Verzeichnis der 93 Abbildungen unten.

Die Zeiten, in denen griechisch-römische Kultur als höchstes Ideal und als einziges oder doch vornehmstes Bildungsmittel erschien, sind vorüber; die Gegenwart hat es gelernt, auf eignen füßen zu stehen. Wenn wir aber auch von antikem Wesen nicht mehr direkt abhängig sind, so werden wir uns doch hütten müssen, die Beschäftigung mit dem Altertume überhaupt als antiquiert und unnütz zu erklären.

Antike Kunst bietet bietet so viel herrliches und Großes, antike Technik so viel Herrliches und Großes, antike Technik so viel erstaunlich Durchdachtes, antikes Privatleben so viel liebenswürdiges Anheimelndes, daß wir der alten Kultur nie den Rücken wenden dürfen. Wir haben aufgehört, direkt praktisch von Griechen und Römern zu lernen – wenigstens bis zu einem gewissen Grade; wenn wir sie näher kennen lernen, sie zu lieben. Recht wenigen freilich, ist eine solch eingehende Beschäftigung mit dem Altertume möglich; allen denen aber, die der antiken Welt nicht durch eigne Studien nahe stehen, soll hier, soweit es auf engen Raume möglich war, ein Bild jener Kultur gegeben werden, der nicht nur unser deutsches Volk, sondern ganz Europa und die ganze europäische Welt ihre Bildung verdankt.



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Abbildungen Kunstartikel


Wie wenige, die ehedem dankbar geniessend oder nur touristenhaft neugierig durch die Raphae-lischen Stanzen gewandert sind, mögen geahnt haben, dass unter ihnen die gleiche Flucht von Räumen eine Welt liebenswürdig erzählter Märchen beherberge, durchschlungen und umrahmt von der üppigsten Dekoration, die das scheidende Quattrocento mit verschwendender Hand ausgestreut hat! Niemals wohl hat ein Despot, dessen „memoria pessima et icelerata“ der Schrecken seiner Nachfolger blieb, in Räumen so voll heiterer Anmut und reizender Fabulierkunst gewaltet, wie Papst Alexander VI. in dem nach seinem Familiennamen zubenannten Appartamento Borgia. Den alten vatikanischen Palast hatte Nicolaus V. noch in jenem trotzigen Charakter mit starken Mauern, kleinen Fenstern und Dachzinnen aufführen lassen, der den aus dieser Zeit erhaltenen Bauten das düstere Ansehen wehrhafter Festungen verleiht. Dort wohnten in den massig grossen, gewölbten Gemächern des ersten Stockes die Päpste, über ihnen die Nepoten; aus den Fenstern sah man über den Cortile del Pappagallo hinweg auf die Gärten und Terrassen des Belvedere. Als Alexander VI. 1492 den päpstlichen Stuhl bestieg, war die Erweiterung dieses Palastes eine seiner ersten künstlerischen Unternehmungen.

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Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst

Abbildungen: I. Stanza della Segnatura. Klugheit, Mässigung, Stärke (Lünettenbild).  — Die Uebergabe der Decretalen.  — Die Disputa.  — Die Schule von Athen. — Der Parnass.  — II. Stanza d’Eliodoro. Die Messe von Bolsena. — Die Vertreibung Heliodors.Die Befreiung Petri. — III. Stanza dell’ Incendio. Der Borgobrand.

RAFFAELS Fresken im Vatikan gesehen zu haben, gehört zu den allerobersten Verpflichtungen des Italien-Reisenden, und wer auch nur wenige Tage in Rom zur Verfügung hat, wird nicht wagen, den Besuch der Stanzen zu unterlassen. Und doch wird dieser Besuch meist eine Enttäuschung sein; denn mit Eile ist hier gar nicht anzukommen, und dem flüchtigen Auge werden sich diese Dinge immer verschlossen halten. Es ist eine Irrtum, zu glauben, mit ein paar gesunden Augen könne hier jeder gleich zu Tische sitzen. Wenn die dramatischen Szenen des Heliodor-Zimmers eine gewisse Wirkung auf jeden Beschauer ausüben werden, so sind doch gerade die berühmtesten Bilder, die Schule von Athen und die Disputa im ersten Raum, aus Voraussetzungen hereorgegangen, die dem modernen Publikum ganz fremd sind. Als Vorbereitung ist nicht ein bestimmtes gegenständliches Wissen nötig, wohl aber eine Art Augensinnlichkeit, die Empfänglichkeit für die schöne Einzelbewegung und die rhythmische Folge in der Gesamtbewegung, wie sie heutzutage selten geworden sein mag.

