Schlagwort: Weltherrschaft

Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika.

(1904.)

An Schimpf- und Spottnamen hat es zwischen den germanischen Stämmen von jeher nicht gefehlt, und nicht wenige unserer alten Völkernamen haben, wie bekannt, ihren Ursprung im Volkswitze. Auch die Scheltnamen, Dutchman und Dutch, die den Deutschen bei seiner Ankunft in England und Amerika schon seit Jahrhunderten grüßen, dürfen hierzu gezählt werden, wenn ihre Entstehung und Geschichte auch nicht aus dem englischen Volkshumor zu erklären ist. Sie sind ein Spiegel englischer Gesinnung gegen Deutschland und die Deutschen, in den zu blicken außerordentlich lehrreich ist.

Daß sie der ausgewanderte Deutsche heute als nationale Beleidigung zu empfinden beginnt, zeigt sich besonders deutlich in Amerika. Das Erwachen deutschen Selbstgefühls hat auch in diesen Dingen einen gewaltigen Umschwung gebracht. Seitdem die Worte „deutsch“ und „Deutscher“ für uns einen neuen, innigen Klang gewonnen haben, will uns ein spöttischer oder höhnischer Ton bei ihrem Gebrauch wie Frevel erscheinen. Darum vor allem fühlt der Deutsch-Amerikaner in dem Schimpfnamen Dutchman und Dutch eine Beleidigung, weil er den Zusammenhang noch dunkel empfindet, den sie mit dem Worte „deutsch“ haben. Wer mich in Amerika einen Schwaben, Bayer oder Nassauer schilt, erregt mein Lächeln, wer mich einen Dutchman heißt, verletzt mich. —

Wie alle germanischen Dialekte, so besaß auch das Angelsächsische einst eine dem Worte „deutsch“ entsprechende Form (theodisc), und ihr Gebrauch zeigt, daß auch die Bedeutung die gleiche war. Beide nämlich meinen ursprünglich „volksmäßig“ oder „dem Volke zugehörig“. Aber das alte angelsächsische Wort ging der englischen Sprache schon früh verloren. Wenn daher im 14. Jahrhundert, wohl zuerst bei Wiclif*), das Wort Duche für Deutsch, d. h. deutsche Sprache, auftritt, so hat das natürlich mit dem alten theodisc nichts zu tun, sondern ist die englische Wiedergabe oder, wenn man will, Verstümmelung des Wortes „deutsch“. Auf welchem Weg unser Wort nach England gekommen ist, läßt sich schwer bestimmen.

*) Wiclif, Selected works. London 1885. III, 100.

Man hat geglaubt, es sei den Engländern durch die Holländer zugeführt worden, die sich ja noch bis ungefähr 1600 als Deutsche gefühlt hatten. Allein die wenig gangbare mittelholländische Form „dietsch“, von der man das Wort ableiten will, wäre im englischen Munde wohl kaum zu Dutch geworden. Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts unterscheiden außerdem die Engländer zwischen Low Dutch und High Dutch — neben Low und High Almain und Low und High German —, was beweist, daß ihnen der Begriff Dutsch für das ganze deutsche Gebiet galt. Nehmen wir hinzu, daß englische Schriftsteller*) schon im 16. Jahrhundert die Form Dutchland für Deutchland und im 17. Jahrhundert Dutcher für Deutscher gebrauchen, so ergibt sich wohl mit Gewißheit, daß das Wort Dutch die anglisierte Form von „deutsch“ ist, die aus einem hochdeutschen Sprachbezirk nach England gebracht wurde.

Auf alle Fälle aber steht fest, daß dem Worte Dutch ursprünglich keine geringschätzige oder spöttische Meinung beiwohnte.. Wie ist nun diese entstanden?

Der amerikanische Geschichtschreiber John Fiske spricht in seinem Buche Dutch and Quaker Colo nies die Ansicht aus, sie sei während der Kriege entstanden, die England und Holland im 17. Jahrhundert um die Seeherrschaft führten, und die Engländer hätten sich mit dem dummen Schimpfnamen gewissermaßen für den zähen Widerstand rächen wollen, den die Holländer ihrer Eroberungslust entgegensetzten. Allein es läßt sich nachweisen, daß Dutch im lächerlichen Sinne schon vor jenen Kriegen gebraucht wurde, und wenn diese auch zur Verbreitung jenes Sinnes beigetragen haben mögen, so müssen wir doch nach anderem Ursprung suchen.

