„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von deinen Tränen!“

Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Menschheit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab. Die Mythen wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmärchen nur von den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, sondern vom ganzen Volke wie etwas Wirkliches geschaut und empfunden und in Furcht und Hoffnung heilig gehalten.

Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engeren Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen ein geheimnisvolles übermenschliches Wesen zu leben und zu weben schien. So verflochten sich bereits mit diesen ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Abhängigkeit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dramatisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden dann zum Teil wieder in die Erzählung des Mythus aufgenommen und gestalteten sie oft eigenartig um. Doch finden wir im germanischen Mythus kaum sichere Spuren davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsenden Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancherlei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Begabung und Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer monotheistischen Religion mündeten.

Die menschliche Einbildungskraft, die Haupttriebfeder der Mythologie, vermag zwar auch das toteste, unpersönlichste Ding bis zu einem gewissen Grade vorübergehend zu beleben und zu beseelen. Aber nur eine Auslese von Dingen und Erscheinungen war imstande, sie zu eigentlich lebensfähiger, personifizierender, eindrucksvoller und allgemein anerkannter Mythenbildung aufzuregen, nämlich solche, in denen drei Eigenschaften vereinigt waren: ein geheimnisvolles, rätselhaftes und darum staunenerweckendes Äussere, ein sinnenfälliger, den Schein persönlichen Lebens tragender Formen- oder Kraftwechsel und ein starker Einfluß auf das Wohl und Wehe des Menschen. Nur diesen erkannte man die Bedeutung und Lebenskraft eines übermenschlichen Wesens zu. Solche Erscheinungen sind im Menschendasein vor allem der Tod, dann der Traum und im weiteren Welträume die Luft- und Himmelserscheinungen: das Gewitter, der Wind, der Wolkenzug, das Himmelslicht, die Tageshelle und die großen Gestirne, endlich auch die sprossende Erde.

Wer mag bestimmen, welche von den erwähnten Erscheinungen zuerst die Phantasie wie mit einer Zauberrute aus ihrem Schlummer weckte? Sie mögen in unvordenklicher Zeit gleichzeitig gewirkt haben. Aber so viel ist gewiß, daß der Anblick des Sterbens, das dem Naturmenschen ebenso unverständlich war wie das Leben selbstverständlich, und die Folgen, die der Tod für die Angehörigen der Verstorbenen hatte, gerade in der unsrer Kunde erreichbaren ältesten Zeit einen besonders wichtigen und umfangreichen Mythenkreis veranlaßt haben. Dessen hohes Alter wird auch durch den Einklang der Vorstellung nicht nur der germanischen und indogermanischen, sondern auch der niedrigsten Völker der Erde bezeugt, der auf keinem mythologischen Gebiete so überraschend genau ist wie auf diesem. Noch ein anderes auffälligeres Zeugnis für diesen alten Bestand darf man anführen, das nämlich, daß der aus diesem Gebiete entsprungende rohe und ärmliche Geister- und Gespensterglaube üppiger als irgend welcher andre Heidenglaube noch heute fortwuchert.

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Mythologie der Germanen

Die Zugehörigkeit der Zwerge zu den Elben geht aus dem Namen Alberich hervor, der als Zwergkönig erscheint. Wie die Lichtelben im Freien wohnen und sich des Sonnen- und Mondenscheins freuen, so ist die Wohnung der Zwerge in den Tiefen der dunkeln Berge gelegen, sie sterben, wenn die Sonne sie bestrahlt. Von ihren aufgehenden Strahlen werden sie zu Stein verwandelt: es sind die zur Nachtzeit an den Berggipfeln haftenden, mit Sonnenaufgang schwindenden und dann die Felsenspitzen erscheinen lassenden Wolken- und Nebelgebilde.

Die Sage erzählt, daß die kleinen Bergzwerge die Felsen bewohnten und in der Zwergenhöhle still ihr Wesen trieben. Als sie einst eine Hochzeit feiern wollten und nach ihrer Kirche auszogen, verwandelte sie ein gewaltiger Geisterbanner in Stein oder vielmehr, da sie unvertilgbare Geister waren, bannte er sie hinein. Noch jetzt sieht man sie in verschiedenen Gestalten auf den Bergspitzen stehen, und in der Mitte zeigt man das Bild eines Zwerges, der während der Flucht der Übrigen zu lange im Gemache verweilte und in Stein verwandelt wurde, als er aus dem Fenster nach Hilfe umherblickte (D. S. Nr. 32). Sie sind besonders des Nachts tätig, die Sonne geht ihnen um Mitternacht auf. Das Zwergreich im mhd. Gedichte von Herzog Ernst und Laurin liegt im Berge und wird von einem sonnenhellen Karfunkel erleuchtet. Auf Rügen wohnen die Zwerge in den neun Bergen unter der Erde, die durchsichtig von Anfang bis Ende sind und eigentlich rings mit Glas bewachsen. Jeder Zwerg wohnt wieder in einem gläsernen Häuschen, und erleuchtet wird die ganze Wohnung durch einen an der Decke hängenden großen Kristall. Die Zwerge im Märchen Sneewittchen gehen am Tage in die Berge, hacken nach Erz und graben, nachts aber lassen sie ihre Arbeit liegen und kommen in ihr Häuschen, wo das gedeckte Tischlein mit Stühlchen, Tellerchen, Löffeichen, Messerchen, Gäbelcben und Becherchen steht (K. H. M. Nr. 53). Ihre unterirdischen Höhlen sind voll kostbarer Edelsteine, Gold und Silber; wunderbares Licht strahlt von der Wölbung der Decke und aus den Seitenwänden. Die Höhle des Zwergkönigs Gibich hat Wände von blitzendem Stufenerz, die Decke ist von einem Stück Schwertspat, weiß wie der Schnee. Mit güldenen Borten, mit Gold und Gestein sind die Rosen in Laurins Garten behängen; sie geben süßen Duft und lichten Schein. Vor des Berges Felsgestein steht eine grüne Linde, und bunte helle Blumen stehen in Blüte von jeder Farbe und Art. Lieblich durcheinander klingt der Vöglein Sang, und mancherlei Getier treibt da friedlich sein Spiel (100 ff., 900 ff.). Berühmt in der Sage ist außer dem Rosengarten in Tirol der zu Worms. Ein seidener Faden umgibt ihn, wie auch die Gerichtsstätte mit Schnüren umzogen ist. Aber überreich an allen Kostbarkeiten der Welt ist das Innere des Berges selbst. Golden waren die Bänke, von Edelstein gaben sie hellen Glanz. Mancherlei Spiel trieben die Zwerge. Auf der einen Seite sangen sie, auf der anderen sprangen sie, andere versuchten sich in Kraftübungen; sie schleuderten den Speer und warfen den Stein. Auch mancher kunstfertige Mann ließ sich hören, Geiger, Harfner und Pfeifer. Zwei wonnigliche Zwerge traten auf, zwei kurze Fiedler; ihr Gewand war reich und schwer. Sie trugen Fiedeln in der Hand, die mehr wert waren als ein Land: sie waren rotgolden, vom Edelstein hatten sie hellen Schein, die Saiten gaben süßen Ton. Dann traten zwei Sänger auf, die waren geschickt im Vortragen von Gedichten; mit ritterlichen Geschichten ergötzten sie ihre Gäste (1010 ff.).

Weil die Zwerge in den Bergen und unter der Erde wohnen, heißen sie in Norddeutschland Unterirdische, in Oldenburg Erdleute, in Thüringen Bergmännlein und Erdmännchen, in Süddeutschland Erdschmiedlein; wegen ihrer friedlichen, stillen Tätigkeit heißen sie das stille Volk (D. S. Nr. 30, 31). Reich an Zwergsagen sind die Alpenländer, Norddeutschland und England.

Aus der Erde dampft der Nebel empor, Nebel lagert über Höhlen und Bergen, daher werden die Zwerge zu Nebelwesen. An nebligen Abenden steigen die Zwerge aus dem Boden hervor, um Hochzeit zu feiern oder beerdigen unter großem Wehklagen eine Leiche. Ein Zwergkönig, der ungastliche Aufnahme gefunden hat, wächst zu riesiger Größe an und schwebt in Nebel aufgelöst am Absturze des Schneeberges hinan zum Zwergenstein. Der aus dem Erdloch aufsteigende Nebelrauch rührt vom Herdfeuer der Zwerge her; wenn sie kochen und backen, steigt aus dem Loche der Berge der Dampf hervor: dann glaubt man, es will regnen (D. S. Nr. 298, 34). Im tirolischen Hochgebirge hausen die Eismännlein, die Fernerzwergl, vom weißen Nebelmantel umwallt, und herrschen über die Eis- und Schneewelt; im Schnee sieht man ihre Füße abgedrückt. Zwerghaft und greis vom Ansehen entlehnen sie die graugrüne oder geibgrüne Farbe ihres Gewandes vom Baummoose des Bergwaldes und von der grünen Gletschernacht, den schattenden Wetterhut von den Nebelhauben ihres Hochgebirges. Gern sitzen sie auf den Fels Vorsprüngen und schauen ernsten Antlitzes auf die sie umgebende unendliche Welt emporstarrender Eisnadeln und Eispyramiden, lassen sich von Nebelgestalten umtanzen, formen Wolken zu festen Ballen, verdichten sie, zerreißen sie, zerblasen sie zu Flocken, weben sie zu Schleiern und Nebeldecken, schicken sie als Höhrauch über alle Fernen hin, brauen Wetter, schleudern Hagel, senden Lawinen in die Gründe nieder, den Hut tief im Gesicht und Wölkchen aus ihren Pfeiflein in die Luft entsendend.

Der Mantel, Hut und die Fähigkeit, sich unsichtbar uz machen, weist gleichfalls auf den Nebel hin (S. 99).

