so viel ist gewiß, daß der Anblick des Sterbens, das dem Naturmenschen ebenso unverständlich war wie das Leben selbstverständlich, und die Folgen, die der Tod für die Angehörigen der Verstorbenen hatte, gerade in der unsrer Kunde erreichbaren ältesten Zeit einen besonders wichtigen und umfangreichen Mythenkreis veranlaßt haben. Dessen hohes Alter wird auch durch den Einklang der Vorstellung nicht nur der germanischen und indogermanischen, sondern auch der niedrigsten Völker der Erde bezeugt, der auf keinem mythologischen Gebiete so überraschend genau ist wie auf diesem. Noch ein anderes auffälligeres Zeugnis für diesen alten Bestand darf man anführen, das nämlich, daß der aus diesem Gebiete entsprungende rohe und ärmliche Geister- und Gespensterglaube üppiger als irgend welcher andre Heidenglaube noch heute fortwuchert. Denn es ist ein durchgreifendes Gesetz der Psychologie, daß eine Vorstellung je älter, desto unverwüstlicher ist. Die Götterwelt, das Letzte und Schönste des Heidentums, ist längst vor den Augen des Volkes versunken. Für zerstäubt in nichts gilt auch schon lange wenigstens der Mehrheit das Elfenwesen; die Gespenster aber leben in der Einbildung gar vieler noch heute fort und feiern sogar Triumphe in gebildeten Spiritistenkreisen. Fast möchte man sagen, der Same des Gespensterglaubens rege sich in uns Allen, wo die Nähe einer Leiche und das tiefe Dunkel der Nacht in einem Sterbezimmer, auf einem Friedhof, an einer Mordstätte sich vereinen, oder auch sogar mitten im hellerleuchteten vollen Theater, wenn ein wirklicher Dichter an ihn appelliert. „Auch kommt es nur“, sagt Lessing in seiner Dramaturgie,

„auf die Kunst des Dichters an, diesen Samen zum Keimen zu bringen; nur auf gewisse Handgriffe, den Gründen für die Wirklichkeit von Gespenstern in der Geschwindigkeit den Schwung zu geben. Hat er diese in seiner Gewalt, so mögen wir im gemeinen Leben glauben, was wir wollen, im Theater müssen wir glauben, was Er will. Vor dem Gespenste in Shakespeares Hamlet richten sich die Haare zu Berge, sie mögen ein gläubiges oder ein imgläubiges Gehirn bedecken“.

Wenn es uns rührt und erhebt, daß schon die Urmenschen hinter dem Tode ein Leben witterten und der erbarmungslosen Tatsache des Sterbens ein durch den Tod ununterdrückbares Leben entgegenstellten, so erfüllt es uns fast mit Scham, oder soll ich lieber sagen, mit Demut, daß ihre tiefsten Geheimnisse auch noch die unsrigen sind: Leben, Tod, Seele. Gerade darum haben diese der ältesten Religion den Boden aufgewühlt, sie sind die starken Pflugscharen noch unsers Glaubens.

Um den Begriff der Seele oder des Geistes dreht sich dieser alte Mythenkreis. Dieser Begriff ist ursprünglich keine Abstraktion, herausgezogen etwa aus der zusammenfassenden Beobachtung der vielen Einzelerregungen des eigenen Inneren, er ist auch nicht das Produkt der Sehnsucht nach einem höheren, freieren Dasein. Er ist dem schmerzlichen Anblick der seltsamen, wechselnden Wandelungen, die der Sterbende in seinen letzten Stunden durchmacht, abgerungen. Da wird der Atem immer schwerer und langsamer, um dann plötzlich still zu stehen, das Auge bricht und starrt unheimlich, Wärme und Farbe verlassen den Leib, kalt, bleich, steif und lautlos liegt er da, wie ein Stein. Nach unsrer gegenwärtigen Gemeinauffassung ist mit diesen Vorgängen das physische Leben und gleichzeitig mit ihm, aber losgelöst von ihm, das psychische Leben, die Seele, entflohen. Jenes besteht überhaupt nicht mehr und läßt den Leib als tote Masse zurück, die Seele aber lebt für sich in einer anderen Welt unvergänglich weiter. Eine alte weitverbreitete und auch germanische Auffassung war eine ganz andre. Nicht nur gleichzeitig mit, sondern in dem physischen Leben, in dem Atem, der Bewegung, der Wärme und Farbe entwich die Seele. Das physische Leben selber war ein Wesen, das im Tode sich löste, so daß es gleichsam zweimal da war, neben seinem lebendigen Ich ein im Tode erst frei werdendes andres Ich beherbergte. Dieses letzte, das im Kopfe wohnt, ging beim Sterben als ein Bewegliches, ein Hauch, ein Wind, ein Nebel, ein Licht oder gar als ein Tierchen aus dem Munde davon. Die Seele blieb also ein körperliches, wenn auch ein verflüchtigtes oder zusammengeschrumpftes Wesen. Sie hielt sich auch möglichst dicht an den verlassenen Leib, wohnte bei ihm im Grabe oder in dessen Nähe, oder auch in dem von ihm verlassenen Hause, oder in benachbarten Bäumen und Hügeln. Sie war auch nicht unvergänglich, sondern starb mit dem Zerfall der Leiche, zu der sie gehörte, oder welkte mit der Erinnerung der Überlebenden an den Toten auf immer dahin. Dazu stimmt, daß in den dänischen Steingräbern die Knochen der älteren Leichen bei Seite geschoben und über einander aufgestapelt wurden, um Platz für die neu beigesetzten Gerippe zu gewinnen. Viele neue Gräber sind auf fränkischen und merovingischen Gräberfeldern in und quer durch ältere gelegt.

Die Seele ist nach der germanischen Anschauung vor allem das Bewegliche. Denn die beiden Wörter Seele, gotisch saiwala, und See, gotisch saiws sind beide derselben Wurzel entsprungen, die etwas Bewegliches bezeichnet haben muß. Der Begriff einer noch heftigeren Beweglichkeit möchte im Worte Geist stecken, was besonders die nordischen Worte geisa = brausend einherfahren, wüten, geistr = heftig, feurig, geist = brausend, schnell verraten. Die deutsche Sage erzählt wiederholt von brausenden Geistern. Aus einer Wurzel an = hauchen entwickelte sich das indische anas Hauch, anilas Wind, das griechische anemos Wind, das lateinische anima Wind und Seele, vergleichbar dem griechischen Psyche Hauch und Seele. Zur Wurzel an gehört das althochdeutsche unst = Wind, Sturm und möglicherweise auch das althochdeutsche ano, unser Ahne, das ursprünglich einen, der ausgehaucht hat, einen Verstorbenen und darnach den Vorfahren bezeichnet hätte. Auch das gothische us-anan bedeutet aushauchen und das aus derselben Wurzel erwachsene nordische Seele, Leben, andi Geist und ör-endr todt, eigentlich ausgehaucht.

Noch sicherer als die Sprache bezeugt der Volksglaube die Windnatur der Seele. Die plötzlich gewaltsam ausgepreßte oder auch die beim Tode imruhige Seele fährt folgerichtig nicht als Wind, sondern als Sturm davon. Darum heißt es noch durch ganz Deutschland, daß sich ein Sturm erhebe, wenn sich jemand erhängt, und sich erst nach dessen Bestattung lege.

„Welcher Lump mag sich nun wieder erhängt haben!“

sagt man am Lechrain bei plötzlich losbrechendem Sturm. So sauste einmal an Hans Sachs im Walde bei Osnabrück das wütende Heer der kleinen Diebe vorbei, das aus lauter Erhängten bestand, und darunter ein erst desselbigen Tags Gehenkter, mit dem er sich in ein Gespräch einließ, fuhr dahin „als ein scharpfer Wind“. In Schwaben fahren auch die im Rausch Gestorbenen mit dem Muetisheer d. h. dem stürmischen wilden Heer. Von den Geistern Verstorbener heißt es in England, daß sie Hindernisse auf ihrem Wege umwerfen wie „a furious whirlwind“.

Rührend ist, daß eine im Kindbett und noch dazu ohne Beichte, also mit doppelt unruhiger Seele gestorbene Frau im Wirbelwind dahinfliegt. Dagegen wenn ein Mensch ruhig verscheidet, bewegt sich nach Schweizer Glauben die Luft im Sterbezimmer mit leisem Wehen. In Devonshire kann ein Verschluß im Hause das Sterben eines Kranken verzögern, und so öffnet man in Bayern wohl das Fenster oder deckt einige Dachschindeln ab, um einem Menschen das Sterben zu erleichtern. Gemeindeutscher Brauch, der sich noch an zahllosen Orten erhalten hat, war es, beim Eintreten des Todes ein oder mehrere Fenster, die Türe, die Luke oder gar die „Dachblatte“ zu öffnen, daß die Seele bequem hinwegfliegen könne. Man jagt sie sogar bisweilen durch Wehen mit Tüchern hinaus und ruft ihr nach „Geh hin und pfludere“ d. h. flattere. Hat das Dach im Aargau keine „Heiterlöcher“ d. h. Luftlöcher, so sucht die Seele des verstorbenen Hausbewohners gewaltsam Einlaß, indem sie es mit Sturm abdeckt. Darum muß in einigen Orten der Schweiz immer ein Fenster oder eine Stelle des Dachs offen bleiben, damit der „Geist“ aus- und eingehen könne. Im Unterinntal fahren noch heute die armen Seelen im sogenannten Allerseelenwind und anderswo in Deutschland nach älterem, schon von Geiler v. Keisersperg um 1500 bezeugten Glauben alle eines gewaltsamen Todes Gestorbene oder vor der Taufe gestorbene Kinder im wütenden Heer oder in der wilden Jagd, namentlich während der Zwölften, der zwölf heiligen Nächte der Jahreswende. Dieser Jagdzug der Seelen hat im höheren Norden im Geisterzuge der norwegischen Aaskereia, Oskerei, die ebenfalls in den Jul-nächten durch die Dörfer und Häuser tobt, noch den niedrigeren rein dämonischen Charakter bewahrt. Sie hat keine Gottheit an ihrer Spitze, die doch in Deutschland und Dänemark den Zug führt: nämlich Wodan oder auch Bertha oder Holda. In dieser Verbindung mit der Gottheit erreicht die Vorstellung vom Windseelenzuge ihren höchsten mythologischen Ausdruck. Ähnliche Stadien durchläuft der griechische Seelenglaube: in der Odyssee werden die dicht vor ihrer Hochzeit gestorbenen Töchter des Pandareos durch Stürme hinweggeführt, offenbar ursprünglich ihre, über ihr Los zürnenden windförmigen Seelen. Ein paar Verse weiter heißen diese Stürme schon Harpyien, sind also dahin raffende Winddämonen geworden. Später sausen vor ihrer Hochzeit verstorbene Mädchen im Heer der Jagdgöttin Artemis oder in dem ganz jagdartig dargestellten, von Hunden umbellten Schwarm der Hekate. In Indien fahren die Bhütas, die Seelen von Bösewichtern, im Gefolge des Sturmgottes Rudra durch die Luft. Selbst in den höchsten Mythen von der Windseele berühren sich also die verschiedenen indogermanischen Völker.

Verdichtet sich der Hauch, so wird er zum Nebel, Dunst, Rauch oder gar zur Wolke. Schon bei Homer geht die Seele als Rauch oder Schatten dahin. Nach dem neueren germanischen Aberglauben schwebt in Tirol die Seele eines Tugendhaften als weißes Wölkchen aus dem Munde. Wo man ihr im schlesischen Dyhemfurth beim Sterbefall nicht das Fenster öffnete, sah man sie am nächsten Morgen als Rauchwölkchen an der Zimmerdecke. In Ostpreußen können manche den Gestorbenen noch vierzig Tage nach dem Tode als eine nebelartige Gestalt erkennen. Und nicht nur im Tode, sondern auch im Traume des todähnlichen Schlafs wird jenes andere Ich, die Seele, lebendig und kann durch den atmenden Mund herausspazieren, um am Schluß des Traumes wieder zum Körper des Schläfers zurückzukehren. Diese Traumseele entschlüpft als Dunst dem Munde eines Schlafenden nach hessischer wie Oldenburger Sage; nach dieser kehrt sie zurück und mit ihr das Leben, nach jener bleibt sie aus und der Tod erfolgt. Diese Sage lebt voll ausgebildet in Island weiter und war schon vor mehr als einem Jahrtausend bekannt. Nur güt, was man in Island von einem bläulichen Dunst erzählt, im altfränkischen Bericht von einem Tierlein. Der gute Frankenkönig Gunthram, der um 600 lebte, war einmal auf der Jagd im Schoß eines Dieners eingeschlafen. Da schlich aus seinem Munde ein Tierlein in Schlangenweise hervor und wollte gern über den nahen Bach. Der Diener legte sein Schwert hinüber, auf dem das Tierlein das Wasser überschritt. Drüben schlüpfte es in einen Berg und lief nach einigen Stunden wieder über die Schwertbrücke in den Mund des Königs zurück. Erwacht aber erzählte dieser, er wäre im Traum über die eiserne Brücke eines großen Flusses gegangen und hätte in der Höhle des drüben gelegenen Berges einen unsäglich reichen Schatz gefunden.

Bevor wir aber die vielerlei Seelentierchen näher betrachten, müssen wir des Lichts oder Feuers als Seelenformen gedenken. Die Seele läßt den toten Leib kalt zurück oder, wie es Freidank derber ausdrückt: „die Seele fährt von mir wie ein Blaas (Hauch, Windlicht) und läßt mich liegen wie ein Aas.“ Wenn über dem Schlafenden oder am Dach eines Hauses ein Flämmchen schwebt, ein Licht von selbst erlischt oder eine Sternschnuppe in der Richtung eines Hauses fällt, so kommt nach deutschem Aberglauben der Tod, und der Sterbende „verzeigt sich“ gern Abwesenden durch einen plötzlichen Lichtschein. Die Seele macht sich dann gleichsam zeitig davon und kündet dadurch die Nähe des Todes des bereits von ihr verlassenen Leibes an. Das „Totenlicht“ setzte sich schon im Mittelalter an Haar und Kleidung der Nordleute, wenn sie sterben sollten. Manche altnordische Gräber umgab ein Feuer; nach der Hervarar-saga zeigten sich Angantyr und seine Brüder nachts als Flammen auf ihren Gräbern, und noch heute erscheinen isländische Gespenster vom „Totenfeuer“ ümleuchtet. In Deutschland flattert der Irrwisch, das Irrlicht, der Brünnlig, Pütz- und Wiesenhüpfer, in England der Willy with the wisp (Wisch), in Dänemark der blaas- oder lygtemand, der Feuer- oder Lichtmann, in Schweden der eidgast der Feuergeist über Sümpfen, feuchten Wiesen oder Feldrainen. Im Aargau gibt es Irrlichter beiderlei Geschlechts, Füerstein-mannli wie Zunselwibli. Das sind die Seelen derer, die wie die noch ungetauften Kinder, die Erhängten, die Ertrunkenen, vor der Zeit das liebe Leben eingebüßt, oder solcher, die ihr Leben mit einer beunruhigenden Tat beschlossen hatten und nun die Stätte derselben wieder aufsuchen, z. B. Grenzsteinverrücker und unehrliche Landmesser, die dann den Grenzstein auf der Schulter tragen müssen, oder Geizhälse, die irgendwo ihr Geld verscharrt hatten. Auch irrlichtem die von den Tirolern erschossenen und zerschmetterten Franzosen bei Mittenwald im Herbst auf ihren in fremder Erde bereiteten Gräbern umher. Die irrlichtemden Landmesser schlagen im Badischen wohl mit glühenden Meßstangen auf einander los, und bis ins Hochgebirge hinein, auf dem Streitgampen unter dem Pazinkopf in Tirol, befehden sich die feurigen Pütze. Reizbar ohrfeigt der Irrwisch den Wanderer, der ihn neckt, führt ihn irre, springt ihm auf den Rücken, zündet ihm das Haus an und bedroht sogar sein Leben. Seltener leuchtet er ihm dienstfertig heim. Wie andere Seelen fahren auch die Irrwische mit der wilden Jagd um.

Die flüchtige Seele als Vogel aufzufassen, lag nahe. Die indischen Ahnen, die Pitaras, fliegen in Vogelgestalt umher, weshalb beim Totenopfer den Vögeln ein Kuchen gegeben wurde. Den Griechen zeigte sich die Seele bei der Totenbeschwörung als Uhu oder Fledermaus. Germanische Seelen von Ermordeten und Selbstmördern fliegen als Raben und Krähen umher, diejenigen unschuldig Getöteter als weiße Tauben und Schwäne. Doch scheinen die Taubenfiguren bei Paulus Diaconus, die bei Pavia von Grabstangen nach der Richtung schauten, wo der in der Fremde gestorbene Langobarde seine Ruhestatt hatte, nicht die Toten, sondern deren klagende Verwandte zu bedeuten. In Westfalen sagt man Mädchen, die nicht heiraten:

„Ihr sollt die Kibitze heiraten,“

und auf dem wilden Gieritz(Kibitz)moos an der Aare in der Schweiz werden die alten Jungfern wirklich zu Kibitzen. In Schweden heißt der Schmetterling „Altweiberseele“, und in Deutschland sagt man, daß man vor der Geburt mit den „Feifaltem“ d. h. Schmetterlingen fliege. Auch in den Motten, Bienen, Käfern und sonstigem fliegenden Getier stecken Seelen, auch in der Hausgrille.

Aber andre Hausgenossen spielten unter den Seelentieren eine viel bedeutendere Rolle, die unschädliche Ringelnatter, die Maus, das Wiesel und die Kröte. Der Wohnung der Menschen zugetan, leise aus der Erde kriechend oder huschend und wieder still und plötzlich dann verschwindend, erschienen sie wie geheimnißvoll in ihrem alten Heim fortlebende Seelen der Verstorbenen, deren Leiber früher in dessen unmittelbarer Nähe oder sogar in dessen Innerem bestattet wurden. Wir blicken in den dunkelsten Winkel indogermanischer Hausreligion mit all ihrer Heimlichkeit und Unheimlichkeit, wie sie durch zahllose neuere, aber auch viele ältere nicht nur germanische, sondern auch andere indogermanische Zeugnisse enthüllt wird.

Früh wird auf attischen Grabdenkmälern und spartanischen Votivreliefs eine Schlange dargestellt, die als Opfergaben Honig und Brei zu sich nimmt, also nicht Schlangen-, sondern Menschennahrung. Verschiedene Seelenformen, Flügel wesen und Schlangen wesen, vereinigt die Darstellung einer Totenklage auf einem attischen Gefäß: am oder im Grabhügel flattern beschwingte Menschenfigürchen über einer Schlange, der Seele des Verstorbenen, von dem die Inschrift spricht. In Theophrasts Charakteren 16 errichtet der Abergläubische an dem Ort seines Hauses, wo er eine heilige Schlange gesehen, sofort ein Heroon, ein Ahnenheiligtum. Am Grabe des Heros wurde häufig eine Schlange als dessen dämonische Erscheinung gehegt. Wie er, hütet diese „Haushüterschlange“ Tempel, Haus und Grab; beleidigt aber bringt er, wie sie, Verderben. Nach dem neugriechischen Volksglauben lebt im Grunde jedes Hauses eine Schlange als Hausherr oder Hausherrin. Ihr Erscheinen im Innern desselben bedeutet Glück, besonders die unerwartete Rückkehr des Hausherrn. Verscheucht oder beleidigt zieht sie Unheil herab; man steckt Brot in ihr Erdloch und schmeichelt ihr mit dem Gruße: „Schönes Dingel!“ — Die Römer weihten ihrem Genius einen von einer Schlange umwundenen Altar und hielten im Schlafzimmer ein paar Schlangen, die für die Genien des Hausherrn und der Hausfrau galten, und zwar in so vielen Häusern, daß Plinius besorgte, die Schlangenbrut würde in Rom den Menschen noch über den Kopf wachsen, wenn ihr nicht die Feuersbrünste Einhalt täten. Starb eine solche Schlange, so galt das als böses Vorzeichen dem Vater der Gracchen, wie dem Kaiser Tiberius. Umwand eine Schlange fest das Haupt eines Schlafenden, das war den Römern ein gutes Vorzeichen; die Seele dachte nicht daran sich abzulösen. Die Schlangen aber, die Pompejus beim Verlassen seines Schiffes in Dyrrhachium erblickte, bedeuteten seinen nahen Untergang; als Seelen, die schon ihn und die Seinigen aufgegeben hatten. — In Litthauen hatte jeder Familienvater im warmen Winkel eine Schlange, der er Speise auf Heu darbrachte.

Die Ringelnatter heißt bei den Germanen Hausschlange, Hausotter, Hausunk, Hauswurm, schwedisch gärds- oder lyckoorm, Hof- oder Glücksschlange. Das altschwedische Erbauungsbuch, der Seelentrost, verbot schon tun 1400 den tief gewurzelten Glauben an Tomptorma d. h. Hausschlangen. Aber von Siebenbürgen und der Schweiz bis nach Skandinavien wurde diese da und dort noch neuerlich trotz ihres nicht angenehmen Geruchs im Stalle oder auch unter den Stubendielen gern geduldet und ihr im Herdwinkel wie in Griechenland eine für Schlangen ungeeignete offenbare Ahnenopferspende, nämlich Semmelmilch, vorgesetzt. Am Lechrain hielt noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts jedes Haus eine Hausotter, deren Geräusch den Tod eines Hausbewohners anzeigte. Auf den Betten, wenn sie gesonnt wurden, in der Küche und auf dem Rande des Brunnentrogs konnte man sie liegen sehen. Im Fricktaler Dorfe Mägden in der Schweiz vermutete man noch um dieselbe Zeit fast in jedem Keller eine Hausschlange, die sich nur bei außergewöhnlichen Fällen sehen ließ und durch ihr Geräusch, wie am Lechrain, einen Trauerfall der Familie anzeigte. Manchmal hatte ein Haus, ganz wie das römische, ihrer zwei, die mit Hausvater und Hausmutter lebten und starben. In Mittelschlesien wird die von niemand gesehene, in den Grund des Hauses sich einwühlende Hausotter für einen Schutzgeist angesehen. Doch in der ,Tunkelstunde‘ kommt die schlesische ,Otterkönigin‘, die Ahnfrau, gern einmal aus der Mauer herftir. Als der Hofbauer des sogenannten Schlangenhofes im badischen Schappacher Tal starb, starb auch der Schlangenkönig mit all den anderen Schlangen des Hofes, und von diesem wich seitdem der Segen. In der Liederedda gräbt sich die über den Tod ihres Sohnes Atli trauernde Mutter offenbar als Natter dem Gunnar rächend ins Herz. Gleich der Seele liegt auch die Hausotter gern unter der Türschwelle, auf der man wegen dieses Tieres in Bayern und im Voigtland allen Lärm, z. B. Holzspalten, möglichst vermeidet. Wie in Rom bedeutet das Erscheinen der männlichen Hausschlange im Spreewald den Tod des Vaters und der Mutter. Ja in einigen böhmischen Familien gab es ganze Schlangenfamilien, von der jedes Glied ein Glied der Hausbewohnerschaft vertrat, so daß, was einer der Schlangen geschah, auch dem entsprechenden Familiengliede widerfuhr. Mögen wir auch die beiden letzten Nachrichten den Slaven verdanken, die wie die Litthauer einen reichen Seelenschlangenkultus hatten, dieselben oder ähnliche Vorstellungen waren jedenfalls auch germanisch, z. B. nähert sich eine Schlange dem Hause, so bedeutet das nach norwegischem Glauben Glück, kriecht sie dagegen über die Straße, Unglück, wie in Rom. Wer im Bayreuthischen ein Erdhuhn oder eine Hausotter beschädigt oder sieht, muß selbigen Jahres sterben. Im innigsten Verhältnis steht dies Seelentier zum Kinde: Kinder werden wohl mit einer Schlange um den Hals geboren, wie in Rom. Die Hausschlange spielt in der Sage gern mit dem Kind des Hauses, teilt mit ihm Speise und Trank, schläft mit ihm in der Wiege und gibt ihm Gedeihen. Als aber einst das Kind, das mit ihr aus einem gemeinsamen Napf Milch und Brocken aß, sie schlug und ärgerlich rief: „Iß auch Brocken!“, da siechte es schnell dahin. Seine eigene Seele war getroffen. Die Schlange verwandelt sich also aus der Seele des lebenden und des verstorbenen Menschen zu einem Schutzgeist der Mitlebenden und der Überlebenden, zu einem Schutzgeist des Hauses. Sie wird die schützende ,Muhme‘ der ganzen Familie, wie auch das Wiesel und die Kröte. Um 1400 erzählt Nikolaus von Dinkelsbühl von der Muma, daß sie die Häuser besuche und aus offenen Gefäßen esse oder trinke, die dann die Leute alsbald wieder nachfüllten, denn sonst käme Unglück übers Haus. Mit der Muhme wird die Hausotter gemeint sein, der man ja noch viel später einen Milchnapf hinsetzte. Das Wiesel heißt gemütlich nicht nur Mühmlein, sondern in Spanien auch comadreja Gevatterin, Hebämmelein. Wie der Neugrieche die Hausschlange als „schönes Dingel“ begrüßt, so nennt der Oberbayer sein Hauswiesel „Schöntierlein oder Froie“. In andern deutschen Gegenden heißt es das Jüngferchen, bei den Griechen des Mittelalters „Bräutlein“. Obgleich es den Griechen und Römern ein bekanntes Haustier war, das etwa unsre Katze vertrat, erregte doch sein plötzliches Erscheinen bei einem außergewöhnlichen Unternehmen oder an ungewöhnlicher Stelle Furcht vor Unglück oder Tod. In Athen löste sich die Volksversammlung, in der es sich zeigte, auf; ließ es sich auf dem .Dach blicken, so war das ein böses Zeichen wie das Flämmchen auf dem Dach in Deutschland. Kommt ein Wiesel mehrmals nach einander in die Nähe derselben Wohnung, so beruft es jemand daraus ab. So gilt auch seine Vertreterin, die Katze, für einen Hausgeist. Im Aargau

„stirbt die schwarze Hauskatze ihrem Herrn vor“.

Wieseln oder schwarzen Katzen begegnen, ist im Lechrain und anderswo ein böser Angang. Bläst ein Wiesel den Menschen an, nachdem es die Springwurzel gefressen, so muß er nach Tiroler Glauben sterben. Ob die Kröten auch jenen andern Indogermanen für Seelentiere galten, ist mir nicht bekannt. Doch wagen die toskanischen Bauern eine Kröte nicht zu töten, weil so oft ein Mensch darin verwandelt ist, und in Sicilien füttert man Kröten im Hause mit Brot und Wein, weil diese „mächtigen Feen“ oder „unbegriffenen Genien“ Glück bringen. Die Germanen sahen in ihnen arme Seelen, namentlich in den Ostalpen. Aber auch im Badischen ächzt der Geist eines Wirtes als Kröte unter dem Ofen oder auch der eines Geizhalses auf dem mit ihm vergrabenen Geldsack. In Tirol darf man Kröten am Allerseelentage nicht töten, „weil arme Seelen darin sind“, wie sie denn auch an den Quatembertagen gleich armen Seelen zu Kapellen wallfahrten. Wie die römischen Laren oder Ahnengeister in Genien und sogar in Penaten Vorratsgeister übergehen, so hießen die Kröten in Schweden „bolvaetter“ Hausschutzgeister, im Aargau aber „Nahrungshunde“. Diese hielten im Keller die Lebensmittel in gutem Zustand und wurden mit Milch gepflegt. Mißhandelt bringen sie in Skandinavien Unglück und Alpdruck. Dagegen fing man sie am Lechrain wie die Wiesel im Frauendreißigst (15. Aug. bis 13. Sept.), spießte sie und opferte sie in Kirchen. „Mäusen pfeifen“ heißt „den Seelen ein Zeichen geben“. So pfiff ein schlecht behandeltes Bergmännchen Mäuse und Kinder in den Tannenberg bei Lorsch, der Hameler Rattenfänger Ratten und Kinder in den Koppelberg. Ein Windgeist pfeift den Kindern und ihren Seelen voran. Die von Hatto von Mainz in einer Scheune verbrannten Armen wimmeln als Mäuse aus dem Feuer hervor und verfolgen ihn bis zum Mäuseturm bei Bingen, wo sie ihn auffressen. Eine Mausheilige war die hl. Gertrud, die im krainischen Bauernkalender und im Gertrudenbüchlein als Spinnerin dargestellt wird, an deren Rocken Mäuse und Ratten hinauflaufen, offenbar Seelen, denn man nahm an, daß die Seelen in der ersten Nacht nach dem Tode bei dieser Heiligen herbergten. Der Sinn dieses Tiermythus ist jetzt klar. Auf ihrer Suche nach Seelenbildern stellte die Phantasie einen überraschenden Zusammenhang zwischen Tier und Mensch, einem kleinen Haustier und dem Edelsten, was er hat, seiner Seele her. Schon von den Indogermanen wurden jene der menschlichen Wohnung anhänglichen Erdtiere als Seelen der Toten des Hauses gedacht. Sie gehörten zum Ingesinde als einflußreiche Ahnengeister, mit deren Wohl  und Wehe das der Nachlebenden auf das innigste verknüpft war. Daher die freundliche Pflege und die Furcht, sie zu verletzen oder gar zu töten. So erhob sich das Tierlein mehr und mehr zum Heros, Genius, Schutzgeist der Person und des Hauses. Aus dieser und ähnlichen Seelenvorstellungen erwuchs der namentlich im Norden so reich ausgebildete Glaube an die Folge- und Schutzgeister (siehe unten). Aber die Verwandlungsfähigkeit der Seele ist eine viel mannigfaltigere. Mochte sich der gemeine Mann mit einem Weiterleben als Haustierchen begnügen, so verlangte die Seele des Vornehmen für ihr öffentliches Auftreten vornehmere Tierformen. In Griechenland zeigte sich der wieder erwartete Ahnherr, der Heros, hier und dort in Wolfsgestalt, in eben dieser oder in Bärengestalt die Fylgja oder der Schutzgeist tapferer Nordleute. Während der kühne Bjarki noch schlummert, kämpft seine Fylgja schon vor seinem Zelte draußen in der Schlacht als Bär, um zu verschwinden, sobald er auf gewacht heraustritt. Die Traumseelen in Tierform schweben dann auch in die Träume Anderer, in denen das Schicksal ahnungsvoll auf steigt. Kriemhild träumt von ihrem Falken (Siegfried), daß ihn zwei Adler erkrallten (Hagen und Günther), und ähnlich sieht im Anfang der Gunnlaugssaga der träumende Thorstein auf dem Hausfirst einen schönen Schwan (Helga) sitzen, um den zwei Adler (Gunnlaug und Hrafn) kämpfen, bis sie beide im Streit tot herabfallen. Mit einem Falken aber (ihm selber) flieht endlich der Schwan davon. Öfter stürzen im Traum Scharen von Wölfen und Eisbären heran, welche Landesfeinde bedeuten. Andere Verstorbene nehmen je nach ihrem Charakter oder ihrer Lebenslage diese oder jene größere Tierform an. Den Bewohnern der Färöer und Rügens sind die ins Wasser sich werfenden rundköpfigen Seehunde Menschen, die sich ertränkt haben. Auf den Färöern kriechen sie in der Epiphaniasnacht mit ihren Menschenleibern aus dem Balg, um sich mit Tanz und Spiel in den Klippenhöhlen zu ergötzen. Nach dänischem Glauben legt der Seehund jeden neunten Tag seine Haut ab und wird ein Mensch. Auf der Tiroler Alm müssen Hirten, die ihr Vieh mißhandelten, nach ihrem Tode als Stiere, Säue, Hunde umgehen. Beim weinreichen Dorfe Oberflachs poltert das Gespenst eines unredlichen Trottenmeisters, das Trottentier, im Hause herum. Und viele Dorftiere, die abends in der Nähe der Dörfer dem Wandrer aufhocken und ihn irreführen in Kälber-, Hunde- und Schweinegestalt, sind die Seelen von Übeltätern, haben aber oft den Charakter von Wettergeistern. Auch lebendige Menschen können sich in Tiere verwandeln durch Zauberei. Die Königstöchter des eddischen Wielandsliedes machen sich zu Schwanjungfrauen, und der Iarl Franmar in dem einen Helgeliede nimmt Adlersgestalt an. Die bekannteste und schlimmste Tierform aber ist der Wolf. Er heißt althochdeutsch Weriwolf, bei Berthold von Regensburg werwolf, in England im Norden vargulfr (Verbrecherwolf), varulf. Noch heute sprechen wir vom Werwolf. Man schwankt, ob man den Werwolf als Mannwolf aus ags. ahd. Mann oder als Kleidwolf, Wolfsfellbekleideten aus ags. were, ahd. weri erklären soll. Für die erste Deutung spricht der griechische Werwolfsname: lykanthropos, Wolfsmensch, der bretonische denbleiz Mannwolf und vor allem der inselschwedische folkwarg Menschenwolf, ja auch der entlegenere, aber in seinem Wesen gleichartige indische „Menschentiger“. Die zweite Deutung empfehlen die altnordischen Ausdrücke ulfshamr Wolfskleid als Hülle des vargulfr und ulfhedinn wolfsbekleidet, das im ahd. Eigennamen Wolfhetan wiederkehrt. Auch der westfälisch-hessische Werwolfsname Böxenwolf d. h. Hosenwolf, wohl ein Wolf, der eigentlich Hosen trägt, spricht dafür. In Italien galt das allgemeine Wort Versipellis der Fell Wechsler, altnordisch hamrammr, der sein Kleid, sein Äußeres zu wechseln vermag. Das erste Zeugnis für Deutschland bringt Bonifacius im 8. Jahrhundert bei, wo er in einem Sermon verbietet, an Hexen und „ficti lupi“ d. h. fingierte Wölfe zu glauben; ausführlicher bekämpft Burkhard von Worms, wie es scheint, denselben Glauben an die sogenannten Parzen oder drei Schwestern, die einem Neugeborenen die Gabe verleihen könnten, sich jederzeit in einen Werwolf zu verwandeln. In einigen Familien galt diese Eigenschaft für erblich: ein gewisser Ulfhedinn hat einen Vater Ulfhamr und vielleicht noch einen Großvater Ulfhamr. Aber die nordische Sage von jenem geschilderten, selber so werwölfisch gesinnten größten Skalden, Egil Skallagrimsson, verbreitet noch mehr Licht über die unheimliche Art eines solchen Tiermenschen. Es ist des Dichters eigener Großvater Ulf, der vom ersten Morgengrauen an seine Wirtschaft mit kluger Tatkraft fördert und unablässig seine Knechte zur Arbeit antreibt. Abends aber kann ihn niemand zum Sprechen bringen, er wird in sich gekehrt und schlaftrunken. Nun zeigt er sich im Dunkel seines einsamen Lagers als hamrammr, er nimmt eine andere Gestalt an. Sein Arbeitsdrang erwacht von neuem, schlägt aber nun eine andre, furchtbare Richtung ein. Als Wolf fällt er mit unwiderstehlicher Stärke und Wildheit die Menschen draußen in der Nacht an. Ist die Wut gewichen, so liegt er andern Morgens tief erschöpft im Bette. Man nannte ihn von dieser abendlichen Vertierung Kveldülfr den Abendwolf. In der Wölsungensage legen zwei mit dicken Goldringen versehene Männer auf neun Tage Wolfsfelle an, um aus ihnen am 10. Tage herauszuschlüpfen und sie vor dem Schlaf an die Wand zu hängen. So finden Sigurds Vater Sigmund und Stiefbruder Sinfjötli diese Felle, ziehen sie über und fahren dann unter Geheul im Walde umher,

„mit Wölfen schwelgend und mit eisigem Atem Wunden saugend“.