Dieser ist wohl ohne Zweifel in dem Umschlag zu finden, der in den Beziehungen zwischen England und Deutschland am Ende des 16. Jahrhunderts eintritt; damals, als das mächtig aufstrebende Inselreich sich anschickte, dem niedergehenden Deutschen Reiche die Weltherrschaft zu entwinden. Hatte man noch während der Reformationszeit Deutschlands Führerschaft auf religiösem, wissenschaftlichem und wirtschaftlichem Gebiete willig anerkannt, so blickte der Engländer nun mit veränderten Gefühlen auf dieses Land hin. War doch seine eigene Heimat, der im Kampfe mit Spanien die Seeherrschaft wie die protestantische Vormacht zugefallen war, im Zeitalter der Königin Elisabeth überall mit Riesenschritten vorangeeilt, wo Deutschland, die alte Weltmacht, zurückzugehen schien. Und mit diesem gesteigerten nationalen Selbstgefühl verband sich bald angelsächsischer Hochmut, der sich Deutschland gegenüber um so überlegener dünkte, je weniger er von diesem Lande von jetzt an wußte.

*) Thomas Heton, 1576. G. Chapmann, Alphonsus. Shute, Treatise on Architecture, London 1563.

Während man im Zeitalter der Reformation die deutsche Literatur aufmerksam verfolgte und nachahmte, schien man jetzt von dieser höchstens noch die Bücher zu kennen, die von Alchemie oder Zauberei handelten*). In what Language shall’s conjure in? High Dutch, thafs full in the mouth, heißt es in Fletchers Drama Fair Maid, am Anfang des 17. Jahrhunderts.

Ebensowenig wie von deutscher Literatur und Sprache über die man so zu witzeln begann, wußte man damals in England von deutschen Verhältnissen und von deutscher Geschichte. Das zeigen am besten eine Anzahl englischer Schauspiele jener Zeit, die Vorgaben, in Deutschland zu spielen, in Wirklichkeit aber geschrieben scheinen, um alles Deutsche zu verhöhnen. Man glaubt, den angelsächsischen Jingo von heute zu hören, wenn es in einem dieser Stücke heißt: Trod on the neck of Oerman Frederick. Der Kaiser Barbarossa ist gemeint. Ja, die Dramatiker jener Tage wußten recht wohl, was der englische Pöbel gern hörte, der sein Land als die kommende Weltmacht, den Hort des Protestantismus zu betrachten begann, und mit Verachtung auf Deutschland herabsah, dessen Kaiserhaus mit Spanien verwandt und verbündet war.

Welcher Art die Vetterngefühle waren, die man in jenen ersten Flegeljahren Englands gegen Deutschland hegte, erfährt man so recht, wenn man das G. Chapman zugeschriebene Drama Alphonsus, Emperour of Germany liest. Wie muß der englische Janhagel gejubelt haben, als er in diesem Schauspiel die morsche deutsche Reichsmaschine, den Kaiser und die Kurfürsten verhöhnt sah, eine alberne deutsche Prinzessin wirkliches Dutch reden hörte, und zufrieden gewahrte, wie neben diesen gemeinen, dummen, trunkenen Deutschen die Engländer als wahre Tugendengel glänzten. This play, thoy it bear the name of Alphonsus was writ in honor of the English Nation, wird uns ausdrücklich berichtet. Und aus der Stimmung gegen Deutschland und deutsches Wesen, die uns Schauspiele wie dieses zeigen, ist denn gewiß auch eine Reihe von Redensarten hervorgegangen, worin der Deutsche beschimpft wird. Denn eigentlicher Witz und Humor, und wäre es auch nur der Witz der Gasse, liegt keinem dieser Ausdrücke zugrunde, sie sind eben nur Schimpfworte.

Obwohl man sich in England der Mäßigkeit im Trinken damals so wenig brüsten konnte, wie heute, wo die Trunksucht sogar unter Weibern herrscht, so wird dort doch das deutsche Trinklaster schon im 16. Jahrhundert verhöhnt. Es ist das alte germanische Laster, gegen das auch Luther damals eiferte. The drunken Dutch, Dutchmanlike drinking, Dutch bellied und ähnliche Ausdrücke erscheinen oft. A Dutch bargain wird darum so genannt, weil, wie schon Th. Nash im Pierce Pennilesse (1592) sagt: many Dutchmen will never bargain, but when  they are drunke. Sogar der größte Stolz des deutschen Mannes, seine Tapferkeit, wird nun von dem Engländer auf seine Völlerei zurückgeführt. Dutch courage ist der Mut des Trunkenen. A gill of bratidy, the best thing to inspire courage in a Dutchman sagt ein englischer Schriftsteller um 1700.

*) Hierüber vergleiche man die trefflichen Ausführungen bei Charles H. Herford, Siudies in Ihe literary relations of England and Germany in the 16th Century. 165 ff.