Durch seine Tarnkappe verbirgt sich Laurin vor Dietrich und bringt ihm zahllose Wunden bei. Laurins Vetter, Walberan, versteht es, durch Zauberkraft seine sämtlichen Mannen unsichtbar zu machen. So rücken sie gegen Bern vor, und keiner kann etwas von dem kleinen Volke sehen. Aber Eünhild, Laurins Gefangene, gibt jedem der Helden einen Ring, so daß sie ihre Feinde sofort erkennen können (1555), und die Ringe, die Laurin Dietrich und seinen Gesellen gegeben hat, nehmen den hüllenden Schleier von Walberans unsichtbarer Schar. Auch der Ring, den Ortnit von seiner Mutter hat, gibt ihm die Kraft, Alberich zu sehen. Dieser Ring vergleicht sich dem Flug (Schwan)-ring, der Verwandlung in Vogelgestalt oder Flugkraft verleiht (s. u. Schwanjungfrauen). Noch eiu anderer Ring oder Gürtel verleiht Laurin die Kraft von zwölf Männern (191 ff., 535 ff., 1174 ff.). Alberich hat wohl durch den Ring, nicht durch die Tarnkappe, die Kraft von zwanzig oder zwölf Männern (Biterolf 7838). Der Schevfenberger empfängt von einem Zwerge einen Gürtel, der die Stärke von zwanzig Männern gibt, und einen Ring: solange er den habe, zerrinne sein Gut nimmermehr (D. S. Nr. 29). Im Eckenliede gibt der Zwerg Baidung, Alberichs, des früheren Herrschers, Sohn, Dietrich einen wunderbaren Stein, der seinen Besitzer gegen Hunger und Durst schützt und die Kraft hat, seinem Träger die Würmer eines Schlangenturmes vom Leibe zu halten.

Die Größe der Zwerge wird verschieden angegeben.

Bald erreichen sie das Wachstum eines vierjährigen Kindes, bald erscheinen sie weit kleiner, nach Spannen oder Daumen gemessen. Laurin ist drei Spannen lang, die Erdgeister, die bei Hermann von Rosenberg Hochzeit feiern, sind kaum zwei Spannen lang (D. S. Nr. 42), andere droi-viertel Elle hoch (D. S. Nr. 37). Ihrer neun können in einem Backofen dreschen. Die Zwerge sind meistens alt (S. 114), haben einen eisgrauen Bart, der bis aufs Knie reicht und eiu verrunzeltes Gesicht; Zwergkönig Gibich ist rauh von Haaren wie ein Bär. Ein Höcker oder ein dicker Kopf entstellt oft die kleine Gestalt, .fahl und grau, schwarz und eisgrau ist ihre Farbe (K. H. M. Nr. 92, 165). Sie haben Gänsefüße, und dann trippeln sie leise wie Vögel daher und tragen lange Mäntel, sie zu bedecken (D. S. Nr. 149), oder Geißfüße, dann trappeln sie ziemlich laut. Das Laufen der Zwerge über eine Brücke gleicht dem einer Schafherde (D. S. Nr. 152).

Alberich und Laurin reiten auf Rossen, die so groß sind wie eine Geis, der Zwergkönig Antilois (in Ulrichs Alexander) auf einem Rosse von Rehes Größe, an dessen Zaume Schellen erklingen: er zürnt auf Alexander, der ihm seinen Blumengarten verdorben hat, wie Dietrich den Laurins. Ein Wichtelmännchen reitet geradezu auf einem Reh. Die Kleidung der Zwerge gleicht oft der der Bergleute, sie tragen eine weiße Hauptkappe am Hemd, ein Leder hinten und haben Laterne, Schlägel und Hammer (D. S. Nr. 37): darum heißen sie auch lederne Männle in Schwaben.

Es ist wohl möglich, daß manche Sagen von Zwergen und Riesen mit wirklichen eingeborenen oder feindlichen Stämmen in Zusammenhang stehen. Die Tatsache, daß die Riesen (Hünen) historische Namen wie Hunnen tragen, ist sehr bedeutsam, auch wenn ein gerrn. Wort hunaz (stark, kräftig vgl. xity/og) sich frühzeitig mit dem Namen des wilden Reitervolkes vermischt haben sollte. Die Volkssage hat die Erinnerung an die Riesen als ein uraltes, längst vergangenes Geschlecht bewahrt: vor tausend und mehr Jahren war das Land rings um den Harz von Riesen bewohnt (D. S. Nr. 318, 324); im Elsaß auf der Burg Niedeck waren die Ritter vor Zeiten große Riesen (D. S. Nr. 17). Die Riesen erscheinen als Heiden aus dem Steinzeitalter, die sich scheu vor den erobernden Menscheu zurückzieheu und ihren Ackerbau und die Klänge ihrer Kirchenglocken verwünschen. Die Furcht des rohen Eingeborenen vor dem zivilisierten Eindringlinge wird vortrefflich in der Sage von der Riesentochter geschildert, die den Bauern mit Ochsen und Pflug als Spielzeug in ihrer Schürze nach Hause trägt; aber die Mutter befiehlt ihr, die Sachen wieder hinzutragen; „denn“, sagte sie, „es ist ein Volk, das den Hunnen viel Schaden tun kann“ (D. S. 17, 319, 324).

In den Zwergsagen der Kelten und Germanen lebt die Erinnerung fort an ein kleines Geschlecht, die sogenannten Pfahlbauern, das ältere Rechte hatte als die Eindringenden, aber arm, dürftig, des Brotbackens unkundig, in Sümpfe und Höhlen scheu zurückwich und feige und hinterlistig nur des Nachts sich aus dem Verstecke hervorwagte. In einer Reihe von Sagen sucht der Schwache den Mächtigen zu überwinden, der Kleine den Großen, und da er ihm an Körperkraft unterlegen ist, so greift er zu List und Betrug. Auch das Motiv der Raubehe — am klarsten in der Laurinsage erhalten — enthält verblaßte Erinnerungen an Kämpfe, die von Stämmen kleineren Körperschlages gegen solche von größerem dereinst zur Urzeit in Europa geführt wurden. Alle Zwerge der Heldensage sind Wesen von Fleich und Blut, ganz wie die Menschen; ihre körperliche Existenz wird nirgends in Frage gestellt, und keinem Dichter fällt es ein, in ihneu auch nur im geringsten eigentlich geisterhafte Wesen zu sehen. Die Kobolde, Nixen, Unterirdischen gehören zweifellos zu den Geistern und Naturdämonen, aber die in den Bergen wohnenden ZwTerge des mittleren und südlichen Deutschland besitzen ein weit mehr körperhaftes Wesen und nähern sich so den Zwergen der Heldensage. Ihre Urbilder stammen nicht aus der Luft, noch aus den Wolken, noch aus dem Wasser, sondern von der Erde selbst; es ist für die Ethnologen heute eine feststehende Tatsache, daß in Mitteleuropa in vorgeschichtlicher Zeit Zwerge gewohnt haben. Nur durch die Zurückführung der Zwerge auf jene vorgeschichtliche Bevölkerung erklären sich ihre Beziehungen zum „Menschengeschlecht“, d. h. zu den später ein wandernden und sie bedrängenden größeren Rassen, die vielleicht schon Arier waren. Wer von diesen Zwergen nicht getötet wurde oder sich in die Schlupfwinkel schwer zugänglicher Gebirge retten konnte, wurde unterjocht und dienstbar gemacht, und sie wurden mit der Zeit willige, fleißige, treu ergebene Diener, die gerade durch ihr kleines, aber flinkes Wesen zur Bebauung des Ackers wie zu Handwerksarbeiten geeignet waren, besonders aber als kunstfertige Schmiede scheue Bewunderung erregten; es steht fest, daß die Arier zur Zeit ihrer Einwanderung in Europa in der Steinzeit lebten und keine Kenntnis der Metalle und der Schmiedekunst besaßen (s. u. Feuergott). Der stete Kampf aber mit den um ihr Land und ihre Freiheit ringenden Zwergen, die zuletzt auch aus ihren tiefen Wäldern und verschwiegenen Bergen vertrieben wurden, rief, zumal bei der hinterlistigen Kriegsführung mit all ihren Greueln, zu denen auch der oft erwähnte Frauenraub gehört, Abscheu gemischt mit Furcht hervor. In der Sage und Poesie lebt die seltsame Erscheinung des fremdartigen Zwergvolkes weiter, seine eigenartigen, dem Germanen so ganz widersprechenden Gewohnheiten, Sitten und Handlungsweisen, zumal im Kampfe, die Heimtücke und Rachsucht, aber auch die sklavische Unterwürfigkeit und hündische Treue. So versteht man die Klage der Zwerge über den Verlust des Landes, dessen Herren sie einst waren, über das Vordringen einer ihnen fremden Kultur und Religion, das sie zur Auswanderung zwinge, über die Schlechtigkeit des Menschengeschlechtes, das dafür noch werde zu büßen haben und schon durch Verkürzung des Lebens büße. Nur die Ethnologie erklärt also die wesentlichsten Züge in dem sagenhaften Bilde der Zwerge: ihre Herkunft, ihre Gestalt, ihre Wohnungsart, ihr Verhältnis zu den „Menschen“, ihre Beschäftigung und die ihnen zugeschriebenen übernatürlichen Gaben. Aber mit diesen Gestalten der Gegenwart und Wirklichkeit verschmolzen die Seelen- und Naturgeister, die die Arier mitbrachten; erst so entstand in Süddeutschland das typische Zwergbild, das uns die Sage überliefert, und es erhielt neue Farbe und frisches Leben, als sie die mißgestalteten Hunnen und Avaren kennen lernten. Attila wird ganz wie ein Zwerg geschildert, und das Nibelungenlied spricht von „wilden Zwergen“, die mit den Hunnen verbunden waren. So ist die deutsche Zwergsage nicht aus einer, sondern aus zwei Quellen geflossen: in der Sage des norddeutschen Tieflandes überwiegt die geisterhafte Natur der Zwerge, in den Berggegenden die natürliche, menschliche.

