Schlagwort: Volksgenossen

Maschinengewehr-Scharfschützen-Abteilung von Medern. Aufnahme aus dem Sommer 1919. Als Führer der angegliederten leichten Batterie gehörte Schlageter dem Freikorps Medern an.

Am bedrohlichsten sah es 1918 in Estland aus. Gab es überhaupt eine Möglichkeit, ohne deutsche Hilfe der herannahenden Walze Einhalt, geschweige denn Umkehr zu gebieten? Oder blieb für die Balten nur noch die Flucht in das von der Revolution erschütterte Deutschland übrig? Eine dritte Möglichkeit hätte nur noch das Beispiel Wendens geboten, wo sich die Reste der Besatzung der Burg mit Frauen und Kindern vor 300 Jahren in Luft sprengte, um Folter, Tod oder Verschleppung ins Innere Rußlands zu entgehen. Nachdem man »feiger Gedanken bängliches Schwanken« als hier nicht am Platze von sich gewiesen hatte, beschloß man, sich bis zum Äußersten zu wehren.

Jetzt kam es nur noch darauf an, wie man das am ehesten wagen konnte. Auf Grund eines Aufrufes des estländischen Ritterschaftshauptmanns Baron Dellinghausen wurde in größter Eile eine baltische Freiwilligentruppe aufgestellt. Ihrerseits bemühte sich die provisorische estnische Regierung ebenfalls. Kampfeinheiten zu formieren, um der herannahenden roten Flut Einhalt zu gebieten. Sie stellte zunächst vier Regimenter auf. Aus mangelndem Zutrauen zu ihren Volksgenossen wollten die Esten anfangs auf eine baltische Beteiligung am Kampf verzichten. Die immer größer werdende Gefahr veranlaßte sie jedoch zur Änderung ihres Standpunkts. Sie gaben ihre Bedenken gegen eine baltische Truppe auf. Diese stand unter dem Befehl des früheren Gardeobersten in russischen Diensten. Constantin v. Weiß.

Baltikum

Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika.

Wie frischer Frühlingshauch zieht es heute durch die Geister von Deutsch-Amerika, und unwillkürlich treten mir beim Anblick dieser Festversammlung die Worte unseres großen Volksdichters auf die Lippen:

Der Sommer ist hart für der Thür,
Der Winter ist vergangen.

Was vor fünfzehn Jahren noch ein Traum kühner Schwärmer schien, ist heute zur erhebenden Wahrheit geworden: das Deutschtum in Amerika, das lang zerstreute, hat sich aus freiem Antrieb zur Einheit zusammmengefunden. Der deutsch – amerikanische Nationalbund mit seinen zwei Millionen Mitgliedern stellt heute eine Kulturmacht dar, deren Einfluß nach innen und außen wir selbst noch nicht voll ermessen können. Nie zuvor hat unser Volkstum in diesem Lande eine gleich verantwortungsvolle und gebietende Stellung eingenommen.

Zwar an Versuchen, das amerikanische Deutschtum zur einheitlichen Macht zusammenzuschließen, hat es auch im vergangenen Jahrhundert nicht gefehlt. Nach jeder großen Zuwanderung ist der Gedanke einer zusammenfassenden Organisation aufgetaucht; so in den dreißiger, den fünziger und achtziger Jahren. Aber dem deutsch-amerikanischen Nationalbund ist von allen diesen Versuchen zuerst und allein der Bestand beschieden. Dafür scheint mir diese Stiftungsfeier und der Geist, aus dem sie geboren, die beste Bürgschaft.

Zweierlei ist es, was nach meiner Ansicht der deutschen Bewegung die Zukunft sichert: daß sie in ihrem innersten Wesen deutsch-amerikanisch, d. h. vom Geiste des hingehendsten Patriotismus getragen ist, und daß sie, aus diesem patriotischen Geiste heraus, den Kampf um deutsche Kultur auf ihre Fahne geschrieben hat.

Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika

Seit der Zeit Ludwigs XIV. wurde französische Tracht und Baukunst und Sprache sowie französische Sitte und Etikette in ganz Europa vorherrschend. Die Erfolge Napoleons erweiterten den Einflußkreis der französischen Bildung, der auch Südamerika erlag. Noch jetzt dauert der Einfluß und gewinnt noch immer, wie in Japan und Nordamerika, neuen Boden. Daneben ist aber in der Gegenwart englische Tracht und Sprache aufgekommen; englische Spiele und Gewohnheiten haben den halben Erdkreis erobert. In Ostasien haben britische Diplomaten schon zu verschiedenen Malen den Anspruch erhoben, daß das Idiom Shakespeares, das ja tatsächlich dort im internationalen Verkehr die Hauptgeltung hat, der Sprache Voltaires und Falleyrands vorangehen solle. Auf militärische und politische Errungenschaften folgen in der Regel auch die kulturellen. Nach 1871 wurde Deutschland ein Lehrmeister der Völker. Es schickte Militärinstrukteure nach Rumänien und der Türkei, nach Japan und China, nach Chile und Argentinien; Offiziere aus aller Herren Länder dienten in unsern Regimentern und auf unseren Kriegsschiffen. In Japan geschah der Wechsel von den französischen Instrukteuren, die man trotz Sedan und Metz zu berufen fortgefahren hatte, zu den deutschen Offizieren Anfang der achtziger Jahre. Es waren die Herren von Meckel, der später als Generalquartiermeister in Mainz starb, von Blankenburg und von Grütschreiber. In China zeichneten sich die Herren von Hanneken und von Reitzenstein aus. Die nach Chile 1896 entsandten Instrukteure, fast dreißig an Zahl, wurden persönlich vom Kaiser darauf hingewiesen, daß sie da drüben in der neuen Welt deutscher Art eine neue Stätte und neue Ehre bereiten sollten. Selbst bis in das koreanische Heerwesen ist das deutsche Vorbild gedrungen. Ich habe selbst im Jahre 1895 zu Söul durch den Oberstleutnant Kusunose die „Kurentai“ nach dem Vierbataillonsystem exerzieren sehen, das damals bei uns aufgekommen war, und allerdings sehr bald wieder fallen gelassen wurde.

Häufiger wird der Einfluß gepriesen, den deutsche Wissenschaft, Kunst und Technik in derFremde erworben hat. Was deutsche Führer in Amerika geleistet, was unsere Forscher in Afrika oder Südasien gefunden — so erzählt Ehlers, daß der Name Bismarcks in Hinterindien bekannt war, so wissen wir, daß so manche deutsche Worte schon in das Suaheli eingedrungen sind — was deutsche Naturwissenschafter und Philologen in Rußland, was unsere Musiker in Ostasien erfahren haben: all das liefert uns Bausteine zu einer Erkenntnis jenes gewaltigen Kulturstromes, der von unserer Heimat in alle Welt ausging. Dann gibt es eine Menge von spezialistischen Einzelschritten. Dr. Rehn stellte Beziehungen deutscher und amerikanischer Medizin zusammen. Friedrich Correl arbeitete eine Denkschrift über Silos aus, in der er Erfindungen der deutschen Mühlenindustrie in Amerika verfolgte. Deutsche Chemiker und Physiker, Philologen und Philosophen führten aus, was in ihrer jeweiligen Wissenschaft Amerika uns verdanke. Münsterberg hat dann in einem (vielleicht zu idealistisch gefärbten) Kolossalgemälde derartige Studien zusammengefaßt. Wieder andere haben die deutschen Einwirkungen auf Italien, auf Frankreich, auf Rußland, auf Japan darzustellen unternommen.

Besondere Beachtung verdient das Fortschreiten deutscher Bildung in Osteuropa. Politisch mag sich der Gegensatz zwischen Slaven und Germanen seit einem Menschenalter verschärft haben: kulturell ist er dagegen überbrückt worden. Genau so wie römische und romanische Bildung Mitteleuropa bezwang, so hat wiederum seinerseits die deutsche Kultur im Osten des Erdteils Fuß gefaßt. Der Vorgang beginnt schon sehr früh. Südrussische Städte hatten Soester oder Magdeburger Stadtrecht. Die Hansen kam nach Nowgorod; deutsche Kaufleute besuchten Prag, Krakau und Kiew. Durch den Deutschen Orden, durch Lübeck und verschiedene deutsche Kleinstaaten wurde der slavische Nordosten dem Christentum zugeführt. Im Südosten wirkten sogar slavische Fürsten, wie der Przemysl Ottokar, germanisatorisch. Ivan der Schreckliche ließ englische und deutsche Handwerker kommen. Neben denSlaven wurden die Littauerund Esthen mit deutscher Bildung befruchtet. Sie machten auch den Übergang von der katholischen zur protestantischen Kirche mit. Durch Peter den Großen wurde neuerdings der Befruchtungsprozeß aufgenommen und erweitert. Die Balten wurden dem Zarenreiche einverleibt. Die Folge war, daß in Heer und Verwaltung, in Diplomatie, in Universität und der Welt der Technik unsere baltischen Volksgenossen eine maßgebende Stellung erlangten. Dazu wurden die Beziehungen zu reichsdeutschen Staaten immer enger und häufiger. In dem heutigen Russisch sind eine ganze Unmenge deutscher Lehnwörter enthalten. Allerdings ist zuzugestehen, daß auch französische, holländische und italienische Einflüsse sich geltend machten, und daß in der Gegenwart das Bestreben bemerkbar wird, die Fremdwörter möglichst auszumerzen. „Kübelweise“, sagt Turgenieff,