Aber nicht nur die Trunksucht des Deutschen, auch sein wachsendes materielles Elend trifft während des Dreißigjährigen Krieges der englische Spott. Denn damals wohl ist zuerst die grausam höhnische Redensart Dutch comfort entstanden, womit der für den Engländer zweifelhafte Philistertrost bezeichnet wird, daß ein schreckliches Obel nicht noch schlimmer ausgefallen sei. Für uns freilich steht hinter Dutch comfort nicht nur die unverwüstliche Hoffnungsfähigkeit des Deutschen, sondern auch die Geduld, mit der er sein politisches Elend, die Unterdrückung durch seine Fürsten und seine Armut ertrug. Auf deutsche Armut und Genügsamkeit zielt auch das Hohnwort Dutch breeches; womit der englische Matrose die Streifen blauen Himmels bezeichnet, die sich nach einem Sturm zeigen, und die, wenn auch noch so klein und zerrissen, gut genug seien zu einem Paar Hosen für einen Dutchman, d. h. Deutschen.

Auch die deutsche Frau entging dem englischen Schimpfe nicht. Schon im Anfang des 17. Jahrhunderts ist der Ausdruck a Dutch slop (eine deutsche Schlampe) gebräuchlich, wohl darum, weil sie es den Engländerinnen an Putz nicht gleichtat. Berichtet doch Breuning von Buchenbach*) schon aus dem Jahre 1595, daß die englischen Damen „in italienischem Habitu gingen, mit entblößten Brüsten“, was also in Deutschland damals noch nicht Mode war. Wenn sich G. Chapman in dem vorher erwähnten Drama Alphonsus sogar über die Keuschheit deutscher Mädchen und Frauen lustig macht:

I think the Maids in Germany are mad,

Ere they be marryed they will not kiss,

And being marryed will not go to bed,

so dürfen wir uns diese törichte Beschimpfung aus damaligem liederlichem Engländermunde schon zur nationalen Ehre anrechnen.

Faßt man die Charakterzüge des Deutschen, die der Engländer und, ihm nachäffend, der Amerikaner seit den letzten drei Jahrhunderten in zahlreichen Redensarten zu verspotten suchte, zu einem Bilde zusammen, so ergibt sich ein dummer, gutmütig-schwacher (Dutch comfort) aufgedunsener (Dutch bellied), komisch aussehender (a funny Dutch look, his face is Dutchy), Trunkenbold (drunken Dutchman, Dutch drunkard), der nur im Rausche Handel treibt (Dutch bargain) und Mut zeigt (Dutch courage), eine unverständlich-barbarische Sprache spricht (that is double Dutch to me) und mit seinem Unglauben für die Hölle (Dutch infidel), wie mit seiner Philosophie für das Irrenhaus reif ist.

*) H. J. Breunings von Buchenbach, Relation über seine Sendung nach England im Jahre 1595. Stuttgart 1865.

Das ist die Fratze, die in der Gedankenwelt vieler englisch Sprechenden auch heute noch irgendwie fortwirkt: bei Kindern und Ungebildeten in grellen Farben, bei Gebildeten in mehr verblaßten Tönen. A danmed Dutchman ist auch diesem der Ausdruck größter Verachtung für den Deutschen. Kein Wunder, daß die Furcht, für diese Fratze gehalten zu werden, schon viele Tausende, zumal in früheren Jahren, ihre deutsche Herkunft hat verleugnen lassen! —

Und diese Fratze, die der englische Volksgeist aus Unwissenheit, Hochmut oder Eifersucht sich in seiner Sprache boshaft vom Deutschen geschaffen hat, ist denn auch schließlich das Modell gewesen, das Charles G. Leland in seinen albernen Hans Breitmann Ballads gesessen hat. Niemand hat für diese Tatsache größeren Spürsinn als die Engländer selbst. Denn als zu Ende des letzten Jahrhunderts englischer Krämerneid und Haß gegen das aufstrebende Deutsche Reich zuerst offen losbrachen, da wurden die halbvergessenen Breitmann Ballads von Leland hervorgesucht und unter wieherndem Beifall in den Singspielhallen öffentlich rezitiert. Glaubte man doch in diesem Hans Breitniann den verhaßten Dutchman endlich einmal in seiner ganzen Lächerlichkeit leibhaftig vor sich zu haben. —

Ich verstehe nicht, wie gebildete Deutsche so wenig Volksbewußtsein haben konnten, um sich, wie Leland im Vorwort zu den Ballads versichert, an diesen Gedichten zu ergötzen und sie für die Burleske eines gewissen Typus der sogenannten Achtundvierziger zu halten. In einem künstlich nur für englische Lachzwecke gemachten Kauderwelsch, das nie ein Deutscher so gesprochen hat, schildern diese »Ballads« einen rohen, im Bierdusel verkommenen Strolch, der, ohne jeden versöhnenden Zug von Gemüt, Humor oder Heldentum, in jeder Weise der Fratze entspricht, die wir in den erwähnten Redensarten kennen lernten. Keine beißendere Verhöhnung der staatsmännischen, sozialen und sonstigen Reformansprüche jener Achtundvierziger als Gedichte wie Breitmann and the Turners mit diesen Strophen:

Hans Breitmann, shoined de Turners:—
Mein Gott! how dey drinked and shwore,
Der vas Swabians und Tyrolers
Und Bavarians by de score.
Some vellers coomed from de Rheinland
Und Frankfort on-de-Main.
Boot dere vas only one Sharman dere,
Und he vas a Holstein Dane.

