Schlagwort: Westgermanen

Religiöse Gebräuche begleiteten das Leben unserer Vorfahren vom Augenblicke der Geburt an bis zur Todesstunde. Fühlte die junge Mutter die schwere Stunde herannahen, so rief sie die Schicksalsfrauen um gnädigen Beistand an. Das kaum geborene, schwache und hilflose Kind war mit eier Mutter vor allem den Angriffen der nächtlichen Unholde ausgesetzt. Gegen die Hexen, Druden, Maren und Elbe, die das Kind zu rauben oder gegen einen Wechselbalg zu vertauschen suchen, brannte nachts das abwehrende Feuer. In die Wiege ward zum Schutze gegen Unheil ein Runenzauber eingeritzt; in Süddeutschland malt man noch heute den Drudenfuß gegen die Hexen daran. Um das kleine Wesen vor dem Alp zu sichern, forderte man ihn in Beschwörungsformeln auf, den Sand, die Sterne, alle Wege zu zählen, oder man stellte einen Kessel siedenden Wassers neben das Lager. In der Hand der geheimnisvollen Schicksalsfrauen lag es, oh das Kind wirklich ein Mensch werden oder die Fähigkeit der Seele behalten sollte, den Körper nach Belieben zu verfassen und zu wandeln. Darum stellte man Speise und Trank für sie auf den Tisch, um sie gastlich zu bewirten.

Vom Willen des Vaters hing es ab, ob das neugeborene Kind in die Familie aufgenommen oder ausgesetzt tverden sollte. Die Angaben des Tacitus (Germ. 19), daß es als Schandtat gälte, die Zahl der Kinder zu beschränken oder eins der nachgeborenen zu töten, ist nur zum Teil richtig.

Die Großmutter des heiligen Liudger wollte ihre Enkelin töten, weil ihre Tochter nur Mädchen, keine Söhne hatte. Sie befahl, daß die Tötung erfolge, bevor das Kind Milch von der Mutter genossen hätte; denn solange ein Kind noch keine irdische Speise berührt hatte, war sein Tod gestattet. Der damit beauftragte Sklave brachte das Mädchen zu einer Wanne, um es darin zu ertränken; aber durch Gottes Erbarmen hielt es sich mit seinen Ärmchen am Rande der Wanne über Wasser, bis ein aus der Nachbarschaft hinzukommendes Weib es dpn Händen des Sklaven entriß, in ihr Hans brachte und ihm Honig einflößte. Die rasende Großmutter schickte Gerichtsdiener nach dem Kinde in das Haus der mitleidigen Frau, aber sie sagte ihnen, das Kind hätte bereits Honig genossen und zeigte ihnen dessen Lippen. Nach heidnischem Brauche war es nun nicht mehr gestattet, das Kind zu toten. Aber erst nach dem Tode der wütenden Großmutter konnte die Mutter ihr Kind zu sich nehmen (V. Liudg. 6, 7).

Der entscheidende Akt, durch den ein Kind völlig zu seinem Rechte kam und als Person anerkannt wurde, war die Namengebung. Von der Zeit an, wo dem Kinde ein Name beigelegt war, galt Aussetzung als unerlaubt. Die Namengebung pflegte binnen neun Nächten nach der Geburt zu erfolgen und war schon in heidnischer Zeit bei allen Germanen mit Wassertauche oder Wasserbegießung verbunden. Von da an trat das Kind in sein volles Wergeid ein, während es vorher nur durch ein halbes Wergeid geschützt war. Der Volksscherz von den blinden Hessen oder Schwaben bewahrt noch eine Erinnerung an die alte Rechtsordnung, die den Neugeborenen bis zu dieser Frist dem Ungeborenen gleichstellte. Vermutlich ward das Kind bei der mit der Wasserweihe verbundenen Namengebung mit dem Hammer, dem Symbole Donars, geweiht. Die langobardische Sage, daß Wodan auf Freas Geheiß, weil er ihnen den Namen Langbärte gegeben habe, ihnen als Namensgeschenk den Sieg verliehen habe, zeigt, daß ein Geschenk der Namengebung folgen mußte. Der Hausvater verrichtete selbst die Taufe des Neugeborenen; erst durch sie ward die Körperlichkeit des jungen Menschen befestigt.

Schon Aristoteles kennt bei vielen Barbaren die Sitte, die Neugeborenen in kaltes, fließendes Wasser unterzutauchen, und der Arzt Galcnus im 2. Jhd. n. Chr. sagt ausdrücklich, daß die entsetzliche Sitte, die Neugeborenen, heiß vom Mutterleibe wie glühendes Eisen in kaltes Flußwasser zu tauchen, bei den Germanen herrsche. Aus dem 4. Jhd. stammt die griechische Fabel, daß der Rhein den nordischen Barbaren zur Kinderprobe diene, weil er die unechten sinken lasse. Der alte Name für die Wasserweihe war daupjan tauchen; Wulfila übersetzt damit die christliche Taufe.