„goß Peter der Große westeuropäische Kultur in das russische Volk, wohl wissend, daß dessen Gesundheit stark genug sei, um das Fremdwesen zu verdauen.“

Wenn aber der äußeren Form nach die slavischen Staaten der Gegenwart national geworden sind, so ist doch dem Wesen nach zum mindesten Wissenschaft und Technik in Petersburg, Prag, Warschau und Sofia deutsch.

Seit ungefähr zwanzig Jahren dringt unsere Kultur auf dem Balkan vor. Bulgaren und Montenegriner lernen Deutsch. In Bukarest, Sofia und Konstantinopel erscheinen deutsche Zeitungen. In Nordalbanien verbreiten die katholischen Priester unsere Sprache. Selbst in Griechenland beginnt sie neben dem Französischen mächtig zu werden. In der Türkei vollends ist sie die Mode des Tages geworden, wenn sie auch noch lange nicht Französisch und Italienisch verdrängt hat. Was unsere Generale, Moltke, Kamphövener, Goltz, was die Arzte Riedel, Dühring und Mordtmann geleistet, ist der Welt bekannt. Die Ana-tolische Bahn hat einen fruchtbaren Strom deutscher Arbeit und deutschen Wissens nach Vorderasien geleitet.

Etwas von diesem Strome hat auch Persien bekommen, das von Deutschösterreichern viel gelernt hat. In Syrien hat das Beispiel der Templer und der nie abbrechende Pilgerzuzug einiges gewirkt. Gehen wir weiter nach Osten, so finden wir in Indien Hunderte von deutschen Kaufleuten und eine Reihe von Elektrikern und Aerzten, ferner eine kleine, aber berühmte Schar von Professoren, meist Sanskritisten, die an indischen Universitäten lehren. Mit China haben wir Beziehungen seit der Fahrt des Admirals Grafen Eulenburg Anfang der 60er Jahre. Der Einfluß aber, den China auf unser Kulturleben ausübte, ist weit bedeutender gewesen, als unsere Einwirkung auf die chinesische Bildung. Immerhin darf nicht unerwähnt bleiben, daß ein deutscher Missionar, Gützlaff, der später eine Geschichte Chinas geschrieben hat, insofern mit einen Anstoß zur Taiping-Revolution gab, als der oberste Führer der Taiping bei ihm in die Schule gegangen sein soll, wodurch er angeregt worden sei, christliche Lehren zur Umgestaltung Ostasiens zu benutzen. Von Missionaren nenne ich weiter Faber, der wie kaum ein anderer in den entlegensten Winkeln und Buchten jenes Ozeans, den die chinesische Literatur darstellt, Bescheid weiß. In Indien ist es mir begegnet, daß ein einfacher Postbeamter mich als Deutschen freundlich begrüßte, da ja unsere Nation die anerkannte Meisterin altindischer Forschung sei. Ähnlich schmeichelt es auch den Chinesen, sei ihr Eigendünkel noch so robust und undurchdringlich, wenn Fremde sich um ihre klassischen Schriften bekümmern. Die zwar kleine, aber auserlesene Schar unserer Sinologen, eines von der Gabelentz, eines Hirth, Grube, Conrady Florenz, C. W. F. Müller hat nicht wenig dazu beigetragen, China und Deutschland einander freundlich geneigt zu machen. Einen unserer Sinologen, Dr. Francke, hat sogar die chinesische Gesandschaft in Berlin zu ihrem Dragoman erkoren. Ein sehr guter Kenner nicht nur ostasiatischer, sondern aller asiatischen Sprachen ist auch der Dragoman unserer deutschen G esandtschaft in Peking, Herr Krebs; nur ist er freilich wenig aus seiner Studierstube herausgetreten, während sonst unsere Sinologen sich gern und geschickt im weiten Weltleben tummeln. In jüngster Zeit sind chinesische Offiziere in nicht ganz kleiner Zahl zu uns gekommen, um zeitweilig in deutsche Regimenter einzutreten. Maßgebend wäre fast der deutsche Einfluß in dem chinesischen Seezollamte geworden, das ja neben einer rein kommerziellen und verwaltungstechnischen Tätigkeit, auch eine rein wissenschaftliche statistischer, nationalökonomischer, medizinischer, metereologischer und topographischer Art pflegt. Neben Sir Robert Hart war lange Zeit Herr Detring der mächtigste Mann im Seezollamt, und man sagt, daß Hart nur deshalb so viele Jahre nicht auf Urlaub ging, weil er besorgte, daß in seiner Abwesenheit Detring zum I. G. (Inspector General) ernannt würde. Anfang 1895 wurde sogar Detring mit denFriedensverhandlungen mit Japan betraut. Von greifbaren kulturellen Beziehungen ist endlich die Sendung K. W. F. Müllers anzuführen, der während der Boxerunruhen großartige Sammeltätigkeit in Peking ausübte, und weiter die Stellung Professor A. Fischers, der als eine Art Kulturattache unserer Gesandtschaft in Peking im amtlichen Aufträge chinesische Kunst und Wissenschaft zu studieren hatte.