Raffael war fünfundzwanzig Jahre alt, als er, von Julius II. berufen, in der Camera della segnatura die Arbeit beginnen sollte (1508/9). Die Aufgabe lautete auf Darstellung der Theologie und Philosophie an den Hauptwänden, der Poesie und Jurisprudenz an den Seitenwänden, die von Fenstern durchsetzt sind. Die Jurisprudenz wurde mit einer schönen Allegorie (die Tugenden, die bei der Rechtspflege nötig sind) und zwei interessanten Ceremonienbildern (Uebergabe der Gesetzbücher des geistlichen und weltlichen Rechts) abgefunden; die drei andern geistigen Grossmächte aber verlangten eine Repräsentation in den Bildern ihrer Vertreter. Und nun stelle man sich vor, was das heisst: nebeneinander eine Versammlung von Dichtern, von Philosophen — wozu auch die gesamte Naturforschung gehörte — und von Gottesleuten zu malen. Es durfte noch als ein Glück gelten, dass bei der Theologie auch der himmlische Hofstaat erscheinen sollte und bei den Dichtern Apollo und die Musen mitfigurieren konnten; nichtsdestoweniger war es keine beneidenswerte Aufgabe, dreimal hinter einander ein fast identisches Thema zu behandeln.

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Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst RAFFAEL 1433-1520

ZWEITER TEIL

ACHTER ABSCHNITT

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HOCHRENAISSANCE

Roma felix — Papst und Sultan — Die Empfangsräume im Vatikan — Die Familie Borgia — Die Verwertung der Prinzessinnen — Lucrezias Ausstattung — Auf der Reise — Ferraras Hof — Raffinierter Geschmack und Gefühlsroheit — Im Gemach der Papageien — Lucrezias Tanz — Ein schauerliches Nachspiel — An Stelle Jupiters — Der Stierkampf — Einzug in Ferrara — Galavorstellungen — Die Mäntel der Venezianer — Sänger der Schönheit.

Die bedeutendsten Päpste der Frührenaissance waren Nikolaus V., Herr der ersten Roma felix und Schöpfer der vatikanischen Bibliothek, Sixtus IV., ein eifriger Bauherr, der gotisches Winkelwerk stürzte — der Ponte Sisto und die sixtinische Kapelle stammen von ihm, dann Innocenz VIII. Cibó, der unter Lorenzos Einfluß medicäische Friedenspolitik zu treiben versuchte.

Höchst merkwürdig ist die kühne politische Freundschaft, die sich zwischen diesem Papst und Sultan Bajazet anbahnt, dessen Bruder, der berühmte Prinz Dzem oder Zim-Zim vom Gewahrsam der rhodischen Ritter in das Gewahrsam des Papstes überging — eine malerische Figur, die hervortritt bei allen festlichen Gelegenheiten unter den vielen malerischen Figuren des glänzenden Rom*).

Fast liebevoll schrieb das Oberhaupt der Christenheit an das Oberhaupt der Ungläubigen: Innocentius epis-copus, servus servorum Dei illustri Sullano Baizeto Chan principi Turcorum venerationem divini et amorem. Der Sultan bedient sich irgendwelcher Humanisten, die

*) Er endet unter Cesare Borgia an Gift, auf Anstiften seines Bruders, des Sultans, der rät, ihn unschädlich zu machen.

an seinem Hof gelandet waren, um zu antworten: Sultanus Baizetus Chan Dei gratia rex regum et Imperator utriusque continentis Asiae vindelicet et Europae omnium Christianorum Principi et Patri et Domino Innocentio divina Providentia Summo Pontifici dignissimo reverentiam debitam et benevolcn-tiam cum puro affectu–. Mit einem zuvorkommen den Brief schickt er als Geschenk eine kostbare Reliquie, den Lanzenschaft des Longinus und dies Geschenk wird mit großer Festlichkeit begrüßt.

Darin liegt eine Absage an den gotischen Standpunkt. Das Italien der Renaissance und Konstantinopel tauschen Höflichkeiten und Geschenke aus, italienische Künstler lassen sich gern von Bajazet einladen. Der italienischen Schönheitsanbetung kann dieser zeitgemäße Sultan freundlich gegenüberstehen, denn hat nicht Mahomet gesagt: Gott ist Schönheit und muß lieben, was schön ist. — Michelangelo überlegte die Reise und wenig fehlte, so hätte er für den Sultan statt für den Papst gebaut. Besonders türkenfreundlich ist eine Partei in Venedig.

Die großen Päpste der Hochrenaissance sind jener schöne und schreckliche Alexander VI., dessen Sohn einen Augenblick die Krone des vereinigten Italien träumen durfte, Julius II. und Leo X., unter dem sich Rom wieder felix preist und dem gegönnt ist, dem Zeitalter seinen Namen unvergeßlich aufzudrücken. Also steht zu Anfang und Ende der Renaissance in Rom das schöne Wort Roma felix. Der unglückliche Clemens VII., ein natürlicher Sohn des von den Pazzi ermordeten Giuliano Medici, erlebte eine Nachblüte und den Untergang von Roms traumhafter Wiedererweckung eines Imperiums.

Diese vier Pontifikate siud kurz, doch von höchster Bedeutung, eine Welt drängt sich in ihre schnell dahinrauschenden Dezennien zusammen, Italiens schwerwiegendste und hochjauchzendste Erlebnisse. Unter Alexander Borgia vollzieht sich der Übergang der Frührenaissance zur Hochrenaissance und spiegelt sich merkwürdig wieder in den Gemälden, mit denen sein Hofmaler Pinturicchio die päpstlichen Empfangsräume schmückt, sowie in allen Moden und Gebräuchen, die sich am päpstlichen Hof entwickeln.

