Schlagwort: Xerxes


Aus den Nachrichten auf assyrischen Tontafeln wissen wir, daß seit der Mitte des 9. Jahrhunderts arische Stämme durch die Tore des Kaukasus und das Becken des Urmiasees in Iran einwanderten. Auch aus den Steppen östlich vom Kaspischen Meer erreichten arische Clans über das nördliche Randgebirge Irans das Hochland. Zwei ihrer Stämme allen voraus organisierten sich zu festeren, staatenfähigen Gemeinschaften. Die Mada besetzten den nordwestlichen Teil des heutigen Königreiches Iran, der durch die Städte Teheran, Hamadan, Kaschan und Kazwin gekennzeichnet ist, während die Parsa südlich davon in den Zagrostälern bis hinab in die Provinz Fars ihre Sitze hatten. Von skythischen Stämmen, die indessen auch diesseits des Kaukasus erschienen waren, und von den Babyloniern unterstützt, besiegten die Meder im Jahre 612 v. d. Zw. die Assyrer und beendeten deren Herrschaft für immer.

Ninive wurde zerstört. Allein schon Astyages, der Sohn des Eroberers Kyaxares, verfiel in seiner Residenz Egbatana beim heutigen Hamadan der von den gealterten Assyrern übernommenen Verweichlichung und wurde von Kyros seines Thrones beraubt. Kyros oder Kurusch, wie ihn die Perser nannten, kam 559 auf den Thron und besiegte 550 die Meder. Er unterjochte darauf Lydien, das Land des Kroisos, durch die Einnahme der Hauptstadt Sardes im Jahre 546 und Babylon im Jahre 539. So hatte er binnen zwanzig Jahren ganz Vorderasien unterjocht. Den Plan, Ägypten zu erobern, konnte Kyros nicht mehr durchführen, da er 530 in Ostiran, wo er gegen eindringende arische Stämme focht, starb. Sich auf sein eigenes Volk, die Perser, als herrschendes Volk stützend, hatte Kyros ein Nationalreich gegründet.

Er befreite sie von allen Abgaben und verpflichtete sie nur zur Heeresfolge, für die er sie mit Ländereien in den eroberten Ländern belohnte. Mit den Satrapien bildete das persische Stammland einen Bundesstaat, in dem es auch gesamtstaatliche Organisationen, wie einen königlichen „Obersten Gerichtshof“, gab, dem die Rechtsprechung und Erklärung der Gesetze oblag. Er bestand aus sieben persischen Richtern, die, analog unseren „Geheimräten“, den Titel „Wohltäter des Königs“ führten. Die Eroberung Ägyptens wurde von Kyros‘ Sohn Kambyses durchgeführt, der jedoch schon auf der Heimkehr aus Ägypten starb, so daß der erst zwanzigjährige Dare-ios, welcher der jüngeren, zweiten Linie der Achämeniden angehörte, die Armee heimführen mußte. Dort war ein gegen das Königshaus gerichteter, allgemeiner Aufstand ausgebrochen, angezettelt durch den medischen Magier Gaumata, der sich als der, wie er vorgab, nur gerüchtweise ermordete Bruder des Kambyses, Bardija, ausgab und die Herrschaft an sich reißen wollte. Von seinen treuen Stammesfürsten unterstützt, gelang es Dareios, den Gaumata zu besiegen. Aus Eifersucht aber über die Auszeichnungen und Belohnungen, die eisernen Getreuen gab, brach gleich nach seiner Thronbesteigung (522) abermals eine nahezu allgemeine Empörung aus, und zwar gleichzeitig in allen Ländern, von Babylonien bis Baktrien, das ebenso wie die Länder jenseits des Euphrat treu blieb. Erst im Jahre 518 war die Ruhe im ganzen Reich wiederhergestellt, und Dareios konnte nun zur straffen Organisierung seines Weltreiches schreiten.