Statt neun Tage muß der Werwolfsmensch nach pommerschen Sagen drei, sieben oder neun Jahre im Wolfsleib beharren. Sieben Jahre dauert diese Verwandlung in der Normandie, in Irland und Armenien. Nach deutschem Werwolfsglauben, der noch immer nicht im Norden und Osten (Hinterpommem), auch da, wo längst die Wölfe ausgestorben sind, erloschen ist, müssen namentlich die in den Zwölfnächten, zwischen Weihnacht und dem heiligen Dreikönigstage, geborenen Kinder Werwölfe werden. Die Kunst der Werwolfsverwandlung können auch, wie uns Burkhard von Worms soeben gelehrt hat, die Schicksalsweiber den Neugeborenen geben. Nach deutschem Aberglauben wird der siebente Sohn eines Ehepaares ein Werwolf, nach dänischem bringt die Frau, die sich behufs leichter Geburt eines Zaubers bedient, Knaben zur Welt, welche Werwölfe, oder Mädchen, welche Nachtmahren werden. Kenntlich im Norden sind die Menschen, die sich in Werwölfe verwandeln, an zusammengewachsenen Augenbrauen. Zum Werwolf kann sich derjenige selber machen, der einen aus Wolfsleder oder Menschenhaut verfertigten Wolfsgürtel um den Leib schnallt. Er geht nachts aus, um Menschen zu zerfleischen und Vieh zu verschlingen, der Böxenwolf springt den Leuten auf den Rücken. Die Nennung seines Taufnamens, oder ein Wurf von Stahl und Eisen über ihn weg, westfäl. Blankmaken genannt, oder eine gegen ihn gerichtete Degenspitze oder eine Verwundung entzaubert ihn. Doch wirkt die Verletzung oft nicht sofort, aber sie verrät ihn dann später, indem auch der wieder Mensch gewordene Körper an der entsprechenden Stelle die Wunde trägt. Eine Wolfsfalle, in die man drei Kreuze vom Holz von einem Osterfeuer steckt, fängt ihn. Verfolgt wird er wohl schon wieder zwar als Mensch im Bette angetroffen, aber noch hängt der Wolfsschwanz heraus. In Schleswigholstein galt er auch wohl als „gefroren“ d. h. unverwundbar. Im 16. Jahrhundert bis ins 17. hinein blühten die Werwolfsprozesse namentlich in Nord- und Mittelfrankreich, aber auch in Deutschland. Noch 1589 wurde in Köln Peter Stube, der Werwolf von Epprath, hingerichtet, weil er bekannte, in Wolfsgestalt 13 Kinder zerrissen und ihnen das Gehirn aus dem Kopf gefressen zu haben. 1610 wurden in Lüttich zwei Werwölfe wegen gleicher Untaten hingerichtet. Dieser allen europäischen Indogermanen und auch den indogermanischen Armeniern gemeinsame, dagegen bei den Persern und Indern nicht nachweisbare Glaube reicht hoch über die ältesten germanischen Zeugnisse in die Vorzeit hinauf. Schon das alte Griechenland kannte die Werwolfskrankheit, sie spielt schon in die Sage von dem altertümlichen Kultus des Zeus Lykaios hinein. Wer diesem Gotte auf dem hohen arkadischen Berge Lykaion ein Kind opferte, wurde zur Strafe in einen Wolf verwandelt. Enthielt er sich aber neun Jahre des Menschenfleisches, so nahm er im zehnten wieder Menschengestalt an, was an die neuntägige, beziehungsweise neunjährige Werwolfszeit bei den Germanen erinnert. Ferner stimmt zum deutschen Glauben, daß der neugriechische struppige, krallenbewehrte Kalikant-sare oder Werwolf, der wie der westfälische Böxenwolf jedem Begegnenden aufhockt und das Gesicht zerfleischt, ebenfalls in den Zwölfnächten geboren wird. Diese Zeit ist auch seine eigentliche Raubzeit, wie die der livländischen und polnischen Werwölfe. Während der russischen und rusinischen Weihnachtsfeier rennen in Wolfspelze Vermummte umher und peinigen in Haus und Hof, wen sie erhaschen, und auch in Deutschland gab es Leute, die sich in der Weihnachtszeit in Wölfe verwandelten. Der germanische Norden brachte noch eine eigentümliche Abart dieser halb wirklichen, halb eingebildeten Ver-tierung des Menschen hervor, den Berserkergang d. h. die Berserkerwut. Die Vertierung nahm nämlich in der Wikingerzeit, in der so viele Nordleute ihre Sache auf Raub und Mord und Krieg stellten, einen militärischen Charakter an. Die Berserker d. h. Bärenkleider waren Soldaten, die statt des Panzers ein Bärenfell trugen. Angesichts des Feindes überkam sie eine unsinnige Kampfeswut, die ihnen ungewöhnliche Stärke und außerdem Empfindungslosigkeit gegen allen Schmerz verlieh. Sie scheuten weder Eisen, noch Feuer, zerbissen den Rand ihrer Schilde, stürzten sich mit geschwungenen Schwertern gleich Wölfen heulend in die Schlacht und hieben, was ihnen in den Weg kam, Menschen oder Bäume, nieder. Nach einem solchen Ausbruch fielen sie, wie nach einer schweren Krankheit, in tiefe Erschöpfung. Wie aus dem Krieg, machten sie aus dieser Wut ein Gewerbe und verdangen sich bandenweise dem Könige, der am meisten bot. Die zwölf Berserker des sagenhaften Dänenkönigs Hrolf Kraki kämpften bald an der sächsischen Grenze, bald auf dem Eise des schwedischen Waenersees. Noch Harald Schönhaar um 900 hatte Berserker, die über ihren Panzern Wolfspelze trugen, in seinem Dienst, und sein Skalde Thorbjöm Hornklofi feierte diese brüllenden Helden samt dem Hofnarren und dem Lieblingshunde des Königs. Aber obgleich sie sich oft als Schützlinge Odins ausgaben, wurden sie von den übrigen „Kämpen“ mit Mißgunst oder gar mit Verachtung angesehen. So verrauchte die alte wilde Leidenschaft in einer anmaßlichen gewinnsüchtigen Schauspielerei, und was einst vielleicht mehr eine Plage der Ergriffenen gewesen war, wurde nun zu einer schlimmeren Plage ordentlicher Leute. Darum straften die Isländer mit Recht den Berserkergang mit Friedloslegung, wenn aucht nicht mit völliger. Deute ich eine Stelle im Paulus Diakonus 1, 11 richtig, so hätten Südgermanen schon Jahrhunderte vor der nordischen Wikingerzeit solche Krieger gekannt. Als nämlich die Langobarden auf ihrer Wanderung nach Süden auf die Assipiter stießen und die große Zahl dieser ihrer Feinde und ihre eigne geringe sahen, da sprengten sie listig aus, sie führten Hundsköpfe im Lager bei sich d. h. ungeheure Menschen mit Hundsköpfen, die nach Menschenblut dürsteten und, wenn sie keinen Feind erreichen könnten, ihr eigenes tränken. Der aus der gelehrten Literatur des Plinius und Solinus bekannte Name der Kynokephalen, eines fabelhaften hundsköpfigen Volkes, ist an die Stelle der in Wolfs- oder Bärenfell gekleideten langobardischen Vorkämpfer getreten. Im bayrischen oder Tiroler Raufer, der, wenn er keinen Gegner findet, wie ein Stier den Rasen ausrauft, lebt die alte Kampfeswut fort. Auf diese Nachtseiten menschlichen Geisteslebens fällt vom Seelenglauben her einiges Licht. Denn der eingebildete Wechsel der Hülle oder des Überwurfs, das alt nordische „hamskiptast“, woran das deutsche „Ausderhautfahren“ anklingt, deckt sich im wesentlichen mit der griechischen Ekstasis, dem Austritt nämlich der Seele aus dem Körper. Verläßt die Seele diesen im Tode dauernd, im Traume oder auch in der Ohnmacht vorübergehend, so macht sie sich auch in der Verzückung frei von ihm oder wird vielmehr seine Herrin. Sie reißt ihn mit sich in ihr neues fremdartiges Treiben hinüber. Der tief eingewurzelte Wahn, daß bei Tod und Traum die Seele eines kampflustigen Mannes als Kampftier, Wolf oder Bär, zum Vorschein komme, mochte im aufregenden Dunkel des Abends einen ruhelos tätigen Mann dazu aufstacheln, sich selber in ein solches Tier verwandelt zu fühlen. Er mochte seinen Sinnen und Gliedern eine melancholische Wildheit aufzwängen, wie sie den Wolf zu erfüllen schien, wenn er in der Stille der Nacht einsam die Herde würgte. Von demselben Wahn beherrscht konnten Leute das nächtliche Treiben ihres rücksichtlos rührigen Herrn leicht nach dieser Richtung hin deuten und seine etwaigen Erzählungen für wahr halten. Bis wie weit die Wirklichkeit dem Glauben entsprach? Man behauptet, den Werwolf könne man morgens mit bleichem Gesicht und Blut im Bart heimkehren sehen. Hieß doch auch der Verbannte, der wegen Friedensbruchs aus der menschlichen Gesellschaft Gestoßene, schon bei den Goten und den salischen Franken ein Warg, ein Wolf, oder ein Waldgänger, der im dunklen Wald ein Wolfsleben führte, ein Wolfshaupt, ags. wulfes heäfod, trug und überall auch im Heiligtum als „vargr i veum“, Wolf im Tempel, gehetzt wurde, gehetzt, so weit der Himmel sich wölbt und Menschen wohnen. Denn Bär und Wolf sind nach dem altnordischen Gesetz, wie nach dem Sachsenspiegel überall, selbst im Bannforst, friedlos. Die Werwölfe trieben in der dunkelsten Zeit des Jahres, in den Zwölf nächten, ihr Unwesen oder waren in dieser Zeit geboren. Legt ein Werwolf am 9. Tage oder auch erst im 3., 7. oder 9. Jahre sein Fell ab, so hängt das wieder mit dem Seelenglauben zusammen. Soeben ist mit geteilt worden, daß der in einen Seehund verwandelte Ertrunkene jeden neunten Tag seine Haut abstreife, um wieder Mensch zu werden, und überhaupt pflegt der Verstorbene, insbesondere der vorzeitig Verstorbene, am neunten Tag nach seinem Tode in Deutschland wie in Altgriechenland wiederzuerscheinen, wann nämlich die Zeit der ersten Versöhnungsopfer für die Toten abläuft. In Pommern heißen solche Wiedergänger Neuntöter, weil ihr werwölfisches Treiben neun Jahre dauert, ein Zeitraum, den in Griechenland die Selbstverbannung, das Wolfsleben, nach einem Morde erheischte. Ja der aus dem Grab gestiegene Wiedergänger geht mm geradezu als Werwolf um, wie im Jahre 1685 der verstorbne Bürgermeister von Ansbach. Die umgehende Leiche also nimmt nun wirklich die Gestalt des zauberisch verwandelten lebenden Menschen an. In Pommern namentlich werden nicht zur Rechenschaft gezogene Verbrecher nach ihrem Tode Werwölfe, die sich von Menschenfleisch nähren, sowie in der Normandie die Leichen Verdammter in Werwolfsgestalt Sarg und Hügel durchbrechen. Der englische König Johann ohne Land soll nach seinem Tode ebenfalls als Werwolf umgegangen sein. Wenn nun außerdem in Danziger Sagen dieser Gräberwerwolf zum Vampyr wird, so erkennt man wiederum, in wie alten Geleisen dieser düstre Glaube fährt. Denn der griechische Heros kehrt auch in Wolfsgestalt wieder und verübt Vampyrtaten. Auffallend erzählt die inselschwedische Sage, daß die Wölfe die Wiedergänger zerreißen, wo sie dieselben nur finden. Als ob sie in ihnen Nebenbuhler witterten. Die Berserkerwut aber gleicht mehr jener Ekstase der Bacchantinnen, die in der nächtlichen Feier des thrakischen Gottes Dionysos durch heftige Wirbeltänze zur Raserei gesteigert wurde. Mit geschwungnen Dolchen oder Thyrsosstäben, Schlangen würgend und zerreißend, trugen sie Feuer auf ihrem Lockenhaupt, ohne dessen Brand oder eine andere Wunde zu empfinden, und zerrissen mit ihren Zähnen das blutige Fleisch der Opfertiere, bis auch sie erschöpft zusammenbrachen. Hier haben wir die weibliche, griechische, dort die männliche, nordische Form der Ekstase; der wilde Tanz ist hier, der wilde Kampf dort die Triebfeder der Raserei. Von dieser Episode aus dem Seelentaumel Lebendiger rufen uns nun die Seelen der Toten wieder zu sich zurück. Denn außer dem Reiche der Lüfte und dem der Tiere sucht die Seele sich auch noch die gleichsam mitteninne liegende Pflanzenwelt dienstbar zu machen, diese jedoch nur mit halbem Erfolg. Die Bäume und Büsche, die um die Wohnung wuchsen, gehörten zwar auch, fast wie die Haus- und die besprochenen Seelentiere, mit zur Familie. Aber auf einen Fleck gebannt, zeigten sie doch kein ausreichendes Maß der Lebendigkeit, daß auch sie für wirkliche, vollgiltige Seelenverkörperungen gelten konnten. Um so besser eignete sich ihr dichtes, bald stummes, bald leise flüsterndes oder laut rauschendes Laub zum Aufenthalt der Seelen, namentlich solcher Verstorbener, die von ihrer heimlichen grünen Warte herab das Wohl der hinterbliebenen Ihrigen wachsam behüteten. Am längsten hat sich diese gewiss einst gemeingermanische Vorstellung im schwedisch-norwegischen Värd-oder Boträd Wacht- oder Hausbaum erhalten. Wir erinnern uns des Word, wie er als Schlange oder auch als Licht oder als des Menschen Scheinbild, also immer als Seele, sich offenbart, und der Boträd wird auch geradezu der Baum der Tomtegubber, der Gehöftsahnen, genannt, die im altschwedischen ,Seelentrost‘ sogar (tadelnd) Tomtegudha d. h. Gehöftsgötter heißen. Ein solcher Baum wurde durch Opfer und Gebet geehrt und von Schwangeren in ihrer Not umklammert, nicht weil er selber eine Seele oder ein Gott, sondern weil er der Sitz einer Ahnenseele, eines Schutzgeistes des Hauses, war. Darum leiteten manche schwedische Familien von einem solchen Baum ihren Namen ab, unter andern von einer dreistämmigen Hoflinde die drei Familien Lindelius, Tiliander (d. i. Lindemann) und die weltberühmte des Linnaeus oder Linn6. Aber der Glaube an eine eigentliche Verwandlung der Seele in einen Baum oder eine Blume, den Koberstein für altindogermanisch hält, scheint ein später zarter Seitenschößling des markigen Wiedergängerglaubens zu sein. Hin und wieder hört man z. B. von drei verfluchten und vom Blitz erschlagenen Jungfern, deren Seelen in drei große Bäume fuhren. Nach vielen Volksliedern und Ortssagen sprießen die Seelen Ermordeter oder unschuldig Gerichteter oder jung gestorbener Liebender aus dem Grabe oder dem hinströmenden Blut als weiße Lilien, rote Rosen, Myrthen und Epheu, ja als Eichen und Ebereschen hervor. Ruhen zwei Liebende darunter, so neigen und verzweigen sich die Gewächse, ,wär’n gern einander nah‘. In der englischen Ballade von Margret und William klettern die Rosenranken aus ihrer Brust sogar bis zur Turmspitze der Kirche, in der sie begraben liegen, empor und verschlingen sich hier in einen Liebesknoten.

„Das Gemüt vermag es nicht zu tragen, daß zwei jugendliche Wesen, deren Dasein soeben eines in dem andern erst erfüllt und vollendet werden sollte, so auf einmal auseinandergerissen oder beide zugleich der Zeitlichkeit entrückt sein könnten. Es ruft die Phantasie zu Hilfe, daß sie aus dem Tode ein neues Leben hervorgehen lasse, in dem sich das alte fortsetze, an das sich das Gemüt sinnlich halten, das es anschauen könne“.

Man könnte auch in den Grabesblumen gewaltsam oder unschuldig Getöteter ununterdrück-bare Zeugen der Unschuld sehen, die das von einer späteren Naturauffassung Tieren und Pflanzen beigelegte Mitgefühl unwiderstehlich aus der Unglücksstätte hervorgetrieben hätte. So wächst denn auch hinwiederum an solchem Ort kein Gras, und eine Fichte bleibt dort stets klein und dürr. Trostlose Trauer hängt darüber wie eine ewige Strafe. Aus dem Munde eines in der Schlacht gefallenen Königs wächst eine hohe Eiche, aus dem Grabe eines Selbstmörders ein Dornbusch oder eine Distel. Unter den alten Hagebuttensträuchem der nordfriesischen Gräber hausen Wiedergänger. Alle bisher besprochenen Seelenformen überbot an tiefer Gemütswirkung und poetischer Triebkraft weitaus die Erscheinung der Seele in Menschengestalt. Aus dem Traumbild oder auch dem wachen Phantasiebild, wie es im gram oder schreckerschütterten Gemüte der Überlebenden nach dem Tode eines verehrten, geliebten oder eines gefürchteten, gehaßten Angehörigen aufzusteigen pflegt, wurde ein mit voller Lebensgröße des Verstorbenen ausgestatteter Geist. Zuweilen schwebt er nur als ein Schatten vorüber wie der Geist von Hamlets Vater. Öfter aber ist der Wiederkehrende von Grabesdunst umwittert, entstellt oder verklärt, abgeblaßt oder gedunkelt, zuweilen ins Riesenhafte ausgereckt. Bald schwebt er still und flüchtig herbei, bald tritt er mit festem Fleisch und Bein in seiner leibhaftigen Gebärde und mit seiner Gemütsart mitten unter die Menschen, namentlich nach nordischer Sage mit übermenschlicher Höllenkraft ausgerüstet. In ihm, dem meist furchtbaren Heimsucher, aber auch wohl dem Helfer und Tröster der Überlebenden, dem phantastischen Wiedergänger, hat der Seelenmythus seinen höchsten, gleichsam klassischen Typus geschaffen und zugleich eins der wertvollsten Zeugnisse urältester Menschenkunde hinterlassen. Der an die Elemente, Tiere und Pflanzen geknüpfte Seelenglaube hatte entweder einen unbestimmten oder doch einen überwiegend ruhigen idyllischen Charakter, der Wiedergängerglaube legt wie kaum ein andrer das innerste Wurzelwerk der ältesten menschlichen Seele bloß. Aus ihm strömt eine leichenduftige und doch zum Leben drängende Poesie hervor, welche die ganze Tonleiter menschlicher Gefühle von der jämmerlichsten Gespensterangst durch die heißesten Gewissensqualen und die ergreifendsten Muttersorgen hindurch bis zu dem andachtsvollen Schauer durchläuft, den auch wir vor einer überirdischen Geistermacht empfinden. Der Ursprung dieses wilden, lebenssehnsüchtigen Glaubens, der doch auch ausnahmsweise so innig und zart sein kann, liegt in jener fernen Steinzeit, wo man die Toten, ihre ganzen Leiber, begrub, nicht in der späteren Zeit des Leichenbrandes, der nur ein paar Knochen in einem Häufchen Asche zurückließ. Er liegt in jener Zeit roher Gewalttat, Blutrache und Selbsthilfe, in der der Mörder nach seiner Untat zwar Gewissensangst nicht empfinden mochte, wohl aber das verwandte unbezwingbare Gefühl, daß der Gemordete ein Recht auf Vergeltung habe und zuraal, wenn dieser keine rächenden Erben besaß, als Ungesühnter sich selber zu blutiger Sühne erheben müsse. Denn seine ergrimmte Seele lebte und vermochte den begrabenen Leib zu vorübergehendem Nachleben mit sich fortzureißen, wie die Werwolfsseele den lebendigen in die ihr entsprechende Gestalt zwang. Aber nicht nur Ermordete kamen wieder, sondern alle, die im Leben oder im Tode nicht ihr Recht bekommen hatten, die, vor der Zeit gestorben, vom Leben nicht lassen wollten, oder die ungenügend bestattet waren. Wiederum liegt uns in der Wiederkehr solcher Toten ein indogermanisches Glaubensstück vor. Schon im alten Indien plagten Wiedergänger ihre Hinterbliebenen und fuhren die Seelen ungeborener Kinder als Blutsauger um. Die Preta d. h. die Hingegangenen irrten zunächst hungernd auf Erden umher, bis sie durch ein besonderes Opfer zu den Pitaras oder Ahnen ins Jenseits geführt waren. Die Pitaras aber schützten oder straften ihre Nachkommen, je nachdem sie geehrt oder vernachlässigt wurden. Ein aus Kummer über die Untreue seiner Frau gestorbener Mann kommt jede Nacht, sie zu peinigen. Doch man verwarf den Glauben, daß Hausväter nach ihrem Tode als Dämonen ihre Gräber auf suchten. Für das Kastenwesen ist dieser alte Glaube verwertet, wenn im Mahabharata die Brahmanenhasser nach dem Tode zu Unholden werden. — Die Perser dachten offenbar ähnlich. Denn Xenophon scheint ihren Glauben richtig aufgefaßt zu haben, wenn er den sterbenden König Kyros daran erinnern läßt, daß die Seelen derer, die Unrecht erlitten, den Mördern Schrecken einflößten. In Griechenland spielte der Glaube an die Wiederkehr der Toten in verschiedenen Farben. In der Ilias fleht die Seele des Patroklos, in Euripides’ Hekuba der Schatten des ermordeten Polydoros um Bestattung, beide, weil sie Ruhe finden möchten. Nach Hesiod werden die Menschen des ältesten, goldenen Geschlechts nach ihrem Tode Dämonen auf der Erde, Wächter der Menschen, die ,in Nebel gehüllt‘ d. h. unsichtbar Recht und Unrecht beobachten. Plato gab, wenn er auch etwas von seiner Philosophie hineinvernünftelte, doch deutlicher den volkstümlichen Grund der Unruhe gewisser Toten an. Seelen, die ihre Sinnlichkeit nicht ablegen, meint er, umschweben längere Zeit ihre Gräber, da die sinnliche Leidenschaft die Seele wie mit einem Nagel an den Körper hefte und sie selber fast körperlich mache. Der Gemeinglaube aber kannte zwei große Klassen von Wiedergängem, nämlich die Aoroi, die vor der Zeit Gestorbenen, und die nach dem Tode Vernachlässigten. Zu jenen gehören die eines gewaltsamen Todes, sowie die kinderlos oder unverheiratet Gestorbenen, zu diesen die Unbestatteten, auch die ohne die gebührlichen Totenopfer Gelassenen. Was ihnen lebend oder tot entzogen wurde, suchen ihre Seelen einzubringen, indem sie entweder einzeln als rachgierige Irrgeister Alastores umgehen oder scharenweise im Heer der Hekate beängstigend einherziehen. Namentlich die Heroen mit ihrem reizbaren Ehrgefühl machen gefürchtete Angriffe auf ihre Beleidiger. Sie quälen mit vampyrartigem Alpdruck, stürzen ganze Familien ins Verderben, erwürgen jeden, der ihnen begegnet, und verhängen sogar über weite Landschaften Dürre und Seuche. Darum spielen sie im Zauberwesen einst wie heute eine bedeutsame Rolle. Aus dem Grabe trieb es noch die widerwillig zum Christentum bekehrte „Braut von Korinth“, den ihr genommenen heidnischen Bräutigam zu umarmen und seines Herzens Blut zu saugen. Der neue Glaube vermochte nicht diesen mächtigen Zug nach Vergeltung und Befriedigung zu ersticken : die Manes, die Ahnen, auch noch christlicher Römer wurden durch Rachsucht oder Mitleid auf die Oberwelt zurückgeführt. Bei allen Germanen hieß oder heißt dieses Wesen der Wiedergänger, französisch reve, oder allgemeiner Gespenst, Draugr, Trugbild, mundartlich , Nachsehr er, Neuntöter. Sein Tun ist der Wiedergang, der Nachspuk, das Umgehen. Groß ist die Schar der germanischen Wiedergänger: Ermordete, Ertrunkene, Verhungerte, Liebende, Kindbetterinnen und diejenigen, die in ihrer Sterbestunde nicht den Beistand ihrer Söhne oder nicht ein ehrliches Begräbnis gefunden haben; aber auch solche, denen noch im erkalteten Herzen der Gedanke an ihre Untat oder auch die Sorge um Hab und Gut brennt, oder denen ein Gelübde oder auch die Lust am Saus und Braus der Jagd keine Ruhe läßt, oder Kinder, die hilflos oder, wie man später sagte, ungetauft dahingerafft sind. Nach diesen ihren verschiedenen wirklichen Schicksalen gestaltete sich das Nachschicksal, das Schein- und Trugleben des Wiedergängers, das ihn rächen, sühnen, trösten, befriedigen, schadlos halten soll, sehr verschieden. Und so bekommt jeder dieser so schroff abgerissenen Lebensläufe ein meist unheimliches, zuweilen aber unsäglich rührendes Nachspiel; der schrille Schlußakkord ihres Lebens klingt noch einmal dumpf wider. Die ältesten Wiedergänger scheinen die Seelen von Ermordeten und Mördern gewesen zu sein, von denen der eine den andern zum Bruch der Grabesruhe aufregt. Schon die bloße Nähe des Mörders, des „Mortmeilen“, macht das starre Blut des auf der Bahre liegenden Erschlagenen fließen. Als Hagen an Siegfrieds Bahre trat, „flössen die Wunden sehr“. Als Richard Löwenherz sich der Leiche seines königlichen Vaters näherte, da brach aus dessen Nase das Blut hervor, als ob es zu Gott über den schreien wollte, der für die Ursache seines Todes gehalten wurde. Im Jahr 1503 troff das Blut einer aufgegrabenen Baslerin durch die Bahre, als ihr Mann ihre Ermordung abschwören wollte. Der schon indische Glaube an dieses in Mitteleuropa freilich erst in den französischen Artusromanen des 12. Jahrhunderts bezeugte Bahrgericht scheint im badischen Volke selbst heute noch nicht ganz erloschen. — Ermordete und andere Verunglückte müssen nach ostdeutschem Glauben so lange umgehen, als sie noch hätten leben können. Nach altnordischem Gesetz begrub man mit Tod gestrafte Verbrecher auf der Flutgrenze, als ob das wiederkehrende Wasser seine Wiederkehr hindern solle. Die Bedeckung, das Hüllen „hylja“ der Leiche, wurde später im Norden gesetzliche Pflicht eines jeden, der den Leichnam fand; sogar der Mörder hatte sie an seinem erschlagenen Gegner zu erfüllen. Unterließ er sie, so wurde er eben deswegen geächtet und fühlte sich selber der Rache des wiederkehrenden Gemordeten mm aus doppeltem Grunde preisgegeben. Nach dem angelsächsischen Gesetz soll der Mörder dem Getöteten nichts nehmen, sondern ihn auf den Schild legen, das Haupt nach Westen, die Füße nach Osten gerichtet. Mit solcher Strenge wahrte das bajuwarische Volksrecht die Unverletzlichkeit der Toten, daß selbst derjenige, der beim Wegschießen der Aasvögel die Leiche mit dem Pfeil verwundete, in Todesstrafe verfiel. — Unter den Mördern sind vorzugsweise die Selbstmörder zur Wiederkehr geneigt; sie müssen fort und fort nach dem Ort ihrer Entleibung hinwandeln, der für so unheimlich gilt, daß man dort nicht ruhig sterben kann. Nach altschwedischem Gesetz sind sie zu verbrennen, damit sie nicht nach ihrem Tode andres ehrliches Volk heimsuchen. Geschwächt kommt der Wiederkehrsgedanke zu neuerem Ausdruck, wenn die Hand des Vatermörders, ja des Kindes, das nach den Eltern geschlagen hat, sowie die des Meineidigen, Diebes, Baumfrevlers sich aus dem Grab emporstreckt. — Ertrunkene wollen ihr Teil am Totenmahl: so tritt der ertrunkene Isländer Thorodd noch naß mit seinen Unglücksgefährten neun Tage nach seinem Untergang in die Halle, wo man bereits zu seinem Totengedächtnis das Erbbier trinkt. So behält auch in Schwaben das Wasser den Ertrunkenen neun Tage, um ihn dann wieder auszuwerfen. In Steiermark wandelt der Ertrunkene so lange in der Nähe seiner Unglücksstätte, bis er einen verlockt hat, ebenfalls zu ertrinken. — Furchtbar rächen sich die nicht gebührlich Bestatteten. Nach der altisländischen Eyrbyggjasaga schieden eines Abends der herrische Thorolf und sein Sohn in Groll von einander. Heimgekommen setzte sich der Alte in seinen Stuhl, sagte nichts, aß nichts; seine Leute gingen schlafen. Als sie andern Morgens wieder eintraten, sitzt Thorolf noch immer da — tot! Als der herbeigerufene Sohn bemerkt, wie das Gesinde über den auf dem Antlitz des Toten lagernden Unmut erschrocken ist, nähert er sich dem Stuhle von hinten, zieht den schweren Greis rückwärts auf seine Schultern und schlägt seinen Mantel um dessen unversöhntes Haupt. Darauf läßt er die Wand durchbrechen, und durch das Loch, das dann wieder geschlossen wird, schleift er ihn ins Freie. Wozu das alles? Zu der germanischen Totenbesorgung, den nordischen „näbjargir Totenhilfen“, wie zu den griechischen gehörte es, gleich nach dem Eintritt des Todes dem Verstorbenen die Augen zuzudrücken, wie es scheint, damit nicht der unheimlich gebrochene Blick als „böser Blick“ Unheil stifte. In Deutschland belegte man noch dazu Augen und Mund mit einem Sternchen oder Geldstück, das ursprünglich ebensowenig wie die griechische Beigabe des Naulon oder Fährgelds für einen unterirdischen Fergen bestimmt, sondern eine Geldabfindung für den Toten war. Dem gefürchteten Verstorbenen zog man in anderen altnordischen Sagen auch eine Haut über den Kopf. Ähnlich wie den Thorolf im Norden, schleifte man in Deutschland einen toten Missetäter unter der Schwelle hindurch, damit er den Heimweg nicht fände, ja noch heute wird hie und da aus demselben Grunde die Leiche nicht durch die Türe, sondern durch das Fenster hinausgebracht. Aus Furcht vor der Wiederkehr bricht man auch im fernen Indonesien eine Öffnung durch die Mauer. Aber den vernachlässigten Thorolf bezwangen alle solche Vorsichtsmaßregeln nicht; nach Sonnenuntergang tobte er furchtbar unter Mensch und Vieh und verwüstete selbst den Acker, bis er umgebettet und sein neues Grab hoch umzäunt wurde. Viele brechen ihren eigenen Grabesfrieden aus unstillbarer Kampfbegier, Waidlust, Habgier und aus Geiz. Gleich den marathonischen Kämpfern erheben sich die Gefallenen der katalaunischen Schlacht zu neuem Waffengange. Hilde, Högnis Tochter, weckt auf der Insel Haey durch Zauber die samt ihren Waffen zu Stein gewordenen Erschlagenen wieder auf, und so sollen sie immer wieder kämpfen bis zur Götterdämmerung. Nach einer deutschen Sage sprangen einmal Tote aus den Gräbern den Ihrigen bei, als diese schon unterliegen wollten. Leidenschaftliche Jäger, später namentlich solche, die ruchlos den Feiertagsfrieden nicht geachtet haben, gesellen sich als Wiedergänger der wilden Jagd bei. Leidenschaftliche Hauswirte kommen wieder. Der Isländer Vigahrapp ließ sich dicht unter der Küchentür stehend begraben, um von dort aus nach seinem Tode die Wirtschaft bequemer überwachen zu können. Weil ihm aber die Knechte nicht genügten, quälte und tötete er sie voll Zorns, ja er verödete dann seine ergibigen Äcker, Lachs- und Seehundweiden. Darum grub man ihn wieder aus, verbrannte ihn und streute seine Asche ins Meer. Milder als der Isländer verfuhr der Geist eines oberschwäbischen Bauern, der seiner Kinder wegen gern nach Scheuer und Stall schaute und jeweils den saumseligen Knechten eine „Humse“ Ohrfeige versetzte. Fridthiofs Vater will dem Grabe seines Königs gegenüber am Strande begraben sein, daß sie sich bequem über den Fjord hinüber zurufen können, wenn Wichtiges bevorsteht. — Endlich haben Geizhälse, Wucherer, Betrüger, Wortbrüchige, ja in Norwegen selbst Trunkenbolde und Spötter keinen Grabesfrieden, sondern gehen um. Zumal in den langen Winternächten um Weihnachten. Da läßt sich der gottlose Fastenverweigerer anfangs undeutlich sehen. Die Kühe, die ihn erblicken, werden wild und stoßen einander, die Menschen verlieren den Verstand, mit zerbrochenen Knochen findet man sie am andern Morgen. Und selbst der furchtloseste aller Menschen, Grettir, ist einer Ohnmacht nahe, als er den von ihm besiegten Wiedergänger bei seinem Fall seine grauen Augen starr auf den Mond richten sieht. Um ihn dann unschädlich zu machen, wird sein abgeschlagener Kopf gegen seinen Hintern gesetzt und auf „kalten Kohlen“ verbrannt. Mit versöhnendem Glanz leuchtet in dieses Reich düsterer Vorstellungen die Liebe hinein, die Brautpaars-, die Gatten- und die Mutterliebe. Die Mitglieder eines eng verbundenen Menschenpaars treibt es zu einander, aus dem Leben zum Tode, aus dem Tode zum Leben, mit unwiderstehlicher Sehnsucht, mit unverbrüchlicher Treue. Der Wiedergängerglaube verklärt sich zu imvergänglicher Poesie. Im zweiten Eddaliede von Helgi, dem Hundingstöter, nimmt Odin den gefallenen Helden in Walhall auf. Aber es wird ihm eine „Heimfahrt“ erlaubt, und die Magd seiner Witwe Sigrun sieht ihn mit stattlichem Gefolge zu seinem Grabhügel reiten und berichtet der Herrin, das Grab Helgis sei offen, der Fürst sei gekommen und bitte sie, das Bluten seiner Wunden zu stillen. So ging denn Sigrun ins Grab zu Helgi und sprach:

„Nun will ich küssen dich leblosen König, Bevor du die blutige Brünne abwirfst. Dein Haar ist, mein Helgi, von Reif durchdrungen, Ganz bist du von Leichentau bespritzt.“

Darauf er:

„Du allein verschuldest, Sigrun von Sefafjöll, Daß Helgi mit Leidestau benetzt ist. Du weinst, Goldgeschmückte, grimme Zähren, Du Sonnenhelle, eh’ schlafen du gehst. Jede fällt blutig auf die Brust des Helden, Naßkalt, tiefdringend, kummerschwer.“

Und nun trinken sie zusammen im Hügel köstlichen Trunk, und selig ruht sie die Nacht dem Toten im Arme, bis es Zeit für ihn ist, auf fahlem Rosse die morgenroten Himmelswege zu reiten. Es war ein alter, mm den alten Weibern überlassener Glaube — so heißt es in einem Prosazusatz zum Gedicht —, daß die Beiden wiedergeboren seien, er als ein anderer Helgi und sie als Kara. Es ist der höchste Schluß des Wiedergängertums, der auch noch hie und da im Norden gezogen wird: die Wiedergängerseele kommt nicht zu einem bloß scheinbaren, sondern zu einem vollen neuen Leben wieder. Und zwar kann sie auch nach dem Prosazusatz in einer andern Person wiedergeboren werden, sich also auf die Seelenwanderschaft begeben. Denn auch die Seelenwanderung war dem Norden nicht ganz fremd. Das Gedicht aber gibt der alten einfachen Wiedergängersage, die offenbar an das irdische Grab als alleinigen Wohnsitz des Toten gebunden war, ebenfalls eine andre neue Wendung. Sie spielt sich nun, der Einheitlichkeit des Schauplatzes beraubt, auf dem prunkvolleren Hintergrund des später erfundenen Totenreiches, der Walhalla, ab. Das germanische Volkslied aber bewahrt überall die ältere einfachere und wohl ergreifendere Fassung. Der dänische Ritter Aage kehrt aus dem schwarzen Grund zu seiner herzwunden Braut Else zurück die ihn fragt, wie es in seinem Grabe sei, indem sie unter Tränen seine welken Haare kämmt. Er antwortet:

„Jedesmal daß du dich freuest, Und dir ist froh dein Mut, Da ist mein Sarg gefiillet Mit Rosenblättern rot: Jedesmal daß du voll Sorgen Und dir ist schwer dein Mut, Da ist mein Sarg gefiillet Ganz mit geronnenem Blut.“

So folgt sie dem wieder Versinkenden in den schwarzen Grund, sowie in Schottland Margarete, bis an die Kniee geschürzt, dem Geist ihres Wilhelm durch die lange Wintemacht nacheilt, bis der Hahn kräht und er verschwindet im Nebel und läßt sie ganz allein. Da bricht ihr holder Leib tot zusammen. Und mm steigt vor uns jenes unvergleichliche Stimmungsbild des deutschen Volksliedes auf, aus dem Bürgers Lenore hervorgegangen ist: Der Mond scheint so helle, Die Toten reiten schnelle. „Feins Liebchen, graut dir nicht?“ Im Volkslied des mährischen Kuhländchens nässen die Tränen der Witwe das Hemde des Eheherrn im Grabe so sehr, daß sie, wie sie davon hört, hineindringt, um immer bei ihm zu bleiben. Umgekehrt kommt in Pommern die heißgeliebte Frau allnächtlich aus ihrem Grabe ans Bett ihres Gatten, um ihm freundlich zuzusprechen, bis er eines Morgens auf ihrem Grabe gefunden wird, lang ausgestreckt, als ob er das Gras hätte küssen und mit seinen Armen umfangen wollen. Milder und behaglicher äußerte der Iarl Thorgnyr seine Anhänglichkeit an die verstorbene Gattin, wenn er gern auf ihrem nah bei der Wohnung gelegenen großen Grabhügel bei guter Mahlzeit saß, Rat erteilte und den Spielen zusah. Wie leidenschaftlich tanzt dagegen die tote Braut im Aargau auf dem Kreuzweg so lange fort, bis ihr der Bräutigam nachstirbt! Man mag sie im Wirbelwind, der die Kreuzwege liebt und Windsbraut heißt, zu sehen geglaubt haben. Alt ist auch die rührende Geschichte von der Wiederkehr der im Kindbett verstorbenen Mutter zu ihrem hinterbliebenen Kinde. Wochenlang kommt sie in jeder Mitternacht mit leisen Tritten, das Licht verlischt, und bald hört man das Kind an ihrer Brust begierig saugen, oder sie kocht ein Müslein und wäscht die Windeln. Sie wiegt und singt es ein, bei ihm wachend bis zum ersten Hahnschrei. In Oberelsaß tränkt die Mutter Gottes, auf die die Mutterpflichten übertragen sind, in stillen Nächten gütig das mutterlose Kindlein am Milchbrunnen. Dann lächelt es am Morgen in der Wiege mit seinem Milchbärtchen. In Schlesien bereitet man solcher Kindbetterin das Bett. Wo man aber ihre Wiederkehr nicht wünscht, breitet man die Windeln ihres Kindes, mit Steinen beschwert, über ihr Grab. So bleibt sie dort. Grausam hielt man zu Burchards Zeit, um das Jahr 1000, eine samt ihrem Kinde in den Wochen gestorbene Frau fern; man heftete beide mit einem Pfahl im Grabe fest. Auch ein imgetauft gestorbenes Kind durchbohrten Weiber mit einem Pfahl, damit es sich nicht aus dem Grabe erhöbe und Schaden anrichte. Nach der neueren Sage tritt das Kind in seinem Totenhemdchen vor der weinenden Mutter Bett und fleht:

„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von deinen Tränen!“

Leichenpfählungen trafen nach Saxo Grammatikus auch den blutsaugenden Wiedergänger Asvit und sollen noch in neuerer Zeit in Pommern tote Kindbetterinnen und ungetaufte Kinder getroffen haben. Oder man trennte des Wiedergängers Kopf ab oder durchschlug ihm die Sohlen. Oder man grub ihn, wie Thorolf und Vigahrapp, wieder aus und verbrannte ihn. Erklärt sich daraus, daß so manchen Toten Kopf, Hände und Füße, abgeschnitten und verbrannt, neben den übrigen Gliedern beerdigt wurden und in andern Gräbern wiederum nur der Schädel vorhanden war? Das waren übrigens nicht besonders germanische Maßregeln, sondern z. B. die Griechen ergriffen gleich erbarmungslose. Die Inder legten der Leiche nur eine Fußfessel an, um sie an der Wiederkehr zu hindern. In Altgriechenland aber schnitt der Mörder wohl dem Erschlagenen einzelne Glieder ab, um ihn zu schwächen, und hängte sie sich um den Nacken. In Neugriechenland nagelte man die Hände und die Füße des Wiedergängers fest, oder man riß ihm das Herz aus, zerstückelte und verbrannte es, oder man verbrannte den ganzen Körper. Den Wiedergänger unschädlich zu machen, beabsichtigt auch der uralte weltweite Brauch, Steine auf eine Mordstätte zu werfen. Zauberer, Räuber, Geächtete, selbst noch nicht ganz tote, steinigten die Nordleute, tun sie von weiterer Untat abzuhalten, und warfen noch später beim Vorübergehen Steine auf solche Haufen in demselben Sinne. In Schweden fürchtete man andernfalls von dem Erschlagenen irregeführt zu werden. Nach oldenburgischem und voigtländischem Glauben schafft am besten eine tiefe Einsenkung der Leiche oder eine feste Rasendecke der armen Seele Ruhe. Ein geistigeres Mittel war die Beschwörung, mit der man in England Wiedergänger feierlich in die See und in Deutschland später ein Geistlicher in den Wald oder auf einen hohen Berg z. B. den Feldberg bannte. Aber nicht nur gegenüber den zur Wiederkehr durch ihr Schicksal bestimmten Toten, sondern auch gegenüber den unter gewöhnlichen Umständen Verstorbenen und gebührend Begrabenen überwog die Furcht oder doch die Vorsicht die hingebende Verehrung, die sich erst später und auch dann nur vorzugsweise unter den höheren Ständen breitere Bahn machte. Hingen doch auch die gutmütigen und ungekränkten Sterbenden so fest am Leben, daß ihnen schon jedes Bedauern der Anwesenden das Sterben schwer machte. Die Furcht war der Grundzug der altgermanischen Totenbehandlung, wovon Burchard von Worms ums Jahr 1000 das erste vollere Zeugnis ablegt.