Rom steht unter spanischem Einfluß, gegen den sich die italienische Partei jedoch kräftig wehrt. Denn das tyrannische Wesen der Regierung Aragons in Neapel, sowie das Überhandnehmen der Spanier in Rom war kränkend und ließ beinah als Gegengift die Franzosen herbeisehnen — daher das teils unsichere, teils falsche Spiel, bis sich Italien unter Julius II. auf sich selbst besann und die Parole ausgab: fuori i barbari, womit Spanier, Franzosen, Deutsche gemeint waren. Während Alexanders Pontifikat befand sich der Kardinal della Rovere (Julius II.) in Frankreich und suchte es dem Spanier heißzumachen. Cesare nahm jedoch italienischen Patriotismus als Panier und erweckte in manchem Patrioten frommen Glauben an seine Mission des einigen Italiens.

So entstand zwischen den drei Familien della Rovere, Borgia und Medici (Lorenzos Sohn Giulio, der junge Kardinal pflegte seine Anwartschaft auf die Tiara) ein spannendes politisches Spiel und Gegenspiel. Politik bildet das höchste Lebensinteresse für eine Reihe bedeutender Köpfe und in Rom, wo unzählige Intriganten aller Parteien ihr Wesen treiben, ist der Charakter geselliger Zusammenkünfte durchaus politisch, jede Mode, jedes Fest hat einen unterlegten Zweck und Roms schönste Frau muß je nach politischer Gelegenheit von dem Arm eines Gatten in den Arm des anderen.

Vielleicht ist dem psychologischen Rätsel, das die Familie Borgia bietet, am besten beizukommen, wenn man sie von Spanien aus betrachtet, wenn man eingedenk bleibt, daß der gewaltige Abenteurer auf päpstlichem Thron ein Spanier war, möglicherweise, wie man gern munkelte, ein Marane, das heißt ein Mischling von spanischem Blut und von Mauren, die das Christentum gezwungen angenommen und es wohl auf ihre eigentümliche Art aufgefaßt haben. Die Glut und Schönheit des mit Arabertum gemischten Spaniers, die Kraft, die mit dem Stier ringt und mit Europa wettet, der naive Mangel an sittlichem Gefühl und die unbefangene Gläubigkeit, die trotz allem auf ihre Art der verehrten Kirche zu dienen meint, Anmut und Grausamkeit, rasender Ehrgeiz, trotziger Familiensinn, alle diese Elemente vereint sind Vater und Sohn, den Maranen eigen.

Eine seltsame Verkettung von Umständen hat Alexander VI. zum Oberhaupt der Christenheit gemacht in einem der größten Augenblicke des Papsttums. Sigis-mondo dei Conti erklärt, Alexander VI. habe seine Wahl zum Papst nicht nur der Simonie zu verdanken, sondern seinem großen Wissen in bezug auf Zeremonien und seiner herrlichen Stimme; sowie seinem Anstand und seiner bezaubernd schönen Erscheinung*). Als echter Renaissancemensch nennt er den Spruch, der Alexanders Zauber erklärt: persona Principis ser-vire debeat oculis civium. Man ist ja der Meinung, das schöne Äußere sei stets Ausdruck innerer Tugend — (Io studio del decoro e sempre una parole di inte-riora virtu). Ein Zauber geht von dem schönen, kühnen Mann aus, ein Zauber geht von seinem Sohn, von Cäsar Borgia aus. Cäsar ist ebenso geliebt und bewundert, wie verhaßt und gefürchtet, und einer von Italiens größten Geistern träumt, daß er berufen sei, die Einheit Italiens zu bringen, und gesteht dem Spanier italienischen Patriotismus zu.

Denn höchste Tugend — virtu — inmitten des schwankenden Systems, diese Borgia wissen, was sie wollen, und schrecken vor nichts zurück, um das zu können, was sie müssen, wollen müssen. Zu den wichtigsten Sätzen der Politik gehörte damals die Verwertung schöner Prinzessinnen. Wie Lucrezia Borgia emporblüht, sorgfältig erzogen von einer klugen Matrone, Madonna Andriana, wird sie ein Wertobjekt für die Politik von Vater und Sohn. Sie ist berufen, wichtige Verschwägerung herbeizuführen als Stütze für die päpstliche Macht, und früh genug mag ihr diese Aufgabe, dieser Ehrgeiz eingeprägt worden sein. Alle holden geselligen Künste mußte sie darum sorgfältig erlernen, ihr ganzes Wesen als Kunstwerk ausbilden.

*) Ceremoniarum scientia longe alios anteibat et in voce summum splendorem et in motu summam dignitatem, accedebat majestas formae.

Mit so ausgesuchtem Geschmack weiß sie sich zu kleiden, daß sie fast mit der berühmten Isabella von Mantua die Modeherrschaft teilt; so wunderbar ist der Tanz der schönen Spanierin, daß sie — wie eine Salome — ein Haupt dafür hätte verlangen und erhalten können. Der väterliche und brüderliche Ehrgeiz spannt sich daher immer höher. Zweimal hat man sie rechtskräftig mit edlen Spaniern verlobt, als die Politik spanisch orientiert war. Beide Verlobungen wurden gelöst, obwohl der eine Bräutigam lebhaft protestierte, als man ihm einen regierenden, wenn auch in kleinem Land regierenden Fürsten, Giovanni Sforza von Pesaro vorzog.

