Schlagwort: Weltliteratur

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Die ersten Reiche von einer gewissen Dauer, die durch Nordvölker auf dem Boden des chinesischen Reiches begründet wurden, waren die der Toba, seit 430. Von einem Zweig von ihnen wurde die Gegend von Lhassa in Besitz genommen und Tibet genannt. Auf italischer Erde errichtete 476 nach dem Sturz des letzten römischen Herrschers, der seltsamer- und bezeichnenderweise Romulus Augustulus hieß, der Rugier (vergleiche Rügen) Odovakar eine Herrschaft, mußte aber kurz darauf dem Ostgoten Theoderich weichen. Die Ostgoten behaupteten sich in Italien und Hinterländern bis 560. Ihre Vettern, die Westgoten hielten Spanien bis 711. Die Franken drangen 485 in Frankreich, die Langobarden 568 in Italien und die Burgunden nach 450 in die Täler des Doubs und der Rhone ein. Im neunten Jahrhundert waren alle die Genannten so ziemlich romanisiert. Dagegen behaupteten die anderen Germanen, darunter die östlichen Franken, ihre Eigenart.

Als natürliche Rückwirkung gegen den Anprall der Völkerwanderungen sahen sich die alten Kulturstaaten genötigt, ihre kriegerische Wehr zu verstärken und überhaupt ihre Kräfte zum Widerstande anzuspannen. Ein neues Zeitalter militärischer, wirtschaftlicher und auch künstlerischer Blüte setzte bei sämtlichen alten Staaten der Kulturzone ein. Im Westen erstarkte Byzanz unter Justinian, in Persien die Sassanidenmacht unter Kosrau Anoscharwan, in Hindostan ein einheimisches Reich der Hindu unter den Gupta, endlich in China die nationale Herrschaft der Sui und der Thang. Die Feldherrn Justinians räumten Afrika von den Vandalen und Italien von den Goten; sie schlugen Slawen und Avaren zurück. Am Hofe Justinians sammelte sich ein glänzender Kreis von Juristen, Baumeistern, Theologen und Geschichtsschreibern. Auf seine Anregung hin wurde das Corpus Juris zusammengestellt und die herrliche Hagia Sophia errichtet. Procop schrieb seine Geschichten, die in unseren Tagen zu den vielgelesenen Romanen Felix Dahns den Stoff liefern sollten. Gleichzeitig veranlaßten dieSassaniden eine Zusammenstellung der altpersischen Heldenlieder, des Schahnahme, des Königsbuches, das später dem Dichter Firdusi die Grundlagen zu seinem weltberühmten Epos geben sollte. Khosrau hielt ein internationales Religionskonzil ab, bei dem Zarathustrier, Christen, Juden und, wie es scheint, auch Buddhisten zu Worte kamen. Schon flössen buddhistische Legenden in die christliche Welt hinüber. Der Bodhisatwa selber (ein Beiname des Buddha) wurde als heiliger Joasaph in den Heiligenkalender der Christenheit aufgenommen.

Hier ist einer Wanderung zu gedenken, die unblutig verlaufen ist, die aber größere Wirkungen gehabt hat, als so manche Schlacht. Ich meine die Wanderung der Legenden und Märchen. Von Persien aus ergoß sich ein breiter Strom von Legenden nach Europa, wie auch nach östlicheren Ländern. Am bekanntesten ist davon der Alexander-Roman und die Graalslegende geworden. Auch für die Geschichten von Tausend und einer Nacht hat, neben ägyptischen und arabischen Vorbildern, Persien den Hauptstoff geliefert. Das einzige Land, das auf diesem Gebiete vielleicht noch mehr geleistet hat, war Indien. Die indische Sammlung Pantscha – Tantra jlhat deutschen und englischen Kindern, hat Japanern und Siamesen ihre Märchen geliefert. Die Wanderung des Pantscha-Tantra, der Mär von Genoveva und anderer Geschichten und ihre Übersetzung in alle möglichen fremden Sprachen begann um 500 n. Chr.