Asien

Während man sich in Babylonien zumeist mit der Verbrennung des Bildes der Hexe begnügte, führte dieser Aberglaube in Europa unter der Führung der Kirche zum grausamen Tod auf dem Scheiterhaufen. Während in Babylonien schon Hammurabi im § 2 seiner Gesetzessammlung jeden, der jemanden unschuldig der Hexerei anklagt, mit dem Tode und der Konfiskation seiner Güter bedroht, wurden im Abendland Millionen von unschuldigen Opfern auf dem Scheiterhaufen verbrannt, darunter Persönlichkeiten wie Huß, Giordano Bruno und Jeanne d’Arc. Haben die Hexenverbrennungen seit der „Aufklärung“ in Europa aufgehört, so lebt der Teufelsglaube in den Kirchenreligionen unverändert fort…


Auch du warst am Anfang nur eine Handelsexpositur von Eridu und Ur, den beiden großen sumerischen Handelsemporien an der Mündung des Euphrat, aber du hast sie und alle andern Städte im Zweistromland überflügelt und hast deinem Namen Ewigkeit verliehen! Schon die Wahl deines Namens war selbstbewußt und in die Zukunft weisend, Babilu, „Pforte des Herrn“!

Deine Feinde und Eroberer, die kriegsgeübten Bergvölker, Assyrier, Kassiten, Churri und Hettiter befriedetest du durch deinen Geist und ließest sie zu deinem Ruhm beitragen. Du warst widerspenstig und aufwieglerisch, stets begierig, das fremde Barbarenjoch abzuwerfen, wofür du oft und bitter gebüßt hast mit Blut und Ruinen. Es straften dich die Assyrerkönige Tukulti-Ninib, Sargon, Sanherib, Assurbanipal und der Perser Xerxes. Und jeder von ihnen zerstörte auch den Hochtempel deines großen Schutzgottes, des Marduk, der deine Triumphe ebenso wie deine Mißgeschicke mit dir geteilt hat, mit dir groß wurde, aber auch mit dir in die assyrische Gefangenschaft ging. Denn, wie die irdischen Könige mit dem Titel auch die Macht der unterjochten Herrscher usurpierten, so eigneten sich ihre Siegesgötter auch die Machtbezirke der unterjochten an, und so kamst du, Marduk, in Besitz von Anus Macht, des Königs der Götter, Ellüs Macht, des Herrn der Länder, und Bels Macht, des Herrn des Luftreiches.

Asien

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Ein Weltreich hat nie genug. Es ist immer unersättlich nach neuem Land. So gelüstete auch die Perser nach weiterem Gebietserwerb. Die Königin-Mutter in Susa soll gesagt haben, sie möchte gern frische Feigen aus Hellas kosten. Der unermeßliche Staat der Achämeniden hatte also doch noch nicht alles, was er brauchte. Er wollte aber am liebsten alles für die Bedürfnisse seiner Bewohner selbst erzeugen. Mithin ein Beweggrund, der auch noch unsere heutigen Weltstaaten zum Handel antreibt. Den ersten Versuch zu einer Einverleibung der Griechen machte der zweite Nachfolger des Kurusch, Darjawusch oder Darius. Seinen Versuch setzte der Sohn Khwachschatra oder Xerxes fort.