Diesem wird sie vermählt. Doch als der Stern der Sforza unterging, war das Leben des jungen Gatten nicht mehr sicher, er mußte fliehen, und die Ehe wird für nichtig erklärt. Wieder blüht spanische Politik, so wird Lucrezia dem Prinzen von Salerno schleunigst vermählt, dem natürlichen Sohn des Königs von Neapel. Dies erweist sich als falscher Schachzug, da der Stern des Hauses Aragon in Neapel, wie jener der Sforza in Oberitalien rasch verglimmt. Der Schachzug muß zurückgenommen werden. Es geschieht mit rücksichtsloser Grausamkeit, indem der zwanzigjährige schöne Gemahl, dem Lucrezia ein Kind geboren, so daß die Ehe nicht wie bei Giovanni Sforza für nichtig erklärt werden konnte, durch Mord aus dem Weg geräumt wird. Bei dem ersten Anschlag wird er nur verwundet und von Lucrezia gepflegt, Cesare, ungeduldig darüber, daß der Schwager nicht stirbt, tritt an das Krankenlager und der Unglückliche wird erwürgt, höchst wahrscheinlich von des Schwagers eigener Hand.

Man sollte meinen, die junge Witwe würde rasen vor Schmerz, denn sie war dem schönen Jüngling zugetan. In der Tat, sie erkrankt und zieht sich mit ihrem Kind nach Nepi zurück, einem einsamen Schloß, von wo aus sie einem treuen Diener um Trauerstoff schreibt für den Baldachin ihres Bettes, wohl zum Empfang der Getreuen in Nepi, denn Witwen empfingen zu Bett. Ihre Briefe zeichnet sie nicht anders als La Infelicissima. Allein der Papst ruft sie nach Rom. Und, siehe da, sie vergißt die Trauer, denn er verspricht ihr einen Thron und eine Ausstattung reicher als jene, die Bianca Sforza als Kaiserbraut erhalten. Dreihunderttausend Golddukaten soll sie zur Mitgift bekommen außer einigen Städten und Vorteilen für Ferrara, zweihundert kostbare Hemden, von denen manches Stück mehr als hundert Dukaten bewertet war. Alle Kunst Italiens wollte man aufbieten für die Gewänder, die Lucrezia zur Schau tragen mußte, alle Zeichner, alle Sticker anstrengen. Ein besetztes Kleid kostete mehr als fünfzehntausend Dukaten, ein anderes zwanzigtausend, jeder einzelne Ärmel mit Goldfransen und Pelzbesatz kam auf mehr als dreihundert Dukaten zu stehen, ein Hut auf zehntausend Dukaten. Gemeint ist wohl eines jener neumodischen Federbarette, welche die Damen keck auf das künstlich blonde Haar setzten. Solche Barette waren mit Edelsteinagraffen geziert, so konnte ein Einzelnes hohen Wert erreichen.

Diese Ausstattung war tatsächlich das Kostbarste und Vollendetste, das damals die Welt sehen mochte, denn es handelte sich nicht um barbarisch schweren Prunk, sondern jeder Gegenstand war von hoher Kunst durchgebildet und gestimmt, ein Inbegriff alles dessen, was einem schönen Weib je als begehrenswerter Schmuck erschien, was je eine Evastochter stolz und glücklich gemacht. Dies war Alexanders Schmerzensgeld für sein Kind.

Auch eine erlesene Handbibliothek in edlen Einbänden gehörte zur Ausstattung. Das genaue, noch erhaltene Inventar weist außer Dante, Petrarca und einer Sammlung spanischer Lieder manch zierlichen Band mit ernsten Erbauungsschriften auf. Der vornehmste Name Italiens, die Rolle der einflußreichsten Fürstin, das Lob der ersten italienischen Dichter — und Gold, Gold für ihre Sänfte, Maultiere, Pferde und Troß, Gold gehämmert und gesponnen und gestickt für ihre Gewänder, Gewänder, wie noch keine Prinzessin sie getragen–

Da lächelt Lucrezia unter Tränen und bald lacht sie wieder, dasselbe herzlich warme, sonnige Lachen, für das ihr Vater berühmt war und das an ihm Wunder nimmt. Vermutlich ist der jungen Frau Familienehrgeiz so gut eingelernt oder steckt so fest in ihrem Blut, daß sie Opfer für die Größe der Familie natürlich findet und deshalb dem Bruder, dem Gattenmörder vergibt, ja ihm dankbar scheint für die Größe, zu der sie ausersehen — sie ist ja klug, hat Freude an Politik und Verständnis für dies aufregende Hasardspiel, sie will sich daran beteiligen, eine leidenschaftliche Spielerin.