Noch etwas früher geschah die Wanderung der Zigeuner. Es sind das wahrscheinlich Dravida, die hinduisiert wurden. Sie stammen aus Nordindien und gingen von dort im fünften Jahrhundert nach Persien, um von da später (im vierzehnten Jahrhundert) sich in alle Welt zu zerstreuen.

In Indien wirkte gegen 500 einer der größten Dramatiker der Weltliteratur, Kalidasa. Er verfaßte die Sakuntala und den Mega -dhuta, den “Wolkenboten“. Beide Stücke werden gelegentlich noch heute an deutschen Bühnen aufgeführt. Sakuntala wurde von Goethe mit höchstem Lobe bedacht und hat ihm zur Einleitung des Faust wertvolle Anregungen gegeben.

Auch China erlebte eine Renaissance. Namentlich blühte Theologie und Poesie. Ein leichtsinniger Dichter der Liebe und des Weines war Li-Taipe. Östliche Bilder stellen ihn gern dar, wie er, von Freunden unterstützt, im Rausche dahintaumelt.

Der Aufschwung der alten Reiche dauerte jedoch nicht allzu lang. Neue und immer neue Barbarenvölker rückten nach und pochten an die Pforten der Kulturreiche. Wir wollen nun einmal die neuen Rassen, die jetzt auftauchen, vor unseren Augen vorbeimarschieren lassen.

Da waren zunächst die Uralaltaier. Zu ihnen gehören die Finnen, die Türken, die Mongolen, die Tungusen und halbwegs die Koreaner und Japaner. Am mächtigsten werden die Türken. Sie schweifen nach 550 bis Konstantinopel, bis zum gelben und bis zum Eismeer. Um dieselbe Zeit wird Japan zu einem großen Teile chinesiert.

Vorübergehend sind die Reiche der jüngeren Kasstämme. Zu ihnen gehörten die Avaren, die von 600 bis 800 den größten Teil Osteuropas nebst Böhmen und Strichen in den Alpen und Oberitalien beherrschen. Auf ihren entfernteren Streifzügen kommen die Avaren bis an die Südspitzen der Balkanhalbinsel und Italiens. Die Hyrkaner gründen ein Reich zwischen dem Kaspisee und indischen Ozean, die verwandten Georgier eine Herrschaft, die zeitweilig vom Schwarzen Meer bis an den AraraP reichte.

Gemischt sind die Magyaren, die seit 860 auftreten. Ihren Kern bilden finnische Horden; dazu traten Tscherkessen und Türken.

Die Staatswesen von zwei Kasstammen behaupteten sich bis zur Gegenwart, von den Bulgaren und den den Tscherkessen verwandten Tschechen. Nur wurde in beiden Fällen der Herrenstamm slawisiert.

Seit rund 550 erscheinen die Haufen der Slawen. Sie drängten nach der Elbe und über die Donau. Sie ergossen sich in die Balkanhalbinsel und gründeten dort eine zusammenhängende Reihe von Niederlassungen, die wie ein Querriegel Griechen und Albaner und byzantinische Bildung gegen die Germanen absperrte. Die Slawen zeigten keine staatsmännischen Anlagen. Ihre ersten Reiche wurden ohne Ausnahme durch Angehörige von Fremdrassen gegründet, im Osten vorzugsweise durch Germanen.

Die erste Hälfte der germanischen Wanderung war nun vorüber, allein die Bewegung dauerte noch immer fort. Angeln, Sachsen, Friesen und Jüten zogen sich nach den britischen Inseln, und die Bayern stiegen in die Hochtäler der Alpen und dann hinab zu den Ebenen von Friaul und Istrien. Die Langobarden setzten ihre Wanderung weiter fort, bis nach Süditalien. Im siebenten und achten Jahrhundert bahnte sich eine neue Ausdehnung der Franken an. Zugleich begannen die Wikingerzüge der Nordgermanen, der Skandinavier. Die frühsten fallen schon in das sechste Jahrhundert; die eigentliche Wikingerzeit beginnt 750.

Durch die Berber werden alle römischen Städte in Nordafrika vernichtet. Die Berber sind eine uralte Rasse. Sie fluten auf und fluten ab wie das Meer, aber sind auch unfruchtbar wie das Meer. Was zur Verzweiflung mich beängstgen könnte, Unsinnge Wut der Elemente.

