Abbildungen Weltgeschichte

Der Gedanke zu dieser Untersuchung entsprang in schweren und doch glücklicheren Tagen einem Gespräch über die Kriegsereignisse, welches von meiner lieben, seitdem heimgegangenen Frau angeregt, von der beschämenden Tatsache ausging, daß der Ausbruch der Feindseligkeiten bei den Völkern mit einem Schlage jedes Gefühl menschlicher Zusammengehörigkeit ertötet und bei manchen einen lodernden Haß erzeugt hatte, der sich in der Herabwürdigung des Gegners nicht genugtun konnte. Es lag nahe, für solche auf unserer Kulturstufe nicht für möglich gehaltenen Erscheinungen nach Analogien in der Vergangenheit zu suchen. Und so wird denn in den folgenden Darlegungen ein in der erhitzten Atmosphäre des Völkerringens wieder lebendig gewordenes Schlagwort nationaler Unduldsamkeit in den Mittelpunkt gestellt und seine wechselvollen und lehrreichen Schicksale verfolgt. Der Gegenstand ist schon wiederholt und auch vor wenigen Jahren wieder behandelt worden, aber noch nie ist man der Entwicklung des Begriffes in allen seinen Erscheinungsformen mit gleichem Interesse nachgegangen, und vor allem hat man es versäumt, ihn in stetem Zusammenhalt mit seinem Korrelat zu betrachten und der Tatsache Rechnung zu tragen, daß beide Begriffe fast wie mathematische Funktionen voneinander abhängen. Dieses Versäumnis soll nun nachgeholt werden, und darum sind beide Namen schon im Titel vereinigt. Die ursprüngliche Absicht, die Untersuchung auf das Altertum zu beschränken, mußte aufgegeben werden, da damit eine irgendwie kenntliche Abgrenzung nicht erreicht wurde. Groß war im Gegenteil die Verlockung, sie auch über das Mittelalter hinaus auszudehnen, wenn dies nicht die allzu weite Entfernung vom eigenen Arbeitsgebiet widerraten hätte. Vergleiche zwischen einst und jetzt, die sich von selbst auf Schritt und Tritt aufdrängen, konnten unausgeführt bleiben. Die Geschichte der beiden Begriffe ist zugleich in großen Zügen die Geschichte des griechischen Nationalbewußtseins, das im Laufe der Jahrhunderte durch politische Ereignisse und geistige Bewegungen vielfach gemodelt, sich stets, auch in Zeiten der Knechtschaft, lebendig erhalten hat und im vorigen Jahrhundert wiederum in voller Freiheit erblüht ist.

Eine besondere Freude war es mir, bei der Veröffentlichung dieser Arbeit mit dem verehrten Herausgeber dieser Sammlung, Otto Immisch, in nähere Fühlung zu treten. Ihm sowohl wie auch meinem alten Freunde Heinrich Swoboda in Prag weiß ich für Literaturnachweise und beratende Durchs sicht warmempfundenen Dank.

Im Dezember 1922.

Julius Jüthner.

Text aus dem Buch: Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins (1923), Author: Jüthner, Julius.

Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins