Schlagwort: Volkskraft

Wir wollen nicht mißverstanden werden:

Wir leugnen nicht die Seele, wenn wir die artgemäße Schönheit unserer Art als volksverpflichtende Frage des Blutes bejahen. Wir glauben nur, daß die Seele ebenso der Artbedingtheit unterworfen ist wie der Leib. Denn wie ließe es sich sonst erklären, daß es Feiglinge und Helden, vaterlandslose Gesellen und pflichtbewußte Landesverteidiger gibt!

Weil das alles aber so ist, muß uns das Weib guter Art, das gesunde Mädchen wertvollen Blutes wieder das werden, was es unseren Vorfahren schon war: heilig! Das Wort „heilig“ sagt, daß es uns „Heil“ bringen soll: wie uns „mächtig“ die „Macht“ und „zornig“ den „Zorn“ bringt. Das gutgeartete, gesunde Mädchen unseres Blutes soll uns wieder „Heil“ bringen.

Das Weib ist wie der Acker, der den Sämann braucht, um Korn wachsen lassen zu können. Und wie der Acker die Güte der Frucht bedingt, bedingt die Frau den Wert des Kindes.

Nachdem wir in diesem Jahrhundert gelernt haben, daß es eine Vererbung der menschlichen Eigenschaften gibt, ist es eine Folgerung des gesunden Menschenverstandes, sich auch den Gesetzen der Zucht zu unterwerfen. Mag es vor einem Vierteljahrhundert, ja, bis in unsere Zeit hinein noch einen entwertenden Beigeschmack gehabt haben, Gedanken der Zucht auf den Menschen übertragen zu wollen, so zwingen uns heute die neuen Erkenntnisse von der Vererbung und damit unser Wissen von der Heiligkeit unseres Blutes dazu, die Zucht zur Grundlage staatlicher Vernunft zu erheben.

Zucht als angewandtes Wissen von der Vererbung muß zum Hochziel strebenden Menschentums werden: Das ist die Aufgabe unserer Zeit.

Wenn Nietzsche ahnend forderte: „Nicht fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf“, so wird nunmehr seine seherische Hoffnung für uns eine wissende und damit verpflichtende Haltung gegenüber unserem Volk und unserem Blute. Man kann geradezu Voraussagen, daß das XX. Jahrhundert nicht das Jahrhundert der Technik sein wird. Sondern der Blutsgedanke und das Wissen von der Vererbung werden zum tragenden Gedanken unseres Jahrhunderts werden und werden schließlich sein Gesicht zeichnen. In der Forderung nach einer ahnenverantworteten Zucht und ihrer Bejahung innerhalb unseres Volkes wird dieses Jahrhundert seinen geprägten Ausdruck finden.

Es ist von der Vorsehung so bestimmt, daß der Same des Mannes im Schoße des Weibes zum Keime werde, aus welchem die Frucht sich entfalte, und ein neuer Mensch schließlich entsteht. Im ewigen Kreislauf des Seins vollzieht sich dieses Gesetz zur Erhaltung der Art.

Das Weib ist wie der Acker, der den Sämann braucht, um Korn wachsen lassen zu können. Und wie der Acker die Güte der Frucht bedingt, bedingt die Frau den Wert des Kindes. Gewiß, auch ein guter Acker versagt, wenn er schlecht gepflegt wird oder schlechte Saat erhält; aber sicher ist auch, daß die beste Saat nichts nutzt, wenn der Acker nichts taugt. Man kann auch ein anderes Gleichnis wählen: Wie ein guter oder schlechter Spiegel das Bild gut oder schlecht wiedergeben kann, so bestimmt das Blut der Mutter das Wesen des Kindes. Das Blut der Mutter bestimmt, wie der Vater sich in seinem Sohn wiederfindet. Wo das Blut der Mutter gut ist, wird der Vater sein Wesen wiederfinden oder gar gesteigert wiederfinden; wo das Blut der Mutter unterwertig, krank oder faulig war, wird der Sohn den Vater nicht erreichen oder gar ihm Schande bereiten.

Weil das alles aber so ist, muß uns das Weib guter Art, das gesunde Mädchen wertvollen Blutes wieder das werden, was es unseren Vorfahren schon war: heilig! Das Wort „heilig“ sagt, daß es uns „Heil“ bringen soll: wie uns „mächtig“ die „Macht“ und „zornig“ den „Zorn“ bringt. Das gutgeartete, gesunde Mädchen unseres Blutes soll uns wieder „Heil“ bringen.

In ihr wollen wir den schönsten, weil zukunftsträchtigsten Ausdruck unserer eigenen Art verehren. Wer sich verantwortungslos an ihr vergreift, ist ein Volksschädling: Dies muß auch zum neuen Gesetz einer neuen Zeit erhoben werden.

Das alles sind völlig neue Gesichtspunkte, die eine Neuordnung unseres Denkens in weitestem Umfange erfordern. Ein Beispiel: Auf das letzte durchdacht, ist dann die gesunde Schönheit des artgemäßen Weibes unseres Blutes nicht mehr nur eine Frage des Kunstgeschmackes oder ichbezüglichen Kunstgenusses, sondern wird zum Ausdruck unserer im Blute verankerten heiligsten Güter. Schönheit als Ausdruck der Art ist damit eine Aufgabe und eine Verpflichtung zugleich. Die Erziehung des Volksgenossen zum Erkennen der artgemäßen Schönheit und ihre Anerkennung an sich wird damit zu einer edlen Aufgabe des Staates, die um so umfassender ist, je eindeutiger sich der Staat zum Blute seines Volkes bekennt.

Wir wollen nicht mißverstanden werden: Wir leugnen nicht die Seele, wenn wir die artgemäße Schönheit unserer Art als volksverpflichtende Frage des Blutes bejahen. Wir glauben nur, daß die Seele ebenso der Artbedingtheit unterworfen ist wie der Leib. Denn wie ließe es sich sonst erklären, daß es Feiglinge und Helden, vaterlandslose Gesellen und pflichtbewußte Landesverteidiger gibt! Erst aus dem Zusammenklang von Leib und Seele entsteht das Bewußtsein als Anfang und Grundlage des menschlichen Verstandes und der gestaltenden Vernunft. Aus dem Bewußtsein heraus gestaltet erst der Mensch die ihn umgebende Welt zu jener Ordnung, welche ihm seine innere Stimme befiehlt und die daher zweifellos seelischen Ursprungs ist.

Wir leugnen daher nicht die Seele, wenn wir den Leib bejahen. Wir teilen nur beiden, dem Leibe sowohl wie der Seele, den entsprechenden Anteil am Zustandekommen des vollkommenen Menschen seiner Art zu. Eine edle Seele mag einen unedlen Körper durchleuchten und verklären, ein edler Leib ohne edle Seele mag peinlich wirken: jenes mag erfreuen, dieses beleidigen. Solche Feststellungen mögen in der Bewertung menschlicher Einzelschicksale eine große Rolle spielen, ja, sie vermögen hier oft von entscheidender Bedeutung bei der Bewertung eines Menschen zu sein. Trotzdem enthebt uns dies nicht der Aufgabe, in den Fragen der Art, d.h. in Fragen des Blutes, Leib und Seele zu berücksichtigen und zu werten. Und damit wird bei aller Bejahung der Seele die Vollkommenheit des Leibes, wenn sie Ausdruck artgemäßer und artgerechter Schönheit ist, zum verpflichtenden Grundgedanken einer ahnenverantworteten Zuchtaufgabe an unserem Blute.

3. Reich Leitgedanken


Wir haben uns in den letzten Jahren daran gewöhnt, unsre Kolonien als künftige Rohstofflieferanten und anderseits als Absatzgebiete für unsre Industrie zu betrachten, und unser Interesse für sie dreht sich namentlich um die Frage, inwieweit wir diesem Ziele näher gekommen sind. Denn, dass die Kolonien eines Tages diese Rolle in unsrer Nationalwirtschaft spielen werden, unterliegt kaum einem Zweifel, dafür bürgt uns schon allein ihre Ausdehnung.

Unsre graphischen Darstellungen sollen das Verhältnis unsrer Kolonien zum Mutterland im Vergleich mit andern Kolonialmächten veranschaulichen. Es geht daraus hervor, dass Deutschland die dritt-grösste Kolonialmacht ist und dass die Gesamtfläche seiner Kolonien das Mutterland um das vierfache übertrifft. Da unser Kolonialbesitz dem Mutterland im Durchschnitt an Produktionsfähigkeit nicht nachsteht, so würde der Rohstoffbezug ohne weiteres gesichert sein, wenn nicht die Bevöl kerungszahl im umgekehrten Verhältnis stehen würde. Demnach wird eine intensive Ausnutzung der Kolonien in absehbarer Zeit kaum möglich sein und wir müssen zunächst froh sein, wenn sie mit der Zeit wenigstens einen namhaften Teil der Rohstoffe liefern und ein entsprechendes Quantum der Erzeugnisse unserer Industrie aufnehmen werden. Dies genügt vollkommen, um unsere Weltwirtschaftliche Stellung zu befestigen Die schöne Idee vom „geschlossenen Handelsstaat“, der sich in Produktion und Verbrauch selbst genügt, ist eine Utopie. Die Völker werden in alle Ewigkeit in grösserem oder geringerem Grade auf einander angewiesen sein, je nach ihrer Eigenart, die ihnen auf dem einen oder andern Gebiete das Ueberge-wicht im wirtschaftlichen Kampfe sichert. Selbstverständlich ist, dass diejenigen Völker, die sich mit ihrem Rohstoffbezug und Absatz auf eigene überseeische Besitzungen stützen können, den andern überlegen sind.

Kolonie und Heimat

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Zugleich mit den Indogermanen und Chinesen tauchen jüngere Semitenstämme auf: die Phönizier, die Minäer, die Juden und die Karthager. Auch von ihnen gilt das, was die Arier durchgemacht haben, nämlich, daß sie von der Wucht älterer Kulturen starke Einwirkungen erlitten. Die Gesetze des alten Testamentes erinnern vielfach an das Gesetz Hammurabis. Bei dem Zug Abrahams mit Amraphel wird eine ältere östliche Chronik im alten Testamente benutzt. Durch die Mischung mit den kasischen Ureinwohnern Kanaans, ein Vorgang, den ja die Propheten so bitter beklagen, wurde auch eine Mischung jüdischer Eigenart und der angestammten Kulturbegriffe mit den Vorstellungen und Sitten der vorsemitischen Rasse angebahnt. Wenn Salomon den Göttern seine vielen Frauen opfert, so ist das ein Fall, der nicht nur im Königshaus, sondern auch im ganzen Volke häufig gewesen sein muß. Die Juden errichteten seit 1100 eine eigene Herrschaft. Diese ging in ihren Grenzen jedoch selten über die Ausdehnung des heutigen Badens oder Hessens hinaus. Unter Salomon um 950 setzte eine rege Kolonialtätigkeit ein. Goldminen wurden in Südafrika,südlich vomSambesi ausgebeutet, und wahrscheinlich wurde schon damals der ganze schwarze Erdteil von phönizischen Schiffen umsegelt. Die jüdische Überlieferung sprach von Ophir oder in der alten Form Sofira; das ist wahrscheinlich die Sofala, und die Goldmine war wohl das heutige Zimbabwe, wo noch gewaltige Ruinen von ehemaliger Schürftätigkeit künden, und die Nachbarschaft bis zum Sambesi hin. In unseren Tagen hat Karl Peters bewußt und nicht ohne Erfolg an die salomonischen Versuche angeknüpft und hat ebenfalls beträchtliches Gold in der Nähe von Ophir dem Erdboden entrissen.