Auch die Westgermanen behielten döpjan, toufan dafür nach ihrer Bekehrung und liessen es durch kein kirchliches Wort verdrängen, wie bei andern heiligen Handlungen. Als der getaufte Sohn des FrankeDkönigs Chlodwich stirbt, ruft dieser: „Wäre der Knabe im Namen meiner Götter getauft gewesen, gewiß lebte er noch; aber er konnte nicht leben, weil er im Namen eures Gottes getauft ist!“ (Greg. v. Tours. 229_81). Die christliche Taufe übt also nach der Ansicht des Heiden nicht die der heidnischen Weihung zustehende Kraft, des Kindes Köperlichkeit zu festigen. Die Kirche sah daher in der heidnischen Taufe einen gefährlichen Nebenbuhler und ein teuflisches Werk. Bonifatius schreibt 732, die von den Heiden Getauften müssen von neuem im Namen der heiligen Dreieinigkeit getauft werden. Wenn eine von Heiden vollzogene Taufe (d. h. die germanische Wasserbegießung) für ungültig erklärt wird, muß sie also bestanden haben.

In den Namen, der dem Kinde gegeben wurde, legte man die Fähigkeiten und Charakterzüge hinein, durch die es sich, erwachsen, nach dem frommen Wunsche des Gebers auszeichnen sollte: er sollte das ideale Vorbild sein, dem das Kind nachstreben sollte. War es der Name eines Gottes, so sollen dessen Taten und Empfindungen Muster und Beispiel werden. Zugleich sollte dadurch ein gewisses Schutzverhältnis zwischen dem Gott und dem seinen Namen tragenden Menschen erfleht werden. Mit Wodan, Donar, Balder zusammengesetzte Eigennamen finden sich wiederholt für deutsche Männer, selbst als einfache menschliche Namen kommen sie vor. In Answalt, Oswald, Ansgar, Reginbirin (Kind der ratenden Götter) sind die alten Bezeichnungen der Gottheit, in alb, hün, thurs, Mimi sind dämonische Namen enthalten; auf die den kriegerischen Gottheiten geweihten Tiere weisen am, hraban, swan, ebur und wolf. Bei den Frauen überwiegen in der ältesten Zeit Walkürennameu. Aber auch nach den Wald- und Wasserfrauen und den Elbinnen ward das Mädchen benannt. Häufig deutet der Name auf priesterliche Tätigkeit hin, auf die Heiligtümer: alah, will, die Opfer: gelt (gildi), auf Zauber und Weissagung:

Trat der Sohn aus der Gewalt des Vaters heraus, so schnitt ilim der Vater, der dabei wieder Priesterdienste verrichtete, daß Bart- oder Haupthaar ab: das Haar, das Symbol der Fruchtbarkeit, war der Gottheit des Wachstums geweiht, oder es war ein stellvertretendes Opfer für den Menschen selbst.

Die frohen Zeiten der erwachenden Natur sind auch die Feste der Liebe. Alter Brauch am 1. Mai war es, daß das Mädchen den Hut des Geliebten mit grünen Blumen schmückte, und daß der Bursch ihr einen Maien, das Zeichen der Früh-liugsgottheit, vor der Tür aufpflanzte. Durch das Oster- und Johannisfeuer sprangen die jungen Paare, um Segen für den Besitz und für sich selbst zu erlangen. Bei dem Scheibenschlagen warfen die Burschen das brennende Rad zugunsten der Erkorenen. Zur Wintersonnenwende befragte man nach uralter Sitte das Schicksal nach dem Geliebten oder schaute nach dem künftigen Gatten.

Hochzeit, höhe zit, hieß der festliche Tag der Heirat. Die Hilfe der Götter wurde für das junge Paar erfleht, heilige Gebräuche weihten ihn ein. An dem heiligen Tage des Gottes, unter dessen besondere Huld man die Ehe stellen wollte, ward die Hochzeit begangen.

Am Tage zuvor ward die Braut durch ein reinigendes Bad entsühnt, um die feindlichen Geister abzuwehren, sie gegen den Zorn der göttlichen Mächte zu schützen und ihre Gunst ihr zu sichern. Auch ein Sühnopfer ward dargebracht; der dem Donar heilige Bock ward geschlachtet und mit seinem Blute die Braut besprengt. Auch die Verhüllung der Braut weist auf alten Opferdienst für die unterirdischen, Fruchtbarkeit spendenden Mächte. Ein zwar aus älteren Quellen nicht belegter, aber uralter Brauch war, am Vorabend der Hochzeit, an dem sogen. Polterabend, allerlei Geschirr zu zertrümmern: die schädlichen Unholde sollten durch den Lärm vertrieben werden.

Als Herdgott und Schutzgott des Hauses ward der Gewittergott Donar besonders angerufen. Das junge Paar umwandelte dreimal den Herd, auf dem ein frisches Feuer angezündet war; hier brachte die Neuvermählte auch den Hausgeistern ein Opfer dar. Auf der hochzeitlichen Tafel fehlte auch des Wettergottes heiliges Tier, der Brauthahn, nicht. In feierlichem Gebete lud man die Gottheit zum Hoohzeitsmahle ein; in der ältesten Zeit genossen die Ahnen, die Hausgeister, die hauptsächlichste Verehrung bei der Ver-mählungsfeier, für sie und neben ihnen traten später die himmlischen Götter als anbetungswürdige Vorbilder der Feiernden oder als Festteilnehmer und Ehrengäste ein. Besonders dachte man sich die Schicksalsfrauen bei der Hochzeit weilend.

