Schlagwort: Volksglauben

Die Verschmelzung von Mensch (oder Tier) und Pflanze in der Phantasie, die magische Wechselwirkung zwischen beiden, welche in dem bisher besprochenen Volksglauben uns entgegentrat, steigerte sich zuletzt zu der noch mehr anthropomorphischen Vorstellung, daß heilige Bäume und andere Pflanzen hei Verletzungen bluten, als wären sie leibhafte Menschen und nur dem äußeren Scheine nach Vegetabilien. Loccenius im 17. Jahrhundert erzählt,1 daß ein Knecht auf dem Gute Vendel im Kirchspiel Osterhanning in Södermannland einen schönen schattenreichen Wachholder hauen wollte, der von anderen Bäumen umgeben auf einem ebenen, runden Platze stand. Da hörte er eine Stimme

„Haue den Wachholder nicht!“

und als er sich dennoch anschickte zuzuschlagen, ertönte die Stimme abermals:

„Ich sage dir, haue den Wachholder nicht!“

Afzelius2 berichtet damit übereinstimmend nach einer älteren Schrift, als ein Mann einen Baum im Walde habe abhauen wollen, habe aus der Erde eine Stimme gerufen

„Lieber, haue nicht!“

und aus den Baumwurzeln sei Blut geflossen. Eine der ersten schwedischen ähnliche Sage erzählt man in Baden von einem Kirschbäumchen bei der Barbarakirche zu Herrenalb, aus dem sich ein Bauer eine Flegelrute machen wollte. Da rief es beim ersten Schnitte hinein „Au weh!“ und ebenso heim zweiten, worauf der Bauer sich mit Grauen davon machte. Am andern Tage war das Bäumchen verschwunden. Ein ander Mal, als ein Küfer dort eine Birke ahschneiden wollte, rief es hei jedem der drei Schnitte ans ihr „o Jesus!“ Auf dieses ließ der Küfer die Birke stehen, die er später nicht wiederfinden konnte.3 Doch auch der von Afzelius berichtete Zug findet unter dentschredenden Stämmen Analogien. Man vergleiche nur was Schiller Walter Tell zu seinem Vater sagen läßt (Act. III. Sc. 3):

Die Baumseele

Ein merkwürdiger französischer Brauch aus der Nähe der Pyrenäen schließt uns das Verständniß dieses litauischen Glaubens auf.

So weit de Nore’s Mitteilung. Der Askafroa, den niederlitauischen Baumdämonen. dem Monsieur le yéble wurde die Macht zugeschrieben, Menschen und Tieren zu schaden. Dies geschah — wie der französische Bericht in Verbindung mit dein litauischen lehrt — dem Volksglauben nach vermittelst der Insekten von mancherlei Gestalt und Farbe, welche in und unter der Rinde, Stamm und Wurzeln der Bäume uud Kräuter ihren Aufenthalt haben. Man warf dieses Gewürm nämlich mit den bösen Geistern in Wurmgestalt zusammen, welche nach einer uralten schon bei den Indern in dem Atharvaveda und in den Grihyasutras ganz ähnlich wie unter den Germanen entwickelten Vorstellung sich als Schmetterlinge, Raupen, Ringelwürmer, Kröten u. s. w. in den menschlichen oder tierischen Körper einschleichenn und dann als Parasiten verweilend die verschiedensten Krankheiten (z. B. Schwindsucht, Kopfweh. Magenkrampf, Zahnweh, besonders nagende, bohrende und stechende Schmerzen u. s. w.) hervorbringen sollten.1


Der Glaube an dieses Gewürm beruht auf einem ganz einfachen psychologischen Vorgänge und erzeugt sich häufig auch jetzt noch in den Fieberphantasien sonst ganz gebildeter Kranker auf Momente wieder. Aus dem wilden Walde, meinte man, kämen diese Geister, welche häufig Elbe genannt werden,1 zu Menschen und Vieh.2 Der Baum, dessen Rinde sie beherberge, entsende sie entweder aus Lust am Schaden, oder um sie loszuwerden, weil sie in seinem eigenen Leibe, nie in den Eingeweiden des Menschen verzehrend wüteten.

Wie der Baum oder Baumgeist das krankheitserzeugende geisterhafte Ungeziefer (Elben u. s. w.)2 schickt, kann er es wieder zurücknehmen. Deshalb umwandelt man bei Zahnschmerzen einen Birnbaum rechts und umfaßt ihn mit den Worten:

Birnbaum, ich klage dir,
Drei Würmer, die stechen mir,
Der eine ist grau,
Der andere ist blau,
Der dritte ist rot,
Ich wollte wünschen,sie wären alle drei todt.

Diese Zeremonie nennt man den Baum „anklagen“.1 Auch andere Pflanzen, als Bäume, stehen im Verdacht, durch ihren Willen die Würmer im tierischen Organismus festznhalten. So schreibt z. B. der böhmische Aberglaube vor, auf dem Felde eine Distel zu suchen, einen Stein und eine Ackerkrume darauf zu legen und zu sagen:

Distelchen, Distelchen
Ich lass‘ nicht eher dein Köpfchen los,
So lang du nicht frei läßt die Würmer der Kuh (des Pferdes u. dgl.). 2

Die einmal vorhandene Vorstellung von dem Verweilen der Krankheitsgeister im Baume haftete so sehr1, daß man sie auch da beibehielt, wo diese Dämonen nicht in Wurmgestalt, sondern in anderer Tier- oder Menschengestalt gedacht wurden. Auch da ist es häufig der Baum, der durch ihre Entsendung Epidemien hervorruft, durch ihre Zurückberufung die Gesundheit wiederherstellt. Lehrreich in dieser Beziehung ist ein Lied, welches bei einer Seuche die russischen Weiber singen, indem sie mit einem Pflug um das Dorf die die bösen Geister abwehrende Furche ziehen:

Vom Ocean, von der tiefen See
Sind zwölf Mädchen gekommen;
Sie nahmen ihren Weg — kein kleiner war’s —
Zu den steilen Höh’n, zu den Bergen empor,
Zu den drei alten Holunderbäumen.

Diese zwölf Mädchen, die in vielen gegen sie gerichteten Beschwörungsformeln „die bösen Schütteler“, oder „Töchter des Herodes“ oder einzeln mit den Namen besonderer Krankheiten genannt werden, mithin Personificationen der Krankheitsursachen sind,1 werden nun redend eingefiihrt:

Macht fertig die weißen Eichentische,
Schärfet die Messer von Stahl,
Macht heiß die siedenden Kessel,
Spaltet, durchbohrt bis zum Tode
Jedes Leben unter dem Himmel.

Die Holunder geben ihre Zustimmung zn dem Wunsche der zwölf Schwestern; alle lebenden Wesen sind dem Tode geweiht.

In diesen siedenden Kesseln
Brennt mit unauslöschlichem Feuer
Jedes Leben unter dem Himmel.

Doch die drei Holunder erfaßt mitleidige Rührung:

Rund um die siedenden Kessel
Steheu die alten Holunder.
Die alten Holunder singen,
Sie singen von Leben, sie singen von Tod,
Sie singen vom ganzen Menschengeschlecht.
Die alten Holunder verleihen
Der ganzen Welt langes Leben;
Doch dem andern, dem Übeln Tode,
Bestimmen die alten Holunder
Eine weite und große Reise.
Die alten Holunder versprechen
Ein beständiges Lehen
Dem ganzen Geschlechte der Menschen.2

Rief der Baumgeist die Krankheit verursachenden Elben nicht freiwillig zurück, so bediente man sich zauberischer Worte und symbolischer Handlungen, der unter uns sogenannten sympathetischen Kuren, welche darauf hinausgingen, die schädlichen Geister unter einen Stein, in die Wüstenei zu verweisen, einem Vogel zum Mitnehmen zu empfehlen, oder sonst zu verbannen, vorzüglich aber sie auf einen Baum oder ein Kraut zu 1 2

übertragen, da sie ja zu solchen gehören, von solchen ansgingen;1 oder wo diese letztere Vorstellung nicht mehr obwaltete, bewog die in der Menschheit ewig rege Selbstsucht die Schmerzen des eigenen Leibes auf einen fremden (den des Pflanzendämons) abzuleiten. Eine von Räucherung geweihter Kräuter und Rosenblätter begleitete Beschwörung in Böhmen lautet:

Ich verwünsche euch Gliederweh,
Brandweh, Beinweh
In den tiefen Wald,
In die hohe Eiche,
In das stehende Holz
Und in das liegende.
Dort schlagt euch herum und stoßet
Und gebet dieser Person (Name) Ruhe.2

