Die niedere Mythologie pflegt sich nicht mit einer einzigen Art der Naturpersonifizierung zu begnügen, sondern sie schafft sich noch eine zweite, davon geschiedene: zu den Elfen die Riesen.

Und nicht so sehr hat ein sittlicher Gesichtspunkt, der auf eine Scheidung von Gut und Böse Bedacht genommen hätte, diese Zweiteilung veranlaßt, sondern der Eindruck der bloß äußerlichen Größen- und Machtunterschiede der Naturgewalten. So erheben sich hinter den Elfen deren kolossale Gegenbilder, die Riesen, die dieselben Naturmächte wie jene verkörpern, aber in ihrem wilden Aufruhr, in ihrem verwüstenden Übermaß und in ihrer alles Andere überragenden Massenhaftigkeit oder gar in ihrer schrankenlosen Ausdehnung. Gewitter-, Sturm und Wolkendämonen sind auch sie wie die Elfen, aber vom allerheftigsten Temperament. Selbst die hohen starren Berge und das unabsehbare Meer werden zu Riesen, der alles hüllende und füllende Nebel, die tiefe undurchdringliche Finsternis und endlich die ewige Nacht der Unterwelt. Doch kommen einzelne Riesen auch in sanfteren Winden herbei, und im schneeweißen Gewölk strecken schöne Riesinnen ihre Glieder.

Im Norden, wo die Mythologie schon eine mittelalterliche Wissenschaft ist, wurde früh ein übrigens nur halb gelungener Versuch gemacht, das Riesengeschlecht als eine wohlgegliederte Einheit zu umspannen. Man richtete verschiedene Riesenstammbäume auf, die aber alle unvollständig und einseitig sind. In einer solchen besonders nordisch gearteten Genealogie heißt der Ahnherr einfach Fornjótr der alte Jüte, der die drei Söhne Hlér, und Kári hat Hlér Brauser, Brander oder Aegir, bei Saxo Ler oder Eyr, d. i. das Meer, haust auf der nach ihm benannten Insel Hlésey oder Lessö mitten im verrufenen Kattegat, dessen jütischer Küste große Sandbänke und dessen schwedischer viele offene, sowie tückischere verborgene Klippen vorlagern. Ihm gebar seine Gattin die Räuberin, neun Töchter, die Wellenmädchen Udr, Hrönn, Bylgja, Bára, ferner die Taucherin Dúfa, die Branderin K´ölga, die Stürmerin Hefring, die Blutlockige Blódughadda, die vom Blut der an den Klippen Zerschmetterten bespritzt ist, und die Himmelshelmige, d. h. wohl die bis zum Himmel gischende Himinglaefa. Auf Hlésey hausen nach dem Harbardslied Berserkerweiber und Wölfinnen, die Thor schlägt, weil sie alle Leute betrügen und sein Schiff schütteln. Das werden jene Wellenmädchen sein. Aegir ist sonst den Göttern ein guter Wirt; zu ihrem Festmahl bei ihm trägt das Bier sich selber auf. Fomjots zweiter Sohn Logt die Lohe hat ein unbestimmteres Gepräge als seine Gattin Glöd, die Heitere, Glänzende. Soll er nur das irdische Feuer, nicht auch die Himmelslohe, das drohende Wetterleuchten, bedeuten, wonach er auch Hálogi die Hochlohe heißt? Der dritte Sohn Kári der Rauscher, d. i. der Wind, tost hoch über dem Meer in der Schnee- und Eiswüste des norwegischen Dovrefjelds um den Sneehätta. Sein Sohn ist Jökull der Eisberg oder Frosti der Frost, dessen Sohn Snaer der Schnee, und dessen Kinder wieder Thorri, die Dürre, dann die Schneehäuferin, die Schneewirblerin und die Schneestäuberin sind. Die großartigen Züge der norwegischen Natur, das rauhe Meer und das stürmische Schneegebirge, sind hier deutlich verkörpert, vielleicht auch die an diesen Küsten so häufig bis in den Winter hineinleuchtende Gewitterscenerie. Aber die Wolkenriesinnen und die Waldriesen fehlen und manche andere.

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Mythologie der Germanen

Religiöse Gebräuche begleiteten das Leben unserer Vorfahren vom Augenblicke der Geburt an bis zur Todesstunde. Fühlte die junge Mutter die schwere Stunde herannahen, so rief sie die Schicksalsfrauen um gnädigen Beistand an. Das kaum geborene, schwache und hilflose Kind war mit eier Mutter vor allem den Angriffen der nächtlichen Unholde ausgesetzt. Gegen die Hexen, Druden, Maren und Elbe, die das Kind zu rauben oder gegen einen Wechselbalg zu vertauschen suchen, brannte nachts das abwehrende Feuer. In die Wiege ward zum Schutze gegen Unheil ein Runenzauber eingeritzt; in Süddeutschland malt man noch heute den Drudenfuß gegen die Hexen daran. Um das kleine Wesen vor dem Alp zu sichern, forderte man ihn in Beschwörungsformeln auf, den Sand, die Sterne, alle Wege zu zählen, oder man stellte einen Kessel siedenden Wassers neben das Lager. In der Hand der geheimnisvollen Schicksalsfrauen lag es, oh das Kind wirklich ein Mensch werden oder die Fähigkeit der Seele behalten sollte, den Körper nach Belieben zu verfassen und zu wandeln. Darum stellte man Speise und Trank für sie auf den Tisch, um sie gastlich zu bewirten.

Vom Willen des Vaters hing es ab, ob das neugeborene Kind in die Familie aufgenommen oder ausgesetzt tverden sollte. Die Angaben des Tacitus (Germ. 19), daß es als Schandtat gälte, die Zahl der Kinder zu beschränken oder eins der nachgeborenen zu töten, ist nur zum Teil richtig.

Die Großmutter des heiligen Liudger wollte ihre Enkelin töten, weil ihre Tochter nur Mädchen, keine Söhne hatte. Sie befahl, daß die Tötung erfolge, bevor das Kind Milch von der Mutter genossen hätte; denn solange ein Kind noch keine irdische Speise berührt hatte, war sein Tod gestattet. Der damit beauftragte Sklave brachte das Mädchen zu einer Wanne, um es darin zu ertränken; aber durch Gottes Erbarmen hielt es sich mit seinen Ärmchen am Rande der Wanne über Wasser, bis ein aus der Nachbarschaft hinzukommendes Weib es dpn Händen des Sklaven entriß, in ihr Hans brachte und ihm Honig einflößte. Die rasende Großmutter schickte Gerichtsdiener nach dem Kinde in das Haus der mitleidigen Frau, aber sie sagte ihnen, das Kind hätte bereits Honig genossen und zeigte ihnen dessen Lippen. Nach heidnischem Brauche war es nun nicht mehr gestattet, das Kind zu toten. Aber erst nach dem Tode der wütenden Großmutter konnte die Mutter ihr Kind zu sich nehmen (V. Liudg. 6, 7).

Der entscheidende Akt, durch den ein Kind völlig zu seinem Rechte kam und als Person anerkannt wurde, war die Namengebung. Von der Zeit an, wo dem Kinde ein Name beigelegt war, galt Aussetzung als unerlaubt. Die Namengebung pflegte binnen neun Nächten nach der Geburt zu erfolgen und war schon in heidnischer Zeit bei allen Germanen mit Wassertauche oder Wasserbegießung verbunden. Von da an trat das Kind in sein volles Wergeid ein, während es vorher nur durch ein halbes Wergeid geschützt war. Der Volksscherz von den blinden Hessen oder Schwaben bewahrt noch eine Erinnerung an die alte Rechtsordnung, die den Neugeborenen bis zu dieser Frist dem Ungeborenen gleichstellte. Vermutlich ward das Kind bei der mit der Wasserweihe verbundenen Namengebung mit dem Hammer, dem Symbole Donars, geweiht. Die langobardische Sage, daß Wodan auf Freas Geheiß, weil er ihnen den Namen Langbärte gegeben habe, ihnen als Namensgeschenk den Sieg verliehen habe, zeigt, daß ein Geschenk der Namengebung folgen mußte. Der Hausvater verrichtete selbst die Taufe des Neugeborenen; erst durch sie ward die Körperlichkeit des jungen Menschen befestigt.

Schon Aristoteles kennt bei vielen Barbaren die Sitte, die Neugeborenen in kaltes, fließendes Wasser unterzutauchen, und der Arzt Galcnus im 2. Jhd. n. Chr. sagt ausdrücklich, daß die entsetzliche Sitte, die Neugeborenen, heiß vom Mutterleibe wie glühendes Eisen in kaltes Flußwasser zu tauchen, bei den Germanen herrsche. Aus dem 4. Jhd. stammt die griechische Fabel, daß der Rhein den nordischen Barbaren zur Kinderprobe diene, weil er die unechten sinken lasse. Der alte Name für die Wasserweihe war daupjan tauchen; Wulfila übersetzt damit die christliche Taufe.

Auch die Westgermanen behielten döpjan, toufan dafür nach ihrer Bekehrung und liessen es durch kein kirchliches Wort verdrängen, wie bei andern heiligen Handlungen. Als der getaufte Sohn des FrankeDkönigs Chlodwich stirbt, ruft dieser: „Wäre der Knabe im Namen meiner Götter getauft gewesen, gewiß lebte er noch; aber er konnte nicht leben, weil er im Namen eures Gottes getauft ist!“ (Greg. v. Tours. 229_81). Die christliche Taufe übt also nach der Ansicht des Heiden nicht die der heidnischen Weihung zustehende Kraft, des Kindes Köperlichkeit zu festigen. Die Kirche sah daher in der heidnischen Taufe einen gefährlichen Nebenbuhler und ein teuflisches Werk. Bonifatius schreibt 732, die von den Heiden Getauften müssen von neuem im Namen der heiligen Dreieinigkeit getauft werden. Wenn eine von Heiden vollzogene Taufe (d. h. die germanische Wasserbegießung) für ungültig erklärt wird, muß sie also bestanden haben.