Tanz und Spiele gehören zu den alten religiösen Festen, auch bei der Hochzeitsfeier fehlten sie nicht. Die Festgeuossen begleiteten den Brautzug wie eine feierliche Prozession, Männer kleideten sich wie Frauen und umgekehrt, schwärzten die Gesichter uud stellen allerlei Tiergestalten dar, um die feindlichen Dämonen zu schrecken, aber auch aus ehrfurchtsvoller Scheu. Lieder erklangen, und selbst kleine dramatische Szenen fehlten nicht. Der Auszug zur Einholung der Braut ward oft als wildes Wettreiten ausgeführt. Oder die geladenen Gäste begannen nach uraltem, heiligem Brauche barfüßig den Lauf. Aber auch Braut und Bräutigam unternahmen den Wettlauf, die Braut bekam einen Vorsprung, und am Ziele der Bahn ward ihr der Kranz abgenommen. Auch Siegfried erringt für Günther im Wettlaufe die Walkürenbraut (N. L. 4354— 437a). Als der schnellste und siegreichste unter allen Göttern ward Wodan zum Beistände des Bewerbers angerufen; aber die göttliche Weihe der Vermählung erfolgte durch Donar. Selbst das sühnende Feuer fehlte bei der Hochzeit nicht. Wie beim Frühlings- und Mittsommerfeste ward nach vollzogener Vermählung ein mit Stroh umwundenes Rad angezündet, die Gä3te tanzten um das Feuer, und das juuge Paar sprang über die heilige Lohe.

Mit den neuen Pflichten und Rechten, die der junge Hausvater übernommen hatte, verband sich für ihn die selbstständige Ausführung der religiösen Gebräuche. Er vollzog fortan die Losungen und Gebete für sein Haus, brachte kleine Opferspenden und Gelübde an Bäumen, Felsen, Quellen, den Gräbern der Verstorbenen dar, beging den Wechsel der Jahreszeiten nach altem heiligem Brauche, ließ Feuer auf deu Bergen auflodem und in feierlichem Umzuge ein Götterbild um das Feld tragen, versäumte nicht die täglichen Opfer für die Hausgötter und Hausgeister und brachte abwehrende Opfer bei der Erkrankung einzelner Stücke der Herde, Bittopfer bei der Bestellung der Äcker, Dankopfer bei der Ernte. Bei den religiösen Gebräuchen des Einzelnen hat sich der Seelenkult am längsten erhalten, aber die großen Götter des Volkes wurden keineswegs vernachlässigt. Nur waren seine Opfer naturgemäß ärmlicher und dürftiger als die großen Gemeindeopfer, deren Vorstufe sie sind. Nur geringe Gabe an Brot, Körnern und Eiern konnte der einzelne den Göttern darbringen, bescheiden war das anschließende Opfermahl; Rosse, Rinder, Schweine und Böcke mußte er sich versagen, selbst Gänse und Hühner werden kaum geopfert sein. Bilder der höheren Götter waren gleichfalls nicht im einzelnen Hofe anzutreffen. Nr. 27 des Indiculus handelt von Götzenbildern, die aus Zeuglappen gemacht sind (de simulacris depannis factis). Es sind Bilder von Haus- und Herdgöttern, Geistern und ähnlichen Wesen, die sich der Einzelne zu privatem Gebrauch im Hause anfertigte. Schon der geringwertige Stoff, aus dem sie bestanden, und ihre gewiß kunstlose Form zeigen, daß ihre Herstellung und Anschaffung auch dem einfachsten und ärmsten Manne möglich war. Am Herde werden sie ihren Platz gehabt haben.

Geburt, Leben und Tod stand in der Hand der höheren Mächte. Der Tod war das Werk der Schicksalsgöttin, der Wurd, die nicht weiterhin auf dieser Welt Wonne genießen läßt. In den Schoß der mütterlichen Erde, dem alles Sein entsproßt, kehrte der Mensch zurück. Der Sterbende, der Tote ward gewaschen, die Leiche und der Sarg mit Weihwasser besprengt. Durch das Weihwasser reinigte man den Verstorbenen von schweren Sünden und versöhnte die Götter. Neun Tage währte die dem Totenkulte gewidmete Sühn- und Trauerzeit, sie schloß am neunten Tage mit einem Opfer, das den unterirdischen Gottheiten galt. Zugleich reinigten sich auch die Hinterbliebenen von der Befleckung durch den Toten. Zu dem Totenmahle lud man die Seele des Abgeschiedenen ein; was hei dem Schmause gegessen und getrunken wurde, kam dem Toten „zu gute“.