Er erwähnt nicht nur jene schauerlichen Pfählungen von Mutter und Kind, sondern auch lustige Leichenwachen, Körnerverbrennen und Kammklappem im Sterbehause, Aufsetzen des Sarges auf die Mitte eines auseinander gezogenen Wagens, Schütten von Wasser unter die Totenbahre und anderes. Aber auch die Volksüberlieferung ist hier besonders reich und fest. Durch ganz Deutschland und auch im Norden wurde der Seele des Verstorbenen alsbald das Fenster zu freiem Davonflug geöffnet, wo sie nicht etwa leicht von der freien Diele aus durch ein Loch im Dache oder den Schornstein entkommen konnte. Jeder Topf wurde umgekehrt, daß sie unterwegs nicht unterschlüpfe, das Geschirr des Toten zerschlagen, daß es ihn nicht festhalte. Nichts im Hause durfte rundum gehen, kein Spinn-, noch Wagenrad, etwa tun ihn nicht aufzuregen. Andererseits wurde alle Frucht gerüttelt, Wein und Bier geschüttelt, damit das nicht abstände, alles Vieh im Stalle aufgejagt und diesem, wie auch den Bienen, ja selbst den Bäumen der Tod angesagt und alle Schlafenden im Sterbehause geweckt, damit sie nicht mitstürben. So lange der Tote auf seinem Bett oder auf Stroh oder auf einem Brett im Hause lag, mußte er durch die Leichenwache nicht nur behütet, sondern auch ergötzt werden. Sie dauerte schon im Nibelungenlied drei Tage und drei, jetzt meistens zwei Nächte, ln guter Laune sollte er von den Lebenden scheiden, auch vielleicht derbe Scherze ihr Grausen betäuben. Singen und Lachen, Tanz und Vermummung bei Leichenwachen hatten im 10. und 11. Jahrhundert Regino von Prüm und Burchard von Worms zu verdammen, und im 13. sah sich das alte Stadtrecht von Zwolle genötigt, die Zahl der Wächter auf zwölf Männer und nur vier Frauen zu beschränken. Die Kurfürsten von Köln wiederholten im 18. Jahrhundert ihre scharfen Verbote gegen die Gelage und unzüchtigen Spiele der Leichenwachen, die man noch neuerdings im westfälischen Sauerlande untersagte wegen ihrer Stelldichein und tollen Pfänderspiele. In Tirol und im Schwarzwald beten die Wächter meistens, aber sie spielen und trinken auch dazwischen und erzählen sich lustige Geschichten. Auch in Skandinavien dauern die Leichenwachen fort. Daß in dem Hause, wo ein Toter lag, nach Burchard Korn verbrannt wurde, scheint auch germanisch, wenigstens werden noch in Westfriesland, freilich mit Bezugnahme auf die Dreieinigkeit, drei Handvoll Gerstenkörner um den Toten ausgestreut, in deutschen Sagen wird Korn auf die Gräber geworfen, und man hat auch im Innern derselben Korn gefunden. Burchard verbietet ferner den Frauen, ihre Weberkämme über der Leiche zusammenzuschlagen, was wohl die Seele verscheuchen sollte wie jenes Wehen mit Tüchern. Die Leiche darf noch an vielen Orten in Deutschland, Holland und Schweden nur so aus dem Bett oder dem Hause getragen werden, daß ihre Füße in der Richtung der Tür bleiben; so wird sie den Rückweg nicht finden. So lag schon Patroklos’ Leichnam mit dem Gesicht der Zelttüre zugewandt. Nach Burchard goß man, wenn die Leiche aufgehoben wurde, schweigend Wasser unter die Bahre, wie man dem Sarge heute in einzelnen Gegenden Wasser, hie und da auch Mehl, Asche, Feuer nachwirft, sogar dreimal. Oder man stellte, namentlich in Niederdeutschland und Ostholland, eine Schüssel Wasser unter oder an das Bett. Daraus hat sich auch wohl ein Seelenbad entwickelt, das man dem Toten ans Fenster setzt. Auch wird die Stube hinter der Leiche ausgefegt oder auf die Schwelle zur Abwehr ein Besen oder Stahl oder eine Axt gelegt. Die Leiche darf nicht höher als kniehoch in Westfriesland gehoben werden, nach Burchard aus Gesundheitsrücksichten. In Holland setzt man die Leiche noch hie und da auf einen sogen. ,Lank wagen*, der aus zwei durch einen langen Wagenbaumverbundenen Rädergestellen besteht; einen solchen auseinander geteilten Leichenwagen kennt auch Burchard. Das Reve- oder Leichenstroh ließ man bis vor kurzem in Westfalen auf dem Leichen weg, in Österreich auf dem Acker des Verstorbenen, in Holland auf einen Kreuzweg fallen und verbrannte es auch wohl vor dem Begräbnisplatz. So wurde die letzte Verbindung zwischen dem Toten und seinem Hause verweht und zerstört. Ausschließlich nur mit Leichen befahren wurde auch in Bayern der Toten weg, in Holland der Lijk-, Nood- oder Reeweg. Dem Toten gebührt die Totenklage, über die schon Tacitus in scharf zugespitzten Antithesen sich äußert.

„Die Deutschen legen das Jammern über den Tod schnell, den Schmerz langsam ab. Doch gilt bei den Frauen die Klage für ehrenvoll, bei den Männern die treue Erinnerung.“

Freilich übermäßige Klage stört die Totenruhe. Aber Klagen wurden angestimmt bei der Bestattung der Westgotenkönige Alarich und Theoderich und des Langobardenkönigs Alboin, und Beowulfs Grabhügel umritten zwölf Edelinge und priesen trauernd der Männer mildesten. Der Indiculus des 8. Jahrhunderts bekämpfte die „dadsisas“ die Totenklagen, die im 10. Regino von Prüm „Teufelsgesänge“ schimpfte. Man könnte fremden Einfluß vermuten, wenn bei den Deutschen in Siebenbürgen, Ungarn und Krain eigens bestellte Klageweiber ihre Weisen beim Begräbnis absingen. Aber im elsässischen Münstertal stürzen wohl noch nach einem Todesfall sofort laut schluchzende Weiber ins Sterbehaus, sowie bei Mülheim a. d. Ruhr noch kürzlich Frauen aus der Totenklage ein Gewerbe machten. In Schlesien aber darf man keine Träne auf die Leiche fallen lassen, weil sonst ihre Ruhe gestört oder der Weinende ihr nachgezogen wird. Weitaus die ältesten Zeugnisse für den Seelenglauben, ja für den Glauben der Germanen überhaupt liefert die Totenbestattung. Die Anlage, die Bauart und der Inhalt der Gräber geben mannigfachen Aufschluß über die Sinnes weise der näheren und der fernsten Vorzeit. Freilich sind aus der ältesten Steinzeit, in der die Menschen sich mit plumpen, grob zugehauenen Werkzeugen aus Feuerstein behalfen, Gräber nicht mit Sicherheit nachweisbar, vollends nicht germanische; die Leichen scheinen damals ohne besondere Bräuche nachlässig verscharrt worden zu sein. Mit der jüngeren Steinzeit aber begann eine sorgsame Beerdigung des Körpers, die nach vielen Jahrhunderten ihres Bestandes der Leichenverbrennung wich, um diese dann wieder überall zu verdrängen, so daß der Leichenbrand in dieser mehrtausendjährigen Geschichte gleichsam nur eine Episode bildet. Auch scheint er bei einigen Stämmen der Germanen nicht recht emporgekommen zu sein, wenigstens nicht bei den niederen Ständen. In der jüngeren Steinzeit baute man aus Steinen dem Toten zuerst kleinere Stuben, erweiterte sie dann zu den großen Riesenstuben oder Hünenbetten und ging dann mit Beginn der Bronzezeit, etwa seit 1500 v. Chr., zu der Steinkistenform über, einem bloßen Sarge. Meistens im norddeutschen oder dänischen Flachlande gelegen, wurden diese Steinhäuser aus mtihsamst zusammengeschleppten Findlingsblöcken hergestellt. Nichts kann den schwermütigen Reiz der Heide oder der Waldeinsamkeit mehr erhöhen als ein Hünengrab, dessen Felssteinmauem, halb oder ganz mit Erde bedeckt, von einem weiteren Steinkreise wie ein Heiligtum umzäunt sind. Dennoch war dieses ursprünglich wohl weniger ein eigentliches, der Andacht geweihtes Denkmal, als vielmehr ein festes Haus, das die Toten schützen, aber auch einschließen und von der Wiederkehr zu den Lebenden zurückhalten sollte. Die Gerippe liegen oder hocken in den geräumigeren Gräbern in größerer oder kleinerer Gemeinschaft, neben sich hochhalsige Krüge, trefflich geschliffene Steinbeile und oft auch schon gebrauchtes, ziemlich wertloses Gerät. Brandreste in den Kammern scheinen darauf hinzuweisen, daß man die Toten von Zeit zu Zeit durch Feuer erwärmte, um ihnen ihre dunkle Wohnstatt möglichst behaglich zu machen. Man dachte sich also die Toten noch fortlebend, doch nur eine Weile fortlebend. Denn wenn Gerippe später Verstorbener hineingelegt wurden, so wurden die älteren bei Seite geschafft und unordentlich aufeinander gestapelt. Nach dem Schädelbefund waren sie Germanen. Diese ältesten Germanengräber bedecken den nördlichsten Teil eines ungeheuren bogenförmigen Steingräberstreifens, der von Indien bis nach Spanien und von da durch Westeuropa bis an die Weichsel und nach Schweden reicht. Man vermutet, daß die im Morgenland üblichen einfachen Felsengräber die Vorbilder dieser zwar künstlicheren, aber immerhin noch einfacheren Steingräber gewesen seien, die in den ägyptischen Pyramiden und den mykenischen Kuppelgräbern ihre höchste Kunstform gefunden hätten. Wie dem sei, jedenfalls ist der Glaube an jene sehr bedingte Unsterblichkeit mit der von Volk zu Volk getragenen alten Kulturmitteilung der Steingräber nicht so fest verknüpft, daß er nicht auch schon vorher hätte gewonnen werden können. Doch mag er in dieser eingeführten fremden Grabform eine neue Stütze gefunden haben. Noch bis in die ältere Bronzezeit hinein, in der die Steingeräte den Bronzegeräten wichen, bis etwa zum Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends, wurden die Leichen unverbrannt in Steingemächern oder nun auch in Steinsärgen beigesetzt. Nicht lange vor der jüngeren Bronzezeit aber, die im Norden etwa mit dem 8. Jahrhundert v. Chr. anhob, wurde der ebenfalls aus dem Orient herübergebrachte Leichenbrand bei den Germanen üblich. Er scheint aus einem Umschwung des Glaubens hervorgegangen zu sein. Wollte man die Seele vom toten Leibe entschiedener loslösen und aus der dumpfen Grabesruhe befreien, ihr einen anderen lichteren Raum zum Weiterleben schaffen? Nach der ältesten indischen Urkunde, dem Rigveda, gibt es unverbrannte und verbrannte Ahnen. Für den imverbrannten wird bei der Totenfeier gebetet:

„Spring auf, o Erde, presse dich nicht nieder. Umhüll ihn, Erde, wie den Sohn die Mutter hüllt in ihr Gewand“ (10, 18, 11).

Dagegen führt die Seele des Verbrannten auf dem Feuer leicht wie auf einem Wagen ins Reich des Totengottes Iama und vereint sich mit ihm und den Ahnen, mit neuem Leibe glänzend (10, 14, 8). Nach der Ilias 7, 410 werden die Toten erst durch ihre Verbrennung besänftigt, nach der Odyssee 11, 222 vernichtet das Totenfeuer die Sehnen, die Fleisch und Gebein Zusammenhalten, die Seele aber fliegt frei davon. Von Kleinasien, wo die homerische Dichtung entstand, kam der Leichenbrand erst im 7. Jahrhundert nach Attika, und die römischen Zwölftafeln des 5. Jahrhunderts kannten beides, das Beerdigen und das Verbrennen. Die Germanen legten die verbrannten Gebeine in einem Tongefäß in einem kleinen von Steinen umgebenen Raum oder auch in einer Holzkiste oder auch ohne Behälter in der Erde nieder. Aber dann wurde nach altem Brauche, wie früher über den unverbrannten Gerippen, auch über den verbrannten ein Hügel gewölbt. Weit jünger als die germanischen Aschenurnen der jüngeren Bronzezeit ist das älteste literarische Zeugnis, das des Tacitus:

„die Leichen berühmter Männer werden auf bestimmten Holzarten samt ihren Waffen und auch wohl ihrem Rosse verbrannt.“

Aber gerade bei den westdeutschen Stämmen, die Tacitus am genauesten kennt, ist dieser Brauch schon vor dem 5. Jahrhundert wieder erloschen. Das salische Gesetz spricht nur von Beerdigung. Nicht einmal die deutsche Heldensage, die doch in der Völkerwanderung wurzelt, weiß von Verbrennung, und auch in den Geschichts- und Rechtsbüchern der Burgunder, Bayern, Langobarden und Goten fehlt jeder Hinweis darauf. Im Gegenteil, die großen historischen bekannten Leichenfeiern sind Beerdigungen: die Westgoten senkten ihren König Alarich mit vielen Schätzen in das trocken gelegte Busentobett und beerdigten hernach ihren greisen König Theoderich in vollem Waffenschmuck angesichts des feindlichen Heers auf dem katalaunischen Schlachtfeld. Der Frankenkönig Childerich (gestorben481) und der Langobarden könig Alboin wurden in voller Wehr beerdigt, der erste sogar mit seinem Rosse. Noch Kaiser Otto III soll Karl den Großen in der Domgruft zu Aachen in voller Kaiserpracht thronend gesehen haben. Nur die Sachsen hielten am Leichenbrand zäher fest, nicht nur in der Poesie. Beowulfs „Beinhaus“ wird auf einem mit Waffen behängten Scheiterhaufen verbrannt, so daß der Rauch über das nahe Meer hinzieht, und dann die Brandstätte mit einem hohen breiten Hügel, einer „den Seefahrern weithin sichtbaren Burg“, zugedeckt, und noch Karl der Große setzte auf den Leichenbrand und solche Hügelbestattung der Sachsen Todesstrafe. Die westlichen Nordleute gaben, wie die Gräberfunde lehren, schon seit der Völkerwanderungszeit das Brennen nach und nach wieder auf, so daß z. B. auf der seit etwa 900 n. Chr. besiedelten Insel Island keine Spur mehr davon zu finden ist. Die östlichen Nordgermanen blieben beim alten Brauch noch im 10. Jahrhundert. Aber auch in der Sage und Dichtung der Norweger und Isländer wurden noch viele Jahrhunderte nach dem Aussterben der Sitte Scheiterhaufen für die gefallenen Helden angezündet, offenbar, um ein so altes malerisches Motiv nicht zu verlieren. Der Deutsche Siegfried, der nach seiner heimischen Sage beerdigt wird, verbrennt in der nordischen auf einem Holzstoß, und mit ihm verbrennen seine Brynhild, Knechte und Mägde, zwei Hunde und zwei Habichte, ein stattliches Gefolge, damit dem zum Totenreich voranziehenden Fürsten die hinter ihm zuschlagende Tür der Hel nicht auf die Fersen fallen könne. Aber die nordische Überlieferung schwankt auch in ihren Berichten von der Bestattung echt nordischer Götter und Helden. Nach dem Dänen Saxo erhielt Balder ein königliches Begräbnis, nach der isländischen Prosaedda aber einen großartigen Leichenbrand auf einem auf das Land gezogenen Schiffe. Als er hinaufgetragen wurde, brach seiner Gattin Nanna das Herz. Mitverbrannt wurde sein Roß in vollem Reitzeug, das Schiff wurde auf das Meer gestoßen. Auch der verstorbene Dänenkönig Harald Hilditönn wurde nach Saxo mit Roß, Wagen und Waffen auf einem Schiffshinterteil verbrannt und seine Urne in Lethra beigesetzt, dagegen ließ nach andrer Sage König Hring die Leiche Haralds, gewaschen und ausgerüstet, auf einem Wagen in den aufgeworfenen Hügel führen, das Roß töten und seinen eigenen Sattel zu dem Toten legen, damit dieser nach eigener Wahl nach Walhall reiten oder fahren könne. Waffen und Ringe warfen Hrings Krieger hinein. Die Schweden wollten den toten Frey nicht verbrennen, sondern begruben ihn, um ihrem Lande seine Gaben, gute Zeit und Frieden, zu erhalten. Nach den nordischen wie deutschen Gräberfunden wurden in dem Brennalter der Bronzezeit nicht Waffen und anderes Kriegs- oder Jagdzeug, sondern nach der Mode des klassischen Altertums vollständige Speise- und Trinkgeschirre in den Grabhügel gelegt. Die Herkunft dieser charakteristischen Beigaben aus dem Süden bezeugt am deutlichsten die häufige ungermanische Verzierung der Gefäße mit Mäanderbändem. Man suchte dem Verstorbenen das Dasein nach dem Tode möglichst genußreich zu gestalten. In jenen meist späteren Bestattungsberichten sind also die Bräuche verschiedener Zeitalter, das Brennen der Bronzezeit und die kriegerische Ausstattung der jüngeren Wikingerzeit, durcheinander geworfen. Tacitus zwar fand nach seiner obigen Aussage schon im Brennalter die Beigaben von Waffen und Roß vor, im Norden aber drang erst in der Wikingerzeit der neue kriegerische Geist in die Gräber, die Leichen wurden erst damals für ein weiteres Kampfleben, für Walhall ausgerüstet. Und die Ynglingasage verheißt jedem in Walhall den Besitz alles dessen, was auf seinen Scheiterhaufen gelegt ist. So fand man in den Bomholmer Gräbern, die der jüngeren Eisenzeit angehören, volle Waffenrüstung, auch Messer, Schere und Wetzstein und wiederum des Toten Reitpferd und Hund, einen Hund von großer, dänischer Rasse. So bargen die Grabhügel über verbrannten wie imverbrannten Leichen allerhand Schätze, die die Lebenden oft zum Nachgraben reizten, zum „Haugbrot“ oder Hügelbruch. Wer an der langen norwegischen Küste hinsegelte, sah ihrer viele, und die Schiffer verkürzten sich gern die Zeit mit Geschichten von ihren Insassen. Dafür dankbar trat einmal einer von ihnen, der tote König Vatnar, aus seinem Grabe, um dem Erzähler im Traume zu erscheinen und ihm zu sagen:

„Du hast meine Sage erzählt; nun will ich dich belohnen. Suche nach Gütern in meinem Grabe, und du wirst noch etwas finden.“

Er suchte und fand viel. Eigenartig germanisch, wenigstens nordgermanisch, ist die Ausstattung des Toten mit einem Schiff, das bald unversehrt mit ihm aufs Meer gestoßen oder beerdigt, bald brennend mit ihm aufs Meer gelassen oder verbrannt mit ihm gleichfalls mit Erde zugedeckt wurde. Wie oben bemerkt, wurde Balder auf brennendem Schiff den Wogen übergeben, Harald Hilditönn aber auf einem Schiffshinter-teüe verbrannt und dann mit einem Erdhügel bedeckt. Den Stammvater der dänischen Könige, Skyld, legten nach dem Beowulf gedieht seine Leute nach seinem Tode reichgeschmückt beim Maste in den Schoß eines Schiffes, befestigten ein goldnes Banner hoch über seinem Haupt und schoben das Fahrzeug ins Meer hinaus auf eine ungewisse Fahrt. Die Völkerwanderung scheint die Schiffsbestattung tief ins Binnenland gebracht zu haben: im 15. Jahrhundert fand man im Berner Oberland ein Totenschiff mit vielen Gerippen tief in der Erde. Aber die wichtigsten zwei Zeugnisse, ein antiquarisches und ein historisches, sind noch nicht gegeben. Vor einiger Zeit ist ein mit Erde bedecktes Schiffsgrab, das etwa aus dem Jahre 900 n. Chr. stammt, bei Gokstad in Norwegen gefunden worden; es barg ein mit einem Mast und 32 Rudern versehenes Schiff, dessen Bord mit Schildern behängt war, und dem darin liegenden unverbrannten Toten waren Pferde und Hunde beigegeben. Andere solcher Schiffsgräber sind außer in Norwegen noch in Schweden, aber nicht in Dänemark gefunden worden. Aber um dieselbe Zeit berichtet der Araber Ibn Fadlän von Schiffsbestattungen der skandinavischen Russen, d. h. der östlichen Nordgermanen, die den russischen Staat gründeten. Er traf ihre Kaufleute in den Jahren 921 und 922 unter den Wolga-Bulgaren. Einen Armen legen sie nach seinem Tode in ein eigens dafür gebautes kleines Schiff und verbrennen es. Beim Tode eines Reichen aber teilen sie seine Habe in drei Teile, von denen der eine der Familie zufällt, der zweite für die Ausstattung des Toten verwendet wird, während sie für den dritten berauschende Getränke kaufen, um es an dem Tage zu trinken, an dem ein Mädchen (die Lieblingskebse?) sich dem Tode preisgibt und mit dem Herrn verbrannt wird. Denn sie ziehen ein Schiff auf das Land und legen darin den prächtig gekleideten Toten auf eine mit Tüchern und Kopfkissen bedeckte Ruhebank. Dann bringen sie ihm berauschendes Getränk, Früchte, Basilienkraut, Brot, Fleisch und Zwiebeln, auch seine Waffen.

Dann werfen sie das Fleisch eines in zwei Teile zerschnittenen Hundes und zweier müde gehetzter und zerstückelter Pferde ins Schiff, endlich einen geschlachteten Hahn und ein Huhn. Das Schiff wird mit seinem Inhalt verbrannt und ein Hügel darüber aufgeworfen. Fast durch ein Jahrtausend kann man als stets wiederkehrende Grabbeigaben Waffen, Pferd und Hund verfolgen; ein kampf- und jagdfrohes Geschlecht ruht zwischen ihnen. Je nach der Mode der Zeit, dem Stande, dem Vermögen und vielleicht auch je nach dem Charakter des Verstorbenen wurden zu seiner Rüstung noch Schmucksachen, Hausrat, Nahrungsmittel und Amulette hinzugefügt. Von letzteren z. B. enthielt ein schönes seeländisches Grabgefäß aus Bronze ausser einem Pferdezahn und Ebereschenzweig Reste eines Vogels, eines Wiesels, einer Natter, als ob diese uns schon (S. 76) bekannten Seelentiere dazu ausersehen wären, das Seelenleben des Toten zu schützen und zu fristen. Die seefahrenden Nordleute brachten das Schiff hinzu, das auch in ihrem Götterkultus und in ihrer Kunst eine viel wichtigere Rolle spielte als bei den Binnenlandsbewohnem. In einem jütischen Sandhügel der jüngeren Bronzezeit fand man, in einem Tongefäß in einander gesteckt, etwa 100 kleine Goldboote, die wahrscheinlich Votivgaben für die Götter waren, und viele südskandinavische Felsenzeichnungen derselben Zeit zeigen uns neben bewaffneten Männern und Wagen mit Pferden am häufigsten Schiffe mit hohen „Hörnern“ oder Steven, oft zu ganzen Flotten vereint. Später, in der jüngeren Eisenzeit, verwendete man das Schiff auch für den Totenkultus. Man richtete namentlich in Dänemark zahlreiche Schiffssteinsetzungen auf, zwei schwach um das Grab ausgebogene Steinreihen. Tiefer griff, wie wir gesehen, die eigentliche Schiffsbestattung ein. Das Schiff war wahrscheinlich nicht nur dazu bestimmt, dem Verstorbenen in einer anderen Welt zu dienen, sondern ihn auch sicher über etwaige hemmende Gewässer dahin zu geleiten, gerade wie auch das mitbegrabene oder mitverbrannte Pferd oder dessen Stellvertreter, das Rind. Die Reise nach Walhall mochte Harald Hilditönn zu Wagen oder Roß machen (S. 110), und die auf jütischen Leichen gefundenen Kuhhäute sollten ihnen die Hilfe der geopferten Tiere sichern. In christlicher Zeit, zuerst nach einer St. Galler Urkunde von 806, fiel auf germanischem, wie keltischem Boden das dem Sarge voranschreitende oder nachfolgende Rind oder Pferd der Kirche statt dem Grabe zu, um dem Seelenheil des Toten zu dienen. Man gedenke dabei des indischen Bestattungsgebrauches, den Schwanz einer Kuh, mit deren Fell der Tote Glied für Glied belegt wurde, ihm in die Hand zu geben, damit er auf schwindelndem Wege nicht falle. Noch heute führt man dort an das Lager des Sterbenden eine reich geschmückte Kuh, damit dieser sie beim Schwanz ergreife und sicher zur anderen Welt hinübergeführt werde. Merkwürdigerweise haben alte Leute in Mecklenburg gehört, daß kurz vor dem Abscheiden eines Familienmitglieds ein Stück Vieh ins Zimmer gebracht worden sei, damit der Sterbende seine Seele in dasselbe hineinhauche. Die deutschen Redensarten: ,die schwarze Kuh drückt ihn oder ,hat ihn getreten bedeuten so viel als: ,er ist todkrank‘  oder ,er ist gestorben‘ . Das norwegische Gedicht Draumakvaedi preist den glücklich, der in dieser Welt den Armen eine   Kuh gibt, er braucht nicht schwindlig auf der Gjallarbru, der Totenbrücke, zu gehen. Und auch den preist es glücklich, der in dieser Welt den Armen Schuhe gibt, er braucht nicht barfuß die Domenheide zum Totenreich zu durchwandern. Der Holsteiner Godeskalk sieht auf seiner um 1190 unternommenen visionären Reise zuerst eine breite Linde, die über und über mit Schuhen behängen war, die denjenigen, die im Leben barmherzig gewesen, gereicht wurden, um darnach eine , weite Domenheide zu durchschreiten. Diese Jenseitsschuhe sind nach dem Volksglauben von Yorkshire dieselben, die man im Leben Armen geschenkt hat. So wurde denn auch dieses wichtigen Reisebedarfs bei der Bestattung nicht vergessen. Es war im Norden Sitte, den Toten Helschuhe zu binden, in denen sie nach Walhall gehen konnten. Auch in Deutschland wurden sie mit Totenschuhen versorgt, um unverletzt über die spitzen Steine und durch die Domen der Unterwelt schreiten zu können. Nach einem rührenden, noch nicht völlig erloschenen deutschen Volksbrauch bedenkt man die im Kindsbett Verstorbene mit Schuhen, damit sie zu ihrem zurückgelassenen Kind kommen und es säugen könne. Statt Schuhe den Toten ins Grab zu geben, spendete man sie in christlicher Zeit den Armen als Gottesschuhe, Hedwigssohlen, oder auch in Gebildbrote für die Armen verwandelt.

Diese oft reiche, oft ärmliche Aussteuer der Toten war gewohnheitsrechtlich genau bemessen. Ein Drittel der Habe jenes russischen Nordmanns an der Wolga wurde dazu verbraucht, dem Toten Kleider zuzuschneiden. Aus diesem für die Totenbestattung bestimmten Drittel wahrscheinlich nur der fahrenden Habe wurde nach der Christianisierung in England, Frankreich und Deutschland the deads pari, la partie au der Tote nteilt oder Seelschats, Seelgerät, Seelteil, ursprünglich ebenfalls ein Drittel der fahrenden Habe, das aber nun der Kirche oder den Armen zufiel, nicht im Grab erstarb. Daher erklärt sich auch, daß der Seelschatz noch bei offenem Grabe geleistet und daß die altheidnischen Beigaben des toten Kriegers, Waffen und Streitroß, der christlichen Kirche zugewendet wurden. Doch kehrte man sich schon in der Heidenzeit nicht immer an solche strenge Teilungsvorschriften: in der Vatnsdaelasaga wird alles, was der Held im Krieg erobert hatte, nicht vererbt, sondern als sein eigenstes Eigen mit ins Grab gesenkt.

Der höchsten Totenbeigabe ist noch nicht gedacht, des mit dem Toten im Leben eng verbundenen Menschen. Die Gefolgsleute eines deutschen Fürsten verschmähten es nach Tacitus, ihren in der Schlacht gefallenen Herrn zu überleben. Sie mögen mit ihm ein gemeinsames Grab gefunden haben. Nanna folgt ihrem Gatten, Brynhild mit Knechten und Mägden ihrem Geliebten auf den Scheiterhaufen, aber dies scheint reine Poesie, der die Wirklichkeit nicht entsprach. Blutsbrüder schwuren sich nach Saxo gegenseitig zu, daß nach dem Tode des einen der andere sich begraben lasse. Auch sitzt nach einer anderen Erzählung der Überlebende wohl bei dem Verstorbenen drei Nächte im Hügel.

Reste der Sitte, dem Toten allerhand Sachen zu weiterem Gebrauch mit in den Sarg zu legen, bestehen im Widerspruch mit der christlichen Lehre bei allen germanischen Stämmen bis auf den heutigen Tag.

Nicht nur durch solche einmalige Liebesgaben, sondern auch durch wiederkehrende Totenopfer wurde für Nahrung und Ehrung des Verstorbenen gesorgt. Die Stiere und Böcke, die die Deutschen nach Papst Zacharias’ Angabe um 748 den Göttern beim Totenopfer schlachteten, galten wohl eigentlich nicht den Göttern, sondern den Toten. Papst Gregor III. im Jahr 739 und kurz darauf der erste Artikel des Indiculus und später Burkhard von Worms bekämpften diese deutschen Opfer, durch die manche Tote ebenso wie Kirchenheilige gefeiert wurden. Im Norden wenigstens opferte man dem König Olaf Geirstadaalf um Fruchtbarkeit an seiner Grabstätte wie einem Alf d. h. Halbgott, und man verteilte die Gebeine Halfdans des Schwarzen gerade wie die Reliquien eines griechischen Heros oder eines christlichen Heiligen, damit sie mehreren Landschaften zum Schutz und Segen gereichten. Nach Rimberts Leben des H. Ansgar erhoben die Schweden ihren König Erich sogar unter die Götter, bauten ihm einen Tempel und opferten ihm darin. Schon die Brandstätten der mykenischen Kuppelgräber und der germanisehen Riesenstuben, welche unverbrannte Leichen bergen, scheinen Opferstellen gewesen zu sein. Kunstloser angelegte Gruben auf Grabfeldem der Merowingerzeit sind mit Asche, Kohlen, Gefäßscherben und Tierknochen angefüllt zum Beweise, daß in ihnen die den Toten dargebrachten und auf den Gräbern genossenen Mahlzeiten zubereitet wurden. Da der altgermanische Opferhof häufig zum Gerichts- und Versammlungsplatz diente, so erklärt sich, warum man noch im Mittelalter auf großen Grabhügeln, als auf früheren Totenopferstätten, Gerichte und Versammlungen abhielt; so auf dem Gunzenlö bei Augsburg und dem Birtinlö bei Rottenburg am Neckar. Bei dem schifförmigen Grab von Blomsholm in Südschweden steht ein „dömhringr“ ein Gerichtssteinring mit einem mächtigen (Opfer ?)stein in der Mitte. Die Totenopfer wurden später von den heidnischen Friedhöfen auf die christlichen übertragen, und mit ihnen drangen Gelage, Gesänge und Tänze sogar in die Kirche, namentlich in deren Vorraum, das „Paradies“. Im Jahr 1348 wurden diese Lustbarkeiten auf den Gräbern am Niederrhein unterdrückt; noch 1638 hielt in England die Kirchenbehörde darnach Umfrage.

Einflußreicher als die Übertragung der Totenopfer von heidnischen Gräbern auf christliche war ihre schon früh aus praktischen Gründen vorgenommene Verlegung vom Grabe ins Sterbehaus. Hier wurde das Leichenmahl gehalten, seltener vor dem Hinaustragen der Leiche, meistens nach der Beerdigung. Es ist das niederdeutsche Ostelbier oder Riieaten Reu-, Traueressen, das nord- und mitteldeutsche Fell-, Haut-, Bastversaufen oder das Sachsenhäuser Totenvertanzen, das bayrische Eindaichteln, das gemeinhochdeutsche Totenvertrinken. Die englischen „minnying days“ Gedächtnistage, das jütische ,der seligen Leiche Heil trinken‘ und das altnordische ,drekka erfl‘ das Erbe trinken oder ,erfiöl‘ Erbbier weisen schon auf einen höheren Sinn.

Im Norden wurde die Erbteilung am Begräbnistage oder am 7. oder am 30. Tage nach dem Tode, oft aber auch wegen der gewaltigen Entfernungen erst am Jahrestage des Begräbnismahls vorgenommen. Dann strömten wie zum Julgelage oder zum Thing von nah und fern die Gäste zu der Feier herbei, die drei Nächte dauerte. Die nächsten Verwandten aber, z. B. die Söhne Hjaltis, gingen zu ihres Vaters Erbgelage so schön gekleidet, daß die Leute glaubten, die Äsen kämen. Am ersten Abend saß der Erbe auf einer Stufe des Hochsitzes, den man für den anwesend gedachten Ehrengast, den Geist des Verstorbenen, frei hielt Dann aber nach einem Minnetrunk auf diesen und die Götter, mit dem er vom Toten freundlich Abschied nahm, bestieg er den leeren Hochstuhl und nahm damit sein Erbe in Besitz. Dann wurde ein Preisgedicht auf den Toten vorgetragen. Diese Teilnahme des Toten an seinem eigenen Gedächtnismahl tritt bei den einfacheren deutschen Leichen-schmäusen zurück. Doch verweilte noch nach neuerer Aussage in Ostpreußen der „Geist“ während dieses Mahls hinter einem breiten Handtuch, womit der Sarg in die Tiefe gesenkt war, oder er setzte sich ungesehen mit zu Tische, an den man ihm Stuhl, Licht, Speise und Trank hingestellt hatte. Erst mit den Gästen entfernt sich auch er. Dieser Stuhl war auch in Schlesien gebräuchlich. In Oldenburg kehrte der Tote drei, im Voigtland neun Tage nach seinem Tode zum Hause zurück, wahrscheinlich um sich wie der ertrunkene Therodd (S. 96) seinen Anteil am Totenmahl zu sichern.

Ein kleiner Zug ist noch bezeichnend, weil er ähnlich im alten Griechenland wiederkehrt. Die Verstorbenen haben namentlich Anspruch auf das Haus- oder Heimbrot. Wenn jemand in Tirol Brosamen auf die Erde fallen läßt, so sagt er:

„Arme Seelen, rappet, daß ’s der Tuifel nit dertappet“,

und wenn er Brosamen ins Feuer wirft, so kommen sie armen Seelen zu. Auch in Griechenland gehörten vom Tisch gefallene Brosamen den Verstorbenen, den Heroen.

Wieder stoßen wir hier auf einen den Indogermanen gemeinsamen eigentümlichen Festbrauch. In Indien stimmten die verschiedenen Provinzen in der Wahl und Zahl der Totengedächtnistage nicht immer genau überein. Aber der 1.,3., 7., 9. nach dem Tode springen als die beliebtesten Tage der Wasserspenden an den Verstorbenen und der 30. als ein Haupttotenopfertag deutlich heraus. Am dritten, später am 10. (9.?) Tage lud der Erbe den Verstorbenen zum Kloßopfer ein und trat damit seine Erbschaft an. Die Seele der toten Perser blieb bei ihrem Leibe noch drei Tage bis zum Schaf- oder Ziegenmahl, und während neun Tage durfte kein Feuer im Hause brennen. Am 30. Tag war das Totenopfer. Nachdem die Griechen am 3. Tage das Grabesopfer der Trita dargebracht hatten, nahmen sie das Perideipnon, das Rundmahl, ein, wobei in die Runde getrunken und der Verstorbene, der für den Wirt galt, gepriesen wurde. Auch noch am 9. oder 10. Tage setzte man Speisen, die Ennata oder Neunten, aufs Grab und schloß in Athen am 30. die Trauerzeit. Die Römer reichten dem Toten am 3. oder 7. Tage das Silicernium, Schweigemahl, am Grabe und feierten am 8. und 9. Tag in großer Stille daheim das Novemdiale, das Neuntagsopfer. Älter war wahrscheinlich die Circumpotatio, der Rundtrunk, den das Zwölftafelgesetz verbot. Doch der Grundsatz blieb: „Keine Erbschaft ohne Totenopfer“. Beide klassischen Völker brachten auch ein Jahrestotenopfer. Die littauische Totenfeier endet mit dem 9. Tag.

Diese heidnischen Festsetzungen eignete sich, auf biblische Stellen gestützt, auch die Kirche für ihre Seelmessen an, und so sind auch im deutschen Mittelalter der 3., der 7. und der 30. oder 40. Tag durch feierliche Seelgottesdienste ausgezeichnet. Und manche Geistliche hatten die Neigung, diese Totenfeste nicht nur in christlichem, sondern auch in heidnischem Stil mitzufeiern, so daß die Wormser Synode von 868 den Priestern verbieten mußte, an den Totengedächtnistagen des 3., 7., 30. oder am Jahresgedächt-nis sich zu berauschen, zu Ehren der Heiligen zu beten und der Seele des Verstorbenen zuzutrinken, Klatsch- und Lachgeschichten zu erzählen oder zu singen und sich garstige Scherze mit einem Bären und mit Tänzerinnen und Maskenspiele, talamascae, vorführen zu lassen. Noch im Scherzgedicht vom Frankfurter Borgerkapitän trinkt man beim Leichenmahl des ,Gestorbenen Gesundheit’.

Nicht nur eine Privatfeier des Einzeltoten, sondern auch eine umfassendere gemeinsame Feier mehrerer Toten eines Geschlechts oder einer ganzen Gemeinde kannte bereits das indogermanische Altertum. Drei Generationen Ahnen bis zum Urgroßvater wurden geehrt; „einen vierten Ahnen gibt es nicht“ sagte ein indisches Gesetzbuch. Später opferte man den Ahnen bis ins zwölfte Glied hinauf und empfahl endlich auch dringlich die Ehrung der verstorbenen Mütter. Ahnenopfer brachte auf der Hochzeit das junge Paar, wenn es zum Zeichen der Fruchtbarkeit mit Reis bestreut war, und wenn die Braut sich dem häuslichen Feuer und den Ahnen verneigte. Die indischen Hausregeln setzten für die allgemeinen Haupttotenfeste den Nachmittag der zweiten Monatshälfte am Ende und am Anfang des Winters an. Nachdem die herangekommenen Ahnen mit Speis und Trank gestärkt waren, wurden sie entlassen mit den Worten „Nun gehet fort, ihr Väter, auf euren tiefen alten Pfaden“, und wurden auch wohl bis zur Dorfgrenze begleitet. — Die Perser spendeten zu Ende Februar den Ahnen und den Armen ein Mahl. — Auch die Griechen opferten den Toten gegen Abend an den drei letzten Monatstagen im Frühling, wie im Herbst. Auch sie vertrieben bei der Darreichung ihrer Gaben die Seelen mit den Worten: „Aus der Türe, ihr Seelen“. In Attika beteten die Neuvermählten, die auch mit Früchten überschüttet wurden, zu den Dritt-vätem um Kindersegen. — Die Römer öffneten beim Eintritt des Bräutigams ins Haus, der dabei Nüsse ausstreute, die Schreine, in denen die Ahnenbilder standen. Auch sie feierten im Frühling wie im Herbst ein Totenfest, vorzugsweise gegen Ende des Tags und Monats. Im Mai entließ man die Lemuren, die unruhig tungehenden Verstorbenen, nach einem Bohnenopfer mit dem neunmaligen Rufe: „Geht hinaus, ihr Ahnen.“

In denselben Bahnen bewegte sich die Seelenfeier der heidnischen Germanen und verließ sie auch nicht nach der Bekehrung. Auch sie schoben sie gern auf das Ende eines Zeitabschnitts. In der Oberpfalz und am Rhein kommen die armen Seelen jeden Samstag aus dem Fegfeuer in ihr Haus, und an diesem Tage wird ihnen im Zillertal ein Stück Butter auf den Dreifuß des Herdes gelegt, um ihre Brandwunden zu salben. In Tirol und Böhmen bleiben sie vom Mittag- oder Abendläuten des Allerheiligentags bis zum Morgenläuten des folgenden Allerseelentags. Am Schluß der Ernte, im Herbst, feierten die Marsen beim Tempel der Tanfana ein großes Erntefest, an dem als Teilnehmer wahrscheinlich auch die Toten gedacht wurden. Denn zu derselben Zeit ehrten die Sachsen nach ihrem Sieg bei Scheidungen im Jahre 531 drei Tage lang ihre Toten, offenbar nach älterer Sitte. Die Kirche verlegte auf den 29. September das Fest ihres Seelenpatrons St. Michael, und in der damit verknüpften Festzeit, der Meinweke, oder ,Gemeinen‘ , wurden täglich Seelmessen gelesen. Im Norden trank man auf dem Herbstfest zu Ehren der Götter und der Verstorbenen einen Gedächtnistrunk, der später die Mikjalsminni hieß, und Michaelis Kirchwreih ist nach oberbayrischer Anschauung in Himmel und auf Erden, d. h. wird von den Verstorbenen im Himmel, deren Minne getrunken wird, wie von den überlebenden Freunden auf Erden gefeiert. Odilo von Clugny setzte im 10. Jahrhundert diesen allgemeinen Seelenkult in Novembersanfang. Besonders in Tirol ist der neue christliche Kult mit altheidnischen Bräuchen stark verschmolzen. Wie man vor Jahrtausenden den Toten in ihren kalten Steingräbern Feuer anmachte (S. 106), heizt man hier noch für die Allerseelennacht ein, damit die armen Seelen sich wärmen können, stellt Krapfen oder besonders geformte Kuchen für sie auf den Tisch, auch Milch. In Schweden empfängt man die Verstorbenen erst am Julabend in möglichster Stille in gewärmter Badstube, überläßt ihnen den Hochsitz und erquickt sie mit Julspeise. In Norwegen räumt man ihnen am Julabend die Betten ein.