Noch eine andere, hierher gehörende Sagengruppe läßt sich vielleicht aus denselben ethnologischen Verhältnissen erklären. Gegen die stärkeren Eindringlinge suchte sich die Urbevölkerung durch Anlegen von Hecken und Verhauen zu verteidigen. Aber erbarmungslos zertrat deren Fuß der Blumen bunte Pracht und raubte mit roher Gewalt die schönen Töchter des Landes, wenn ihnen nicht die List ihrer Hüter zuvorkam und ihnen Spott und Schaden bereitete. So dringt im Märchen vom Dornröschen der Prinz durch die Hecke und gewinnt die Braut (K. H. M. Nr. 50; die „natursymbolische“ Deutung s. u. Mythen und Märchen); und aus denselben Schiftzhecken gegen feindliche Überfälle können die durch die ritterliche Dichtung des Mittelalters bekannten Rosengärten stammen, der bei Worms, wo Gibich König ist, und der bei Meran, wo Laurin herrscht: ihre bisherige Deutung als alte Elfen- und Totenreiche hat nie recht befriedigt.

Pytheas von Massilia hat seltsame Kunde erfahren von den Eieressern, den Öonen, von denen noch Caesar hörte von den Pferdefüßlern, den Hippopoden, von den Ganzohren, Panotiern, deren große Ohren den ganzen Körper bedecken und eine andere Bekleidung überflüssig machen. Es ist möglich, daß dieser Bericht eine märchenhafte Entstellung einer Mantel- und Kapuzentracht ist, wie sie Seeanwohnern zum Schutze gegen Regen und Wind nötig sein mochte. Aber bei den Pferdefüßlern ist man versucht, au die ganze oder halbe Roßgestalt des Nixes zu denken (S. 104). Gegen Plattfüßler und Langohren muß Herzog Ernst kämpfen: ihre Ohren reichen bis über die Knöchel herab und sind so breit, daß sie sich ganz darein hüllen können; sie bedürfeu keiner Rüstung, da die Ohrenhaut hieb-und stichfest ist (4824 ff). Vielleicht hat Pytheas Kunde von den deutschen Zwergsagen erhalten. Wenn selbst ein so verständiger Beurteiler wie Tacitus mythische Namen für wirkliche Volksstämme ansieht und sogar deren geographische Lage angibt, um wieviel verzeihlicher wäre ein solcher Irrtum bei dem Entdecker unserer Ahnen! Da noch heute Sage und Märchen vom Nix in Roßgestalt und vom Zwerg Langohr erzählen, könnten wir beide über 2400 Jahre zurück verfolgen und hätten in diesem Berichte des Pytheas die älteste direkte Erwähnung unserer Mythologie.

In der Schweiz glaubt man, das Echo rühre von den Zwergen her. Als Dietrich mit Ecke streitet, geben Berg und Tal Stimme und Antwort von sich, d. h. die in ihnen hausenden Zwerge. Große Schätze von Gold, Silber und Edelsteinen scharren sie in ihren Höhlen zusammen und bewachen sie sorgfältig (D. S. Nr. 30, 36, 160; K. H. M. Nr. 53).

Kuodlieb hat einem Zwerge vor der Höhle eine Falle gelegt; der ist hineingeraten, und die Hände sind ihm festgeschnürt; schreiend springt er hin und her, um fortzukommen, bis er endlich ermüdet und atemlos niedersinkt und wehmütig seinen Besieger um Schonung bittet: ,Schenke mir Armen das Leben, ich melde dir etwas, das dir sicherlich angenehm ist. Wenn du mich nicht tötest und mir die Hände frei machst, zeige ich dir einen Schatz, den zwei Könige haben, Immunch und sein Sohn Hartunch; diese wirst du im Kampfe besiegen und töten. Dann bleibt nur des Königs Tochter, die schöne Heriburg übrig als Herrscherin über das ganze Reich. Es Ist dir beschieden, sie zu gewinnen, aber nur mit großem Blutvergießen, wenn du nicht meinem Ratschlage folgst, den ich dir geben werde, wenn du mich befreit hast“. Auch im N. L. (468) wird Alberich gefesselt, und auch er bittet wie der Zwerg im Ruodlieb um Schonung (467). Wie Ruodlieb ein Schwert erhält (S. 114), so geben Schilbung (der Zitternde, Bebende, an. skjalfa) und Nibelung Siegfried zum Lohne für die Teilung des Nibelungenhortes König Niblungs Schwert (93). Alberich hütet den Schatz wie der Zwerg, den Ruodlieb fangt. Es ist soviel des Gesteines und Goldes, daß hundert Leiterwagen ihn nicht forttragen können, und hätte man die ganze Welt damit erkauft, er wäre dennoch nicht vermindert, denn der Wunsch lag darunter, ein golden Rütelein (1063/4). Auch nach dem Seyfriedsliede hüten Niblings Söhne, Eugels Brüder, ihres Vaters Schatz. Siegfried ladet ihn auf sein Roß und versenkt ihn heimlich im Rheine. Auf dem ersten Abenteuer, das jung Dietrich besteht, sieht er beim Verfolgen einer Hirschkuh einen Zwerg laufen; ehe er noch seine Höhle erreichen konnte, packt ihn Dietrich und schwingt ihn zu sich in den Sattel. Es ist Alberich, der berüchtigte Dieb und der listigste aller Zwerge. Als Lösegeld verspricht er Nagelring, das beste aller Schwerter, und als Dietrich mißtrauisch schwankt, schwört ihm Alberich einen heiligen Eid (Thi-dreks. 16). Einen goldenen Ring und ein Schwert erhält der Graf von Hoia von einem Zwerge, weil er ihm seinen Saal einräumt, in dem die Zwerge Hochzeit halten (D. S. Nr. 35, vgl. Nr. 303). Hochberühmt sind die Zwerge als Waffenschmiede. Alberich ist nicht nur der Dieb, sondern auch der Fertiger des Schwertes, das Ruodlieb zufällt. Er gibt dem Ortnit Schwert, Panzer und Helm, er schmiedet mit drei andern Zwergen zusammen das Schwert Eckesahs und Nagelring (Thidreks. 16). Alberich oder Euglin verschafft Siegfried das Schwert Balmung, sogenannt, weil es aus der Höhle (balma) stammt, oder „Sohn des Glanzes“ (got. balms-Glanz). Wade bringt seinen Sohn Wieland zu dem berühmten Schmiede Mime in Niedersachsen, damit er dort schmieden lerne. Auch Siegfried befindet sich dort und tut den Schmiedgesolien manches Böse, schlägt und prügelt sie. Das Schwert, das Wittich, Wielands Sohn, führt, ist dem Meister zu Ehren Mimung genannt. Nach drei Jahren bringt Wade seinen Sohn zu zwei Zwergen im Berge Ballofa (Balve in Westfalen) und zahlt ihnen dafür, daß sie ihn zwölf Monate lang in die Lehre nähmen, eine Mark Goldes. Aber nach Ablauf des Jahres wünschen sie Wieland zu behalten und geben das Gold zurück: wenn jedoch Wade nach Jahresfrist nicht am bestimmten Tage zurückkäme, sei ihnen Wielands Leben verfallen. Wade läßt sein Schwert im buschigen Moore zurück, damit sein Sohn im Falle der Not sich seines Lebens wehren könne. Als er dann noch vor dem abgemachten Tage wiederkehrt, findet er den Berg verschlossen und legt sich schlafen. Infolge starken Regens und eines Erdbebens löst sich oben von dem Berge eine Klippe, stürzt mit einem Strome von Wasser, Bäumen, Steinen, Schutt und Erde auf Wade herab und tötet ihn. Um don Zwergen zu entgehen, reißt Wieland das Schwert heraus, erschlägt sie, nimmt all’ ihr Schmiedezeug und all’ das Gold und Silber, bepackt sein Roß mit dem Schatze und verläßt Westfalen (Thidreks. 57 ff.). Im Arthusromane des Strickers „Daniel“ besitzt der Zwerg Juran ein wunderbares Schwert, dem keine RQstung widerstehen kann. Seine Waffe, die sogar einmal mit der sagengemäfien Bezeichnung ,sahs‘ benannt wird, schneidet Stein wie Holz: er haut in einen Fels ein solches Loch, daß man da durchreiten kann; wenn sich ein Mann auch in zwölf Halsberge kleidet, so ist er doch nicht dagegen geschützt. Er läßt sich mit Daniel in einen Zweikampf ein, dessen Preis in der Liebe einer Frau bestehen soll, darf aber sein Zauberschwert dabei nicht benutzen. Ein Kreis wird für den Kampf beschrieben, das Schwert wird weit außerhalb desselben niedergelegt, und bald zerbricht dem Zwerge sein Schwert. Daniel setzt dem kleinen Herrn fürchterlich zu, kann ihm aber weder Helm noch Halsberg verschneiden. Da springt Juran nach dem beiseite gelegten Schwerte, Daniel aber überholt ihn mit seinen »langen Beinen und faßt es zuerst. Vergeblich sncht der Zwerg es ihm zn entreißen, mit seiner eigenen Waffe wird ihm der Kopf abgehanen. Wie Daniels versagt auch Dietleibs Schwert vor Laurins in Drachenblut gehärtetem Panzer (185, 1373). Der drollige Wettlauf zwischen Daniel und Juran erinnert an den Alberichs und Siegfrieds, die wie die wilden Leuen an den Berg rennen, bis Siegfried seinem Gegner die Tarnkappe abgewinnt (N. L. 97, 98).