Kurz darauf erfolgte der Antritt des Erbes. Zwar wird ein feierliches Opfer für die mächtigen Gottheiten nicht gefehlt haben, die Haus und Hof, Feld und Flur, Wald und Weide schirmen, aber das Erbbier hielt man vor dem leeren Hochsitze des Verstorbenen, trank des Toten Minne, und der Haupterbe nahm den Ehrensitz ein. Die Geister der Vorfahren weilten als Schutzgeister der Familie im heiligen Herdfeuer, und der Hausvater brachte ihnen täglich und zu bestimmten Zeiten Opfer dar. Alle Jahre am Todestage erschien die Seele wieder an der Grabstätte, um die Vorgesetzte Speise als Opfer hinzunehmen. Bei jedem großen Opferfeste der Gemeinde trank man ihr Gedächtnis. Von seiten der Gemeinde oder der größeren Verbände wurde den Abgeschiedenen alle Jahre an dem großen Herbstfeste ein dreitägiges Totenfest gefeiert, wenn mit dem Ersterben der Vegetation die Seelen sich, in das Innere der Erde zurückziehen. Zur Zeit der Wintersonnenwende, in den zwölf Nächten, wenn die Götter aus ihrem Schlummer erwachten, kamen auch die Seelen wieder hervor, und Speise und Trank setzte man für sie zurecht.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
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Deutsche Mythologie

Göttliche Mädchen auf schnellen Rossen, Gestaltungen der am Himmel dahinfahrenden Wolken, durcheilen im Sturmgebrause die Luft, und stehen im Dienste des Himmels- und Wettergottes, vielleicht ursprünglich des Tius, später des Wodan. Wie die Wolken vom Sturme gejagt werden, gehören die Wolken- und Sturmweiber dem Sturmgotte Wodan an und rauschen mit ihm durch die Lüfte (S. 238). Aber als Wodan zum Lenker der Schlachten emporstieg, legten die elbischen Wolkenfrauen kriegerische Rüstung an und wurden zu göttlichen Kampfjungfrauen, die auf die Walstatt reiten und die dem Walgotte gelobten Menschenopfer in Empfang nehmen; sie holen, in vollem Waffenschmucke prangend, von Blitzen umloht, vom Donner umtobt, die aus den sterbenden Körper als Lufthauch entweichende Seele und führen sie Wodan zu. Die aus dem Wasser emporsteigende Wolke, der sich dem Waldsee entringende Nebel brachten die göttlichen Frauen mit den im Dunkel der Wälder sprudelnden Brunnen und mit den fließenden Wassern in Verbindung. Als Gestaltung des weißen Nebels von See und Fluß und Weiher erscheint die liebliche Schwanjungfrau; sie legt ihr Schwanenkleid ab und badet im einsamen Waldsee oder am Strande des Meeres, schlüpft dann wieder in ihr schimmerndes Gewand und schwebt über Land und Wasser. Wolkengöttinnen und Schwanjungfrauen sind also eins und mit den göttlichen Quell- und Brunnfrauen verwandt. Das bezeugen auch die altdeutschen Frauennamen: Wolchangart und Suanagarda, Wolchanhart und Suanehard sind im Altgermanischen gleichbedeutend.

Wie lebendig und wie allgemein die Vorstellung der kriegerischen Wolkenfrauen war, bezeugen die alten Namen: Himilthrüd, Nordhilt, Sunthilt, Osterhilt, Westrät, die himmlische, nach Norden, Süden, Osten und Westen ziehende Walküre. Göttliche Jungfrauen sind im Geleite des Morgens: Dagahild, Dagathrüd, steigen in der Dämmerung auf: Themarhilt, stammen aus den Wolken: Wölkan-drüt, sind der Sonne gleich: Sunnihilt, glänzen wie die Sonne: Solberta, fahren schnell hernieder wie der Blitz: Blicdrüt, rauschen im Winde: Windbirg, Nebel geht vor ihnen her: Mistila; Rimburg ist die Reifjungfrau, Sneo-burg, die schneeweiße, schützende Jungfrau, Hi milrät, die vom Himmel gekommene Raterin. Noch heute glaubt das Volk, alte Weiber gegen Morgen, wenn die Mägde zum Melken gehen, auf schweißtriefenden Pferden quer über die Felder reiten zu sehen.

Wenn nicht alles täuscht, ist der Denkstein von Housesteads das älteste direkte Zeugnis für die Walküren. Die Inschrift ist dem Tius Tbingsus und den beiden Alaisiagis Bede und Fimmilene geweiht. Die Alaesiagae werden als die „Allgeehrten“, „Allrechtsprechenden“, „Allrechtseherinnen“, „die zum rechten Unterweisen Befähigten“, oder als die „Erlen-erschreckerinnen“, die „Hilfreichen“ gedeutet, vielleicht aber sind die *A1—aisgagjön, die „gewaltig Einherstürmenden, die gewaltig Erregenden“ (germ. Wurzel is, urgerm. *aisjan, an. eisa eilen, stürmen; vgl. Ise S. 176, und nhd. Eisbein). Zu dieser gemeinsamen Bedeutung passen auch die einzelnen Namen. Fimmila ist die weibliche Personifikation des Windes (ahd. *fiin —ila bezeichnet die Bewegung, besonders das Weben des Windes); Beda ist die Personifikation des Wirbelwindes oder des Wetterschauers (idg. bhadh erschrecken). Die stürmende Fimmila und die schreckende Bed sind also Wind und Wirbelwind, vergleichbar unserm Wind und Wetter. Der Himmelsund Wettergott entsendet die gewaltig einherfahrenden Alai-siagen, und, wie Tius kriegerische Rüstung trägt, so sind die beiden Göttinnen als Siegspenderinnen, Viktorien, mit Kranz und Schwert dargestellt.