Auch die bei jenen vier indogermanischen Völkern bemerkte Frühlingsfeier der Toten fehlte den Germanen nicht, insbesondere nicht der bezeichnende Zug, die Verabschiedung der Seelen, wenn er auch verdeckt erscheint. Schon die zweite Synode von Tours 567 mißbilligt diejenigen, die an der Stuhlfeier Petri den Toten Speisen opfern und nach der Messe daheim sich heidnischen Mißbräuchen hingeben. Man muß bedenken, daß dieses Fest in der römischen Kirche bis mindestens ins 12. Jahrhundert ausschließlich an dem altrömischen Totentag, dem 22. Februar, den sogenannten Caristia begangen wurde. Lorichius tadelte noch im 16. Jahrhundert den heidnischen Unfug in Schwaben, Fleischspeisen am ersten Fastensonntag, also um dieselbe Zeit, durch die ganze Nacht für die Seelen bereit zu halten. Dann kochte man auch im Odenwald und am Niederrhein leckere Speisen für die lieben Englein d. h. Seelen und ließ sie bei offenem Fenster über Nacht auf dem Tisch stehen. Um dieselbe Jahreszeit, in den Anthesterien, rief man in Athen nach der Seelenbewirtung: „Aus der Tür hinaus, ihr Seelen!“, und die Inder und Römer kannten ähnliche Verabschiedungen der Seelen (S. 19). Derselbe Ruf scheint versteckt in der bis in unsere Tage hineinreichenden Petri Stuhlfeier Westfalens und der badischen Ortenau, die zwar jene bereits von der Wormser Synode bekämpfte Totenspeisung auf gegeben hat, aber auch auf eine Vertreibung, wie die athenische Feier, gerichtet ist. Mit lautem „Herausruf“ und Hämmern an die Pforten werden Kröten, Schlangen, Mäuse und Motten, die wir alle als Seelentiere kennen, aus der Türe hinausgejagt. Und wiederum ist es doch nur eine Verschleierung des seelischen Inhalts dieser alten Bräuche, wenn Schwaben, Bayern und Franken am etwas späteren Frühlingsfest des Laetaretags: „Daraus, daraus, Tod naus, Tod naus“ singen.

Die Kirche hat endlich auch den schönen Familienzug der Ahnenbegrüßung durch das Brautpaar, den wir in Indien, Griechenland und Rom fanden, nicht ausmerzen können oder wollen. In der schwedischen Landschaft Wärend trinkt der Bräutigam auf das Wohl seiner verstorbenen Voreltern und seiner Schwiegervoreltem. Am Lechrain, in Oberschwaben, Baden und um Saarlouis geht das Paar vor oder nach der Trauung mit den Freunden an die erblichen Grabstätten, um dort zu beten. Dies Betreten der Gräber nannte man bei Saarlouis „zu Gaste laden“. Das Gebet zu den Ahnen mag auch hier vorzugsweise auf Kindersegen gerichtet gewesen sein, wie bei jenen andern Völkern, wenigstens kommt die dort damit verbundene Beschüttung mit Früchten auch in Deutschland in demselben Abschnitt des Festverlaufes vor. Wenn das junge Paar aus der Kirche trat, überreichte man ihm in der Zwickauer Gegend Getreideähren, in Oberelsaß und in Mecklenburg aber begoß man es mit Korn oder Leinsamen. Nicht nur bei der Eheschließung, sondern auch bei andern wichtigen Entschlüssen suchte man die Stätten der Ahnen auf. So forderte der mächtige Gode Snorri einen ratsbedürftigen Freund auf, mit ihm hinauf aufs Helgafell, den heiligen Berg seiner Vorfahren, zu gehen, denn die dort geratenen Ratschläge seien gewöhnlich nützlich gewesen. Offenbar, weil die Toten für Schutzgeister der Familie galten.

Wie sich der Totenkultus aus dem engeren Geschlechtsverbande zu einer umfassenderen Geltung emporarbeitete, lehrt am deutlichsten die germanische namentlich im Norden, wo sich diese Art der Genossenschaft, gleich dem für ihre Hauptfeier maßgebenden Erbmahl, in der altertümlichsten und vollsten Form erhalten hat. Die nordische Gilde war eine nicht auf Blutsverwandtschaft, sondern auf einen feierlich beschworenen Bund gegründete Brüderschaft, deren Mitglieder in ältester Zeit die der Sippe zustehende Pflicht übernahmen, den Totschlag eines Mitglieds zu rächen, oder das Wergeid dafür zu empfangen und den Kultus des Toten zu besorgen. Sie führte ihren Namen von dem aus gemeinsamen Beisteuern, Geldern, bestrittenen regelmäßig wiederkehrenden Opfergelage, altnordisch gildi, altsächsisch geldy angelsächsisch gild, das ursprünglich dem Verstorbenen von der Genossenschaft verrichtet wurde. Der Erbe fügte bei diesem Mahl der Minne des Vaters die Minne der Götter, in christlicher Zeit aber Gottes, Christi und seiner Heiligen bei, die nach der Sage der Bischof Martin von Tours in einem Traum dem König Olaf Tryggvason statt der Götter beim Minnetrunk anzurufen geboten hatte. So trank denn auch z. B. König Svein als Erbe die Minne seines Vaters, des großen Knut, mit dem Gelübde, den Angelsachsen König Äthelred zu töten, dann die Minne Christi und endlich die des heiligen Michael. Der Totenminnetrunk wurde in den christlichen Gilden, z. B. den schwedischen, durch ein Gebet aller Brüder und später auch Schwestern für das Seelenheil der verstorbenen Mitglieder verdrängt, dann folgte aber der Rundtrunk auf das Gedächtnis Gottes im Himmel, der Dreieinigkeit oder des Schutzheiligen Erich oder Olaf oder aller Heiligen. Der altheidnische mit Blutrache und Totenverehrung verquickte Seelendienst mag vorzugsweise Karl den Großen im Jahr 779 bewogen haben, den sächsischen Gildebrüdem die gegenseitige Eidleistung zu verbieten und ihnen nur bei Feuers- und Wassersnot gegenseitige Hilfe zu gestatten.

Man verkehrte aber mit den Toten nicht nur durch Opfer, sondern auch durch , eine uralte Kultart, die gerade in diesem Verkehr ihre starke Stammwurzel hatte. Die Toten, an Alter den Lebenden überlegen und in andre Kreise entrückt, wußten mehr als die Hinterbliebenen. Schon die Sterbenden vermochten in die Zukunft zu schauen, wie der todeswunde Sigmund den Ruhm seines noch ungeborenen Sohnes Sigurd voraussagte, und dieser scheute sich, dem von ihm erlegten Drachen Fafnir seinen Namen zu nennen, aus Furcht vor des Sterbenden Fluch. Dem Verstorbenen vollends traute man übermenschliche Fähigkeiten zu und suchte sich in Zweifeln und Nöten seines Rats und Beistandes zu versichern. Man ging an sein Grab und weckte ihn durch feierliche Rufe, Beschwörungen und Runensprüche, die Hellirunen d. h. Unterweltsrunen. Als Sacrileg bekämpfte solches Toten wecken und befragen schon der fränkische Indiculus im 8. Jahrhundert bei den Sachsen. Swipdag rief vor seiner Brautfahrt seine Mutter Groa, ihn aus dem Grabe mit ihrer Zukunftskunde in Zaubersprüchen zu beraten. Hervör erwirkte durch ihren Weckruf, daß ihr toter Vater Angantyr ihr das fluchbeladene Schwert Tyrfing aus seinem Grabhügel warf. Wie im 12. Jahrhundert ein Norweger auf den Orkneys auf die Gräber ging, um von den Toten Ratschläge und Kunde verborgener Dinge zu empfangen, so legten in Deutschland „weise Leute“ noch vor kurzem den Toten nachts auf dem Friedhof Fragen über die Zukunft vor. Auch ging der alte Nordmann wohl zum Galgen, um mit dem vom eddischen Havamal überlieferten Runenspruch den daran schwebenden Leichnam zum Gehen und Sprechen zu bringen. Die Völur oder Seherinnen aber setzten sich nachts draußen auf das Feld, wo viele Geister schwärmten, und holten sich von ihnen ihre Weisheit (siehe unten). Also auch die Weissagung stammt aus dem Bereiche des Seelenkultus, und selbst der oberste Gott bedarf ihrer Hilfe. Durch Balders böse Träume erschreckt, ritt Odin zur Hel hinab und zwang durch seinen Leichenzauber eine längst tote Wölwa, auf die schon viel Schnee und Regen gefallen war, zur Auskunft über der Götter Schicksal.

Wie die christlichen Gräber unter dem Zeichen des Kreuzes oder auch unter einer frommen Inschrift stehen, so wurden die nordischen Grabsteine und Urnen nicht nur durch eingeritzte Hammerfiguren und Hakenkreuze, Thors Blitzwaffen, sondern auch noch deutlicher durch Runeninschriften wie: „Thor, weihe dieses Grab!“ geschützt. Im Bronzezeitalter aber stellte man im Norden große inschriftlose Steine bei und zuweilen in dem Grabe auf, die sogenannten Bautasteine, wahrscheinlich ursprünglich, um den Toten darin festzuhalten. Doch wurden diese Steine später durch Runen zu Gedenksteinen umgebildet. Dem Bautastein innerlich verwandt scheint die Heersäule (Haristado) oder der Stappel des Salischen Gesetzes, der ins Grab eingelassen wurde, und ziemlich klar liegt die Geschichte des bayrisch – alemannischen Toten-, Leichen-oder Rebretts vor. Man legte den Verstorbenen gleich nach dem Tode auf ein Brett, brachte ihn auf diesem zum Grabe, ließ ihn in die offene Erde hinabgleiten und legte das Brett über ihn. Dies letzte bezeugt das bajuwarische Gesetz. Auf der Züricher Landschaft und in der Ramsau ließ man noch später die Leiche vom Brette hinab, nahm dieses aber mit, um es als Gedenkladen über einen Bach zu legen oder am Wege aufzurichten. Noch später richtete in Bayern der Tischler zuerst das Brett, dann den Sarg und das einfache Holzkreuz. Das Brett wird noch im Salzburgischen beim Leichenzuge mitgetragen und bei der „Totenrast“, am ersten Feldkreuz oder alten Baum, woran ein Heiligenbild hing, unter kurzem Gebete niedergelegt. Oder es wird im Pinzgau nach der Heimkehr vom Begräbnis an der Scheune der Familie des Verstorbenen wagerecht befestigt oder senkrecht in die Erde gepflanzt. Sie sollen den, der über diese Rebretter oder Gedenkläden schreitet oder an ihnen vorbeigeht, zum Gebete für die arme Seele mahnen. Mitten in der freien stillen Natur oft in größerer Anzahl aufgerichtet, ergreifen sie als eigenartige Totengedächtnismäler einer anderen Welt mächtig das Gemüt, wie jene hohen unbehauenen Bautasteine, die in Schweden und Bornholm meistens auch in größerer Anzahl beisammenstehen.

Das bunte Wirrsal aller dieser oft widerspruchsvoller Vorstellungen und Bräuche indogermanischer Völker durchzieht wie ein roter Faden ein Urgefühl, ein Grundgedanke: die Seele ist ein nach dem Tode mehr oder minder sinnlich fortlebendes, wenn auch nur einige Zeit, etwa drei Menschenalter, nicht ewig fortlebendes Wesen. Sie fährt als Wind dahin, wohnt als Tier im Hause, streift in Wolfsgestalt umher oder kehrt als Wiedergänger in Menschengestalt zurück. Sie kann sich zu einem Heros, zu einem Rache- oder Schutzgeist steigern, wie wir noch hören werden. Sie kann mächtig auf das Dasein der Hinterbliebenen ein wirken. Weil sie reizbar ist, wird sie meistens abgewehrt oder zu versöhnen gesucht, doch macht sich später auch liebevolle Verehrung bemerkbar. Zumal am 3. Tage nach dem Tode, ferner am 9. (10.), später am 7., dann am 30. und endlich am Jahrestage des Todes verlangt die Seele ihr Opfer, die Seelengesamtheit im Herbst und im Frühling, wenn, wie es scheint, ihre Lebensweise mit der Jahreszeit sich ändert. Ein fleißiger Verkehr entsteht zwischen den Lebenden und den Toten und unterhält, wie z. ß. namentlich beim Gebet zu den Ahnen auf der Hochzeit, einen festen Familienzusammenhang. So ist auch vielfach noch der Aufenthalt der Seele das Haus, das sie als lebendiger Mensch bewohnte, oder doch die Umgebung desselben, das nahe Grab oder ein benachbarter Berg. Noch Snorres Vorfahren nimmt der heilige Fels Helgafell auf, und Holger Danske, Siegfried und die drei Grütlimänner gehen in den Berg. Doch bewohnen die Seelen auch abgelegene Heiden- und Waldhügel oder fahren unruhig in nebelnder oder sausender Luft einher. Wie es keine ewige Fortdauer, gibt es auch kein eigentliches Jenseits für sie. Doch besteht schon früh ein Vergeltungsglaube. Das ist der Urglaube der indogermanischen Völker, der zwar durch den Elfen- und den Götterglauben erweitert und veredelt wird, aber trotz aller Poesie und Philosophie und selbst trotz der Bekehrung zum Christentum noch immer wie ein Bleigewicht an den höheren Unsterblichkeitsvorstellungen unseres Volkes hängt.

Der Seelenglaube hat auf die anderen Gebiete der heidnischen Religion einen starken Einfluß geübt. Die Seele als Wind z. B. griff vielfach in den Kreis der Winddämonen und der Windgötter hinüber. Die Seele als Tier, das vor dem Todesmoment erscheint, und als Wiedergänger mußte den Glauben an besondere Schutz- oder Rachegeister wecken oder stärken. Vereinigte sich die Seele schon im Winde mit den Dämonen und Göttern, so lag es nahe, sie auch in deren Rast- und Wohnörter einzuführen und diese zu Höllen und Paradiesen zu gestalten. Die alten Totenopferzeiten und -bräuche wurden zum Teil auch den Naturgeistem und den Göttern zugewendet. Der Seelenglaube wurde eine Vorschule gar mancher höherer Mythenbildungen und Kultusformen. Diese sind weiten, teilweise später angelegten Schonungen vergleichbar, die im Schutze eines älteren Waldes aufwuchsen, um endlich hoch über jenen emporzuschießen. Wir betrachten nun diese anderen Bestände.

Text aus dem Buch: Mythologie der Germanen, Verfasser Meyer, Elard Hugo.

Siehe auch Deutsche Mythologie:

Die einzelnen Kapitel des Buches:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt

Mythologie der Germanen

Über dem Beginn der griechischen Geschichte steht wie ein Morgenrot die homerische Poesie.

Hellenische und asiatische Fürsten verlassen ihre schimmernden Stadtpaläste, um zehn Jahre hindurch auf dem Gefilde zwischen dem schiffbedeckten Gestade, Priams hoher Feste und dem waldigen Idagebirge um schöne Weiber, Waffen, Schätze und Ruhm mit einander zu ringen. Dann fahren sie von Trojas rauchenden Trümmern in ihren dunklen Schiffen heim, manche von Insel zu Insel, von einem Abenteuer zum andern verschlagen, bis in die Tiefe des Hades hinab. Über alles ragt der Berg Olympos, auf dessen Gipfel unter Vater Zeus Lenkung die glanzvolle Götterfamilie wohnt, ewig und selig und doch oft von Liebe und Haß unter sich entzweit und in Liebe und Haß dem Treiben der Sterblichen dort unten zugewandt. So schwingen sie sich denn auch hilfreich oder verderblich zu ihnen herab oder empfangen droben den Fettdampf ihrer reichen Schlachtopfer oder die Gebete, die aus einfachen Tempeln zu ihnen aufsteigen. Auf einer nicht weiten und fest umrissenen Bühne, den Wogen und Inseln und Küsten des östlichen Mittelmeers, bewegen sich diese Menschen und diese Götter, nach Alter und Geschlecht, Geburt und Schicksal, Wuchs und Gemüt, Rang und Beruf scharf von einander geschieden. Ihre klare, milde, freie Schönheit, die reife und doch so frische Frucht einer langen Kultur, erquickt uns fremde Ungläubige noch heute, und ihr phantastisches Bild schwebt noch heute uns vor Augen wie eine zwar zerronnene, einst aber lebendig gewesene Wirklichkeit.

Und nach Homer verkündeten den Glauben an diese Wunderwelt und viele andere Götter und Dämonen und ihre mannigfachen Schicksale, Dienste und Feste Hunderte von hochbegabten Dichtem, Geschichtschreibern, Reiseschriftstellern und fast lauter noch zahllose Baumeister, Bildhauer und Vasenmaler durch unvergleichliche Werke, jeder in seiner, jeder aber in echt griechischer Weise. Schier unerschöpflich fließen die reinen Brunnen hellenischer Überlieferung.

Der Urkundenschatz unsrer germanischen Mythologie ist weit ärmer an alten, vollen heimischen und echt heidnischen Zeugnissen und ist untermischt mit viel fremdem Gut. Denn er ist bunt zusammengesetzt aus Berichten römischer Offiziere, Inschriften fremder Steinmetzen, Straf- und Bußparagraphen kirchlicher Synoden und Mönchsorden und aus Anekdoten christlicher Bekehrungsgeschichten, aus deutschen Zaubersprüchen, nordischen Götterliedern und isländischen Romannotizen, aus noch heute nicht verschollenen Sagen und still geduldeten Bräuchen unsrer Bauern. Es fehlt ein klares, echtes zusammenfassendes Bild, denn die altnordische Völuspa, die von der Götterdämmerung singt, ist voller Rätsel und noch dazu aus christlichen Ideen erwachsen; es fehlt auch fast völlig der Schmuck der Bildnerei. Aber überall, wo er nicht zu stark verschüttet ist, bricht auch aus germanischem Boden ein reicher Strom von Glaubenspoesie hervor, die denn doch trotz aller Renaissance und allem Humanismus uns oft tiefer ergreift als alle andre Heidenpracht, weil sie aus einem Geist geboren ist, von dem wir noch immer einen Hauch in uns selber verspüren.

Die wirre, zerstückelte Masse germanischer Glaubensurkunden ordnet sich in

1. Zeugnisse der Römerzeit von 50 v. Chr. bis 400 n. Chr.
2. Zeugnisse aus der Zeit der Bekehrung der Südgermanen oder Deutschen und Angelsachsen von 400 bis 1000 n. Chr.
3. Zeugnisse aus der Zeit der Bekehrung der Nordgermanen oder Skandinavier von 800—1300 n. Chr.
4. Nachklänge in der späteren Literatur und der Volksüberlieferung.


1. Die Zeugnisse der Römerzeit lehren uns sofort, daß nicht nur im schönen Hellas und im weltbeherrschenden Italien, sondern auch in den Mooren und Wäldern des armseligen germanischen Hirten- und Bauernlandes mit seinem trüben Himmel mächtige Götter verehrt wurden. Aber nicht führen uns heimische Sänger mit stolzen Heldengesängen in die deutsche Göttergesellschaft ein, sondern zwei fremde, unsem Altvordern noch dazu feindselig gesinnte Historiker gönnen ihr einige teilnahmlose kurze Worte, der ältere sogar gänzlich verständnislose. Freilich waren es zwei Römer ersten Ranges, der größte Römer aller Zeiten, Caesar, und ihr größter Geschichtsschreiber, Tacitus.

C. Julius Caesar war wohl der erste antike Mensch, dem die wesentliche Verschiedenheit der keltischen und der deutschen Nation, seiner großen auswärtigen Hauptfeinde, zum Bewußtsein kam, inmitten eines langen Kriegs, an der Völkerscheide des Rheins. Freilich ist seine Erkenntnis unselbständig und getrübt; denn seine auf die Germanen so eifersüchtigen gallischen Gewährsmänner haben ihn ungünstig beeinflußt. So übertrieb er in seinem Buch über den gallischen Krieg (IV. 1) das Nomadentum der Germanen und weiterhin VI. 21 die Rückständigkeit ihres Glaubens. „Die Germanen“, sagt er,

„haben keine Druiden (Priester), die den Gottesdienst verwalten, noch befleißigen sie sich der Opfer. Zu den Göttern rechnen sie nur diejenigen, die sie mit Augen sehen und durch deren Kräfte sie offenkundig unterstützt werden, nämlich Sol, die Sonne, Vulcanus, das Feuer, und Luna, den Mond. Von den andern haben sie nicht einmal durch die fama (d. h. die Sage, den Mythus) etwas vernommen“.

Der erste Satz ist nur insoweit richtig, als die Deutschen allerdings nicht, wie die Gallier in ihrer Druidenkaste, eine mächtige nationale Priesterhierarchie mit einem Oberpriester, Lehrpriestem und Priesterzöglingen besaßen, die auf einem alljährlichen Konzil in Chartres die Dogmen hütete und festsetzte, über ein geordnetes Schulwesen und ein blutiges Opfersystem, über Bann und Interdikt verfügte und trotz ihrer Auflösung durch die römischen Kaiser noch Jahrhunderte lang ein hohes Ansehen behauptete. Aber Priester von nicht unbedeutendem Einfluß und Opfer, wenn auch von minderem Umfang und Prunk, hatten auch die Germanen. Noch mehr führt Caesar durch seine Gegenüberstellung der Mythologie beider Völker irre. Die Gallier verehrten nach ihm als höchsten Gott den Merkur, ferner Apoll, Mars, Jupiter und Minerva d. h. menschengestaltig gedachte und dargestellte Wesen, die nach der römischen Auslegung etwa diesen römischen Gottheiten entsprachen. Aus dem Mangel irgendwie auffälliger Heiligtümer und Bilder jenseits des Rheins schloss er auf die Anbetung bloßer unpersonifizierter Naturkräfte, und zwar des Sol, der Luna und des Vulcan. Ob er gerade auf diese drei verfiel, weil ihnen in Rom, als einfacheren sabinischen Gottheiten, der Sabinerkönig Titus Tatius Altäre geweiht haben sollte? Oder ob er eigentümliche Bräuche, wie sie seine vortrefflichen germanischen Reiter im römischen Lager geübt haben mögen, auf sie deutete? Rief doch der Ampsivarier Bojocalus die Sonne als Zeugin an. Noch ums Jahr 1000 verbeugte sich der angelsächsische Bauer vor dem ersten Pfluggange neunmal gegen Osten, um dann zu beten, und noch begrüßt hie und da das deutsche Volk die Ostersonne, wenn sie in der Morgenfrühe über den Rand des Waldes oder den Kamm des Gebirgs heraufzutanzen scheint. Seine Toten bettete der deutsche Heide in die Erde mit dem Angesicht gegen Osten. Derlei alte Bräuche ließen Caesar vorschnell an einen Sonnendienst denken. Ferner weckten die verschiedenen Mondphasen: die Wiederkehr der jungen Sichel, die Pracht des vollen und das ihorgenliche Verschwinden des abnehmenden Mondes auch bei den Germanen ungleiche Empfindungen und dem Caesar auffällige. Gerade vor seinem ersten Zusammenstoß mit den Deutschen, vor der Schlacht bei Mülhausen (Besanon), vernahm er, daß die suebischen Frauen, nachdem sie das Los befragt, seinem Gegner Ariovist vom Kampfe vor dem Neumond abgeraten hätten. Die Opfer, die die auf den Neumond oder den Vollmond anberaumten großen Volksversammlungen einleiteten, konnten leicht mißverständlich auf den Mond bezogen werden.

Der Lärm und das Geschrei, womit man bei Sonnen- und Mondfinsternissen die Ungeheuer, die dann den beiden Gestirnen nachstellen sollten, von ihnen abzuwehren suchte, konnte diese im Licht geliebter Gottheiten erscheinen lassen. Endlich war urgermanischer Brauch, zu gewissen Opferzwecken die Flamme nicht an einem beliebigen Herdfeuer zu entzünden, sondern aus zwei unter feierlichem Schweigen gedrehten oder an einander geriebenen Hölzern mühsam hervorzulocken. In Rom geschah dasselbe, wenn einmal das heilige Feuer der Vesta erloschen war oder zur Zeit des Jahresanfangs, am 1. März, erneuert wurde, oder auch, wenn die Hirten der Campagna am 21. April Bohnenstroh in Brand setzen wollten, um der Reinigung halber durch die Flamme zu springen. Außerdem nannten die Römer ein feierliches Sommerfeuer, in das der Familienvater Fische als Opfer warf, nach Vulcan die Vulcanalia. Sah Caesar mm auch die Germanen mehrmals im Jahr im Freien nach jenem alten mühsamen Brauch Festfeuer anzünden, die sie gleichfalls jauchzend übersprangen und in die sie gleichfalls Opfer warfen, so mochte er auf den Einfall kommen, daß auch sie einen Feuergott, einen Vulcan, besonders hoch hielten.

Aber Caesars Charakteristik der allgemeinen Götterauffassung der Germanen geht ebenso fehl wie die ihrer einzelnen Gottheiten. Denn zahlreiche und oft sehr genaue Übereinstimmungen der deutschen und der skandinavischen Götter und Göttermythen lehren, daß die Deutschen schon vor ihrer Trennung von ihren nordischen Brüdern, also viele Jahrhunderte vor Caesars gallischem Krieg, an wesentlich dieselben menschengestaltigen, mit Mythen ausgestatteten göttlichen Wesen, nicht an bloße Naturkräfte glaubten. Auch stimmt Caesars Ansicht nicht zu einer gleich zu erwähnenden Notiz des etwas jüngeren Veile jus Paterculus und steht mit der des genau unterrichteten Tacitus in schroffstem Widerspruch. Dieser Widerspruch kann nicht etwa durch die Annahme eines inzwischen eingetretenen Fortschritts der germanischen Religion gelöst werden. Solche Revolutionen vollziehen sich nicht in der kurzen Frist von anderthalb Jahrhunderten, auch kann man weder eine tatsächliche Spur davon, noch auch nur einen in den Verhältnissen begründeten Anlaß dazu ausfindig machen. Ferner spricht kein sonstiges Zeugniß es deutlich aus, daß die Deutschen der Sonne, dem Mond und dem Feuer göttliche Verehrung erwiesen hätten. Jene Angaben Caesars sind also nur das Ergebniß flüchtiger Wahrnehmungen und falscher Schlüsse. Stammt wirklich eine Bemerkung des im 2. Jahrhundert n. Chr. lebenden Geschichtsschreibers Appian, daß Ariovists Leute auf ein anderes Leben nach dem Tode hofften, aus Caesars Zeit, so hätte dieser sogar diesen wichtigen religiösen Zug übersehen oder verschwiegen. Und wie entschieden die Germanen sich ihre Götter von glänzendem menschlichem Aussehn dachten, erweist eine Anekdote eines Offiziers des Tiberius, jenes Vellejus Paterculus, der ein halbes Jahrhundert nach Caesar mit seinem Herrn an der Elbe stand. In einem Einbaum, erzählt er, fuhr ein hoher fürstlich geschmückter Greis über den Strom nach dem römischen Lager hinüber, betrachtete lange schweigend Tiberius und brach dann in die Worte aus:

„Heute habe ich, o Caesar, die Götter gesehen, von denen ich früher nur gehört hatte.“

Unverwandten Blickes auf ihn zurückschauend fuhr er über den Strom zu den Seinen zurück. Ein paar Jahre später brach diese römische Herrlichkeit in Germanien in der Varusschlacht zusammen, und in den um die Walstatt gelegenen Hainen wurden die fast vergötterten fremden Offiziere den heimischen Göttern hingeschlachtet.

Wiederum 100 Jahre darauf, um 100 n. Chr., schrieb Tacitus seine Germania. Wie hatte sich das Verhältnis der Römer zu den Deutschen verändert! Zahlreiche deutsche Söldner dienten im römischen Heer, namentlich in der kaiserlichen Leibgarde der Hauptstadt selbst. Römische Kaufleute durchzogen besonders des Bernsteins halber die deutschen Weiler bis an die Ostsee. Von ihren rheinischen Standquartieren aus beobachteten die fremden Offiziere scharf ihre schlimmsten Feinde. Eine Traumerscheinung des in Germanien umgekommenen Drusus bat ihrer einen, den älteren Plinius, sein Andenken zu verewigen, und so schrieb dieser, der bis in die täglich zweimal überfluteten Marschen der Chauken vorgedrungen war, 20 Bücher germanischer Kriege. Aus seinem mit nüchternem, auf das Reale gerichtetem Sinn gesammelten Schatz von Beobachtungen hat Tacitus sicher manches uns erhalten. Einem andern unterrichteten Gewährsmann, der weit über die römische Einflußsphäre hinaus im fernen Nordosten wohl bewandert war, ist es zu verdanken, daß wir die ausgiebigsten und intimsten Götterkunden, die über Nerthus, den semnonischen Allwalter und die dioskurenhaften Alcis, gerade aus den von der römischen Reichsgrenze entlegensten Strichen Germaniens empfangen. Tacitus selber scheint übrigens auch einige Jahre in der rheinischen Armee gedient und unser Land mit eigenen Augen gesehen zu haben. Schon hatten die Römer viele Siege über die Germanen errungen, aber auch durch den Cherusker Armin und den Bataver Claudius Civilis blutige Niederlagen erlitten. Sie hatten ihre Feinde nicht nur gründlicher kennen, sondern auch achten, ja fürchten gelernt, und gerade tieferblickende Menschen, wie Tacitus, sahen die schlimmste Gefahr nicht so sehr in deren Leibeskraft und Tapferkeit, als in deren Freiheitsliebe, Sittenreinheit und Glaubensstärke. Denn seine Römer fand er versunken in Knechtssinn, Unzucht und Un- oder Aberglauben. Obgleich ihm die Rauheit und Roheit des germanischen Lebens nicht entging, war es ihm doch auch von einem gewissen verklärenden Schimmer umgeben, mit deiA Kulturvölker von sinkender Lebenskraft das Dasein von Naturvölkern zu idealisieren lieben.

So durchzieht seine Germania, die ursprünglich wohl nur auf eine geographische Skizze angelegt war, leise die weltgeschichtliche Ahnung, daß die idealste Richtung dieser zersplitterten armseligen Völklein, das Heldentum, noch dereinst den festgefugten reichen riesigen Soldatenstaat Roms zertrümmern werde. Schon als Jüngling sehnt sich Tacitus mit ganz modernem Naturgefühl aus der Gerichtshalle, dem Senatssaal, dem ehrerbietigen Klientengedränge hinaus in die Haine und Forste zu jenen schuldlosen Stätten und heiligen Ruhesitzen, wo das „secretum“ wohnt. Damit meint er nicht etwa einen heimlichen Musensitz, ein secretum museum, wie ihn der jüngere Plinius in seiner Villa am Meer preist. Es ist vielmehr dasselbe „grande secretum“, von dem im 4. Jahrhundert der Verteidiger der Christen, der edle Stadtpräfekt von Rom, Symmachus, vermittelnd versicherte, mehr als ein Weg führe zu diesem secretum, zu dem weltabgeschiedenen, unbekannten Gottheitsgeheimnis. Ebendieses secretum glaubt nun Tacitus in seinen Mannesjahren von den Germanen verehrt. Denn nach der Germania Kap. 9 scheine es ihnen der Erhabenheit der Himmlischen unangemessen, sie in Wände einzuschließen oder sie mit Menschenantlitz abzubüden. Nur Haine und Forste weihten sie ihnen und bezeichneten mit der Götter Namen jenes „secretum“, das sie nur in ihrer „reverentia“, ihrer frommen Phantasie, sähen. Hier glaubten sie das große Unbekannte, Undarstellbare, die Gottheit waltend. Tacitus ist nahe daran, seine eigne weltflüchtige, schwermutvolle Andacht in die Brust der derben deutschen Jäger und Bauern zu verpflanzen, weil er, wie Caesar, keine ragenden Tempel und keine Bildsäulen bei ihnen sieht. Allerdings im Sturmesrauschen des Waldes vernahmen sie den Jagdritt ihres Gottes Wodan, und ein geheimnisvoller Schauder mochte selbst sie in ihren mit blutigen Tier- und Menschenopfern behängten Hainen überkommen. Aber weder hat sich ihnen jemals die Waldesstüle in einem Gotte verkörpert, noch hielt sie die Scheu vor dessen Erhabenheit davon ab, ihn durch Tempel oder Bild zu ehren. Wir wissen leider nur zu gut, daß sie dies aus ganz anderen Gründen unterließen, nämlich aus dem Unvermögen ihrer damaligen Baukunst und Bildnerei. Sobald sie, von Fremden unterrichtet, jene Fähigkeiten gewannen, errichteten sie wie andre Völker ihren Göttern Tempel und Bilder, nicht zur Erniedrigung, sondern zur Verherrlichung. Ja sie hatten sogar schon vor Tacitus’ Zeit nach seiner eigenen Aussage damit angefangen. Denn wenn man auch den Tempel der Nerthus Germ. Kap. 40 als heiligen Hain und ihr „innerstes Heiligtum“ als ihren Wagen, auf dem Kühe im Frühling sie durch das Land ziehen, erklären will, ihr im heiligen See gebadetes „numen“ d. i. wörtlich Gottheit, kann doch wohl nur ihr Bild bedeuten. Noch sicherer ist der Tempel der marsischen Göttin Tanfana in Westfalen ein Bauwerk gewesen, denn es wurde nach Tac. Ann. 1,51 dem Erdboden gleich gemacht. Unscheinbare Götterbilder und Heiligtümer, wenn auch bloße festungsartige Ringwälle, sogenannte Burgen, wie sie noch bis heute erhalten sind, und dergleichen, müssen schon damals in Deutschland bestanden haben, und jedenfalls ist Tacitu obige Motivierung des Mangels falsch. Auch erwähnt er Symbole der Götter, wie z. B. das Schiff einer isisartigen Göttin, und Bilder ihnen heiliger Tiere, die, in den heiligen Hainen hangend, bei Kriegesanfang herabgenommen und dem Heere voran unter Schildgesang in die Schlacht getragen wurden. Denn die Gottheit wohnte dem Kriege bei und so auch deren Diener, der Priester. Im zauberischen Glanze der Mitternachtssonne aber sahen die Nordgermanen ihre Götter mit strahlenden Häuptern.

Einen gewaltigen Fortschritt hat das Verständnis der einzelnen deutschen Götter bei den Römern gemacht! Die vorgebliche Göttertrias Caesars: Sol, Vulcanus, Lima löst sich vor der besser begründeten des Tacitus in eitel Dunst auf. Der oberste Gott heißt bei ihm Mercur, die beiden andern Hercules und Mars Kap. 9, einer von diesen wird Kap. 39 von den Semnonen Allwalter genannt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß mit Mercur und Hercules die deutschen Götter Wodan und Donar gemeint seien, und wahrscheinlich soll Mars den Tiu oder Ziu, der auch wohl Saxnöt hieß, bezeichnen. Diesen Göttern fügt Tacitus einige Namen einer Göttin hinzu, den fremden der Isis und sogar zwei deutsche: Nerthus, die Mutter Erde, und Tanfana. Wahrscheinlich bedeuten alle drei eine und dieselbe Göttin der Fruchtbarkeit. So unvollkommen auch diese zweite, tadteische, Formel der römischen Auslegung deutscher Götter den Charakter derselben aussprechen mag, so ist doch darin zuerst die Hauptgruppe leibhaftiger Götter klar vor Augen gestellt, in denen die Germanen den höchsten Ausdruck ihres Glaubens gefunden haben. Die germanischen Gardereiter des Kaisers in Rom dankten bei ihrem Abschied auf ihren Votivsteinen im 2. Jahrhundert n. Chr. zunächst der kapitolinischen Trias: Jupiter, Juno und Minerva, dann aber einer anderen, wahrscheinlich auf ihre heimischen Götter zu deutenden Trias: Mars, Hercules und Mercur, die also genau mit der tadteischen übereinstimmt. Auch nach den späteren Zeugnissen haben drei große persönliche Götter und mindestens eine große persönliche Göttin von dem durch Tadtus wenigstens angedeuteten Charakter alle etwaigen andern Gottheiten, ferner die Riesen– und Zwergvölker, die Schwärme der Luft-, Wasser-, Wald- und Feldwesen und die uralten Ahnengeister in historischer Zeit hoch überragt. Auf diesen vier Ecksteinen hat immerdar der Oberbau der germanischen Mythologie, die germanische Götterwelt, geruht. Außerhalb dieses Götterkreises kennt Tadtus noch ein jugendliches Brüderpaar der Alcis oder Aid, von ihm mit Castor und Pollux verglichen, das jenseits des Riesengebirges der Stamm der Nahamavalen bildlos verehre. Einen Gott nennt er auch noch Kap. 2 den in alten Liedern gefeierten Tuisco, der selber aus der Erde hervorgekommen den Mannus d. i. Mensch zum Sohne hatte, den Vater der drei Ahnherren der drei germanischen Stammverbände der Ingwäonen, Istwäonen und Herminonen. Diese Stammsage sollte die auch von Tadtus an derselben Stelle betonte Autochthonie der Germanen, ihre Erdwüchsigkeit, beweisen, wie denn ähnliche Stammsagen von erd-, stein- und baumentsprungenen Volksstämmen namentlich auch die Griechen in zahlreichen Varianten erfunden hatten.

Und aus den Berichten des Tadtus darf man weiter entnehmen: zu bestimmter Zeit versammelten sich mehrere Stämme jener grossen Germanenverbände um ein gemeinsames Heiligtum, ingwäonische an der Ostsee im Nerthushain, istwäonische am Rhein um den Tanfanatempel und von den herminonischen die Sueben der Spreegegend im Walde des All Walters.

Tacitus widerlegt auch jenes absprechende Urteil Caesars über das Priestertum und Opferwesen der Germanen. Zwar weiß auch er nichts von einem Priesterstande oder von priesterlichen Geschlechtern, aber er umschreibt mit sicherer Hand den Kreis seiner Gewalt, wie sie neben der fürstlichen oder königlichen bestand. Dem priesterlichen Rate folgen willig Volk und Fürst, sie trauen aber auch gewissen Weibern, die aber darum nicht Priesterinnen sind, Sehergabe zu, deren Aussprüchen sie sich unterwerfen. Eine unter ihnen, Welöda, erlangte dadurch im Bataveraufstand ums Jahr 70 n. Chr. eine hohe geschichtliche Bedeutung.

Tacitus kümmert sich nur um die deutsche Götteraristokratie, nicht um das niedere Volk der Dämonen. Und doch schwärmten sie, ohne die die Götter, ihre späteren idealsten Mitglieder, undenkbar sind, schon damals vielgestaltig durch Berg und Wald und Feld und nisteten in den Hauswinkeln. Endlich ahnen wir kaum aus dem 27. Kapitel seiner Germania die Macht des deutschen Totenkultus.