Früher hat man immer dazu geneigt, das Alter der Völker zu übertreiben und ihre Anfänge möglichst hoch hinaufzuschrauben. Es wird kaum nötig sein, die ersten greifbaren Taten der Griechen vor 1000 anzusetzen. Selbst die Einfälle nach Ägypten, die um 1200 stattfanden, sind insofern zweifelhaft, als eben nicht sicher ist, ob wirklich hellenische Stämme dabei beteiligt waren. Und der gleichzeitige trojanische Krieg wurde ja von Leuten geführt, die keine Hellenen waren. Ihr Gehaben und ihre Sprechweise wurde eben nur von Homer so umgemodelt, wie später die Leiden Christi in deutsches Gewand gekleidet wurden und wie seine Apostel als deutsche mutige Ritter erschienen. Die große Wanderung der Hellenen, durch die sie ihre Heimat gewannen, hat wie gesagt wohl erst nach 1000 eingesetzt, das heißt aber noch lange nidit, daß jetzt eine echte Überlieferung beginnt. Nein, im Gegenteil! Noch Jahrhunderte hindurch ist alles sagenhaft verbrämt. Lykurgos, dem man die spartanische Gesetzgebung zuschrieb, ist nur ein Mythos; er hat nie gelebt. Neuerdings wird das Gleiche von dem Athener Solon behauptet; auch er sei nur der Abglanz des Ordnung und Gesetze stiftenden Lichtgottes gewesen, während sein unmittelbarer Vorgänger Drakon, „Drache“, eine Verkörperung der Dunkelheit und des bösen Prinzipes sei. Eine richtige athenische Geschichte beginnt jedenfalls erst im sechsten Jahrhundert. Etwas früher regen sich die Hellenen in Kleinasien. Dort tritt schon im siebenten Jahrhundert eine ausgedehnte griechische Siedlertätigkeit an den Ufern Kleinasiens in die Erscheinung. Als äußerste Stadt im Nordosten wird Trapezunt, im Südosten wird Cypern kolonisiert. Man wird sich die Sache so vorstellen dürfen, daß ursprünglich die Hellenen von den Donaugegenden kamen, und daß sie in getrennten Haufen, die jedoch in lockerer Verbindung miteinander standen, von Norden her sich ebensowohl nach Kleinasien wie nach der Balkanhalbinsel ergossen. In der Hauptsache beschränkten sie sich zunächst auf die Küsten, ähnlich wie dies die Malajen und die Phönizier auch getan haben. In erster Linie waren die Griechen ein See- und Küstenvolk. Ziemlich stark haben zur Bildung des griechischen Volkstums die Illyrier beigetragen. Aus der Sprache der Albaner, der heutigen Nachfahren der Illyrier, können so manche griechische Namen und Wörter erklärt werden. So ist Thetis, eine Meermaid, die Mutter des Achilles, im albanischen „See“. In der Folge wurden aber doch mehrere Griechenstämme binnenländisch und wurden der See entfremdet, genau so wie die Holländer in Südafrika die Schiffahrt völlig verlernten. Die Führung der Binnenstämme übernahm Sparta, die Führung der Seestämme Athen. Mit dieser Trennung war notwendig eine Sonderung der Charaktere verknüpft. Die Binnenländer waren konservativ, hart und rauh, Verächter feinerer Sitte, derb und gradaus und im ganzen rückständig. Die Leute an der Küste und auf den Inseln waren leichterer Art, jedem Fortschritt und höherer Bildung geneigt; ihr Blick umspannte die damals bekannteWelt; andererseits waren sie flüchtig, leicht wechselnd und unzuverlässig. Einen anderen Gegensatz bedingte die Mischung mit den verschiedenen Urstämmen, die von den hellenischen Eroberern schon im Besitz getroffen wurden. Die älteren Besitzer wurden durchweg versklavt und hatten hinfort als Hörige das Land zu bebauen und den Herren zu frohnen. In Kreta nannte man diese Leibeigenen Mnoia, in Sparta Heloten, in Thessalien Penesten, in Makedonien Kmeten und Manier. Überall aber, auch in Athen, gab es Unfreie; gerade auf Grund der Ungleichheit baute sich das ganze Staatswesen auf. Zu niederst standen die Haussklaven; etwas besser waren die Landhörigen daran, da sie doch wenigstens an der Scholle hafteten und nicht von ihr vertrieben werden konnten. Wieder höher waren in Athen die naturalisierten Fremden, die Periöken; und auf diesem Untergründe erst erhob sich der seinerseits wiederum abgestufte Bau des Freistaates, an dem die eigentlichen Bürger teil hatten. In Athen richtete sich der Rang der Freien nach ihrem Vermögen. Es war also ein richtiger Klassenstaat. Auch war eine regelrechte Besteuerung, wir dürfen heute sagen, nach progressiven Grundsätzen eingeführt. Die Reichen mußten gehörig bluten; sie hatten im Ernstfälle ein ganzes Kriegsschiff aus eigenen Mitteln zu stellen und auszurüsten. Ein solches Schiff kostete damals noch nicht 40—60 Millionen wie heute, dafür waren aber auch die Mittel, namentlich die flüssigen, viel spärlicher als heute. Wie anders aber sah das Bild in Sparta aus! Dort legte man auf Besitzabstufung nur wenig Wert. Es herrschte sogar ein gewisser Kommunismus, von dem nicht einmal die Frauen ganz unberührt blieben. Als Verkehrsmittel war nur plumpes Eisengeld da. Von einer Besteuerung war kaum die Rede. Vorerst, solange man in reiner Naturalwirtschaft lebte, brauchte man überhaupt kein Geld; darnach aber, als solches für weitausschauende Feldzüge und sonstige Dinge notwendig wurde, da trachtete man darnach, das nötige Metall von den anderen, von den Bundesgenossen und Unterworfenen einzutreiben.