Das Idealbild der göttlichen Frauen hat sich direkt aus dem Leben entwickelt, umgekehrt traten menschliche Frauen zur Zeit der Völkerwanderung als Walküren auf und suchten dem göttlichen Vorbilde nahe zu kommen. Wir finden in der Mythologie Punkt für Punkt die Züge wieder, die Tacitus und die Römer überhaupt von den Weibern der Germanen berichten.

Während der Schlacht standen die Mütter, Weiber und Kinder der Germanen hinter den Kämpfern, die zu dem Gesänge der ausrückenden Männer ihre Zauberlieder anstimmten. Sie schrecken nicht vor der blutenden Wunde zurück, verbinden sie, wie Hildegund in Walthariliede (1408) und bringen Speise und Ermunterung den im Kampfe Stehenden (Germ. 7). Sie sind die zuverlässigten und liebsten Lobspender, sie dienen dem Tapfern zur Anfeuerung, dem Feigen zur Beschämung. Vom Hurra der Männer und von dein gellenden Zaubergesange der Frauen erbebte die Schlachtreihe im Aufstande des Civilis (Hist. 4,a). Diesem Zaubergesange (ulnlatus mulierum) hat man gewiß ebenso wie dem Barditus eine religiös zauberhafte Bedeutung und muterweckende Kraft beigemessen (S. 264). In der Schlacht bei Bibracte stellen die Germanen des Ariovist die Frauen auf die Wagen und Karren; mit ausgebreiteten Händen und unter Tränen flehten diose die in den verhängnisvollen Kampf ziehenden Krieger an, sie nicht in die Knechtschaft der Römer fallen zu lassen (Cäsar, b. g. 1M). Als die Wandalen zur Entscheidungsschlacht schritten, ließ König Gelimer die Frauen mit den Kindern und allen Schätzen in die Wagenburg mitten in der Aufstellung bringen, um die Seinen hierdurch zum äußersten Widerstande zu treiben (Procop, b. vand. 2j). War deutsches Ungestüm der römischen Taktik unterlegen, so wurden einige Schlachten, schon sinkend und wankend, von den Weibern wieder bergestellt, indem sie die Brust entblößten und die Männer flehentlich aufforderten, sie lieber zu töten als dem Feinde preiszugeben (Germ. 8). Ergreifende Szenen schildert Plutarch aus dem Untergange der Ambronen und Kimbern. Als die Ambronen in der Schlacht bei Aquae Sextiae zurückwichen, traten ihnen die Weiber mit Schwertern und Beilen entgegen, laut aufschreiend in fürchterlichem Zorn, und wehrten die Fliehenden wie die Verfolger ab. Bunt unter die Kfimpfenden gemischt, rissen sie mit der bloßen Hand die Schilde der Römer herunter und griffen nach den Schwertern; Wunden und Verstümmelung ertrugen sie ruhig, ungebeugten Mutes bis in den Tod (Cäs. 19). Als die Römer nach der Schlacht hei Vercellae den weichenden Kimbern bis an die Wagenburg nachdrftngten, stand ihnen ein hochtragischer Anblick bevor. Die Weiber, in schwarzen Gewändern auf den Wagen stehend, töteten die Fliehenden, die ihren Mann, jene den Bruder, jene den Vater: die Weiber erwürgten sie mit der Hand und warfen sie unter die Räder und Hufe der Tiere, dann ermordeten sie sich selbst (27). Valerius Maximus erzählt von den Weibern der Teutonen, sie hätten den siegreichen Marius gebeten, er möchte sie den vestalischen Jungfrauen zum Geschenke schicken, wie jene würden sie sich unbefleckt halten. Als sie das nicht erlangten, erdrosselten sie sich in der folgenden Nacht. In dem Kriege Caracallas waren viele chattische und alemannische Frauen in Gefangenschaft geraten. Man stellte ihnen die Wahl zwischen Knechtschaft und Tod, viele zogen den Tod vor. Als sie aber dennoch als Sklavinnen verkauft werden sollten, töteten sie sich und ihre Kinder (Dio Cass. 77,4). In dem Feldzuge Marc Aurels gegen die Alemannen fanden die Römer auf der Walstatt die Leichen bewaffneter Frauen (71,). In Aurelians Triumphzug werden zehn Gotinnen aufgeführt, die in männlicher Rüstung kämpfend gefangen waren; weit mehr waren in der Schlacht gefallen (Flav. Vopiscus, V. Aurel. 34).

Neben den archäologischen und historischen Zeugnissen steht das der alten Namen. Die Namen, die man den Kindern gab, sollten ihnen das Ideal weisen, dem sie nacheifern sollten:

Gebt euern Kindern schöne Namen,

Darin ein Beispiel nachzuahmen,

Ein Muster vorgehalten sei.

Sie werden leichteres vollbringen,

Auch gute Namen zu erringen,

Denn Gutes wohnt dem Schönen bei.

(Rückert.)