Dennoch gebührt Tacitus das Verdienst, die erste umfassende Skizze von der germanischen Religion, freilich hie und da mit fremder Farbe abgetönt, doch in den großen Linien treu und fest gezeichnet zu haben, die erste und — sagen wir es gleich — auch die letzte, die aus der Heidenzeit stammt. Denn die römischen und griechischen Schriftsteller des folgenden halben Jahrtausends erwähnen wohl gelegentlich eine Seherin oder einen Priester, ein Opfer und die Umfahrt eines Götterbildes, im übrigen schweigen sie sich, allen Verständnisses fremder Eigenart und schärferer Beobachtungsgabe bar, über den germanischen Glauben aus und überlassen es den Steinen zu reden: durch die lateinischen Inschriften des Rheinlands und Britanniens. Steinmetzen römischer Schulung haben nämlich für die ihren Göttern dankbaren Soldaten oder auch für Kaufleute an den germanischen und britischen Militärstationen zahlreiche Altar- und Votivsteine ausgemeißelt und mit römischen Skulpturen und Inschriften versehen, glücklicherweise auch für deutsche Leute.

Nicht alle, wenn auch die meisten, waren römischen Gottheiten gewidmet, auf manchen Steinen aber überraschen mitten im Latein Götternamen von halb oder ganz unlateinischem, barbarischem Klange, und die Stifter mehrerer dieser Denkmäler tragen gallische oder germanische Namen oder bekennen sich als Genossen eines gallischen oder germanischen Stammes. Es sind wertvolle Zeugen der häufigeren Verschmelzung von römischem und keltischem und der seltneren von römischem und deutschem Religionswesen, die aber wegen der Schwierigkeit der Scheidung der zwei oder gar drei verschmolzenen Elemente mit Vorsicht benutzt werden müssen. So wurden früher die paar Dutzend lateinischen dem Hercules Saxänus gewidmeten Inschriften im Brohltal, aus dem die Legionäre und die Pferde der römischen Reiterei die geschätzten Tuffsteinblöcke in die Schiffe der Rheinflotte herabholten, um daraus z. B. die Mauern des Trajanlagers bei Xanten am Niederrhein zu erbauen, auf einen germanischen Donar bezogen, der mit dem Sachs d. h. mit einem Messer oder kurzen Schwert bewaffnet gewesen sei. Aber Hercules ist hier der römische Gott mühseliger Arbei tund zwar als Saxänus, das vom lateinischen saxum Stein stammt, der Gott der schweren Steinbruchsarbeit. Darum votierte man ihm im 1. Jahrhundert n. Chr. Inschriftsteine auch in Kalksteinbrüchen bei Metz und in dem Steinbruch bei Tivoli, der für die nahe Stadt Rom die ungeheuren, noch von uns angestaunten Travertinmassen des vespasianischen Kolosseums lieferte. Hier ragte auch ein Tempel des Hercules Saxanus hoch über den schäumenden Wasserfällen. Auch der am Niederrhein verehrte Hercules Magusanus ist wohl seinem Kerne nach römisch und seinem Beinamen nach eher keltisch als deutsch. Man hat auch in den (drei) Matronen oder Matres, den Müttern, denen namentlich im rheinischen Niedergermanien ein paar hundert Steine gesetzt worden sind, deutsche Schutzgöttinnen erkennen wollen, aber sie haben sich durchweg als keltische Ortsgöttinnen erwiesen, die allerdings später Germanen, insbesondere die kölnischen Ubier, in ihren Kultus hinübernahmen. — An der stürmischen Küste der seeländischen Insel Walcheren sind viele der Göttin Nehalennia gewidmete Steine durch Wind und Wellen bloßgespült worden. Sie ist als Göttin des Fruchtsegens und der Schiffahrt dargestellt, im Matronengewand aufrechtstehend oder auf einem Thronsessel sitzend, Fruchtkörbe oder Früchte im Schoße oder im Arm, ihr zur Seite ein Hund. Auf einigen Steinen stellt sie den linken Fuß auf den Steven eines Schiffs und stützt sich dabei auf ein Ruder. Auch werden ihr wohl Neptunus und Hercules beigesellt. Ein Kreidehändler dankt ihr für den Schutz einer von Britannien herübergebrachten Ware, ein andrer Händler für den Aufschwung seines Geschäfts, ein Vater für die Rettung seines Sohnes. Aber diese wie die andern Dedikanten sind Römer oder Kelten, wie denn die ganze See- und Niederrheinschiffahrt wahrscheinlich damals in keltischer Hand lag, wenn auch die Römer für ihre Rheinflotte gern germanische Bataver verwendeten. Jene Darstellung der Nehalennia ist genau nach der der römischen Isis zugeschnitten. Der dunkle Name, der nach deutschem Sprachgesetz schwerlich eine „Nachengöttin“ bedeuten kann, klingt mehr gallisch als deutsch. Dagegen ist auf vier Inschriftsteinen bei Münstereifel, bei Xanten, in Geldern und in Westfriesland eine echt deutsche Göttin Hludana entdeckt, der am letzten Orte Fischereipächter einen Altar setzten. Dann sind zwei Inschriften am Hadrianswall bei Housesteads in Nordengland gefunden, die von römischen Soldaten friesischen Stammes aus Twenthe die eine dem Mars und den beiden Alaisiagen, die andre dem Thingsus und den beiden Alaesiagen Beda und Fimmilena unter Kaiser Alexander Severus geweiht waren, d. h. wahrscheinlich dem Kriegs- und Volksversammlungsgotte und seinen beiden viktorienhaften Genossinnen. Diesen Soldatengöttinnen werden verwandt sein Hariasa die Verheererin (?), Hari-mella die Heerglänzende und Vihansa die Kriegsgöttin. Da die großen germanischen Göttinnen nie zusammengesetzte Namen führen und nach allen späteren Nachrichten ein kriegerisches Wesen an ihnen kaum hervor tritt, so sind diese wohl nur walkürenhafte Idisi oder Siegweiber gewesen, welche, wie wir bald hören werden, sich auf das Schlachtfeld herabließen und die Feinde fesselten und angriffen, die gefangenen Freunde aber von den Banden befreiten. Doch ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß sie der fremden Kriegsgöttin Bellona oder Victoria, den angebeteten Lieblingen des römischen Lagers, nur nachgebildet und keine echt germanischen Wesen waren. Noch ein paar andre Namen, wie der Requalivahamus der im Dunkel Lebende oder dem Dunkel Überlassene, scheinen deutschen Ursprung zu beanspruchen. Aber auch sie halten sich meistens für uns noch im Dunkel zurück, und eine ganz andre Macht als der römische Militärstaat war dazu berufen, neues Licht über die Geheimnisse des deutschen Heidenglaubens zu verbreiten, die christliche Kirche, deren Zeugnisse wir jetzt vernehmen müssen.


2. Zeugnisse aus der Zeit der Bekehrung der Deutschen und Angelsachsen. Die christliche Kirche war dazu berufen, dem deutschen Heidenglauben viel energischer zu Leibe zu gehen, als die römische Kaisermacht. Freilich beweisen ein paar hundert lateinische Lehnwörter der altgermanischen Sprache, wie viel die Germanen der rheinischen und britischen Römerkultur verdankten, Wein-, Obst- und Gemüsebau, manche neue Komart und manches neue Ackergerät. Von ihr lernten sie das Steinhaus, Maß-und Gewichtswesen, eine genauere Jahreseinteilung, selbst die Namen der Wochentage und manche römische Sitten und Bräuche. Unleugbar ging das Leben der rheinischen Germanen aus dieser Berührung mit der fremden Zivilisation verschönert und bereichert hervor. Doch dürfen alle diese wirtschaftlichen und sonstigen Anleihen und die erwähnten Versuche einer Annäherung römischen und germanischen Glaubens über die Tatsache nicht täuschen, daß die große Masse der deutschen Nation, zum schärfsten Unterschied von der gallischen, nicht nur die Herrschaft, sondern auch die Sprache und Kultur und insbesondere die Religion der Römer damals von sich abwies. Was in Gallien glückte, z. B. die Verknüpfung des neuen Gauverbandes mit der göttlichen Verehrung des Kaisers am Augustusaltar zu Lyon und die Verschmelzung der vielen Götter beider Nationen, das schlug in Germanien fehl. Der Augustusaltar in Köln, die Ara Ubiorum, gewann nie größere Bedeutung, weil er unter den unsicheren Germanen des rechten Rheinufers nie ganz sichere Sprengel gewann. Und fast möchte man einen symbolischen Akt darin erkennen, daß Segests Sohn Segimund, ein Schwager Armins, der zum Priester jenes ubischen Altars ernannt war, bei der Nachricht von der befreienden Varusniederlage seine römischen Priesterbinden vom Kopf riß und zu seinen Cheruskern zurückfloh. Denn was irgend von fremdem Glauben die Germanen angenommen haben mochten, das warfen sie wieder von sich seit dem 3. Jahrhundert, wo sie immer tiefer und verwüstender in die baufällige Römerwelt einbrachen. Langsamen Ganges schoben die Bauemstämme der Franken, Alemannen und Hermunduren ihre Siedelungen über den Rhein und die Donau vor. Zwischen ihnen hindurch und über sie hinweg stürmten die noch in beweglichen Heerlagern lebenden Wanderstämme der Burgunder, Sueven und Vandalen gewaltsamer südwest wärts. Weiter ab auf beiden Flügeln dieses unwiderstehlichen Zentrums gründeten die Goten und später die Langobarden südlich von den Alpen und den Pyrenäen, die Angelsachsen jenseits des Kanals ebenfalls auf römischem Reichsboden neue germanische Staaten. So fand sich der größte Teil unseres heidnischen rauhen Krieger- und Bauernvolkes aus unwegsamen Wäldern und Weiden des Nordens in mildere Landschaften versetzt, deren Grenzen von Türmen und Wällen beschirmt, deren Inneres mit Villen, Bädern und Grabmonumenten, mit Tempeln, Theatern und Fabriken bedeckt wrar, deren treffliche Straßen uralte Handelsstädte mit einander bequem verbanden. Aber wie ihnen Berg und Tal fremd waren, waren ihnen die ummauerten, enggassigen Städte gleich Tierkäfigen verhaßt, die sie am liebsten zerstörten, um sich außerhalb ihrer Trümmerstätten in Hof und Dorf niederzulassen. Das Unverständlichste hier in der Fremde war ihnen aber die jugendliche christliche Kirche mit ihrem Herrn und Meister, dem an einem Kreuze verblichenen und wiederauferstandenen Gott. Sollte auch dieser neurömische Glaube von ihnen scheinbar aufgenommen und alsbald wieder abgeschüttelt werden, wie der altrömische von den rheinischen Germanen? Oder wie wollte sich das germanische Heidentum mit dem Christentum abfinden? Die äußere und innere Lage dieser Germanen war doch eine ganz andere als dort am Rhein. Nicht als ob sie, wie ihnen so oft nachgerühmt wird, der christlichen Lehre ein besonders offenes und tiefes Verständnis entgegengebracht hätten. Aber erstens erleichterte gewiß die Versetzung vom heimischen Boden und Leben in ein fremdes und noch dazu meistens schon christianisiertes Land die Entwurzelung ihres Heidenglaubens. Zweitens traf die großartige christliche Gottesidee, die sich im ganzen Weltall von Ewigkeit zu Ewigkeit und wiederum in dem tief lyrischen Epos des Lebens Jesu kundtat, ob auch nur teilweise verstanden, die eigene zersplitterte, vergängliche und nicht durchweg erbauliche Götter- und Dämonenwelt mit viel wuchtigeren Stößen, als es der bunte zerfahrene römische Polytheismus vermocht hatte. Dazu trat ein drittes, mehr politisches Moment, das die Wendung entschied. Die unter den Romanen schon einflußreich gewordene christliche Geistlichkeit forderte von den Führern der Stämme auf ihrer gefahrvollen Wanderung durch das meist schon bekehrte Römerreich gebieterisch Unterwerfung oder drohte mit ihrer Feindschaft. Die germanischen Fürsten nahmen gewöhnlich unter solchem Zwange die Taufe und, indem sich ihnen ihre Getreuen anschlossen, erschien diesen auch Christus mit seinen Jüngern wie ein von Getreuen dicht umgebener Gefolgsherr. Mit Belohnungen und Drohungen lockten und schreckten die Christen wie die Heiden. Religiöse Bewegungen, die still und insgeheim das Gemüt ergreifen, entziehen sich freilich oft schon dem Auge der Gegenwart, wie viel öfter den Blicken der späten Nachwelt. Doch darf man behaupten, daß eine wachsende Sehnsucht nach der erlösenden, beseligenden Gewalt des Heilands, oder eine plötzliche Erleuchtung über die eigene Sündenschuld auf germanischem Gebiete sich selten kundgab. Selbst nach der Annahme der Taufe drang nicht einmal die Überzeugung von der völligen Nichtigkeit der Götter durch. In der Regel entschied die allmählich und kühl gewonnene Ansicht, daß denn doch Christus und der allschaffende Gott stärker sein müßten als Wodan und Donar, und das Heidentum wucherte meist noch Jahrhunderte unter dem Kreuze Christi weiter.

Indem nun die Welt- und Klostergeistlichkeit die Taten der Bekehrer der südgermanischen Stämme erzählte, in ihren Predigten den alten Göttern Christus gegenüberstellte, auf ihren Synoden und in ihren Bußbüchern den Götzendienst mit harten Strafen belegte und sogar Zaubersprüche ver-zeichnete, erschloß sie uns eine Reihe neuer, allerdings oft stark getrübter Quellen der Erkenntnis des germanischen Heidenglaubens.

Zuerst regte sich christliches Wesen bei den Westgoten an der unteren Donau. Ihr König Athanarich verfolgte im Jahre 348 die Christen seines Volkes grimmig, indem er auf einem Wagen ein Götterbild vor jede Tür fahren ließ. Weigerte sich der Bewohner, diesem zu opfern, so wurde ihm das Haus über dem Kopf angezündet. Doch Wulfila, ein Kappadocier, führte die bedrängten Christen wie ein zweiter Moses über die Donau in die schützenden Balkantäler und übertrug das Wort Gottes zum erstenmale in eine germanische Sprache. Ein anderer Gote, Radagais, der mit Hunderttausenden wilder Germanen ums Jahr 400 in Italien eingebrochen war, gelobte das Blut des ganzen römischen Volkes seinen Göttern, und schon flüchteten die Einwohner Roms, an der Macht des Christengottes verzweifelnd, aus den Kirchen zu den verlassenen Götzenaltären. Da zog die feindliche Wetterwolke vorüber. Lange bäumte sich der harte Frankenkönig Chlodovech gegen den Glauben an den milden Friedensfürsten Jesus, bis dieser ihm als der stärkste Schirmherr seines Reiches erschien oder, wie die Sage das bald ausdrückte, auf sein Gebet seiner schwankenden Schlachtreihe Halt und Sieg über die Alemannen verlieh. In seiner Taufe zu Rheims 496 vollzog sich der folgenreichste Akt der ganzen germanischen, ja abendländischen Bekehrungsgeschichte. Von hier aus drang die christliche Lehre in Deutschland ein, oft durch Wunder unterstützt, selbst durch das gewiss schwer empfundene einer plötzlichen Bierentziehung. Dem König Chlothar I, dem Sohne Chlodovechs, und seinem Gefolge veranstaltete der Franke Hozin ein Gelage mit Bierkrügen für die Christen und für die Heiden. Weil die der letzteren nach Heidenbrauch geweiht waren, wurden sie durch ein Wunder des hl. Vedastus ihres dämonischen Inhalts beraubt. Die Missionare des hl. Hilarius von Poitiers, des hl. Remigius von Rheims und am kräftigsten die des hl. Martin von Tours drangen seit der völligen Unterwerfung der Alemannen unter die Franken in den „Königsboden“, das vom Frankenkönig beanspruchte Krongut, ein. Da gab es einen Bischof neben dem Herzog, bekehrte Alemannen waren Pfarrer. Überall noch ein seltsames Gemisch desAlten-Heidnischen und des Neuen-Christlichen.

Die eigentliche Missionsarbeit auf deutschem Boden durchlief drei Stadien. Sie wurde begonnen in Süddeutschland von irischen Mönchen und fand hier wenig Widerstand, doch war sie oft ohne dauernden Erfolg, da die Glaubensboten ohne festeren Zusammenhang unter sich und ohne den Rückhalt eines stärkeren Kirchenwesens w irkten. Aber die von ihnen gegründeten Klöster blieben meist als wichtige Pflanzstätten der Bildung bestehen. Am Schluß dieser ersten Periode griffen auch wieder fränkische Bischöfe in die süddeutsche Mission bis Regensburg ein. In der zweiten Periode, dem 8. Jahrhundert, ordnet sich die Bekehrungsarbeit der geschulteren und weltklügeren Angelsachsen der fränkischen und somit der römischen Kirche unter, ihre Hauptgebiete sind Hessen, Thüringen und Friesland. Dort herrscht lange ein bedenklicher christlich-heidnischer Mischglaube, hier kommt es wiederholt zu blutigen Aufständen. In der dritten Periode stellt Karl der Große die Kräfte eines geordneten Staatswesens der Mission zur Verfügung, zumal die Militär- und die Polizeigewalt; nur diese können die Sachsen bezwingen, die nicht nur für ihr Land, sondern auch für ihren Glauben streiten. Daß der Widerstand vom Süden nach Norden wuchs, lag zum Teil im Stammcharakter, in dem bei den Sachsen die rauhe Abgeschlossenheit hervorgehoben wurde, zum größeren Teil in der geschichtlichen Lage. Im Süden hatte die römische Kultur schon viel Einheimisches zersetzt, und die beweglicheren Stämme hatten ihren Verband mit den alten Landesheiligtümem längst aufgegeben, während die Sachsen, unberührt von fremdem Wesen, auf ihrer Scholle sitzen blieben und sich zu Angriff oder Abwehr kampflustig um ihre alten Göttertempel scharten.

Der erste Missionar, der tiefer in deutsches Heidenvolk vordrang, war Columban. Er kam aus Irland, einer von der Völkerwanderung unberührten Stätte des Friedens und christlicher und antiker Wissenschaft. Als er im Frankenlande das Unheil des Goldes kennen lernte, trug er kein Bedenken, dasselbe durch lauter heidnische Mythen in Versen zu bekämpfen. Den Becher, in dem man ihm am Hofe der lasterhaften Frankenkönigin Brunhild Wein reichte, zerschlug er voll Zorns, ein furchtloser, unbequemer Bußprediger. Verjagt aus einem Vogesenkloster, führte er mit der neuen Heilslehre klösterliches Heiligkeitsleben in das entlegenere Alemannengebiet. Auf einer Wanderschaft am Züricher See traf er auf Christen und Heiden, wie sie um eine riesige Bierkufe beim Wodansopfer zechten, und sein Schüler Gallus stürzte bei Bregenz drei in eine Kirche eingemauerte Götzenbilder in den Bodensee. Der Stifter des Klosters Reichenau im Untersee, der Abt Pirmin oder vielmehr Pr im in, fand im Anfang des 8. Jahrhunderts nur getaufte Alemannen, für die er eine Art Musterpredigt, die Dicta abbatis Priminii, ausarbeitete, die dann Jahrhunderte hindurch mit mannigfachen Änderungen den germanischen Gemeinden immer wieder gehalten wurde, da sowohl ihr einer Teil, die Heilsgeschichte der Welt, gleichsam ein Mythus edelster gewaltigster Art, als auch ihr anderer, der in einer Kriegserklärung gegen den alten Glauben gipfelte, einen tiefen Eindruck auf die germanischen Gemüter nicht verfehlen konnte:

Gott schuf Himmel und Erde und im Himmel die Engel. Doch diejenigen Engel, die sich gegen ihn erhoben unter der Führung des ersten Erzengels, welcher Gott gleich sein wollte, stürzte er in den Luftraum hinab, wo sie Teufel und Dämonen wurden. Erst nach dem Engelsturz schuf Gott den Menschen, der sich vom neidischen Teufel zum Ungehorsam gegen Gott verleiten ließ. Adam und Eva taten den Sündenfall, ihre Nachkommenschaft versank immer wieder in Sünden trotz der großen Flut, der zehn Gebote und der Propheten, bis Gott Jesus schickte, der für die Menschen gekreuzigt wurde und durch das Blut und das Wasser, das aus seiner Seite floß, Sündenvergebung und Taufe verlieh. Dann fuhr er zur Hölle, um Adam, die Erzväter und Propheten ihr zu entreißen, den Teufel aber darin zu binden. Auferstanden entsandte er die zwölf Apostel und fuhr auf gen Himmel. Die Zwölf setzten das Glaubensbekenntnis fest. Nun wird die Bedeutung der Taufe und der feierlichen Abschwörung alles Teufelsglaubens in die Erinnerung gerufen, die ganze Reihe der Sünden zieht auf, zuletzt die Götzenanbetung, mag sie mm an Steinen, unter Bäumen, an Quellen, auf Kreuzwegen stattfinden. Auch an die Spruch- und Loszauberer, die Wahrsager, die Vorzeichen und bösen Geister soll man nicht glauben. Auch nicht heidnische Festzeiten, die Vulcanalien und Kalenden, beobachten, noch die Tische bereiten, Lorbeer anbringen, über einen Baumklotz Kornfrucht und Wein ausgießen und Brot ins Wasser werfen, beim Weben eine Göttin (Minerva) anrufen, bestimmte Tage für die Hochzeit und die Reise wählen, Zauberzettel und -kräuter und Bernstein anhängen, Wettermacherinnen und Leuten, die, auf das Dach gestiegen, die Zukunft aus dem Feuer, etwa einem brennenden Scheit weissagen, Glauben schenken. Endlich verbot Primin Neujahrsaufzüge in Hirsch-und Kuh Verkleidung, Aufzüge der Weiber in Männertracht und umgekehrt. Auch sollen aus Holz gemachte Glieder nicht an Kreuzwege und auf Bäume, um Heilung zu erlangen, gelegt, die Mondfinsternis nicht angeschrieen werden. Teufelsspiele und -scherze, -tänze und -lieder sind überall zu vermeiden. Aber der Kirche sind Weihrauch, Wachs und Öl zu opfern, man soll Zehnten von Frucht und Vieh bringen, ferner Almosen spenden, die Sonn- und Feiertage beobachten, eifrig Messen hören und in die Beichte gehen. So muß der alte Adam ausgezogen werden, damit die Auferstehung zum Gericht, die ein jeder in der vollen Kraft eines Dreißigjährigen erleben wird, zum Paradiese führe und nicht zum ewigen Feuer.

Der von Primin angegriffene Aberglaube ist nur teilweise echt alemannisch, wie z. B. das Steigen des Weissagers aufs Dach, meistens aber entweder ganz fremd, aus älteren kanonischen Büchern zusammengetragen, wie das Vulcanalienfest, oder wie die Kalendenfeier mit dem julianischen Kalender erst neuerdings im südwestlichen Deutschland eingebürgert.

Das mächtige Thema der Heilslehre aber, das die irischen Missionare um 700 in Schwaben und Baiern verkündeten, stellten dann auch ihre angelsächsischen Nachfolger in den Mittelpunkt ihrer Predigt, und Karl der Grosse schärfte eine ähnliche Musterpredigt seiner Geistlichkeit ein. Im Norden diente sie der Völuspa zum Vorbild.

Über die Zustände des englischen Heidentums und die Anfänge des Christentums belehrt uns am besten Beda (gestorben735) in seiner Kirchengeschichte Englands und in anderen Schriften. Nach ihm und späteren Chronisten brachten die Angelsachsen die Stammbäume und Stammsagen ihrer vornehmsten Geschlechter nach der britischen Insel aus Deutschland mit herüber. Der Gott Woden bildet darin den lebendigen Mittelpunkt, von dem in den verschiedenen 7 oder 8 angelsächsischen Reichen verschiedene Götter oder doch vergötterte Helden als Ahnen auf- und als Nachkommen bis zur Gegenwart absteigen. Die Bekehrer versuchten dann diese edlen Heidengeschlechter an Adam und Noah zu knüpfen. Diese Genealogien zerlegen oft den Inhalt eines Mythus in seine einzelnen Momente und verteilen sie auf mehrere Personen. So wird in der Reihe Skeäf, Skeldwa und Beäw, die von der Garbe, dem Schilde und dem Anbau ihren Namen haben, die Einführung des Ackerbaues, des Kriegswesens und der weiter um sich greifenden Kultur wiedergegeben. In den angelsächsischen Chroniken treibt auf einem steuerlosen Schiffe der neugeborene Skeäf, bald auf einem Strohbündel liegend, bald von Waffen umgeben, schlafend an die Küste von Angeln in Schleswig und wird von den Einwohnern freudig aufgenommen. Der Verfasser des Epos vom Beowulf, der dem Beda etwa gleichaltrig ist, schiebt diesen Mythus von Skeäf auf dessen Sohn Skyld ab, und Beowulf tritt an Beäws Stelle. Mächtig kommt dieser als Hauptheros aus dem dunklen Hintergrund seiner Ahnenwelt hervor und schlägt, ein Schutzheros seines Volkes, den Sumpfunhold Grendel samt dessen Mutter und einen Feuerdrachen. Vielleicht liefert das angelsächsische Runenlied noch eine andere Spielart jenes Kulturmythus; es weiß von einem göttlichen Helden Ing, der zuerst bei den Ostdänen war und dessen Wagen über das Meer ihm nachfuhr. Kein Zweifel, bei keinem anderen Germanenstamme zeigt sich eine so vielgestaltige, die Menschheit mit der Gottheit verbindende Heroenwelt, wie bei den Völkern der norddeutschen Halbinsel.

Doch auch diese stolzen Wodenssöhne konnten sich nicht des Gefühls der Nichtigkeit ihres Glaubens erwehren, wie uns Beda erzählt. Im Jahre 627 saß eines Abends König Edwin von Northumberland in seiner erleuchteten Halle. Ein Sperling schlüpfte zur Tür herein und flatterte scheu durch den hellen, warmen Raum hin, um durch eine andere Tür in der Winternacht wieder zu verschwinden. Bei diesem Anblick rief ein Hofmann aus:

„So rasch wie dieser Sperlingsflug durch die Halle vergeht das menschliche Leben mit seiner Lust. Was diesem aber vorangegangen sei und was ihm folgen werde, ist uns so dunkel, wie die Nacht dorten vor den beiden Türen. Darum, o König, nimm die neue Lehre der Christen an, die uns über unsere Zukunft nach dem Tode Sicherheit gibt.“

Der König befolgte den Rat, und der bereits für die neue Religion gewonnene heidnische Oberpriester schleuderte, auf des Königs Streithengst sitzend, einen Speer durch den Zaun in den großen Göttertempel bei York, um seinem Herrn die Ohnmacht der Heidengötter recht augenscheinlich zu machen, und das alte Heiligtum wurde mit allen seinen Höfen durch Feuer vernichtet.

Als die Bekehrung der Angelsachsen etwa um 650 vollendet war, zogen manche ihrer Mönche nach dem Vorbild der irischen ins Ausland, und ihre Mission erstreckte sich über den größten Teil Deutschlands von den friesischen Inseln bis zu den Alpen. Ihre Hauptführer waren Willibrord, der Apostel der Friesen, dann Winfried, den man übertreibend den Apostel der Deutschen nennt, und später Liudger. Auf seiner Rückfahrt von Dänemark ums Jahr 700, wohin Willibrord kühn vorgedrungen war, taufte dieser auf einer von den nordischen Seefahrern dem Gotte Fosete geweihten Insel, Helgoland, die Heiden in einem heiligen Quell, aus dem sie nur schweigend Wasser zu schöpfen wagten. Um diesen Frevel zu rächen, führten ihn die Ungetauften vor den wilden Friesenkönig Ratbod (fries. Redbad), aber das dreimal über ihn geworfene Los traf ihn nicht: die Götter wollten seinen Tod nicht. Denen diente man dort in schatzreichen Tempeln, deren Beraubung ein schmerzhafter Tod an der Stelle des Meeresstrandes büßte, wo ihn die Flut täglich zweimal überströmte. Willibrord entkam. Aber die Götter forderten später ein größeres Opfer. Das war jener Winfried oder Bonifacius, der Organisator der fränkisch-römischen Kirche. Er begann 716 in Friesland zu predigen, wandte sich dann namentlich Thüringen und Hessen zu, wo bereits Brittenmissionare, die Nachfolger jener irischen Mönche, und ketzerische Priester, die der Unzucht, Trunksucht und Jagdlust ergeben waren, das Evangelium in unsauberer Weise verkündet hatten, wo sie auf heidnischen Opferplätzen unter großem Zulauf des Volkes christlichen Gottesdienst hielten und Donarspriester christliche Taufen vollzogen. Auch brachten die Bekehrten nach heidnischer Sitte den Toten eifrig Opfer dar, und diese deutschen „Dummköpfe“ verwiesen noch 742 die entrüsteten Missionare trotzig auf die ebenso ausgelassene und schwelgerische Feier der Januarkalenden, die in Rom selber vor der St. Peterskirche betrieben würde. Aber Bonifacius wußte nicht nur durch die Predigt des Evangeliums das Gemüt zu ergreifen, sondern auch nach der ausführlichen Direktive des Bischofs Daniel von Win ton durch Vemunftgründe den Verstand zu gewinnen. Die Existenz der falschen Götter soll der Missionar nicht bestreiten, wohl aber deren echt göttliche Natur, da sie doch nach ihren eigenen Angaben geboren und erzeugt seien ganz nach Menschenart. Wenn also die Götter einen Anfang haben, so soll er fragen, ob auch diese Welt einen Anfang oder ohne Anfang immer bestanden habe. Im ersten Falle: wer die Welt geschaffen, da doch ohne Zweifel vor der Erschaffung für die noch nicht geborenen Götter ein Wohnort nicht gefunden werden könne. Behaupten die Heiden aber, die Welt habe immer bestanden, so forsche weiter, wer denn über die Welt vor den geborenen Göttern geherrscht und wie diese später die eigenmächtige Welt ihrer Herrschaft unterworfen hätten. Noch durch manche andere Fragen nach der Herkunft und Geburtszeit der Götter, nach dem zeitlichen oder ewigen Sinn und Nutzen der Opfer, deren die Gottheit doch nicht bedürfe, und warum denn die Götter trotz der Opfer den Christen die fruchtbaren Länder ließen, ihren heidnischen Verehrern die kalten Länder der Erde zugewiesen, möge Bonifacius sie weniger zur Erbitterung, als zur Scham über ihren törichten Glauben bringen. Der kluge Bischof hatte die wunden Stellen des Heidenglaubens wohl erkannt. Er wußte wohl, daß auch die gebildetsten Heiden auf diesem dogmatischen Gebiete sofort in die Enge getrieben werden mußten, weil ihrem lockeren Polytheismus eine Schöpfungslehre, überhaupt eine begründete und zusammenhängende Weltanschauung völlig abging. Und mit der heiligen Donarseiche, die Bonifacius bei Geismar fällte, krachte auch dieser Polytheismus zusammen, und aus ihrem Holz wurde eine christliche Kapelle gezimmert. Vom gewaltigen Werk der Reorganisation der verkommenen fränkischen Kirche, aus der Pracht seines Mainzer Erzbistums sehnte sich Bonifaz hinweg nach Friesland, um dort Willibrords und seiner eigenen Jugend Arbeit wieder aufzunehmen. Hier wurde er im Jahre 755 am Flusse Borne bei Dokkum während der Firmung Neubekehrter von den Heiden erschlagen, indem er vergeblich sein Haupt gegen das Schwert im Tode mit dem schützte, was ihm im Leben die schönste Erquickung geboten, mit dem Evangelienbuch. Aber nicht lange darauf wurde an der Stätte, wo sein Blut vergossen wurde, nach dem Beschluß der Gemeinde und eines großen Teils des friesischen Volkes ein hoher Erd wall als Schutz gegen die Einbrüche des Meeres errichtet und auf diesem eine Kirche erbaut. Und wie der Friesenfürst Abba den neuen Bau besichtigte, wurde plötzlich eine Quelle süßen Wassers entdeckt. Dennoch wucherte noch zu Karls des Großen Zeit der heidnische Glaube im Friesenvolke wieder üppig empor, doch der beliebte, alte, blinde Sänger Bemlef, der in den Dörfern des Hunsegaues die Kämpfe der Friesen-könige zum Saitenspiele sang, wußte dabei die Zuversicht zum Heiland bei seinen Zuhörern lebendig zu erhalten. Um das Jahr 786 taufte Liudger ohne Hindernis aus dem heiligen Quell auf Helgoland und ließ auf der verwüsteten Opferstätte des Gottes Fosete christliche Kapellen zurück. Doch Seeräuber verjagten bald wieder die christlichen Einwohner und fingen die christlichen Kauffahrer ab, und erst im 11. Jahrhundert wurde die Insel dauernd dem Christentum gewonnen, nicht früher als das ferne Island.

Den zähesten Widerstand in Deutschland leisteten die benachbarten Sachsen. Bei ihnen lag das heidnische Priestertum in der Hand eines hochangesehenen Adels, und so stark war der Wille der Götter über sie, daß ohne deren Befragung nichts unternommen wurde. Stimmten diese aber zu, so sammelte sich sofort ein kampflustiger Heerbann in den heiligsten Bezirken, den Grenzbezirken, in deren einem der rohe Baumstamm der Irminsäule ragte und die Eresburg, doch wohl der Sitz eines Gottes, als Ausfallstor diente. Aber den sächsischen Heiden war der gewaltigste Christ zum Zuchtmeister bestimmt, der Franke Karl der Große. Ihre Aufstände schlug er einen nach dem andern nieder — vergebens! Mehr als viertausend ihm ausgelieferte Sachsen vernichtete er durch die blutige Massenhinrichtung bei Verden a. d. Aller im Jahre 782 — vergebens! Endlich unterwarf sich 785 Widukind der Taufe auf der königlichen Pfalz zu Attigny. Karls Capitulatio de partibus Saxoniae, ein Glaubensgesetz vom Jahre 787 oder 788, bestimmte die härtesten Strafen für Hexen- und Leichenverbrennung, die nicht auf dem Kirchhof, sondern draußen auf der Heide vollzogene Hügelbestattung der Toten, die Quellen-und Baum Verehrung und die Menschenopfer. Den Königsboten, die als Aufseher durch den Gau ritten, und den Missionaren wurde ein 30 Nummern starkes Verzeichnis der abergläubischen Bräuche, ein Indiculus superstitionum etwa vom Jahre 800, mitgegeben, auf die sie im Sachsenlande ganz besonders achten sollten. Das ist nun alles echt germanisch und nicht aus fremden Bußbüchem herübergeholt, und wir sehen hier zuerst die großen Glaubensgruppen rein hervorsteigen: den Seelenglauben mit seinen Totenopfern und Totenzauberliedern (dadsisas), den Elfenglauben mit seiner Verehrung der Quellen und Wälder (nimidas), vereint mit dem Glauben an die mächtigsten Götter Jupiter und Mercurius d. i. Donar und Wodan. Das Notfeuer wird (bei Seuchen) angezündet, ein Yrias d. h. ein Umzug in zerrissenen Kleidern und Schuhen (zur Vertreibung des Winters) durch das Dorf unternommen und Unwetter durch Blasen in Hörner und Muscheln verscheucht. Nach einer dritten ungefähr gleichzeitigen Schrift, einem wahrscheinlich ostfälischen Taufgelöbnis, mußte der Täufling dem Teufel und aller Teufelsgilde und allen Teufelswerken und -Worten: Thunaer, Woden und Saxnot und allen den Unholden, die ihre Genossen sind, feierlich absagen. Diese drei Schriften zusammengefaßt bestätigen also einerseits die Meldung des Tacitus von den drei Hauptgöttem und ergänzen andererseits durch ihre Hinweise auf das mythologische Kleinleben seine in dieser Beziehung so mangelhafte Auskunft.

Trotz allen Maßregeln Karls und seiner Nachfolger dauerte der Heidenglaube in den abgelegenen Marschen noch im Beginn des 11. Jahrhunderts fort, wo Erzbischof Unwan von Bremen dort die heiligen Haine umhauen ließ, und jenseits der Elbe lebte der holsteinische Adel noch im 12. Jahrhundert in Vielweiberei und Verachtung der Fasten und des Klerus dahin, und das Volk verehrte Haine und Quellen.

Dieser mehrhundertjährige Kampf des fremden Christengottes mit den nationalen Göttern, in dem so viele plötzliche Scheinbekehrungen und noch mehr wirkliche schwere Rückfälle vorkamen, lehrt uns, wie der ReligionsWechsel des deutschen Volkes sich nicht mit der Raschheit einer jäh aufleuchtenden Damaskusvision, sondern in langsamen und oft stockenden Übergängen der Meinungeh und der Stimmungen vollzog. Im Gegensatz zu wenigen Einzelnen, die mit dem neuen Glauben ein neues Leben anfingen, brach die Mehrzahl der Getauften den Verkehr mit den verlassenen Göttern keineswegs ganz ab. Sogar die christlichen Geistlichen, in der kirchlichen Dämonenlehre aufgezogen, leugneten den Bestand dieser Götter nicht, sie galten ihnen für Teufel und böse Geister, gegen die sie mit ihren Exorcismen zu Felde zogen. Dem Volke aber blieben die Götter noch lange die altvertrauten Freunde, die im Hause und draußen in Feld und Wald über Wind und Wetter mehr Gewalt hatten, als der ferne vornehme Kirchengott in der Stadt. Der heilige Martin von Tours schlug sich mit Jupiter, Mercur, Venus und Minerva, die er für Teufel hielt, ähnlich derb wie sein großer Namensgenosse Martin Luther mit dem leibhaftigen Teufel auf der Wartburg herum. Dies geschah allerdings auf wesentlich romanischem Keltengebiet. Aber wir hörten soeben, wie in Hessen christliche Geistliche nicht vor Wuotanopfem zurückscheuten, und der heilige Liudger sah doch auch mit eignen Augen auf Helgoland die Heidengötter, wie sie vor dem emporgestreckten Kreuz gleich einem Nebel dahinfuhren. Das Volk aber blieb auch nach seiner Bekehrung dabei, daß seine Fürsten von den Göttern oder doch überirdischen Geistern abstammten. Jordanes nennt die Vorfahren des berühmten ostgotischen Königsgeschlechts der Amaler Anses d.h. Halbgötter. Die Herrscher der verschiedenen angelsächsischen Reiche leiteten sich auf ihren ausführlichen Stammtafeln von Woden ab, sogar Friedrich Barbarossas Zeitgenosse König Heinrich II. von England hielt noch im 12. Jahrhundert an dieser Herkunft fest. Nach einer Frankengeschichte aus dem 7. Jahrhundert hatte Merowech, der Ahnherr der Merowinger, einen dämonischen Ursprung; sein Vater war ein plötzlich aus der Meerflut aufgestiegener Stier des Neptunus, also ein germanisches Wasserwesen. Anmutig erzählt der Lango-barde Paulus Diaconus im 8. Jahrhundert, daß Wodan den Winilern, wie ein Vater seinem neugeborenen Sohne, den Namen „Langbärte“ und mit dem Namen auch eine Gabe, nämlich den Sieg, verlieh.