Hans Breitmann shoined de Turners:—
Mit a Limburg cheese he coom;
When he open de box it shmell so loudt,
lt knock de musik doomb.

Text aus dem Buch: Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika : aufsätze und vorträge zur deutsch-amerikanischen Bewegung, Verfasser: Goebel, Julius.

Siehe auch:
Die deutsche Bewegung in Amerika. Rückblicke und Aussichten.
Zur deutschen Frage in Amerika.

Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika

Durch die Errichtung des Deutschen Reiches wurden die Verhältnisse Europas auf vierzig Jahre hinaus befestigt. Ein Gegengewicht war sowohl gegen das übermächtig sich ausdehnende Rußland, als auch gegen die unruhigen Franzosen geschaffen, ein Hort des Germanentums auf dem Kontinent. Eine neue Zeit der Weltherrschaft brach für die Niedersachsen an. Seit langem waren sie die maßgebenden im britischen Reiche und in Amerika; in Rußland hatten sie von den Ostseeprovinzen her eine so bedeutende Stellung erlangt, daß Karl Jentsch den Ausspruch tat, Rußland sei zwar ein Slavenreich, aber eines, das von den Deutschen organisiert sei. Da in Preußen die plattdeutsch sprechende Bevölkerung überwiegt und da Preußen in Deutschland den Ausschlag gibt, so ist auch in Mitteleuropa das Niedersachsentum an den führenden Platz getreten.

Ein europäisches Gleichgewicht war hergestellt. Bismarck sah seine Hauptaufgabe darin, dies sein Werk nun auch zu behaupten und gegen alle Feinde im Innern und draußen zu schützen. Er war deshalb durchweg für den Frieden und war sogar dann zur Nachgiebigkeit geneigt, wenn vielleicht Unversöhnlichkeit besser gewesen wäre. Moltke wollte noch zweimal Krieg führen, aber der Einfluß Bismarcks verhinderte das. Er konnte aber nicht verhindern, daß von dem europäischen Gleichgewicht die Entwicklung zu der Frage des Weltgleichgewichtes weiterführte. Mit anderen Worten: Der Gang der hohen Politik beschränkte sich nicht mehr auf Europa, sondern zog allmählich die ganze Erde in ihren Bann, ln Deutschland freilich war man zu sehr mit den eigenen Angelegenheiten beschäftigt; auch war man noch zu sehr trunken vor Freude über den herrlichen Erfolg von 1871, als daß man sich um die Dinge außerhalb Europas viel hätte kümmern wollen. Das benutzten die Engländer. Sie konnten in Afrika und Asien ihre Interessen fördern, konnten ihr Gebiet weiter ausdehnen, ohne daß man dies in Deutschland bemerkt oder zum mindesten beanstandet hätte, ln England kam die Strömung auf, die man jetzt als Imperialismus bezeichnet. Benjamin Disraeli hat am meisten dazu beigetragen aus Kleinengland ein Großengland zu machen. Disraeli, später Lord Beakonsfield war ein Vollblutjude. Er begann mit dem Schreiben von Romanen, wie er denn immer einen starken Schuß von Phantasie auch bei seinen politischen Plänen wahrnehmen ließ. Er wurde 1838 als Tory ins Parlament gewählt und wurde 30 Jahre später zum erstenmal und 1874 zum zweitenmale Premierminister. Dis-raeli verdrängte den Partikularismus der Liberalen aus dem Herzen der Nation und gewann die Nation für die Reichsidee. Während Gladston und seine Anhänger riefen: Weg mit Indien! — waren im Gegenteil die Anhänger Disraelis bemüht, die Kolonien enger an das Mutterland zu fesseln. Zu Trägern des Imperialismus gewann er auch die Arbeiter. Er setzte eine Erweiterung des Wahlrechtes durch, wodurch ungefähr eine halbe Million Arbeiter Stimmrecht erhielten. Das war schon im Jahre 1865. Vermutlich ist auch Bismarck dadurch beeinflußt worden, als er einen kühnen Schritt ins Dunkle tat und das allgemeine Wahlrecht für den deutschen Reichstag einführte. Disraeli hat ferner 1875 und 76 die Gewerkvereine mit bedeutenden Rechten ausgestattet, hat insbesondere die Streikfreiheit der Arbeiter in weitem Umfange verbürgt. Er krönte sein Werk’1877, indem er die Königin Viktoria dazu bestimmte, sich den Titel „Kaiserin von Indien“ zuzulegen. Immerhin waren diese imperialistischen Bestrebungen nur Anfänge; überwiegend stand das Zeitalter noch unter dem Zeichen des Nationalismus.