Die geplante Heirat mit dem verwitweten Erbprinzen von Ferrara, Alfonso d’Este, Sohn des berühmten Er-cole, ist darum so wichtig, weil Ferrara in der damaligen italienischen Politik gleichsam das Zünglein an der Wage bildet. Die Verbindung scheint ausschlaggebend für die Machtstellung des Papsttums. So kann sich Lucrezia schmeicheln als treue Tochter der Kirche, die sie ist, derselben zu dienen mit ihrem Entschluß, Herzogin von Ferrara zu werden, ihre Schönheit, ihre geselligen Künste, ihr Kunstgeschmack helfen der großen Sache und sie empfindet es keineswegs als Kirchenraub, soviel Kleinodien an sich nach Ferrara zu schleppen, sondern ihrer Anschauung gemäß ist das alles ein ebenso frommer wie politisch kluger Dienst, den sie erweist. Als Tochter des Borgia, des Spaniers von höchst zweifelhaftem Herkommen — umsonst bemühen sich die Abgesandten des Herzogs Ercole, für die Schwiegertochter einen interessanten Stammbaum herzustellen — welch ein unendlicher Stolz in die älteste, vornehmste Herrscherfamilie Italiens aufgenommen zu werden!

Die Este rühmen sich herrlichster Ahnentafel und die Familie rümpft freilich die Nase ob der Papsttochter, so daß nur außerordentliche Versprechungen den Widerstand besiegen können. Gewiß sieht es Lucrezias Ehrgeiz darauf ab, die vornehmen Este und deren Hof so sehr zu bezaubern, daß ihre Herkunft ihrer Stellung nicht Abbruch tue. Entscheidend ist für dieses Vorhaben der Eindruck, den sie bei den Festlichkeiten macht, die bei der Trauung in Rom — per procurationem — stattfinden, dann bei ihrem Einzug in Ferrara. Alles, was dabei vorgeht, wird politisch und gesellschaftlich so wichtig und ernst genommen, daß eifrige Berichterstatter die einzelnen Festakte umständlich erzählen, die Namen der vornehmen Gäste erwähnen, die Toiletten der Damen und den Prunk der Herren.

Mit der größten Mühe gelingt es dem Papst, eine genügende Anzahl von Damen und Herren stolzklingenden, altrömischen Namens zusammenzubringen als Ehrengeleit für Lucrezia. Anfangs entschuldigen sich die meisten, allein Gold und Versprechungen, Neugier locken doch zuletzt manche herbei, einige haben auch Furcht vor Cesare, der im Zeichen seiner höchsten Macht stand. So reitet Cesare an der Spitze eines glänzenden Gefolges dem Brautgeleit entgegen, zu dem der Herzog von Ferrara die Vornehmsten seines Landes entboten hatte, darunter die zwei jüngeren Brüder des Bräutigams, Don Fer-rante, der die Prokuration ausübt, und den Kardinal Hippolyt, der — Cesare ähnlich — zu den grausamsten und bezauberndsten Typen der Renaissance gehört. Beide umarmen sich bei Ankunft des Geleites, Lucrezia neigt ihren Schwägern Gesicht zu Gesicht — nach französischer Mode, bemerkt der Berichterstatter.

Noch am selben Abend schreibt der Kardinal Hippolyt an seine Schwester Isabella Gonzaga nach Mantua, die bis jetzt für die eleganteste Frau Italiens gegolten und daher auf die schöne Schwägerin brennend neugierig ist. Er meldet, wie Lucrezia angetan war bei diesem Empfang. Ein Gewand aus weißem goldgesticktem Tuch, die Prunkärmel aus Goldbrokat, nach spanischer Mode enganschließend mit Querschnitten, der Überwurf aus maulbeerfarbenem Sammet (es war Lucrezias Wappenfarbe), mit Zobel verbrämt. Wie köstlich mußte der satte Ton Lucrezias Goldhaar zur Geltung bringen, sie trug es leise verschleiert durch eine Lenza, den Kopfschmuck aus durchsichtigem Stoff in grün gehalten, von einem Goldfaden mit Perlen durchwirkt, dazu eine Perlenschnur um den Hals, daran funkelte feurig ein großer Rubin.

Im Bewußtsein, welchen Eindruck ihre Erscheinung auf die Schönheitsanbeter der Zeit machen mußte, in so vollendetem Gewände trat sie mit Sicherheit heiter liebenswürdig auf. Bresciani, dem Ercole Auftrag gegeben, seinen Eindruck zu schildern — es war gewiß manche giftige Nachrede an den Hof Ferraras gedrungen — schrieb beruhigend: Excellenza Vostra remagnera molto ben satisfata da questa Illusirissima Madonna per esser dotada da tanti costumi e bontade. (Euer Exzellenz werden gewiß sehr zufrieden sein mit dieser hohen Dame, die mit soviel Güte und Eleganz ausgestattet ist.)

Bezeichnend für die Zeit und die Personen des politischen Spiels ist der Verlauf der Hochzeitsfeierlichkeiten, — raffiniertester Geschmack und die seltsamste Gefühlsroheit. Nach der Trauung werden die Geschenke verteilt. Man plätschert in Rubinen, Perlen, Diamanten; feine Kunst haben römische Goldschmiede geübt, und Lucrezia verteilt zum Andenken Proben solcher Arbeit, allerlei Zierlichkeiten an das Gefolge. Vom Fenster aus betrachtet die Gesellschaft Wettrennen und Kämpfe auf dem St. Petersplatz. Es wird mit scharfen Waffen gekämpft, denn echt römisch bfaucht die Freude Blut, und verschiedene Opfer werden hingestreckt bei dem malerischen Kampf um ein künstliches Schiff.