Obgleich nun auch noch das christliche Volk die Götter für die Ahnherren seiner Könige hielt und sich mancherlei Gaben von ihnen versah, war doch der Glaube an sie nicht das widerstandsfähigste Element des südgermanischen Heidentums. Denn sie zeigten sich doch zu deutlich dem neuen Gottesideal, der Christengottheit, nicht gewachsen. Und wenn die drei schwersten kanonischen Verbrechen, für die die Kirche Beichte und Buße verlangte, in früherer Zeit Mord, Unzucht und Götzendienst waren, so meinte man mit dem letzten nicht gerade vorzugsweise die Verehrung der großen Heidengötter, sondern vielmehr die der vielartigen Elfen, die täglich die Menschen umspielten, und die der Seelen, die doch noch immer mit den Hinterbliebenen verkehrten. Die einfachen, aber eifrigen Kulte dieser Wesen vermochte man nicht aus dem Leben des gemeinen Mannes herauszureißen; mit jeder neuen Jahreszeit, mit jeder neuen Weide-, Feld- und Waldarbeit erneuerten sich unausrottbar die alten feierlichen oder heiteren Festgebräuche wie die Blumen auf den Wiesen. Dem Götzendienst solcher Art trat nun die Geistlichkeit durchaus nicht immer streng strafend entgegen, sondern schlug den verhängnisvollen Weg des Kompromisses ein, der streng genommen bis auf den heutigen Tag von ihr, namentlich vom katholischen Klerus, nicht verlassen worden ist. So lebt denn noch heute gar manches Heidentum auch unter dem Schutze der Kirche fort und ist sogar in ihr Inneres eingedrungen. In den Synodalbeschlüssen der Geistlichen, in den Bußbüchern der alten irischen Mönche, wie der jüngeren angelsächsischen und fränkischen Bischöfe und in denStraf Satzungen der Könige, insbesondere Karls des Großen, überwog die Strenge, bis zu dem letzten großen Bußbuch des gelehrtesten Kanonisten seiner Zeit, des Bischofs Burchard von Worms (gestorben 1025). Mit dieser Richtung kreuzte sich aber eine andere milde, versöhnliche, die schon um 600 Papst Gregor der Große in seinem bekannten Briefe an den Abt Mellitus einschlug. Um die Angelsachsen leichter zum Christentum zu bekehren, rät er, solle man wohl ihre Götzenbilder, nicht aber ihre Tempel zerstören, diese vielmehr mit Weihwasser besprengen und mit Altären und Reliquien versehen. An den gewohnten Stätten, die nun Gott geweiht sind, werde die Menge sich gemütlicher fühlen und sich Laubhütten um diese Kirchen machen, um darin fröhlich die früher zu Opfern bestimmten Rinder zu verzehren. Das älteste heidnisch-christliche Kirchweihbild! Seitdem suchte man unabhängig viele nationale Bräuche und Vorstellungen mit den Riten und Dogmen der allumfassenden katholischen Kirche möglichst zu verschmelzen: das lehrt außer dem ganzen Festwesen namentlich der Dämonenglaube und das Segnen und Beschwören.

Ob nun gehegt, geduldet oder verfolgt und gefährdet, das Heidentum umstrickte im Frühmittelalter das ganze Leben der schon christianisierten Sueven in Gallizien, der Burgunder und Westgoten im Rhonetal und in Südfrankreich, der Franken im übrigen Frankreich, wie die im 5. und 6. Jahrhundert gehaltenen Synoden von Bracara, Arles, Auxerre und andere feststellten. Dem Heidentum dieser Völker waren aber manche nichtgermanische Elemente beigemischt, auch sprach die Hauptanklagen ein Kanon dem anderen nach, doch meist wohl nicht ohne Grund, weil der alte gleiche Aberglaube überall fest haftete. Aus den einigermaßen als echt beglaubigten Mitteilungen dieser bis zu jenem Burchard von Worms reichenden Literatur setzt sich etwa das folgende umfassende Bild zusammen, das eine freilich jüngere höchst willkommene Ergänzung zu dem älteren Glaubensbilde des Tacitus liefert.

Drei große Götter stehen, wenigstens im Sachsenlande, noch voran: Thunaer, Woden, Saxnot. Der Indiculus bekämpft die Opfer an den Tagen der beiden ersten, die er Jupiter und Mercur nennt, und Burchard noch die Donnerstagfeier. An diesen Tagen werden die Menschen geschlachtet sein, auf deren Opferung Karl der Grosse Todesstrafe setzte, und werden sich die zum Götterdienst zugehörigen Reigentänze auch noch in die christlichen Kirchen gedrängt haben. Neben jenen zwei oder drei Göttern gedenken Primin von Reichenau und Spätere einer Minerva, die man beim Weben anrief, was an den späteren Anruf der Holda oder Bertha beim Spinnen erinnern könnte. Wie man diese deutsche Göttin sausend durch die Luft fahren hörte, so ritten auch nach Burchard Weiber in der Nacht mit einer Holda oder Frigaholda durch die Luft. Aber noch beliebter scheint bei den meisten Stämmen der Dienst jener Unholde gewesen zu sein, die jenes Taufgelöbnis die Genossen der Götter nennt, die in (gute) Hulden und (böse) Unhulden geschieden werden. Auf die verschiedenartigen Elfen müssen sich auch die so oft erwähnten Opfer und Gelübde beziehen, die an alten Bäumen, frischen Quellen, mächtigen Steinen und auf Kreuzwegen dargebracht werden, wobei man Mahlzeiten hielt, Lichter anzündete und aus Holz nachgebildete Glieder aufhängte. In kleinen Laubhütten betete man um den Schutz der Flur und trug segnende Bilder über sie hin. Den brennenden Holzklotz auf dem Herde beschüttete man, um seine Asche zu befruchten, mit Früchten und Wein. Den Hof umzog man nach wohl schon indogermanischem Brauch mit einer Furche, wie es scheint, gegen Hexen, und man bereitete Schicksalsschwestem und Hausgeistern trank- und speisebesetzte Tische oder legte diesen Spielzeug und Schuhe hin. Zu Beginn des Jahres jagte man eine Hindin oder eine Kalbe unter lärmendem Unfug durchs Dorf; schon gegen Ende Februar klopfte man den Winter mit seinen Molchen, Mäusen und Motten aus den Türpfosten. Mondfinsternis verscheuchte man durch Kübel- und Kesselschlagen, Hagelschauer durch Hornblasen. Das fiebernde oder neugeborene Kind wurde auf den Herd gesetzt und mit Wasser aus siedendem Kessel begossen, Vieh gegen Krankheit durch einen hohlen Baum oder ein Erdloch gezogen. Man legte Zauberbinden und Halsamulette an und gewann für nicht genauer bezeichnete Zwecke durch Hölzerreibung das Nied- oder Nodfeuer. In der Nacht, zumal in der Neujahrsnacht stieg ein Weib, oder feierlicher ein schwertumgürteter Mann aufs Dach, die Zukunft zu erspähen, die man ebenfalls nachts auch auf dem Kreuzweg zu ergründen suchte. Man achtete auf Vogelflug, Pferdegewieher und Niesen, hörte gern Wahrsagern und Wahrsagerinnen und traute Hexen die Kraft des Wettermachens zu. Jedermann aber sprach Zauberformeln über Kräutertränke und Trinkhörner und bei zahlreichen anderen Anlässen. Den Toten zu Ehren sang man die ,dadsisas‘, lange Totenzauberlieder, und hielt Schmäuse an ihren in der Heide fern abgelegenen Grabhügeln. Leichen von Kindbetterinnen und ungetauften Kindern durchstieß man mit einem Pfahl, daß sie zu den Lebenden nicht wieder zurückkehren könnten. Aber man verehrte auch nach dem Indiculus die Ahnen wie Heilige, wie göttliche Schutzmächte.

Die Kirche nahm sich als Verwalterin und Spenderin allen Segens und aller Beschwörung gern der alten Zauberformeln und -bräuche an, die sie schwächer oder stärker umänderte. Ihr Anteil an der Ausbildung der Segensformeln ist noch keineswegs genügend beachtet: er erstreckt sich bis in die neueren noch heute gangbaren Zauberbücher, wie z. B. den Wahren Geistlichen Schild, ein Sammelsurium von Gebeten an die Heiligen und altheidnischen Formeln. Benediktionen sprach der Priester über Bräutigam und Braut, über die Wöchnerinnen bei ihrem ersten Kirchgang, über Kranke, über Haus und Brunnen, Brot und Salz. Der kirchliche Segen schützte das Kornfeld und den Obstgarten und weihte Banner und Schwert vor dem Kampf. Zu Ostern stellte man Speck und Brot, Eier und Käse auf den Altar wider Unwetter. Vom Getreide schnitt man zu Himmelfahrt einige Halme und trug sie zur Segnung um den Altar; dasselbe geschah zu Jakobi (25. Juli) mit dem Obst, zu St. Sixt mit den Trauben. Durch die Synode von Cloveshoe, die Erzbischof Cuthbert von Canterbury 747 berief, erfahren wir, daß die schon länger übliche römische Litanei der drei Tage vor Himmelfahrt, wobei die Heiligenreliquien vorangetragen wurden, mit Spielen, Pferderennen und Mahlzeiten ausgestattet war, wie sie wahrscheinlich bei der Umfahrt einer alten Flurgöttin, wie der Nerthus, gebräuchlich waren. Christliches, Römisches und Germanisches durchdringt viele der angeführten Bräuche.

Aus diesem Kreise hohen und niederen Heidenglaubens, den die lateinischen Aufzeichnungen beschreiben, schlagen nun zum erstenmale ein paar ureigene Brusttöne, echt germanische Klänge, in einem Dutzend altdeutscher und angelsächsischer Segen und Zauber Sprüche an unser Ohr.

Höchst eigenartig tragen sie zunächst ganz episch einen typischen Fall vor, in welchem sich der Spruch gleichsam zum erstenmale wirksam gezeigt hat, dann erst die eigentliche Zauberformel. Die ältesten sind die beiden nach ihrem Fundort sogenannten Merseburger Zaubersprüche, zwei in nicht immer genauem Stabreim verfaßte, im 10. Jahrhundert aufgezeichnete Gedichte, die seltsam genug einem Missale vorangestellt sind. Den einen spricht ein Kriegsgefangener, der erzählt, wie von drei Haufen zur Schlacht herabgeflogener Idisi d. h. göttlicher Weiber der eine hinter dem Heer der Landsleute die gefangenen Feinde fesselt, der zweite sich dem feindlichen Heer entgegenwirft und der dritte hinter diesem Heer ihn selber entfesselt und ihm zuruft: „Entspring den Haftbanden, entlaufe den Feinden!“ Nach dem zweiten Segen, der über ein lahmes Pferd gesprochen wurde, verrenkte auf einem Ritt Phols und Wodans zum Walde das junge Tier Balders (d. i Phols?) seinen Fuß, worauf vier offenbar göttliche Weiber Sinthgunt und Sunna, Fria und Volla und endlich der zauberkundige Wodan mit einer alten indogermanischen Formel Bein zu Beine, Blut zu Blute, Glied zu Gliede erfolgreich besprachen. Die ungefähr gleichzeitigen angelsächsischen Zauberlieder sind zum Teil von ausführlichen Anweisungen in Prosa umgeben. Das eine fleht die Siegweiber an, nicht zum Walde fortzufliegen, sondern sich zur Erde herabzulassen. Nach einem andern ritten mächtige Frauen, Hexen, über den Berg und sandten gellende Speere, Götter-, Elben- und Hexengeschosse, die in den Körper des Beschworenen gedrungen ihn (durch Milzstiche?) krank gemacht haben. Der Beschwörer hat ihnen einst, als sie ihn bedrohten, ein Messer entgegengeworfen, er fleht, das Hexengeschoß solle schmelzen, die Zauberin in die Wildnis fliehen. Der Herr möge helfen!

Auch war die Kirche bereit, heidnische Beschwörungen mit ihren christlichen Exorzismen zu verschmelzen. So bannte sie z. B. die Dämonen nach altdeutscher Weise gern in das Meer, und es ist möglich, daß sie schon im Frühmittelalter die seit dem 12. Jahrhundert bezeugten Tiermalediktionen und -exkommunikationen vorbereitete, welche, wie aus dem 2. Kapitel deutlicher werden wird, den Heidenglauben an die in gewissen schädlichen Tiergattungen wohnenden Menschenseelen oder Dämonen vorauszusetzen scheinen. Das erste umfassendere Beispiel der Verschmelzung heidnischer und christlicher, beziehungsweise antiker Vorstellungen liefert die große angelsächsische Ackerbuße ums Jahr 1000, die einen unfruchtbaren, verhexten Acker bessern soll. Die Kirche erkennt darin die heidnische Heiligung des ersten Pflugganges, die den indogermanischen Völkern gemeinsam war, dadurch gern an, daß sie diese, aber nur teilweise, verchristlicht. Gott und Maria werden neben (den Göttinnen?) Erke und Folde in einem „gealdor“ Zauberspruch angerufen. Mit dem Weihrauch und den Weiheformeln der Kirche mischt sich der Duft heiliger indogermanischer Ackerpoesie. Der Neunkräutersegen, der über jedem der neun empfohlenen Heilkräuter dreimal gesungen wird, bevor dem Kranken die daraus gefertigte Salbe aufgestrichen wird, schwelgt in echt angelsächsischer breiter Ausmalung, ohne römische Gelehrsamkeit und christlichen Einfluß zu verleugnen.

Nicht so weit ist dieser Verschmelzungsprozeß in der deutschen und englischen Poesie gediehen. Doch schlüpften nicht nur in ihre christlichen Epen einzelne heidnische Züge, sondern auch umgekehrt in die Mythen und Sagen ihrer Heldendichtung manche christliche Züge ein.

Christlichen Einfluß in dem schon angeführten angelsächsischen Epos Beowulf verraten namentlich die Reden, die eine weiche, fast unheroische Stimmung durchzieht. Umgekehrt nähern sich im etwas späteren Heliand, der altsächsischen Messiade vom Jahre 830, Christus und sein Gefolge deutscher Weise. An den Himmel und die Engel des Evangeliums setzt sich ein leiser deutscher Duft; von der grünen Gottesaue rauschen die Engel in vollen Federhemden herab. Altheidnisch heißt das Schicksal Wurd oder auch Metodo Giscapu die Beschlüsse der Messenden. Noch ums Jahr 1200 übertönt all die christlichen Hymnen und Legenden, all die innigen und sinnigen Minnelieder und all die feinen und tiefen Ritterepen das Nibelungenlied vermöge der überwältigenden heidnischen Leidenschaft einer uralten Heroensage. Zwar das einstige Hauptthema, der Drachenkampf, ist zu einem eindruckslosen Nebenmotiv eingeschrumpft, die Riesen und Zwerge sind zurückgedrängt und Brünhild hat ihren Walkürenglanz eingebüßt. Aber die heidnische Blutrache durchzuckt noch mit furchtbarem Leben das Ganze, und eine der schönsten Scenen des Gedichts atmet noch das volle frische heidnische Naturgefühl. Es sind doch noch zwei echte Idisi, die der grimme Hagen an der Donau belauscht, wie sie sich in einem stillen Waldquell kühlen, gleich Vögeln auf der Flut schwebend. Da spricht die eine listig, um ihr von ihm geraubtes Gewand wieder zu bekommen, daß die Burgunder in Etzels Land zu großen Ehren reiten; da spricht die andere wahrhaftiger und fliegt mit dem wiedergewonnenen Kleide davon —:

„Ihr habt alle den Tod an der Hand!“

Ein letztes Meisterstück deutschheidnischer Poesie mitten im Mittelalter! Doch zahlreichere und noch vollere suchen wir nun im germanischen Norden auf.


3. Zeugnisse aus der Zeit der Bekehrung der Nordgermanen von 800—1300. Gerade um das Jahr 800, als die Bekehrung der Deutschen mit der Taufe der letzten Friesen und Sachsen einen gewissen Abschluss gefunden hatte, tat sich den christlichen Glaubensboten eine neue, bis dahin kaum bekannte germanische Heidenwelt auf. Die dänischen Buchenwälder, die schwedischen Seenplatten, die tief eingeschnittenen norwegischen Felsenfjorde waren seit unvordenklicher Zeit von germanischen Bauern und Schiffern besiedelt, und ihre kühnen Fahrzeuge beherrschten früh die Ostsee und dann auch die Nordsee. Um 800 begannen die Wikinger in dichteren Geschwadern in die mitteleuropäischen Kulturstaaten einzudringen.

Damit treten sie ins historische Licht. Aus der vorangegangenen, der rein heidnischen, Zeit wissen wir fast nichts. Selbst die Inschriften der Runensteine, deren älteste bei den Norwegern wohl erst nach ihrer Berühruug mit den Briten Vorkommen, liefern nur spärlichste Nachrichten über das nordische Heidentum. Wir lesen von diesen Grabsteinen keine Hoffnung auf ein Jenseits ab, nur selten mehr als den Namen des Runenritzers und den des Begrabenen. Doch sind einige unter Thors des Donnergottes Schutz gestellt nicht nur durch ein Abbild seines Hammers, sondern auch durch den Heilsspruch:

„Thor weihe diese Runen“,

oder

„Thor weihe diesen Hügel“,

wie denn ein „Weihe, Thonar“ auch auf eine deutsche zu Nordendorf bei Augsburg gefundene goldene Spange eingeritzt ist. Kleine silberne Thorshämmer, die wie die christlichen Kreuze an einer Halskette getragen wurden, sind häufig gefunden w orden. Schon im 9. Jahrhundert aber rühmt sich der dänische König Harald Blåtand auf einem Grabstein, den er bei Jellinge in der Mitte Jütlands seinen Eltern, Gorm und Thyra, errichtet hatte, daß er sich ganz Dänemark und Norwegen unterworfen und die Dänen zu Christen gemacht habe. Und wie ein heiliger Zeuge breitet auf dem Stein das Bild des Heilands seine mit Bänderschmuck umschlungenen Arme aus. Die heidnische Skulptur hatte auch bei den Nordgermanen nur ein kurzes Leben!

Die Zeugnisse der nordischen Literatur sind erst viel später auf gezeichnet, jedoch zum Teil noch in der Heidenzeit oder in der Bekehrungszeit, also im 10. und 11. Jahrhundert, entstanden und seitdem durch mündliche Überlieferung mehr oder minder treu bewahrt. Unsere Überraschung darüber, daß wir aus ihren drei Hauptgruppen, der isländischen Saga, der norwegisch-isländischen Skaldendichtung, der dänischen Geschichtschreibung des Saxo Grammaticus, von dem untergehenden Heidenglauben keineswegs ein einheitliches Bild gewinnen, wird schwinden, wenn wir der historischen Entwicklung des Nordens gedenken.

Vor dem überwältigenden Eintritt der Nordgermanen in die Weltgeschichte war ihr Heidentum zwar in seinem Kerne dem deutschen ähnlich, doch nicht mehr gleich. Namentlich seine alten Riesenmythen verraten, daß es in einer durchweg wilderen und großartigeren Natur als das deutsche, mitten unter Felsen und auf Meeren, groß geworden ist. Die starken Gegensätze zwischen der düsteren Schroffheit und der lachenden Freundlichkeit dortiger Landschaften mögen auch den Gegensatz des unterweltlichen und des himmlischen Jenseits gesteigert haben. Auch hatten die Skandinavier fast ein halbes Jahrtausend länger als die Deutschen Zeit, ihre Götterwelt, bevor der Christenglaube zerstörend in sie hineinfuhr, feiner und personenreicher auszugestalten. Dazu gewann oder behauptete in Dänemark Odin, der deutsche Wodan, dagegen in Norwegen und Island Thor, der deutsche Thunar, und in Schweden, wie es scheint, Frey(r), ein den Deutschen unbekannter Gott, die Obergewalt. Auch war die zwar vielnamige, aber doch gleichartige Hauptgöttin der Deutschen im Norden in zwei verschiedene Göttinnen, Frigg und Freyja, gespalten. Die drei großen Ereignisse aber, welche die nordischen Stämme in die Weltgeschichte einführten, lenkten nun auch ihre Mythologie in neue Bahnen. Die Eroberung des weiten Länderringes der Nordsee machte sie namentlich in Irland und Großbritannien mit den dortigen heimischen oder fremden Mythen, Sagen und Dichtungen bekannt, von denen sie manche in ihren alten Mythenbestand herübernahmen. Das ums Jahr 900 stolz sich erhebende Reichskönigtum Harald Schönhaars, das alle die kleinen norwegischen Fürstentümer verschlang, umgab sich mit vornehmen, streng geschulten Skalden oder Hofdichtern, die den alten Volksglauben immer mehr in freie und dazu oft sehr gekünstelte Poesie verwandelten. Endlich griff schon im 9. Jahrhundert der Christenglaube das nordische Heidentum an, das denn auch ums Jahr 1000 fast überall erlag oder sich scheu in die Verborgenheit zurückzog.

Von den Sagen oder Sögur sind die wichtigsten die sogenannten Fornaldarsögur Nordrlanda die alten Sagen der Nordlande und die Aettarsögur die Geschlechtersagen, von denen jene von den nordischen Königsgeschlechtern vor Harald Schönhaar, diese meistens von den Schicksalen isländischer Familien um das Jahr 1000 erzählen. Beide sind aber erst etwa zwischen 1200 und 1500 aufgezeichnet. Die alten Nordlandssagen, die aus noch älteren Liedern entsprangen, beginnen gern mit der Rächung des Todes des Vaters durch seinen heldenhaften Sohn, fahren dann mit dessen Werbungsabenteuem fort, um mit seinem Tode als tragischem Hauptereignis zu schließen. Von übernatürlichem Wesen tritt fast nur Odin auf, um sein menschliches Lieblingsgeschlecht zu seinem Ziel zu führen. Die Völsungasaga, die wir gewöhnlich die Nibelungensage nennen, ist das großartigste Beispiel. In den späteren Nordlandssagen wird der mit dem Tode spielende Wiking das Königsideal, dessen Leben aus einer ununterbrochenen wilden Heerfahrt besteht. Nicht nur Menschen bald in der Schlacht, bald im Zweikampf erlegt der Held, sondern auch Riesen. Immer mehr wird die Sage zum Märchen, das immer mehr erstarkende Motiv der Liebe macht sie zum Roman, so die berühmte Fridthiofssage. Aber noch ragt hie und da das mythische Element hinein: der Held bringt einen Teil seiner Jugend bei Riesen zu, und sein Vertrauen auf eigne Kraft und Stärke versagt oft gegenüber den höheren Mächten. Die spätesten Heldensagen sind „Lügensagen“, die uns bis nach Indien zu allen möglichen Ungeheuern führen.

Weit wichtiger und noch weit weniger von fremdem Einfluß berührt ist die isländische Familiensage. Sie entstand aus den Ahnengeschichten, mit denen man sich auf den einsamen Höfen die langen Winterabende vertrieb. Sie reifte zur Kunst heran, wenn sie bei Hochzeiten, Erbmählem und in den hellen Mittsommernächten auf dem Althing, in der großen Volksversammlung, die Menge ergötzte. Diese aus der isländischen Gesamtsaga hervorgehobene Geschlechtersaga drehte sich um das Jahr 1000, das Jahr der Bekehrung, als Angelpunkt, um die Schicksale der ersten Ansiedler und ihrer Familien. Das Sterbemotiv der alten Heldendichtung kehrt in ihr oft als Grundzug wieder. Von einem Geschlecht dem andern mündlich überliefert, wurden die Sögur, wenigstens die meisten, wahrscheinlich von christlichen Geistlichen bearbeitet und niedergeschrieben, aber nicht von fremden, sondern aus dem heimischen Adel entsprossenen Geistlichen. Daher die staunenswerte Unparteilichkeit, mit der der heidnische Glaube und Brauch behandelt wird, daher das tiefe Verständnis der vielen so eigenartigen Charaktere der Saga, und endlich die nur aus langer Schulung erklärbare Darstellungskunst. So entwerfen diese ausführlichen historischen Prosaromane ein Bild jener leidenschaftlichen, gewalttätigen Ahnenzeit auf dem Hintergründe des sinkenden Götterglaubens. Es wird gleichsam von den Seiten her beleuchtet, namentlich durch zwei große Geschichtswerke, die Landnamabok, das Buch von der Besitznahme Islands, und durch die Heimskringla, den Weltkreis Snorre Sturlusons im 13. Jahrhundert, die einen Cyklus meist älterer norwegischer Königssagen enthält.

Im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts suchten viele Nordleute, meist vornehmen Geschlechts, die entweder durch Harald Schönhaars Druck aus Norwegen oder durch die Übermacht der Kelten aus Irland vertrieben waren, das ferne Island auf. Beim Abschied von der Heimat brach der Häuptling aus seinem „Hof“, dem Tempel seines stärksten Gottes, des Donnergottes Thor, die heiligsten Balken heraus und trug sie samt einiger Tempelerde und dem Hochsitz, dem Ehrenstuhl des Hausherrn, in sein Schiff. Kam dann nach etwa achttägiger Fahrt die isländische Küste in Sicht, so warf er die mit Thors Schnitzbild verzierten Stuhlpfeiler über Bord. Wo sie antrieben, wies ihnen der Gott die neue Heimstätte an. Mit einem Feuerbrand umlief der Hausherr möglichst viel Weideland für Pferd, Rind und Schaf. Das war nun sein Eigen. Neben den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden zimmerte er einen neuen „Hof“, in , dem er als Gode d. h. Priester, Richter und Gesetzgeber in einer Person den Dienst besorgte, und für dessen Benutzung er von seinen Freunden und Nachbarn einen Zoll erhob. Aus 39 solcher Godengemeinden bildete sich ums Jahr 930 der isländische Freistaat. Diese heidnische Grundlage des Staats wurde aber bald bedroht. Schon unter den Landnahmemännem gab es einige Freidenker, die nicht auf die Götter, sondern nur auf ihre eigene Kraft vertrauten. Hjörleif, der Pflegebruder Ingolfs, des Entdeckers der Insel, wurde von seinen eigenen Knechten erschlagen, wobei Ingolf ausrief:

„So mag es jedem ergehen, der den Göttern nicht opfern will!“

Aber auch Christen begegnen schon in dieser ersten Landnahmezeit, Christen oft sonderbarer Art. Helgi, der Magre, ein Enkel des Irenkönigs Kjarval, glaubte an Christus, aber vor dem Kampf oder der Seereise rief er Thor an. Die reiche Christin Audr wurde später von ihren Nachkommen, die wieder ins Heidentum zurückgefallen waren, wie eine Göttin durch Opfer geehrt. Der blutbefleckte Vigastyrr ließ, ohne seine Gesinnung zu ändern, eine Kirche bauen: so viele darin Platz fanden, so viele konnte ein Kirchenstifter zum Himmelreich kiesen. Erst im Jahre 1000 vollzog sich das allgemeine ,sidaskipti‘, der Sitten- oder Glaubenswechsel, auf Island. Auf dem Althing dieses Jahres ging der Gesetzsprecher Thorgeir, der höchste Beamte des Freistaats, dem die Entscheidung über diesen Wechsel übertragen war, in sein Zelt, legte sich auf den Boden nieder und verharrte so, ein großes Tuch über sein Haupt gebreitet, schweigend darin einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Dann aber sprach er vom Gesetzberg des Thingfeldes herab:

„Mir scheint es ein Unglück, wenn die Männer hier im Lande nicht ein und dasselbe Gesetz haben, denn wenn wir das zerreißen, so zerreißen wir den Frieden.“

Darum schlug er den Vergleich vor: Alle Isländer empfangen die Taufe. Aber nach wie vor ist erlaubt die Kinderaussetzung — die in der Not ahgewendet wurde —, ferner der zumal beim Götteropfer übliche Genuß des Pferdefleisches und drittens sogar das Götteropfer selber, falls es insgeheim geschieht. Die Annahme dieses seltsamen Vergleichs rettete das Land vor dem Bürgerkrieg. Im Dom zu Bremen weihte ein halbes Jahrhundert später, 1056, der gewaltige Erzbischof Adalbert den Isländer Isleif zum ersten Bischof der Insel.

In diesen bewegten Zeiten spielen die meisten wichtigsten isländischen Sögur oder Sagen. Sie haben durchweg keinen streng geschichtlichen Charakter. Aber indem sie die Schicksale von Königen, Häuptlingen, Goden, Skalden und hervorragenden Bauern, deren Rechtshändel, Fehden und Liebschaften, Gilden- und Thingränke, Blutsbrüderschaften, Blutrachen und Brandlegungen, Bekehrungen und Treubrüche mit oft überraschender Seelenkunde und Realistik und einem über dem oft so dunklen Grunde schwebenden grausamen Humor erzählen, geben sie uns ein unvergleichlich wahres Kulturbild. Sie stellen uns mitten in die scharfe Luft des Nordens, auf seinen harten Boden, mitten in das rauhe Treiben und Glauben seines Volkes. Die durch heiligen Frieden geschirmten Tempelhöfe stehen jetzt in klarem Umriß vor uns mit ihren Götterbildern, eisenbeschlagenen Altären, Eidringen, Kesseln, um die sich zu mancherlei Opfern die Gemeinde unter ihrem Goden in der hohen Holzhalle versammelt. Vor dem Tempel lag wohl auch ein blutbesudelter Stein des Gottes Thor, der Thorstein, auf dessen Kante dem zum Opfer bestimmten Verbrecher das Rückgrat zerbrochen wurde. Von Heiligtümern Odins, den wir doch als Wodan an der Spitze der deutschen Götter fanden, ist kaum die Rede, aber überall von Thorshöfen, Thorsbildern, Thorsfesten und nach Thor genannten Örtern und Personen. Ein Thorshof war der berühmteste norwegische Tempel zu Maeri in Throndheim, wie denn auch in Norwegen von allen Heidengöttem der Bauerngott Thor am stärksten den Bekehrern widerstand; auf Island war der Thorshof der Mittelpunkt fast aller Godengemeinden. Thor heißt der ,Meist-Ausgezeichnete‘, auch kurzweg der As d. i. Gott oder der Landesgott, der allmächtige Gott, der Asenfürst. In den Götteranrufen bei Schwüren, Flüchen und Minnetrinksprüchen fehlt Thor am seltensten. In Not und Gefahr wendete man sich am liebsten an seinen starken und raschen Beistand, in Ungewißheit über die Zukunft an sein Orakel. Ein Thorsbild trug man gern bei sich in der Tasche oder umging mit diesem das Land, um Widerwärtigkeiten davon wegzuscheuchen. Nicht einmal die zweite Stelle wurde Odin zuteil, sondern jenem, den Deutschen unbekannten Gotte Frey(r). Dieser galt für den Ahnherrn des berühmten nordischen Königshauses der Ynglinger. Namentlich auf der Wintergilde wurde er begrüßt; ihm fielen Stieropfer. Auf Island war sein leidenschaftlichster Verehrer der Gode Hrafnkel, der ihm all sein Bestes, seine Waffen und seinen stolzen Schecken, den Freysfaxi, weihte. Da er aber trotzdem in Unglück gestürzt wurde, verzweifelte er an allen Göttern. Auch Freys Vater Njörd(r) wurde gefeiert; auch Freys Bildchen hatte man gern bei sich.

Höchstens in der Heimskringla tritt neben Thor und Frey Odin bedeutender hervor. Nach volkstümlicher Art findet er sich hier als ein einäugiger Greis zu nächtlichem Gespräch beim christlichen König Olaf Tryggvason ein, um im Morgengrauen, ein Bild hinschwindenden Heidentums, plötzlich spurlos zu entweichen. Daneben wird er von Snorre nach der damals beliebten euhemeristischen Auffassung, die in den alten Göttern bloße ungewöhnlich begabte Menschen der Vorzeit sah, in das falsche Licht eines großen Zauberers und Oberkönigs gerückt, der die andern Götter zu seinen Hofpriestern einsetzt. Älter ist wieder, wenn er in einigen Sagen den todweihenden Speer oder Rohrstengel über die Feinde wirft. Vom Gotte Balder, der in der Skaldenpoesie eine so wichtige Rolle spielt, weiß diese ganze reiche Sagenliteratur nichts, ausgenommen die junge und willkürlich erfundene Fridthiofssage des 13. oder 14. Jahrhunderts, die auch zum erstenmal die Liebe in den Mittelpunkt stellt. Sie weiß somit auch nichts von dem geheimnisvollen Bunde des Vaters Odin und seines Sohnes Balder, um den sich in der Skaldenpoesie das Schicksal der Götter, ja der ganzen Welt dreht. Die Odinsbrüder Hoenir und Lodur und vollends Vili und Vé, sowie die Balderbrüder Höd(r), Väli und Vidar sind unbekannt, aber auch Heimdall und Loki.

Von Göttinnen verlautet auch nicht viel, doch speisen nach der Egilssage die verstorbenen Weiber bei der Göttin Freyja, die auch öfter in Schwurformeln vorkommt. Dafür ist der Glaube an halbgöttliche Weiber, die Disir, deren Opfer mehrfach erwähnt wird, stark entwickelt. In der Njalssage weben die Walküren unter grausigem Gesang das bluttriefende Gewebe des Schicksals. Thorgerd und Irpa, zwei Begleiterinnen Thors, schleudern walkürenhaft aus jedem Finger Hagel, Sturm und Pfeile den Feinden ihres Schützlings entgegen. Luft und Erde wimmeln von Geistern oder Wichtem, die dem Menschen viel Böses zufügen, aber auch als Landwichter die Heimat schützen, sowie von mannigfachen Alfen Elfen, denen man gern opfert, denn sie haben auch hilfreiche Gemütsart. Unholdinnen und Hexen, Abendreiterinnen (Kveldridur) genannt, fahren im Dunkel daher. Zauberer bewirken durch Schwingen eines Ziegenfells schweres Unwetter, umziehende Wahrsagerinnen (Völur) künden die Zukunft, die sie draußen sitzend auf Kreuzwegen erfahren haben. Tiefer noch greifen ins persönliche Dasein die Fylgjur oder Hamingjur, die weiblichen Folge- oder Schutzgeister, ein und die schwarzen und weißen Traumweiber.

Mehrere Helden sind Halbtrolle oder Halbriesen oder deren Nachkommen, manche Männer können Tiergestalt annehmen oder sind Berserker. Zu betonen ist, daß die Toten nicht nach Walhall, sondern in die Berge fahren und in deren Schoße Gelage halten. Leidenschaftliche oder während ihres Lebens zu kurz gekommene oder ermordete Menschen stehen aus ihrem Grabe auf, um sich als unheilstiftende Wiedergänger zu rächen, von denen namentlich die Eyrbyggjasaga und die Grettissaga grausige Beispiele zu erzählen wissen.

Dieser Gesamtglaube der Saga stimmt genau zu dem der historischen Nachrichten des Nordens, weil er aus dem echt nationalen Seelenleben der Ostskandinavier quillt, und deshalb klingt er auch in mehreren Hauptzügen mit dem von Tacitus und den karolingischen Kirchenmännem geschilderten Glauben der Südgermanen zusammen. Freundlichere Züge sind mit schrecklicheren untermischt, und das dumpfe Grausen aller älteren Dämonenverehrung scheint im Volke noch der hingebungsvollen Andacht des Götterdienstes die Wage zu halten. Nur hin und wieder ist ein Zug des christlichen Glaubens eingeschlüpft, und vielleicht ist der Brauch, an gehobenen oder dramatischen Stellen den Fluß der Prosa durch metrische Monologe oder Dialoge zu unterbrechen, der Fremde entlehnt, da die gesamte Literatur der übrigen Germanen kein derartiges Beispiel darbietet, wohl aber die irische Sagenerzählung denselben eigentümlichen Wechsel kennt.

Weit stärkere Einflüsse der irischen und der angelsächsischen Kultur zeigt die Skaldendichtung. Schon im 7. Jahrhundert wurde eine Wikingerflotte nach Irland verschlagen, schon um 725 zogen sich die irischen Einsiedler vor den nordischen Seeräubern von den Färöern zurück. Seit dem Ende des 8. Jahrhunderts, dem Beginn der eigentlichen Wikingerzeit, standen namentlich Norweger in bald friedlichem, bald feindlichem Verkehr mit dem irischen Volk, dessen leicht entzündlicher Geist schon im 5. Jahrhundert den christlichen Glauben feurig ergriffen hatte. Die gelehrten Sänger an den Höfen seiner Teilkönige und die Mönche seiner überaus zahlreichen Klöster hatten bereits in der vor 800 liegenden 200 jährigen Periode eine nationale und daneben eine christliche-klassische Literatur unter Virgils und Ovids Einfluß zur Blüte gebracht. Irland war damals der Zentralherd des abendländischen Geisteslebens, dessen Flamme auch die Nordleute erwärmte. Denn da diese die grüne Insel nicht bloß verheerten, sondern auch besiedelten und Reiche auf ihr gründeten, mit der einen irischen Partei sich gegen die andere oder auch gegen ihre dänischen Stammverwandten verbrüderten und häufig Ehen mit irischen Weibern schlossen, so daß schon um 850 zahlreiche Mischlinge, die Gall-Gaedil d. h. Wikingeriren, dort lebten, so mußten sie mit der damals aller andern abendländischen weit überlegenen Kultur Irlands genau vertraut werden. Gewiß bereicherten auch die Skandinavier des 9. und 10. Jahrhunderts den irischen Heldencyklus mit einzelnen heroischen Zügen, die irische Sprache mit manchen Ausdrücken der Bewaffnung, der Schiffahrt und des Gelages. Aber deutlicher und bedeutender war jedenfalls der entgegengesetzte Einfluß, den die Kelten auf ihre normannischen Mitbewohner übten. Die normannische Kleidertracht wurde nach der irischen umgewandelt, der ältere Stil der Ornamentik der trefflichen irischen Metallarbeiten drang bis nach der Insel Gotland vor, und der jüngere beherrschte den ganzen Norden. Auch der Aufschwung der altnordischen Holzbaukunst wurde durch irische Muster geweckt. Olaf der Pfau ließ um 1000 durch irische Handwerker einen Palast aufführen, dessen bunt bemalte Schnitzereien u. a. den Fischzug des Thor und den Leichenbrand Balders darstellten. Konnte es da ausbleiben, daß Sprache, Dichtung, überhaupt die innere Welt der Skandinavier ebenfalls die Gewalt dieser überlegenen Bildung verspürte? Neben manchen angelsächsischen Wörtern finden wir einzelne kulturbedeutsame irische nicht nur in der alten nordischen Kunstpoesie, sondern auch noch in den heutigen norwegischen Mundarten. Irische Namen bürgerten sich bei Nordleuten ein, und Kormak z. B. ist ein berühmter irischer Sänger, ein File, und zugleich ein berühmter isländischer Skalde. Eine der südländischen Schwanjungfrauen im eddischen Wielandslied heißt Tochter König Kjars von Walland d. i. des 887 verstorbenen südirischen Königs Kjarvals, der die Wikinger bald heranrief, bald bekämpfte. Aber was wichtiger ist: an den irischen Höfen hatten vor Alters sorgfältig geschulte und besoldete Dichter eine künstliche Lob- und Preispoesie auf ihre Fürsten ausgeklügelt. Das Emporkommen solcher höfischen Dichtung wurde gewiß auch in Norwegen durch des Einwaldi oder Monarchen Harald Schönhaar prunkenden Hofstaat befördert. Die nordische Skaldenpoesie wäre an sich auch ohne fremden Einfluß begreiflich. Aber wenn nun diese Skalden, auch die ältesten, nicht in schlichten germanischen Volksweisen die Helden der Vorzeit besingen, sondern wie die irischen gelehrten Dichter, die File, in gekünstelten, nicht nur mit dem Stab-, sondern auch dem End- und Binnenreim geschmückten Versmaßen den lebenden Fürsten, von dessen Freigebigkeit auch sie lebten, und wenn sie diesen Fürsten auch wie die irischen den Mäster der Wölfe nennen und ihn mit dem wohl in Irland, nicht aber im Norden heimischen Eber vergleichen, so fällt es schwer, die Annahme einer starken Einwirkung der älteren irischen Hofpoesie auf die jüngere ihrer Landesfreunde und Landesgenossen abzuweisen. Kühne Bilder und Umschreibungen liebte auch der altgermanische, namentlich der angelsächsische Dichter. Aber die Gewaltsamkeit und Übertriebenheit des Ausdrucks, zu der allerdings alle Hofpoesie drängt, mochten die Skalden wohl von den in Schwulst schwelgenden irischen File gelernt haben, vielleicht auch die Sucht, auf bekannte oder entlegene Mythen anzuspielen. Unleugbar: die Technik, der Stil, die Tendenz der skandinavischen Skaldendichtung ist keiner andern, auch keiner germanischen Dichtart so nahe verwandt wie der Kirnst der irischen File.