Die Berber haben immer nur zerstören können, aber haben nie etwas von Belang geschaffen. Höchstens die marokkanische Teppichweberei mag zum Teile, namentlich auch in den farbenprächtigen Mustern, die an den bunten Wiesenteppich Marokkos im Frühling erinnern, auf der Geschicklichkeit und der Gemütsanlage der Berber beruhen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums

Männer; Völker und Zeiten

Die graphische Kunst kann man zu den deutschen Dingen rechnen. Es ist nicht sicher bekannt, woher sie ihren Ursprung genommen hat. Vielleicht sind wie der Steindruck, so auch der Kupferstich und Holzschnitt zuerst in Deutschland zu künstlerischer Vervielfältig gung benutzt worden. Die frühesten uns erhaltenen Beispiele, ja die Hauptmasse aller frühen Denkmale beider Arten sind deutsch. Aus dem Bildungstriebe, der in Deutschland in weiteren Kreisen lebendig war als anderswo, sind die vervielfältigenden Künste erwachsen, ebenso wie die deutsche Erfindung der Buchdruckerkunst, deren Werke der Holzschnitt schmückte und anschaulich machte.

Die einzelnen Kapitel:
Die deutsche Graphik – Die Technik des Bilddruckes
Die deutsche Graphik seit der Erfindung des Steindrucks
Die deutsche Graphik – Die Inkunabeln des Holzschnitts
Die deutsche Graphik – Die Inkunabeln des Kupferstichs
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 1. Dürer und sein Kreis
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 2. Die Kleinmeister
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 3. Cranach und die Graphik in Norddeutschland
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 4. Die Schwaben und die Schweizer
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 5. Die deutsche Graphik im 17. und 18. Jahrhundert

Die deutsche Graphik

Im Dunkel des Mittelalters verlieren sich die Wegspuren der graphischen Künste. Der Holzschnitt scheint die ältere der beiden Kunstgattungen zu sein. Seine frühesten Denkmale, die wir ihrem Stile nach gegen 1400 ansetzen, sind von so überragendem Kunstwert, daß wir eine noch vorausgehende Zeit der Entwicklung annehmen müssen. Von einer Erfindung aber des Holzschnitts oder des Kupferstiches kann man nur mit Einschränkung sprechen. Die technische Handhabung bei der Künste ist uralt. Von Goldschmieden gravierte Metallplatten und von Bildnern geschnitzte Holztafeln, die man hätte abdrucken können, gab es seit ältester Zeit. Von graphischer Kunst in unserem Sinne kann aber erst dann die Rede sein, wenn solche Modeln zu dem Zwecke hergestellt werden, um mit ihnen auf Papier abgedruckte Bilder zu schaffen. Ein primitiver, in älteste Zeit zurückreichender Vorläufer des Holzschnitts war der Zeugdruck. Leinen und andere Stoffe, die mit Mustern und Bildern von geschnittenen Holzmodeln bedruckt waren, gab es in älteren und auch in jenen uns interessierenden Zeiten, in welchen in den Klöstern das Schreiben nach Diktat wie das Miniaturmalen und die Vereinigung beider in illuminierten Handschriften noch schulmäßig betrieben wurde.

In diesen Klosterschulen wurden Bildchen geistlichen Inhalts zu Devotionszwecken nach Vorlagen und Anleitung wieder und wieder gemalt, und mit dem Bedürfnis einer schnelleren Vervielfältigung verfiel man wohl auf das Hilfsmittel der altbekannten Holzschneidekunst. Nicht zu vergessen ist, daß im 14. Jahrhundert, nach bescheidenen und vereinzelten früheren Anfängen, die Papierfabrikation sich auch bei uns verbreitete. 1390 gründete Ullmann Stromer in Nürnberg eine richtige Papiermühle. Mit dem wohlfeileren Ersatz für das teure Pergament war dann dem Bilddruck der Weg geebnet.