In den Namen, der dem Kinde gegeben wurde, legte man die Fähigkeiten und Charakterzüge hinein, durch die es sich, erwachsen, nach dem frommen Wunsche des Gebers auszeichnen sollte: er sollte das ideale Vorbild sein, dem das Kind nachstreben sollte. War es der Name eines Gottes, so sollen dessen Taten und Empfindungen Muster und Beispiel werden. Zugleich sollte dadurch ein gewisses Schutzverhältnis zwischen dem Gott und dem seinen Namen tragenden Menschen erfleht werden. Mit Wodan, Donar, Balder zusammengesetzte Eigennamen finden sich wiederholt für deutsche Männer, selbst als einfache menschliche Namen kommen sie vor. In Answalt, Oswald, Ansgar, Reginbirin (Kind der ratenden Götter) sind die alten Bezeichnungen der Gottheit, in alb, hün, thurs, Mimi sind dämonische Namen enthalten; auf die den kriegerischen Gottheiten geweihten Tiere weisen am, hraban, swan, ebur und wolf. Bei den Frauen überwiegen in der ältesten Zeit Walkürennameu. Aber auch nach den Wald- und Wasserfrauen und den Elbinnen ward das Mädchen benannt. Häufig deutet der Name auf priesterliche Tätigkeit hin, auf die Heiligtümer: alah, will, die Opfer: gelt (gildi), auf Zauber und Weissagung:

Trat der Sohn aus der Gewalt des Vaters heraus, so schnitt ilim der Vater, der dabei wieder Priesterdienste verrichtete, daß Bart- oder Haupthaar ab: das Haar, das Symbol der Fruchtbarkeit, war der Gottheit des Wachstums geweiht, oder es war ein stellvertretendes Opfer für den Menschen selbst.

Die frohen Zeiten der erwachenden Natur sind auch die Feste der Liebe. Alter Brauch am 1. Mai war es, daß das Mädchen den Hut des Geliebten mit grünen Blumen schmückte, und daß der Bursch ihr einen Maien, das Zeichen der Früh-liugsgottheit, vor der Tür aufpflanzte. Durch das Oster- und Johannisfeuer sprangen die jungen Paare, um Segen für den Besitz und für sich selbst zu erlangen. Bei dem Scheibenschlagen warfen die Burschen das brennende Rad zugunsten der Erkorenen. Zur Wintersonnenwende befragte man nach uralter Sitte das Schicksal nach dem Geliebten oder schaute nach dem künftigen Gatten.

Hochzeit, höhe zit, hieß der festliche Tag der Heirat. Die Hilfe der Götter wurde für das junge Paar erfleht, heilige Gebräuche weihten ihn ein. An dem heiligen Tage des Gottes, unter dessen besondere Huld man die Ehe stellen wollte, ward die Hochzeit begangen.

Am Tage zuvor ward die Braut durch ein reinigendes Bad entsühnt, um die feindlichen Geister abzuwehren, sie gegen den Zorn der göttlichen Mächte zu schützen und ihre Gunst ihr zu sichern. Auch ein Sühnopfer ward dargebracht; der dem Donar heilige Bock ward geschlachtet und mit seinem Blute die Braut besprengt. Auch die Verhüllung der Braut weist auf alten Opferdienst für die unterirdischen, Fruchtbarkeit spendenden Mächte. Ein zwar aus älteren Quellen nicht belegter, aber uralter Brauch war, am Vorabend der Hochzeit, an dem sogen. Polterabend, allerlei Geschirr zu zertrümmern: die schädlichen Unholde sollten durch den Lärm vertrieben werden.

Als Herdgott und Schutzgott des Hauses ward der Gewittergott Donar besonders angerufen. Das junge Paar umwandelte dreimal den Herd, auf dem ein frisches Feuer angezündet war; hier brachte die Neuvermählte auch den Hausgeistern ein Opfer dar. Auf der hochzeitlichen Tafel fehlte auch des Wettergottes heiliges Tier, der Brauthahn, nicht. In feierlichem Gebete lud man die Gottheit zum Hoohzeitsmahle ein; in der ältesten Zeit genossen die Ahnen, die Hausgeister, die hauptsächlichste Verehrung bei der Ver-mählungsfeier, für sie und neben ihnen traten später die himmlischen Götter als anbetungswürdige Vorbilder der Feiernden oder als Festteilnehmer und Ehrengäste ein. Besonders dachte man sich die Schicksalsfrauen bei der Hochzeit weilend.

Tanz und Spiele gehören zu den alten religiösen Festen, auch bei der Hochzeitsfeier fehlten sie nicht. Die Festgeuossen begleiteten den Brautzug wie eine feierliche Prozession, Männer kleideten sich wie Frauen und umgekehrt, schwärzten die Gesichter uud stellen allerlei Tiergestalten dar, um die feindlichen Dämonen zu schrecken, aber auch aus ehrfurchtsvoller Scheu. Lieder erklangen, und selbst kleine dramatische Szenen fehlten nicht. Der Auszug zur Einholung der Braut ward oft als wildes Wettreiten ausgeführt. Oder die geladenen Gäste begannen nach uraltem, heiligem Brauche barfüßig den Lauf. Aber auch Braut und Bräutigam unternahmen den Wettlauf, die Braut bekam einen Vorsprung, und am Ziele der Bahn ward ihr der Kranz abgenommen. Auch Siegfried erringt für Günther im Wettlaufe die Walkürenbraut (N. L. 4354— 437a). Als der schnellste und siegreichste unter allen Göttern ward Wodan zum Beistände des Bewerbers angerufen; aber die göttliche Weihe der Vermählung erfolgte durch Donar. Selbst das sühnende Feuer fehlte bei der Hochzeit nicht. Wie beim Frühlings- und Mittsommerfeste ward nach vollzogener Vermählung ein mit Stroh umwundenes Rad angezündet, die Gä3te tanzten um das Feuer, und das juuge Paar sprang über die heilige Lohe.