Die Zwerge sind nicht nur geschickt und klug, sondern auch heilkundig.

Kriemhild ist auf dem Drachenstein durch die dem Ungeheuer entströmende Glut ohnmächtig geworden, auch Siegfried ist die Farbe entwichen und kohlschwarz sein Mund. Da gibt Kugel Kriemhild eine Wurzel in den Mund, und sogleich ist sie genesen. Ein anderer Zwerg heilt Helfrichs Wunden, die er von Dietrich empfangen hat, mit einer Wurzel (Eckenl.). Baidung, Alberichs Sohn, gibt dem Berner eine Wnrzel, die den Zauber aufhebt, durch den Dietrichs Gegner, ein wilder Mann, unverwundbar ist. Er erzählt ihm, daß der wilde Mann den hohlen Berg in Besitz nehmen wolle, darinnen tausend Zwerge wohnten, und daß er jeden Zwerg tote, der vor den Berg käme. Sneewittchen wird durch die Zwerge vor Krauk-heit und Tod gerettet (K. H. M. Nr. 53).

Die Gestalt des Zwergkönigs, der dem kleinen Volke vorsteht, braucht nicht erst aus der Zeit der Völkerwanderung zu stammen, sondern kann sehr wohl auf Erinnerungen an die vor den eimvandernden Deutschen ansässige Zwergbevölkerung beruhen, die natürlich gleichfalls ein Oberhaupt gehabt haben muß.

Der jungfräulichen Königin Virginal, die im Tiroler Hochgebirge thront, dienen viele edle Jungfrauen und Zwerge; sie benutzt den Zwerg Bibung als eiligen, zuverlässigen Boten. Dietrichs Gesellen Wolfhart zeigt ein Zwerg einen hohlen Berg, wo viele Zwerge hausen, die alle der Virginal untertänig sind. Der Zwerg, den Dietrich vor dem wilden Manne rettet, nennt sich Baidung, Alberichs Sohn. Vor seinem Kampfe mit Vasolt kehrt Dietrich bei einem Zwergkönig Albrian ein und übernachtet in dessen Burg. Dem Alberich gehorchen im Ortuit viele Berge und Täler, im N. L. ist er ein Dienstraann der Könige Schilbung und Nibelung. Im Ruodlieb begegnen als Zwergkönige Immunch und Hartung, in Ulrichs Alexander Antiloi8, in dem Artusromane des Pleiers Gare), Albewin, im Tandarois desselben Verfassers eine Zwergkönigin Albiun, im Seyfriedsliede Eugel und seine beiden Brüder, die Söhne Königs Nibling. Laurin ist König in Tirol, nach seiner Besiegung durch Dietrich schickt der Zwerg Sintram Botschaft zu König Alberich, und dieser sendet sie weiter in andrer Zwerge Land, fernhin über das Meer zu einem großen Herrn, der gewaltig über alle Zwerge war, die jenseits des Meeres in den Bergen hausen. Walberan heißt dieser Zwergkönig und ist Laurins Oheim. Mit einem gewaltigen unsichtbaren Heere fährt er von Asien nach Italien und bekriegt Dietrich; wenn nicht Laurin und Hildebrand vermittelt hätten, wäre es dem Berner Übel ergangen. Sinneis ist Laurins Bruder, sein Land und Berg liegt bei dem Lebenneer, aber er genießt wenig Freuden; denn wilde Würmer verzehren ihm sein Heer, und in seiner Not bittet er Laurin um Hilfe (Wartburgkrieg; S. 112). Dem Zwergkönig Goldemar entreißt Dietrich eine geraubte Jungfrau. Auf Schloß Hardenberg an der Ruhr hält sich König Goldemar als Hausgeist auf, spielt wunderschön Harfe, ist des Brettspieles kundig und teilt mit dem Grafen das Bett. Sein dreijähriger Aufenthalt auf dem Schlosse gilt eigentlich der schönen Schwester des Grafen, der den Zwergkönig Schwager nennt. Die Volkssage nennt ihn vielleicht König Volmar; als ein neugieriger Küchenjunge ihm einmal Erbsen und Asche streute, damit er beim Fallen seine Gestalt in der Asche abdrückte, fand man den Küchenjungen am andern Morgen am Bratspieße stecken. Der Zwergenherzog Eggerich rettet durch seine List Dietrich aus der Wurmhöhle, in die ihn Sigenot geworfen hat. Daß die Zwergkönige nach schönen Mädchen trachten und sie in den Berg entführen, ist durchaus mythisch; umgekehrt locken die Nibelungen, Kriemkild, Hagen und Günther, dessen räuberischer und doch feiger Charakter nur im Mythus seine Erklärung findet, Siegfried in ihr Nebel- und Totenreich. Reich ist auch die Volkssage an Zwergkönigen. Die Gemsen und Steinböcke gehören einem mächtigen Zwerge, der nicht duldet, daß seine Herde von den Menschen gelichtet wird. Als trotz seines Versprechens ein Gemsjäger auf einen stolzen Leitbock anlegen will, reißt ihn der Zwerg am Knöchel des Fußes nieder, daß er zerschmettert in den Abgrund sinkt (D. S. Nr. 300, 301). Gibick (der Freigebige, Gütige) ist König der Zwerge im Harz, gebietet über Regen und herrscht in einem unterirdischen Reiche, das nicht minder glänzend ausgestattet ist als das Laurins; Gibiclieustein bei Halle und llübichenstein im Harz sind nach ihm benannt. Zwischen Walkenried und Neuhof hatten einst die Zwerge zwei Königreiche (D. S. Nr. 152). Der Zwerg, der dem Scherfenberger erscheint, hat eine goldene Krone auf dem Häuptlein, und seine Geberden sind die eines Königs; er teilt ihm mit, daß ein gewaltiger König sein Genosse sei um eid großes Land: darum führten sie Krieg, und sein Nebenbuhler wolle es ihm mit List abgewinnen (D. S. Nr. 29). Tn einem roten scharlachfarbenen Mantel wird der König der Bergmilnnlein einem Manne sichtbar, der die Kunst verstand, Geister zu beschwören (D. S. Nr. 38). Ein alter Mann, des Namens Heiling (Nebelsohn?), herrscht als Fürst über die kleinen Zwerglein in Deutschböhmen (D. S. Nr. 151, 328). Eine Reihe deutscher Sagen erzählt von dem Tode des Zwergkönigs, der den Genossen durch eine Botschaft mitgeteilt wird und sie zum Aufbrucho ruft: König Knoblauch ist tot! König Pingel ist tot! die alte Mutter Pumpe ist tot! Fehmöhme ist tot! (S. 78).

Wie die gefangene Mährte die Frau des Hauses wird oder als Magd und Haushälterin Dienste leistet, bis sie den Weg durchs Schlüsselloch wieder frei findet und entflieht, so stellt sich um Mitternacht ein Schwarm Zwerge ein und macht sich eifrig an die unvollendet gebliebene Arbeit. Kommt mau aber plötzlich mit Licht oder streut Asche, um ihre Spur zu entdecken, so ziehen sie ab und kehren nimmer wieder. Sie verschwinden auch mit herzzerreißendem Weinen und Wehklagen, wenn man ihnen statt der alten abgetragenen Kleider neue hinlegt. In norddeutschen Sagen pflegen die Zwerge beim Abzug zu klagen: Ausgelohnt! Selten nur singen sie tanzend und hüpfend:

Sind wir nicht Knaben glatt und fein,

Was sollen wir länger Schuster sein?

(K. H. M. Nr. 39).

Nicht weil er ausgelohnt wird, sondern weil er sich entdeckt weiß, zieht der Zwerg und Hausgeist ab: in den Alpsagen kehrt dasselbe Motiv unzählige Male wieder (vgl. D. S. Nr. 76).

In der Volkssage haben die Zwerge ein vollkommenes Familienleben und geordneten Hausstand. Sie haben Frauen und Kinder, aber sie müssen auch sterben.

Bei der Geburt ihrer Kinder bedürfen sie menschlicher Hilfe (D. S. Nr. 41, 68), bitten die Menschen zu Gevattern; sie feiern Hochzeiten, besuchen auch menschliche Hochzeiten (D. S. 39), verleihen und leihen Kessel, Töpfe, Teller und Schüsseln (D. S. 33, 36, 154, 302), auch Brot (34), backen Brot und Kuchen (298) und trinken Bier (43). Aber das stille Volk wird durch die Errichtung der Hämmer und Pochwerke vertrieben; wenn die Hämmer abgingen, wollten sie wiederkommen (36). Auch das Schwören und Fluchen der Menschen, sowie deren Treulosigkeit beunruhigt sie und verjagt sie aus den geliebten Sitzen (34). Noch mehr als das Pochen der Hämmer und Mühlen, das Getöse der Trommeln, das Knallen der Peitschen und das laute Schreien ist ihnen das Glockengeläut verhaßt. Bei dem Abzüge müssen sie oft Geld erlegen (D. S. Nr. 153), unsichtbar wie Walberans Schar überschreiten sie die Brücke (152), lassen sich vom Fährmann gegen gute Belohnung übersetzen und lassen sieb nie wieder sehen, oft haben sie auch Wohlstand und Gedeihen der Gegend mitgenommen.

Aber neben den erwähnten Mitteln, die Zwerge abzuwehren, kennt die Volkssage auch eine Elben pflege.

In Idria stellten ihnen die Bergleute täglich ein Tüpflein mit Speise an einen besonderen Ort. Auch kauften sie jährlich zu gewissen Zeiten ein rotes Röcklein, der Länge nach einem Knaben gerecht, und machten ihnen ein Geschenk damit. Unterließen sie es, so wurden die Kleinen zornig und ungnädig (D. S. Nr. 38). Will man den Bergmännlein Fragen vorlegen, so muß man ihnen ein neues Tischlein hinsetzen, ein weißes * Tuch daraufdecken und Schüsseln mit Milch und Honig, sowie Teilerchen und Messerchen vorlegen (D. S. Nr. 38). Eine Beichtfrage bei Burchard von Worms lautet; „Hast du kleine kindliche Bogen und Kinderstiefelchen gemacht und sie in deine Kammer oder Scheune gelegt, damit die Zwerge, Kobolde oder Schrate mit ihnen spielen, dafür Hab und Gut von andern dorthin tragen und du dadurch reicher werdest?* Der wohlbekannte Brauch, den Wichtelmännchen Spielzeug hinzulegen (z. B. Kugeln zum Hollen oder auch kleine Schuhe) oder Milch und Essen vorzusetzen, war also im 10. Jhd. ebenso lebendig wie noch heute und muß in das höchste Altertum zurückreichen (vgl. K. II. M. Nr. 39). Der Mönch von St. Gallen erzählt im Leben Karls des Großen von einem Schrat, der das Haus eines Schmiedes besuchte und sich nachts mit Hammer und Amboß erlustigte (130).

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte

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Kunstwerke aus der altnordischen Mythologie
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Walhall – Germanische Götter- und Heldensagen

Deutsche Mythologie

Verschiedene Gebräuche der Seelenabwehr sind über den ganzen Erdkreis verbreitet. Zu gleichen Zwecken hat der Mensch überall Vorkehrungen getroffen, um die spukende Seele zu vertreiben oder unschädlich zu machen. Die Geister und Gespenster scheuen den nackten Menschen. Wer von bösen Träumen heimgesucht wird, kann sich dagegen wehren, wenn er beim Schlafengehen sich in der Mitte der Stube ganz entkleidet und rückwärts zu Bette geht. Nach einem Todesfälle werden sogleich die Fenster geöffnet, damit die Seele nicht länger im Hause bleibt. Die Töpfe werden umgekehrt, damit die Seele nicht irgendwo unterschlüpfen kann. Hinter dem Sarge her wird die Stube ausgekehrt, um das Wiederkommen zu verhüten, oder man gießt, wie schon zur Zeit Burchards von Worms schweigend unter die Totenbahre, so heute der Leiche einen Eimer Wasser nach, dann kann sie nicht umgehen. Auf großen Umwegen wird die Leiche nach dem Kirchhofe gefahren, damit der Tote den Weg nicht zurückfindet. Der Wunsch, die Rückkehr des Verstorbenen zu verhindern und zugleich seine Reise ins Jenseit für ihn selbst bequemer und sicherer zu machen, hat zu dem weitverbreiteten Brauche geführt, dem Toten Schuhe mit ins Grab zu geben (s. u. Einrichtung der Welt). Rind und Roß dem Toten ins Jenseits mitzugeben, war altgerm. Brauch: sie sollen nicht nur dem Verstorbenen im Jenseits dienen, sondern sie sollen ihm, wie die Schuhe, Wagen und Schiffe, helfen, daß er bequem und ungefährdet ins Totenreich gelange. Pommersche Leidtragende lassen, wenn sie vom Kirchhofe zurückkehren, Hirsenstroh hinter sich zurück, damit die wandernde Seele darauf ruhen und nicht nach Hause zurückkehren möge. Wie Stroh einst das Wesentlichste am Lager war, so knüpfen gerade hieran noch alte Bräuche. Das Revestroh (got. hraiws, ahd. hreo, mhd. re Leichnam, ursprünglich der blutige, getötete Leib, caro, cruor, xQEas) wird im Hause verbrannt oder auf das Feld geworfen, damit es schnell verwese; denn von seiner Vernichtung hängt die Wiederkehr des Toten ab. Nimmt man es mit nach Hause, so kommt der Geist des Nachts immer wieder auf die Hofstätte zurück, um sein ihm entzogenes Eigentum zu suchen. Sogleich nach dem Tode legt man den Verstorbenen auf das Rehbrett, d. i. Leichenbrett, um dem häuslichen Gebrauche nichts anderes entziehen zu müssen, da auch diese Unterlage dem Toten gehört: der tote Siegfried wird gewaschen und „üf den re“ gelegt (N. L. 967).

Diese Leichenbretter entsprechen den Bauta- und Runensteinen des Nordens, sie deckten den Toten unmittelbar, legten ihn fest und verhinderten seine gefürchtete Wiederkehr. Besonders in Oberbayern und im Bayerischen Walde sieht man lange Schmalbretter im Erdreich aufgepflanzt, gruppenweise oder vereinzelt: oft mitten im Walde, wo die Fußsteige vorübergehen, an Waldbäumen oder auch an Feldwegen, bisweilen am Acker, den der Tote einst bestellte (Fig. 1 und 2). Auf dem Rehbrett bleibt der Tote bis zum Begräbnisse liegen; der Maler streicht es dann blau an und setzt den Namen, Geburts- und Todestag des Verstorbenen darauf, eine Bitte um ein Vaterunser und auch wohl einen Spruch, der die Vergänglichkeit alles Irdischen lehrt. Niemals aber findet man Totenbretter an geweihter Stätte, und heilige Scheu umgibt sie; niemand vergreift sich an den ungeschützt im Freien stehenden Denkmälern, bis sie morsch verwittern. Wahrscheinlich kommt das Totenbrett auch den Alemannen und Franken zu. Ein lignum insuper positum“ erwähnen die leges Bajuvariorum (Tit. 19, C. 8), das salische Gesetz (Tit. 339) spricht von einem „Haristado h. e. stapplus super mortuum missusd. h. von einer Heersäule oder einem Stappel (= Stütze, Säule, Pfosten), der über dem Toten ins Grab gelegt wird, und von einem „nach altem Brauche aufs Grab gelegten Steg“: alle drei Zeugnisse scheinen doch von Toten-brettern zu sprechen.

Um die Rückkehr des Toten abzuwehren, beseitigt man also alles, woran sich die Seele besonders gern zu heften pflegte: man vernichtete entweder die Gegenstände oder legte sie dem Toten mit ins Grab. Der toten Mutter gibt man Kamm, Schere, Fingerhut, Zwirn und Nadel und ein Stückchen Leinwand, Bettchen, Häubchen und Windeln des Kindes, und wenn ihr dieses selbst in den Sarg folgt, diesem Puppen und Spielzeug mit, damit die Mutter nur ja nichts zu holen habe. Aber neben diesen negativ vorbeugenden Mitteln gab es auch positiv abwehrende. Man erschwerte dem Toten nicht nur den Weg oder die Zurechtfindung, sondern man übte noch besondere Gebräuche und Vorsichtsmaßregeln, um den geisterhaften Angriff abzuwehreu. Da die Zeit der schwärmenden Geister besonders die Nacht ist, zündete man Feuer an, um die feindlichen Gespenster abzuhalten. Brennende Lichter schützen gegen Gepenster, gegen den Alp und gegen die Hexen; bei Kranken und neugeborenen Kindern müssen Kerzen brennen. Ebenso vertrieb man die Geister durch Lärm, wie z. B. noch heute in China bei Seuchen und Landplagen. Schießen und anderes starkes Lärmen, wie Knallen mit den Peitschen, auch G lock engeläute ist allgemein ein Mittel gegen böse Geister, besonders gegen Hexen. Durch Schießen am Pfiugsttage vertreibt man die Unholde von den Feldern. Am Polterabend begann ein fürchterliches Lärmen in dem Hause, das die Brautleute beziehen sollten. Alle Fensterläden wurden geschlossen, jede Öffnung zugekeilt, nur die Haustüre weit offen gelassen. Dann wurde oben unterm Dache mit schrecklichem Lärmen und Poltern begonnen, vom Speicher pfianzte es sich durch alle Räume bis in den Keller fort, dann die Kellertreppe hinauf, zur Haustüre hinaus. Der „Polterabend“ bezweckte also eine Reinigung des neu zu beziehenden Hauses von bösen Geistern und lehrt aufs deutlichste, mit welchen sinnlichen Mitteln man gegen diese Vorgehen mußte. Noch heute werden auf den Weihnachtsmärkten „Brummtöpfe“ und „Waldteufel“ feilgeboten, die kein Mensch mehr zu etwas Nützlichem zu verwenden weiß. Aber zweifellos hat man mit diesen einmal die Geister von den Häusern fortgescheucht, und das Ding, mit dem man den Teufel wieder in den Wald trieb, hieß darum auch der „Waldteufel“. Ihm entspricht genau das Schwirrholz, mit dem manche wilden Völker noch heute lästigen Geisterbesuch fernzuhalten suchen. Und was soll die Rute, die heute zur Weihnachtszeit eine so große Rolle spielt? Schwerlich würden Kinder sie sich gewünscht haben, wenn diese zu ihrer Züchtigung gedient hätte. Früher erhielt das Kind grüne Zweige und Reiser mit den Martins- und Nikolausgeschenken, erst das 16. Jhd. legte der Rute pädagogischen Sinn unter, und noch heute droht man, höchst unpädagogisch, den Kindern zur Zeit der heiligsten Freude mit der Rute Knecht Ruprechts. Es ist ein idg. Glaube, daß die Berührung mit einer Rute unter gewissen Feierlichkeiten Krankheiten des Viehs vertreibt und die feindlichen Geister von Haus und Herd, Feld und Flur verscheucht. Aber die Rute, die ursprünglich nur abwehrt, wird später in der Hand des Hirten zur Lebensrute, die feindlichen Zauber abwendet und Wachstum hervorbringt, und auf dem Acker sogar ein Symbol der Fruchtbarkeit. Nr. 22 des Indiculus (de tem-pestatibus et cornibus et cocleis) handelt von Instrumenten, Hörnern und Muscheln, mit denen man Lärm machte, um Unwetter zu vertreiben. Offenbar sind unsere Wetterhörner und Wettermuscheln gemeint. Beim Blasen der Wettermuschel soll sich noch heute im Kinzigtaie das Wetter „sichtlich“ verteilen, uud das „Wetterläuten“ ist allgemein bekannt. Karl d. Gr. verbot 789, gegen Wettergefahr Glocken zu taufen und mit Zauberformeln versehene Zettel an Stangen aufzuhängen.