In Mecklenburg spricht der Kranke bei abnehmendem Monde, die Würmer anredend:

Ji sölt mit mi führen to Holt,
Dár steit en Bömken köl un stolt,
Dárin will ik ju versenken,
Ertränken! 3

In Böhmen hält der Besegner behufs Entfernung der „fressenden Würmer in den Augen“ ein Büschel von 29 Sommerkornähren an das kranke Auge und sagt:

„Du N. N. hast fressende Würmer in den Augen. Ich laß sie nicht dort, ich bespreche sie heraus. Kommt ihr Würmer in diese Aehren.“4

Uebereinstimmend ist der mit mehrfachen Modificationen weit verbreitete Brauch, das Fieber in Getreidekörner (Gerste, Buchweizen u. s. w.) durch Berührung mit dem Körper des Kranken übergehen zu lassen und dieselben dann auszusäen; verfaulen

sie in der Erde, so starb der Quälgeist mit, gehen sie auf und schießen in Halmen empor, so steckt er in diesen und sie zittern bei ruhiger Luft beständig in Fieberschauern.1 Wer an Schwindel leidet, läuft nach Sonnenuntergang dreimal nackt um ein Flachsfeld. dann bekommt der Flachs den Schwindel.2

Wenn jemandem in Masuren die krazno lutki (Fettleute), kleine rote Würmer, in den Eingeweiden an der Lunge zehren, so schneidet mau etwa 40 Paar Hölzchen von nennerlei Holz (Kaddik. Erle, Birke u. s. w.) — dieselben müssen jedoch unter einem Aestchen abgeschnitteu sein, so daß sie mit diesem die Gestalt eines Häckckens bilden — übergießt den Kranken mit einem Kübel warmen, bei abnehmendem Licht aus fließendem Rinnsal geschöpften Wassers und wirft die Hölzchen paarweise hinein. Dann wäscht man den Leidenden besonders die Ohren, Nasenlöcher, Achselgruben und Kniekehlen) und sieht nun nach, wie viele Hölzchen oben im Wasser schwimmen, und wie viele zu Boden gesunken sind. Die ersteren zeigen die Anzahl der krazno lutki au, welche den Körper des Patienten bereits verlassen haben (d. h. in die Baumzweige übergegangen sind, die letzteren entsprechen der Anzahl der noch im Fleisch und Gebein des Unglücklichen verweilenden Plagegeister.3 An drei Donnerstagen wird die Procedur wiederholt, Bis alle Fettleute aus dem Körper heraus sind, oder die Unheilbarkeit sich herausstellte. Ein ganz ähnliches Verfahren wendet man mit drei in 81 kleine Stäbchen zerlegten Zweigen des Kirschbaums an, um zu erkennen, ob jemand mit „weißen Leuten“ (biale ludzie) in Haut, Blut, Adern und Gelenken behaftet sei. Bleiben alle Stäbchen schwimmen, so ist der Besegnete von weißen Leuten

frei, geht ein Teil unter, so ist er mit ihnen in dem Grade behaftet, als das Verhältniß zu den schwimmenden Zweigteilchen angiebt.1

Hierzu stellt sich u. a. der Brauch aus Vorarlberg, die Tschütaläuse (d. i. Flechten, herpes) einem kranken Tier zu vertreiben, selbst wenn das Stück entfernt ist. Man bricht bei Sonnenuntergang von der Holunderstaude drei Schossen ab unter Verwahrung für das namentlich genannte Tier, dem man zu helfen verlangt (dadurch gehen, wie man sich offenbar vorstellte, die Plagegeister in die Schößlinge über), hernach bindet man sie zusammen und henkt sie in den Kamin oder sonst in den Rauch; so geschwind die Schosse dürr werden, werden auch die Tschütaläuse weg sein.5 Aus diesen und ähnlichen Bräuchen darf wol gefolgert werden, daß die Vorstellung von den gespenstigen Würmern im kranken Menschenkörper wieder rückwärts gewirkt habe auf die Vorstellung von dem den Baum- oder sonstigen Pflanzenkörper bewohnenden Gewürm. Nicht allein unter dem Baum, oder zwischen dessen Borke, sondern (trichinartig) in seinem Innern dachte man sich nun wol derartig die Elben verteilt, daß im Holze jedes Zweiges mehrere ihren Sitz hatten, wie sonst in Fleisch und Gliedern des Menschen. In einen solchen Zweig sollten die vorstehenden Zauberformeln sie zurücklocken. Möglich ist, daß die Knoten der Astansätze für Anzeichen des Daseins je eines Elben oder eines Elbenpaares (Elb und Elbin, wie Wurm und Würmin) gehalten wurden; wenigstens die Unformen und auffallenden Knorren sollen von alten Elben herrühren, die sich im Baum verkriechen und dann verwachsen.3 Bei Potsdam heißen sie Alfloddern und verursachen, wenn man unter ihnen durchgeht, einen schlimmen Kopf. 4 (Der Alb springt von ihnen herab in den Kopf des Menschen.) Im menschlichen