Mit den neuen Pflichten und Rechten, die der junge Hausvater übernommen hatte, verband sich für ihn die selbstständige Ausführung der religiösen Gebräuche. Er vollzog fortan die Losungen und Gebete für sein Haus, brachte kleine Opferspenden und Gelübde an Bäumen, Felsen, Quellen, den Gräbern der Verstorbenen dar, beging den Wechsel der Jahreszeiten nach altem heiligem Brauche, ließ Feuer auf deu Bergen auflodem und in feierlichem Umzuge ein Götterbild um das Feld tragen, versäumte nicht die täglichen Opfer für die Hausgötter und Hausgeister und brachte abwehrende Opfer bei der Erkrankung einzelner Stücke der Herde, Bittopfer bei der Bestellung der Äcker, Dankopfer bei der Ernte. Bei den religiösen Gebräuchen des Einzelnen hat sich der Seelenkult am längsten erhalten, aber die großen Götter des Volkes wurden keineswegs vernachlässigt. Nur waren seine Opfer naturgemäß ärmlicher und dürftiger als die großen Gemeindeopfer, deren Vorstufe sie sind. Nur geringe Gabe an Brot, Körnern und Eiern konnte der einzelne den Göttern darbringen, bescheiden war das anschließende Opfermahl; Rosse, Rinder, Schweine und Böcke mußte er sich versagen, selbst Gänse und Hühner werden kaum geopfert sein. Bilder der höheren Götter waren gleichfalls nicht im einzelnen Hofe anzutreffen. Nr. 27 des Indiculus handelt von Götzenbildern, die aus Zeuglappen gemacht sind (de simulacris depannis factis). Es sind Bilder von Haus- und Herdgöttern, Geistern und ähnlichen Wesen, die sich der Einzelne zu privatem Gebrauch im Hause anfertigte. Schon der geringwertige Stoff, aus dem sie bestanden, und ihre gewiß kunstlose Form zeigen, daß ihre Herstellung und Anschaffung auch dem einfachsten und ärmsten Manne möglich war. Am Herde werden sie ihren Platz gehabt haben.

Geburt, Leben und Tod stand in der Hand der höheren Mächte. Der Tod war das Werk der Schicksalsgöttin, der Wurd, die nicht weiterhin auf dieser Welt Wonne genießen läßt. In den Schoß der mütterlichen Erde, dem alles Sein entsproßt, kehrte der Mensch zurück. Der Sterbende, der Tote ward gewaschen, die Leiche und der Sarg mit Weihwasser besprengt. Durch das Weihwasser reinigte man den Verstorbenen von schweren Sünden und versöhnte die Götter. Neun Tage währte die dem Totenkulte gewidmete Sühn- und Trauerzeit, sie schloß am neunten Tage mit einem Opfer, das den unterirdischen Gottheiten galt. Zugleich reinigten sich auch die Hinterbliebenen von der Befleckung durch den Toten. Zu dem Totenmahle lud man die Seele des Abgeschiedenen ein; was hei dem Schmause gegessen und getrunken wurde, kam dem Toten „zu gute“.

Kurz darauf erfolgte der Antritt des Erbes. Zwar wird ein feierliches Opfer für die mächtigen Gottheiten nicht gefehlt haben, die Haus und Hof, Feld und Flur, Wald und Weide schirmen, aber das Erbbier hielt man vor dem leeren Hochsitze des Verstorbenen, trank des Toten Minne, und der Haupterbe nahm den Ehrensitz ein. Die Geister der Vorfahren weilten als Schutzgeister der Familie im heiligen Herdfeuer, und der Hausvater brachte ihnen täglich und zu bestimmten Zeiten Opfer dar. Alle Jahre am Todestage erschien die Seele wieder an der Grabstätte, um die Vorgesetzte Speise als Opfer hinzunehmen. Bei jedem großen Opferfeste der Gemeinde trank man ihr Gedächtnis. Von seiten der Gemeinde oder der größeren Verbände wurde den Abgeschiedenen alle Jahre an dem großen Herbstfeste ein dreitägiges Totenfest gefeiert, wenn mit dem Ersterben der Vegetation die Seelen sich, in das Innere der Erde zurückziehen. Zur Zeit der Wintersonnenwende, in den zwölf Nächten, wenn die Götter aus ihrem Schlummer erwachten, kamen auch die Seelen wieder hervor, und Speise und Trank setzte man für sie zurecht.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
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Deutsche Mythologie