Zwanzig Jahre nach der großen Meuterei in Indien war die englische Herrschaft dort befestigt genug, um jenes „Avancement“ der Queen zur Kaiserin zu rechtfertigen. Von innen heraus ist bis heute der Frieden Indiens kaum gestört worden, wenn man von einzelnen Krawallen, die vorläufig noch keine überragende Bedeutung erlangten, absehen will. Nur von außen her befürchteten die Engländer Gefahren, nämlich von Rußland, das sich von Norden aus Jahr für Jahr der indischen Grenze näher schob. Auf die Einverleibung Khiwas 1873 durch die Russen folgte 1876 die Ferganas. Dadurch hatten die Russen ganz Afghanistan flankiert und waren nur noch durch das Pamir und den Hindukusch von Indien getrennt. Als Gegenstoß unternahmen die Engländer einen Zug nach Belutschistan und besetzten für immer die Gegend von Kelat und wurden so nicht nur im Osten, sondern auch im Süden Afghanistans Nachbarn. Eine gemischte rußisch-englische Kommission wurde eingesetzt, um die Grenzen Afghanistans festzuiegen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit

Männer; Völker und Zeiten

Während die Kontinentalstaaten von revolutionären Zuckungen zerwühlt wurden, schritt England auf dem Wege zur Weltherrschaft weiter. Auch England blieb von den Zuckungen nicht ganz verschont. Es erlebte heftige Stürme im Hause der Gemeinen, und erlebte eine Arbeiterrevolte, die Chartistenbewegung (1840). Allein der politische Sinn, der aus Erfahrungen von Jahrhunderten schöpfte, hat es in England stets verstanden, derartige Bewegungen, meist durch Konzessionen und Kompromisse, unschädlich zu machen. Ein jeglicher Uberschuß an Tatendurst kann sich seit vier Jahrhunderten bei den Engländern nach außen hin austoben. So kommt es, daß England mehr als irgendein anderer Staat der Erde von gefährlichen inneren Umwälzungen verschont geblieben ist. Die Briten hatten zwei große Aufgaben der äußeren Politik zu lösen: die Regelung der türkischen Verhältnisse, und die Gewinnung der Buren.

In der Türkei hatte sich ein Dualismus ausgebildet. Der Süden stand gegen den Norden, das Arabertum gegen das Türkentum. An der Peripherie zeigten sich autonome Neigungen: in Mesopotamien, wo Jussuf Pascha allmächtig waltete, in Albanien, wo Ali Tepelenli unumschränkt herrschte(1822auf einer Insel des Sees von Janina getötet),ferner in Kurdistan und Arabien, endlich inÄgypten. Der Khedive von Ägypten, dessen (möglicherweise albanische) Vorfahren aus der Gegend westlich von Saloniki auswanderten, Mehemed Ali, errang in Ägypten, Nubien, Arabien, Syrien und Mesopotamien eine äußerst starke Stellung. Die Türken aber, durch zwei Kriege mit den Russen (1812 und 1826/27), ferner durch den Aufstand der Griechen geschwächt, der durch die Einmischung der Großmächte und die Niederlage des Kapudan Pascha (Admiral, wörtlich Kapitän) bei Navarino 1827 entschieden wurde, waren in der übelsten Verfassung. Die Reformen von Mahmud dem Zweiten, der sich der Janitscharen durch ein Blutbad entledigte, und der westlichen Geist in Heer und Verwaltung einführen wollte, hatten zunächst nur das Ergebnis gehabt, daß die Auflösung und Verwirrung im Osmanischen Reiche noch größer wurde. Im Jahre 1833 zog der Khedive gegen die Türken, in deren Lager sich Moltke befand, durchzog Kleinasien, und erreichte fast den Bosporus. In seltsamer Eintracht rafften sich da aber die Mächte, die noch kurz zuvor bei Navarino die Kraft der Türkei gebrochen hatten, zum Schutze derselben Türkei auf und zwangen durch Gewalt den Khedive zur Umkehr. Die Russen legten Truppen an den Bosporus, die Engländer schickten Admiral Napier nach Syrien. Die ängstliche Sorgfalt für das Wohlergehen des Sultans — jetzt war Abdul Medjid am Ruder — war lediglich eine Frucht der Eifersucht. Keine Macht gönnte der anderen den Besitz von Konstantinopel. Die Engländer hatten weiters ein großes Interesse daran, sich nicht den Weg nach Indien über die Länder des östlichen Mittelmeeres versperren zu lassen; sie wünschten daher nicht, daß ein zu starker.Mann sich in dem strategisch wichtigsten Lande der Erde, in Ägypten, festsetzte.

Die andere Aufgabe der Briten lag in Südafrika. Teils durch Rassenhaß, teils durch die gewaltsame Beraubung ihrer Selbständigkeit erbittert, wurden die Buren neuerdings durch die Aufhebung der Sklaverei gereizt. Die Engländer wollten überall die Sklaverei abschaffen. Die erste Anregung dazu gab die philanthropische Agitation des Bischofs Wilberforce; bei der Durchführung spielte wohl die Hoffnung mit, die spanischen und portugiesischen Nebenbuhler zu ruinieren. Denn ohne Sklavenarbeit konnten die Pflanzungen in den tropischen Kolonien nicht mit dem Nutzen betrieben werden wie bisher. Daher richtete sich die Maßregel auch gegen die Vereinigten Staaten von Amerika, in deren südlichen Gebieten die Sklaven die Hauptträger der Wirtschaft waren. Die Engländer selbst hatten damals noch wenig mit tropischen Pflanzungen zu tun; höchstens in Westindien und Mauritius. Im übrigen dachten die Engländer durch ein schmiegsames Verwaltungssystem die Vorteile der Sklaven Wirtschaft zu retten, ohne deren Gehässigkeit auf sich zu laden. Sie führten einfach eine hohe Steuer für Farbige ein; um diese zu bezahlen, mußten die Eingeborenen monatelang arbeiten. So hatten die weißen Herren doch die Arbeit umsonst, und brauchten die freien Arbeiter noch nicht einmal zu ernähren. In Kanada, am Kap und in Australien glaubte man vollends der farbigen Hilfe ganz entraten zu können. So war die Aufhebung der Sklaverei ein Schachzug gegen die anderen Kolonialmächte. Der Schlag traf auch die Buren hart. In ihrer wirtschaftlichen Gebarung und ganzen Lebensführung waren und sind die Buren noch heute auf schwarze Hilfskräfte angewiesen. Nun wurden ihnen mit einem Male die Xosa, Fingo, Tembu, Griqua und Basuto entzogen, die für sie gefrondet hatten. Zwar wurden viele Millionen von England ausgezahlt, um die Leibeigenschaft abzulösen, aber von den großen Summen gelangte nur ein Viertel bis ein Fünftel in die Hände der Buren. Den wirtschaftlichen Ruin vor Augen entschlossen sich die Buren 1835 zu dem großen Treck über den Oranjefluß. Sie trafen es schlecht, denn die Zulu waren, durch ihren Ober Induna Tschakka militärisch organisiert, mit ihren Impi (Regimentern) auf dem Kriegspfad, und überschwemmten „das ganze nichtbritische Südafrika. Gegen eine hundertfache Übermacht wehrten sich die Buren am Vechtkopp (16. Dezember 1836), dann fielen sie in Natal ein. Dort wurden sie bei Weenen (vom Weinen, das sich erhob) von den Zulu überrascht, aber schlugen sie bei Colenso. Natal ist immer für die Buren das blühende Land der Sehnsucht gewesen, ungefähr das, was Italien für die Deutschen ist. Hierauf säuberten die Buren das Gebiet jenseits des Vaalflusses von den Matabele, einem Stamme der Zulu. In den neu gewonnenen Gebieten gründeten sie drei unabhängige Staatswesen: den Oranjefreistaat, die Transvaalrepublik und die Niederlassung in Natal. Jetzt stellten die Engländer, denen der Treck durchaus unerwünscht war, eine überraschende Lehre auf. Wie es in der römischen Kirche heißt: einmal ein Priester, immer ein Priester, so behaupteten die Kapbehörden: einmal ein Engländer, immer ein Engländer. Nirgends also auf dem ganzen Erdenrund sollte man sich der Habsucht der Briten entziehen können! Die Engländer machten Ernst, zogen Truppen zusammen und unterwarfen Natal und den Oranjefreistaat. Lediglich weil das Oranjegebiet mehr zu kosten als einzubringen drohte, gaben es später die Engländer an die Buren zurück.

Die dritte Aufgabe Großbritanniens war in Südasien zu lösen. Noch war bei weitem nicht ganz Indien unterworfen, und schon strebten die Angelsachsen über die Grenzen Indiens hinaus. Sie mischten sich 1837 in Persien ein und besetzten Buschir, den Haupthafen am Persischen Golf. Sie führten 1838—1840 Krieg mit Afghanistan. Zum Teil war diese fast krankhafte Ausdehnungssucht durch die Sorge vor russischem Vordringen veranlaßt. Durch zwei große Kriege, den einen um die Jahrhundertwende, den anderen 1827—1828, beendet durch den Frieden von Turkmantschai (zwischen Rescht und Teheran), hatten die Russen große Stücke von Persien losgerissen. Allmählich nisteten sich die Russen in den mittelasiatischen Gebieten Südsibiriens ein, und im Jahre 1839 stellte Perowski eine Riesenkarawane zusammen, um Khiwa zu überrumpeln. Die Eroberung scheiterte völlig, mehr durch Sandstürme als durch Angriffe der Turkmenen; aber ebenso mißglückte der gleichzeitige Zug der Engländer, die in Afghanistan bis auf den letzten Mann aufgerieben wurden.

Den Mißerfolg machten die Engländer weiter im Osten wett, nämlich in China, Sie machten sich ans Werk, um das bisher fast hermetisch verschlossene Ostasien dem Weltverkehr und der europäischen Bildung zu eröffnen. Im Grunde war das nicht sehr schlau von den Europäern, denn aus den gelehrigen Schülern erweckten sie sich Feinde; sie lieferten Armstrongs und Krupps den Ostasiaten, um damit Weiße niederzuschießen; sie brachten ihnen eine Kenntnis von Fabriken bei, die sie dann zum Nachteil des Westens verwerteten. Der Antrieb zu der Erschließung Chinas war gerade wiebei der Aufhebung der Sklaverei, doppelter Art, sittlich und wirtschaftlich. Die Missionare, die schon einige Jahrzehnte am Platze waren, hofften, China und Korea, wie auch die Liu Kiu für das Christentum zu gewinnen, die Kaufleute trachteten nach einer Erweiterung ihrer Kundenzahl und ihres Absatzmarktes. Für die Staatskunst Großbritanniens kam lediglich der materielle Punkt in Betracht. Es war ungefähr das Gegenteil von christlicher Menschenliebe, das die Engländer zur Einmischung in Kanton veranlaßte. Die Chinesen wollten sich nicht mehr vom Opium vergiften lassen, das von Indien kam; für die Engländer aber war der Ertrag des Opiums und der Opiumsteuer, die in manchem Jahre auf sechshundert Millionen Mark stieg-, zu wichtig, als daß sie auf sie hätten verzichten mögen. So brach denn der Opiumkrieg 1839 aus. Mit leichter Mühe vernichtete eine englische Flotte die schlechten chinesischen Schiffe und bombardierte Kanton. China wurde gezwungen, mehrere seiner Häfen für den regelmäßigen Handel mit Kaufleuten der Westmächte zu eröffnen.

Während die erdumspannende Politik der Engländer — auch in Amerika waren sie nicht müßig und kamen über die Oregongrenze beinahe mit der Union in Streit— eifrig damit beschäftigt war, die Weltkarte rot zu färben, waren die Franzosen in Algerien und Westafrika an der Arbeit. Vorläufig berührten sich die Einflußkreise nur wenig, außer in Syrien, wohin 1840 ein französisches Heer abging. Da zugleich sich die beiden Westmächte durch die gemeinsame liberale Strömung verbunden fühlten, so entstand zwischen ihnen die Entente Cordiale, die allerdings erst ein Jahrzehnt später Früchte tragen sollte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
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Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
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Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
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Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
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Die Condottieri
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Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
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Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Die Ausdehnung der Araber, die schon lange eingesetzt hatte, hat nach 600 ein unerhört rasches Tempo angenommen. Einer der wenigen Propheten, die zugleich Staatsmänner und Feldherrn waren, Mohammed war der Urheber der neuen Phase. Im Jahre 622 wurde er aus Medina vertrieben. Sein Auszug, arabisch Hedschra,. aus der Stadt Medina ist der Anfang der mohammedanischen Ära. Bald nach seiner Demütigung erlebte der Prophet seinen höchsten Glanz. Er wurde erst von den meisten Beduinen und dann auch den Städtern anerkannt. Mekka und Medina, die schon vorher Hauptkultstätten und Mittelpunkte des arabischen Lebens gewesen waren, erhob er zu den heiligen Stätten des Islams. In nur 80 Jahren nach seinem Tode, der 631 eintrat, hatten die Araber alle Länder überrannt, von den Toren Konstantinopels bis nach Zansibar, von dem indischen Pend-schab bis Spanien. Im Jahre 635 war Syrien und Damaskus, 641 war Ägypten, 652 Persien gefallen; 680 folgte Turkistan, seit 711 Spanien und ein Teil Indiens. Von 706—716 wurde Konstantinopel hart belagert, aber das griechische Feuer wurde erfunden und rettete die Byzantiner. Noch zwanzig Jahre später durchzogen arabische Heere Südrußland, Südfrankreich und Südmarokko. Im Jahre 846 erstürmten die Araber einen Teil von Rom, erbauten Raubburgen in Piemont und wagten sich sogar bis in die Schweiz und noch später nach Ungarn vor. Die Nachfolger des Propheten, die zugleich seine geistliche wie seine weltliche Würde erbten, nannte man die Kalifen. Sehr bald kam es zwischen ihnen zu erbitterten Fehden und Thronstreitigkeiten, durch die aber die Erfolge nach außen nur wenig aufgehalten wurden.

„Heil und Heimat der Semiten ist die Wüste, der Germanen Wald und Berg, der Turanier die Steppe.“

So Alexander von Peez. Unsere Nebenbuhler um die Weltherrschaft waren nicht tüchtiger als wir, wenn jedoch ihre Reiche viel größere Ausdehnung gewannen als die germanischen, so hatten sie eben die Gunst der Lage für sich. Vom Altai und Tarbagatai bis nach Holland dehnt sich die ungeheure Ebene. Nirgends ein Hindernis als die Flüsse, und auch die waren mit Ausnahme der westlichsten im Winter gefroren, daher die turanischen Eroberer ihre Züge gern in den Winter verlegten. Ganz ähnlich bot den Arabern die Wüste einen „bequemen Durchgang nach Mesopotamien und Indien, nach Ägypten und Marokko. In der Wüste ist leicht zu marschieren, leicht zu reiten. Man gelangt daher, wofern nur, was auch nicht überschwer ist, für Wasser gesorgt ist, gut und schnell vorwärts. Die Wüste ist weiterhin, worauf noch mehr ankommt, nicht oder wenig bewohnt. Die Schranken der Natur sind nie so schlimm, wie Hindernisse von Menschen aufgeführt. Man kommt heute noch leichter nach den Polarregionen, als nach Afghanistan, als zu den Berbern von Ostmarokko. Mithin ist die Unbewohnbarkeit der Wüste wie der nordsibirischen Taiga geradezu ein unschätzbarer Vorteil für durchziehende Heere. So läßt es sich erklären, daß die Türken in 30 Jahren (rund 550—580) von Schantung bis Konstantinopel streiften, daß die Kosaken in 40 Jahren (bis 1643) vom Ob bis an das Ochozkische Meer kamen, und so auch, daß die Araber in je 6 Jahren einmal Ägypten bis Tripolis und dann die Gegenden von Tripolis bis zum Atlantischen Meere in Besitz nehmen konnten.

Zur ersten Landnahme erschienen 40000 Araber unter Abdallah Ben Said — eine enorme Zahl bei der Geringfügigkeit der Bevölkerung in den östlichen Oasen. Beim zweiten Zuge wurde bereits eine arabische Stadt, das rasch aufblühende Kaiman gegründet. Doch konnte an der Küste, namentlich in Karthago die byzantinische Herrschaft noch nicht beseitigt werden, was erst bedeutend später (692) gelang.

Die Ursitze der Bantu sind an den großen Seen und ostwärts. Eine Wanderung der Bantu hat vor Christi und eine zweite um rund 700—900 eingesetzt. Die Wanderströme gingen südwärts; ihre Spuren verrät noch gelegentlich ein Ortsname. So hieß Natal in früheren Zeiten Embo, woraus zu schließen, daß ein Strom der Or-ambo nach der Ostküste, ebenso wie nach der Westküste Südafrikas flutete. Andere Wanderungen bewegten sich der Guineaküste zu, den Kongo abwärts und nach Nordwesten zu dem Kamerunberge.

Die Anfänge der Malaien liegen noch ganz im Dunkeln. Es ist möglich, daß Urstämme von ihnen an den Südosthängen Tibets saßen. Die eigentlichen Malaien entstanden in Malakka und Sumatra. Leider sind wir aber bei ihnen nicht so günstig gestellt, wie bei den Dravida, von denen Megastenes schon 300 v. Chr. einige Zahlwörter überliefert. Die Urmalaien gelangten einerseits nach Japan und, was nicht ausgeschlossen, sogar bis zur Küste Kolumbiens und Perus; andererseits nach Java und im Westen bis Madagaskar. Für den Weststrom haben wir einen zeitlichen Anhalt an den Sanskritwörtern, die in das Madegassisch eingesprengt sind und die zum mindesten einen nachchristlichen Ursprung der — immerhin recht altertümlichen — Madagaskar-Malaien dartun. Die Urmalaien mischten sich mit Melanesiern und Papua, mit urtümlichen Waldstämmen, deren kümmerliche Reste noch jetzt im tiefsten Innern von Borneo und Celebes leben, weiters mit Verwandten der Mon Khmer und, so denke ich, auch mit etwas Hindublut. Mit 600 n. Chr. scheint eine größere — zweite — Wanderung der Malaien zu beginnen. Wir wissen von Einfällen der Inselbarbaren um diese Zeit in Fokien, auf den Liukiu und in Japan. Um rund 800 entstehen die ersten Schriftdenkmäler der Malaien, die uns erhalten sind, sie stammen aus Java. Erst gegen 1200 erfolgt dann eine weitere Ausdehnung nach der Eilandflur der Südsee.

Die Südrassen werden gleich den Nordrassen in die Kulturwelt einbezogen, die sich jetzt über den 50° N und bis jenseits des Gleichere erweitert. Koreaner, Japaner, Annamiten werden von der chinesischen Kultur erobert; die Mon-Khmer, die Dra-vida urid die Sunda-Malaien von der indischen, die Bantu von der arabischen, die Berber von der römischen und arabischen Kultur. Von den Nordrassen verfallen Hunnen und Tungusen dem Reich der Mitte, die Tibeter und Barmaner teils der chinesischen, teils der indischen Bildung, die Horden Turkestans der iranischen, die Germanen der römisch-griechischen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung

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