Weit wichtiger noch ist das Ergebnis der deutschen Arbeit in Japan. Schon in der holländischen Zeit beginnen die Spuren dieser Arbeit. Der Arzt Siebold, der in holländischen Diensten war und gute Gelegenheit zum Forschen hatte, ist der erste nach Kämpfer, der einen Gesamtüberblick über die Geschichte, Natur und Kultur des fernen Inselreiches gab. Es ist bezeichnend, daß nicht wir selbst, sondern daß Fremde das Einströmen deutscher Wissenschaft in das Land des Mikados vermittelt haben. Ein Holländer, Hoffmann, war der erste Professor der Medizin in Tokio. Aber er lehrte in deutscher Sprache. In Zukunft ist dann die deutsche Sprache für die ganze medizinische Fakultät maßgebend geworden. Hunderte von japanischen Ärzten sprechen fließend Deutsch. Aoyama und Kitosato stehen auf den Schultern der deutschen Forscher Koch und Behring. Auch für Sprachen und Nationalökonomie und Recht ist Deutschland Vorbild gewesen. Das Inselreich hat unser bürgerliches Gesetzbuch — mit einigen Veränderungen, wie sie namentlich die eigentümlichen einheimischen Erbverhältnisse bedingten — früher eingeführt, als wir selbst. Bloß das Patentrecht ist ein bodenständiges Gewächs, nicht gerade zum Vorteil der japanischen Reputation, insofern Patentverletzungen und Mißbrauch von Handelsmarken viel zu gelinde gestraft werden. Professor Florenz, einer der bedeutendsten Sinologen der Gegenwart und einer der vielseitigsten Sprachforscher — er beherrscht die Idiome Vorderasiens und Sanskrit, dazu Türkisch, ostasiatische Sprachen und Malaiisch— trägt seine linguistischen Vorlesungen auf Deutsch vor. Ebenso Lönholm, der sich dort als Patentanwalt aufgetan hat, einst seine Vorlesungen über Volkswirtschaft. Dagegen trugen der Balte von Köbner und Ludwig Rieß, sowie auch die deutschen Missionare Philosophie, Geschichte und Theologie auf Englisch vor, ebenso der Münchener Löw Biologie, Graßmann und Jansen Forstwissenschaft; ich meine jedoch, daß bei einiger Zähigkeit auch auf diesen Gebieten unsere Sprache hätte zur Geltung gebracht werden können. Im übrigen verweise ich, was das Wirken einzelner hervorragender Landsleute anbetrifft, auf ein tüchtiges Buch, das jüngst erschienen ist: Das Kaiserreich Japan von Paalzow. Besondere Erwähnung verdient jedoch die Deutsch-Ostasiatische-Gesellschaft zu Tokio, von der eine reiche Flut wissenschaftlicher Anregungen auf das Inselreich ausgeströmt ist. Bei der Gesellschaft waren die japanischen Mitglieder entschieden die Nehmenden. Sonst aber hat „das Land der zehntausend Inseln“ ebensoviel gegeben. Unsere Landsleute haben fleißig in ihre Scheuern gesammelt, und haben mit Eifer die Kenntnis des Inselreiches uns vermittelt. Florenz hat das Nihongi übersetzt, die wichtigste Quelle über die Urgeschichte Japans. Bälz hat die Gesamtwissenschaft um wichtige Funde ostasiatischer Anthropologie bereichert. Auch ist von den japanischen Historikern Neues ausgegangen, das bei uns mit Dank verwertet wurde. Shiroda und Professor Lange vom orientalischen Seminar haben zusammen die neueste Geschichte von Japan bearbeitet; von Murakami sind wichtige archivalische Aufschlüsse über Formosa und die Philippinenzu erwarten. Auch ist naturgemäß unsere Botanik.und Geologie durch japanische Gelehrte befruchtet worden.