Der Besitz ist immer von allergrößter Wichtigkeit gewesen. Reich sein und mächtig sein, war in der Regel gleichbedeutend. Gerade auch bei einfachen Verhältnissen, etwa bei schweifenden Viehzüchtern sinkt sofort der Einfluß eines Häuptlings, wenn er durch irgendeinen Unglücksfall, sei es durch Seuche oder feindlichen Angriff, sein Vieh verloren hat. Nicht minder ist von uralters an der Handel und Bergbau dazu benützt worden, um die Stellung der Mächtigen zu befestigen. Bei heutigen Negerstämmen hat nicht selten der Oberhäuptling das Alleinrecht, Handel zu treiben, und nicht minder verfügt er unumschränkt über die Metallschätze seines Gebietes. Heutzutage beruht die Macht eines Staates ganz wesentlich auf der Fülle von Mineralien, die sein Boden enthält. Gold und Eisen und Kohle sind die Grundlagen für die Macht Englands und Amerikas, Kohle und Eisen ebenso für die des deutschen Reiches. Genau so war es auch im Altertum. Schon um 3000 hören wir, daß die Pharaonen sich um das Kupfer des Sinai und die mesopotamischen Großkönige um das Kupfer Cyperns bemühten. Von dem Namen dieser Insel hat ja das rote Metall überhaupt seine Bezeichnung. Bereits im fünften Jahrtausend aber hat ein belangreicher Mittelmeerhandel bestanden. Die Haupthandelsstraßen zu Lande gingen einmal von dem mittleren Nil nach der Mündung des Flusses und von dem Ufer des persischen Golfes nach Syrien oder aber nach Trapezunt am Schwarzen Meere. Die Vorzugsstellung Mesopotamiens ist ganz wesentlich darin begründet, daß es ein Durchgangsland für den Handel von Südasien nach dem Abendlande war. Doch hat schon in grauer Vorzeit ein Verkehr auch auf nördlicheren Wegen bestanden, die von dem Kaukasus nach Mittel- und Ostasien und von Südrußland nach der Ostsee führten. So will man herausgebracht haben, daß schon im dritten Jahrtausend das ostasiatische Gewerbe, durch den nördlichen Uberlandweg vermittelt, von westlichen Formen beeinflußt war, und man kann als sicher annehmen, daß im zweiten Jahrtausend abendländiche Topf formen nicht nur bis Ostasien, sondern sogar bis Alaska und Kalifornien gelangten. Auch die See wurde sehr früh befahren. Wir wissen das durch die verschiedenen ägyptischen Schiffsmodelle, die uns erhalten sind, und durch Keilschriften, die uns von Seefahrten in grauer Vorzeit berichten. Uber die einzelnen Seewege können wir jedoch Genaues nur wenig in Erfahrung bringen. Höchstens daß eine Schiffsverbindung zwischen den Mündungen des Euphrat und Tigris mit Ostarabien und ferner eine zwischen Ägypten und den „Inseln im Norden“ bestand. Als Inseln konnten sehr wohl, wie ich im Anfang dieses Werkes dargetan habe, auch Halbinseln, z. B. Kleinasien verstanden werden. Im dritten Jahrtausend erlebte die Schiffahrt einen merklichen Aufschwung. Die Ägypter befuhren mit Erfolg die Ufer des Roten Meeres und gelangten vielleicht bis über das Osthorn Afrikas hinaus, bis nach Somaliland. Hierbei scheint es aber ein ganzes Jahrtausend sein Bewenden gehabt zu haben. Erst die Phönizier brachten hierin neuerdings Wandel. Sie trieben nicht nur festländischen Handel bis nach Indien und Mittelasien hinein, sowie bis zur Bernsteinküste, die an der Ostsee lag, sondern sie dehnten auch die Schiffahrt um mehr als das Doppelte aus. Sie gelangten als die ersten unter den Seevölkern nach dem Westbecken (des Mittelmeeres und nach den Gestaden des Schwarzen Meeres; sie durchfuhren die Straße von Gibraltar und kreuzten bis nach der Bretagne hinauf; hier nämlich ist das Land zu suchen, wo die Phönizier das Zinn holten; sie erreichten endlich fern im Süden, wie oben erwähnt wurde, die Sofala, überschritten also — zum erstenmal in der Weltgeschichte — den Wendekreis des Steinbocks. Die Blütezeit der Phönizier war von rund 1200—800. Ihr Hauptmangel war das Fehlen eines Hinterlandes, auf dem sich ihre Volkskraft hätte entwickeln können. Aus diesem Grunde ist es auch nicht gerechtfertigt, wie man es so oft getan hat, die Phönizier durchaus mit den Engländern zu vergleichen. Denn die Engländer haben sicherlich ein starkes Volkstum. Dafür entschädigten sich die Phönizier in der Weise, daß sie einen weiträumigen Kolonialbesitz erwarben und dort in der Ferne, in Nordafrika und Spanien, hinreichend Boden und Luft und Licht für jede nur gewünschte Ausbreitung hatten. Zwar bildeten die Phönizier alle die Jahrhunderte hindurch nur eine dünne Oberschicht, dennoch ist es ihnen anscheinend gelungen, ihre Sprache und Art auch bei den rassefremden Berbern zur maßgebenden zu erheben. Darin ist sicher eine Ähnlichkeit mit den Engländern zu finden und nicht minder in der Gepflogenheit, auch zahlreiche Mitglieder anderer Völker, der Juden und der kasischen Kiliker zur gemeinsamen Kolonisationsarbeit mit heranzuziehen: Genau so bedienen sich die Engländer der Deutschen und der Iren, die ihnen bei der Kolonisation helfen. Noch enger wird die Ähnlichkeit, wenn man die Neigung der Phönizier zu überseeischem Handel und zur Ausbeute von Bergwerken in Betracht zieht. Als Nerv der Dinge betrachteten auch die Phönizier das Geld und suchten zu dem Ende möglichst viel Metalle, Kupfer und Silber und Zinn zu gewinnen. Das lieferte ihnen die Mittel für ihr Großgewerbe und zugleich für die Kriege, die sie zumeist mit Hilfe fremder Söldner führten.

Der Handelsgeist, den die Phönizier betätigten, war auch ihren Nachbarn, den Juden, angeboren. Man kann niemals zu einem Verständnis des Judentums gelangen, wenn man seine Taten in der vorchristlichen Zeit von denen in der nachchristlichen Zeit scheiden, wenn man nicht einsehen will, daß die Juden vor dreitausend Jahren nicht anders waren, als sie heute noch sind. Wer das verkennt, der kommt entweder zu einer Uber- oder Unterschätzung der jüdischen Eigenschaften. Ohne Zweifel haben sie stets ein hervorragendes Talent für Organisation besessen. Aus irgendeinem rätselhaften Grunde aber hat dieses Talent für staatliche Dinge versagt. Die selbständige Herrschaft des ohnehin nicht sehr ausgedehnten Judenreiches hatte kaum ein Jahrhundert gewährt, als das Reich schon auseinanderbrach; und als zwei weitere Jahrhunderte ins Land gegangen waren, da begann die Unterwerfung durch andere Völker, ein Zustand, in dem die Juden so ziemlich bis heute verharrt sind. In der Beziehung sind sie den Iren sehr ähnlich und auch den Polen, die es ebenfalls nie zu eigenen Staatsbildungen von Belang gebracht haben, die aber unter fremder Flagge, in Nordamerika und Sibirien sich als besonders tüchtige Organisatoren bewähren.

Die Uneinigkeit der Juden, die heutigen Tages sich zu einem Gegensatz zwischen West- und Ostjuden zugespitzt hat, ist ebenfalls schon seit den Anfängen vorhanden gewesen. Nicht minder die Abneigung gegen Fremde, die sogenannten Gojjim oder Göj, verknüpft mit dem eifrigen Bestreben, die Fremden zu gewinnen oder gar sich selbst ihnen anzuähnlichen. Gerade dieser widerspruchsvolle Zug wird sich vermutlich am ehesten aus Göj erklären.

Wir haben vorhin gesehen, daß die semitischen Juden sich mit kasischen Ureinwohnern Kanaans innig verbanden; dazu sind, wahrscheinlich schon seit dem vierzehnten Jahrhundert vor Christi, indogermanische Elemente gekommen, und selbst afrikanische sind nicht ganz ausgeschlossen. So kommt es, daß auf der einen Seite ein Verständnis und eine rege Empfänglichkeit für den Geist der Fremden besteht, während auf der anderen Seite die eifernde Ausschließlichkeit der Semiten doch auch ihr Recht behaupten will. Die Überlieferungen der Juden, wie sie in dem alten Testamente niedergelegt sind, verhüllen nichts und beschönigen keine Schwächen; sie künden von so manchem unangenehmen und wenig ehrenvollen .Zuge des eigenen Volkstums. Was dagegen den Stil dieser Überlieferungen auszeichnet und was ihnen bis in die Gegenwart eine unübertroffene Wirksamkeit gewährleistet hat, das ist die plastische Lebendigkeit, mit der Dinge und Personen angefaßt werden. Übertrieben zwar, in einseitiger Beleuchtung, aber dennoch mit zwingender Wucht.

Das Persönliche ist schon früher in die Weltgeschichte getreten.

Wenn wir auch von Hammurabi nicht wissen, ob er selbst sein Rechtsbuch verfaßt oder ob er nicht, wie wahrscheinlicher, bloß seine Hof juristen dazu befohlen hat, so besitzen wir doch verschiedene Briefe von ihm an seine Verwaltungsbeamten. Auch diese mögen von seinen Schreibern ausgedacht sein, aber schließlich gilt doch der alte Spruch: Wie derHerr, so die Diener. Und man gewinnt entschieden von Hammurabi den Eindruck eines weisen, besonnenen und maßvoll schaltenden Herrschers. Allein schon vor ihm ist das Persönliche in der Geschichte wahrnehmbar. Ich denke dabei vorzüglich an die lebenswahren, man könnte sogar sagen: naturalistischen Porträtbüsten, die wir von sumerischen Königen und altägyptischen Staatsbeamten besitzen. Nur leider wissen wir sonst gar nichts von den Urbildern jener Porträte, wissen gar nicht, was sie gesagt und getan haben, und wissen nicht einmal immer den Namen des Betreffenden. Ein bestimmter, mit Gewißheit nachweisbarer Zusammenhang zwischen Porträtbüsten und Standbildern mit geschichtlichen Persönlichkeiten, über deren Leben wir ausreichend durch Inschriften unterrichtet sind, hebt erst nach 1500 an, mit der ägyptischen Dynastie der Tuthmosiden und Ramseniden. Namentlich von Ramses II., dessen Mumie mit einem sehr ausgesprochenen, sicherlich porträtähnlichen Gesichte das Louvre in Paris aufbewahrt, kennen wir die Ansichten, Sprüche und Handlungen ziemlich genau. Von hier bis zu den Charakterschilderungen des alten Testamentes ist aber doch ein großer, gar nicht leicht zurückzulegender Schritt. Mit welch dramatischer Frische muten uns die Schilderungen von Saul, David und Salomon an, wenn auch noch so manche Züge dabei sagenhaft sein mögen! Auch ist in diesen Charakterbildern zum erstenmal eine richtige Verkettung von Verdienst und Glück, von Schuld und Sühne.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen

Männer; Völker und Zeiten

I. Die Blutsgemeinschaften

Staat und Gesellschaft werden oft als Erweiterungen der Familie, die Familie wird oft als die gesellschaftliche Zelle bezeichnet. Wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt, so müßten die Familien, die in Staat und Gesellschaft nebeneinanderstehen, durch dieselben Kräfte und Mächte zusammengehalten werden, wie die einzelne Familie in sich selbst. Das ist aber nicht der Fall. Die Familie in sich ist durch das Liebesgefühl des Blutes zusammengehalten, in Staat und Gesellschaft aber sind neben starken Gefühlen der Zusammengehörigkeit nicht minder starke Gefühle der Gleichgültigkeit und Feindschaft offenbar, die nicht nur geduldet, sondern unter Umstanden gepflegt, gefördert und gefordert werden. Zwar gibt es auch in der Familie Streit und Haß, die Bibel beginnt ihre Erzählung von den menschlichen Dingen, die der Vertreibung aus dem Paradiese folgten, mit dem Brudermord, den Kain an Abel verübte. Während aber der Brudermord in der Familie als fluchwürdiges Verbrechen empfunden wird, ist er in den Kriegen in Staat und Gesellschaft als Pflicht erzwungen und als Heldentum gefeiert. Selbst wenn, was erst noch zu beweisen ist, das ganze Menschen geschlecht eines Blutes wäre, so ginge es daher nicht an, den Ursprung der gesellschaftlichen Macht vom Blutinstinkt der Familie abzuleiten. In Staat und Gesellschaft wirken noch andere Elemente wesentlich mit, Staat und Gesellschaft sind nicht schlechthin Erweiterungen der Familie, die Familie ist nicht die gesellschaftliche Zelle. In einem patriarchalischen Zeitalter könnte man sich etwa mit dieser Auffassung zufrieden geben, die alle Macht auf die Autorität des Familienvaters zurückführt, in welchem die Blutsgcmeinsehaft ihr natürliches Oberhaupt verehrt; in einer Zeit der Machtkämpfe, wie cs die Gegenwart ist, wird man nichts mehr mit ihr anzufangen wissen, wie sie uns auch für das Verständnis der geschichtlichen Machtkämpfe keine Erklärung zu bieten vermag.

Immerhin müssen wir für unsere Erklärung davon ausgehen, daß die Familie zeitlich die notwendige Vorstufe aller großen gesellschaftlichen Verbände ist. Sie ist geschichtlich zuerst da gewesen und hat den Boden bereitet, in welchem die Triebe Wurzel fassen konnten, durch deren Wachstum die Gesellschaft gebildet wurde. In den Anfängen des menschlichen Daseins gab es keine andere Kraft, welche die Menschen untereinander hätte verbinden können, als die instinktive Kraft des Blutes, die den Mann und das Weib in den Jahren der Geschlechtsreife zusammenführt, die Eltern mit den Kindern verbindet, welche ihrer Umarmung entsprießen, und noch die Kinder und Kindeskinder untereinander verbindet, welche sich der gleichen Abstammung bewußt Rind. In einer Fntwicklungsperiode, in der höhere Verbände noch nicht gefunden waren, mußte der Blutsverband auch gewisse gemeinsame Werke außerhalb des Familienhauses auf sich nehmen, die von der Not des Lebens gebieterisch gefordert wurden. Dadurch wurde er zum Kampfverband und zum wirtschaftlichen Verband; auch Sitte, Sittlichkeit und Becht haben in ihm ihre ersten Bildungen erhalten.

Wie jedes stark in Anspruch genommene Organ wurde auch die Familie unter diesen Umständen übermäßig, man möchte sagen hypertrophisch, entwickelt. Das Blutsgefühl, das durch die Notwendigkeiten des gemeinsamen Handelns aufs lebhafteste aufgerufen war, wurde weit über den engeren Kreis der Familie, bis in entfernteste Verwandtschaftsgrade hinaus, leliendig, in denen es die späteren Menschen nicht mehr nachempfinden konnten. Die Horde, der Stamm, der Clan, die Sippe, das Geschlecht erkennt die Verwandtschaft bis in die Vettemschaften entlegensten Gliedes, und dadurch wurden sie, das läßt sich nicht leugnen, zu Werkgemeinschaften befähigt, die tief in die Funktionen eindrangen, welche späterhin von den neuentstehenden höheren Verbänden übernommen wurden. Als aber endlich diese höheren Verbände gefunden waren, erwiesen sie sich für die einschlägigen Funktionen um so viel tauglicher, daß die Blutsverbände ihnen weichen mußten. Von da an wurde die Familie wieder zu ihrer natürlichen Funktion und Ausdehnung rückgebildet, wie das Haus, das man in unsicherer Zeit zum wehrhaften Haus und zur Burg ausgebaut hatte, wieder zum einfachen Wohnhaus rückgebildet wurde, sobald es der Staat auf sich nehmen konnte, für die öffentliche Sicherheit zu sorgen. Im ausgebildcten Staate ist die Familie wieder das Organ des rein persönlichen Lebens geworden, das sie im Anfang war, im Dienste der ehelichen Gemeinschaft der Geschlechter und nTit ihr im Dienste der Fortpflanzung und der Erziehung der Kinder. Das Liebesgefühl der Familie wird nun für die Sphäre des häuslichen Lebens bewahrt. In der Sphäre der Öffentlichkeit reicht cs nicht zu und muß noch andern Gefühlen Raum geben, die zum Teile hart auf Abwehr und Kampf gestellt sind, oder aber, wenn sic auf den Frieden eines öffentlichen Wesens gestellt sind, weitsinnig aufs Allgemeine gehen müssen.