Wir nennen noch heute die lichtweißen oder rötlichgelben Federhaufwolken des Morgen- und Abendhimmels Schäfchen oder Lämmergewölk; „der Herrgott hütet seine Schafe“, „der Schäfer treibt seine Schafe aus“. Für Wolken, die sich nicht bewegen, sagt man, „die Küh’sleh’n still“, ganz dunkle Wolken heißen Ochsen oder Bullkater: der in dunkler Wolkennacht aufzuckende Blitz erinnert an das im Dunkeln leuchtende Auge eines Katers, und bull kommt von bullern oder bollern her und bezeichnet das bollernde Rollen des Donners. Wir sind uns dabei wohl bewußt, daß wir nur eine poetische Metapher gebrauchen. Der Naturmensch aber ist von der Wirklichkeit dieses Naturbildes überzeugt wie noch heute gläubige Kiudergemüter, er schreibt diesen Wesen übernatürliche Eigenschaften zu und verknüpft mit ihnen abergläubische Vorstellungen: das Bild wird zum Mythus. Ein uud dasselbe Bild wird zum Ausdrucke verschiedener Naturerscheinungen verwandt. Der Eber ist ein erdaufwühleudes Tier; auch der Wind, namentlich der grollende Wirbelwind, wühlt plötzlich Staub und Erde auf ; folglich war der Eber (so schloß man) das den Wind verursachende Tier, das im Winde dahinfuhr. Oder man verglich den blendend weißen Blitz mit einem Zahne, dem Hauer eines grunzenden Ebers, oder der Eber ist das mythische Bild der Sonnengottheit, bei der Verhüllung der Sonne in dunkeln Wolken. Der schnelle Lauf des Wirbelwindes ließ an ein Pferd denken, das Heulen und Bellen des Windes an einen Hund, der sich an zugiger Stelle, wie dem offenen Herde, aschezehrend niederläßt; seine springende Bewegung und sein meckernder Laut an eine Ziege.

Die wotterleuchtende, feuerschnaubende, wassergießende Wolke ist ein Drache; das Erscheinen des Drachen kündet in den Alpen schweres Gewitter an. Wie die Wetterwolke Schwüle, Sturm, Hagel und fruchtbaren Regen bringt, so schadet oder nützt der Drache Menschen, Vieh und Feld; er vergiftet die Luft und das Wasser, bringt Seuchen, Feuersbrunst und Wolkenbruch und verwüstet hagelnd die Flur (D. S. Nr. 220). Als Wasserdrache bildet sich der Wolkendämon fort zum Geiste des Gießbaches, der aus dem Wolkenbruch entsteht. Das Alpenvolk in der Schweiz hat noch viele Sagen bewahrt von Drachen und Würmern, die vor alter Zeit auf dem Gebirge hausten und oftmals verheerend in die Täler herabkamen. Noch jetzt, wenn ein ungestümer Waldstrom von den Bergen stürzt, Bäume und Felsen mit sich reißt, pflegt es in einem tiefsinnigen Sprüchworte zu sagen: „es ist ein Drache ausgefahren“ (I). S. Nr. 216—219). Als Feuerdrache tritt der Dämon in Blitzmythen auf und verschmilzt mit dem schätzeschleppenden Kobold; er kleidet sich in das Feuerkleid der Sternschnuppen und in den bescheidenen Kittel des Herd rauches. Aber neben der bloßen Feuergestalt und bloßen Wassergestalt hat sich auch das Ursprüngliche forterhalten, die Wolken- und Nebelgestalt. Der aus seinem Gewässer auf-taucheude Drache ist der daraus aufsteigende Nebel. In einem See des Zezninatales hauste ein Drache, der mit Gebrüll aus dem Wasser tauchte: warf man Steine hinein, so bildete sich ein dichter Nebel, aus dem sich danu starke Regenschauer entluden. Einen Pestdrachen kennt eine Sage in Unterfranken. In einem See hielt sich ein Lindwurm auf, der Menschen und Tiere vergiftete. Da aber der See abgelassen und der Graben ausgetrocknet wurde, so konnte sich das Tier nicht mehr aufhalten, und seit dieser Zeit war Ruhe: die schädliche Wirksamkeit des Lindwurms ist die vergiftende Ausdünstung des Sumpfes. Auch mit Fieber kann der Drache des Bergstroms den Menschen schlagen. Als im Juli 1566 die Reuß hochging, stieg eine Schlange aus dem Strome und verschlang die am Ufer weidenden Rinder. Mit Mühe rettete sich ein Mann vor ihr, mußte sich aber zu Bette legen und war von nun an mit Fieber geplagt. — Aufgabe der Helden ist es, das Land von der Plage des Lindwurms zu befreien.