Über unsere Kulturbeziehungen zu Amerika kann ich mich kurz fassen, nicht, weil sie unbedeutend wären — im Gegenteil!

Sondern weil sie schon gut erforscht und oft behandelt sind. Ich brauche bloß auf den Professoren-Austausch und das bekannte Buch Münsterbergs zu verweisen, das vielleicht nur darin irrt, daß es den Einfluß unserer Kultur eher unterschätzt als übertreibt. Wenig ist dagegen für Mexiko und das lateinische Amerika getan. Und doch gibt es Leute in Mexiko, an erster Stelle Porfirio Diaz selber, sowie in Venezuela, die alles von der deutschen Kultur erwarten, und doch wimmelt es in München und Berlin von südamerikanischen Studenten. In Santiago, wie auch in Buenos Aires gibt es angesehene wissenschaftliche Gesellschaften, die von Deutschen gegründet wurden, bei denen jedoch auch gar manche Chilenen und Argentinier Mitglieder sind. Zusammenfassende Arbeiten über unsere Kultur im lateinischen Amerika gibt es nicht. Für Mexiko, Mittelamerika und das nördlichste Südamerika findet man einiges in dem Büchlein von WilhelmWintzer„Das Deutschtum in Mexiko und Mittelamerika“, für Chile in dem leider etwas veralteten Werkchen von Johannes Unold „Das Deutschtum in Chile“, für Brasilien in dem jüngst erschienenen trefflichen Buche von Wettstein, in dem enzyklopädischen Buche Canstatts und in zahlreichen anderen Schriften, die namentlich auf Veranlassung deutsch-brasilischer Auswanderer-Gesellschaften, wie der Hansa, geschrieben wurden.

Eine dankbare Arbeit wäre es, auch im europäischen Lande das Wirken unserer Landsleute und das Umsichgreifen deutscher Kultur zu verfolgen. Man müßte auf die Kruppsche Niederlassung in Bilbao und das deutsche Kapital in italienischen Banken verweisen, müßte das Wachsen unserer Kaufleute und Banken in der City schildern, müßte von den kaiserlichen archäologischen Instituten in Rom und Athen erzählen, müßte hervorheben, daß in jüngster Zeit skandinavische Künstler und russische Grandseigneurs nicht mehr so sehr nach Paris, wie nach Berlin und München gehen, müßte die ungeheure Macht Richard Wagners und Nietzsches auf die Gemüter unserer Nachbarn schildern, allein das wäre une mer á boire. Wer wagt sich an den Ozean?

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches
Deutschtum und Türkei : Mohammedaner und Christen
Deutschtum und Türkei : Kaiserbesuch
Weltkriege der Gegenwart : Burenkrieg und Boxerwirren
Weltkriege der Gegenwart : Blüte Nordamerikas
Weltkriege der Gegenwart : Japanisch-russischer Krieg
Weltkriege der Gegenwart : Hottentottenkrieg
Weltkriege der Gegenwart : Marokko
Weltkriege der Gegenwart : Eduard VII.
Weltkriege der Gegenwart : Bosnien
Weltkriege der Gegenwart : Persien
Weltkriege der Gegenwart : Spannung zwischen Union und Japan
Weltkriege der Gegenwart : Parlamentarismus im Orient
Weltkriege der Gegenwart : Panama
Weltkriege der Gegenwart : Tibet
Weltkriege der Gegenwart : Ein japanisches Festlandreich
Weltkriege der Gegenwart : Kiderlen

Männer; Völker und Zeiten

In allen islamitischen Ländern ist die Regierung die mittlere Linie zwischen dem demokratischen Sinn der Bevölkerung und der absoluten Vollmacht des Kalifen. Der Koran predigt ja, daß alle Mohammedaner Brüder, alle einander gleich seien. In der Tat ist denn auch der Sohn einer Negerin genau so erbberechtigt, wie der Sohn ihrer begünstigteren hellhäutigen Nebenbuhlerin. Auch sind der Rassenanlage nach die meisten Träger des Islam, namentlich Türken und Araber, demokratisch. Bei den neuesten Vorgängen haben die Ulema ausdrücklich erklärt, und zwar selbst die, die in Konstantinopel bei der Gegenrevolution mitgewirkt hatten, daß der Sultan die Verfassung nicht wieder antasten dürfe, und daß jeder Muslem nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet sei, dem Sultan im Falle einer Übertretung zu widerstehen. Der Sultan ist vor allem den Bestimmungen des Koran unterworfen, sodann den Ordnungen der Multeka, einer Sammlung von Sprüchen und Entscheidungen, die Mohammed und seine ersten Nachfolger getan haben. Dagegen wird das Kanon-Nameh Suleimans des Glorreichen, eine Sammlung von Hatti-Scherifs Suleimans selbst und seiner Vorgänger, zwar sehr geachtet, ist jedoch nicht bindend. Es gibt allerdings gefällige Gesetzesinterpreten, die, z. B. von der Tatsache ausgehend, daß der Prophet nur vier legitime Frauen erlaubt, und selber doch vierzehn besessen habe, die Meinung aufstellen, dem Kalifen sei schlechterdings alles gestattet. In jedem Falle hat sich der Absolutismus so mancher Sultane tatsächlich einfach über die Bestimmungen des Korans hinwegsetzt.