Das weibliche Herz ist den Gefühlen fast verschlossen, die das öffentliche Leben fordert, dennoch geht die Liebe, mit der die Mutter ihre Kinder umgibt, für das öffentliche Leben nicht verloren. Wer das Glück einer reinen Jugend gehabt hat, wird sich auch gegenüber den leidenschaftlichen Versuchungen reiner bewahren, denen seine Mannheit im öffentlichen Wirken begegnet. Wie das Licht der Sonne durch jeden Riß in der Wolkendecke durchdringt, so wTird das Licht der Liebe, das von seiner Kindheit her sein Herz erwärmte, in das kalte Dunkel der Welt eindringen, wro immer eine Einbruchstelle offen ist. Der Fortschritt von Friede und Gesittung wäre noch langsamer gewiesen, als er ist, ja er wäre wohl ganz in Frage gestellt gewesen, wrenn das Liebesgefühl nicht vom Eltemhause her überall lebendig erhalten worden wäre. Freilich stellt das gesellschaftliche Wesen aber so mannigfache Forderungen, daß es zu seinem Aufbau noch andrer härterer Elemente bedarf.

2. Die Werkgemeinschaften

Was sind die Ursachen, welche die Blutsgemeinschaft daran hindern, sich aus sich selbst heraus zu großen gesellschaftlichen Verbänden zu erweitern ? Stellen wir zunächst die Tatsachen fest, bevor wir zur Erklärung schreiten. Von den Blutsverbänden spalten sich unter dem Drucke der Fortpflanzung und Vermehrung von Zeit zu Zeit die Überschüsse ab, die sich aus dem neuen Zuwachs gebildet haben. Sie formen sich zu selbständigen Verbänden, indem sie näher oder entfernter neue Jagdgründe oder Weideplätze oder Ackerböden auf suchen. Es ist im Grunde der gleiche Vorgang wie bei den Bienenvölkern, bei denen von Zeit zu Zeit Schwärme vom Mutterstock ausfliegen, die unter eigenen Königinnen neue Völker bilden. Der Trieb, mit dem die neuen Zuwächse, welche im alten Blutsverbande nicht mehr Raum finden, an diesem hängen, wird durch den Trieb der Selbständigkeit sehr rasch überwunden. Dabei wirkt die Tatsache entscheidend mit, daß die Menschen für ihre Nahrung viel weiterer Räume bedürfen als die Bienen, deren ausgeflogene Schwärme ganz in der Nähe wieder einfallen und im gleichen Blütenrevier ihre Nahrung holen. Der menschliche Wändersdliwarm, der sich abgespaltet hat, muß ziemlich weit hinaus, um seinen Nährboden zu finden. Es ist bekannt, daß selbst die Bienenvölker, deren Stöcke im gleichen Hause knapp beisammen stehen, einander fremd und feindlich werden, sie unterscheiden sich am Gerüche und stellen Wächterbienen auf, welche die fremden Bienen abwehren, die sich einschleichen oder ,,einschmeicheln“ wollen, um Honig zu rauben. Noch fremder werden sich die menschlichen Bluts verbände, die w’cit auseinander hausen und sicli den örtlichen Bedinguiigenaiipassen; mögen sie auch durchdie Gemeinschaft der Sprache und mancher Sitte zunächst noch verbunden bleiben, so werden sie sich jeder in seiner besonderen Art weiterbilden und jeder wird auf den Besonderheiten seines Wesens mit Eifersucht bestehen. Am längsten werden religiöse Überlieferungen verbindend weiter wirken; bei den Griechen galt Gottesfriede für die großen, den Göttern geweihten Spiele, bei denen die Angehörigen aller Stämme zusammentrafen, zwischen welchen im übrigen Kämpfe ohne Unterlaß weiter gingen, bis sich diese unter der Führung der beiden Hauptstaaten Athen und Sparta zum Peloponnesischen Kriege steigerten, der fast zum Vernichtungskrieg ausartete. In sich durch anziehende Molekularkräfte innig verbunden, sind die einzelnen Blutsverbände gegeneinander durch abstoßende Molekularkräfte selbständig und feindlich gestellt.

Vor dem Triebe der Selbsterhaltung, mit dem sich jeder der abgespalteten Blutsverbände zu behaupten sucht, versagt der Instinkt der Blutsgemcinschaft. Der Fortpflanzungstrieb sendet immer weiter neue Schwärme von Blutsverbänden aus, aber je fruchtbarer er wird, um desto weiter zerfällt die ursprüngliche Einheit. Schon sind jedoch im Innern der Blutsverbände die Bildungen bereitet, welche die Eignung dazu haben, den Selbsterhaltungstrieb der Blutsverbände zu überwinden und über ihre Gegensätze hinweg den gesellschaftlichen Aufbau ins Große fortzusetzen und zu vollenden. Nach und nach entstehen innerhalb der Blutsverbände Werkgemeinschaften des Kampfes, der Wirtschaft oder anderer Zwecke, die nicht mehr alle Blutsverwandten umfassen und die ihre Ordnung nicht mehr von der verw andtschaftlichen Ordnung empfangen. Eine Zahl junger Leute schart sich um den sieggewohnten Führer, wenn er zum Raub oder zur Eroberung auszieht; es ist nicht der Vorrang des Blutes, der ihm seine Stellung gibt, er wird Heeresfürst oder Herzog durch den Erfolg seiner Waffen, die Jungmannschaft, die mit ihm auszieht, geht nicht als seine Verwandtschaft, sondern als seine Gefolgschaft mit, und wenn er unter ihnen eiserne Zucht aufrichtet, so leitet er das Recht dazu aus dem Kampfzweck ab, der erreicht Werden soll. Im fortschreitenden Erfolge wird die werbende Kraft der Werkgemeinschaft so groß, daß sie, sei es gewaltsam, sei cs friedlich, über die Kluft hinübergreift, welche die alten Blutsverbände voneinander trennt. Von da an ist der Weg zur Gesellschaft offen, die Familie, die Schöpfung des Blutinstinktes, bleibt zurück, höhere Ordnungen des Zusammenseins bauen sich über ihr auf, die der bloße Instinkt nicht mehr schaffen kann, weil sie gesammelte, zweckbewußte Kraft voraussetzen, die freilich zuerst roheste Gewalt ist, sich aber nach und nach zu den Höhen der Zivilisation und Kultur erhebt. Wahrend in der Blutsgemeinschaft mehr das Animalische des Menschen hervortritt, wirkt er in der Weite der Gesellschaft als voller Mensch, wenn auch zuerst noch in der Vollkraft der Wildheit. Die Tierstaaten sind bloße Bluts verbände, die gesellschaftliche Überwindung des Blutes ist dem Tiere versagt. Nur ganz leichte Ansätze finden sich vielleicht da und dort, wie zum Beispiel in den sklavenhaltenden Ameisenstaaten.

Setzt sich aber nicht der Instinkt des Blutes auch in den gesellschaftlichen Verbindungen der Menschen auf der Höhe der Entwicklung wieder durch ? Man nimmt dies vom Nationalstaat gerne so an. Ist er nicht die Schöpfung des nationalen Blutes? Gibt ihm nicht die Gemeinschaft des Blutes seine instinktive Kraft? Man braucht nur der Entstehung der Nationalstaaten nachzugehen, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Alle ohne Ausnahme sind sie Bildungen der Blutinischung. Alle Stämme reinen Blutes sind auseinandergefallen und mit andern zu.samniengeflossen, sobald sie in den großen Lauf der Geschichte eingetreten sind. Von den Germanen wissen wir gar nicht, daß sie jemals eine Einheit gebildet hätten, die Deutschen sind erst nach und nach zu einer Einheit zusammengewachsen, die niemals voll war und von der große Splitter wieder abgefallen sind. Die Teile haben sich fast alle mit Blut andern Ursprungs und anderer Zunge vermengt. Das deutsche Volk von heute, als Volk wie als Staat genommen, ist geschichtlich unter Blutmischung gebildet, und dasselbe gilt für alle großen Nationen. Sic alle sind nicht bloße Schöpfungen des Blutinstinktes, sondern höhere Ordnungen der Werkgemeinschaft, welche die Ordnungen der Blutsgemeinschaft überwunden haben.

3. Der Ursprung der Macht im Erfolge

Die zwingende Kraft der Werkgemeinschaft geht vom Erfolge aus, den ihr Wirken schafft. Ein wichtiger Satz! Er erklärt uns, weshalb die Werkgemeinschaft besteht und wächst, während die Blutsgemeinschaft stillcsteht und vergeht. Die Blutsgemeinschaft besitzt den großen Vorzug, daß in ihr von vornherein Bereitwilligkeit zum gemeinsamen Handeln da ist, zugleich mit einer natürlichen Ordnung der Familie, die immer ihr Oberhaupt hat. Darum ist sie zeitlich zuerst berufen, ohne sie hätte die Geschichte keinen Anfang, aber bei der Enge des Kreises, auf den sie beschränkt bleibt, kann sie über einen verhältnismäßig nahen Punkt der Entwicklung nicht hinauskommen, und daher hätte durch sie allein die Geschichte keinen Fortgang. Zur reinen Werkgemeinschaft fehlt vom Anfang an die Bereitwilligkeit der Massen, die sich nicht kennen, und weim sie sich kennen, nicht finden, weil sie sich mißtrauen. Darum sind die ersten Bildungen der Werkgemeinschaft auch nur auf den kleinen Kreis der Blutsgemeinschaft beschränkt. Ist aber einmal sichtbarer Erfolg gewonnen, so wendet seine Zauberkraft die Gemüter, und je melir er wächst und gefestigt wird, tut er es bei einer um so größeren Zahl von Menschen und bindet er um so fester Gefühl und Wollen in seine Richtung. Anderseits schreckt der Mißerfolg Gefühl und Wollen ab. Durch Erfolg und Mißerfolg ist die Geschichte die Lehrmeisterin der Menschen, eine Lehrmeisterin, die mit höchsten Werten belohnt und mit Geißeln und Skorpionen züchtigt. Auf die Dauer erzeugt der Erfolg der verbundenen Kraft feste Herrschaft über die Gemüter; durch den Erfolg geleitet, kann die Masse am Ende nicht anders, als sich, wie die geschulte Truppe, im gleichen Schritt und Tritt von Gefühl und Wollen bewegen. So werden die Machtverbände und so wird die Macht geschaffen.

Die Erfolge wechseln, und es scheint daher, daß die Macht auf eine schwankende Grundlage gestellt sein muß, wenn sie ihren Ursprung im Erfolge haben soll. Gibt es nicht in der Tat genug schwankende Macht, und muß die Theorie der Macht nicht auch deren Ursprung erklären ? Mau darf nur nicht meinen, daß eine Macht immer gleich zerstört ist, wenn der Erfolg einmal ausbleibt. Xur die schwachen Menschen beugen sich widerstandslos dem Mißgeschick, die starken, die entschlossenen werden ihm Trotz bieten, sie fühlen die Kraft in sich, den Erfolg wieder zu gewinnen, und ihnen gehört darum am Ende die Welt. In der Dauer ihrer Macht belohnt sich die Zuversicht ihrer Kraft. Bis zum Weltkriege hat das Haus Hohenzollera allen, selbst den schwersten Stürmen des Geschickes Widerstand geleistet, seine feste Hand hat jedes Mißgeschick überwunden jind den Erfolg immer wieder an seine Farben gefesselt, daher hat es über die Gemüter eine Herrschaft gewonnen, die unzerstörbarschien. Der Mißerfolg im Weltkrieg war aber so furchtbar, so volksvernichtend, daß diese Macht mit einem Male zusammengebrochen ist.

Kann man auch die innere Macht, die moralischen Mächte insbesondere, aus dem Erfolge ableiten ? Muß cs dem geraden Manne nicht widerstreben, „sich nach dem Erfolge zu richten“ und heute diesem, morgen jenem Mächtigen des Tages seine Huldigung zu leisten? Daß man die äußere Kraft, über die man verfügt, nach dem Erfolge einschätzt, scheint klug und unabweisbar, denn wie kann man sie vernünftigerweise anders schätzen als nach ihrer Wirkung ? Immer werden wir die Mächte, die uns förderlich sind, als wohltätige Hilfen für unser Wesen, als Freiheitsmächte, und diejenigen, die uns hemmen und erdrücken, als Zwangsmächte empfinden — wie könnten wir es anders halten ? Hierin liegt nichts Unmoralisches, der strengste Richter muß es billigen. Könnte mau es aber bei den inneren Mächten anders halten, dürfte man sie einschätzen, ohne auf ihre Erfolge zu achten ? Warum schätzen wir sie so hoch ? Doch nur, weil sic die höchsten, die dauerndsten, die beglückendsten Erfolge verheißen! Der Mann, der ..sich nach dem Erfolge richtet“, wird dadurch verächtlich, daß er seine Gesinnung dem bloßen äußeren Erfolge zum Opfer bringt. Der Satz, daß die Macht durch den Erfolg bedingt ist, nimmt den inneren Mächten nichts von ihrer Größe und Würde, man muß diesen Satz nur recht verstehen, daß er sich auf den wahren und dauernden Erfolg bezieht. Die Geltung der inneren Mächte ist dadurch nicht herabgemindert, geschweige denn aufgehoben, daß man auch sie nach ihren Wirkungen wertet, im Gegenteil, ihrer ist die Zukunft, weil sie sich auf die Dauer als die Mächte der umfassendsten und gesichertsten Wirkungen bewähren.