Die Datierung und Lokalisierung der frühen Holzschnitte ist schwierig. Viel ist darüber geschrieben und wenig erreicht worden. Die Zahl der erhaltenen Werke ist gering, von den meisten sind nur ein paar Abdrucke oder gar nur einer bekannt, die, meist in die Bücher alter Klosterbibliotheken eingeklebt, der Vernichtung entgangen sind. Da mit größeren Auflagen gerechnet werden muß, so ist sicher ein sehr großer Teil der frühen Arbeiten überhaupt in keinem Abdruck mehr bekannt. Eine Entwiddung ist nur mit Mühe festzustellen, Vergleichungen mit Werken anderer Kunstgattungen, hauptsächlich der Malerei, müssen helfen,- der Nachweis der Provenienz aus bestimmten Klöstern, die Mundart alter Aufschriften, die Wasserzeichen des Papieres und andere Hilfsmittel müssen herangezogen werden. Der Ursprung der schönsten Inkunabeln des Holzschnittes, die wir kennen, ist in Süddeutschland, Österreich und Böhmen zu suchen. Eine Einfachheit von ergreifender Kraft zeichnet sie aus, die gewiß nicht in einer ungelenken Handhabung der Technik ihren Grund hat. Durchweg religiösen Inhalts mit Darstellungen aus dem Leben Christi und der Heiligen oder moralischen Allegorien, haben sie in wenigen breiten Umrißlinien Kompositionen von starker Geschlossenheit. Wie die Umrisse sind in weichen runden — nicht eddgen — Schwüngen die Falten der Gewänder angegeben, ohne Modellierung durch Schraffierungen. Eine rein flächige Wirkung ist beabsichtigt und erreicht durch Ausmalung. Es liegen durchaus dieselben Bedingungen wie beim gemalten alten Kirchenfenster vor, deren farbige Flächen nur durch die breiten Bleieinfassungen ihre Form erhalten. Aus der Druckerkunst selbst ergab sich erst im Laufe der Zeit der Gedanke, das bis dahin geläufige und geforderte bunte Bild durch das einfach schwarzweiße zu ersetzen. Es ist nicht bekannt, ob damals der Künstler, der die Zeichnung auf den Holzstock brachte, immer auch der Holzschneider war. Künstlerbezeichnungen auf frühen Holzschnitten, wie die des hier mit einem originellen allegorischen Blatt vertretenen Meisters Casper , sind, selten. Es bleibt immer zweifelhaft, ob eine gering anmutende Arbeit ein mäßiges Original oder nur die Kopie einer besseren Originalarbeit ist, und die Namensbezeichnungen mögen nicht immer den Zeichner, sondern zuweilen den Formschneider bedeuten. Bei den bedeutendsten Arbeiten der Frühzeit, die man wegen ihrer großartigen Haltung die Zeit des monumentalen Stiles nennt, wird man annehmen dürfen, Zeichner und Schneider seien eine Person gewesen, weil der hohe Stil der Zeichnung und die geschmeidige Technik ineinander aufgehen. Man sollte zwar meinen, die rundlich geschwungene Form des Linienwerkes, die ganz sicher in der Glasmalerei und ihrer Verbleiung ihr stilistisches Vorbild hat, müsse bei der Ausführung größere Schwierigkeiten bereiten, als eine eckig gebrochene Linienführung, die dem Zeitstil entsprechend erst später angewandt wurde.

Aber wo ein großer Kunstwille vorhanden ist, wie hier, da versteht sich das Technische von -selbst. Schon früh wurden Holzschnitte geistlicher und weltlicher Art (Spielkarten!) von den wandernden Buchhändlern und »Briefmalern« auf Messen und Märkten vertrieben, die gleichzeitig die Verleger, manchmal auch die Verfertiger ihrer Ware waren. Noch in der ersten Jahrhunderthälfte meldet sich ein Wechsel des Stiles an. Bereits der vielgenannte Christophholzschnitt von Buxheim von 1423 trägt die Merkmale eines zeitlich fortgeschrittenen Stiles, der sich mehr und mehr ausprägt. An die Stelle der gerundeten Linien treten winkelig gebrochene, gleichzeitig werden Schatten in den Gewändern, aber nicht deren Modellierung, durch parallele Schraffierungen zwischen den Hauptlinien angedeutet und eine ganze Anzahl von Zwischenstufen führen zu solchen im Sinne der Holzschnittechnik komplizierten Gebilden wie die heilige Brigitte aus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, deren Gewandung kreuz und quer durchmodelliert ist. Die Farbe ist hier nur noch aus alter Gewohnheit beibehalten. Bisweilen stört sie auch bei diesen Spätwerken, indem der Maler die Striche des Holzschneiders mit der Farbe zu» deckte. Die ergreifende, stille Größe jener frühen Werke aber war längst verloren. Der Holzschnitt als Monument spielte im 15. Jahrhundert keine Rolle mehr, seit er seine Hauptaufgabe in der Buchillustrierung gefunden hatte.