Der Sultan ernennt selbst — auch beim neuesten Regime — die zwei höchsten Reichsbeamten, den Sadrazan (Sdar-azam, persisch) oder Großwesir als oberste weltliche Autorität, und den Scheich ül Islam, das Haupt der Kirche. Bei der Wahl des letztgenannten haben jedoch die Ulema, die man demnach den Kardinälen vergleichen kann, mitzuwirken. Die Ulema stellen aber zugleich die obersten Juristen und besetzen die Theologieprofessuren. Ihnen eng verbunden sind die Mufti, die Ausleger des Korans. Westliche Einflüsse in der Verwaltung enthält zuerst das Hatti-Hamayun von 1856. Dem Großwesir steht ein Kronrat oder Medschlis i Haß zur Seite.

Bekannt genug ist die Einteilung des Reiches in Vilajets, Sandschaks, Kazas und Nahiets, die einem Wali, Mutessarif, Kaimakan und Mudir unterstehen. Wali kommt, was vielleicht weniger bekannt ist, aus dem Arabischen, wo es ursprünglich „oben“ bedeutet. Dieselbe Wurzel steckt im Vilajet, wo es lautgesetzlich ebenso von Wali gebildet ist, wie Kilafyet von Kalif.

Im übrigen ist das Osmanenreich zur größeren Hälfte nur Fortsetzung des byzantinischen. Selbst der Halbmond ist ursprünglich wahrscheinlich byzantinisch.

In der Bevölkerung bildet den Hauptunterschied die Religionsangehörigkeit. Nur die Mohammedaner sind verpflichtet, ja nur sie berechtigt, Waffen zu tragen und in den Krieg zu ziehen. Die Christen oder Rayah sind ohne weiteres die Untergebenen der Mohammedaner. So will es ausdrücklich der Koran. Mithin ist schon dadurch das Gesetz des Korans übertreten worden, daß später die Juli-Revolution Gleichheit aller Konfessionen bestimmte. In einem islamitischen Staate ist eine derartige Gleichheit schlechterdings nicht durchzuführen. Angenommen, das Waffentragen könnte allen Bürgern zugestanden werden, so ist schon allein das Eherecht eine Klippe, an der die Gleichheit vor den Gerichten scheitern muß. Ist doch für die Christen die Einehe gesetzlich, während für die Anhänger des Propheten die Vielehe, wenn nicht geboten, so doch vollkommen legitim ist. Auf der anderen Seite ist aber ebenfalls das Gesetz des Korans von dem absolutistischen Regime und seinen Trabanten außerordentlich oft in der Vergangenheit und vielfach auch in der Gegenwart verletzt worden, insofern der Koran zwar zur Bedrückung der Ungläubigen auffordert, allein ihr Leben unter Schutz stellt. Rein praktisch war ja auch eine Ausrottung der Ungläubigen nicht durchzuführen, aus sehr begreiflichen Gründen war vielmehr deren Erhaltung im Interesse des Staates. Denn die Rayah zahlten eine Kopfsteuer, die, namentlich in den ersten Jahrhunderten der arabischen Eroberung, den Hauptstock der Staatsfinanzen bildete.