Es ist merkwürdig, welche Scheu vor dem Wasser die Naturvölker den Geistern zuschreiben; man glaubt diese überall wiederkehrende Auffassung in eiue Zeit zurückverlegen zu müssen, wo der Mensch dem Wasser noch wehrund machtlos gegenüberstand und es als feindliches, hinderndes Element betrachtete. Darum wird bei vielen Völkern das Totenreich jenseit eines Flusses gedacht, weil kein Wesen ihn zu überschreiten vermag. Noch heute gießt man des Nachts Wasser vor die Tür: daun bleibt der Tote wehklagend stehen und kann nicht hinüber.

Zwei alte Zeugnisse zeigen, wie grausam man die Wiederkehr des Toten zu verhindern suchte:

Eine mit ihrem Kinde in den Wochen estorbene Krau heftete man mit einem Pfahle im Grabe fest (Burchard von Worms). Eine Ehebrecherin ward mit einem Stricke, der aus ihrem eigenen Haare geflochten war, an einem Baume aufgehängt; nach drei Tagen ward ihr Leichnam verbrannt, die Asche ins Wasser geworfen, daß nicht die Sonne dunkle, nicht die Luft den Regen weigere, oder Hagel wüste: man fürchtete also, daß eine Verbrecherin als Gespenst weiter lebte und Schaden verübte, wenn der Körper nicht bis aufs letzte Stäubchen vernichtet würde (Ruodlieb VIII, 50—57).

Während wir unserer Toten nur noch gedenken können, waren unsere Vorfahren von ihrem Weiterleben und ihrer Gegenwart überzeugt Aber sie suchten die Toten nicht nur fern zu halten, sondern sahen sie gern um sich, im eigenen Hause, reichten ihnen den Becher, rüsteten ihnen Tisch und Mahl und tranken mit ihnen Minne. Die Totenpflege unserer Ahnen entrollt uns ein Bild kindlich traulicher Innigkeit, das auch unseren Blick noch mit rührender Teilnahme zu längerem, liebevollem Verweilen zwingt. Was dem Verstorbenen auf Erden lieb und wert gewesen war, das gab man ihm mit ins Grab, damit er sich nicht von seinen Lieblingsdingen zu trennen brauchte. Die Gräberfunde gehören zu den ältesten Zeugnissen für mythische Vorstellungen; Waffen und Schmuckgegenstände, Geld und Gut, Handwerkszeug und Trinkhörner, Pferde- und Hunde- und Sklavenskelette, sowie Steinamulette sind aus dem Schoße der Erde wieder ans Tageslicht gefördert. Schon Tacitus bezeugt ausdrücklich, daß jedem Manne seine Waffen mitgegeben wurden (Germ. 27).

Im Grabe des Frankenkönigs Childerich in Tournay wurden eine Anzahl Münzen und auch der Kopf eines Pferdes gefunden. Mit dem toten Alarich werden reiche Schätze in den Schoß des Busento versenkt (D. S. Nr. 372), Alboin wurde in vollem Waffenschmucke beerdigt, und Kaiser Otto III. sah Karl den Großen im Dome zu Aachen in voller Kaiserpracht thronend und nahm das goldene Kreuz, das der Leiche am Halse hing, an sich. Noch 1781 wurde zu Trier ein Kavallerie-General nach altem heiligem Brauche bestattet: bei dem Leichenzuge wurde sein Pferd mitgeführt, und nachdem der Sarg in das Grab gesenkt war, getötet und in die Gruft geworfen. Eine letzte, schwache Erinnerung ist es, wenn noch heute bei der Bestattung eines Soldaten das gesattelte und aufgezäumte Streitroß hinter der Leiche mitgeführt wird, und wenn verstorbenen Ordensrittern die Orden bi9 an das Grab nachgetragen werden.

Dem Toten gebührte von Rechtswegen ein Drittel des eigenen Nachlasses als Ausstattung für das Leben im* Jeuseits. Dieser Totenteil bestand nicht nur aus Geld und Gut, sondern aus der Fahrnis überhaupt, die mit ihm verbrannt und begraben wurde. Er wurde in christlicher Zeit zum Seelgerät, Seelschatz, und der Tote erhielt seinen Anteil am eigenen Nachlasse dadurch, daß dieser zu kirchlichen oder wohltätigen Zwecken verwendet wurde; denn die Sorge für das Heil des Verstorbenen im Jenseits war jetzt Sache der Kirche.

Die sterbende Austrigild, die Gemahlin des Frankenkönigs Guntram, verlangte, daß jemand mit ihr sterben solle, und der König ließ ihre beiden Arzte töten (Greg. Tur. 5, 35).

Der grausame Brauch, daß die Witwe dem Gatten als sein Eigentum in den Tod folgte, gleich seinem Pferde und seinen Knechten, scheint schon zur Zeit des Tacitus verschwunden zu sein, denn er hätte ihn sonst sicher erwähnt (Germ. 27); aber bei den Herulern und Nordgermanen lebte er fort.

Wenn ein Heruler gestorben ist, muß seine Gattin, wenn sie etwas auf ihren Ruf gibt und ihr an einem freundlichen Gedenken nach dem Tode gelegen ist, sich am Grabhügel ihres Gemahls bald nach seinem Begr&bnis erdrosseln. Wenn sie es nicht tut, so wird sie ehrlos, und die Verwandten ihres Mannes fühlen sich durch sie beleidigt (Prokop, b. got. 2, 14; vgl. K. H. M. Nr. 16).

Die ostdeutschen Leichenfelder zwischen Elbe und Weichsel haben nicht nur beträchtliche Massen gerösteten Weizens ergeben, sondern auch kugelförmige, aus gestoßenem Korn und aus Tonerde zusammengeknetete Opferbrote. Ags. Bußordnungen von 700 und Burchard eifern dagegen, Körner in einem Hause zu verbrennen, wo ein Toter liegt. Weitere Funde zeigen, daß man ausgehöhlte Steine auf die Gräber legte und in diese Spenden goß, zur Nahrung für den Toten. Papst Gregor III. verbot im Jahre 739 in einem Schreiben an die alemannischen Bischöfe die heidnischen Totenopfer. Auf dem I. deutschen National-Konzil 742 wird jedem Bischof aufgetragen, alljährlich bei der Synode Umfrage zu halten, ob jemand an Losdeuten, Wahrsagen, Amulette, Beobachtung des Vogelfluges uud Hexereien glaube, zur Nachtzeit über einen Toten singe, esse oder trinke und sich gleichsam über seinen Tod freue. Zahlreiche Zeugnisse aus dem 8. Jhd. bekunden, wie schwer der Kirche die Bekämpfung der Kulthandlungen an den Gräbern gemacht wurde. Karl d. Gr. erließ 785 zu Paderborn bei Todesstrafe den Befehl, daß die Sachsen auf den Gräbern ihrer Vorfahren nicht mehr tanzen, singen und schmausen sollten. Die erste Nummer des In-diculus verbietet den Sachsen das Totenopfer (de sacrilegio ad sejmlchra mortuorum), und Burchard von Worms eifert noch um das Jahr 1000 gegen die Spenden, die in gewissen Gegenden an den Gräbern der Verstorbenen gebracht werden.

In welchem Ansehen die Totenpflege stand, und wie sehr mit ihr der Ahnenkult zusammenhängt, zeigt wiederum der Indiculus (Nr. 25: de eo, quod sibi sanctos fingant quoslibet mortuos). Er verbietet, beliebige Tote zu Heiligen zu machen. Diese Gefahr lag für den Deutschen bei solchen Männern nahe, die schon bei Lebzeiten besondere Macht über ihre Mitmenschen und deren Geschicke besessen hatten; ihnen mußte ja nach dem Tode übermenschliches Können und Wissen zugeschrieben werden. In gleicher Weise verbietet das ags. Gesetz König Eadgars nebeneinander Totenbeschwörung und Menschenverehrung.

Die bereits besprochenen Schatzsagen (S. 13) zeigen, daß die Ruhe des Toten heilig war, und daß kein Frevler wagen durfte, nach den ihm mitgegebenen Schätzen zu trachten. Die Beraubung eines Toten (Walraub) war durch strenge Gesetze bestraft. Der Walraub war nach dem Edikt dos Langobardenkönigs Hrothari Blut raub (plödraub) oder R e r a u b (hrairaub). Blutraub beging man an einem Menschen, den man selbst getötet hatte, mochte der Totschlag um des Raubes willen verübt sein oder nicht. Dem Getöteten durfte man nach ags. Gesetz nichts nehmen, sondern man sollte den Leichnam auf den Schild legeu, das Haupt nach Westen, die Füße nach Osten gerichtet. Selbst der, der beim Wegschießen der Aasvögel die Leiche mit dem Pfeile verwundete, mußte nach bayerischem Volksrechte zwölf Schilling Strafe zahlen. Reraub war die Beraubung eines Leichnams ohne Konkurrenz mit erlaubter oder unerlaubter Tötung. Die strafrechtliche Behandlung der Missetat gestaltete sich verschieden, je nachdem sie am unbestatteten oder am bestatteten Leichname verübt war. Bei den Franken machte die Beraubung eines bestatteten Leichnams friedlos. Auch auf Herauswerfen der Leichen aus dem Grabe (crapworf) waren strenge Strafen gesetzt. Damit hängt wohl auch zusammen, daß die Deutschen die Leichen der Gefallenen selbst in zweifelhaften Gefechten zurücktragen (Germ. 6).