Körper entsprechen diesen Knorren und Auswüchsen vorzugsweise die Geschwülste, Warzen und Leichdörner, weil diese das Dasein eines Geistes verraten; auch sind sie angeblich durch Uebertragung auf einen andern Menschen, auf Tiere und Bäume, durch Regenwasser, das auf einem Leichenstein gesammelt wurde, u. s. w. zu heilen.

Den vorstehenden Auseinandersetzungen entspricht es, daß der Beschwörer den krankheitverursachenclen Geist bald auf den Ast des Baumes sich setzen heißt, bald leibhaftig mitten in das Innere des Baumkörpers hineinzuversetzen sucht:

„Zweig ich biege dich, Fieber nun meide mich!“ (Myth. 1 CXL, XXVI),

oder

„Holunderast hebe dich auf, Rotlauf setze dich drauf!“ (Myth.2 1122),

oder den Holnnderbaum, während man Fieber hat, schüttelnd:

„Holunder! Holunder! Holunder! Auf mich kriecht die Kälte; wenn sie mich verlassen wird, kriecht sie dann auf dich! (Wuttke, § 488. Grollmann, Abergl. 164,1158)

oder:

„Goden Abend Herr Fléder! hier bring ick min Féber!“

oder frühmorgens drei Knoten in den Ast eines alten Weidenbaumes knüpfend:

„Gon morgen, Olde, ick géf u de Kolde; gón morgen, Olde! (Myth. 2 1123).

Schon etwas complizierter, mithin auf ältere einfachere Formen zurück weisend ist das vou Plinins Valerianus (oder Siberius, einem Gallier des 4. Jahr.) gemeldete Heilmittel für das viertägige Fieber: Panem et salem in linteo de lyco (lies: deliculo) liget et circa arborem licio alliget et juret ter per panem et salem: „Grastino mihi

hospites ventni sunt, snscipite illos.“ Hoc ter clicat. Plin. Valer. III. 6. p. 191b. Die Gäste sind die Plagegeister; der Kranke, der sie nicht haben will, bringt sie dem Baum zugleich mit Brot und Salz, damit dieser sie bewirte. Dazu vgl. Frischbier, Hexenspruch S. 58, 3, wo der Fieberkranke ein Geldstück und ein Stück Brot in einem Lappen jenseits neun Grenzen unter einen Stein (vgl. o. S. 18 Anm. 3) trägt und spricht:

„Grenze, Greuze, ich klage dir
Kalt und Heiß plaget mir,
Der erste Vogel, der rüber fliegt
Nehm’ es unter seine Flücht’.“

und dazu wieder den Spruch ebds. 4, welcher lehrt, daß auch dem Baume der Krankheitsgeist zuweilen nur übergeben wird, damit er denselben einem Vogel zum Hinwegtragen in weite Feme überliefere:

Bóm, Bóm öck schödder di,
Dat kóle Féber bring öck di.
De érscht Vagel, der räwerflücht,
Dat de dat Féber kriege mücht.

Über die ganze Vorstellung s. Kuhn, Zs. f. vgl. Spracht XIII. 73, der nicht allein Analoga aus den Veden und der Edda anführt, sondern auch an den Gebrauch in der Altmark erinnert, daß Kopfwehkranke einen Faden zuerst dreimal um ihr Haupt binden, dann in Form einer Schlinge an einen Baum hängeu. Fliegt ein Vogel hindurch, so nimmt er das Kopfweh mit. Ein Gichtkranker soll sich vor Tagesanbruch im Walde einfinden, dort drei Tropfen seines (von den unsichtbaren Plagegeistern erfüllten Blutes in den Spalt einer jungen Fichte versenken und nachdem die Öffnung mit Wachs von Jungfernhonig verschlossen ist, laut rufen:

Gut morgen, Frau Fichte, da bring i dir die Gichte! was ich getragen hab’ Jahr und Tag, das sollst du tragen dein Lebetag!1 Wer jemanden von Zahnschmerzen befreien will geht rücklings aus der Stube zu einem Holunderstrauch nud spricht dreimal

Liebe Hölter
Leiht mir einen Spälter
Den bring ich euch wieder!