In Ortnits Reich treiben zwei wilde Lindwürmer ihr Wesen und fressen Menschen und Vieh. Da macht sich der König selbst zu dem kühnen Wagnis auf. Wenn er nicht wiederkomme, sagte er beim Abschiede zu seiner Gemahlin, so solle sie nur den als den Sieger begrüßen, der die Köpfe der Ungeheuer mit den Jungen brächte. Aus dem Märchen „Die zwei Brüder“ ist dieser Zug bekannt (K. M. H. Nr. 60). Unter einem grünen Baume legt sich Ortnit nach scharfem Ritte durch das Gebirge zur Ruhe nieder. Da bricht der Wurm durch das Dickicht, die Bäume drückt er nieder; er reißt seinen Rachen auf noch weiter als eine große Tür und verschlingt den Ritter bis an die beiden Sporen. Dann trägt er ihn zu seinen Jungen in eine Höhle des Berges; die konnten ihn nicht erreichen und sogen ihn durch den Panzer (567—575). Als Wolfdietrich Ortnits Tod und die Bedrängung seiner Witwe erfährt, reitet er die Etsch entlang zu Berge auf steilen Wegen; ein junges Weib, dem der Lindwurm den Gatten ermordet, woist ihm die Straße. An derselben Stelle, wo Ortnit das Leben verloren hat, legt sich auch Wolfdietrich nieder. Aber sein treues Roß treibt mit seinen Hufschlägen den wilden Wurm in den Tann zurück. Am harten Rückgrat des Tieres zersplittert Wolfdietrichs Schwert, und der Drache wirft ihn seinen Jungen zum Fräße vor. Da sie aber den gerüsteten Mann nirgends anzubeißen vermögen, zerren sie ihn hin und her, bis ihm Atem und Besinnung vergeht. Der Held findet in der Höhle Ortnits’Schwert und Rüstung, erlegt die kleinen Unholde und nach hartem Stiauß auch den alten Drachen, schneidet den erschlagenen Lindwürmern die Zungen aus, legt Ortnits Rüstung an, entlarvt durch Vor* zeigen der Wurrazungen einen Grafen, der sich als Retter des Landes ausgibt, und erhält von Ortnits Witwe Hand und Krone. Ein Drache aber ist entronnen, und ihn tötet später Dietrich von Bern. — Die Virginalepen, deren Dichter die siedenden und donnernden Waldbäche der Alpen kennt, sind reich an Drachenkämpfen. Dietrich und Hildebrand werden im Walde von Drachen angefallen. Hildebrand schlägt auf ein Geniste voll wilder Würmer in einem hohlen Berge los, da kommt der alte Drache seinen Kindern zu Hilfe. Aus seinem Munde ertönt die erbärmlich wimmernde Stimme eines Menschen, der um Hilf*, ruft. Auf Hildebrands Angriff läßt der Drache den Mann fallen und greift Hildebrand an, wird aber von ihm getötet. Der wunde Ritter erzählt, daß ihn der Wurm im Walde schlafend gefunden und bis an die Arme verschluckt habe; sein Roß hat die Drachenbrut aufgezehrt. Inzwischen hat auch Dietrich mit einem gewaltigen Drachen gerungen, sein Schwert ist ihm zerbrochen, da stößt er dem Tiere den Schild in den Rachen, der von Hildebrand befreite Ritter reicht ihm eine neue Waffe, und so wird die Jungfrau befreit, die dem Ungetüm ausgeliefert werden soll.

Dietrichs und seiner Gesellen Drachenkämpfe, deren Zahl fast unübersehbar ist, bewegen sich im wilden Lande Tirol, im finstern Walde, darin man den hellen Tag nicht spürt, wo nur enge Pfade durch tiefe Tobel, Täler und Klingen führen, zu hochragenden Burgfesten, deren Grundfels in den Lüften zu hängen scheint; wo der Verirrte ein verlorener Mann ist, der einsam Reitende sich selbst den Tod gibt. Dort, wo ein Bach vom hohen Fels herbricht, da sprengt der grimmige Drache, Schaum vor dem Rachen, fort und fort auf den Gegner los und sucht ihn zu verschlingen; wieder bei „eines Brunnen Flusse“ vor dem Gebirge, das sich hogh in die Lüfte zieht, schießen große Würmer her und trachten, die Helden zu verbrennen; bei der Herankunft eines solchen, der Roß und Mann zu verschlingen droht, wird ein Schall gehört, recht wie ein Donnerschlag, davon das ganze Gebirge ertost. Leicht erkennbar sind diese Ungetüme gleichbedeutend mit den siedenden, donnernden Wasserstürzen selbst.

Das Seyfriedslied weiß, daß Siegfried in seiner Jugend einen Dracben unter einer Linde erschlagen hat und unzählige Lindwürmer, Kröten und Ottern, die in einem wilden Tale hausten. Er trug die Bäume zusammen, die er überall ausriß- warf sie auf die Würmer und verbrannte sie. Das Horn der Drachen begann zu erweichen und floß dahor wie ein Bächlein. Hiermit bestrich er seinen Leib, sodaß er ganz hörnern wurde (N. L. 101), nur zwischen den Schultern nicht, und an dieser Stelle erlitt er später seinen Tod. Zu derselben Zeit herrschte in Worms König Gybich. Als dessen Tochter Kriemhild eines Mittags in einem Fenster stand, kam ein wilder Drache geflogen in den Lüften und raubte die schöne Maid. Die Burg ward erleuchtet, wie wenn sie in Flammen stünde. Das Ungeheuer schwang sich mit der Jungfrau zu dem Gewölk empor und entführte sie in das Gebirge; wenn der Drache atmete, so erzitterte der Stein unter ihm. Eines Tages verirrte sich Siegfried auf den Drachenfels und unternahm mutig den Kampf mit dem wilden Wurme. Der riß ihm mit seineu Krallen den Schild ab und sprühte unaufhörlich Feuer gegen ihn, sodaß der Stein heiß wie glühendes Eisen wurde; große Flammen fuhren aus seinem Halse, blau und rot. Endlich besiegte ihn Siegfried, führte Kriemhild an König Gybichs Hof und vermählte sich mit ihr.