Was den Menschen ergötzte, mußte auch den Abgeschiedenen erfreuen. Auch er mußte sich an Schmaus und Trank, froher Scherzrede und dem Ruhme seiner Taten laben. Darum erklangen feierliche Totenklagen während des Totenzuges und bei der Bestattung.

Der sterbende Wolfhart beauftragt seinen Oheim Hilde-brant, die Totenklage um ihn abzustellen (N. L. 2239):

„Und wollten meine Freunde im Tode mich beklagen,

Den nächsten und den besten sollt ihr von mir dann sagen,

Daß sie nicht um mich weinen, das tu nimmer Not.“

Schon Tacitus kennt die Totenklage (Germ. 27): „ Weh-Magen und Weinen gehen sie schnell, Schmerz und Trauer langsam auf; Frauen ziemt Trauerklage, Männern Erinnerung“.

Nach der Schlacht auf den katalaunischen Feldern 451 wurde der König Th eoderich mitten in dem dichtesten Haufen der Leichen erschlagen gefunden. Die Goten ehrten sein Andenken mit Liedern und erwiesen noch während der Wut des Kampfes mit ihren unharmonischen Stimmen der Leiche die letzte Ehre. Tränen wurden vergossen, aber solche, die tapferen Männern nachgeweint zu werden pflegen (Jord. c. 41). Zwei Jahre später wird der Hunnenkönig Attila ganz nach germanischem Brauche bestattet; die Totenklage, die dabei ertönt, darf als ein Rest gotischer Poesie des 5. Jhds. gelten. Mitten auf dem Felde unter seidenem Zelte wurden die sterblichen Reste Attilas aufgestellt. Dann wurde ein wunderbar feierliches Schauspiel aufgeführt. Die besten Reiter aus dem ganzen Hunnenvolke ritten um den Platz herum und verherrlichten seine Taten in einer Totenklage auf folgende Weise: „Attila der Mächtige, Mundzuks Erzeugter,

Herrscher der Hunnen, König kampfmutiger Völker, der wie kein anderer vor ihm Scythiens und Germaniens Reiche mit uneihörter Macht allein regierte, der beiden Kömerreiche Schrecken, der Städteeroberer: um nicht alles den Feinden zur Beute werden zu lassen, ließ er sich erbitten, jährlichen Tribut anzunehmen. Da er alles dieses mit Glöck vollbracht hatte, fand er nicht durch eine Waffe der Feinde, nicht durch den Trug der Seinigen, mitten im freudigsten Glück, im Glanze seines Volkes, sonder Schmerzenempfindnng den Tod. Wer sollte also das für des Lebens Ende halten, wo niemand an Rache denken kann?“ Nachdem sie ihn mit solchen Klageliedern betrauert, feierten sie auf seinem Grabhügel eine strawa (Aufbahrung, got straujan), d. h. ein gewaltiges Trinkgelage, und indem sie die Gegensätze miteinander verbanden, vermischten sie die Totenklage mit Äusserungen der Freude. Dann übergaben sie in der Stille der Nacht den Leichnam der Erde und legten die durch Feindes Tod erbeuteten Waffen, kostbaren Pferdeschmuck, strahlend von Edelsteinen aller Art, und mancherlei Ehrenzeichen bei, mit denen der Glanz des Hofes geziert wird. Und damit menschliche Neugier von so vielen großen Reichtümern fern gehalten würde, töteten sie die mit der Arbeit Beauftragten nach vollbrachtem Werk: offenbar ein Totenopfer (Jord. c. 49).

Ergreifend ist die Schilderung, die das ags. Epos von der Leichenfeier Beowulfs entwirft (3138 ff). Die Recken bereiteten einen Scheiterhaufen auf der Erde, einen festgefügten, mit Helmen behängen, mit Heerkampfsschilden, mit blinkenden Brünnen, wie er gebeten hatte. Mitten darauf legten den herrlichen Herrscher die Helden wehklagend, den geliebten Gefolgsherrn. Dann begannen sie auf dem Berge der Brandfeuer größtes zu erwecken, die Helden; der Holzrauch stieg empor schwarz von dem Scheiterhaufen, prasselnde Lohe, mit Klagelauten untermischt, wenn das Sturmgewühl ruhte, bis das Beinhaus gebrochen war heiß in der Brust. Darauf errichteten sie einen Hügel, der war hoch und breit und den Wogen-befahrern weithin sichtbar, und erbauten in zehn Tagen des Helden Denkmal; für die Asche stellten sie eine Grabkammer her und taten in den Hügel Ringe und kostbare Kleinodien. Dann ritten die Recken um den Hügel, sie wollten ihren Kummer klagen, den König betrauern, Hochgesang erheben und den Helden preisen; sie rühmten seine Ritterlichkeit und seine kühnen Taten, wie es billig ist, daß man seinen Herrn mit Worten feiert und in Liebe sein gedenkt, wenn er das Leben hat verlassen müssen. So betrauerten sie ihres Gefolgsherrn Fall, die Herdgenossen, sie sagten, daß der große König gewesen wäre unter den Männern der freigebigste und leutseligste, unter den Menschen der mildeste und stolz auf das Lob der Seinen.

Auch solange der Tote vor seiner Beerdigung sich noch im Hause befand, fanden mancherlei heilige Gebräuche statt. Die Kirche eiferte gegen den Unfug, der bei den Leichenwachen getrieben wurde und verbot das Absingen teuflischer Lieder, das Scherzen und Springen über den Toten, Gelage
und Mummereien. Selbst christlichen Priestern mußte nach Regino von Prüm verboten werden, mit den Heiden sich am Jahrestage oder am 30., am 7. und 3. Tage nach dem Sterbefalle zum Totengedächtnis zu berauschen, der Seele des Verstorbenen zuzutrinken, Klatsch- und Lachgeschichten zu erzählen oder zu singen und sich schimpfliche Scherze mit einem Bären und mit Tänzerinnen und Talamascae (geisterhafte Mummereien) vorführen zu lassen (I, 216). Bei Bur-chard von Worms heißt es: „Hast du der Leichenfeier des Verstorbenen beigewohnt, das* ist: hast du der Wache bei den Leichnamen der Verstorbenen beigewohnt, wo die Leiber der Christen nach Sitte der Heiden bewacht wurden? Hast du dort die Teufelslieder gesungen und an den Tänzen teilgenommen, die die Heiden nach Anweisung des Teufels erfunden haben?“ Drei Tage und drei Nächte wacht Kriemhild bei dem toten Siegfried (N. L. 997). Die Leichenwache ist nichts anderes wie eine Belustigung der Seele, solange sie noch im Hause weilt. Der Leichenschmaus aber wird der Seele zu Ehren gegeben, und sie nimmt selbst daran teil. Da man einst den Toten im Hause begrub — König A1 b o i n wurde noch unter der Treppe seines Palastes bestattet (Pis. Diac. 2, 28) —, fand das Mahl im Hause statt, später auf dem Grabhügel. Beim Leichenschmause lustig zu sein und viel zu genießen ehrt den Toten, denn er wünscht nach der kindlichen Vorstellung des Naturmenschen Erheiterung. Noch heute heißt es in der Oberpfalz: je mehr dabei getrunken wird, um so besser; es kommt dem Toten zu gut, und das Abhalten des Leichenmahles wird dort das „Ein-daichteln“ des Toten genannt (got. dauhts das Mahl). In Ganghofers Roman „Der Fidelweißkönig“ (I, 115) trägt ein junges Mädchen nach einem Todesfälle eine Schale mit Milch und weißes Brot an das Gesimse des Fensters und raunt innig und leise vor sich hin:

„Arme Seele, tu dich speisen,

Arme Seele, tu dich tränken,

Deine Reis’ is lang,

Dein Weg is drang.“

Rosegger entwirft in seinem tiefsinnigen Romane „Der Gottsucher“ eine nächtliche Totenfeier, die Zug für Zug den heutigen Volksbräuchen entnommen ist (S. 8 ff.).

Aber auch Klagerufe und Schmerzausbrüche erschallten bei der Leichenwache. Aus den Verschanzungen der Goten drangen im Jahre 537 des Nachts laute Wehklagen in das römische Lager hinüber (Prokop, b. got. 2, 2).

Nach hannoverschem Aberglauben beträgt die Frist, die der Seele auf Erden gegöunt ist, fünf Stunden; in dieser Zeit muß sie die Strafpredigt anhören, die die Gattin ihr hält. Nach dem Sachsenspiegel (I, 21, 22) bleibt die Witwe bis zum dreißigsten Tage im Besitze des ungeteilten Hausgutes, als wäre ihr Mann noch unter den Lebenden. Am 30. wird auch heute noch in vielen Gegenden das kirchliche Leichenamt wiederholt: dann sind die Pflichten gegen den Toten erfüllt Die alte mythische Dreizahl kehrt in dem Glauben wieder, daß der Tote am dritten oder neunten Tage noch einmal in sein Haus zurückkommt, und daß der Leichenwagen drei oder neun Tage rasten muß, d. h. zu keiner anderen Arbeit gebraucht werden darf.

Solange der Germane noch unstet als Nomade von Trift zu Trift zog, war an eine Wiederholung der Totenfeste nicht zu denken. In der späteren Zeit waren die Totengedächtnisfeiern mit der Verehrung der mächtigen Götter verbunden. Ein öffentliches Totenfest, das sich an das Früh-liugsfest der erwachenden Natur anscliloß, verbietet Nr. 3 des Indiculus (de spurcalibus in Februario). Widukind, Abt des Benediktinerklosters Corvey an der Weser, berichtet, daß die Sieges- und Totenfeier der Sachsen nach der Schlacht bei Scheidungen im Herbste des Jahres 531 drei Tage lang, vom 1. Oktober an, gewährt habe (s. u. Opferzeiten).