Die zwingende Kraft des Erfolges bindet die Menschen auch dort, wo der Instinkt des Blutes versagte, sie bindet auch Menschen verschiedenen Blutes. Eine Werkgemeinschaft, die den Erfolg für sich hat, darf nicht fürchten, daß sich ihre Mitglieder von ihr abspalten, vielmehr werden ihr immer neue Mitglieder Zuströmen, solange ihr der Erfolg treu bleibt, ihre wachsende Zahl wird vielleicht sogar — es muß dies keineswegs immer so sein, aber es gilt gerade für die stärksten Kräfte — die Kraft zum Erfolge noch steigern. Das Römervolk war aus drei verschiedenen Stämmen zusamraengeflossen, deren Geschichtserinnerung sich noch lange in gewissen Überlieferungen, namentlich in gewissen Kulteinrichtungen bewahrt hat; die zeugende Kraft des Erfolges hat aber das Blut der drei Stämme zu einer untrennbaren Einheit des Kampfes und des Staatslebens verbunden. Durch das gemeinschaftliche Werk seiner äußeren Siege und seiner inneren Entwicklung ist das Römervolk zu einer geschichtlichen Einheit geworden.

Die zwingende Kraft des Erfolges wird von den Menschen am deutlichsten bei den äußeren Zwangsmächten empfunden, die ja auch im Sprachgebrauch und in der gemeinen Vorstellung als die Mächte schlechthin gelten. In der Tat erhalten aber auch die inneren Mächte aus dem Erfolge zwingende Kraft und ordnen Gefühl und Wollen der Menschen ebenso gebieterisch wie die strengsten äußeren Mächte. Sie ergänzen sich mit diesen oder wenden sich gegen sie, und immer wird das wechselseitige Verhältnis durch den Erfolg bestimmt.

4. Zwangsmächte und Freiheitsmächte

Der folgende Überblick zeigt uns in aller Kürze die Hauptformen der Zwangsmächte und der Freiheitsmächte und zugleich damit die Hauptformen der Gemeinschaften oder Verbände, die durch die einen und durch die anderen zusammengehalten werden.

Der rohe äußere Zwang schafft die strengsten der Zwangsverbände, die Gew alt verbände, wie es die Staaten waren, die von rohen Siegervölkern durch den Erfolg ihrer Waffen aufgerichtet wurden. Solange Gefühl und Wille der Besiegten nocli nicht ganz gebrochen sind, werden sie die Zwangsherrschaft durch Aufstande und Abfall abzuschüttcln suchen. Schwache Völker verlieren am Ende durch die Zwangsherrschaft alle Fähigkeit der Selbstbestimmung und versinken in die schlimmste Abhängigkeit bis zur vollen Sklaverei.

Auch der Staat eines freien Volkes, wie es die Römer waren, ist in sich ein Zwangsverband. Ob man will oder nicht, gehört man dem Staate an, in den man hineingeboren ist, und muß in ihm seine Pflicht erfüllen. Dies gilt für jeden Staat, selbst für den freiesten; trotzdem darf sich dasjenige Volk mit Recht frei nennen, das keinen Herrn über sich hat, sondern sich ganz aus eigenem Willen den Notwendigkeiten des Daseins unterwirft. Die gemeine Not ruft das allseits von Feinden umgebene Volk dazu auf, die gemeine Kraft zur Behauptung seiner Unabhängigkeit zu gebrauchen. Jeder echte Quirite fühlte in sich den Trieb, «sich für den Staat zum Kampfe zu stellen, und forderte es zugleich so von jedem andern. Indem einer dem andern die Pflicht des Bürgertums zumutet, entsteht aus wechselseitigem sozialem Zwung eine Zwangsgemcinschaft, die durch Übereinstimmung des Gefühles ihre Mitglieder noch unverbrüchlicher zusammenhält, als der Gewaltverband die Unterworfenen an die Sieger fesselt, unverbrüchlicher und zugleich wirksamer, weil jedermann die ganze Kraft seines Willens einbringt, um der gemeinen Sache zu dienen. In gleicher Weise verbindet das Solidaritätsgefühl überall, wo es lebendig ist, die Genossen durch einen sozialen Zwang zu einem festen Verbände, den der Erfolg ausbreitet und verstärkt. Selbst die lauen und schwachen Genossen gehen mit, auch wenn sie es unangenehm und drückend empfinden, daß sie ihre persönliche Bequemlichkeit aufgeben und für die allgemeine Sache, die ihnen doch nicht recht am Herzen liegt, Opfer bringen müssen. Sie sind Mitläufer, die sich ,,nach dem Erfolge richten“, solange dieser sich eben einstellt, sie werden sich zurückhalten und früher oder später abfallen, sobald der Erfolg einmal ausbleibt. Die überzeugten und entschlossenen Genossen dagegen werden durch den Mißerfolg nicht sobald abgeschreckt, sie glauben an ihre Sache und erwarten aufrechten Gefühles den kommenden Sieg. Wo dus genossenschaftliche Zusammenhalten sich bewährt, nimmt die Zwangsgenieinschaft des Gefühles nach und nach die verfeinerte Gestalt des Rechtsverbandes an, der seine Regeln durch rechtlichen Zwang empfängt. Wo man Widerständen begegnet, die das Äußerste an Kraft herausfordern, dort steigert sich in der Verzweiflung des Gefühles der soziale Zwang zum Terror, der nicht nur gegen den äußeren Feind, sondern noch rücksichtsloser gegen die eigenen Genossen w ütet, welche sich widerspenstig zeigen oder denen man mißtraut. Solange die Staaten gegeneinander im Kampfe stehen, sind die Opfer, die ein Staat von den Bürgern fordern muß, so groß, daß auch im freien Volksstaat der Zwang erdrückend werden kann. Dasselbe gilt für die Klassen auf der Höhe des Klassenkampfes.

Die Glaubensgemeinschaft, die sittliche Gemeinschaft und jede Kulturgemeinschaft sind durch inneren Zwang zusammengehalten, durch moralischen Zwang, durch den Zwang des Gewissens, des Wahrheitstriebes, des Verlangens nach dem Schönen und jedes sonstigen starken inneren Triebes. Auch in diesen Gemeinschaften sind immer Mitläufer anzutreffen, ganze Scharen von Menschen, die sich zur Stimmung des Tages bekennen, ängstlich bemüht, das Verhalten zur Schau zu tragen, das dem Vollmenschen durch die innere Stimme vorgeschrieben ist. Für die Mitläufer liegt der Erfolg, dem sie sich beugen, in dem allgemeinen Beifall, der dem Verhalten zu Teil wird, dem sie sich anschließen, für die echten Menschen liegt er in ihrer inneren Befriedigung und der Selbstsicherheit ihres Wesens, die sie erreichen. Sie können nicht anders, als dem Gewissen gehorchen und der Wahrheit die Ehre geben; sie tun es vielleicht erst nach schweren inneren Kämpfen, aber nachdem sie sich durch diese durchgerungen, hat ihr Wesen dafür beruhigende Festigkeit gewonnen. Ohne Zweifel hat für die Masse auch der echten Menschen das Vorbild des großen Führers überragende Bedeutung, ohne dessen Weisung würde man seinen Weg nicht finden, aber man folgt ihm doch nur deshalb nach, weil man sich innerlich getroffen fühlt und weil die Seelenkraft aufgerufen ist, deren Gebot man sich nicht mehr entziehen kann. Ohne Zweifel wird die Masse auch der echten Menschen in ihrer Richtung dadurch ermutigt, daß sie neben sich andere in großer oder überwältigender Zahl auf dem gleichen Wege findet; die Überzeugung der Masse wird immer durch die Wahrnehmung gefestigt, daß man nicht allein geht, sondern einer großen Gemeinschaft angehört. Neben dem inneren Zwange und ihn steigernd wird also auch ein gewisser sozialer Zwang empfunden, dem man sich umso weniger entziehen kann, weil das soziale Urteil mit Härte diejenigen trifft, die sich gegen die Gebote der Gemeinschaft verfehlen, ein Urteil, das bei den schlimmsten Verfehlungen soweit geht, die Frevler aus dem gesellschaftlichen Verkehre auszuschließen; sie werden durch den Spruch einer sozialen Feme so in Acht und Bann getan, wie Staat und Kirche es tun. Trotzdem haben wnr in den inneren Gemeinschaften nicht Zwangsgemeinschaften vor uns, sondern freie Gemeinschaften, denn sie sind im tiefsten doch durch den Trieb des Inneren zusammengehalten; sie würden niemals entstanden sein und würden nicht aufrecht bleiben, wenn nicht ein Ruf sic erweckt hätte und lebendig erhielte, der aus dem Innersten ertönt, in welchem kein anderes Gebot als das der eigenen Überzeugung gilt. Die Pflichten, die sie heischen, werden von den echten Menschen, welche ihren festen Kern bilden, freudig empfunden als Erfüllungen des eigenen Wesens, als Entscheidungen des freien Willens. Für diese Empfindung kommt nichts darauf an, ob das Gefühl der Willensfreiheit nur ein schmeichelnder Schein ist, in dem sich die Strenge des Kausalgesetzes verhüllt, oder ob der moralische Zwang seine unaufhaltsame Kraft nicht gerade dem Umstande verdankt, daß sich in ihm das Beste des menschlichen Wesens wirklich frei ergießt.

Es gibt allerlei Interessenverbände, die durch die Erkenntnis des praktischen Nutzens geschaffen und zusammengehalten sind, welchen man davon hat, seine Kraft, die für sich allein fast verloren wäre, im Zusammenhang mit andern zu gebrauchen. Der volkswirtschaftliche Wrband ist das bedeutendste Beispiel. Der einzelne steigert seinen Erfolg ins Ungemeine, wenn er den richtigen Platz für sein Wirken in der arbeitsteiligen Wirtschaft des Volkes findet. Die Volkswirtschaft, wie sie sich auf der Grundlage des privaten Eigentums entwickelt hat, unterscheidet sich durch ihre freiere Ordnung deutlich von der Zwangsgemeinschaft, von der uns der Staat das bedeutendste Beispiel gibt; sie hat kein gemeinsames Handeln als Inhalt, sie geht nicht unter dem Zwang eines einheitlichen Befehles vor sich, die Individuen sind nur insoweit unter den Zwang des Rechtes und der Sittlichkeit gestellt, daß sie gewisse unüberschreitbare Schranken einhalten müssen, aber innerhalb dieser dürfen sie sich nach ihrem Ermessen frei bewegen, es ist Ihnen überlassen, sich nach ihres Interesses zu entscheiden. Von den inneren Gemeinschaften, für die wir in der sittlichen Gemeinschaft das bedeutendste Beispiel haben, unterscheidet sich die Volkswirtschaft dadurch, daß das Interesse durch Erwägungen der Klugheit geleitet wird, die nicht die Strenge der inneren Überzeugung haben. Man muß die Frage erheben, ob die Volkswirtschaft, da sie weder einem sozialen noch einem ausgesprochenen inneren Zwange folgt, überhaupt eine eigentliche Gemeinschaft sei oder nicht vielmehr ein loser Verband von Individuen, die sich ohne alle Verbindlichkeit treffen und wieder trennen. Für die älteren Ordnungen des Wirtschaften hat allerdings der genossenschaftliche Verband des Dorfes und der Zunft, haben die Grundherrschaften und städtischen Obrigkeiten und haben die merkantilistischen Regierungen mit ängstlicher Sorgfalt die mannigfaltigsten Zwangavorschriften erlassen, später aber haben sich die Klassiker mit ihrer Lehre durchgesetzt, da alle diese Zwangsvorschriften gegen das Wesen der Wirtschaft verstießen, welches innerhalb der allgemeinen Schranken von Recht und Sittlichkeit die freie Bewegung der Individuen fordere. Geht man nun aber der klassischen Lehre nach, so wird man erkennen, daß auch die Individuen selbst dort, wo ihnen rechtliche und sittliche Bewegungsfreiheit eingeräumt ist. unter zwingende gesellschaftliche Mächte gestellt sind, die vom Wettbew erbe des Angebotes und der Nachfrage ausgehen. Geht man den Dingen noch genauer auf den Grund, so erkennt man, daß es nicht erst der Wettbewerb ist, der die gesellschaftlichen Mächte schafft, welche dem wirtschaftlichen Individuum seine Bahn weisen. Tn den Weiten der Volkswirtschaft wäre jeder einzelne, selbst der Stärkste, verloren, wenn er allein auf sich gestellt bliebe. Dem starken und vom Glück begünstigten Menschen gelingt cs, sich mit zur Führung der Mächte aufzuschwingen, denen er sich an vertraut hat, der schwächere oder in ungünstige Lage gestellte sucht in seines Nichts durchbohrendem Gefühle den Anschluß an gesellschaftliche Mächte innerhalb der Masse, und wenn er ihn nicht findet, so wird er die Beute von feindlichen Mächten, die seine Kraft für ihre Zwecke ausnützen. Schon in seiner Berufswahl, die ihm den Ausgangspunkt für seine Tätigkeit weist, ist der einzelne nicht freier Herr seiner Entschlüsse, er ist in der Hauptsache durch die Macht seiner Verhältnisse und seiner Umgebung bestimmt, und es sind w iederum nur die Stärksten und vom Glück Begünstigter, die sich selber durchzusetzen wissen. Die Masse folgt dem Herkommen, das dem Individuum in zahlreichen Fällen gar keine eigene Wahl läßt und in andern Fällen seine Wahl aufs engste einschränkt. Das alte Recht, das noch nicht zu individualisieren vermochte, sondern überall dem typischen Zustand seinen naiven Ausdruck gab, hat in der starren Ordnung der Kasten den Sohn geradezu an den Beruf des Vaters gebunden, das moderne Recht erst gibt die Berufswahl frei, aber rechtliche Freiheit bedeutet hier, wie sonst so oft, keineswegs auch schon tatsächliche Unabhängigkeit. Diese kommt alles in allem doch nur verhältnismäßig wenigen zugute, für die Masse bleibt es bei der tatsächlichen Gebundenheit der Berufswahl. Auch in der Ausübung des Berufes ist es dem einzelnen Geschäftsmanne durchaus nicht anheimgegeben, ganz selbständig das Maß zu bestimmen, in welchem er seinen Vorteil verfolgen will, sondern er ist an den Typus gewiesen, den der allgemeine Wettbewerb auf Grundlage der technischen und gesellschaftlichen Erfahrungen der Zeit und der gegebenen Volksenergie ausbildet. Es sind immer nur verhältnismäßig wenige, die nicht die Kraft aufbringen, den Typus zu erfüllen, und ihre Mißerfolge geben den andern ein warnendes Beispiel. Die große Masse hält ßich ziemlich enge an den Typus; die Freiheit, die sie von Rechts wegen besitzt, äußert sich, alle« in allem, nur in ganz geringen Abweichungen, die sie sich nach oben oder nach unten erlaubt. Selbst der persönliche Egoismus ist in aller Regel gesellschaftlich umschrieben, die wenigsten sind kühn genug, ihren persönlichen Vorteil über den Rahmen des typischen Verhaltens hinaus zu verfolgen.