Seitdem siebenten Jahrhundert waren Großreiche im Osten der indogermanischen Welt im Entstehen: in Indien das Reich der

Nanda, in Persien das der Achämeniden, in Lydien das der Mermnaden. Der Westen war dagegen noch auf lange hinaus in kleine und kleinste Herrschaften zersplittert. Nun machte sich allmählich das Übergewicht des Ostens geltend. Ein fühlbarer Drude wurde namentlich von den Lydern ausgeübt. Die Könige der Lyder bis hinab auf Krösus schoben und drückten nach Westen und drohten schon, die Griechen ganz in die See zu werfen. Die meisten Griechenstädte an der Küste unterwarfen sich, einige aber wichen dem Stoße aus und suchten eine neue Heimat jenseits der Salzflut. Milet und Phocaea gründeten Pflanzstädte bis zu den Nordküsten des Schwarzen Meeres, bis nach Südfrankreich, wo Massalia, das heutige Marseille, besiedelt wurde, und bis Südspanien. Andere Griechenstädte, meist dorischen Stammes, wie Rhodos und Halikarnassos, entsandten Siedler nach Italien und Sizilien, wo sie sich mit dorischen Verwandten aus dem Peloponnes vereinigten. Im Osten gerieten die Großreiche miteinander in Streit: Persien, das neuauflebende Babylon und Lydien. Während so die starken Ostmächte beschäftigt waren, konnten sich ein Jahrhundert lang die Griechen unbesorgt ausdehnen. Ihre Kolonien blühten auf, und griechisch wurde der Handel an fast allen Küsten des mittelländischen Meeres. Sehr bald jedoch nahten neue Gegner. Im Westen hatten sich die Karthager, Söhne der Phönizier, in Nordafrika und die Etrusker in Italien zu beträchtlicher Macht emporgeschwungen. Sie vereinigten sich jetzt zu gemeinsamem Vorgehen und drohten, dem jungen Griechen-pflänzlein im Westbecken den Garaus zu machen. Es kam zu einer großen Seeschlacht in den Gewässern von Korsika, 534. Die Griechen wurden geschlagen und mußten hiernach vielfach vor den unwiderstehlich vorrückenden Karthagern und den bis nach Spanien ausgreifenden Etruskern zurückweichen.