Ehe wir diese neue und wichtige Mission des Holzschnittes behandeln, nur ein paar Worte über den Metall- oder Schrotschnitt, einen Abkömmling des Holzschnittes, dessen absonderliche Technik in der Einleitung beschrieben ist. Er scheint mehr in Frankreich als in Deutschland üblich gewesen zu sein, hier nur im Westen. Soweit es sich um Einzelblätter handelt, ist nicht viel Bedeutendes dabei zutage getreten. Der gewichtige heilige Michael hebt sich mit einer kleinen verwandten Gruppe aus einer unbedeutenden Masse heraus. In Frankreich spielte der Metallschnitt etwas später als Schmuck der Livres d‘ heures eine Rolle und in Deutschland, zumal in Basel, zur Zeit Holbeins. Nur den Wert der Kuriosität hat der Teigdruck/Formschnitte auf Papier, das mit einer Teigmasse von unbekannter Zusammensetzung präpariert wurde. In diese wurde die Formplatte, die wahrscheinlich aus Metall war, zuweilen mit Verwendung einer Goldauflage, eingedrückt. Eine Anzahl der wenigen uns überkommenen Drucke dieser empfindlichen Technik hat sich auf den Innenseiten von Buchdeckeln erhalten. Es war eine dem Stil nach ziemlich spät im Jahrhundert verwendete, nur kurzlebige Art des Bilddruckes.

Die kostbaren Bilderhandschriften des Mittelalters konnte die breite Masse des Volkes nicht kaufen. Das gesprochene Wort und die öffentlich gezeigten Bilder der Kirchen mußten ihren Hunger nach Anschauung und Belehrung stillen. Es ist gar nicht auszudenken, welch ein Ruck die geistig Niedergehaltenen vorwärts gedrängt haben muß, als sie zum ersten Male selber Bücher, natürlich Bilderbücher, in die Hände bekamen. Der naive auf Anschauung gerichtete Sinn verlangte nach Illustration. Der Holzschnitt hat ihnen zuerst den Genuß eigenen Buchbesitzes ver» mittelt in dem Blockbuch, dem natürlichen Nachfolger der alten kostbaren Bilderhandschrift. Der Text wurde einfach unter oder neben dem Bild aus der Holzplatte herausgeschnitten und die gedruckten und zusammengehefteten Seiten bildeten die ersten gedruckten Bilderbücher, Wir kennen nur spärliche Reste dieser zumal in den Niederlanden und in Deutschland gepflegten Kunstgattung. Die meisten ganz oder in Bruchstücken uns erhaltenen Werke sind Kopien, deren Vorbilder, wie aus einigen erhaltenen Proben, z. B. der Biblia pauperum, zu schließen ist, in die große Zeit des monumentalen Stiles zurückreichen. Was wir kennen, ist religiöserzieherischen Inhalts, wie die Biblia pauperum, der Antichrist, die Ars moriendi

Wir kennen auch Kalender, und es ist anzunehmen, daß es auch für die weltliche Volksbelehrung noch mehr solcher Bücher gegeben hat, die, von Hand zu Hand gehend, zerlesen und verloren sind, wie etwa die Kinderbücher alter Zeiten zu den größten Seltenheiten gehören.