Selbst in den Bereich des Privatlebens dringen gesellschaftliche Mächte herein. Privates Leben ist nicht isolieites, sondern gesellschaftliches Leben. Es geht nicht an, von Robinson, solange er der einzige Bewohner seiner Insel ist, zu sagen, daß er Privateigentum habe. Privates Leben ist nicht nur immer von gesellschaftlichem Leben umgeben, sondern ist auf dieses immer auch mehr oder weniger eingestellt, nur daß es dem Berechtigten Vorbehalten ist, die Größe des Einflusses zu bestimmen, den er der gesellschaftlichen Umgebung zugedacht, und insbesondere fremde Eingriffe ahzuwehren, die ihn stören. Mein Privatrecht erlaubt mir, über das Meinige selbständig mit Ausschließung anderer zu verfügen, aber es hält mir die Möglichkeit offen, bei meinen Verfügungen mit andern Personen in Verkehr zu treten; ich wäre um vieles ärmer, wenn ich diese Möglichkeit nicht hätte, alle Geldwerte, über die ich verfüge, wären da verloren und selbst der größte Teil der naturalen Werte ließe sich nicht mehr voll ausnützen. Wie das Privatrecht, steht alles private Leben unter gesellschaftlicher Perspektive, selbst in dem persönlichsten Abschnitte des privaten Lebens, im Familienleben des Hauses, läßt sich der einzelne vom gesellschaftlichen Wesen nicht ganz absondem. Der Satz ,,Mein Haus ist meine Burg“ will nur das aussagen, daß jeder in seinem Hause fremden Zutritt überwachen darf und selbst der Staat das Ilausrecht schützen und in gewissem Grade auch seinerseits respektieren muß. Dabei empfindet aber doch jeder Verständige ein lebhaftes Interesse, die Ordnung seines Hauses im Sinne der besten Vorbilder zu treffen, die ihm die Gesellschaft gibt, und er weiß recht gut, daß er sich dem gesellschaftlichen Tadel aussetzt, wenn er von den Vorschriften der allgemeinen Sitte und besonders von den Vorschriften seiner Klasse und Schicht merklich abweichen wollte. Bei Völkern und Schichten entwickelter Zivilisation treffen wir eine überraschende Uniformität in allen Einzelheiten des häuslichen Wesens; Anlage und Betrieb haben in allen Punkten ihre bestimmte Regel, vom Morgen bis zum Abend hat jede Stunde ihre feste Einteilung. Gilt das gesellschaftliche Gebot schon im Haute, so gilt es um so mehr, wenn sich der einzelne auf die Straße und in den Verkehr der Öffentlichkeit begibt, auch wenn er dabei nur seine privaten Angelegenheiten im Sinne hat. Die Kleidung, die man trägt, wenn man sieh unter die Leute mischt, die Bewegung, die man sieh dabei erlauben darf, das Mienenspiel, die Ausdruckweise und Stärke, mit der man die Stimme laut werden läßt, müssen, wenn man nicht auffallen und herausfordern will, genau im Sinne der gesellschaftlichen Sitte abgemessen sein. Auch dieses Gebot der gesellschaftlichen Sitte, so wenig es zunächst den Anschein hat, geht vom Erfolg aus, denn selbst eine schwerfällige, belästigende Sitte, selbst eine törichte Mode bringt in ihrer Uniformität doch einen merklichen gesellschaftlichen Erfolg, weil die Gleichmäßigkeit, die sie vorschreibt, die Reibungen mindert. Ist eine militärische Truppe oder sonst ein gesellschaftlicher Verband, der ein Gesamtwerk leisten soll, auf einheitliches Handeln, ist die Interessengemeinschaft der Volkswirtschaft auf ergänzendes Handeln gerichtet, so sind die Individuen in ihrem privaten Handeln, wenn man den Ausdruck gebrauchen darf, parallel gerichtet, so daß auch das private Handeln sich als ein gesellschaftlich geleitetes, als ein gesellschaftliches Werk darstellt.

Der Trieb dazu, sich auch in seinen privaten Angelegenheiten gesellschaftlich zu richten, ist tief in dos menschliche Wesen gelegt, es gibt kaum eine gesellschaftliche Macht, die sieh unverbrüchlicher durchsetzt, als die Macht der Verkehresitte, welcher sich fast ohne Ausnahme alle Menschen unterordnen, nicht nur die Masse des Durchschnittes, sondern auch diejenigen, die eich sonst abseits stellen, nicht nur die feiner Gebildeten, sondern auch die Plumpen und Frechen, nicht nur die Toren, sondern auch die Weisen. Man könnte fast daran irre werden, ob die Menschen, die der Zufall auf der Straße, im Theater, in den Verkehrsanstalten zusammen wirft, hier nicht überall eigentlich ihr privates Wesen verlieren und bei allem Wechsel der Personen doch zu gesellschaftlichen Körpern zusammenschmelzen. Unsere Sprache bezeichnet die Massen, die sich in diesen Zwischenzuständen zwischen privatem und öffentlichem Wesen befinden, als Publikum; ein glücklicher Ausdruck, der die Beziehung auf die Öffentlichkeit anklingen läßt, aber doch nicht so deutlich ausspricht, als das deutsche Wort es täte. Nun, dieses Publikum ist, während es seinerseits gesellschaftlichen Mächten unterworfen ist, zugleich selber eine starke gesellschaftliche Macht. Für alle öffentlichen Darbietungen, von der deß Dichters, des Schauspielers, des bildenden Künstlers bis zu der des wirtschaftlichen Angebotes, entscheidet die Gunst des Publikums über den Erfolg, mindestens über den nächsten und äußeren Erfolg, der aber oft genug, wenn es sich nicht um edlere Werte handelt, der entscheidende Erfolg bleibt.

Über das einzelne der Machtpsychologie — das will sagen der psychischen Erregungen, unter denen die Macht ihre Herrschaft über die Gemüter gewinnt und festhält — wäre noch vieles zu sagen, was wir aber an dieser Stelle lieber noch beiseite lassen wollen. Zunächst war es uns nur darum zu tun, die großen Formen der Macht aus der gemeinsamen Quelle des gesellschaftlichen Erfolges abzuleiten und die ebenso verbreitete als irrige Vorstellung zu widerlegen, als ob keine andere zwingende Macht in Frage käme, wie die der äußeren Gewalt. Über diese Vorstellung muß jeder hinwegkommen, der die Wege der Macht in Geschichte und Gegenwart verstehen will. Wer sie nicht überwindet, der bleibt in gesellschaftlichen Dingen von Grund aus ein Laie. Er teilt die Kurzsichtigkeit der anarchistischen Träumer, für welche das Ideal der Freiheit ein Zustand gänzlicher Herrschaftslosigkeit ist, den sie sich so denken, daß die Individuen zueinander in keine andern Verbindungen treten, als diejenigen, die sie durch ihren Vertragswillen schuffen und wieder lösen, wonach also jeglicher Dienst des Staates von Vereinen übernommen werden könnte, derart wie die Sportvereine oder Geselligkeitsvereine, denen beizutreten oder aus denen auszutreten in jedermanns Belieben stünde. Damit wäre die Gesellschaft aller Festigkeit beraubt, sie würde in ihre persönlichen Atome zerfallen und die festen Bindungen verlieren, die sie zur Sicherung ihrer Erfolge braucht. Es ist indes dafür gesorgt, daß es dahin nicht komme; die treibende Kraft, die der Erfolg der Werkgemeinschaften erzeugt, wird bei jedem Volke, das zu gesellschaftlichem Werke fähig ist, auch die notwendigen Bindungen im Gemüte schaffen. Die schwächeren Teilnehmer werden durch Zwangsmächte gebunden, die starken finden in Freiheitsmächten die notwendige Hilfe. Ein gesundes Volk erkennt es sehr bald, daß die Besiegung der auf ihm lastenden Zwangsmächte nur der erste Schritt zur Freiheit ist und daß, wenn die Freiheit wirklich erstehen soll, der zweite Schritt, die Aufrichtung von Freiheitsmächten, folgen müsse, deren soziale Gebote den gleichen Gehorsam finden, wie vorher das Gebot des äußeren Zwanges. Wahre Freiheit ist nicht persönliche Ungebundenheit, sondern ist ein errungener gesellschaftlicher Zustand. Gottfried Keller, der vom Herzen Demokrat war, spottete über diejenigen seiner Schweizer Landsleute, die vermeinten, schon dadurch allein echte Republikaner zu sein, daß sie keinen König über sich hätten. Um wie viel mehr Grund zum Spotte hätten ihm die neuen Republiken gegeben, die nach dem Umstürze in einer ganzen Reihe von europäischen Staaten fast überNacht errichtet w urden, ohne durch tragfähige Freiheit machte gestützt zu sein!

Wie der Staat, bedarf jede Werkgemeinschaft tragfähiger Freiheitsmächte, um in Wahrheit frei zu sein. War die Volkswirtschaft dadurch allein schon wirklich frei geworden, daß das liberale System durchgeführt und alle geschichtlich überlieferten Zwangsvorschriften beseitigt wurden, oder sind nicht vielmehr überall dort, wo die kleinbürgerlichen, die proletarischen oder auch die kleinbäuerlichen Schichten zu schwach waren, an Stelle des staatlichen Zwanges die kapitalistischen Zwangsmächte hervorgetreten, wo ihr keine genügenden Hemmungen mehr in den Weg traten ?

5. Urvölker und Kulturvölker

Es ist eine fast unübersehbare Fülle von Zwangsmächten und Freiheitsmächten, von Kampfmächten und Friedensmächten, von Mächten des öffentlichen und des privaten Lebens, durch die bei jedem entwickelten Volke Gefühl und Wille der Menschen gesellschaftlich gerichtet sind. Von diesen Mächten ist in den engen Blutsgemeinschaften, mit denen die Geschichte beginnt, fast nichts lebendig, der Instinkt des Blutsgefühles mußte sic ersetzen und die Gemüter zu Werken der Gemeinschaft bereit machen. Dennoch dürfen wir die Kräfte nicht gering schätzen, mit denen die Menschen ihr geschichtliches Werk begonnen haben. Dies gilt insbesondere für diejenigen Stämme, die sich späterhin zu Edelvölkern entfaltet haben. In dem Blute der edlen Urvölker waren alle Anlagen zum Kulturmenschen in reichlichen Keimen ausgesät. Zwar hatten auch sie ihre primitiven Anfänge, aber es wäre ein grober Irrtum, wenn man für diese das Maß von solchen Volksstämmen abnehmen wollte, die, von der Natur vernachlässigt, bis heute primitiv zurückgeblieben sind. Von der ungeheuren Größe ihrer Leistung gibt uns die Robinsonade, an deren Beispiel man sich gerne die Volksanfänge anschaulich inacht, nur ein ganz unzureichendes Bild, denn was ihnen zu tun oblag, haben sie ohne die Hilfen tun müssen, die Robinson auf seine Insel mitgebracht hat. Robinson kommt auf seiner Insel deshalb so gut durch, weil er schon wichtige Erfahrungen der heimischen Bildung mitbringt und weil ihn der klug berechnende Erzähler mit gerade so viel Vorräten und Werkzeug aus dem gestrandeten Schiffe ans Land kommen läßt, als er notwendig hat, um sich durchzuschlagen. Wir stellen uns die Vorfahren der Edelvölker am besten so vor, wie sie die Volkssage beschreibt, als Riesen, die den Kampf mit den Göttern wagen. Die Kulturvölker stehen kaum über ihren Vorfahren, sondern eher unter ihnen, wenn man es auf die Spannung des Wesens und auf das innere Gewicht der Kraft ankoinmen läßt. Der verfeinerte Kulturmensch würde das Werk, das jene zu leisten hatten, nimmermehr bewältigen können, er würde dabei schmählich unterliegen, denn seine Kräfte sind bei aller ihrer Ausbildung doch durch die vorausgegangene Fronarbeit der Geschichte arg verkümmert und entartet. Könnte dagegen ein Wildling edlen Blutes in ein Kulturland gebracht werden, so würde er rasch und begierig seine Anlagen entwickeln. Die Wikinger, welche die Normandie besetzten, waren in kurzer Zeit so weit, daß sie in den Künsten des Krieges und des Friedens die Spitze der europäischen Ritterschaft einnahmen. Was das Kulturvolk voraus hat, ist das Kulturkapital, das es der Arbeit der vorhergegangenen Generationen verdankt. Durch diesen Besitz ist es reich, auch wenn es selber nur wenig Kraft zu seiner Mehrung übrig hat. Fs hat alle Ursache, die Kraft von Körper und Willen zu bewundern, mit der seine reckenhaften Vorfahren der Wildheit des Lebens Trotz boten, und es hat nicht minder Ursache, die geistige Kraft zu bewundern, mit der sie die Bahnen fanden, die aus der Wildheit zur Kultur führten. Der Begründer des Welthauses Krupp hat erklärt, das Schwerste sei gewesen, das erste Tausend Taler aufzusammcln. Haben nicht auch unsere Ahnen das Schwerste getan, indem sie das erste Tausend an Kulturarbeit erarbeiteten ? Die Erfindung des Pfluges ist von den Alten mit gutem Sinn den Göttern zugeschrieben worden, sie ist an Tiefe und Wirksamkeit von keiner der glänzendsten Erfindungen übertroffen, auf welche die Gegenwart stolz ist.