Die Etrusker waren von Kleinasien und der Krim gekommen, wahrscheinlich zugleich zu Wasser und zu Lande. Sie gehörten jener großen Kasrasse an, zu der die meisten vorarischen Völker in ganz Europa zu rechnen sind. Ihre nächsten Verwandten waren die Rhätier, die sich von dem nördlichen Pobecken bis nach der oberen Donau und zum Bodensee hin dehnten. Andere Verwandte waren die Veneter, die ebenfalls aus Kleinasien her wanderten und die der Landschaft Venetien und der Stadt Venedig, sowie der Stadt Vindobona, dem heutigen Wien, den Namen gaben. Weiters waren die Ligurer verwandt, die von dem Apennin bis zum Liger, der heutigen Loire, und wahrscheinlich bis in die britischen Inseln hinein saßen, endlich die Iberer, die von der unteren Rhone und der Garonne bis nach Südspanien wohnten, Sardinien und Korsika besetzten und zeitweilig auch Striche in Italien und Sizilien inne hatten. Alle diese Völker sind Vettern der heutigen Tscherkessen und Georgier; die einzigen Reste von ihnen im Abendland sind die Basken. Die Weststämme der Kasgruppe errichteten zwei Reiche von Belang, die Turdetaner in Mittelspanien und die Etrusker in ganz Italien. Die Etrusker waren ein untersetzter, zur Wohlbeleibtheit neigender Schlag. Sie waren von starker Sinnlichkeit. Durch starke Burgen hielten sie die unterworfene Bevölkerung im Gehorsam. Ihr Götterglaube war düster und unheimlich. Sie hatten eine Anschauung aus dem Osten mitgebracht, derzufolge die Welt zwölf Jahrtausende dauern werde. Ihre Kunst, wie auch ihr Alphabet war zumeist den griechischen Mustern entlehnt. Ihre Staatsverfassung war oligarchisch. Von rund 600 bis 480 reichte das Gebot der Etrusker von den Alpen bis an die Südspitze Italiens. Auch die arischen Völker mußten ihnen gehorchen. Wann die Italer in die Apenninhalbinsel eingewandert seien, ist völlig unsicher. Möglicherweise seit 800. Seit dem sechsten Jahrhundert floß noch eine dritte Völkerwelle nach Italien, nämlich die keltische. Von einer Gegend aus, die etwa an der mittleren Donau zu suchen ist, ergossen sich die Kelten nach allen Himmelsrichtungen zugleich. Sie besiedelten einen großen Teil von Deutschland, wohl bis zur oberen Elbe und bis fast zur Lippe hinauf; sie eroberten Gallien, die Niederlande und einen Teil der britischen Inseln; sie breiteten sich in der Po-Ebene aus und in Portugal. Um 380 gelangten sie bis nach Mittelitalien und trugen nicht wenig dazu bei, die Macht der Etrusker zu brechen. Zugleich wurde von Süden her, nämlich durch die Griechen, die Kraft der Etrusker unterhöhlt.

Vorläufig aber waren die Griechen noch in großer Bedrängnis. Sie standen in Gefahr, im Westen von Etruskern und Karthagern zerrieben zu werden. Im Osten aber schwoll die dunkle Sturmwolke immer bedrohlicher an und rückte über die griechischen Inseln bis nach Hellas vor. Unter Xerxes eroberten die Perser Athen. Dergestalt waren die Hellenen in drangvoller Enge, und es war nicht ausgeschlossen, daß sie, jetzt schon, wie das tatsächlich erst nach 300 Jahren geschah, sämtlich unter ein Fremdjoch sich beugen mußten.

Bei der Beurteilung der Griechen muß man genau so verfahren, wie bei dem Urteil über die Juden. Man darf nicht glauben, daß die Naturanlage, daß die Grundstimmung, der Charakter der Völker sich im Laufe der Jahrhunderte wesentlich ändere. Nur insofern ist ein Wechsel erkennbar, als einmal die eine Eigenschaft schärfer hervortritt und dann eine andere, die vorher mehr oder weniger verborgen war. Die Griechen des Miltiades und Themistokles sind nicht anders als die Griechen von heute. Schon damals übereifrige Partikularisten, ewige Neider und Nörgler, die nur immer Fehler an ihrem Nächstenmenschen auszusetzen hatten, ohne in der Regel selbst es besser machen zu können oder auch nur den Versuch dazu zu wagen. Von der Masse des griechischen Volkes gibt es einen treffenden Spruch, der dem Gesetzgeber Solon zugeschrieben wird.

Handelt ihr einzeln, so geht ein Jeder auf Spuren des Fuchses.