Für die islamischen Herren war es dabei stets, auch in Nordafrika und Persien, von der größten Bedeutung, daß die Christen durch ihre konfessionellen Streitigkeiten gespalten waren und noch sind. Noch im Jahre 1881 wollten die römisch-katholischen Albanesen lieber mit den Mohammedanern als mit den griechisch-unierten Montenegrinern Zusammengehen. Im Februar 1909 lehnten sich die arabischen Christen gegen die griechisch-unierten auf, und es kam in Jerusalem zu blutigen Zusammenstößen. Von den Nestorianern und Armeniern haben sich viele der englischen Hochkirche angeschlossen, während 1898 an 15000 Ne-storianer in das Lager der russischen Prawoslavie übergingen. Auf der islamischen Gegenseite freilich fehlt es auch nicht an Spaltungen. Die Wahabiten, deren Sekte seit rund 1720 besteht, haben so manchen Padischah arg zu schaffen gemacht. Noch in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts haben verschiedene Wahabitenfürsten, darunter der berühmte Jahja, die Vilajets Asyr, El Hasa und das Nedschd von der Herrschaft des Kalifen losgerissen. Am fühlbarsten war stets die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten. In der jüngsten Zeit soll sich die Zahl der Schiiten in Mesopotamien, besonders in der Nähe von dem schiitischen Wallfahrtsort Kerbela, wesentlich vermehrt haben. Auch einige wenige Kurdenstämme sollen, wie ich bei meiner Reise durch Adherbaitschan hörte, der Schia anhängen. Genaueres ist darüber nicht zu erfahren. Andere Kurdenstämme gehören der pantheistischen Sekte der Kisilbaschi an, die im Grunde mit dem Islam ebensowenig zu tun hat, wie der Sufismus. Auch im Libanon ist eine Sekte, die sich mit den orthodoxen Satzungen des Islams in Widerspruch befindet. Nichtsdestoweniger ist aber doch die religiöse Einheit bei der mohammedanischen Bevölkerung des osmanischen Reiches viel stärker ausgeprägt als bei der christlichen.

Um so größer sind sowohl bei den Mohammedanern als auch bei den Christen die Unterschiede und Spaltungen der Volkheiten und Rassen. Im ganzen Reiche gibt es zum mindesten ein Dutzend verschiedener Rassen, als da sind: Türken, Slaven, Griechen, Albanesen, Wlachen, Armenier, Tscherkessen, Lasen und Georgier, Jyrücken, Kurden, Syrer und Araber; Juden, Zigeuner und Levantiner nicht einmal mitgerechnet. Im allgemeinen gehören die einzelnen Rassen ausschließlich ganz bestimmten Religionen, an, eine Ausnahme machen jedoch Albanesen und Araber, die sich in Islam und Christentum teilen. Von den Georgiern bemerke ich, daß im Gegensatz zu ihren christlichen Volksgenossen im Kaukasus die Engeloj Mohammedaner sind. Natürlich gibt es noch eine große Menge von Konvertiten, die teils ganz in das Türkentum aufgehen, wie einst die Janitscharen, wie noch in der Neuzeit der Magdeburger Osman Pascha und der polnische Graf Tschaikowsky, der um 1880 Wali des Libanon wurde.

Um in der Erscheinungen Flucht einigermaßen festen Boden zu gewinnen, wird ein Überblick über die Kopfzahl der einzelnen Nationen von Nutzen sein. Allerdings muß man eine Unsicherheit in der Statistik mit in Kauf nehmen, an der außer Japan alle orientalischen Staaten kranken. Sie erklärt sich durch den Chauvinismus der Bewohner, die gern ihre Kopfzahl viel zu hoch angeben, so daß bei Schätzungen zwischen ihnen und ihren Gegnern Unterschiede von ungefähr 1000% Vorkommen; so schätzensich dieSerben von Mazedonienselbstauf zwei Millionen ein, während die Bulgaren sie nur auf zweihunderttausend berechnen. Da würde die Wahrheit nicht einmal in der Mitte liegen, sondern man muß eine weit geringere Zahl als richtig erkennen. Zu diesen Schwierigkeiten allen gesellt sich noch für die Statistik die sehr beträchtliche Einwanderung, die seit 1855, und stärker seit 1877 stattfand. Im Jahre 1902 haben sich die Mohammedaner Anatoliens laut einer Schätzung des Obersten von Diest seit dem russisch-türkischen Kriege fast verdoppelt, und von der Goltz Pascha erzählt uns von ganzen osmanischen Dörfern, die er zu seinem Erstaunen im Östlichen Mazedonien vorfand, ohne daß sie auf den Karten irgendwo verzeichnet gewesen wären. Die Geometer, meist christlichen Glaubens, hatten es eben nicht für nötig gefunden, die große Zahl der Mohammedaner noch besonders hervorzuheben. Der Zensus aber hängt, wie überall, mit dem Steuersystem zusammen, und so erklärt es sich, warum sich viele der Statistik entziehen. Auf Grund dieser vielen Mißstände ist es ziemlich schwierig, auch nur annähernd zuverlässige Zahlen anzugeben. Doch sei folgende Aufstellung versucht.

Hübner-Juraschek nimmt nur 24 Millionen an. Ebenso das Statesmans Yearbook. Beide nach den offiziellen Schätzungen. Nicht nur in der Hauptzahl, auch in den Zugehörigkeiten der Einzelzahlen herrscht, wie schon angedeutet, viel Unstimmigkeit. So beanspruchen namentlich die Hellenen die griechisch redenden Albanesen und Wlachen für sich, was deren jüngst erwachter Nationalismus aber nicht bestätigen will.