6. Staatengründung und Kulturbegründung als grundlegende gesellschaftliche Werke

Bei alledem bedurfte es der angestrengten Bemühungen der Jahrtausende, um selbst die edelsten Volksanlagen zur Reife zu bringen. Der Name der Evolution, den man für diesen Prozeß gerne gebraucht, kann leicht irreführen, wir haben nicht eine einfache Entfaltung vor uns, wie wir sie etwa beim Baume wahrnehmen, der, unter günstigen Verhältnissen auf wachsend, Jahresring auf Jahresring ansetzt, die Entwicklung ist auch weit gestaltenreicher als die des Schmetterlings, in den sich die Raupe durch den Puppenstand verwandelt. Der Fortschritt jedes Volkes ist immer im stärksten Maße durch die Hemmungen bedingt, denen er begegnet und die seine Kraft aufregen. Das gesellschaftliche Werk erhält seine stärksten Antriebe aus der Nötigung, die Widerstände zu überwunden, die ihm von Stufe zu Stufe entgegentreten.

Solange das Zusammenleben auf den engen Kreis der Blutsgemeinschaft beschränkt ist, sind der Entwicklung nahe Grenzen gezogen. Alle leben das gleiche einförmige Leben, die Arbeitsteilung ist so ziemlich auf die häuslichen Geschäfte beschränkt, denn draußen treiben alle fast das gleiche Werk. Sic alle sind Jager, Fischer oder Hirten. Auch der Häuptling und seine nächsten Gehilfen bei der Führung sind nur um weniges über die andern hervorgehoben, im Grunde sind sie alle desselben rohen Wesens. Die Abstufung im Range bedeutet so gut wie keine Schichtung in der Lebenssitto, der vornehme und der geringe Mann sitzen bei der gleichen Mahlzeit am gleichen Tisch, nur daß der erstere den Ehrenplatz einnimmt. Für solche Anlagen, die über das hergebrachte Tun hinausstreben, ist kaum Gelegenheit der Anwendung. Vielleicht sind die Anlagen des gleichen Blutes überhaupt ziemlich gleich, jedenfalls fehlt es bei der Dürftigkeit der Mittel an Behelfen, sie zu fördern. Man geht darin auf, das Dasein des Stammes und seine Lebensnotdurft einigermaßen sic heraus teilen. Darüber hinaus kommt man aber nicht. Die Kraft der Entwicklung, durch keinen Reiz von außen herausgefordert, wird nicht lebendig.

Auch mit den Verbänden, die von Zeit zu Zeit vom Mutterslamme abwandem, kommt es kaum zu fruchtbarem Verkehr. Für den Tauschverkehr, der das erste Mittel ist, um fremde Völkerschaften zu verbinden, fehlt noch immer die Voraussetzung der Arbeitsteilung, denn auch die Abgewanderten treiben so ziemlich dasselbe, was im Mutterstamme getrieben wird. Man liesitzt weder hier nocli dort die Kenntnisse, um die eigentümlichen Schätze seines Bodens auszubreiten. Für geistigen Austausch fehlt erst recht jede Voraussetzung, alle Geister sind gleich unentwickelt, überdies kommt man nicht über das Hindernis hinweg, das selbst durch geringe Entfernungen schon bereitet wird. Die umgebenden Hemmungen gehen noch über die Kraft.

Der treibende Reiz geht von dem Hange zur Gewalt aus, der dem Menschen mitgegeben ist. Der Mensch der geschichtlichen Anfänge war ein Gewaltmensch und mußte es sein, um den Kampf mit der ungebändigten Natur bestehen zu können. Der Gewalttrieb, innerhalb der Blutsgemeinschaft zurückgehalten, findet den Weg ins Weite gegenüber dem abgewanderten und fremdgewordenen Stamme und vollends gegenüber dem Stamme fremden Blutes. Anlässe zum Kampf sind immer da, Fremd sein heißt Feindsein; das gilt für den Kulturmenschen so, und wie sollte es nicht für den rohen Menschen gelten! In der allgemeinen Lebensnot stoßen die Interessen hart aneinander, man ist dringend aufgefordert, die Ansprüche mit allem Nachdruck zu wahren, die man auf Jagdboden und Fischwasser, auf Weide und Acker, auf Vieh und das sonstige kärgliche Eigen zu besitzen glaubt, man muß, was noch viel stärker auf das Gemüt fällt, Freiheit und Leben für sich und die Scinigen schützen, die fortwährend bedroht sind. Das Weib ist dassjenige Kampfziel, das die Leidenschaft der Männer am heißesten erregt. Begierde, Mißtrauen, Furcht und Streitlust sind darin unerschöpflich, zum Kampfe zu reizen. In einer unendlichen Folge von Abwehr und Angriff, von Sieg und Niederlage setzen sich endlich die stärksten Stämme durch, sie unterwerfen sich nach und nach die schwächeren Nachbarn, große Reiche entstehen und vergehen, endlich gelingt es den Siegern höchster äußerer und innerer Kraft, dauernde Herrschaften zu begründen, feste Staaten werden aufgerichtet, Völkerschaften und Völker wachsen auf. Durch den Erfolg von Siegen und Siegen sind über den Volkstrümmern der alten Blutsgemeinschaften ausgedehnte gesellschaftliche Gewaltverbände entstanden. Nun finden die Anlagen, die in der ursprünglichen Enge keine Nahrung hatten, den Boden reicher Entwicklung. Die Spannung des Kampfes, der auf Tod und Leben geht, kann nicht anders wirken, als daß sie die höchsten Anstrengungen aufruft, der Triumph des Sieges bringt ihnen Blüte und Frucht. Das mächtig gewordene Volk wird sich sodann seiner zurückgehaltenen Bedürfnisse bewußt; es erholt sich an den Besitztümern der Unterworfenen und mehrt seinen Reichtum, indem es diese für sich arbeiten läßt. Der Trieb der Volksvermelirung wird nicht mehr durch die Not nach außen abgelenkt, mit der Volkszahl mehrt sich die Volkskraft. Von aller knechtliekeii Arbeit entbunden, einzig auf das Werk des Kampfes gewiesen, der seinen Herrensinn erhebt, gewinnt das Siegervolk Laune und Muße zu höheren Betätigungen. Die entstehende Siegerkultur, die sich zuerst in äußerer Pracht gefällt, wendet sich bei den Edelvölkern bald ins Innere, geistige Bedürfnisse werden wach, durch welche die geistigen Kräfte angeregt werden, die Finsternis eines kindlichen Aberglaubens wird erhellt, der befreite Geist fängt an, zu den Erfahrungen, die er sammelt, auch die Deutungen zu suchen, nach denen es ihn drängt. Der Weg aus dem Engen ins Weite führt zugleich aus dem Dunkeln ins Helle, dem Werke der Staatengründung verbindet sich das Werk der Kulturbegründung. Hinter diesen beiden gesellschaftlichen Werken treten in den geschichtlichen Anfängen alle andern weit zurück, an ihnen bilden sich die großen gesellschaftlichen Kräfte, die sich in die herrschenden Mächte der Zeit umsetzen. Krieger und Priester, oder wie man sie späterhin nennt, geistliche und weltliche Große, Adel und Geistlichkeit, werden die Machthaber dieser Epoche.

Jede der folgenden Epochen ist durch besondere gesellschaftliche Werke ausgezeichnet, wie sie durch die Bedürfnisse und die Kraft der Zeit herausgefordert und ermöglicht sind. Eine Geschichtschreibung großen Stils wird die Epochen, die sie unterscheidet, nach den gesellschaftlichen Werken abgrenzen, die ihnen eigentümlich sind. Jede Epoche mißt die Größe ihrer Führer an dem Erfolge, mit dein diese das Werk der Zeit fördern. Begabungen, die unter andern Verhältnissen unfruchtbar geblieben wären, schütten, wenn ihre Stunde da ist, ihren vollen Reichtum aus. Was an gesellschaftlichen Kräften verfügbar ist, wird in den Dienst der Führer der Zeit gezwungen oder stellt sich begierig selber in ihren Dienst. Durch die gesellschaftlichen Erfolge gehoben, die sich an ihren Namen knüpfen, treten die neuen Führer mit in die Reihe der Machthaber ein, während die Macht der Mächtigen von früher mehr und mehr verblaßt.

7. Die beiden Grundtendenzen des gesellschaftlichen Wachstums

Innerhalb des gesellschaftlichen Wachstums sind zwei Tendenzen zu bemerken. Die erste ist die Tendenz zunehmender Schichtung; die Gesellschaft wird immer reicher an Abstufungen deT Überordnung und Unterordnung, und die Dißtanzen von den obersten zu den untersten Stufen werden immer größer, weil sich die neu geschaffenen materiellen und geistigen Werte zunächst bei den Machthabern sammeln, während die unteren Schichten an den Fortschritten geringeren Anteil haben oder gar ausgeplündert und herabgedrückt werden. Das Liebt der aufgehenden Kultur trifft zuerst die Spitzen der Gesellschaft, die Tiefen bleiben zunächst im Dunkeln, und bei vielen Völkern bleiben sie es für immer. Ist wohl heute schon irgend ein Kulturvolk so weit, daß seine geschieht lieh herabgedrückten Schichten alle wieder zu menschenwürdiger Höhe erhoben sind ? Immerhin, eine Tendenz in dieser Richtung besteht bei jedem kräftigen Volk, es ist dies die zweite Tendenz des Wachstums, die wir wahrnehmen, die Tendenz der aufsteigenden Klassenbewegung, um sie mit dem Namen zu bezeichnen, den ihr ein geistvoller Denker in Rücksicht auf die modernen Verhältnisse gegeben hat. Starke Völker sind von so gesunder Kraft, daß ihre unteren Schichten dem Drucke von oben Widerstand zu leisten vermögen, so daß ßie ihm nicht völlig erliegen, sondern sich, wenn auch verspätet und langsam, das Gute zu eigen machen, wie es ihnen durch die neu geschaffenen materiellen und geistigen Werte der oberen Schichten vermittelt wird. Der verständige Machthaber erkennt ja selber das Interesse, das er daran hat, die Volkskraft zu steigern, um sic besser zu nützen, der Machthaber großen Sinnes hat übrigens immer auch ein starkes Volksgefühl. Wenn auch die Massen durch lange Epochen der Geschichte hindurch an der öffentlichen Macht keinen Anteil haben, so geben ihnen der Friede und das Aufblühen der Arbeitskünste doch die Möglichkeit, in gesellschaftlicher Wechselhilfe ihr privates Werk weiterzubilden.

In stiller Arbeit mit unverdrossener Bemühung hat Bauernkraft, wo es nur anging, die Wälder gerodet und den Boden urbar gemacht, und hat Bürgerfleiß die Städte gefüllt und bereichert. In der Epoche der Gegenwart wird das Antlitz der Erde durch die Regsamkeit der führenden wie der ausführenden industriellen Arbeiter technisch umgewandelt. Alle diese stillbereiteten ansteigenden Massenkräfte haben sich zu ihrer Zeit in gesellschaftliche Macht umgesetzt oder werden sich in sie umsetzen, erst als Widerstand wirkend, zum Schlüsse aber auch als mittätiges Element der Führung wirksam. Damit wird der Boden für eine neue Geschichtsepoche gelegt.

8. Das wirtschaftliche Werk in der Gesellschaft, der Irrtum der materialistischen G eschichtsauf fassung

Erst in der Gegenwart ist das Wirtschaften in die vordere Reihe der gesellschaftlichen Werke aufgenommen worden. Die längste Zeit hindurch war die Gütererzeugung, weil örtlich gebunden, eine private Angelegenheit geblieben. Das stärkste Hindernis ihrer gesellschaftlichen Entwicklung war die Entfernung; nicht nur weil die Erzeugnisse die Kosten der mühevollen Transporte nicht bezahlten, sondern ebensosehr, ja mehr noch deshalb, weil die produktiven Kräfte nicht genügend beweglich waren. Man konnte die Menschen, die man brauchte, nicht zur Stelle schaffen, und die Kapitalien waren noch zu spärlich angesammelt, um sie weithin auszubreiten. Die materialistische Geschichtsauffassung lehrt, daß das Wirtschaften von Anfung an die allgemeinste menschliche Angelegenheit sei und daher von Anfang an die leitende gesellschaftliche Angelegenheit sein müsse. Dies ist ein Mißverständnis. Das allgemeine Werk ist als solches nicht auch schon ein gesellschaftliches W erk, wenigstens nicht ein gesellschaftliches Werk im entscheidenden Sinne der Werkgemeinschaft. Was alle machen, müssen sie nicht auch gemeinsam machen. Solange ein Nachbar neben dem andern sein Feld bebaut, bleibt die Bodenkultur eine private Sache, die ihren gesellschaftlichen Einschlag nur dadurch erhält, daß einer vom andern lernt; dieses parallele Vorgehen hebt aber ihren privaten Grundcharakter noch nicht auf. Auch das Ineinandergreifen der Arbeitsteilung, wie ca bei genügender Entwicklung der Privat betriebe eingerichtet wird, nimmt diesen ihren Grundcharakter noch nicht, jeder Produzent und Geschäftsmann bleibt doch selbständig. Erst der Großbetrieb schafft wirkliche Werkgemeinschaften. Vielleicht wird die weitere Entwicklung des Großbetriebes zur allgemeinen volkswirtschaftlichen Werkgemeinschaft führen, wie es der Sozialist fordert. Darübet wird der Erfolg entscheiden, vorerst ist man noch nirgends so weit, immerhin wird heute das Wirtschaften soweit gemeinsam empfunden, daß es das Solidaritätsgefühl weiterer Kreise anregt, und da die Wirtschaft außerordentliche Reichtümer ansammelt. ist es zu verstehen, wenn sie beginnt, ihre Kräfte in gesellschaftliche Macht umzusetzen.