„Irische Gedichte aus dem 10. Jahrhundert und noch früherer Zeit stimmen nach Form und Inhalt so genau mit einem der ältesten skaldischen Gedichte, dem Ynglingatäl, daß sie geradezu als Vorbilder desselben betrachtet werden müssen.“

Schon die ältesten Skalden des 9., geschweige denn die weitumgetriebenen und in der Fremde geehrten Skalden des 10. Jahrhunderts, konnten nicht ohne alle Kunde von der neuen Religion Christi bleiben, der die von ihnen gefeierten Könige ergeben waren. Im 9. Jahrhundert näherte sich aber auch schon Harald Schönhaar dem Christentum, als dessen gewaltigste Vorkämpfer dann die beiden norwegischen Könige Olaf Tryggvason und Olaf der Heilige auftraten. Alle drei waren von den berühmtesten Skalden umgeben. Die Haraldsskalden waren noch ausnahmsweise Norweger, nicht Isländer. Sie zehrten noch ausschließlich vom alten Mythus und stellten die Taten ihrer Fürsten auf den Hintergrund der Drachen- und Riesenkämpfe Thors, und das Königshaus der Ynglinger leiteten sie vom Gotte Freyfr ab. Also beherrschte sie noch der volkstümliche Sagaglaube. Das änderte sich alsbald mit dem Übergang der Skaldenkunst auf die isländischen, in der Fremde bewanderten Sänger. Diesen wurde im Gegensatz zum heimischen Volksglauben Odin der höchste Gott, wie er es schon länger den Angelsachsen gewesen, den in England angesiedelten Dänen noch war. Er wurde das Skaldenideal, ein Gott der Dichtkunst, und ein Wikingerideal, ein Gott des Kriegs. Aber zugleich begann der Glaube an den Gekreuzigten das Verhältnis zu den heimischen Göttern erst leise ins Wanken zu bringen, um es dann im Innersten zu erschüttern. Egil, der Sohn Skallagrims, geboren auf Island ums Jahr 900, eine volle Dichternatur, ist der erste germanische Heide, der uns in sein haß- und liebeheißes Gemüt einen tieferen Einblick vergönnt. Am Hofe des angelsächsischen Königs Äthelstan empfing er zwar nicht die Taufe, doch die Kreuzbezeichnung (prfmsigning), die ihm eine bequeme Mittelstellung zwischen Christen und Heiden verschaffte. Aber seine barbarische Wildheit blieb. Wie ein Tier biß er einem niedergeworfenen Berserker die Kehle durch, erschlug erbarmungslos in einer Fehde mit dem norwegischen König Erich Blutaxt dessen blutjungen Sohn und pflanzte darnach auf einer Felsklippe eine Haselstange mit einem Pferdehaupt als Neid-oder Schimpfstange auf, indem er sprach:

„Ich schneide diese Neidrunen gegen die Landgeister, daß sie alle fahren wilde Wege und keiner sein Heim finde, bevor sie nicht König Erich und seine Gemahlin aus dem Land vertreiben“.

Sein Fluch erfüllte sich; aber auch ihn traf das furchtbare Geschick, dem verjagten, aber in Northumberland zum König erhobenen Erich in die Hände zu fallen. Hier feierte die Dichtkunst einen ihrer höchsten Triumphe, indem Egil durch ein Loblied auf Erich, „die Hauptlösung“, sein wolfsgraues Haupt aus der Todesnot löste. Er durfte nach Island entweichen. Da traf den Sechzigjährigen der Verlust zweier Söhne; der zweite war ein Raub der Meereswellen. Im Lied vom „Verlust der Söhne“ (Sonatorrek) stimmt er eine ergreifende Klage an: sein Geschlecht ist wie ein vom Sturm zerschlagener Wald. Er wütet, daß er nicht mit dem Schwert am Meerriesen sich rächen kann, ja er kündigt Odin die Freundschaft auf. Da gedenkt er reumütig der „Hauptlösung“, der Odinsgabe des Gesanges, des Balsams allen Leides, und ruhig sieht er der Hel, der Herrin der Unterwelt, entgegen, die draußen auf einem Eiland, wo er seinen Vater und seinen Sohn begraben hat, auf ihn wartet.

Schon mehr Gewalt gewann der neue Glaube über den etwas jüngeren im Jahre 1014 verstorbenen Isländer Hallfred Vandraedaskald. Als dieser an der Küste Norwegens vernahm, der glaubenseifrige Christ Olaf Tryggvason sei hier König geworden, gelobte er Geld und drei Eimer Bier dem Frey, falls ihn günstige Winde nach Schweden, und dem Thor und Odin, falls sie ihn nach Island dem verhaßten Christentum entführten. Aber durch Gegenwind zurück-gehalten, empfing er bald darauf aus des Königs eigner Hand die Taufe, behielt indes für den Notfall ein kleines Thorsbild in der Tasche. Denn er gestand, nur widerwillig die lieben Götter zu verlassen und zu Christus, dem einen Vater und Gott, zu beten. Später dichtete er sein berühmtestes Lied auf Christi Auferstehung. Bis an sein Ende dauerten diese religiösen Schwankungen fort. Sterbenskrank sah er ein hohes gepanzertes Weib über die Wogen hinter seinem Schiffe herschreiten, seine Fylgja, den weiblichen Folgeoder Schutzgeist, der den nordischen Heiden unsichtbar durchs Leben begleitet, um ihm in der Todesstunde plötzlich sichtbar zu werden. Und doch war, unter dem Schatten dieser tiefheidnischen Vorstellung, sein letztes Gedicht ein christliches Sterbegebet.

Die Hallfredssaga erkennt noch, der Wirklichkeit des Lebens entsprechend, neben oder über Odin die Götter Thor und Frey(r) an; in der Hallfredsdichtung aber, wie überhaupt in der Skaldenpoesie des 10. Jahrhunderts, steigt das Ansehen Odins über das Thors immer höher hinauf und zugleich mit ihm der Einfluß des Christentums. Zwei schöne Gedichte zeigen damals besonders klar, wie Odins Machtkreis immer prächtiger ausgebildet wird. In den von unbekannter Hand um 950 verfaßten Eireksmál empfangen Odin und bereits ein zweiter Gott der Dichtkunst, Bragi, und die Helden Sigmund und Sinfiötli feierlich jenen Gegner Egils, den in der Schlacht gefallenen König Erich Blutaxt, in Walhall, einen christlichen König. In einer Nachbildung, den Hakonarmäl des Skalden Eyvind, holen auf Odins Befehl zwei Walküren den verstorbenen frommen Christen Hakon zu den grünen Welten der Götter ein, aus deren Tor ihm Bragi und Hermod höflich entgegenschreiten. Wie König Erich sich Walhall nähert, krachen darin die Bänke, als ob Gott Balder zu Odins Saal zurückkehrte. Zum erstenmal tritt hier Balder hervor und zwar in der höchst auffälligen Eigenschaft eines machtvoll zum Himmel heimkehrenden Gottes. Zum erstenmal wird außerdem in beiden Gedichten die Furcht vor einem gräulichen Wolfe laut, der, noch in der Hölle gefesselt, dereinst losgebunden über Himmel und Hölle herfallen wird. Woher diese Neuerungen, diese unerhörten Gedanken? Wie man sich nicht scheute, jene Christenkönige als freudig erwartete Freunde Odins in das heidnische Heldenparadies einziehen zu lassen, scheute man sich auch nicht andererseits, christliche Vorstellungen z. B. von Christi Himmelfahrt und dem Weltuntergang mit heidnischen Figuren zu verquicken. Eilif Gudrunssohn nennt ums Jahr 1000 in einem Gedicht auf Christus den Heiland den starken Besieger der Bergriesen, als ob er Gott Thor selber wäre, und weist ihm einen Wohnsitz am Urdarbrunnen an, also am Brunnen der heidnischen Schicksalsgöttinnen, der Nornen, deren vornehmste Urd hieß.

Ums Jahr 1000 etwa gabelte sich die Skaldenpoesie in zwei Hauptäste. Der eine trieb wie der alte Stamm auch noch fernerhin höfische Preislieder hervor, die sich jedoch aus Rücksicht auf die immer strengere christliche Richtung der Fürsten immer mehr der Mythenerzählung, wenn auch nicht völlig der Mythenanspielung entäußerten. Schönere Früchte trug nun der zweite neue Ast, zum Teil erhalten in der sogenannten Älteren Edda, die mit Unrecht Edda d. h. Poetik heißt. Sie ist keine Poetik, sondern eine Liedersammlung, welche Gedichte dreier Jahrhunderte, des 10., 11. und 12. enthält. Sie liegt uns in zwei ums Jahr 1300 aufgezeichneten Pergamenthandschriften vor. Die Verfasser sind unbekannt, die Heimat der meisten wird auf Island und in Norwegen zu suchen sein, ein paar stammen nachweisbar aus Grönland und vielleicht von den Orkneys. Da es ihnen nicht um Fürstenruhm zu tun war, konnten sie den aller Hofpoesie anhaftenden Schwulst mäßigen, anspruchslosere Versmaße wählen und sich ihrer Hauptaufgabe, der Mythen- und Sagenerzählung, die von den Hofdichtem bereits fallen gelassen wurde, um so freier hingeben. Es wuchs in ihnen noch die Liebhaberei der Hofskalden des 10. Jahrhunderts, die alten Stoffe durch freie Erfindungen oder fremde erst seit dem 10. Jahrhundert eingewanderte novellistische und Märchenmotive zu verschönern und zu vertiefen, oder auch wohl mal zu verderben. Auch christliche Gedanken werden reichlicher aufgenommen, ja ein ganzes christliches Ideensystem, wie die von der Kirche ausgebildete Heilsgeschichte, wird in die mythologische Sprache der nordischen Dichtkunst umstilisiert. Überhaupt wissen diese Dichter auch dem Fremdesten vermöge ihrer alten nationalen Kunstübung einen echt nordischen Charakter aufzuprägen. Die Mythen flößen ihnen nicht mehr reine, gläubige Andacht ein, sie sind ihnen überwiegend interessante Kunstobjekte poetischer Natur. Doch macht sich hie und da noch wirkliche Nordlandsreligiösität Luft. Durchweg werden die Götter wie schöne, mit Kraft und Geist reich ausgestattete Menschen aufgefaßt, oft sogar mit Humor behandelt. Das mag auch noch Heiden anstehen. Aber man kritisiert sie auch, und in einzelnen Gedichten verachtet man sie mit fast lukianischer Keckheit, wie nur Leute es vermögen, die sich bereits anderen Glaubensidealen zugewandt haben. Eifrig ist man bemüht, die überlieferte Mythenweisheit in katechismusartigen Dialogen, die ein Gott mit einem Riesen, Zwerg oder König führt, darzutun. Und selbst diesen lehrhaften Gedichten gibt man eine lebensvolle Einfassung und kunstvolle dramatische Steigerung. Die Verschmelzung verschiedener Mythen ist nicht immer gelungen, wie z. B. in der Hymiskvida nicht. Aber wie manche Gedichte stehen einzig in ihrer Art da, so die Hammerholung Thors, und welche weihevolle Stimmung ist über die Völuspa gebreitet!

Die Gedichte der älteren Edda zerfallen in Götter- und Heldenlieder. Durch die Götterliedergruppe geht ein tiefer Riß, auf der einen Seite preisen sie die Körperkraft in ihrem Hauptträger, dem Gotte Thor, auf der anderen die Geisteskraft in ihrem Hauptträger Odin.

Der starke Hauptgott der isländischen Sagendichtung, der in den eddischen Heldenliedern gar keine, in den Götter-liedem eine nicht immer würdige Rolle spielt, holt in seinem vielleicht ältesten Lied, der einfach epischen, plastisch schönen Thrymskvida, seinen Hammer von Thrym heim und zwar als Freyja verkleidet. So ist er mehr eine lustige, groteske, als eine gewaltige Figur, und schon erscheint hier in Loki ein tückischer Gott der Lüge. Im skaldisch überladenen Hymislied, in dem der Donnergott mit dem aus

dem Meer grausig auftauchenden Midgardswurm streitet und dem Riesen Hymir, den durstigen Göttern zur Labe, einen Braukessel entführt, schwankt er zwischen Majestät und Komik. Im Alvislied fällt er aus seiner Rolle; er wird hier nach Odins Muster als ein überlegener Geist in einem Gespräche mit dem Zwerge Alvis über die Geheimnamen, die die Weltdinge bei Göttern, Riesen, Wanen, Alfen und Zwergen führen, dargestellt. In der Lokasenna d. h. Loki’s Lästerrede stößt er mit Loki, im Harbardslied mit Odin zusammen. Dort erwirbt sich Thor das Verdienst, dem Loki, der die um jenen Hymirkessel zum Gelage versammelten Götter und Göttinnen mit den ehrenrührigsten Schmähungen überhäuft, durch Androhung körperlicher Strafe das Maul zu stopfen. Hier wird er von Odin, dem blasierten Frauenbesieger, wie ein dummer Junge mit dem schlimmsten Spott heimgeschickt. — Von Odin werden hier und im Havamal zwar auch einige leichtfertige Liebesabenteuer, ein mißlungenes und ein frivol geglücktes, erzählt, aber durchweg ist er ein erhabenes weises Wesen. Im Havamal, dem Lied des Hohen, gibt er eine lange Reihe von Reise- und Umgangsregeln, die noch die verständige heidnische Moral atmen und das Lebensglück im guten Wissen suchen. Jedoch in einem Teil dieser Dichtung, im Runatal d. h. Runenverzeichnis, scheint er sich selber als ein Abbild des am Kreuzgalgen gemarterten, dann sich selber opfernden und zu neuem Leben mit Gott erwachten Gottessohns darzustellen. Auch in den übrigen, didaktischen Odinsliedern, die die alte Rätselfreude verraten, sind mehrfach heidnische Motive mit christlichen Vorstellungen von Schöpfung, Verschuldung, Tod eines lichten Gottessohns, Erlösung und Weltuntergang frei verschmolzen. In Vafthrud-nismal und in Grimnismal überschaut der höchste Gott alle Wesen Himmels und der Erden, alle Räume und Zeiten, das ganze Schicksal der Welt, von ihrem Anbeginn bis zu ihrem Untergang. In den Baldrsdraum, den Baldersträumen, holt sich Odin, von seines Sohnes Balder schweren Träumen beunruhigt, aus der Hel, der Hölle selber, Auskunft über dessen nahen Tod und den fernen Weltuntergang. Weit großartiger faßt die Völuspa, der Seherin Weissagung, die gesamte christliche Heilslehre, von der Schöpfung an durch die Leidens- und Todesgeschichte des Herrn hin bis zum jüngsten Gericht, in eine Prophezeihung heidnischen Stils zusammen. Das kühnste Rätselgebilde der so rätselreichen Skaldenkunst! In zwei Gedichten ist weder Thor, noch Odin, sondern Frey und Heimdall die Hauptperson. In das schon einen sentimental-romantischen Ton anschlägt, wirbt Frey, oder vielmehr dessen Diener Skirnir für seinen Herrn, erfolgreich um die schöne Riesentochter Gerd und gewinnt sie durch seine Runenkunde. Nach der gründete Heimdall, der sich mit dem keltischen Titel „Rigr“ König nennt, auf seiner Erdenwanderschaft die drei Stände der Knechte, Bauern und Adligen, aus denen dann der König hervorgeht. Im Hyndlulied gibt die Riesin Hyndla der Freyja und deren Günstling Ottar Auskunft über seine Vorfahren.

Die eddischen Heldenlieder, namentlich die wichtigsten und zahlreichsten, die Nibelungenlieder, haben einen viel reicheren mythologischen Hintergrund als das deutsche Epos. Aber ihre Sage stammt zum größten Teil aus der Fremde, und der Mythus ist später hinzugefügt. Die Hauptpersonen des ältesten Heldenliedes, der kvida des Wielandliedes, der zauberkundige Schmied und die Schwanjungfrau sind echt mythisch, jedoch aus angelsächsischer oder norddeutscher Sage herübergenommen. In den Nibelungenliedern und noch mehr in deren vollständigerer Prosadarstellung, der Völsungasaga, greift Odin als Schicksalsmeister mehrmals in die Handlung ein; die Heldinnen Svava, Sigrun, Sigrdrifa-Brunhild haben ganz walktirisches Wesen. Wie ein alter Mythus wirkt die Versenkung der letzten in todesartigen Schlaf durch einen Domstich und ihre Umwallung durch die Waberlohe. Aber der Leichenbrand, der Sigurd und seine Geliebte verzehrt, und der Höllenritt Brunhilds scheinen Scenen des späten Baldermythus nachgebildet zu sein. Noch sicherer ist, daß erst die Eddaskalden die Vorgeschichte des verfluchten Nibelungenhorts in die Götterwelt hintibergespielt und Sigurd und Brunhild verwandtschaftlich mit Odin verbunden haben. In den Hclgiliedern, die der heimischen Sage angehören, gibt die herrlichste von den neun daherreitenden Walküren dem stummen, namenlosen Helden seinen Namen. Er erschlägt den Riesen Hati, seine Flotte wird von dessen Tochter bedroht. Nomen knüpfen die Schicksalsfäden, Walküren sprengen über das Schlachtfeld, das Götterpaar Aegir und Ran haust im Meer, Odin, der Walter des Verderbens, bringt Streitrunen zwischen die Verwandten und bietet seltsamer Weise dem Helgi an, mit ihm in Walhall über alles zu herrschen. Reiten die Einherier von dort herab, so glaubt man die Götterdämmerung hereinbrechen zu sehen. So unbekümmert tasten die Dichter dieser eddischen Heldenlieder den alten deutschen oder heimischen Sagengehalt an oder setzen sich in Widerspruch mit dem neuen Glauben, nur um ihr skaldisches Gelüste nach mythologischem Ausputz zu befriedigen.

So hat denn auf Kunst, Sage, Mythus und Glauben der Eddaskalden in der letzten Zeit des Heidentums und in der ersten Zeit des Christentums die Fremde bald schwächer, bald stärker eingewirkt, und eine gedanken-und sinnreichere, von tieferen ethischen Gegensätzen bewegte, aber künstliche, widerspruchsvolle Mythenwelt geschaffen. Ihren Elementen nach zum Teil unnordisch, ist sie ihrer Gesamtkomposition nach völlig nordisch. Mehr Poesie als Mythologie, schwebt sie über der volkstümlichen Mythenwelt des Sagaglaubens wie eine schöne, aber flüchtige Fata Morgana, der freie Dichtertraum einer religiösen Übergangszeit, die das Alte noch nicht abgeschüttelt hat und das Neue nicht abzuwehren vermag.

Vorzugsweise aus diesen eddischen und vielen andern skaldischen Gedichten stellte dann später Snorre Sturluson , gestorben 1241, selber Skalde und Verfasser jener norwegischen Königsgeschichte Heimskringla, die eigentliche und einzige Edda, die sogenannte jüngere Edda d. h. eine Poetik, ein Handbuch für angehende Skalden, zusammen. Es enthält unter anderm einen Überblick über den gesamten nordischen Skaldenmythus in Prosa. Dieser größte Isländer, in dem die wissenschaftlichen, dichterischen und politischen Bestrebungen seiner Insel gipfelten, wußte der Vergangenheit ebenso energisch zu leben wie seiner Gegenwart. Unablässig auf Ehre, Macht und Reichtum mit mehr Klugheit, als Tapferkeit bedacht, fühlte er doch die Mächte der Vorzeit, seine norwegischen königlichen Ahnen und selbst noch die alten Götter über und um sich. War er als Gesetzsprecher mit tausend Mann im Gefolge von seinem burgartigen Haus Reykjaholt zum Althing hinübergeritten, so ließ er hier eine Bude für sich und die Seinigen aufschlagen, der er den stolzen Namen Walhall gab. Auch er hielt die Götter für einst wirkliche Persönlichkeiten, zu deren Ehren denn auch er nach herkömmlicher Skaldenmanier die nordischen Mythen mit allerlei fremder Weisheit vermischte.

Gleich im Eingang der Edda erteilen im Götterheim Asgard von einem dreistufigen Hochsitz herab der Hohe, der Gleichhohe und der Dritte, mit welchen Namen in der mittelalterlichen Theologie auch die drei Personen der heiligen Dreieinigkeit benannt wurden, dem wißbegierigen Schwedenkönig Gylfi ihren mythologischen Unterricht. Darin ist das oben angedeutete geschlossene Ideensystem der Völuspa zu einem weitsperrigen Gerüst auseinander gedehnt und in dessen Fächer und Lücken der nordische Göttermythus, so gut es gehen wollte, hineingebaut. Bei solcher Anlage wäre die Edda nie ein fertiger, harmonischer Bau geworden, auch wenn Snorre nicht mitten in seiner Arbeit ermordet worden wäre. Die Konsequenzen der skaldischen Mythenbehandlung treten nun ins grellste Licht. Nur Thor und Frey haben einen älteren Mythenkranz bewahrt, die Odinsgeschichten tragen einen stark gemischten Charakter, und gar der Mythus von Balder und Loki ist bis in die Wurzel hinein christianisiert. Ein anderes fremdes Element, das märchenhafte Beiwerk, das schon in der Liederedda benutzt wird, drängt sich viel stärker vor. Von dem Kultus der Götter, von dem das Volk so tief bewegenden Seelen-und Geisterglauben, von den zahlreichen reizvollen Elfensagen berichtet der letzte große Skalde, wie Hunderte seiner Vorgänger, nichts oder fast nichts. Dennoch birgt diese Edda manches kostbare, auch ältere Schatzsttick, das wir in der sogenannten Liederedda vermissen.

Snorres älterer Zeitgenosse war Saxo Grammaticus, der um 1200 in seiner Dänischen Geschichte, wie vor ihm Galfrid von Monmouth in seiner brittischen Chronik, ein nationales Werk in lateinischer Sprache schuf, das zugleich Chronik und Roman, ein Lehrbuch und ein Ritterepos sein sollte. Er ist ruhmrediger Patriot, kühler Rationalist und dabei in schwärmerischer, fast sentimentaler Romantik befangen. Seine lateinische Prosa sucht die seines römischen Vorbildes Justin an Redeschmuck zu überbieten, und seine antiken Strophen, aus denen noch deutlich die altnordische Skaldenpoesie zu uns herüberklingt, wollen es den horazischen Versen gleich tun. Den Sagenreichtum der Isländer, den er ausdrücklich bewundert, verbindet er mit den norwegischen Schiffermären, den einfacheren dänischen Lokalsagen und allerlei weitgewanderten Märchen. Er mischt antike und moderne Motive ein, aber er vermeidet die Verschmelzung heidnischer und christlicher Mythen. Dem alten Götterglauben steht er ferner als Snorre. Wie dieser faßt er die Götter und auch die von ihnen verdrängten Riesen und die Zwerge als Menschen der Vorzeit und zwar als sogenannte Mathematiker d. h. Zauberer auf. Aber er geht weiter: sie haben Liebschaften mit sterblichen Weibern und kämpfen auf Erden mitten unter Menschen und werden von diesen sogar in die Flucht getrieben. Ja Odin, der oft in altsagenhafter Verkleidung und unter einem Beinamen auftritt, erkennt er durchaus nicht immer als solchen, und den nächtlichen Besuch, den die Walküren ihren bedrohten Helden machen, findet er dreist. Dennoch ist ihm, dem Dänen, Odin der Hauptgott. Freilich erscheint er nur einmal seinem Schützling, dem Helden der Sage, mit seinem eignen Namen und mit „göttlicher Kraft“. Aber oft steht er wie ein stets wacher Heldenschutzgeist unter anderen Namen, als bloßer unermüdlicher Wanderer in Hut und Mantel, als einäugiger, bärtiger Alter im entscheidenden Augenblick plötzlich da, seltener fliegt er als Reiter durch die Luft, obgleich ihn so die dänische Volkssage kennt. Seine Gattin und er wahren sich gegenseitig ihre Treue nicht. Die Walküren stehen zu ihm in keiner Beziehung.

Vollends von seiner Himmelsburg Walhalla finden wir keine Spur. Dagegen liegt jenseits des Ozeans ein gartenartiges Paradies mit herrlichen Speisen und verlockenden Mädchen, die dem eingedrungenen Sterblichen verderblich werden, und dicht daneben eine von Schmutz starrende Hölle, beide von je einem Riesen beherrscht. Auch in Saxos Haddingssage stoßen diese beiden Welten, ein finstres Nebelreich und ein sonniges Gefilde, unter der Erde an einander, und jenseits eines Speere wälzenden Flusses setzen zwei Kämpferscharen ihr irdisches Kriegerleben fort. Hier scheinen germanische und antike Vorstellungen in einander zu spielen, wie denn Saxo an einer anderen Stelle das Elysium, den Phlegethon, Pluto’s Reich das Ziel der Helden nennt, die trotz ihrer Todeswunde lachend fallen. Auch von Odins Dichtungstranke, seiner kosmischen Allweisheit, einem durch ihn und seinen Sohn Balder bedingten Götterschicksal, vom Weltuntergang hören wir nichts, obgleich die Gelegenheit, davon zu reden, sich wiederholt darbot. Allerdings ist Balder auch bei Saxo ein Sohn Odins, aber im Gegensatz zu dem schuldlosen, reinen und durch seinen Tod die Weltkatastrophe herbeiführenden Gotte der Skalden ein liebeskranker, wollüstiger Jüngling, dessen Tod nichts bedeutet. Thor kommt selten zur Geltung und nicht immer günstig. Außer Walküren und Waldmädchen, dem Waldschrätel Miming und dem heilkundigen Witolf spielen Riesen und Riesinnen eine wichtigere Rolle. Im Krachen der an die isländische Felsküste anprallenden Eisschollen glaubt man den Jammer verstorbener Verbrecher zu vernehmen. Ein Toter kann durch Zauber zum Reden und, falls er sich zu Untaten aus dem Grabe erhebt, durch Köpfen und Pfählen seines Körpers zur Ruhe gebracht werden.

Der mythologische Gesichtskreis ist in der isländischen Familiensage ein wesentlich andrer als in der Skaldendichtung und der alten Heldensage und wiederum als in Saxo’s Geschichte. Nicht so sehr die Verschiedenheit der Darstellungsform, als der Unterschied der Stände und Stämme, denen die Verfasser angehörten, hat dies verursacht. Die Erzähler der einfachen Familiensaga hielten an der altvaterischen volkstümlichen Tradition ihrer abgelegenen Insel fest, die meistens an christlichen Höfen verkehrenden Skalden und die gelehrten eddischen Dichter hatten andere Ideale, die Helden und ihren Heldengott Odin, und wurden stärker von der christlichen Bilder- und Ideenwelt Mitteleuropas ergriffen. Der dänische Geistliche benützt die Mythologie mehr zur bloßen Verzierung.

Nur wer eine allmähliche Verschmelzung christlicher und heidnischer Gedanken bis etwa zum Jahre 1000 und eine darauf folgende durchgreifendere Verarbeitung der-delben vermittelst des altmythologischen Skaldenstils anerkennt, wird begreifen, wie sich ein ganz neuer Ideenstaat in dem älteren Mythenorganismus einnisten konnte, neu und christlich seinem Wesen, alt und heidnisch der Form nach. Da in Deutschland und England einerseits die Bekehrung zum neuen Glauben von vornherein planmäßiger, direkter und priesterlicher war, andererseits die Dichtkunst den hohen Grad der Technik, insbesondere auch die Widerstandsfähigkeit der mythologischen Darstellungsform, der nordischen Skaldenpoesie nicht erreicht hatte, so konnte hier ein so merkwürdiges Mischprodukt, wie z. B. die Völuspa, nicht zustande kommen. Begreiflich wird erst dadurch auch die andre merkwürdige Erscheinung, daß der nordische Volksmythus trotz seiner verschiedenen skandinavischen Eigenheiten dem fernen deutschen Mythus näher steht als dem Kunstmythus seines eigenen Landes, und daß er mit jenem alle wesentlichen Züge des Götter-, Geister- und Seelenglaubens teilt und wie jener auch der leisesten Anklänge an die durch den Kunstmythus pulsierenden sittlichen und metaphysischen Hauptideen bar ist, die dieser wieder mit der mittelalterlichen Kirchenlehre gemein hat. Auch in ihrem Schicksal weichen jene beiden Überlieferungsarten übereinstimmend vom Kunstmythus ab: während dieser nach einigen Jahrhunderten seines Bestandes in der gebildeten Welt, auf die er beschränkt bleibt, abgestorben ist, lebt der Volksglaube ununterbrochen, wenn auch immer zerrissener und gedrückter, bis auf den heutigen Teig weiter. So treten wir denn jetzt an diese vierte, noch heute fließende Quelle unserer germanischen Mythologie heran.


4. Die Volksüberlieferung der Germanen vom Jahre 1200 bis zur Gegenwart. Im Hochsommer des Mittelalters leuchtete noch – einmal ein Abglanz des alten Heidentums auf: in Saxos dänischer Geschichte, in Snorres isländischer Edda, sowie in gewissem Sinne im deutschen Nibelungenliede. Noch einmal wurde der heimische Mythen-und Sagenschatz um das Jahr 1200 im Mittelpunkt der germanischen großen Literatur weithin sichtbar. Seitdem sank er langsam in die Tiefe, die hohen Götter- und Heldengestalten wichen nun überall den Rittern und Klosterleuten mit ihren neuen, streng kirchlichen oder ketzerischen Idealen, und in den neugegründeten Städten kam bürgerliche, freiere gelehrte Bildung auf. Schon mit dem Ende des 11. Jahrhunderts wurde die Lust an Märchen, Fabeln und Erzählungen, die schon vor der Kreuzzugszeit immer massenhafter aus dem Morgenland ins Abendland, bis in den hohen Norden drangen, unstillbar, ihre bunten Fäden wurden vielfach in das einfachere Gewebe der heimischen Mythen geschlungen. Aber viel stärker und bedenklicher als früher wurde nun die Vermischung des altgermanischen Aberglaubens mit orientalischem, griechischem und römischem. Er bemächtigte sich auch der christlichen Vorstellungen und Bräuche, er mißbrauchte selbst die Sakramente der Taufe und der Kommunion zur Zauberei, er ahmte die kirchlichen Benediktionen und Beschwörungen frevelhaft nach. Die sogenannten Mordbeter, die noch heute Vorkommen, konnten durch ein Gebet jemandem Schaden zufügen. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts war der Aberglaube, wie Bertholds von Regensburg Predigten zeigen, mitten auf dieser verhängnisvollen Bahn, die später zu dem furchtbaren Akt der Kirche, zum „Hexenhammer“ vom Jahre 1489, führte. Das quälende Schauspiel, wie die Kirche seit der Bekehrung der Germanen zum Christentum immer wieder den heidnischen Aberglauben mit strengen Strafen verbietet und ihm in der Beichte eifrigst nachstellt und ihm doch wieder durch ihre eigene Dämonenlehrer und ihre Benediktionen und Exorzismen stärkt, setzt sich in großem, oft grausigem Stile fort. Gar mancher Geistliche machte selber das Volk mit abergläubischen Formeln und Bräuchen bekannt, und der Pariser Kanzler Gerson fand mit seinen Versuchen, abergläubische Übungen aus den Kirchen zu verdrängen, gerade beim Klerus den hartnäckigsten Widerstand und wurde von ihm ausgezischt. Nach Hartliebs Buch aller verbotenen Kunst 1456 waren selbst Könige und Erzbischöfe solchem Wahn ergeben. Es mußte zu einer Katastrophe kommen.

Ein noch ziemlich harmloses, aber doch dumpfiges Buch ist Cäsarius’ von Heist er bach Dialogus miraculorum, ein „geistlicher Novellenschatz“ aus dem ersten Viertel des 13. Jahrhunderts, der auch für weibliche Leser bestimmt war. Was für geschmacklose Spukgebilde gingen aus der schönen buchenumrauschten Abtei im Siebengebirge hervor! Man erkennt in manchen Teufelsgestalten den alten Wodan und die Riesen, in den abgefallenen Engeln die Elfen wieder. Und noch bis ins 15. Jahrhundert werden diese Geistergeschichten zu ergötzlicher Erbauung der Cisterzienser-mönche bei der Mahlzeit vorgelesen. Um dieselbe Zeit verfaßte Gervasius von Tilbury seine „Kaiserlichen Mußestunden“ (Otia imperialia), die Kaiser Otto IV in seiner Harzburger Verborgenheit mit allerlei Anekdoten und Kuriositäten, darunter manchen Zwerg- und Wichtelsagen, unterhalten sollten. Seit der Mitte des Jahrhunderts aber wettert der gewaltige Franziskaner Landprediger, Bruder Berthold von Regensburg (gestorben 1272), oft von einer Linde herab gegen all das Götzentum. Zwar glaubt er selber an Werwölfe, und die alten Götter hält er für einst wirkliche heroische Menschen oder für noch wirkliche Dämonen. Zu den alten bayrischen Götzen rechnet er eine Astaroth, als ob er mit diesem hebräischen Namen eine deutsche Ostara meinte. Bei seiner Deutung der Wochentagsnamen ahnt er aber nichts mehr von einem Zusammenhang eines Teils derselben mit deutschheidnischen Götternamen. Den Glauben an die Nachtfahren,

Truten und Maren und an die „felices dominae“, die seligen Fräulein, an den Angang, an Vorzeichen u. dgl. verdammt er, und schrill ertönt sein Pfi! über die vielartigsten Zauberer und Zauberinnen. Dann plaudert er wieder kindlich vom Spiegelberg, dem Glasberg des Märchens, und denkt sich, daß die kleinen Kindlein im Sternbild des Wagens auf gen Himmel fahren.

Der Volksaberglaube war nur ein Gebiet, das der Reform bedurfte, die anderen waren besonders seit dem Schisma das päpstliche Regiment und die geistige und die sittliche Verkommenheit des Klerus. Nicht so sehr die amtierende Geistlichkeit, als die wissenschaftliche Theologie ergriff nun die Waffen gegen Mißstände aller Art. Namentlich aus den ersten deutschen Universitäten: Prag (1348), Wien (1365) und Heidelberg (1386) ging eine Reihe streitbarer Magister hervor, die bald das Sündenleben im eigenen Lager beleuchteten, bald gegen die Wiclefiten und Hussiten, die Juden und die Vehmrichter und vor allem auch gegen den im ganzen Volk verbreiteten Aberglauben kämpften. Der älteste dieser Widersacher des deutschen Aberglaubens war wohl Nicolaus von Jauer (1355—1435), der kein Bedenken trug, die Verbrennung eines Ketzers mitzubewirken, der aber auch 1417 vor den Konzilsvätern in Konstanz Besserung der Sitten des Klerus forderte. An den Prozeß, der im Jahre 1405 dem Klosterlektor Werner von Freiburg in Heidelberg wegen seiner Predigten und imerlaubten Besegnungen gemacht wurde, schloß Nicolaus seine Schrift de superstitionibus 1405. Aber diese wie die verwandten Schriften seiner Zeitgenossen Matthäus von Krakau, Johannes von Frankfurt, Nicolaus von Dinkelspühel und Thomas von Haselbach sind mit Vorsicht für die Beurteilung des heimischen Glaubens zu benutzen, denn sie stehen alle unter dem Einfluß eines fremden Dämonologen, des Pariser Bischofs Wilhelm von Auvergne (gestorben 1249), dessen Schriften „de uni verso“ und „de fide et legibus“ alle möglichen abergläubischen Bräuche besprechen. Wilhelm ist sogar noch eine Hauptautorität für die Verfasser des Hexenhammers. So tief fand auch Nicolaus den Aberglauben in der Kirche eingenistet, daß er fast mehr auf dessen Ausrottung in den Gotteshäusern als im Volke drang. Denn dort wurden die alten Segen und Beschwörungen immer mehr christianisiert, die Götter nicht allein durch Christus, die Dreieinigkeit, Maria, die vier Evangelisten und die Apostel, sondern nun auch durch die hl. drei Könige, die vier Patriarchen, den ersten Blutzeugen Stephan und die späteren Heiligen ersetzt. Im Norden schweißte man noch in neuerer Zeit noch naiver heidnische und christliche Namen der Gottheit aneinander. In einem jütischen Segen wirken Frau Frey und Maria mit Christus und in einem neuisländischen Christus und Thor zusammen. Aus dem ekelhaften Gemenge des heidnischen Alpdruck- und Zauberglaubens mit dem kirchlichen Glauben an einen persönlichen Verkehr des Teufels mit Ketzern und aus den herabwürdigenden mönchischen Vorstellungen vom weiblichen Geschlecht schoß immer üppiger der Hexenwahn empor. Einst von den langobardischen Königen und den Karolingern als Vernunft- und gottwidrig geächtet, wurde er durch die Bulle Innocenz’ VIII1484 und den Hexenhammer (Malleus maleficarum) 1489 kirchlich anerkannt, um wie kaum eine andre Geistesverwirrung Leib und Seele der germanischen Völker zu verwüsten, bis weit über die Reformation hinaus, ja bis in unsre Tage hinein.

Der heidnische Mythus hinterließ aber auch freundlichere Spuren, namentlich in der Poesie, in den Fastnachtsspielen und den Volksliedern, die in Deutschland ungefähr gleichzeitig im 14. Jahrhundert aufkamen. Die 40 tägige Fastenzeit vor der Passion des Herrn hatte die altgermanische Lenzfeier in zwei Feiern weit auseinander gesprengt. Die eine fiel nun schon in den Schluß des Februars, die andre auf Ostern oder den ersten Mai oder gar erst auf Pfingsten. Zu der frühen Lenzfeier gehörte der heidnische Mummenschanz, das Bärenumführen, das Hahnschlagen, der Schwerttanz, das Pflugumführen durch eingespannte Mädchen und vor allem der unter Spruch und Lied ausgefochtene Kampf des Winters und des Sommers, aus dem sich das Fastnachtsspiel entwickelt hat. Holzmänner und -weiber kommen aus ihrer Waldeinsamkeit auf die Bühne, böse Weiber rauben dem Teufel das Vieh, das der Hirt Gumprecht vor der Hölle hüten muß, der aber lieber mit dem Teufel Pinkepank in dessen Taverne zecht und würfelt. Hinter der Hölle liegt ein Stein, der von keinem Sonnen- oder Mondstrahl, keinem Wind, keinem Glockenklang erreicht wird. Hört man, daß sich junge Paare, eng umfaßt, vom Heuboden bis zur Tenne hinabwälzen, so gedenkt man des Rollens junger Paare von einem Hügel herab, wie es in England und Deutschland im Frühjahr, später auch zur Erntezeit stattfand.

In der Balladengruppe des deutschen Volkslieds tauchen der wilde Mann und der Wassermann aus Wald und Fluß plötzlich schreckhaft auf, im englischen das Meermädchen. Möglicherweise steckt auch in dem englischen Wilderer Robin Hood einer der vielen Hood oder Hoody genannten neckischen Waldgeister und im zauberisch singenden Ritter Ulinger ein alter Elf, wie er denn in den Niederlanden Halewyn (Elfenfreund!) und in England Elfknight Elfenritter hieß. Frau Venus, eine latinisierte Elfin, lockt den Tanhäuser in den Berg. Den Deutschen, wie den Engländern ist der Wiedergänger, der seine Geliebte ins Grab holt, bekannt, den Bürgers Lenore später verklärt hat. Noch frischeres Heidentum atmet der nordische Volksgesang, der in Dänemark schon in Saxos Zeit, um 1200, sich regt. Die „Trollenweisen“ zeigen uns das ganze alte Dämonenpersonal: Trolle, Riesen, Zwerge, Necke und Nixen, Meermänner und -frauen, auch Werwölfe, am häufigsten aber Elfen, deren Freundschaft verlockend, aber gefährlich ist, deren Geschoß tötet und deren Sang bezaubert. Noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts tanzten schwedische Bauern nach dem „Elfenleich“, einer sommernächtlichen Elfenreigenmelodie. Im Norden sind der hammerholende Gott Thor und der Held Fjölsvinn als Tord und Jung Svendal aus der eddischen Kunstpoesie ins Volkslied geraten, noch in den färöischen Liedern erscheinen die Götter hie und da auf Erden, und die Riesen haben, wie in den isländischen und norwegischen Volksweisen, abenteuerliche Verhältnisse zu den Menschen.