Gutenbergs Erfindung, Bücher mit beweglichen Typen zu drucken, machte die ehedem nur wenigen Bevorzugten vertraute Weltliteratur zum Allgemeingut. Die großen Autoren der Antike, bislang nur Gelehrten und Geistlichen bekannt, wurden in deutscher Sprache dem deutschen Gebildeten greifbar, und wenige Jahre nach der Entstehung der ersten bilderlosen Typendrucke ging auch der Holzschnitt als belebender Schmuck das Bündnis mit dem gedruckten Buch ein. Um 1460 machte der Bamberger Drucker Pfister mit seinen heute sehr seltenen Bilderbüchern

Unsere Bilder geben Proben aus den berühmtesten Inkunabelbüchern mit Holzschnitten, welche in vielfältiger Art die in jedem Entstehungsort heimische Formensprache reden. Bei den spärlichen Resten monumentaler Kunst aus dieser Zeit und diesem Land, werden solche bescheideneren Schöpfungen zu nicht unwich» tigen Hilfsmitteln, um Entwicklungs- und Stilfragen zu entscheiden.

Der bei Albrecht Pfister in Bamberg erschienene »Edelstein« Boners, in einem 1461 datierten und einem etwa gleichzeitigen Drude ohne Jahreszahl erhalten, ist eine Fabelsammlung, die mit anschaulichen Beispielen Lehren für eine gescheute Lebensführung geben will. Die Bilder zeigen schlichte Figurenpaare mit sparsamer Andeutung der Handlung und Örtlichkeit, in nicht gleichmäßiger Ausführung,- auf zarte folgen gröbere Schnitte, so daß man annehmen muß, mehrere Holzschneider seien dabei tätig gewesen.

Die führende schwäbische Kunststadt im 15. Jahrhundert war Ulm. Sie war auch in dieser Kunst den anderen voraus. Italienische Autoren wurden gedruckt, so der Boccaccio bei dem Drucker Johann Zainer. Bei Dinckmut erschien der Eunuch des Terenz, von dem wir eine Probe bringen

Am fruchtbarsten unter den süddeutschen Städten ist Augsburg, wo die Drucker Günter Zainer, Hans Bämler, Sorg und Schönsperger uns mehrere hundert Bilderdrucke aus den letzten drei Jahrzehnten des Jahrhunderts hinterlassen haben. Augsburg lag an der großen Reisestraße nach Italien. Die glüddiche Lage mit ihren Möglichkeiten des Austausches gab Anregung und Beweglichkeit. Eine gewisseLeichtblütigkeitist auch dem Augsburger Buchholzschnitt eigen. EinVerdienst erwarb sich der vorher in Venedig tätig gewesene Erhard Ratdolt, der den Farbenholzschnitt als Buchillustration in Augsburg einführte.

Nürnberg, die spätere Führerin der süddeutschen Kunst, steht im Beginn gegen die schwäbischen Städte zurück. Die eigene Produktion scheint nicht ansehnlich gewesen zu sein. Wenigstens übernahm der berühmte Verleger Anton Koberger, später Dürers Pate, für seine Bibel von 1483 Holzstöcke von der Kölner Bibel, über die nachher zu reden ist. An anderer Stelle ist Ulmer Einfluß zu erkennen. Im letzten Jahrzehnt aber treten die namhaftesten Nürnberger Maler der Zeit, Wolgemut und Pleydenwurff, als Illustratoren in den Vordergrund. Aus ihrer Hand ging der Bilderschmuck des umfänglichsten Inkunabelbuches, der Schedelschen Weltchronik <1493) und des Schatzbehalters <1491) hervor. So begegnen wir endlich bekannten Künstlernamen in Verbindung mit dem Holzschnitt. Zu den besten Werken sind die Holzschnitte dieser Meister aber nicht zu zählen. Eine gewisse Freiheit der Technik ist eher als Nachlässigkeit und Eilfertigkeit, denn als ein technischer oder künstlerischer Fortschritt einzuschätzen. Neben Bibelbildern, deren Inhalt und Form gegeben war, stehen naive, der Anschauung ermangelnde Darstellungen freier Erfindung, die nur äußerlich auf die bedeutenderen Textstellen hinweisen sollen.

Von rheinischer Buchkunst habe ich die Kölner Bibel erwähnt, aus der Koberger Holzschnitte übernahm. Sie erschien bei Quentell, wahrscheinlich 1479, und ist auffällig durch eine undeutsche Art, die auf niederländischen, vielleicht auch französischen Einfluß zurüdkgeht, nicht zu ihrem Vorteil. Eine klare Schlichtheit kommt dem Gesamteindruck des Buches zugute, aber die Formensprache ist starr, schematisch und ist an Wert den westlichen Vorbildern untergeordnet.

Ein Meister von ganz anderem Grade ist in der zweiten niederdeutschen Bücherstadt, in Lübeck, tätig gewesen. Zwischen unerheblichen sonstigen Werken, die dort entstanden, finden sich zwei Bücher: eine Bibel, bei Stephan Arndes 1494 erschienen, und ein Totentanz von 1489. Ein ganz bedeutender Künstler, von dessen Person wir nichts weiter wissen, hat sie illustriert. Diese Bibel ist vielleicht das hervorragendste deutsche Holzschnittbuch des 15. Jahrhunderts. Ganz im Gegensatz zu der starren, puppenhaften Kölner Art lebt eine nachdrüddiche und doch reservierte Bewegung in dem merkwürdig lockkren Linienwerk. Gedrungene Figuren von vornehmer Haltung und Würde sind wirksam gegeneinander ausgespielt, die Natur ist einfach und wohlverstanden geschildert. Eine großartige Ruhe hält alles zusammen.

Auch am mittleren und oberen Rhein sind tüchtige Kräfte tätig. Ein paar besondere Leistungen sind der in Speyer bei Simon Drach um 1480 erschienene »Spiegel menschlicher Behaltnuß« und Breydenbachs berühmtes Pilgerbuch

Der Hauptort am Oberrhein ist Straßburg,- der Hauptverleger dort ist Grüninger. Ein seltsamer Stil bildet sich aus. Eckige Brüche der Linien, dementsprechend grotesk bewegte Figuren, große schwarze Flächen durch weiße Schraffen sparsam aufgelichtet, machen ihre Gattung einprägsam. Man wird durch die wenig geschwungene Form der Schraffen und die grellen Schwarzweißkontraste an den Metallschnitt erinnert.

In der alten, damals noch reichsdeutschen Stadt Basel hatten Kunst und Wissenschaft schon im Mittelalter eine Pflegestätte. Das Aufblühen der 1460 gegründeten Universität nährte die Drucker und ihre Kunst. Die Amerbach, Bergmann von Olpe, Richel, Petri wurden namhaft, wenn auch der eigentliche Glanz erst mit Erasmus, Holbein und Furter in die Basler Druckkunst einzog. Von der Buchillustration wäre nicht viel zu rühmen. Eine zierliche Form und guter Ausdruck ist manchem ihrer Erzeugnisse nachzusagen. Zwei Holzschnittbücher aber, der Ritter vom Turn (Furter, 1493) und Sebastian Brants Narrenschiff (Bergmann von Olpe, 1494), stehen unvermittelt, urwüchsig und eigen unter den frühen Basler Drucken ohne eine Spur von der Gemessenheit, mit der meist die Zeichner der Zeit in einU gern Abstande neben dem Inhalt der Bücher hergehen. Ein ungeduldiger Strich bildet knorrige Figuren, die sich ungefüge und höchst unbefangen miteinander bewegen. Witzig und dreist wird der Text ausgelegt, lebendig und sichtbar gemacht. Ein einheimischer Künstler kommt nicht in Frage. Der hätte sicher des Weiteren daheim von sich reden gemacht. Aber es war nichts Gleiches vorher in Basel, und dieser Jugendstil verzieht sich ebenso meteorhaft, wie er in Basel aufgetaucht war, mit einem wandernden Kunstgesellen. Der Zeichner war der junge Dürer.

Text aus dem Buch: Die deutsche Graphik (1922), Author: Bock, Elfried.

Siehe auch:
Die deutsche Graphik – Die Technik des Bilddruckes

Verwandte Themen:

Der junge Albrecht Dürer – Drei Studien 1.Dürer und die deutsche Kunst des 15. Jahrhunderts, Der junge Albrecht Dürer – Drei Studien 2. Der junge Dürer in seinen Beziehungen zum italienischen Quattrocento und zur Antike
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Die deutsche Graphik