Nach einer besonderen Richtung hat das wirtschaftliche Interesse schon von Anfang an schwerwiegenden gesellschaftlichen Einfluß geübt, es ist von Anfang an eine der Wurzeln des gesellschaftlichen Kampfes gewesen. Vom Anfang an wurde der Kampf um den Besitz geführt, so wie der noch folgenschwerere um die Freiheit des Arbeiters, an dessen Stelle nachher, als endlich die persönliche Freiheit des Arbeiters bei den Kulturvölkern vom Rechte gewährleistet war, der Kampf um die Freiheit der Arbeit tritt. Im politischen Kampfe ging es und geht es im weiten Umfange um wirtschaftliche Interessen; ebenso in den Bürgerkriegen und ebenso in den äußeren Kriegen. Vielleicht wäre der Weltkrieg gar nicht entbrannt, wenn zu den nationalen Befürchtungen und Empfindlichkeiten, die an seinem Ausbruch Schuld tragen, nicht noch wirtschaftliche Begehrlichkeit und Besorgnis.se hinzugetreten wären. Sicherlich ist das wirtschaftliche Interesse nicht das einzige Kampfinteresse. Es geht nicht an, wie es im Sinne der materialistischen Geschichtsauffassung liegt, die Kämpfe um die Staatengründung grundsätzlich als wirtschaftliche Kämpfe zu bezeichnen, noch weniger geht es an, das Werk der Staatengründung als solches rein aus dem wirtschaftlichen Interesse abzuleiten. Vollends beim Werke der Kulturbegründung kann der wirtschaftliche Charakter gar nicht in Frage kommen.

9. Die geschichtlichen Wachstumsperioden und die persönlichen Altersstufen

Das Nacheinander der Werke, denen sich die Gesellschaft zuwendet, das Nacheinander der Schichtungsstufen, über die sich die gesellschaftlichen Werke ausbreiten, erstreckt den Prozeß des geschichtlichen Wachstums auf lange Zeitperioden. Jedes gesellschaftliche Werk fordert und zeitigt auf jeder seiner Stufen einen wohl angepaßten Machtapparat, der Aufbau dieser Machtapparate braucht wieder seine gemessene Zeit, zumal er immer den Widerstand der Machtorganisationen zu überwinden hat, die bei dem vorhergehenden Werke ihren Dienst zu leisten hatten, wie er ja auch seinerseits bestrebt sein wird, sich über sein Werk hinaus weiter zu behaupten. Wenn mehrere gesellschaftliche Werke gleichzeitig zu vollziehen sind — und das wird umso ausgiebiger geschehen, je reicher die verfügbaren Kiäfte geworden sind — so werden sich ihre Machtorganisationen gegeneinander auszugleichen haben, was oft erst nach langen Kämpfen glücken mag. Der langdauernde Kampf zwischen Staat und Kirche, der vom Mittelalter her die Jahrhunderte bis in die Neuzeit hinein füllte, ist aus dem Widerstreit der Maehtorganisationen entsprungen, die innerhalb der romanisch-germanischen Völker für die beiden Werke der Staatenbildung und der Kulturentwdcklung aufgebaut wurden. Kirche und Staat waren durch ihre Erfolge stark geworden, und beide setzten alles daran, die dominante Macht zu werden.

Die Anlagen jedes Volkes sind begrenzt und auf die Dauer mögen daher selbst die Kräfte des begabtesten und aufs glücklichste gestellten Volkes ausgeschöpft werden. Dann wird die Entwicklung stillestehen, und da im Wettbewerb der Völker Stillstand Zurückbleiben ist, so wird das zurückblcibondc Volk vielleicht andern, frischeren zur Beute ausgeliefert sein. China gibt uns dafür ein Beispiel. Das Stillestehen eines Volkes kann aber auch anderswo seinen Grund haben, als in der völligen Erschöpfung seiner Kräfte, es kann im Mißverhältnis der Volksmächte begründet sein, indem eine übermächtig gewordene Oberschicht die noch nicht ausgereiften Kräfte der unteren Schichten niederhält, w ährend sie doch selbst neuen Aufschwungs nicht mehr fähig, wTeil in sich erschöpft ist. Wachstum der gesellschaftlichen Kräfte und Schichtung der gesellschaftlichen Mächte sind zwei Erscheinungen, die man streng auseinanderhalten muß. Gewöhnlich pflegt man nur den ersteren Verlauf zu beachten, der uns leichter zugänglich ist, weil er im Wachstum der persönlichen Kräfte seine Analogie hat, der zweite verdient aber die Aufmerksamkeit des gesellschaftlichen Forschers in viel höherem Grade, denn aus ihm entstehen die eigentümlichsten und dunkelsten gesellschaftlichen Probleme. Der Baum im Walde wächst anders empor als der freistehende Baum; er wird durch die umgebenden Bäume beeinträchtigt und wird vielleicht verkümmern, wenn er zu schwach ist, er muß in die Höhe streben, um nicht von Luft und Licht abgeschnitten zu werden, und ist daran behindert, eine reiche volle Krone anzusetzen, dafür ist er gegen die Gefahr des Windbruchs besser geschützt. Ebenso wirkt die Einordnung in die Machtschichtung der Gesellschaft bald fördernd, bald drückend auf das Wachstum der einzelnen gesellschaftlichen Gruppen. Die Überschichtung durch eine höhere Macht mag das Wachstum der unteren Schichten schützend fördern, mag es aber auch aufhalten und zerstören. Jede Änderung in den Verhältnissen der Schichtung wird darum immer auch auf das Wachstum der Kräfte wirken, sie mag den Druck nach unten verstärken, sie mag aber auch zurückgehaltene Kräfte befreien. Die Überschi eh tung der untertänigen Bauern war so drückend, daß sie die alte Bauernkraft, die geschichtliche Wurzel der Volkskraft, aufzureiben drohte. Das Werk der Bauernbefreiung, das die fürstlichen Regierungen begannen und die Revolutionen vollendeten, hat dem Bauerntum und damit dem Volkstum die Bahn seiner natürlichen Entwicklung wiederum eröffnet. Das Proletariat erwartet von seiner Befreiung die gleiche Wirkung.

Wie die einzelne Macht unter dem Drucke des Mißerfolges abbröckelt oder zusammenbricht, wenn die Kräfte versagen, die ihr den Ursprung gaben, oder wenn sie von einer höheren Macht überwältigt wird, so kann auch der volle gesellschaftliche Verfall seinen Grund in den beiden Tatsachen des inneren Kräfteverfalls und der Überschichtung haben. Die aus beutenden Übermächte, die sich an den großen Kräften des Volkes versündigen, müssen immer zum allgemeinen Verfalle führen, die gesellschaftlichen Spitzen müssen einstürzen, wenn die tragenden Schichten nachgeben. Die stolzen Herrenvölker, welche die Geschichte dos alten Asien gemacht haben, sind heute nach Menschenzahl, Besitz und Bildung auf den Stand ihrer Frühepochen rückgebildet und zählen geschichtlich nicht mehr mit. Ein guter Teil ihrer Kräfte ist freilich in greuelvollen Kriegen aufgerieben worden, aber bei allen hat die Überschichtung der Macht ihren wesentlichen Anteil am Verfalle gehabt.

Verfall eines Volkes bedeutet noch nicht seinen vollen Untergang. Zum vollen Untergang eines Volkes kommt es überhaupt mm selten, er wird eigentlich nur im Vernichtungskriege bereitet, und der Vernichtungskrieg im vollen Sinne wird nur solche Völkerschaften aufzehren, die, wie die Goten in Italien oder die Vandalen in Afrika, als eine ganz dünne Oberschicht ausgebreilet sind und ihre Herrschaft in barbarischem Heldenmut fast bis auf den letzten Mann verteidigen. Von solchen Ausnahmsfällen abgesehen, erleidet kein Volk den körperlichen Tod. Und man darf cs auch nicht als seelischen Tod deuten, wenn ein Volk durch die Vermischung mit andern sein Sonderdasein endigt. Der Untergang des römischen Reiches bedeutete nicht auch den Untergang der ganzen römischen Bevölkerung, sowenig etwa wie die Unterwerfung des Sachsenreiches in England durch die Normannen den Untergang des Sachsen Volkes bedeutete. In dem einen wie, in dem andern Fall haben die Besiegten zwar ihre Volksindividualität verloren, sie haben aufgehört selbständig zu sein, und mußten sich die Überschichtung durch eine fremde Macht gefallen lassen, aber wie die Sachsen in England auch in der Verschmelzung mit den Normannen ein lebenswichtiges Element des englischen Volkes blieben, so gilt dies auch für die römische Reichsbevölkerung, die bei der Versclmelzung mit den germanischen Siegern diesen sogar ihre Sprache aufzudrängen vermochte und außerdem einen ansehnlichen Rest ihrer Kultur in das folgende Zeitalter hinüberrettete, den die ältere Geschichtschreibung wohl um vieles zu niedrig angeschlagen hat. Diese Übertragung von Sprache und Kultur, wie sie vom untergehenden römischen Reiche auf die emporstrebenden Barbarenreiche stattfand, hatte einen noch viel reicheren Gehalt als der Kulturprozeß der Renaissance. Die Renaissance war eine bloße Übertragung der Ideen, die Humanisten verfeinerten ihr Latein, indem sie sich in Cicero vertieften, und die Bildhauer und Architekten lernten an den neuausgegrahenen römischen Vorbildern, dagegen ließ der Untergang des römischen Reiches, mit so großen Opfern an Volkszahl er auch verbunden war, doch eine den zugewanderten Siegern überlegene Zahl von Einwohnpm übrig, die als persönliche Träger der alten gesellschaftlichen Kulturkräfte tätig waren und durch die Überlegenheit iiirer Kultur Einfluß üben konnten, auch wenn sie ihre äußere Machtstellung verloren hatten. Dadurch, daß sie die Kirohe und das Papsttum für sich hatten, fanden sie übrigens sogar den Zugang zu den herrschenden Mächten der Zeit.

Die hier vorgetragene Auffassung vom geschichtlichen Wachstum deckt sich mit der üblichen Auffassung nicht. Es ist üblich, das Gesetz des gesellschaftlichen Wachstums vom persönlichen Wachstum herzunehmen und demnach in der Gesellschaft die gleichen drei Altersstufen der Jugend, der Mannheit und des Greisentums zu unterscheiden, wie im persönlichen Leben. Man folgt dabei derselben anthropomorphen Anschauung des gesellschaftlichen Lebens, durch die man sich auch sonst dessen zusammengesetzte Bildungen unter dem einfacheren und vertrauteren Bilde der persönlichen Lebensakte näherzubringen sucht. So faßt man z. B. die Akte, durch welche das Handeln innerhalb der Gesellschaft bestimmt wird, als gesellschaftliche Willensentschcidungen auf, von denen man annimmt, daß sie ganz im Sinne der persönlichen Willensentscheidungen ablaufen, mit dem einzigen Unterschied, daß sie, statt von einem einzelnen Subjekt, von Tausenden oder von Millionen zusammen vollzogen werden, ln der Tat verläuft die gesellschaftliche Willensbildung, worüber an anderer Stelle ausführlicher zu sprechen sein wird, in der Weise, daß der Wille der Masse der Teilnehmer entweder geradezu ausgeschaltet oder doch auf eine so untergeordnete Mitwirkung beschränkt wird, wie sie niemals genügen würde, um einen persönlichen Willensakt zu begründen. Ebenso geht auch vom persönlichen Wachstum ein großer und vielleicht der größte Teil ins gesellschaftliche Wachstum nicht über. Dus Greisenalter zieht sich mit seiner schwindenden Kraft vom gesellschaftlichen Werke nach und nach zurück, alles in allem ist doch nur die Mannheit gesellschaftlich tätig, das ganze persönliche Wachstum der «Jugend fällt gesellschaftlich aus, es bringt die Gesellschaft nicht weiter, sondern bringt nur die Jugend einmal so weit, daß sie gesellschaftlich mittun kann. Das Wachstum der Jugend ist für das gesellschaftliche Wachstum nur dann von Bedeutung, wenn die Jugend aus den neuen Verhältnissen, in denen sie groß wird, zu neuen Bewegungen gestimmt wird, in der Hauptsache aber holt die Jugend zunächst einmal die vorausgegangene gesellschaftliche Entwicklung nach. Wie der menschliche Embryo dem ontogenetischen Grundgesetz zufolge die Formen wiederholt, in denen sich die Entwicklung der Gattung vom einfachsten Lebewesen bis zum Menschen vollzogen hat, so wiederholt der jugendliche Geist in seinem Wachstum die Gestalten, die der menschliche Geist geschichtlich durchzumachen hatte; der Knabe lebt zuerst spielerisch dabin, dann gefällt er sich mit leidlos an den wilden Grausamkeiten des Indianers, später wendet sich sein Sinn ins Abenteuerlich-heroische, in einer gewissen Spannung der Entwicklung schwelgt er in. der Inbrunst des Glaubens, um nachher hochgespannten Idealen nachzujagen, bis der Geist der großen Zahl der Herangewachsenen endlich ernüchtert im Hafen der wirtschaftlichen Klugheit landet. Das gesellschaftliche Wachstum ist dagegen durchaus nicht die Wiederspiegelung des persönlichen, immer wird nur ein Teil der persönlichen Kräfte auch der Mannheit zum gesellschaftlichen Werke aufgerufen, der Rest bleibt dem persönlichen Leben Vorbehalten.