Nach diesem Genuß zieht man sich zurück in das Gemach der Papageien, der Papst in allerheiterster Laune, er besteigt den Thron, links nehmen die Kardinäle Platz, rechts die Hochzeitsgesellschaft. Feine kluge Köpfe der Männer und Frauen, wallende Purpurmäntel, Sammet in den sattesten Farben, Juwelen über Juwelen. Irgendwo ertönt Musik, eine jener stets etwas geheimnisvoll melancholischen Tanzweisen des Jahrhunderts, sinnlich süß und klagend zugleich, auf imaginären Schäferton gestimmt. Die zarte Melodie spielt zu dem schwülsten, zu einem der schrecklichsten Tänze, die je getanzt worden.

Lucrezia tanzt–sie tanzt mit ihrem Bruder Cesare auf Ansinnen des Vaters. Sie tanzt mit dem Mörder des Gatten, mit ihm, der vor wenig Monden ihr den jungen blühenden Gemahl, den Vater ihres Kindes erwürgt. Sie tanzt und lächelt das stilisiert sittsame Lächeln ihrer Zeit. Ein wundervolles Paar, das mit einzigartiger spanischer Grazie sich in zarten improvisierten Figuren wiegend, fliehend, zusammenfindend bewegt. Empfindet niemand das Schaurige dieses Tanzes? Der Papst lacht — zieht wohl jeder und jede den Mund breit aus Devotion? Sind sie bezaubert, hingerissen von so viel Leben gewordener, durchdachter

Kunst? Ein Zuschauer, El Prete, begnügt sich zu berichten: Der Papst forderte Caesar auf, mit Madonna Lucrezia einen Tanz zu machen, und das tat dieser mit vielem Anstand. Seine Heiligkeit war in beständigem Lachen. Alexander hielt sich also kaum vor Freude über die gelungene Verbindung und Versöhnung. Ein Frauenliebhaber und Kenner kann gar nicht anders als jedes schöne Weib mit der Grausamkeit des Kennerblicks mustern. So wird Alexander die bezaubernde Tochter nicht nur mit väterlichem Stolz, auch mit Kennerblick betrachtet haben, den politischen Wert ihres Zaubers zu prüfen — und ähnlich kann auch Cesare außer dem brüderlichen Wohlgefallen ihre Reize mit jenem grausam wägenden Blick bedacht haben.

Es scherzt der Papst Ihr seht wohl, daß Madonna Lucrezia nicht lahmt. Als er sich nach Beifall umsieht, werden Blicke unter den Zuschauern gewechselt, das leise Grauen verdichtet sich zu Verdacht. Der Verdacht wird Gerücht und zur Strafe ihres fürchterlichen Tanzes ist Legende unerhörter Schuld Lucrezias Begleitung in der Geschichte. El Prete, der Korrespondent für Ferrara, erzählt weiter: Die Hoffräulein tanzten paarweise und vortrefflich. Bei damaligen Bällen handelte es sich um ein Schautanzen, improvisierte Figuren werden wetteifernd vorgeführt. Oft tanzen Damen zusammen, anmutige Gruppen zu bilden, man sah kritisch zu. In der schwülen Luft dieses Tanzsaals wird sich in der Kunst zu bezaubern auch Angela Borgia hervorgetan haben, der jungen Herzogin Verwandte und schönste Hofdame una damizella elegantissima nennt sie der Chronist und römische Dichter preisen ihre Reize. Sie bestrickt die beiden Este, Don Ferrante und den Kardinal Hippolyt, was später in Ferrara zu schauerlichem Nachspiel führt. Angela rühmt die schönen Augen Don Ferrantes und der Kardinal läßt den Bruder tückisch überfallen, ihm die Augen ausstechen zu lassen. So endet das Liebesspiel, das bei jenem denkwürdigen Hochzeitsfest in Rom anhob und sich wahrscheinlich bei der gemeinschaftlichen Brautreise weiterspann. Treuherzig bewundernd erwähnt El Prete noch verschiedene merkwürdige Dinge: Alsdann begannen die Komödien. Die erste wurde nicht zu Ende geführt, da sie zu lang war. (Festspiele gerieten allzuoft übermäßig lang.) Die andere in lateinischen Versen, worin ein Hirt und Kinder auftraten, war sehr schön. Was sie vorstellte, habe ich nicht verstanden. Ferner fanden noch merkwürdige allegorische Spiele statt. Juno erschien und versprach, die Ehe der Papsttochter zu beschützen. Auf einem Triumphwagen sah man Roma und Roma klagte über die Entfernung der Madonna Lucrezia aus ihren Mauern, sie erklärte, Alexander VI., der nunmehr an Stelle Jupiters Rom beherrsche, hätte dies nicht zulassen sollen.

An einem der folgenden Tage veranstaltete Cesare einen Stierkampf, bei dem er selbst seine Kraft und Anmut zur Schau stellte. f Er war sehr eitel auf seine Erfolge als Matador. Die Stierkämpfe erfreuten sich in Rom großer Beliebtheit, sie waren in Neapel von den Aragonesen, in Rom von den Borgia eingeführt. Stierkampf und Schäferspiel — spanische Mode. Es gilt auch für elegant, sich spanisch zu unterhalten, Lucrezia ist darin geübt und soll spanische Verse verfaßt haben.