Unterdessen macht er, sich umdrehend, zwei neben einander liegende Einschnitte und schält die Rinde auf eines Zolls Länge, doch so daß sie möglichst ungerissen unten mit dem Aste vereinigt bleibt, schneidet ans deim hloßgelegten Holz einen Splitter und trägt den wieder rücklings gehend in die Stube. Der Leidende ritzt dort mit dem grünen Splitter sein Zahnfleisch bis derselbe blutig wird, (mit dem Blute den das Zahnweh verursachenden Geist in sich auf nimmt). Dann bringt ihn der Beschwörer immer rückwärts gehend nieder zu dem Holderbaum, drückt ihn in den Splint, legt die Rinde, wie sie gewesen und befestigt sie mit einem Bindfaden, damit der Einschnitt desto eher verwachse. Dann noch einiges Gemurmel unverständlicher Worte und der Zahnschmerz ist fort.1 In Dänemark nimmt man bei Zahnweh einen Holunderzweig in den Mund und steckt ihn dann in die Wand mit den Worten: „Weiche böser Geist.“2 Es ist nun wohl deutlich, wie alle vielfachen Kuren, welche sonst noch auf ein Verpflöcken der Krankheit in den Baum, (sogar die Pest wird als Schmetterling in den Baum verkeilt), oder auf ein Einknoten oder Einbinden in Zweige hinausgehen samt und sonders auf eine und dieselbe Grundvorstellung zurückzuführen sind. 3



Von den unzähligen individuellen Ausgestaltungen und Sproßformen der dargelegten Ideen will ich nur noch eine hier erwähnen, welche aufs neue recht deutlich der im Volksglauben feststehenden Parallelismus des Baumes und des Menschenkörpers zeigt. Offenbar um seiner Form willen heißt ein schwellend hervorspringender Fleischteil bei Menschen, der Muskel, unter Hellenen, Römern und Deutschen Maus, Mäuslein, Mänschen. Auch von Tieren gilt dasselbe Wort.

So heißt in Augsburg ein besonders geschätzter Teil des Rindfleisches Herrenmaus. Man hat aber sicherlich diese Stelle einst auch wirklich von einem geisterhaften Wesen in Mausgestalt erfüllt gedacht. In vielen Sagen schlüpft die den Menschenleib bewohnende Seele in Mansgestalt aus dem Munde und verläßt zeitweilig oder für immer deu Körper.1 Auch Hexen, Hausgeister, Waldgeister und andere Dämonen nehmen Mausgestalt an. 2 Caspar Peucer, Melanchthons Schwiegersohn war doch wol durch eine allgemeine Anschauungsweise seiner Zeit zu der Ueberzengung und Behauptung verleitet, er selbst habe hei einer besessenen Weibsperson den Teufel in Gestalt einer Maus unter der Haut hin- und herlaufeu sehen.3 Wenn daher der Aberglaube versicherte, gewisse unerklärliche und krankhafte Anschwellungen des Körpers hei Menschen und Vieh rührte daher, weil eine Feldmaus darüber hingelaufeu sei, so wird diese Vorstellung ursprünglich ein Hineiuschlüpfen gemeint haben und nichts anderes besagen, als daß diese Geschwülste ähnlich den Warzen und anderen Auswüchsen durch einen gespenstigen Parasiten und zwar einen mausgestaltigen erzeugt würden. Unter dieser Voraussetzung wird es dann vollkommen erklärbar, weshalb man, um jene Krankheit zu heben, eine lebendige Feldmaus in eine Eiche, Ulme oder Esche, (pollardash, shrewash) verpflückte und der Ansicht war, mit einem Zweige dieses Baumes berührt, werde die Geschwulst sofort aufhören.4 Natürlich, die gespenstige Maus wurde als in den Baum zurückgegangen gedacht. Man gewahrt hier aber deutlich, wie durch Analogie und Wechselwirkung der Vorstellungen, nachdem zuerst die im Baume hausenden Insekten mit den vermeintlichen schmerzerregenden

Würmern identifiziert worden waren, nun auch andererseits die auf Gewürm oder Ungeziefer anderer Art erweiterte Vorstellung von den Krankheitsgeistern rückwärts auf den Baum als ursprünglichen Wohnsitz derselben übertragen worden und daher der Glaube an die Heilung durch eingepflöckte Feldmäuse entstanden ist. Fast überall wird bei derartigen Heilversuchen der Baumgeist angeredet, und von den Krankheit bringenden Geistern, den Elben, unterschieden. Nicht also das bewußtlose Gewächs, sondern der empfindend und denkend gedachte, der vollen Anthropomorphose sich annähernde Baum beherbergt, entsendet und nimmt wieder auf die schädlichen geisterhaften Würmer.1 Jene Aussage Laszkowskis über den Glauben der Niederlitauer wirft, wie es scheint, die Baumgeister und die Elben in eins. Erstere wollte der erzürnte Neubekehrte tödten oder schädigen, indem er von den Bäumen die Kinde abschälte (ego vos nudas faciam); aber unter den dem Viehstand schädlichen Götterchen, welche „intra arbores et cortices“ verborgen seien, sind sowol die den Baum als ihren Körper erfüllende unter der Rinde als unter ihrer Haut sich bergende Baumseele, welche die Plagegeister auf Tiere und Menschen entläßt, als die in Holz und Borke umherkriechenden den Leib des Baumgeistes bevölkernden „bösen Dinger“ von dem in die Einzelheiten der Vorstellung schwerlich genauer eingeweiliten Berichterstatter zusammengefaßt.1


Die Richtigkeit dieser Behauptung werden die auf den nachfolgenden Seiten anzustellenden Untersuchungen dartun, welche nachzuweisen bestimmt sind, wie detailliert sich der Volksglaube die Analogie des Baumleibes mit dem Menschenkörper weiterhin ausmalte.

Die Baumseele

Beruht der anthropogonische Mythus der Nordgermanen auf der Anschauung

„der Mensch ist wie ein Baum“,

so haftet der umgekehrte Vergleich

„der Baum ist wie ein Mensch“

nicht minder tief in dem Volksglauben sowol der skandinavischen als der deutschen Stämme, denen sich slavische und finnische Nachbarn anschließen. Schon auf den untersten Stufen zeigt sich diese Vorstellung in verschiedenen Formen, fast überall jedoch — wo sie auftritt — hat sie den Standpunkt der reinen Identität bereits verlassen und als Beimischung die Annahme eines dem Menschen zwar ähnlichen, aber geheimnisvollen und übernatürlichen Wesens erhalten. Am nächsten kommt es jenem ursprünglichen Standpunkt, daß der Mensch den Baum selbst ganz als eine ihm gleich stehende oder übergeordnete, mit individuell bestimmten Character, mit menschlichem Ethos begabte Persönlichkeit behandelt und anredet.

Man kündigt in Westfalen den Bäumen den Tod des Hausherrn an, indem man sie schüttelt und spricht:

„der Wirt ist todt“.

Die mährische Bäuerin streichelt den Obstbaum mit den von Bereitung des Weihnachtsteiges klebrigen Händen und sagt:

„Bäumchen bringe viele Früchte“.

Man springt und tanzt in der Sylvesternacht um die Obstbänme und ruft:

Freue ju Böme
Nüjár is kömen!
Dit Jar ne Käre vull,
Up et Jär en Wagen vull!

Zwischen Eslöf und Sallerup in Haragers Härad in Schweden befand sich noch 1624 ein Hain, den eine Riesenjungfrau gesät haben sollte; darin gab es eine Eiche, die Gyldeeiche, worin in alten Tagen viel Spukerei gespürt war. Wer irgend vorbeiging, grüßte den Baum mit Ehrerbietung

„Guten Morgen Gylde!“ ..Guten Abend Gylde!“

Allem Anscheine nach auf einstigem Gebrauche ruht, was der Tiroler vom Holunder sagt:

„der Holer ist ein so edler Baum, daß man vor ihm den Hut abnehmen soll.“

Die Holzarbeiter in der Oberpfalz reden von den Waldbäumen wie von Personen; zieht der Wind durch die Baumkrone, so

„neigt sie sich und beginnt zu sprechen“;

die Bäume

„verstehen sich“.

Der Baum „singt“, wenn die Luft durch seinen Wipfel streicht; nur ungern „läßt er sein Leben“; unter dem Axtschlag „seufzt“, zu Boden fallend „stöhnt“ er.

Ein Förster stritt mit dem Herrn des Waldes, welche von den zwei schönen Buchen vor ihnen gefällt werdon solle. Da beugten sich beide Bäume seufzend hin und wieder. „Wer hat geseufzt?“ rief der Herr. Es war aber niemand da, der Antwort gab. Furcht trieb sie von dannen und die herrlichen Bäume blieben verschont. Noch jetzt bitten die Holzfäller den schönen gesunden Baum um Verzeihung, ehe sie ihm „das Lehen abtun“.

Die Baumseele

Über dem Beginn der griechischen Geschichte steht wie ein Morgenrot die homerische Poesie.

Hellenische und asiatische Fürsten verlassen ihre schimmernden Stadtpaläste, um zehn Jahre hindurch auf dem Gefilde zwischen dem schiffbedeckten Gestade, Priams hoher Feste und dem waldigen Idagebirge um schöne Weiber, Waffen, Schätze und Ruhm mit einander zu ringen. Dann fahren sie von Trojas rauchenden Trümmern in ihren dunklen Schiffen heim, manche von Insel zu Insel, von einem Abenteuer zum andern verschlagen, bis in die Tiefe des Hades hinab. Über alles ragt der Berg Olympos, auf dessen Gipfel unter Vater Zeus Lenkung die glanzvolle Götterfamilie wohnt, ewig und selig und doch oft von Liebe und Haß unter sich entzweit und in Liebe und Haß dem Treiben der Sterblichen dort unten zugewandt. So schwingen sie sich denn auch hilfreich oder verderblich zu ihnen herab oder empfangen droben den Fettdampf ihrer reichen Schlachtopfer oder die Gebete, die aus einfachen Tempeln zu ihnen aufsteigen. Auf einer nicht weiten und fest umrissenen Bühne, den Wogen und Inseln und Küsten des östlichen Mittelmeers, bewegen sich diese Menschen und diese Götter, nach Alter und Geschlecht, Geburt und Schicksal, Wuchs und Gemüt, Rang und Beruf scharf von einander geschieden. Ihre klare, milde, freie Schönheit, die reife und doch so frische Frucht einer langen Kultur, erquickt uns fremde Ungläubige noch heute, und ihr phantastisches Bild schwebt noch heute uns vor Augen wie eine zwar zerronnene, einst aber lebendig gewesene Wirklichkeit.

Und nach Homer verkündeten den Glauben an diese Wunderwelt und viele andere Götter und Dämonen und ihre mannigfachen Schicksale, Dienste und Feste Hunderte von hochbegabten Dichtem, Geschichtschreibern, Reiseschriftstellern und fast lauter noch zahllose Baumeister, Bildhauer und Vasenmaler durch unvergleichliche Werke, jeder in seiner, jeder aber in echt griechischer Weise. Schier unerschöpflich fließen die reinen Brunnen hellenischer Überlieferung.

Der Urkundenschatz unsrer germanischen Mythologie ist weit ärmer an alten, vollen heimischen und echt heidnischen Zeugnissen und ist untermischt mit viel fremdem Gut. Denn er ist bunt zusammengesetzt aus Berichten römischer Offiziere, Inschriften fremder Steinmetzen, Straf- und Bußparagraphen kirchlicher Synoden und Mönchsorden und aus Anekdoten christlicher Bekehrungsgeschichten, aus deutschen Zaubersprüchen, nordischen Götterliedern und isländischen Romannotizen, aus noch heute nicht verschollenen Sagen und still geduldeten Bräuchen unsrer Bauern. Es fehlt ein klares, echtes zusammenfassendes Bild, denn die altnordische Völuspa, die von der Götterdämmerung singt, ist voller Rätsel und noch dazu aus christlichen Ideen erwachsen; es fehlt auch fast völlig der Schmuck der Bildnerei. Aber überall, wo er nicht zu stark verschüttet ist, bricht auch aus germanischem Boden ein reicher Strom von Glaubenspoesie hervor, die denn doch trotz aller Renaissance und allem Humanismus uns oft tiefer ergreift als alle andre Heidenpracht, weil sie aus einem Geist geboren ist, von dem wir noch immer einen Hauch in uns selber verspüren.

die Quellen der germanischen Mythologie Mythologie der Germanen