Ein Hauptproblem türkischer Politik bildet der Nationalitätenkampf. Araber undTürken hassen sich gegenseitig, wie jüngst wieder zwei vortreffliche Kenner, Hartmann und der Graf Mülinen, betont haben. Der Türke sieht mit Verachtung auf die ungeleckten Kurden herab. Der Albanese geht oft mit dem Türken, aber er fühlt sich doch sehr deutlich und sehr bestimmt als ein ganz anderer Mensch. Daß weder Kurden und Armenier noch Bulgaren und Serben und Griechen an einem Strange ziehen, ist bekannt genug. Der beständige Wechsel der Gruppierungen der Volks- und Bandenbündnisse, der in den letzten zehn Jahren Platz gegriffen hat, könnte einem Spezialisten der Variations und Permutationsrechnung ein gutes Material abgeben. Die Griechen waren vor allem und seit Jahrhunderten gegen die Slaven. Dann beehrten sie, besonders seit den Albanisierungs-bestrebungen des großen Ali Pascha Tepelenli die Albanesen mit ihrer Feindschaft; im Anfang des 20. Jahrhunderts entflammten sie plötzlich in heller Wut gegen die Rumänen und Wlachen, sie gingen sogar, trotz 1897, wieder mit den Türken. Dieses Paradigma kann man ähnlich auf Albanesen und Kurden und ütti quanti anwenden.

Am wichtigsten ist die Arabische und die Albanische Frage. Es war schon von den Bestrebungen arabischer Kreise die Rede, kraft deren das Kalifat auf einen Araber übertragen werden sollte. Die Anschauungen und Bemühungen der Senussi und verwandter Orden gehen denen der jetzigen Reformer, der verächtlich Pariser oder Ferengy-Türken genannten, entgegen. Andererseits haben jene eifrigen Verteidigerder koranischen Weltanschauung doch auch westliche Gedanken aufgenommen. In Ägypten haben sich mohammedanische Freimaurerorden aufgetan, und stehen mit englischen, politisch stark gefärbten Freimaurern in reger Verbindung. Der scheinbare Widerspruch solcher Bestrebungen spiegelt sich in dem Widerspruche englischer Politik. Denn die Liberalen haben sich seit der Zeit Gladstones, wenigstens theoretisch, stets für die unterdrückten und nach Emanzipation ringenden Völker erwärmt, während sie doch gleichzeitig die britischen Interessen wahrnahmen und sich daher manchmal gerade gegen jene Emanzipationsgelüste stellten. Das hat man in den Tagen Cannings und Palmerstons wie auch 1882 bei der Beschießung Alexandrias gesehen. Und wollten die Liberalen nicht, so wurden sie eben von den Konservativen, den Unionists, abgelöst, die sich nicht an etwaige Abmachungen ihrer Vorgänger im Amte hielten. Die Arabische Frage greift selbst bis nach Persien und nach Marokko hinüber. Eine persische Provinz, Chuzistan, ist zur größeren Hälfte von Beduinen bewohnt, und wie sehr die arabisch-panislamitische Agitation in Nordafrika den Franzosen zu schaffen machte, ist ja genugsam bekannt.

Zwar nur auf ein kleines Gebiet beschränkt, aber in ihren inneren Gegensätzen und ihren äußeren Ausstrahlungen nicht minder verwickelt, ist die Albanische Frage. Lediglich um ihre Nationalität zu retten, sind einstens viele Albanesen zum Islam übergegangen. Ihr Volkstum stand ihnen höher als die Religion. In der Gegenwart hat dies Gefühl einen weiteren Schritt gezeitigt. Christen und Mohammedaner haben sich zusammengeschlossen. Das geschah schon 1879. Dann griffen wieder Stammesfehden Platz. Neuerdings aber wurde ein allalbanischer Kongreß abgehalten, der im November 1908 zu Monastir zusammentrat. Die Albanesen wollen weder ein Vorrücken der Griechen noch ein Übergewicht italienischen Einflusses. Sie bekämpfen offen eine Vormacht der Türken und halten sich sehr reserviert gegenüber dem Gedanken einer Annäherung an Österreich. Am liebsten möchten sie die Autonomie. Da sie sehr wohl wissen, daß sie sich mit ihrer geringen Zahl im Wechselspiel der Großmächte nicht allein behaupten können, so erkennen sie die Notwendigkeit eines Schutzes an. Als Suzerän wäre ihnen der Herrscher am liebsten, der ihnen am meisten Freiheit im Innern gewährte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches

Männer; Völker und Zeiten