Sieht man euch alle gesamt: Gleich wird ein Dummkopf daraus. In ihrer großen Masse schwatzen und schreiben auch noch heute die Neugriechen Tag und Nacht über Politik; woran es aber fehlt, das ist die tatkräftige Organisation, ist die Stetigkeit, ist die Verläßlichkeit. Und wie war es im Altertum ? „Griechische Treue“ war berüchtigt, war geradezu für Treulosigkeit gang und gäbe. Dagegen haben die Griechen sowohl im Altertum als auch in der neuesten Zeit immer ein Glück besessen, nämlich eine reiche Saat von hervorragenden Talenten und daher auch einen erklecklichen Bestand von politischen Genies. Eine zeitlang wurden denn so die Hellenen durch ihre weitblickenden und tatkräftigen Staatsmänner aus dem politischen Elend herausgerissen und auf die Höhe von Glanz und Macht emporgeführt, aber eben doch nur eine zeitlang! Immerhin genügte auch eine kurze Spanne, um sofort eine herrliche Blüte der Kunst und des Schrifttums emporsprossen zu lassen. Der geniale Mann des Augenblicks war im Jahre 480 Themistokles. Vorausahnenden Geistes hatte er schon lange vor dem Einbruch des Xerxes seine Athener dazu bestimmt, eine Flotte zu bauen. Das war folgendermaßen zugegangen. Ähnlich wie das fränkische Städtchen Klingenberg einen kostbaren Steinbruch besitzt, der soviel abwirft, daß die Bürger gar keine Steuern zu zahlen brauchen, sondern im Gegenteil jährlich etwas heraus bezahlt bekommen, so besaß der athenische Staat ein Silberbergwerk an der Südostspitze Attikas, zu Laurion, ein Werk, das in jedem Jahre eine erfreuliche Rente den athenischen Bürgern abwarf. Nun beantragte Themistokles, manfsolle diese Rente, statt sie wie bisher zu verteilen, zum Anbau von Kriegsschiffen verwenden. Man kann sich leicht vorstellen, daß ein nicht geringer Teil der Bürgerschaft ob solchem Ansinnen in Aufregung und Wut geriet. Wie? die Bürger sollten der schönen Einnahmequelle verlustig gehen? Man sollte sich eine unnütze Flotte auf den Hals laden, von der man gar nicht wisse, ob sie nicht noch zur Unterhaltung mehr Geld verschlingen werde, als der Bau gekostet? Die Perser dächten gar nicht daran, nachdem sie sich schon einmal bei Marathon durch Miltiades (490) blutige Köpfe geholt, nach dem waffenstarrenden Attika zurückzukehren. Es sei mehr als zweifelhaft, ob die kostspielige Flotte überhaupt je etwas zu tun haben werde. Man konnte und kann derartige Redensarten auch heute noch bei uns hören. Dabei gehen solche Worte nicht selten aus dem Munde von sehr achtbaren Leuten, namentlich von binnenländischen Grundbesitzern. Es ist das bei uns und war das in Athen ein tüchtiger, höchst ehrenwerter Schlag, der fest und treu bei den alten Sitten beharrte und der nur mit lebhaftem Mißvergnügen auf das Treiben der neuerungssüchtigen Windhunde, des Themistokles und seiner Genossen, bei uns des Admirals Tirpitz und derer, die ihn in seinen „uferlosen Flottenplänen“ bestärken — herabsah. Es war und ist einfach der Gegensatz zwischen den Landinteressen und den Handelsinteressen, der Gegensatz zwischen dem alten konservativen Elemente und der ins Weite strebenden Partei, die mit den Forderungen der neuen Zeit geht. Man kann es den Verehrern des Alten nicht so sehr verübeln, wenn sie sich nicht ohne weiters von der stürmischen Jugend mit fortreißen lassen. Was aber stets den Ausschlag gibt, im Athen des Themistokles, wie heute bei uns, das ist die Gefahr. Die Gefahr von außen! Die Anderen rüsten und drohen und da bleibt gar keine Wahl: auch der Bedrohte muß der Forderung des Augenblicks genügen, auch er muß rüsten. Der Einbruch des Xerxes lehrte, daß Themistokles richtig gesehen. Vom Festlande waren die Athener schon ganz vertrieben und sie mußten schmerzerfüllten Auges mit ansehen, wie ihre schöne Stadt eine Beute der Perser und zuletzt ein Raub der Flammen wurde: Die Heimat der Athener war hinfort nur noch auf der Flotte. In der Meerenge von Salamis, die nur wenige Kilometer breit ist, errang dann die Flotte einen glänzenden Sieg gegen die Schiffe der Perser. Die unmittelbare Folge davon war, daß das persische Landheer sich aus Athen zurückzog. Nun faßten auch die übrigen Griechen Mut, die Spartaner, die Argiver und die Böotier und fügten den abziehenden Persern beträchtliche Verluste zu.