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen

Auch interessant:
Nordische Göttersage – Sammelkarten
Kunstwerke aus der altnordischen Mythologie
Germanische Schöpfungsgeschichte
Walhall – Germanische Götter- und Heldensagen

Deutsche Mythologie

Nachdem die Seele oder der Geist beim Tode den Körper verlassen hat, hält er sich in der Nähe des Grabes auf, wandelt auf der Erde oder fliegt in der Luft umher oder zieht in das eigentliche Geisterreich. Unter den Boden, unter die Schwelle grub man den Toten ein, um dem Hause einen Schutzgeist zu sichern. Der beliebteste Sammelplatz der Seelen ist der Altar des Hauses, d. h. der Herd, die uralte Begräbnisstelle. Norddeutsche Bauern erinnern sich noch, daß an den Ufern des sumpfigen Drörnling der Eintrittsort in das Land der abgeschiedenen Seelen war. Das Schauspiel der in die Unterwelt versinkenden Sonne rief den Glauben hervor, daß das Seelenheim im fernen Westen gelegen wäre. England, die Gegend des Sonnenunterganges, galt dem germanischen Altertum als das Land der Toten. Procop, der Geschichtsschreiber des gotischen Krieges, hat im 6. Jhd. einen ausführlichen Bericht aufgezeichnet (IV, 20):

An der Küste, die Britannien gegenüberliegt, befindet sich eine große Anzahl von Dörfern, deren Bewohner von Fischfang, Ackerbau und Schifffahrt nach Britannien leben. Sie sind den Franken untertan, zahlen aber keinen Tribut, da sie von alters her die beschwerliche Pflicht haben, abwechselnd die Seelen der Verstorbenen Überzusetzen. Vor Mitternacht merken sie, wie es an ihre Türen klopft, und hören die Stimme eines Unsichtbaren, der sie an die Arbeit ruft. Sogleich stehen sie auf, ohne sich zu besinnen, und begeben sich an den Strand, durch eine unbekannte Gewalt angetrieben. Dort finden sie Kähne vor, zur Abfahrt bereit, aber ganz menschenleer. Es sind das nicht ihre eigenen, sondern fremde Fahrzeuge. Sie steigen hinein und greifen zu den Rudern. Dann fühlen sie, wie die Schiffe durch die Menge der Mitfahrenden so schwer belastet werden, daß sie bis an die Deckbalken und die Rudereinschnitte im Wasser liegen und kaum einen Finger breit daraus hervorragen; aber zu sehen ist niemand. In einer Stunde schon sind sie am anderen Ufer, während ihre eigenen Boote die Überfahrt nicht unter einer Nacht und einem Tage machen. Am jenseitigen Strande entleert sich das Schiff und wird so leicht, daß nur noch der Ifiel die Wellen berührt. Sie sehen niemand auf der Reise, niemand bei der Landung, aber hören eine Stimme, die von jedem neu Ankommenden Namen, Stand und Herkunft ausruft; bei Frauen wird der Name dessen ausgerufen, dem sie im Leben angehörten. — Bis ins 13. Jhd. war die Erinnerung an ein britannisches Totenreich in Deutschland lebendig.

Deutsche Sagen wiederholen noch heute das Thema, wie die Mare aus Engeland über das Meer herüberkomme; da hört die von Heimweh Erfüllte von England her die Glocken klingen, noch einmal will sie ihre Mutter sehen, sie schmeichelt dem Manne den Urlaub ab und verschwindet, oft mit dem Rufe: „wie klingen die Glocken in Engeland“. Da aber die Seelen des heidnischen Volksglaubens in christlicher Zeit häufig in Engel übergingen, ist es nicht ausgeschlossen, daß das himmlische Totenreich als Engelland bezeichnet wurde.

Eine besonders von den Seelen heimgesuchte Stelle sind, wie bei den Indern, Griechen und Römern, auch die Kreuzwege, vermutlich alte verlassene Begräbnisplätze. Sie sind daher der Sitz des mannigfachsten Zaubers. Schon Eligius verbietet das Lichtanzünden an Kreuzwegen.

Floh der Lebenshauch aus dem erstarrten Körper, so schwebte er in die Luft empor, und die Seele flog mit dem wütenden Heere einher. War der Sturm als die Vereinigung von Seelen gedacht, so mußte den Geistern, während der Wind ruhte, ein bestimmter Ruheort zugeschrieben werden. Aus den Bergen bricht der Wind hervor, im Berge verweilte der Windgott Wodan, so wurden die Berge zum Seelenheim. Der Indiculus  verbietet die Opfer auf Steinen, Felsen und Bergen; denn in Bergen und Höhlen hausten die Seelen der Verstorbenen und kamen zu bestimmten Zeiten daraus hervor. Der Rattenfänger von Hameln lockt die Seelen der Kinder zu den Unterirdischen in den Koppenberg. In den Venus- und Hollenbergen verschwindet die wilde Jagd, und oft hört man das Heulen und Wimmern der Seelen aus dem Berge. Bei Worms wurde einst einige Tage hindurch eine große bewaffnete Menge von Rittern gesellen, die aus einem Berge herauszog und wieder dorthin zurückkehrte. Endlich näherte sich einer von den Bewohnern ängstlich dem Heere und redete einen daraus an. Da ward ihm die Antwort:

„Wir sind nicht, wie ihr glaubt, bloße Einbildungen, noch eine Schar Soldaten, sondern die Geister der verstorbenen Ritter.“

Auch ein Graf, der vor wenigen Jahren getötet war (1117), wurde in dem gespenstischen Zuge wahrgenommen. Im Münchener Nachtsegen werden allerlei biblische Stellen zitiert, um die Schwarzen und Weißen, die die Guten heißen, d. h. die alten Hausgeister abzuwehren; denn auch sie können schaden, wenn sie erzürnt sind. Zwar sind sie nach dem Blocksberg ausgewandert uud haben dort ihren ständigen Sitz; aber sie sind beleidigt und gekränkt dem Christentum gewichen, d. h. nach der Anschauung des Volkes in den Berg entrückt; und wenn sie des Nachts zum Hause zurückkehren, muß der im Bette liegende Schläfer ihren Zorn fürchten und versuchen, ihren feindlichen Einfluß abzuwehren.

In den Bergen ist auch der Wohnsitz der Lieblinge der deutschen Volksdichtung. Karl der Grosse ruht im Desemberge bei Paderborn oder im Unterberge bei Salzburg, Heinrich der Erste im Sudemerberge bei Goslar. Der im els&ssischen Bergschlosse Geroldseck (richtiger: in dem Wasserschlosse Geroldseck an der Saar) hausende Siegfried ist von dem Dichter Moscherosch (f 1669) erfunden, ebenso das Fortleben des Ariovist, Hermann und Widukind im Hügel Babilonie in Westfalen (D. S. Nr. 21). Nach dieser Vorlage hat dann unser Jahrhundert weiter gearbeitet; im Fichtelgebirge weilt Erzherzog Karl von Österreich, in der Sarner Scharte oder im Iffinger lebt Andreas Hofer fort und wird einst wieder erscheinen.

Obwohl die Darstellung auf das wütende Heer bei Wodan zurückkommen wird, sei doch schon bemerkt, daß es noch im 13. Jhd., im Münchener Nachtsegen, Wütanes her genannt wird. Wütendes Heer ist also entstellt aus Wutens-heer = Heer des Wuotan. Der Nacht- und Windgott ist in ältester Zeit bereits mit den im Sturme einherfahrenden Seelen in Verbindung gebracht und das Toteuheer nach dem Führer benannt. Der nächtliche Schrecken des wilden Heeres wird noch durch die Begleitung anderer entfesselter Naturgewalten gesteigert, durch den aus schwarzen Gewitterwolken hervorleuchtenden Blitz. Glözan und Lodevan, Wütan und Wütanes her werden im Münchener Nachtsegen abgewehrt: ihr sollt von hinnen gehn 1 Glö-zan. Feuerzahn, (mhd. gelohe Flamme, ahd. mhd. zan Zahn) soll der Blitz sein; Lode-van (mhd. lode Zotte, ahd. ludo zottige Decke) soll Zottelfahne bedeuten, und unter der zottigen Fahne sei die Wolke zu verstehen; wahrscheinlich aber sind Gloczan und Lodowan slavische Namen. In demselben Segen werden Herbrot und Herebrant aufgefordert, in ein anderes Land auszufahren. Auch diese beiden Namen, wovon Herbracht in einer oberdeutschen Beschwörung als ein den Augen feindlicher Krankheitsdämon, und Heribrand in westfälischem Aberglauben als Feuerdrache, in Mecklenburg als Herddämon wiederkehrt, den ein geweihter Kesselhaken vertreibt, scheinen mit dem wilden Heere zusammen zu hängen. Sie sind kaum die bekannten Heroennamen Hildebrand und Hadubrand, auf mythische Geister übertragen. Herbrot ist der im Gebälk des Hauses wohnende und auf Plünderung ausziehende Hausgeist und vergleicht sich dem bekannteren Ausdruck Heerwisch. Wird von einem Baume, der „Feuer in sich birgt“, d. h. den der Blitz versehrt hat, ein Balken zum Bau verwendet, so brennt das Haus ab. Wenn der Herbrand in ein Haus fällt, so brennt dieses nach sieben Jahren ab. Vielleicht ist Herbrot das Femininum dazu. Neuerdings erklärt man etwas gekünstelt Herbrant als die Brandstiftungen des einbrechenden feindlichen Heeres, und Herebrort als die Vorhut, die nächtlicherweile verheerend einfällt, sieht also in den Namen nur poetische, nicht mythische Beziehungen.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt

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