Das Ideal des Mannes war der Held, das Ideal des Weibes ist in der Mythologie in den göttlichen oder halbgöttlichen Schlacht- und Schicksalsfrauen ausgebildet. Weil die Frau von der frühsten Zeit an dem Germanen als ein höheres Wesen erschien, in näherer Berührung mit der Götterwelt stand als der Mann, zeigen die altdeutschen Frauennamen weit mehr als die Namen der Männer unmittelbaren Zusammenhang mit den Vorstellungen von göttlichen Wesen. Sie sind also eine wichtige Quelle für den Walkürenglauben. Zahlreiche Namen sind mit gunt und bilt (Krieg) zusammengesetzt, oder dem gleichbedeutenden hadu, wie oder laue (Jvriegsbrand), leich (Kampfspiel); z. B. Mechthild, Mathilde ist die machtvolle, Chlothilde die berühmte, Kriemhilde die verhüllte Kämpferin, Kunigunde die für ihr Geschlecht kämpfende, Gudrun die Runen kundige Kampfzauberin, Hildegund, Baduhild, Haduwig, Hedwig die tüchtige Kämpferin, Thusnelda die Kraftkühne. Die Siegjungfrau bezeichnen z. B. Sigihilt, Siguwif (Weib), Sigithrüd, Siginiu (Tochter des Sieges). Auf ihre Teilnahme am Heereszuge gehen die Namen mit heri und sint: Sinthgund, Herigilt (Priesterin des Heeres). Sie sind gerüstet und tragen einen Helm: Helm borg, Grimhilt; eine Brünne: Brunihild; einen Schild: Räntgund; einen Speer: Gerdrüd, Gerlind, Kerpurc, Gisalhilt; Baughild ist die Schildträgerin mit dem Ringe, Isaubirg, Isanburg die eisengerüstete Jungfrau. Darum ist ihr Ansehen strahlend, glänzend: Berahthild, Berahthrüd.

Ihr Erscheinen ist siegverkündend wie das der heiligen Tiere des Kriegsgottes, Wolfhilt, Ebirhilt, Rosmöt. Sie haben von ihrem göttlichen Herrn den Auftrag, seine Günstlinge zu schirmen: die Namen mit birc, bürg, munt drücken diese Aufgabe aus. Dann lächeln sie dem Sieger zu: Blid-hilda, Blidthrüd; haben wohl selbst ihre Lieblinge unter den Streitern: Thrüdwin; halten das fliehende oder feindliche Heer auf, wie auch der Merseburger Zauberspruch erzählt: Stillihere, wachen überhaupt vorsichtig über den ganzen Kampf: Gundwara, verleihen den Sieg: Gebahilt, schaffen den Frieden: Friduhilt; sie sind somit die Führerin in der Kriegsnot: Nötharja, die starken auf dem Walfeld: Wale-drüt, opfern nach dem Siege das Heer der Feinde: Herigilt, und nehmen die Gefallenen auf.

Eine göttliche Walküre, und nicht bloß eine menschliche, karapfesfrohe Königstochter ist die Brunhild des Nibelungenliedes. Zwar ist ihr alter Walkürenglanz schon stark verblichen, aber ihre ganze Erscheinung hebt sich immerhin noch auffallend von der ritterlichen Umgebung des Liedes ab. Sie lenkt nicht mehr aus luftigen Höhen ihre Rosse auf das Schlachtfeld und kürt nicht mehr die Wal, aber sie weilt auf der fernen, meerumfluteten Veste Isenstein (N. L. 315 ff.) und raubt unbarmherzig dem^das Leben, der von ihr besiegt wird, gerade in den Kampfspielen kommt ihre göttliche Natur zum Vorschein. Im Speerschießen, Steinwurf und Sprung unterliegt sie zwar, aber nur durch Hilfe des mythischen Nibelungenattributes, der unsichtbar machenden Nebel- oder Tarnkappe; denn durch sie geborgen und geschützt, übernimmt Siegfried die Taten, Günther die Geberde. Mit elementarer Kraft bricht Brunhilds jungfräuliche Walkürennatur zum letzten Male in der Hochzeitsnacht hervor, als sie zürnend dem Gatten ihre Liebe verweigert, ihm mit einem Gürtel Hände und Füße bindet und ihn hoch au die Wand hängt (N. L. 585).

Daß es auch in Deutschland einen Mythus gegeben habe, nach dem die göttliche Walküre auf dem Felsen von Siegfried aus dem Schlafe erweckt war, wird zwar lebhaft bestritten, aber man hält sich zu einseitig an die literarischen Zeugnisse und übersieht andere, nicht weniger wichtige. Die im Westdeutschland an mehreren Orten als alt und volkstümlich nachgewiesenen Benennungen von Felsen, wie Brunhildenstein (z. B. auf der Hohenkanzel auf dem Taunus, 8 km. nördlich von Wiesbaden), Brunbildenstuhl (der Brummholzstuhl bei Dürkheim in der Rheinpfalz ist aus Brunhildenstuhl entstellt) bezeugen, daß auch in der deutschen Sage die Walküre Brunhild auf einer Felsenburg ihre Wohnung gehabt hat, wie ja noch im N. L. Isenstein als ihr Sitz genannt wird. Der Brunhildenstuhl bei Dürkheim ist sogar als alte Fastnachts-(Frühlings-)feuerstätte überliefert; in der Römerzeit sind hier Sonnenräder und fünf Inschriften eingehauen, von denen eine dem Mercurius Cisustius Deus geweiht ist. Der mit dem Brunhildenmythus in Verbindung gebrachte Fels, der zum Frühlingsfeuer dient, war also von ältester /Seit her ein heiliger Ort. Daß aber sogar Brunhilds Zauberschlaf und damit ihre Erweckung deutsche Sage war, beweist das Brunhildenbett auf dem großen Feldberg im Taunus. In einer Urkunde des Erzbischofs Bardo von Mainz von 1043 heißt eine etwa 4 m hohe Felsbildung auf dem Feldberge von eigentümlicher Form, die schon von weitem das Auge auf sich lenkt und den Vergleich mit einem Ruhelager unwillkürlich wachruft, lapis qui vulgo dicitur lectulus BrunihUde.

Da der deutschen Nibelungendichtung ein „Lager der Brunhild“ auf der Höhe eines Berges unbekannt ist, kann diese Bezeichnung nur aus der Sage stammen, und wenn der Name noch in der Mitte des 11. Jhds. volkstümlich war, muß er es schon lange vorher gewesen sein. Wenn also die Rheinfranken ein riesenhaftes Felsbett auf der Spitze eines hohen Berges „Bett der Brunhild“ nannten, so müssen sie auch geglaubt haben, Brunhild habe auf einem hohen Berge geschlafen.

Die auf einem Felsen schlafende Walküre, die natürlich auch aus ihrem Schlummer geweckt sein muß, ist somit für Deutschland erwiesen. Nicht erwiesen ist, daß sie auch nach deutscher Vorstellung von der Waberlohe umgeben war; diese mag nordische Zudichtung und Ausschmückung sein, und ein Märchen der Dornröschengruppe mag dabei mitgewirkt haben.

Der allgemeine, urgerm. Name für die göttlichen Mädchen war ahd. itis, as. mhd. idis, ags. ides, an. dis. Die Idisi sind wohl die „emsig schaffenden“, die überirdischen Frauen (an. id, idn, ictja Arbeit). Neben der an. valkyrja findet sich in ags. Glossen des 8. Jhds. walcyrge = Eurynis, walcrigge = Herinis, waelcyrre = Tisiphona, waelcyrige = Bellona, Allecto. Im Ags. verstand man also unter Walküren unheimliche Gottheiten, die in das Geschick des Kampfes eingreifen, und dieses Zeugnis reicht völlig aus, um die Walküren als westgermanische und deutsche Gottheiten zu erweisen. Kein einziger Grund läßt sich für eine Entlehnung aus dem Nordischen beibringen; im Gegenteil, daß bei den Westgermanen des Festlandes derselbe Name vorhanden gewesen sein muß, beweist der erste Teil des zusammengesetzten Namens walu, urgerm. *walaz. In allen germ. Dialekten bedeutet ahd. wal, ags. wael, an. valr den Haufen der Erschlagenen oder die Stelle, wo sie liegen; im nd., vom 13. Jahrhundert an bis heute bezeichnet Wall einen Haufen, z. B. Heringe (gr. Fdhg scharenweise, in Menge). Die Walküren küren also, wie ihr Name sagt, die Gesamtheit der Krieger, die im Kampfe fallen sollen.

Ein ags. Beschwörungslied gegen Hexenstich und Hexenschuß zeigt die bewaffneten Wolkenfrauen, wie sie Pfeile und Speere auf die Menschen schleudern:

Laut teuren sie, ja laut, da sie über den Hügel ritten.

Sie waren hochgemut, da sie über Land (durch die Lüfte) ritten. Schütze dich nun, willst du sicher vor ihrem Haß sein:

Heraus, kleiner Speer, wenn du drinnen bistl —

Ich stund unter dem Lindcnschild, unter lichtem Schilde,

Da die mächtigen Frauen ihre Scharen ordneten Und ihre gellenden Gere entsandten.

Einen andern will ich ihnen wieder senden,

Einen fliegenden Pfeil von vom entgegen:

Heraus, kleiner Speer, wenn du drinnen bitl! —

Es saß ein Schmied, schlug das kleine Messer,

…..ein Schwert stark im Vertmndcn.

Heraus, kleiner Speer, trenn du drinnen bist! —

Sechs Schmiede saßen, Todesspeere schufen sic,

Heraus, Speer, sei nicht drin, Speer!

Wenn hier ist innen des Eisens Teil,

Der Heren Werk, so soll es schmelzen! —

Wärst in die Haut du, ins Fleisch geschossen,

Oder wärst du ins Blut geschossen,

Oder ins Glied, nimmer sei dein lieben getroffen!

Wenn cs sei der Äsen Geschoß oder der Elbe Geschoß Oder der Hexen Geschoß — nun will ich dir helfen:

Dies sei dir zur Heilung des Äsen oder der Elbe Geschosses,

Dies für das Hexengeschoß. Ich will dir helfen.

Fliege hin in die Wildnis!

Sei am Haupte heil, es helfe dir der Herr!

Dem Liede liegt die Vorstellung zugrunde, daß die Krankheit vom Geschoß der Geister verursacht sei. Die Hexen aber tragen das poesievolle Kleid der Dienerinnen Wodans.

Zum Streite gerüstet, also mit Helm, Brünne und Speeren bewaffnet, laut jauchzend vor frohem Kampfesmut, reiten die mächtigen Frauen durch die Lüfte einher und senden sausende Speere und Pfeile auf den Feind. In der epischen Einleitung erzählt der Entzaubernde diesen Hergang und sucht durch das Spell das Eisen aus dem Körper des Erkrankten wieder herauszutreiben. Zugleich hält er den Lindenschild über ihn und berichtet, wie die Gegenwaffen geschmiedet werden. Für den Fall, daß das kleine Messer zur. Gegenwehr nicht genügt, werden noch sechs Speere angefertigt. Bei der eigentlichen Beschwörung: „Wenn hier innen ist des Eisens Teil, so soll es schmelzen . . . Fliehe hin in die Wildnisi Sei am Haupte heil!“ wird eine heilende Salbe angewendet.

Auch der erste Merseburger Zauberspruch zeigt uns die göttlichen Frauen:

Einst setzten sich Idisi, setzten sich hierhin und dorthin,

[Vor Zeiten walteten Frauen, walteten hohe damals,]

Einige hefteten Hafte, einige hemmten das Heer (der Feinde),

Einige klaubten an den Fesseln (der vom Feinde Gefangenen) herum, [Andere lösten, allerfahrene, die Fesseln]:

Entspringe den Haftbanden, entfliehe den Feinden!

Der epische Eingang beschreibt die Tätigkeit der Walküren auf der Walstatt. Sie kommen durch die Luft herangesaust und beteiligen sich zugunsten eines befreundeten Heeres am Kampfe, in drei Haufen geteilt. Ein solches Feld, wo sich die Schlachtgöttinnen niedergelassen hatten, hieß vielleicht schon zu Tacitus Zeiten Idisiaviso (Ann. 216). Die einen fesseln die Gefangenen hinter dem befreundeten Heere, — der deutsche Namen solcher Walküren würde Hlancha (Kette) oder Herifezzara (Heeresfessel) sein — die andern werfen sich den feindlichen Scharen entgegen, indem sie selbst am Kampfe teilnehmen und ihre Speere schleudern, die dritte Gruppe hat sich hinter dem feindlichen Heere niedergelassen, wo die Gefangenen auf bewahrt sind. Dort nesteln sie an den Fesseln und sprechen dabei die Lösungsformel: „Entspringe den Haftbanden, entfliehe den Feinden I“ Wie hier durch die Hilfe der Idisi die Ketten springen, so hofft in ähnlicher Lage der Gefangene, daß ihr göttlicher Beistand hei Anwendung des Zauberspruches ihn befreien werde. In England war im 8. Jhd. der Volksglaube verbreitet, daß Bande mit Hilfe gewißer Buchstabenzeichen oder Runen gelöst werden könnten (Beda 422):

Ein gewisser Imraa wurde fast tot auf dem Schlacbtfelde gefunden und gefangen genommen; als er sich aber zu erholen begann und, um seine Flucht zu verhindern, gefesselt wurde, hatten ihn kaum seine Wächter verlassen, da war er schon wieder frei. Der Graf, in dessen Gewalt er gefallen war, fragte ihn, ob er solche ,Lösebriefe* (liter&s solutorias) habe, von denen man erzählte; Imma aber wollte von solchen Künsten nichts wissen; doch als sein Herr ihn an einen andern verkaufte, war wieder keine Möglichkeit, ihn zu binden.

Auch den Angelsachsen waren, wie schon das Beschwörungslied gegen Hexenschuß zeigte, siegtreibende, schlachtfrohe Weiber bekannt:

Setzt euch Siegweiber, senkt euch zur Erde,

Wollet nicht wieder zum Walde fliegen!

Bleibt im Herzen meines Heils so eingedenk

Wie die Menschen männiglich des Mahls und der Heimat!

Auch hier kommen die Siegweiber durch die Luft geflogen, um sich zur Erde niederzuhissen; ja der Anfang scheint geradezu aus einem sehr alten Walkürenspruch entlehnt zu sein, der dein Merseburger Spruche ähnlich war. Merkwürdig ist nur, daß der Ausdruck Siegweiber für schwärmende Bienen gebraucht wird, vermutlich weil man die ursprüngliche Bedeutung nicht mehr verstand, und Bienenschwärme den ausziehenden Kriegern als gutes Wahrzeichen galten (vgl. K. H. M. Nr. 62). Im Beowulf endlich heißt es: der Herr gab ihnen allda des Waffenglücks Gewebe, Erfreuung und Hilfe, daß sie ihre Feinde überwanden (697).

Das letzte Zeugnis für die Schlacht Jungfrauen findet sich auf deutschem Boden um das Jahr 1000. Burchard von Worms spricht von dem Glauben, es könnten Weiber bei geschlossenen Türen ausfahren und hoch in den Wolken einander Kümpfe liefern, Wunden erteilen und empfangen.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna

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