Mit den großen Jahresfesten der Handwerker verbunden finden wir mehrfach Kämpfe und Kampfspiele, die ihrem Charakter nach ebenfalls alten Kulttraditionen entstammen. So darf man in dem »Quaß«-Spiel der Amaberger Bergleute eine Abart des Kampfes zwischen Winter und Sommer vermuten (165). Auch in der Erstürmung der Schembarthölle, wo die Wilden Männer zusammen mit den Schembartläufem gegen die »Teufel« anrennen, mögen ähnliche Traditionen zugrundeliegen. An die Frühlingsfeste erinnern Scheingefechte, deren Ausgang vorher festgelegt Wird. Die »Luzerner Mordnacht« bringt zu Fasnacht einen Kampf zwischen der Zunft des Adels, der die »Österreicher« darstellt, und der mit der Metzgerzunft verbündeten Handwerker, die als »Bürger« der Stadt siegreich aus Land- und Wasserschlachten hervorgehen. Der Brauch bestand bis 1713.

Es ist kaum anzunehmen, daß er sich ursprünglich im Anschluß an ein historisches Ereignis gebildet hat. Hier hat vielmehr ein alter Brauch — nicht mehr verstanden — durch eine historische Einkleidung eine neue Sinngebung erhalten.

Als einen Wettkampf von mehr sportlicher und humoristischer Art haben wir wohl das »Turnier« der Nürnberger Plattnergesellen anzusehen, die noch um 1579 sich auf beräderten Stühlen anrannten und »abräumten«. Auch im vielfach bezeugten Vogelschießen sind Wettkämpfe der wehrfähigen Mannschaft zu sehen. Der Zusammenhang dieser Schießübungen der Pfingstzeit — besonders von den Schützengilden gepflegt — mit wehrpolitischen Aufgaben der Zünfte ist nicht zu verkennen (173).

Bekannt ist das noch heute geübte fischerstechen, das ich noch 1934 in Leipzig sehen konnte (175). Es ist in alter Zeit u. a. aus Nürnberg, Augsburg, Wien, Utrecht und Straßburg bekannt. Besonders berühmt ist das Ulmer Fischerstechen (179) geworden. Eisler (180) nennt den Brauch noch aus Laufen an der Salzach. Das Stechen selbst besteht überall darin, daß sich zwei Burschen in ihren Kähnen aufeinander zurudem lassen und bei Zusammenprall versuchen, einander mit einer langen Stange ins Wasser zu stoßen.

Bemerkenswert ist, daß der Ulmer Zug von einem Fleischer angeführt wird. Ob hier eine Erinnerung an ein altes Recht der Metzgerzunft vermutet werden darf, vermag ich nicht zu sagen, wichtig ist jedoch, daß auch das Fischerstechen — stark handwerksmäßig und beruflich gefärbt — der Struktur nach nicht Berufs-, sondern Verbandbrauchtum ist. Mit dem Fischerstechen war in Laufen, Ulm und Leipzig das »Seilspringen« verbunden. An einem über den Fluß gespannten Seil waren Blumenkränze und Würste aufgehängt. Bei der Durchfahrt sprangen die Fischer an das Seil und versuchten hängend ihre Beute loszubinden, mit der sie schwimmend das Ufer erreichten. Das hier ursprünglich vorliegende Gänsereißen und Aalringen habe ich schon erwähnt.

Neben Scheingefechten und sportlichen Wettkämpfen kannten die Zünftler aber auch ernste Prügeleien, die ebenfalls altertümlichen Charakter besitzen. Von den Münsterschen Schneider- und Wollenwebergesellen wird aus dem 16. Jahrhundert folgender Zwischenfall erzählt:

»Anno 1572, den anderen mantagh na pinxteren uf den guden mandagh als do die snider und wulner knechte gewondtlicher wise ihren meigandc holden, do macheden die snider ihren meigraven einen herlichen krantz und diesen darzu vielle rosen, das es beina ein gantz rosenkrantz (185) war. Solchs verdroet den wulnem, die alleine den rosenkrantzs zufoeren berechtigt (!) sein, quamen also in der wedderkumpst uf den markede zusammen, sloegen und houwen sich geswinde zusamen under einanderen, also das an bieden seiden vielle verwundet worden, und helden die wulner lestlich die uberenhand und namen den snidem ihren krantzs af.«

Der Streit entbrannte hier um das Recht, einen alten Brauch auszuüben. Mit genauer Not konnte unter ähnlichen Umständen 1792 in Freiburg i. B. eine Prügelei verhindert werden.

Diese Vorfälle erinnern an altererbte Feindschaften zwischen einzelnen Verbänden (187), wie sie ohne besonderen Grund — nur aus Kampflust — bestehen und »traditionell gepflegt« werden. Eugen Weiß berichtet — als alter Zimmermann — mit Stolz, wie bei den Richtfesten der alte Hader zwischen Maurern und Zimmerleuten immer wieder in blutigen Schlägereien ausbricht, wobei auch einmal einer auf der Strecke bleibt.

Können wir uns nicht vertragen,

müssen wir uns tapfer schlagen,

das Winkeleisen frei!

Dann fließt auch Blut dabei!

Wichtig ist, daß Wunden, die einer bei solchen Händeln davonträgt, »ehrlich« sind. Die Raufereien sind auch sonst der gesteigerte und notwendige Abschluß vieler Feste, ein Brauch, der nicht auf die Bräuche des Handwerks beschränkt ist.

Siehe auch:
Germanengut im Zunftbrauch
Germanengut: das Zunftbrauchtum
Germanengut: die Zunftfeste
Germanengut: die Zunftfeste – Masken und Narren
Germanengut: die Zunftfeste – Opferbräuche
Germanengut: die Zunftfeste – Heischegänge

Germanengut im Zunftbrauch