Die Freiheit Griechenlands war gerettet. Gegenwärtig denkt man zwar anders über diese Freiheit wie noch vor hundert, wie noch vor 30 Jahren. Die Ordnung des persischen Staatswesens, die Großzügigkeit, die sich auf jedem Gebiete im Achämeniden-reiche kund tat, und die Wirkung so mancher hervorragender Charaktereigenschaften der Perser hätten den Zeitgenossen von Salamis gar nichts geschadet. Selbst in der Kunst und Religion hätten sie bedeutsame Anregungen erfahren können. Ich will hier nur eins erwähnen, was noch heute den persischen Künstler vor allen anderen auszeichnet. Er schafft ein jedes Werk nur ein einziges Mal. Er glaubte sich selbst erniedrigt, wenn er es noch einmal wiederholte; wenn er gewissermaßen zum Handwerker, zum Fabrikanten hinabsänke. Und mit der Reinheit des Zarathustrischen Gottesbegriffes konnten die Vorstellungen der Hellenen wie sie bis damals waren, nur schwer wetteifern. Endlich wird man auch militärisch den Sieg der Hellenen nicht allzu hoch anschlagen dürfen. Die Perser waren sehr weit von ihrer Basis entfernt; sie operierten in einem Lande, das selbst nur wenig Hilfsmittel bot und wohin der Nachschub aus der fernen Heimat recht schwierig war. Genug jedoch, die Unabhängigkeit ist einem Volke immer das höchste Gut und muß es sein. Durch kluge und kühneTat hatteThemistokles den Griechen ihre Unabhängigkeit gerettet. Auch ist offensichtlich, daß durch den großen Sieg die Tätigkeit der Hellenen auf sämtlichen Gebieten des Lebens einen bedeutsamen Anstoß erhielt. Im übrigen dauerten die Perserkriege noch fort. Erst mit der Schlacht, die der Athener Kimon an der Küste Cyperns 441 gewann, trat für einige Zeit Ruhe ein. Schon vor dem Aufhören dieser Kriege zog ein Blütezeitalter für die hellenische Kultur herauf. Das Drama kam auf seine Höhe. Aischylos, der ernste, tiefsinnige Dichter, ist in seiner Wucht und seiner sprechenden Kürze niemals übertroffen worden. Unsterbliches leistete in der Bildhauerei und Baukunst Phidias, in der Baukunst Kratinos und Aktinos. Freilich war Phidias nicht der Erste. Die jüngsten Jahre haben uns Ausgrabungen auf der Akropolis gebracht, durch die uns erst das ganze Werden des Phidias deutlich wird. Wunderbare Frauengestalten, die, obwohl vom Knöchel bis an den Hals verhüllt, doch eine meisterhafte Behandlung des Fleisches offenbaren, Frauen von herber Keuschheit und doch innigem Reize bieten sich unseren entzückten Augen. Gegen sie stellt Phidias, der bisher als ein Vertreter des strengen Stiles galt, bereits eine Lockerung der Form dar.

Die Geschicke des Staates leitete jetzt nich tmehr Themistokles. Die Athener, wie so manche andere Griechen, hatten vor nichts mehr Angst, als davor, daß ein hervorragender Mitbürger sich zum Herrn über Alle emporschwänge. Ob eine solche Herrschaft ihnen geschadet oder genutzt hätte — einerlei: Sie wollten sie nicht haben und zogen es daher vor, selbst die verdientesten Männer, wenn ihr wachsender Einfluß bedrohlich schien, hinaus in die Verbannung zu senden. Man spricht daher von dem entsetzlichen Undank der Athener. Themistokles war ein Typus des Staatsmannes, wie ihn in der Gegenwart Paul Krüger, der Transvaalpräsident bot. Er konnte kaum lesen und schreiben und hatte keineswegs, was wir wissenschaftliche Bildung nennen. Dafür hatte er einen scharfen Blick und einen gesunden Menschenverstand. Und außerdem Geistesgegenwart. Diese Eigenschaften sind mehr wert als Kenntnisse, die zum Abiturientenexamen befähigen. Durch das „Scherbengericht“ verbannt, begab sich Themistokles zu seinen Feinden, zu den Persern, die ihn denn — was ihrer Gesinnung ein rühmliches Zeugnis ausstellt — ehrenvoll aufnahmen und ihn einem Edelmanne gleich bis an sein Lebensende hielten.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen

Männer; Völker und Zeiten