Einige sinnvollere deutsche Sagen wurden um das Ende des Mittelalters abgerundet, so die nationale vom Kyffhäuser, die die byzantinische Legende vom Kampf eines Kaisers gegen den Antichrist am Ölberg mit dem Mythus von Wodan, der aus Bergesschoß mit seinem Heere herausstürmt, wirkungsvoll verknüpft. Auch die Sage vom Faust und die fremde vom ewigen Juden raffen einige altdeutsche Mythenelemente an sich, jene die Mantelfahrt durch die Luft, diese den Sturm der wilden Jagd. Überhaupt werden viele alte Rollen mit modernen Figuren besetzt: die Zwerge verwandeln sich in Bergmönche und Venediger, Götter und Dämonen in Jesuiten und Freimaurer, der alte Fritz, Napoleon und selbst Bismarck schreiten durch unsere heidnische Sagenwelt.

Das Mittelalter wird abgeschlossen durch die Reformation, die Entdeckung einer neuen Welt, neuer Länder und Völker und durch den Humanismus. Alle diese Ereignisse wirken auf den Aberglauben und dessen Auffassung ein, aber keines durchgreifend. Namentlich wird der Hexenwahn und die ganze Wut der Hexenverfolgung von der alten Kirche auch der neuen eingeimpft, auch die Protestantenwelt wird von den Hexenbränden überall unheimlich beleuchtet. Der Reformator selber, Martin Luther, der doch heißer als alle anderen nach einem reinen Christentum rang, konnte sich nicht von diesem in seiner Kindheit eingesogenen kirchlichen Heidentum frei machen. Seine Mutter hatte dem Knaben viel Schreckliches von Hexen und Alben erzählt, und vom Teufel meinte er, voll alten Nixenglaubens, er zöge Mädchen ins Wasser und zeugte mit ihnen Wechselkinder oder Kielkröpfe, die er dann zur Plage der Leute an der rechten Kinder Statt legte. Und wenn er dem Fürsten von Anhalt rät, Kinder solcher Zucht zu ersäufen, so brach die heidnische Härte des altnorwegischen Frostathingsgesetzes, das das mißgeformte Kind an der Teufelsbucht, wo weder Mann, noch Vieh geht, einzugraben empfiehlt, mitleidslos aus dem großen Reformator hervor. So nistete neben Gott, seiner festen Burg, das häßlichste Dämonengezücht. Aber er glaubte auch noch ganz altkirchlich und im Gegensatz zur späteren protestantischen Lehre an Schutzengel. Jeder besäße je nach seinem großen oder geringen Stande oder Geschäfte einen demgemäß starken Engel, der dem Teufel wehre. Und wie innig empfindet er auch wieder den liebreichen Zauber der alten Märchen:

„Ich möcht mich der wundersamen Historien, so ich aus zarter Kindheit herübergenommen, oder auch wie sie mir vorgekommen sind in meinem Leben, nicht entschlagen, um kein Gold!“

Im Gottesdienst aber räumten die ernsten lutherischen Kirchenordnungen des 16. und 17. Jahrhunderts ziemlich gründlich mit den zahlreichen Bräuchen des Festjahres auf, so mit den „heiligen Gottestrachten“, den Hagelfeuem, den kirchlichen Weihen von Wasser, Salz, Fleisch, Eiern, Käse u. s. w. und mit den Totengedächtnisfesten. Nur Erntepredigten, Emtebitt- und -dankfeste blieben übrig und einzelne Totensonntage, und die Kirchweihfeste überdauerten alle Konfessionsstreitigkeiten und kriege, obgleich Luther sie ganz austilgen wollte. Noch härter traf das ausschließliche strenge Luthertum der skandinavischen Lande die alte kirchliche Festherrlichkeit und am härtesten der kunst-und schmuckscheue Kalvinismus in Holland, in England und in der Schweiz. Die wechselvolle britische Reformationsgeschichte spiegelt sich im wechselvollen Schicksal des Maifestes wider. Schon 1566 verbot das schottische Parlament die Maispiele, und unter der Regierung der Königin Elisabeth verfolgten die englischen Puritaner die Maikönigin, die Maid Marian, als die leibhaftige babylonische Buhlerin. Das von ihnen gestürzte Sinnbild des Old merry England, den Maibaum, richteten die Stuarts wieder auf; aber eine Ordonnanz des langen Parlaments 1864 warf ihn wieder überall nieder. Cromwells „Hexenfindergeneräle“ verbrannten Hexen und Maibäume mit einander. Nach der Restauration der Stuarts aber standen sie fröhlich wieder auf und prangten mit ihren bunten Bändern und Laubgewinden bis ins 19. Jahrhundert, wo ihrer einen Washington Irving bei Chester freudig begrüßte.

Durch die geo- und ethnographischen Entdeckungen der Reformationszeit wurde das Interesse an fremden Völkern lebendig, und man wandte sogar dem Leben des eigenen Volkes seine Aufmerksamkeit zu, nicht ohne kirchliche oder humanistische Tendenzen. So Joannes Boemus Aubanus (von Aub im Würzburgischen), ein Deutschordenspriester, in seinem Buch ,Omnium gentium mores, leges et ritus‘ 1520, das im 16. Jahrhundert eine Lieblingslektüre in fast ganz Europa war. Ihn schrieben aus der Wiedertäufer Sebastian Frank in seinem Weltbuch 1534 und vor allen der lutherische Pfarrer Naogeorgus oder Kirchmaier in seinem Regnum papisticum 1553. Alle drei fühlten wohl das Heidnische aus vielen beliebten Festbräuchen heraus, alle drei verglichen z. B. den Tanz, den man in Franken um das auf den Altar gebettete hölzerne Christkindlein zu Weihnachten aufführte, mit dem wilden Reigen der Korybanten um den neugeborenen Jupiter auf dem Ida, freilich ohne zu ahnen, daß darin germanische, nicht antike Festfreude sich Luft machte.

Eine vom Aberglauben ungetrübte wissenschaftliche Auffassung war im 16. Jahrhundert den Germanen noch schwer. Im Reformator der Naturwissenschaft, Theophrastus Paracelsus, wogte wie in Luther altes und neues durcheinander. Er entriß die Naturforschung den Scholastikern und legte sie den Medizinern in die Hände. Aber in seiner »Verborgenen Philosophia4 begegnen Berggeister im Schoß der Erde dem Bergmann freundlich oder übel, oder sie verkünden ihm den Tod. Er erzählt auch das liebliche Undinenmärchen. Auch die Geschichtsschreibung konnte sich oft noch immer nicht des alten Heidenglaubens erwehren, die Zimmernsche Chronik von 1566 ist voll davon. Das Geschlecht der Freiherren von Zimmern selber hatte unter seinen Ahnfrauen eine „Meerfai“. Vielerorts spuken Erdwichtelmännchen und Schutz- und Hausgeister, wie der geheimnisvolle Zwergkönig Goldemar auf dem Hardenstein an der Ruhr, und das Nebelmännchen der Bodmans am Bodensee. Das Wutesheer braust durch die Luft, und der Glaube an Zauberwesen und Zauberschlösser und allerhand altheidnischer Brauch ist auch bei Gebildeten an der Tagesordnung. Wie es aber erst in den dumpfen Spinnstuben dieser Zeit aussah, das läßt „Der Alten Weiber Philosoph ey“ 1612 und (I. G. Schmidts) Gestriegelte Rockenphilosophie 1705, 1709 ahnen. Jetzt wurden aber auch die Regierungen, protestantische wie katholische, besorgt. Zahlreiche Verordnungen wurden gegen den gelehrten, wie gegen den volkstümlichen Aberglauben erlassen, die umfassendste war wohl das Landgebot des Herzogs Maximilian in Bayern 1611. Der dreißigjährige Krieg schreckte aber unser unglückliches Volk nur immer tiefer in den wüsten Aberglauben hinein. Das beweisen uns die satirischen Schriften des Altmärkers Johannes Praetorius 1630—1680, insbesondere seine »Neue Weltbeschreibung von Alpmännern, Schröteln, Nachtmähren« u. s. w. 1666, 1667. Seinen Aussagen ist aber nicht immer zu trauen, da er selber ganz offen gesteht, daß er vieles darunter »erdichtet und fingieret* habe. Auch werden von ihm bereits und dann von jener Gestriegelten Rockenphilosophie die Vorstellungen und Bräuche der verschiedenen deutschen Landschaften durch einander gemischt, so daß man nicht mehr ein reines Bild eines landschaftlich begrenzten Glaubenszustandes gewinnen kann.

Da nahte die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, und gleich ihr erster großer Wortführer Thomasius drang auf Abschaffung der Hexenprozesse, so daß seitdem, wie Friedrich der Grosse rühmte, das weibliche Geschlecht in Frieden alt werden und sterben konnte. Doch nicht überall! Noch 1775 wurde im Stift Kempten eine Taglöhnerin als Hexe verbrannt, 1783 in Glarus der letzte Hexenprozeß geführt. Aus den Kreisen der Gebildeten wich der alte Glaube mehr und mehr, das Volk aber hielt dessen Grundzüge noch weiter fest, und unsre Dichter erweckten die alten Gestalten in der Lenore, dem wilden Jäger, dem Erlkönig, dem Fischer, dem getreuen Eckart zu neuem, wenn auch nur poetischem Scheinleben. Jedoch erst mit dem 19. Jahrhundert retteten die beiden edelsten Romantiker, die Brüder Grimm, durch ihre Märchen- und Sagensammlung unsem nationalen Glauben aus der Vergessenheit, dessen ganzen Reichtum dann der ältere, Jakob, in seiner Deutschen Mythologie 1835 (*1844, *1854, *1875—78) den erstaunten Blicken erschloß. In jeder Landschaft rührten sich nun zahlreiche Hände, kundige wie unkundige, um bei der Ernte der Volkstüberlieferungen zu helfen und der Nachwelt die letzten Urkunden des versinkenden germanischen Heidentums zu übergeben. Die sich anschließende Volkskunde der Gegenwart zeigte, daß die Spannkraft des alten Glaubens noch immer nicht ganz erlahmt war, und enthüllte die alte Gliederung der heidnischen Glaubenswelt in bestimmte Vorstellungsgruppen, in vielen Stücken vollständiger und sicherer als die altnordische Literatur. Von dieser gleichsam doppelt bezeugten Gliederung habe ich mich bei der Anordnung dieses Buches leiten lassen, nicht von einer Systemsucht.

Endlich tat sich noch ein neues weites Quellgebiet außerhalb der Grenzen unsere Nationalität auf, die Mythologie der stammverwandten Indogermanen, d. h. der Inder, Perser, Griechen, Römer, Kelten, Letten und Slaven. Der vergleichenden Mythologie gebührt trotz mancher Verirrungen und Fehlgriffe das bleibende Verdienst, dargetan zu haben, daß das mythische Wurzelwerk, der Glaube an die niederen Dämonen, in wesentlich denselben Formen allen jenen Völkern gemeinsam war und daß selbst der daraus aufgestiegene Stamm, der Göttermythus, dieselben oder ähnliche Hauptäste über sie ausbreitete. Erst dieser große Zusammenhang weist unsrer oft so lückenhaften und imverständlichen Überlieferung die richtige Stelle an.

Text aus dem Buch: Mythologie der Germanen, Verfasser Meyer, Elard Hugo.

Siehe auch Deutsche Mythologie:

Die einzelnen Kapitel des Buches:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt

die Quellen der germanischen Mythologie Mythologie der Germanen

Verschiedene Gebräuche der Seelenabwehr sind über den ganzen Erdkreis verbreitet. Zu gleichen Zwecken hat der Mensch überall Vorkehrungen getroffen, um die spukende Seele zu vertreiben oder unschädlich zu machen. Die Geister und Gespenster scheuen den nackten Menschen. Wer von bösen Träumen heimgesucht wird, kann sich dagegen wehren, wenn er beim Schlafengehen sich in der Mitte der Stube ganz entkleidet und rückwärts zu Bette geht. Nach einem Todesfälle werden sogleich die Fenster geöffnet, damit die Seele nicht länger im Hause bleibt. Die Töpfe werden umgekehrt, damit die Seele nicht irgendwo unterschlüpfen kann. Hinter dem Sarge her wird die Stube ausgekehrt, um das Wiederkommen zu verhüten, oder man gießt, wie schon zur Zeit Burchards von Worms schweigend unter die Totenbahre, so heute der Leiche einen Eimer Wasser nach, dann kann sie nicht umgehen. Auf großen Umwegen wird die Leiche nach dem Kirchhofe gefahren, damit der Tote den Weg nicht zurückfindet. Der Wunsch, die Rückkehr des Verstorbenen zu verhindern und zugleich seine Reise ins Jenseit für ihn selbst bequemer und sicherer zu machen, hat zu dem weitverbreiteten Brauche geführt, dem Toten Schuhe mit ins Grab zu geben (s. u. Einrichtung der Welt). Rind und Roß dem Toten ins Jenseits mitzugeben, war altgerm. Brauch: sie sollen nicht nur dem Verstorbenen im Jenseits dienen, sondern sie sollen ihm, wie die Schuhe, Wagen und Schiffe, helfen, daß er bequem und ungefährdet ins Totenreich gelange. Pommersche Leidtragende lassen, wenn sie vom Kirchhofe zurückkehren, Hirsenstroh hinter sich zurück, damit die wandernde Seele darauf ruhen und nicht nach Hause zurückkehren möge. Wie Stroh einst das Wesentlichste am Lager war, so knüpfen gerade hieran noch alte Bräuche. Das Revestroh (got. hraiws, ahd. hreo, mhd. re Leichnam, ursprünglich der blutige, getötete Leib, caro, cruor, xQEas) wird im Hause verbrannt oder auf das Feld geworfen, damit es schnell verwese; denn von seiner Vernichtung hängt die Wiederkehr des Toten ab. Nimmt man es mit nach Hause, so kommt der Geist des Nachts immer wieder auf die Hofstätte zurück, um sein ihm entzogenes Eigentum zu suchen. Sogleich nach dem Tode legt man den Verstorbenen auf das Rehbrett, d. i. Leichenbrett, um dem häuslichen Gebrauche nichts anderes entziehen zu müssen, da auch diese Unterlage dem Toten gehört: der tote Siegfried wird gewaschen und „üf den re“ gelegt (N. L. 967).

Diese Leichenbretter entsprechen den Bauta- und Runensteinen des Nordens, sie deckten den Toten unmittelbar, legten ihn fest und verhinderten seine gefürchtete Wiederkehr. Besonders in Oberbayern und im Bayerischen Walde sieht man lange Schmalbretter im Erdreich aufgepflanzt, gruppenweise oder vereinzelt: oft mitten im Walde, wo die Fußsteige vorübergehen, an Waldbäumen oder auch an Feldwegen, bisweilen am Acker, den der Tote einst bestellte (Fig. 1 und 2). Auf dem Rehbrett bleibt der Tote bis zum Begräbnisse liegen; der Maler streicht es dann blau an und setzt den Namen, Geburts- und Todestag des Verstorbenen darauf, eine Bitte um ein Vaterunser und auch wohl einen Spruch, der die Vergänglichkeit alles Irdischen lehrt. Niemals aber findet man Totenbretter an geweihter Stätte, und heilige Scheu umgibt sie; niemand vergreift sich an den ungeschützt im Freien stehenden Denkmälern, bis sie morsch verwittern. Wahrscheinlich kommt das Totenbrett auch den Alemannen und Franken zu. Ein lignum insuper positum“ erwähnen die leges Bajuvariorum (Tit. 19, C. 8), das salische Gesetz (Tit. 339) spricht von einem „Haristado h. e. stapplus super mortuum missusd. h. von einer Heersäule oder einem Stappel (= Stütze, Säule, Pfosten), der über dem Toten ins Grab gelegt wird, und von einem „nach altem Brauche aufs Grab gelegten Steg“: alle drei Zeugnisse scheinen doch von Toten-brettern zu sprechen.

Um die Rückkehr des Toten abzuwehren, beseitigt man also alles, woran sich die Seele besonders gern zu heften pflegte: man vernichtete entweder die Gegenstände oder legte sie dem Toten mit ins Grab. Der toten Mutter gibt man Kamm, Schere, Fingerhut, Zwirn und Nadel und ein Stückchen Leinwand, Bettchen, Häubchen und Windeln des Kindes, und wenn ihr dieses selbst in den Sarg folgt, diesem Puppen und Spielzeug mit, damit die Mutter nur ja nichts zu holen habe. Aber neben diesen negativ vorbeugenden Mitteln gab es auch positiv abwehrende. Man erschwerte dem Toten nicht nur den Weg oder die Zurechtfindung, sondern man übte noch besondere Gebräuche und Vorsichtsmaßregeln, um den geisterhaften Angriff abzuwehreu. Da die Zeit der schwärmenden Geister besonders die Nacht ist, zündete man Feuer an, um die feindlichen Gespenster abzuhalten. Brennende Lichter schützen gegen Gepenster, gegen den Alp und gegen die Hexen; bei Kranken und neugeborenen Kindern müssen Kerzen brennen. Ebenso vertrieb man die Geister durch Lärm, wie z. B. noch heute in China bei Seuchen und Landplagen. Schießen und anderes starkes Lärmen, wie Knallen mit den Peitschen, auch G lock engeläute ist allgemein ein Mittel gegen böse Geister, besonders gegen Hexen. Durch Schießen am Pfiugsttage vertreibt man die Unholde von den Feldern. Am Polterabend begann ein fürchterliches Lärmen in dem Hause, das die Brautleute beziehen sollten. Alle Fensterläden wurden geschlossen, jede Öffnung zugekeilt, nur die Haustüre weit offen gelassen. Dann wurde oben unterm Dache mit schrecklichem Lärmen und Poltern begonnen, vom Speicher pfianzte es sich durch alle Räume bis in den Keller fort, dann die Kellertreppe hinauf, zur Haustüre hinaus. Der „Polterabend“ bezweckte also eine Reinigung des neu zu beziehenden Hauses von bösen Geistern und lehrt aufs deutlichste, mit welchen sinnlichen Mitteln man gegen diese Vorgehen mußte. Noch heute werden auf den Weihnachtsmärkten „Brummtöpfe“ und „Waldteufel“ feilgeboten, die kein Mensch mehr zu etwas Nützlichem zu verwenden weiß. Aber zweifellos hat man mit diesen einmal die Geister von den Häusern fortgescheucht, und das Ding, mit dem man den Teufel wieder in den Wald trieb, hieß darum auch der „Waldteufel“. Ihm entspricht genau das Schwirrholz, mit dem manche wilden Völker noch heute lästigen Geisterbesuch fernzuhalten suchen. Und was soll die Rute, die heute zur Weihnachtszeit eine so große Rolle spielt? Schwerlich würden Kinder sie sich gewünscht haben, wenn diese zu ihrer Züchtigung gedient hätte. Früher erhielt das Kind grüne Zweige und Reiser mit den Martins- und Nikolausgeschenken, erst das 16. Jhd. legte der Rute pädagogischen Sinn unter, und noch heute droht man, höchst unpädagogisch, den Kindern zur Zeit der heiligsten Freude mit der Rute Knecht Ruprechts. Es ist ein idg. Glaube, daß die Berührung mit einer Rute unter gewissen Feierlichkeiten Krankheiten des Viehs vertreibt und die feindlichen Geister von Haus und Herd, Feld und Flur verscheucht. Aber die Rute, die ursprünglich nur abwehrt, wird später in der Hand des Hirten zur Lebensrute, die feindlichen Zauber abwendet und Wachstum hervorbringt, und auf dem Acker sogar ein Symbol der Fruchtbarkeit. Nr. 22 des Indiculus (de tem-pestatibus et cornibus et cocleis) handelt von Instrumenten, Hörnern und Muscheln, mit denen man Lärm machte, um Unwetter zu vertreiben. Offenbar sind unsere Wetterhörner und Wettermuscheln gemeint. Beim Blasen der Wettermuschel soll sich noch heute im Kinzigtaie das Wetter „sichtlich“ verteilen, uud das „Wetterläuten“ ist allgemein bekannt. Karl d. Gr. verbot 789, gegen Wettergefahr Glocken zu taufen und mit Zauberformeln versehene Zettel an Stangen aufzuhängen.

Es ist merkwürdig, welche Scheu vor dem Wasser die Naturvölker den Geistern zuschreiben; man glaubt diese überall wiederkehrende Auffassung in eiue Zeit zurückverlegen zu müssen, wo der Mensch dem Wasser noch wehrund machtlos gegenüberstand und es als feindliches, hinderndes Element betrachtete. Darum wird bei vielen Völkern das Totenreich jenseit eines Flusses gedacht, weil kein Wesen ihn zu überschreiten vermag. Noch heute gießt man des Nachts Wasser vor die Tür: daun bleibt der Tote wehklagend stehen und kann nicht hinüber.

Zwei alte Zeugnisse zeigen, wie grausam man die Wiederkehr des Toten zu verhindern suchte:

Eine mit ihrem Kinde in den Wochen estorbene Krau heftete man mit einem Pfahle im Grabe fest (Burchard von Worms). Eine Ehebrecherin ward mit einem Stricke, der aus ihrem eigenen Haare geflochten war, an einem Baume aufgehängt; nach drei Tagen ward ihr Leichnam verbrannt, die Asche ins Wasser geworfen, daß nicht die Sonne dunkle, nicht die Luft den Regen weigere, oder Hagel wüste: man fürchtete also, daß eine Verbrecherin als Gespenst weiter lebte und Schaden verübte, wenn der Körper nicht bis aufs letzte Stäubchen vernichtet würde (Ruodlieb VIII, 50—57).

Während wir unserer Toten nur noch gedenken können, waren unsere Vorfahren von ihrem Weiterleben und ihrer Gegenwart überzeugt Aber sie suchten die Toten nicht nur fern zu halten, sondern sahen sie gern um sich, im eigenen Hause, reichten ihnen den Becher, rüsteten ihnen Tisch und Mahl und tranken mit ihnen Minne. Die Totenpflege unserer Ahnen entrollt uns ein Bild kindlich traulicher Innigkeit, das auch unseren Blick noch mit rührender Teilnahme zu längerem, liebevollem Verweilen zwingt. Was dem Verstorbenen auf Erden lieb und wert gewesen war, das gab man ihm mit ins Grab, damit er sich nicht von seinen Lieblingsdingen zu trennen brauchte. Die Gräberfunde gehören zu den ältesten Zeugnissen für mythische Vorstellungen; Waffen und Schmuckgegenstände, Geld und Gut, Handwerkszeug und Trinkhörner, Pferde- und Hunde- und Sklavenskelette, sowie Steinamulette sind aus dem Schoße der Erde wieder ans Tageslicht gefördert. Schon Tacitus bezeugt ausdrücklich, daß jedem Manne seine Waffen mitgegeben wurden (Germ. 27).

Im Grabe des Frankenkönigs Childerich in Tournay wurden eine Anzahl Münzen und auch der Kopf eines Pferdes gefunden. Mit dem toten Alarich werden reiche Schätze in den Schoß des Busento versenkt (D. S. Nr. 372), Alboin wurde in vollem Waffenschmucke beerdigt, und Kaiser Otto III. sah Karl den Großen im Dome zu Aachen in voller Kaiserpracht thronend und nahm das goldene Kreuz, das der Leiche am Halse hing, an sich. Noch 1781 wurde zu Trier ein Kavallerie-General nach altem heiligem Brauche bestattet: bei dem Leichenzuge wurde sein Pferd mitgeführt, und nachdem der Sarg in das Grab gesenkt war, getötet und in die Gruft geworfen. Eine letzte, schwache Erinnerung ist es, wenn noch heute bei der Bestattung eines Soldaten das gesattelte und aufgezäumte Streitroß hinter der Leiche mitgeführt wird, und wenn verstorbenen Ordensrittern die Orden bi9 an das Grab nachgetragen werden.

Dem Toten gebührte von Rechtswegen ein Drittel des eigenen Nachlasses als Ausstattung für das Leben im* Jeuseits. Dieser Totenteil bestand nicht nur aus Geld und Gut, sondern aus der Fahrnis überhaupt, die mit ihm verbrannt und begraben wurde. Er wurde in christlicher Zeit zum Seelgerät, Seelschatz, und der Tote erhielt seinen Anteil am eigenen Nachlasse dadurch, daß dieser zu kirchlichen oder wohltätigen Zwecken verwendet wurde; denn die Sorge für das Heil des Verstorbenen im Jenseits war jetzt Sache der Kirche.

Die sterbende Austrigild, die Gemahlin des Frankenkönigs Guntram, verlangte, daß jemand mit ihr sterben solle, und der König ließ ihre beiden Arzte töten (Greg. Tur. 5, 35).

Der grausame Brauch, daß die Witwe dem Gatten als sein Eigentum in den Tod folgte, gleich seinem Pferde und seinen Knechten, scheint schon zur Zeit des Tacitus verschwunden zu sein, denn er hätte ihn sonst sicher erwähnt (Germ. 27); aber bei den Herulern und Nordgermanen lebte er fort.

Wenn ein Heruler gestorben ist, muß seine Gattin, wenn sie etwas auf ihren Ruf gibt und ihr an einem freundlichen Gedenken nach dem Tode gelegen ist, sich am Grabhügel ihres Gemahls bald nach seinem Begr&bnis erdrosseln. Wenn sie es nicht tut, so wird sie ehrlos, und die Verwandten ihres Mannes fühlen sich durch sie beleidigt (Prokop, b. got. 2, 14; vgl. K. H. M. Nr. 16).

Die ostdeutschen Leichenfelder zwischen Elbe und Weichsel haben nicht nur beträchtliche Massen gerösteten Weizens ergeben, sondern auch kugelförmige, aus gestoßenem Korn und aus Tonerde zusammengeknetete Opferbrote. Ags. Bußordnungen von 700 und Burchard eifern dagegen, Körner in einem Hause zu verbrennen, wo ein Toter liegt. Weitere Funde zeigen, daß man ausgehöhlte Steine auf die Gräber legte und in diese Spenden goß, zur Nahrung für den Toten. Papst Gregor III. verbot im Jahre 739 in einem Schreiben an die alemannischen Bischöfe die heidnischen Totenopfer. Auf dem I. deutschen National-Konzil 742 wird jedem Bischof aufgetragen, alljährlich bei der Synode Umfrage zu halten, ob jemand an Losdeuten, Wahrsagen, Amulette, Beobachtung des Vogelfluges uud Hexereien glaube, zur Nachtzeit über einen Toten singe, esse oder trinke und sich gleichsam über seinen Tod freue. Zahlreiche Zeugnisse aus dem 8. Jhd. bekunden, wie schwer der Kirche die Bekämpfung der Kulthandlungen an den Gräbern gemacht wurde. Karl d. Gr. erließ 785 zu Paderborn bei Todesstrafe den Befehl, daß die Sachsen auf den Gräbern ihrer Vorfahren nicht mehr tanzen, singen und schmausen sollten. Die erste Nummer des In-diculus verbietet den Sachsen das Totenopfer (de sacrilegio ad sejmlchra mortuorum), und Burchard von Worms eifert noch um das Jahr 1000 gegen die Spenden, die in gewissen Gegenden an den Gräbern der Verstorbenen gebracht werden.

In welchem Ansehen die Totenpflege stand, und wie sehr mit ihr der Ahnenkult zusammenhängt, zeigt wiederum der Indiculus (Nr. 25: de eo, quod sibi sanctos fingant quoslibet mortuos). Er verbietet, beliebige Tote zu Heiligen zu machen. Diese Gefahr lag für den Deutschen bei solchen Männern nahe, die schon bei Lebzeiten besondere Macht über ihre Mitmenschen und deren Geschicke besessen hatten; ihnen mußte ja nach dem Tode übermenschliches Können und Wissen zugeschrieben werden. In gleicher Weise verbietet das ags. Gesetz König Eadgars nebeneinander Totenbeschwörung und Menschenverehrung.

Die bereits besprochenen Schatzsagen (S. 13) zeigen, daß die Ruhe des Toten heilig war, und daß kein Frevler wagen durfte, nach den ihm mitgegebenen Schätzen zu trachten. Die Beraubung eines Toten (Walraub) war durch strenge Gesetze bestraft. Der Walraub war nach dem Edikt dos Langobardenkönigs Hrothari Blut raub (plödraub) oder R e r a u b (hrairaub). Blutraub beging man an einem Menschen, den man selbst getötet hatte, mochte der Totschlag um des Raubes willen verübt sein oder nicht. Dem Getöteten durfte man nach ags. Gesetz nichts nehmen, sondern man sollte den Leichnam auf den Schild legeu, das Haupt nach Westen, die Füße nach Osten gerichtet. Selbst der, der beim Wegschießen der Aasvögel die Leiche mit dem Pfeile verwundete, mußte nach bayerischem Volksrechte zwölf Schilling Strafe zahlen. Reraub war die Beraubung eines Leichnams ohne Konkurrenz mit erlaubter oder unerlaubter Tötung. Die strafrechtliche Behandlung der Missetat gestaltete sich verschieden, je nachdem sie am unbestatteten oder am bestatteten Leichname verübt war. Bei den Franken machte die Beraubung eines bestatteten Leichnams friedlos. Auch auf Herauswerfen der Leichen aus dem Grabe (crapworf) waren strenge Strafen gesetzt. Damit hängt wohl auch zusammen, daß die Deutschen die Leichen der Gefallenen selbst in zweifelhaften Gefechten zurücktragen (Germ. 6).

Was den Menschen ergötzte, mußte auch den Abgeschiedenen erfreuen. Auch er mußte sich an Schmaus und Trank, froher Scherzrede und dem Ruhme seiner Taten laben. Darum erklangen feierliche Totenklagen während des Totenzuges und bei der Bestattung.

Der sterbende Wolfhart beauftragt seinen Oheim Hilde-brant, die Totenklage um ihn abzustellen (N. L. 2239):

„Und wollten meine Freunde im Tode mich beklagen,

Den nächsten und den besten sollt ihr von mir dann sagen,

Daß sie nicht um mich weinen, das tu nimmer Not.“

Schon Tacitus kennt die Totenklage (Germ. 27): „ Weh-Magen und Weinen gehen sie schnell, Schmerz und Trauer langsam auf; Frauen ziemt Trauerklage, Männern Erinnerung“.

Nach der Schlacht auf den katalaunischen Feldern 451 wurde der König Th eoderich mitten in dem dichtesten Haufen der Leichen erschlagen gefunden. Die Goten ehrten sein Andenken mit Liedern und erwiesen noch während der Wut des Kampfes mit ihren unharmonischen Stimmen der Leiche die letzte Ehre. Tränen wurden vergossen, aber solche, die tapferen Männern nachgeweint zu werden pflegen (Jord. c. 41). Zwei Jahre später wird der Hunnenkönig Attila ganz nach germanischem Brauche bestattet; die Totenklage, die dabei ertönt, darf als ein Rest gotischer Poesie des 5. Jhds. gelten. Mitten auf dem Felde unter seidenem Zelte wurden die sterblichen Reste Attilas aufgestellt. Dann wurde ein wunderbar feierliches Schauspiel aufgeführt. Die besten Reiter aus dem ganzen Hunnenvolke ritten um den Platz herum und verherrlichten seine Taten in einer Totenklage auf folgende Weise: „Attila der Mächtige, Mundzuks Erzeugter,

Herrscher der Hunnen, König kampfmutiger Völker, der wie kein anderer vor ihm Scythiens und Germaniens Reiche mit uneihörter Macht allein regierte, der beiden Kömerreiche Schrecken, der Städteeroberer: um nicht alles den Feinden zur Beute werden zu lassen, ließ er sich erbitten, jährlichen Tribut anzunehmen. Da er alles dieses mit Glöck vollbracht hatte, fand er nicht durch eine Waffe der Feinde, nicht durch den Trug der Seinigen, mitten im freudigsten Glück, im Glanze seines Volkes, sonder Schmerzenempfindnng den Tod. Wer sollte also das für des Lebens Ende halten, wo niemand an Rache denken kann?“ Nachdem sie ihn mit solchen Klageliedern betrauert, feierten sie auf seinem Grabhügel eine strawa (Aufbahrung, got straujan), d. h. ein gewaltiges Trinkgelage, und indem sie die Gegensätze miteinander verbanden, vermischten sie die Totenklage mit Äusserungen der Freude. Dann übergaben sie in der Stille der Nacht den Leichnam der Erde und legten die durch Feindes Tod erbeuteten Waffen, kostbaren Pferdeschmuck, strahlend von Edelsteinen aller Art, und mancherlei Ehrenzeichen bei, mit denen der Glanz des Hofes geziert wird. Und damit menschliche Neugier von so vielen großen Reichtümern fern gehalten würde, töteten sie die mit der Arbeit Beauftragten nach vollbrachtem Werk: offenbar ein Totenopfer (Jord. c. 49).

Ergreifend ist die Schilderung, die das ags. Epos von der Leichenfeier Beowulfs entwirft (3138 ff). Die Recken bereiteten einen Scheiterhaufen auf der Erde, einen festgefügten, mit Helmen behängen, mit Heerkampfsschilden, mit blinkenden Brünnen, wie er gebeten hatte. Mitten darauf legten den herrlichen Herrscher die Helden wehklagend, den geliebten Gefolgsherrn. Dann begannen sie auf dem Berge der Brandfeuer größtes zu erwecken, die Helden; der Holzrauch stieg empor schwarz von dem Scheiterhaufen, prasselnde Lohe, mit Klagelauten untermischt, wenn das Sturmgewühl ruhte, bis das Beinhaus gebrochen war heiß in der Brust. Darauf errichteten sie einen Hügel, der war hoch und breit und den Wogen-befahrern weithin sichtbar, und erbauten in zehn Tagen des Helden Denkmal; für die Asche stellten sie eine Grabkammer her und taten in den Hügel Ringe und kostbare Kleinodien. Dann ritten die Recken um den Hügel, sie wollten ihren Kummer klagen, den König betrauern, Hochgesang erheben und den Helden preisen; sie rühmten seine Ritterlichkeit und seine kühnen Taten, wie es billig ist, daß man seinen Herrn mit Worten feiert und in Liebe sein gedenkt, wenn er das Leben hat verlassen müssen. So betrauerten sie ihres Gefolgsherrn Fall, die Herdgenossen, sie sagten, daß der große König gewesen wäre unter den Männern der freigebigste und leutseligste, unter den Menschen der mildeste und stolz auf das Lob der Seinen.

Auch solange der Tote vor seiner Beerdigung sich noch im Hause befand, fanden mancherlei heilige Gebräuche statt. Die Kirche eiferte gegen den Unfug, der bei den Leichenwachen getrieben wurde und verbot das Absingen teuflischer Lieder, das Scherzen und Springen über den Toten, Gelage
und Mummereien. Selbst christlichen Priestern mußte nach Regino von Prüm verboten werden, mit den Heiden sich am Jahrestage oder am 30., am 7. und 3. Tage nach dem Sterbefalle zum Totengedächtnis zu berauschen, der Seele des Verstorbenen zuzutrinken, Klatsch- und Lachgeschichten zu erzählen oder zu singen und sich schimpfliche Scherze mit einem Bären und mit Tänzerinnen und Talamascae (geisterhafte Mummereien) vorführen zu lassen (I, 216). Bei Bur-chard von Worms heißt es: „Hast du der Leichenfeier des Verstorbenen beigewohnt, das* ist: hast du der Wache bei den Leichnamen der Verstorbenen beigewohnt, wo die Leiber der Christen nach Sitte der Heiden bewacht wurden? Hast du dort die Teufelslieder gesungen und an den Tänzen teilgenommen, die die Heiden nach Anweisung des Teufels erfunden haben?“ Drei Tage und drei Nächte wacht Kriemhild bei dem toten Siegfried (N. L. 997). Die Leichenwache ist nichts anderes wie eine Belustigung der Seele, solange sie noch im Hause weilt. Der Leichenschmaus aber wird der Seele zu Ehren gegeben, und sie nimmt selbst daran teil. Da man einst den Toten im Hause begrub — König A1 b o i n wurde noch unter der Treppe seines Palastes bestattet (Pis. Diac. 2, 28) —, fand das Mahl im Hause statt, später auf dem Grabhügel. Beim Leichenschmause lustig zu sein und viel zu genießen ehrt den Toten, denn er wünscht nach der kindlichen Vorstellung des Naturmenschen Erheiterung. Noch heute heißt es in der Oberpfalz: je mehr dabei getrunken wird, um so besser; es kommt dem Toten zu gut, und das Abhalten des Leichenmahles wird dort das „Ein-daichteln“ des Toten genannt (got. dauhts das Mahl). In Ganghofers Roman „Der Fidelweißkönig“ (I, 115) trägt ein junges Mädchen nach einem Todesfälle eine Schale mit Milch und weißes Brot an das Gesimse des Fensters und raunt innig und leise vor sich hin:

„Arme Seele, tu dich speisen,

Arme Seele, tu dich tränken,

Deine Reis’ is lang,

Dein Weg is drang.“

Rosegger entwirft in seinem tiefsinnigen Romane „Der Gottsucher“ eine nächtliche Totenfeier, die Zug für Zug den heutigen Volksbräuchen entnommen ist (S. 8 ff.).

Aber auch Klagerufe und Schmerzausbrüche erschallten bei der Leichenwache. Aus den Verschanzungen der Goten drangen im Jahre 537 des Nachts laute Wehklagen in das römische Lager hinüber (Prokop, b. got. 2, 2).

Nach hannoverschem Aberglauben beträgt die Frist, die der Seele auf Erden gegöunt ist, fünf Stunden; in dieser Zeit muß sie die Strafpredigt anhören, die die Gattin ihr hält. Nach dem Sachsenspiegel (I, 21, 22) bleibt die Witwe bis zum dreißigsten Tage im Besitze des ungeteilten Hausgutes, als wäre ihr Mann noch unter den Lebenden. Am 30. wird auch heute noch in vielen Gegenden das kirchliche Leichenamt wiederholt: dann sind die Pflichten gegen den Toten erfüllt Die alte mythische Dreizahl kehrt in dem Glauben wieder, daß der Tote am dritten oder neunten Tage noch einmal in sein Haus zurückkommt, und daß der Leichenwagen drei oder neun Tage rasten muß, d. h. zu keiner anderen Arbeit gebraucht werden darf.

Solange der Germane noch unstet als Nomade von Trift zu Trift zog, war an eine Wiederholung der Totenfeste nicht zu denken. In der späteren Zeit waren die Totengedächtnisfeiern mit der Verehrung der mächtigen Götter verbunden. Ein öffentliches Totenfest, das sich an das Früh-liugsfest der erwachenden Natur anscliloß, verbietet Nr. 3 des Indiculus (de spurcalibus in Februario). Widukind, Abt des Benediktinerklosters Corvey an der Weser, berichtet, daß die Sieges- und Totenfeier der Sachsen nach der Schlacht bei Scheidungen im Herbste des Jahres 531 drei Tage lang, vom 1. Oktober an, gewährt habe (s. u. Opferzeiten).

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen

Auch interessant:
Nordische Göttersage – Sammelkarten
Kunstwerke aus der altnordischen Mythologie
Germanische Schöpfungsgeschichte
Walhall – Germanische Götter- und Heldensagen

Deutsche Mythologie