Es ließe sich eine vollständige mythische Tierwelt zusammenstellen, doch es genügt, auf die wichtigsten tierischen Wesen hinzu weisen. Sichere Beispiele einer Verbildlichung der Sonne in Tiergestalt sind das Sounenroß, der Bonnenwidder, der Sonnenhirsch, der goldborstige Eber. Wie der Wind, der Nebel und die Wolke als Pferd aufgefaßt werden, so ist das Roß auch die Personifikation der Wogen fließender Gewässer. Ein schwarzes Pferd oder auch ein Grauschimmel steigt aus einem See in Mecklenburg empor. Ein Bauer spannt es vor die Egge, da stürzt sich das Pferd mit der Egge ins Wasser. Auch aus den Alpenseen kommt der Dämon in Roßgestalt. Neben der Wolke als Kuh werden auch Wasserwellen als Rinder vorgestellt. Die merovingische Stammsage erzählt, daß ein wildes Tier des Neptun, dem Minotaurus ähnlich, die Königin, als sie zum Baden ans Meer ging, aus den Wellen auftauchend überfiel und mit ihr den Meroveus zeugte (D. S. Nr. 419); der Name des stiergestaltigen Vaters der Merovech lautet Chlodio, Chlöjo und bedeutet den .brüllenden“ Stier (ahd. hlöjan). Dieselbe Sagenform, gleichfalls vermischt mit dem Motive vom buhlenden Alp. hat sich an die Langobardenkönigin Theodelinde angescblossen (D. S. Nr. 401; S. 78). In dem Artusromane des Pleiers Garei (13. Jhd.) gibt der Zwergkönig Albewin dem Helden den Rat, das Haupt des erlegten Meerungeheuers in die Wellen zu werfen. Als es auf den Grund gesunken ist, beginnt das Meer zu wüten und zu wallen, und bis zum jüngsten Tage brausen die Wogen an der Stätte, da das Haupt liegt. Noch heute leben ähnliche Sagen in dieser Gegend (Salzburger See). Bei Kufstein am Inn liegt der Tier- oder Schreckensee, in den ein Franziskaner den entsetzlichen Schreckenstier bannte. In einem See im Windachertale ward von Mönchen ein anderes Stierungeheuer hinabgestUrzt, dessen Brüllen aus der Tiefe noch heute Männer von Brixen und Kitzbühel vernehmen.

Der Nebel wird als Wolf aufgefaßt; der Schäfer siebt zu Lichtmeß lieber den Wolf in den Stall kommen als die liebe Sonne; oder als Fuchs; im Niederdeutschen heißt der auf dem Lande liegende Nebel Fuchsbad, und am Rhein darf man nicht eher die Trauben pflücken, als bis der Fuchs sie geleckt hat. Der Nebelwolf zeigt sich an der schroffen Gebirgskante, am wilden Bergsee, springend, ringend, sich sonnend, zieht auch wohl im Kampfe mit der Sonne fieberschauernd durch die Luft oder lagert schnaubend auf dem winterlichen Felde und dringt pustend in den Schafstall ein. Der Nebelfuchs dagegen kauert im tiefen Walde versteckt, schleicht im breiten Dampfe von Bach und Wiese verborgen oder rüstet sich ein Bad, das die ganze Ebeue bedeckt, oder nur das Ufergelände des abgelegenen Waldweihers überflutet. Das Roß des Schimmelreiters, das Sturm und schlecht Wetter ankündigt, ein schneeweißer, rotgetupfter Schimmel mit gelbem Gebiß, ist gleichfalls ein Nebelbild.

Bei einigen Vorstellungen läßt sich uugefähr ihr Alter bestimmen. Die Hauskatze ist z. B. um die Zeit der Völkerwanderung zu uns gekommen, dei Haushahn ist um 500 v. Chr. in Deutschland eingeführt; der Name des Drachen kommt vom lat. draco her, und auch seine Flügelgestalt stammt aus der Fremde, aber er hat die heimischen Bezeichnungen Wurm, Lindwurm nur zum Teil zurückgedrängt. Die Nebelsagen sind Spätlinge der Mythenbildung, während.die Sonnenmythen aus der Urheimat mitgebracht sein können, aber beim Einrücken der Deutschen in ihre heutigen Wohnsitze noch verstanden wurden. Solange der Germane in der uralisch-karpathischen Niederung saß, konnte er keine Nebelsagen erzählen, die auf den Hörnern des Hochgebirges spielen, weil er sie nicht erlebt hatte. Erst als unsere Ahnen ins Bergland einrückend die mannigfachen Gestalten des Nebels kennen lernten, können die Nebelmythen entstanden sein. Aber Sagenzüge aus der idg. Urzeit sind vielfach in sie übergegangen, als dieser Nachschößling der Mythenbildung hervorbrach.

Obwohl bereits die idg. Hauptgötter in menschlicher Gestalt aufgefaßt wurden, ragt doch noch in germanischer Zeit das Tierreich in zahlreichen Resten und Spuren in die Götterwelt hinein. Die Schlange z. B. ist das Symbol der chthoni-schen Mächte, und wenn die Langobarden eine goldene Schlange als göttliches Bild verehren, so kann sie nur ein Zeichen des Gottes sein, dem sie Sieg und Namen verdankten, des Herrn der Unterwelt, der Nacht und des Todes, Wodans. Die Götter können sich wieder in Tiere verwandeln, oder die Tiere erscheinen als im Besitze der Götter befindlich und ihnen dienend. —

Wie für die Weltanschauung der Naturvölker die Grenze zwischen Menschen und Tier verschwimmt, so haben auch die personifizierten Naturmächte noch nicht menschliches Ebenmaß, sondern bleiben hinter ihm zurück, wie die elfischen Geister, oder überragen es weit, wie die Riesen. Die Elbe verkörpern mehr die geheimnisvollen, in der Stille wirkenden Kräfte der Natur, und da Strom und Wald, Ebene und Gebirge von freundlichen oder feindlichen Geistern beseelt sind, sind sie eug mit dem Seelenglauben verknüpft. Die Riesen sind die Vertreter der ungezügelten Naturgewalten, der Elemente, die das Gebild von Menschenhand hassen; sie sind vom Seelenglauben völlig losgelöst. Und wie Riesenkämpfe mit Drachenkämpfen wechseln, so sind auch die Elbe und Riesen nicht immer streng auseinander gehalten: sie sind nur dem Maße, nicht der Art nach verschieden.