Der feierliche Zug nach Ferrara, der über tausend Personen umfaßt, muß in verschiedene Gruppen geteilt werden, denn die Orte, durch die er seinen Weg nimmt, erhielten durch ein päpstliches Breve den Befehl, die Gesellschaft zu verpflegen. Diese gezwungene Gastfreundschaft wird übrigens mit gutem Willen aufgenommen, die Gäste überall mit schonen Veranstaltungen gefeiert, ihr glänzendes Auftreten gibt ja zu gaffen genug, Lucrezia erscheint auf weißem Zelter, in rotem Seidenkleid, reichen Federhut auf dem wellenden Blondhaar. Von Zeit zu Zeit muß Halt gemacht werden, das Haar zu pflegen, denn dieser Schönheitsdienst ist eine der größten Wichtigkeiten für die Dame der Renaissance und erfordert viel Zeit und Mühe.

Überall auf dem Weg Triumphpforten und Wagen, festliche Vorstellungen und Tanz im Saal. Wird der Weg beschwerlich und langweilig, sorgt ein Trupp Buffoni, die Cesare der Schwester vorsorgend mitgegeben, dafür die schöne Fürstin und ihr prunkvolles Geleit bei guter Laune zu erhalten. So löst sich sogar eine lange und unbequeme Reise in sieghaft geselliges Vergnügen auf, Politik und Vergnügungssucht, Mode, Festfreude und Narrentum arbeiten zusammen. Bei den Empfangsfeierlichkeiten in Ferrara wird alles aufgeboten, um den ungeheueren römischen Hochzeitszug in staunende Bewunderung zu setzen, sie werden in den Briefen Isabellas von Mantua nicht ohne ironische Bemerkungen bis ins kleinste beschrieben. An diesem wichtigen Hof ist die Pflege der Künste traditionell, ein Herzog nach dem andern tritt als ihr Schutzherr auf.

Nicolo Lelio hatte geglänzt durch sein Wissen, ein Graf Bojardo durch seine Dichtung Orlando Inam-morato, und bei Lucrezias Erscheinen singt bereits Ariost, indes sein Freund Dosso Dossi mit ähnlich romantischer Phantasie in Farben dichtet; er schmückt mit seinen Malereien auf das überraschendste die Innenräume des Kastells, eines gewaltigen gotischen Ziegelrohbaus, den vier starke Türme bewachen. Fällt die Zugbrücke über die Wassergräben des drohend errichteten Gebäudes, betritt man Säle, in denen bereits im Renaissancegeschmack antikisierende Putten tanzen, etwa die Sala delV amore oder das prunkende Gabinetto dorato. Freundlich gestalten sich außen wie innen Ercoles Neubauten, der Palazzo de Diamanti, im Jahr 1492 begonnen, das Sans souci der Zeit, Schifanoja, mit Ercoles Wappen, dem Einhorn über dem Tor, 1469 vollendet und recht angetan, die Renaissanceprinzessinnen zu begrüßen, die von Hofdichtern und Gelehrten in glattem Latein gelobt wurden. Ferrara zählte so viele gelehrte Herren und Damen, daß Ercole mit stolzem Scherz behaupten konnte: Narrt tot Ferrara vates, quod ranas tellus Ferrarienses habet. (Denn Ferrara hat soviel gelehrte Geister wie die Erde ferrarische Frösche hat.)

Augenblicklich sind ritterliche Versromane weniger Mode als klassische Dichtungen, so werden zu Lu-crezias Empfang fünf Komödien des Plautus vor 5000 Personen als Galavorstellungen aufgeführt, in den Zwischenakten trägt man aber dem alten Geschmack Rechnung durch allerlei phantastische allegorische Dinge mit Musik. Gelegentlich tritt der junge Ehemann auf als liebenswürdiger Dilettant auf dem neuen Instrument, einem Vorläufer der Geige, und wieder erntet Lucrezia Beifall mit ihrer spanisch graziösen Tanzkunst. Belustigend wirken die Venezianer Gesandten, die sich für diese Gelegenheit besonders köstliche, pelzgefütterte Sammetmäntel hatten anfertigen lassen. Nach der feierlichen Huldigung entkleiden sie sich überraschend der angestaunten Mäntel und spenden sie als Venedigs Hochzeitsgabe.

Die Damen aus dem römischen Gefolge finden so viel Vergnügen an Ferraras festlichem Treiben, daß sie allzulange verweilen und den herzoglichen Schwiegervater darauf sinnen lassen, sie auf gute Art fortzubringen, denn der Kostenpunkt wird selbst für seine Großmut zu hoch bei dieser Gelegenheit. Allein geblieben an dem fremden, ihr anfangs feindlich mißtrauischen Hof weiß Lucrezia mit sicherem Takt sich die schönste Stellung zu erringen. Bald ist sie bei der weitläufigen Sippe, bei den Hofleuten, in Stadt und Land beliebt und bewundert. Ihre Geselligkeit ist preziös und fein, ihr Anstand, ihre Sitten werden immer wieder von Dichtern gerühmt. Vielleicht hatte sie einst nur ungern den Gast gespielt bei den gewagten Festen ihres Vaters und Bruders, jenen Festen, zu denen die schönsten Curtisanen geladen waren und nach Aufhebung der Tafel, als die goldenen Leuchter auf den Boden gestellt wurden, aller Gewänder bar zwischen den spielenden Flämmchen tanzten. Vielleicht ist Lucrezias Anwesenheit bei solchen Festen überhaupt von den boshaften Chronisten hinzugelogen worden. Jedenfalls merkte man Borgias Tochter als Herzogin von Ferrara nichts von dieser Vergangenheit an. Sie bemühte sich sogar, die Mode an ihrem Hof in neue Wege der Sittsamkeit zu leiten und nahm huldvoll einen Spiegel platonischer Liebe gli Asolani von Bembo als Widmung an.