Der zum gesellschaftlichen Werke aufgerufene Teil ist in zwei eng verwobene Prozesse eingestellt, nämlich die Entwicklung der Kräfte durch ihre Übung und die Umsetzung der Kräfte in gesellschaftliche Macht. Dieser zweite Prozeß hat im persönlichen Leben überhaupt keine Analogie, und auch der erstere wird gesellschaftlich ganz eigentümlich verschoben, denn er vollzieht sich, wie wir wissen, schichtenweise oder stufenweise, wofür das persönliche Wachstum gleichfalls keine Analogie , hat. Kein Volk, das sich entwickelt, wächst in allen seinen Schichten gleichmäßig, die obersten Schichten mögen schon abgelebt sein, während die mittleren und unteren noch in unverbrauchter Frische aufsteigen oder aber vorzeitig gehemmt und rückgebiklet werden. Ein Volk, das sich entwickelt, wird in seinen verschiedenen Schichten immer verschiedenen Alters sein, sofernc man die persönlichen Abstufungen der Lebensalter überhaupt auf seine Verhältnisse übertragen darf. Nur für die Stufen der frühesten Anfänge und vielleicht auch der letzten Vollendung, wenn es sie jemals erreichen sollte, dürfte man das ganze Volk einer und derselben Altersperiode angehörig denken. Die Reifezeiten von Rittertum und Bürgertum sind bei den Völkern des Abendlandes wreit voneinander getrennt, die des Proletariates ist überhaupt noch nirgends in Sicht. Selbstverständlich wdrd dabei doch vermöge des allgemeinen gesellschaftlichen Zusammenhanges jede Stufe immer vom Stande der andern mit beeinflußt sein, es mag daher eine Volksschicht, die schon stillestand, von einer andern, die weiter strebt, neue Anregungen empfangen. Daher zeigt jede Volksgeschichte die Erscheinung wiederholter Pubertät, die das persönliche Wachstum nicht kennt, oder wenn wir Goethe folgen dürfen, nur bei Persönlichkeiten von ganz besonderer Stärke kennt.

Wie ist man wohl dazu gekommen, die Wachstumperioden der Völker mit denen des persönlichen Lebens gleichzustellen? Man hat es immerhin nicht ganz ohne einigen Grund getan. Die geschichtliche Betrachtung zeigt hei den Völkern manche Ähnlichkeiten zur Persönlichkeit, die ja freilich nicht ausreichen können, um die Idee des Wachstums auf die Völker voll zu übertragen. Vor allem ist das Reifen der Völker dem persönlichen Reifen nahe, wenn auch die Zeiträume, die es füllt, ungleich ausgedehnter sind. Wie jedes Individuum bringt jedes Volk eine gewisse Ausstattung von Anlagen mit, die nach und nach zu Blüte und Frucht gedeihen, bis sie endlich ausgeschöpft sein müssen. Bei Völkern, die durch ihre Anlagen dazu berufen sind, Geschichte zu erleben, aber noch nicht recht in ihre Entwicklung eingetreten sind, erhält man ohne allen Zweifel den Eindruck jugendlichen Wesens, das auch den Männern und selbst den rüstigen Greisen noch das erfrischende Gefühl verhaltener Kraft leiht; daneben zeigt uns die Wahrnehmung wieder andere Völker, denen jede Anlage zui Geschichte fehlt und die von ihrer Frühzeit an greisenhaft welk sind, und ebenso gibt es Zustände des gesellschaftlichen Verfalles, wo schon die jungen Leute Drang und Hoffnung vermissen lassen. Nicht jedes Volk indes erlebt solchen Verfall. Sowenig ein Volk, sich in immer frischen Geschlechtern erneuernd, körperlichen Tod erleidet, sowenig erleidet das starke Volk jenen Verfall der Kräfte, der dem Tode vorausgeht. Seine Kraft ausschöpfen, heißt für das Volk nichts anderes, als seine Anlagen bis zu Ende ausbilden, so daß es in seiner Entwicklung stillesteht. Dazu, daß die gesellschaftlichen Kräfte im eigentlichen Sinne verfallen, müßten ganz besondere Ursachen tätig sein. Dieses Schicksal droht insbesondere den obersten Schichten, die sich in den übermäßigen Anstrengungen des Krieges, der ihnen obliegt, oder auch der geistigen Arbeit verzehren, der sie sich leidenschaftlich hingeben, oder die im Übermut der Ausschweifungen entarten; den Massen droht es, wenn sie in dumpfe Not und Sklaverei herabgedrückt sind. Wo aber sich unter der Decke der welkenden Oberschicht die Masse kernhaft gesund erhält, wird beim Aufstieg ihrer Schichten das Volk eine neue Mannheit und selbst eine neue Jugend erleben. Von den meisten der Völker des Altertums haben wir durch die antiken Geschichtschreiber nur die Zustände der obersten herrschenden Schicht geschildert erhalten, die uns als geschichtlichen Abschluß den Eindruck des Verfalles geben. Allerdings bestimmt die Geschichte der Oberschicht im großen Maßstab die der Massen mit, aber sie entscheidet sie keineswegs endgültig. Wenn die herrschende Schicht erschöpft ist, werden die Reiche zusammenbrechen, die nur durch ihre Kraft gehalten waren, und die Massen werden unter unendlichen Leiden mit in den Sturz hineingezegen werden, dennoch wird die Lebenszähigkeit der Massen noch folgenden Jahrhunderten neues Wachstum und reichen Inhalt geben können. Immer wieder müssen wir darauf zurückkommen, daß die Entwicklung der Völker sich in ihren Schichten stufenweise vollzieht. Der Geschichtschreiber wird seiner Aufgabe niemals genügen, wenn er die Entwicklung eines Volkes in dem einfachen Zuge persönlicher Entwicklung darstellen will. Er muß mit der größten Aufmerksamkeit den Wendungen folgen, iu denen die herrschenden Schichten zur Herrschaft aufsteigen, in denen der Druck der Oberschichtung die Massen niederhält, und in denen hinwieder die Massen, wo sic dazu stark genug sind, durchbrechend ihre gesammelte Kraft zu neuer Blüte entfalten.

Bei den Völkerschaften des Altertums kann man die Kulturentwicklung fhsofeme als ein ungeteiltes Ganzes nehmen, weil sie bei ihnen von einer einzigen Kulturschicht getragen ist. Die Kultur der Athener ist von der dünnen Schicht der Vollbürger getragen, die über den Halbbürgern und Unfreien aufgebaut war. Bei den modernen Völkern dagegen ist auf ihren Höhen die Kulturschicht nirgends in rechtlicher und tatsächlicher Schärfe vom übrigen Volke abgesondert und darum geht es nicht an, die Kulturgeschichte und auch die allgemeine Geschichte der modernen Volker im gleichen ungebrochenen Zuge darzustellen, wie die der Antike. Ihre Vielgestaltigkeit läßt sich nicht auf den einfachen Umriß persönlicher Entwicklung zurückführen. Um die Innigkeit nachzufühlen, die in deutscher Musik und deutscher Lyrik ausklingt, muß man die Frömmigkeit und den Frieden verstehen, mit dem das deutsche Bürgerhaus sich vom äußerlichen Treiben der Höfe und des Adels abhebt, worüber man doch wieder die Vorgeschichte nicht übersehen darf, in welcher der Fürst und die Ritterschaft die kraftvollen Vorkämpfer und Vorbilder des Volkes waren. So liefert eine Zeit und Schicht nach der anderen die Züge, die den Charakter des Volkes zeichnen.

Wir unsererseits werden unsere Untersuchungen durchaus auf «len gesellschaftlichen Gesichtspunkt einstellen. Vom Persönlichen werden wir dabei gewiß nicht absehen können, aber wir werden es nur insoweit einbeziehen dürfen, als cs eben die notwendige Unterlage des Gesellschaftlichen ist. Wir werden es daher nur dann berücksichtigen, wenn es dazu befähigt ist, gesellschaftliche Wirkung zu üben. Wir werden nicht glauben, daß wir die geschichtliche Entwicklung aus dem Streben des persönlichen Wachstums allein verstehen können, sondern wir werden immer darauf aufmerksam sein, auch die äußeren Umstände mit zu bedenken, die den wachsenden Kräften des Innern die gesellschaftlichen Bahnen eröffnen oder verschließen. Wenn wir in den Anfängen harte Gewalt entscheiden sehen, so werden wnr diese nicht schlechthin aus der Unreife der Völkerjugend erklären, sondern wir werden sie vor allem aus der Härte der Widerstände ableiten, die in den Anfängen zu überwinden sind. Wenn wir späterhin weichere innere Mächte immer reicher aufwrachsen sehen, so werden w ir diese wiederum nicht schlechthin auf die gewonnene Volksreife oder etwra auf die Alterserschöpfung des Volkes zurückführen, sondern wir werden in Rechnung stellen, welch unendliche Hilfe der erreichte Zustand äußeren Friedens und Reichtums dazu geben muß, die lange zurückgehaltenen zarteren Regungen zu entfalten und die erwartungsvollen Seelen endlich einmal ganz zu lösen. Wir werden immer auch noch die Nachwirkungen in Rechnung zu stellen haben, welche die einmal befestigte Macht nach flieh zieht. Solange ihr keine neuen Kräfte entgegentreten und sie in ihrer eigenen Kraft etwa abbröckelt und verfällt, hat die einmal befestigte Macht einen Vorsprung, durch den sie sich weiterbehaupten mag. Wenn neue starke Kräfte emporkommen, so wird sic ihnen endlich weichen müssen, aber nichtsdestoweniger kann sie ihnen als Vorstufe gedient haben, und dieser Dienst tritt dann ganz klar hervor, wenn sie sich aus sich selber im Sinne der neuen Verhältnisse wandelt. In beiden Fällen baut sich die neue Macht aus den Erfolgen der alten auf. Mögen auch die beiden Richtungen sich kreuzen und verwirren, so wird der Blick des gesellschaftlichen Forschers doch die Gesamtlinie der Entwicklung erkennen. Sein gerechtes Urteil stellt fest, daß die harte Gewalt, die den Staat begründet hat, dazu notwendig war, um den Volksboden für die Freiheitsmächte zu schaffen. Die politische Leidenschaft denkt niemals weiter hinaus oder zurück, sie hält sich an die Gegenwart, und vielleicht kann es nicht anders sein, wenn das Werk der Gegenwart getan werden soll. Die fortgeschrittenen Parteien der Gegenwart heben die kühnen Führer des Freiheitskämpfer auf den Schild und wenden sich in Spott und Zorn wider die Gewalthaber; sie tun es mit Recht, wenn die Stunde der Freiheit wirklich da ist, mit gleichem Recht haben aber damals, als das Werk der Staatengründung harte Gewalt forderte, die besten Männer sieb an den Höfen der siegenden Fürsten gesammelt, um ihnen zu dienen. Zum Teil haben sie es wrohl um des äußeren Erfolges willen getan, die echten unter ihnen haben es jedoch aus Überzeugung getan, in dem Bestreben, mit am Werke, am Fortschritte der Zeit zu arbeiten. Vielleicht hat der eine oder der andere sogar den Blick dafür besessen, um zu erkennen, daß der weitere Fortschritt zur Freiheit führen müsse. Volle Anerkennung gebührt aber auch schon jenen Männern, die nichts weiter im Sinne hatten, als dem Werke der Zeit genug zu tun, ohne sich erst Rechenschaft darüber zu geben, daß dieses Werk sich späterhin wrandeln werde und müsse.

Gesunde Völker haben die Kraft, durch alle Wege der Entwicklung hindurch zum guten Ende zu kommen, wenn sich nur ihrer Kraft auch ein günstiges Geschick gesellt. Die schwrachen und vom Schicksal verfolgten Völker bleiben nuf dem Wege liegen, sie vermögen es nicht, die Gegenkraft aufzubringen, um die Übermacht der alten Gewalten zu brechen, oder dem Einbrüche starker Völker zu begegnen.

10. Das utilitarische Prinzip in der Gesellschaft

Aus dieser Betrachtung erhellt, daß die Macht, die im gesellschaftlichen Erfolge ihren Ursprung hat und mit ihm wächst, doch keineswegs ohneweiters den höchsten gesellschaftlichen Nutzen verbürgt. Tn der gesellschaftlichen Entw icklung ist das utilitarische Prinzip, das Prinzip höchsten gesellschaftlichen Nutzens nur unter gewissen Bedingungen verwirklicht zu finden, die so gestellt sind, daß sie ausschließlich für die Völker höchster Kraft und Lebenszähigkeit zutreffen und daß selbst für diese die Entwicklung erst stufenweise gelingen kann. Gesellschaftlicher Erfolg ist jeder Erfolg innerhalb der Gesellschaft, auch ein solcher, der von einer einzelnen Gruppe auf Kosten der Masse errungen wird. Das Gesetz der kleinen Zahl ruht auf dem gesellschaftlichen Erfolg kleiner Gruppen, der gesellschaftliche Erfolg kleiner Gruppen kann sich aber zu vollem gesellschaftlichen Erfolg erheben, wenn die neue Kraft, die durch die kleine Gruppe zunächst in ihrem Interesse gebildet ist, aus ihren Händen in die Verfügung der ganzen Gesellschaft hinübergeleitet wird. Erst einigt der Fürst das Volk und nützt es für sich; sobald jedoch das Volk sich in der gesicherten Ordnung des Fürstenstaates von den Wunden erholt hat, die ihm der Kampf um die Ordnung geschlagen hatte, so schüttelt es, wenn es noch genug Auftrieb in sich hat, den unbequem und kostspielig gewordenen fürstlichen Führer ab und wendet sieb in fortschreitender Entwicklung unter neuen Werkmeistern neuen Werken zu. Es wird seine Erfahrungen zu machen haben, ob es mit den neuen Führern besser fährt. Auch für die entwickeltsten Völker ist das goldene Zeitalter friedsamer allgemeiner Wohlfahrt noch ferne, das Ziel höchsten gesellschaftlichen Nutzens ist noch nirgends erreicht, und wir müssen in bangem Zweifel sein, ob sich heute schon die Linie der Entwicklung erkennen läßt, die zu ihm leitet.

Text aus dem Buch: Das Gesetz Der Macht (1926), Author: Friedrich Von Wieser.

Das Buch kann hier herunter geladen werden.

Siehe auch:
Das Gesetz der Macht – Vorwort
Das Gesetz der Macht – ALLGEMEINER AUFBAU VON MACHT UND GESELLSCHAFT

Das Gesetz der Macht