Schlagwort: Volksgericht

Die Frage der Sittlichkeit in der Kunst ist leider längst keine künstlerische Frage mehr. Von hüben wie von drüben ist Verwirrung in sie hineingetragen worden. Keime zu solcher Verwirrung enthält schon der Buchstabe des Gesetzes, das für gewisse Fälle die Zitierung des Künstlers vor das richterliche Forum vorsieht. Ich möchte damit keineswegs dem Staate das Recht abgestritten haben, sich gegen gewisse, mit künstlerischen Mitteln begangene Angriffe auf das Schamgefühl zu schützen. Ich möchte nur auf den notwendigen tragischen Widerspruch zwischen der Absicht und der W i r k u n g des Gesetzesbuchstaben hinweisen.

Der Buchstabe will immer Lebendiges schützen, aber in der Praxis gelangt er fast immer dazu, Lebendiges zu töten. Wenn das in der Rechtserzeugung begabteste Volk, die Römer, den Satz aufstellte: Summum jus, summa iniuria! so hat es darin eine profunde Kenntnis dieser „Tragik der Formel“ bekundet.

Weitere Verwirrung ist in die Frage „Kunst und Sittlichkeit“ durch gewisse rückständige Volkskreise hineingetragen worden, die sich gerade der Kunst gegenüber als die berufenen Hüter von Moral und Sitte aufzuspielen lieben. Sie haben die Anwendung des Buchstabens, die Rechtsprechung, häufig in falsche Bahnen gelenkt. Sie haben auf diese Weise den unnatürlichen Zustand geschaffen, daß Künstler und ihre Genossen der Rechtsprechung und ihren Organen wie einem Feinde gegenüber stehen. Die Furcht vor diesem Feinde kann man aus allen Sachverständigen – Gutachten herauslesen. Die Sachverständigen sind dazu gelangt, in ihren Aussagen Politik zu treiben, weil eben das Vertrauen fehlt, daß aus Zugeständnissen ihrerseits nicht haarsträubend falsche Folgerungen gezogen werden, weil ferner das Strafmaß des Gesetzes ihren berechtigten Anschauungen nicht entspricht.

Zu guter Letzt beteiligen sich dann noch die Künstler an der Trübung der ganzen Angelegenheit, indem sie mit Schöpfungen an die Öffentlichkeit treten, die platterdings keinen anderen Namen als den der Zote verdienen. Und das ist der trübste Teil der Angelegenheit. Ich rede hier keineswegs von Nacktheiten überhaupt, nicht einmal von erotischen Darstellungen im allgemeinen. Sondern ich meine nur diejenigen Erotika, die deutlich erkennbarer Weise lediglich dem geschäftlichen Zweck zuliebe und nicht aus innerer künstlerischer Notwendigkeit entstanden sind.

Wenn ein Künstler — solche Fälle sind vorgekommen — die Psychopathia sexualis hernimmt und zu sämtlichen -philien und -ismen mit trockenem, bureaukratisch pedantischem Stift temperamentlose und nur durch das Stoffliche wirksame Illustrationen zeichnet, dann macht er sich auch vor einem Forum von Künstlern und Künstlergenossen straffällig. Das heißt die ohnehin schwierige Situation, in der sich die Kunst gegenüber dem Ansturm der ewig Verständnislosen befindet, mutwillig und frivol verschlimmern. Wenn die Freiheit der Kunst in schamloser Weise zu geschäftlichen Zwecken ausgenutzt wird, dann erleidet die Position ihrer Verteidiger eine schlimmere Schwächung als durch jeden Angriff von außen her. Ein solches unverantwortlichesGebahren bedeutet: der Freiheit der Kunst und ihren Verfechtern in den Rücken fallen.

Kunstartikel