Der Riese Sigenot haust mit vielen Zwergen in einem hohlen Berge. Dem König Nibelung dienen zwölf Riesen, dem Laurin fünf, dem Goldemar sehr viele, Walberan zahllose. Dem Riesen Kuperan sind tausend Zwerge untertan und müssen ihm ihr eigenes Land zinsen. Zwerge wachsen zu Riesen an, und Riesen schrumpfen zu Zwergen zusammen. Ein Bauersmann hatte einen Sohn, der war so groß wie ein Daumen und ward gar nicht größer und wuchs in etlichen Jahren nicht ein Haarbreit. Er war von so winziger Gestalt, daß ihn der Vater in die Tasche stecken konnte. Ein Riese aber nahm ihn mit sieb, ließ ihn an seiner Brust saugen, und der Däumling wuchs und ward groß und stark nach Art der Riesen (K. H. M. Nr. 90). Der sanfte wohltätige Wind rührt von einem Zwerge her, der tobende Sturm ist ein Riese.

Bei Sturm und Regen kam ein wandernder Zwerg durch ein Dörflein am Thunersee, ging von Hütte zu Hütte und pochte regentriefend an die Türen der Leute, aber niemand erbarmte sich und wollte ihm öffnen, ja sie höhnten ihn noch dazu. Am Rande des Dorfes wohnten zwei fromme Arme, Mann und Frau, da schlich das Zwerglein müd und matt an seinem Stabe einher, klopfte dreimal bescheidentlich ans Fensterchen, der alte Hirte tat ihm sogleich auf und bot gern und willig dem Gaste das Wenige dar, was sein Haus vermochte. Die alte Frau trug Brot auf, Milch und Käs, ein paar Tropfen Milch schlürfte das Zwerglein und aß Brosamen von Brot und Käse. „Ich bin’s eben nicht gewohnt“, sprach es, „so derbe Kost zu speisen, aber ich dank euch von Herzen und Gott lohn’s; nun ich geruht „habe, will ich meinen Fuß weiter setzen.“ „Ei bewahre“, rief die Frau, „in der Nacht in das Wetter hinaus, nehmt doch mit einem Bettlein vorlieb“. Aber das Zwerglein schüttelte und lächelte: „droben auf der Fluh hab ich allerhand zu schaffen und darf nicht länger aus-bleiben, morgen sollt ihr mein schon gedenken.“ Damit nahm’s Abschied und die Alten legten sich zur Ruhe. Der anbrechende Tag aber weckte sie mit Unwetter und Sturm. Blitze fuhren am roten Himmel, und Ströme Wassers ergossen sich. Da riß oben am Joch der Fluh ein gewaltiger Fels los und rollte zum Dorf hinunter, mitsamt Bäumen, Steinen und Erde. Menschen und Vieh, alles, was Atem hatte im Dorfe, wurde begraben, schon war die Woge gedrungen bis an die Hütte der beiden Alten; zitternd und bebend traten sie vor ihre Türe hinaus. Da sahen sie mitten im Strom ein großes Felsenstück nahen, oben darauf hüpfte lustig das Zwerglein, als wenn es ritte, ruderte mit einem mächtigen Fichtenstamm, und der Fels staute das Wasser und wehrte es von der Hütte ab, daß sie unverletzt stand und die Hausleute außer Gefahr waren. Aber das Zwerglein schwoll immer größer und höher, ward zu einem ungeheueren Riesen und zerfloß in Luft, während jene auf gebogenen Knien beteten und Gott für ihre Errettung dankten (D. 8. Nr. 45).

Der regengebietende Zwergkönig Gibich vermag seine kleine Gestalt hoch zu recken. Ein Schäfer in Schleswig sah einen Mann vor sich aus der Erde aufsteigen, der immer größer und höher wurde, bis er endlich als ein ungeheurer Riese dastand; dann ward er kleiner und-kleiner und verschwand wieder in der Erde. Die Waldgeister sind von riesiger Gestalt oder ein zwerghaftes Völkchen, das zu ungeheurer Größe anwächst.

Alle dieso Wesen zusammen nennen wir Dämonen oder Naturgeister in Menschengestalt. Die Volksdichtung hat sie zu ihren Lieblingen erwählt, das Märchen schildert sie mit innigem Behagen, und seit Wielands Übersetzung von Shakespeares Sommernachtstraum (1764) und Herders Volksliedern (1774) sind sie auch wieder in die deutsche Dichtung eiuge-zogen. Sie sind von der Naturerscheinung getrennt, aus der sie entsprossen sind, die Lust des Volkes am Fabulieren wird nicht müde, diese Gestalten auszuschmücken und ihr Verhältnis zum Menschengeschlechte dichterisch darzustellen, und mit dem Seelen- und Mahrenglauben bildet der Dämonenglaube den eigentlichen Volksglauben, die niedere Mythologie.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung

Auch interessant:
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