Ein Manuskript der Bibliotheka Sarti in Rom Vita di Alfonso cTEste von Bonaventura Pisifila beschreibt wie Lucrezia nach dem Beispiel ihrer Schwägerin die vollendete Renaissanceprinzessin darzustellen weiß, auf dem Gebiete der Mode durch ihre mustergültige Eleganz manches Unzarte aus Ferrara verbannt. Es war jene Lucrezia von liebreizendem, liebenswürdigem Ansehen, voll Anstand und Vorsicht in Art und Benehmen, im Gespräch von hervorragender Grazie und Heiterkeit. Und da zu der Zeit, als solche außerordentliche Dame als Neuvermählte nach Ferrara kam, die Damen der Stadt Gewänder trugen, die Schultern und Brust entblößten, führte die Illustrissima einen schleierartigen, gezogenen Latz — gorghiera — ein, der von der Schulter aus bis zum Haar hinauf alles bedeckte*).

*) Fu essa Lucrecia di venusto c mansueto aspetto, prudente, di gentilissime maniere negli atti, nel parlare di molta grazia e alle-greza. E come allora in Ferrara venendo a marito questa singolarissima signora, che fu l’anno MDI, le gentildonne e cittadine usavano habiti, pe’ quali mostravano le came nude del petto e delle spalle, cosi essa Illustrissima Signora introdusse il portare et uso di gorghiere, che velavano tutto quelle parte de la spalle sin sotto si capelli.

Lucrezias Benehmen war so klug, daß Ariostos Preis, der sie als tugendhafteste der Fürstinnen besang (indes neapolitanische Dichter sie mit giftigen Anspielungen verfolgten) und das begeisterte Lob des französischen Ritters Baiard von der vornehmen Welt ihrer Zeit bedingungslos angenommen wurden. Ariosto ließ seinen Helden Rinaldo einen sorgfältig beschriebenen schönen Renaissancepalast besuchen, der als Tempel der Tugend gedacht ist. Im mittleren Säulenhof sind die Standbilder der berühmtesten edlen Damen errichtet, rechts und links von jedem Standbild stehen die Statuen zweier Dichter, die besondere Verehrer und Sänger jener Dame waren, gewiß ein ausgezeichnetes Kompliment. In dieser erlauchten Versammlung ist Lucrezia an erster Stelle genannt, als ihre besonderen Sänger und Verehrer Tebaldo und Ercole Strozzi beglaubigt. Dann folgen die Statuen anderer Damen und Dichter, die mit Ferraras elegantem Kreis bekannt machen:

La prima iscrizione die agli occhi occorra Con lungo onor Lucrezia Borgia noma la cui bellezza ed onesta preporra Debbe all antica sua patria Romat I due che voluto hart sopra se torre Tanto excellente et onorato soma  Noma lo scritto: Antonio Tebaldeo Ercole Strozzi, un Lino e un Orfeo. [Canto 42*).]

Der freundlichen Vorstellung, die Ariosto wachruft, gesellt sich jedoch immerdar ein geheimes Grauen, wenn der ferne Nachfahr der schönen Lucrezia Borgia gedenkt. Er kann das Andenken an ihren Tanz mit Cesare nicht bannen, wie es die Zeitgenossen taten, und auch nicht das Andenken daran, daß in einem Turm desselben Palastes, in dem die blonde Herzogin ihre heiteren Empfänge hielt, Don Ferrante, der Bruder des Herzogs, der sie einst in Rom für ihn gefreit, nach versuchtem Aufstand in fürchterlicher Haft schmachtete, derselbe Ferrante, dessen schöne Augen, Angela Borgia zuliebe, von seinem Bruder, dem Kardinal Este, geblendet werden sollten.

*) Die erste Inschrift, die der Blick erkennt,

Mit vielem Ruhm Lucrezia Borgia nennt,

Die ihre Schönheit, die so hoch sich rankt,

Und ihre Würde Rom verdankt.

Die beiden, die der Ehre walten,

Ihr Lob in Worten zu gestalten,

Sie nennt die Schrift Antonio Tebaldeo,

Ercole Strozzi, einen Lino und einen Orfeo.

Text aus dem Buch: Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt 1450-1600 (1921), Author: Gleichen-Russwurm, Alexander, Freiher von.

Siehe auch:
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – Vorwort
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FRÜH-RENAISSANCE
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEITER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DRITTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFTER ABSCHNITT.
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBENTER ABSCHNITT

Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt