Schlagwort: Yuracáreindianer

Bei den Yuracáreindianern.

Spiele und Spielzeuge, Verhältnis zu anderen Indianern,
Krankheiten, Schmuck und Kleidung

Die sich am wenigsten um uns kümmerten und am ehesten zu ihrer Arbeit zurückkehrten, das waren die Frauen.

Aus folgender Tabelle sehen wir die Arbeitsteilung unter den Geschlechtern.


Bei den Indianern, die ich im Gran Chaco besuchte, liegt die Kunst eigentlich in den Händen der Frauen. Die Frauen malen die schönen Tongefäße bei den Chiriguano, die Frauen weben die fein ornamentierten Mäntel bei den Ashluslay.

Bei den Yuracáre besitzen die Männer die Kunstfertigkeit. Die rein weiblichen Künste, Keramik und Weberei, liegen völlig darnieder. Die Tongefäße sind sehr selten bemalt, und man sieht nur wenige Formen (Abb. 23). Sie weben einfache Bänder, das ist alles. Hier blüht vor allem die Spezialität der Männer, die Schnitzerei. Auch im Chaco sind die Männer die Schnitzer und Verzierer. Jeder Yuracáremann trägt an einer Schnur auf dem Rücken ein eisernes Messer, das er auf seine Weise mit einem Stiel versehen und wie ein Haueisen mit einer Querschneide geschliffen hat. Das ist ein Universalwerkzeug. Besonders fein schnitzen sie die Holzstempel (Abb. 35, 36, 37), lustig sind die Vögel aus Alligatorzähnen (Abb. 16). Eine ganz ungewöhnliche Sorgfalt verwenden sie auf ihre Kämme (Abb. 13). Sie bedienen sich dabei einer Schablone aus Holz oder Bein (Abb. 28), damit die Stäbchen gleich lang werden. Diese werden dann so zusammengebunden, daß die Fäden ein schmuckes Ornament bilden. Was ist der Grund, daß die Kunstfertigkeit der Frauen darniederliegt, während die der Männer blüht? Diese Frage ist interessant genug, um eine Antwort zu erheischen. Zum großen Teil beruht cs wohl auf äußeren Umständen und der strengen Arbeitsteilung unter den Geschlechtern. Die Weberei z. B. ist Frauenarbeit, jedoch sind die leicht herstellbaren Rindenstoffe reichlich zugänglich und machen die Weberei nahezu überflüssig. Auch die Keramik ist Frauenarbeit. Der Ton muß aber weither geholt werden, und deshalb hat sich die Keramik nicht entwickelt.

Die Yuracáre, sowie die Choroti und Ashluslay im Gran Chaco schmücken sich selbst, aber vernachlässigen darüber das Hausgerät. Noch mehr tun dies die Chacobo, die wir später in diesem Buche kennenlernen werden. Die Chane und Chiriguano verwenden große Sorgfalt auf schmuckhaftes Hausgerät, fein bemalte Tongefäße und schön verzierte Kalebassen. Dieses Bedürfnis, nicht nur selbst fein zu sein, sondern auch schöne Sachen zu haben, beweist uns, daß letztere Stämme kulturell höher stehen als die anderen. Das Ornament auf der Flöte (Abb. 29 d) heißt „tümusi“ und stellt einen Fisch dar, das mittlere Ornament (Abb. 29 c) heißt „pirissi“ und ist nach Aguirre eine Schlange. Ein ähnliches Ornament ist auf dem Rücken der Klapperschlange, und es erscheint mir möglich, daß sie hier die Natur nachzuahmen suchten. Die Schlange wurde durch eine Zeichnung wiedergegeben, die für sie charakteristisch ist, auf dieselbe Weise wie eine Chorotifrau einen Choroti nur durch die Tätowierung allein darstellte. So holen die Yuracáre ein geometrisches Ornament direkt aus der Natur. Dieses erhalten sie jedoch nicht durch Stilisierung einer realistisch gezeichneten Schlange, sondern durch Kopieren eines Details von ihr. In der Natur gibt es ja viele einfache Ornamente, die die Naturvölker kopieren können. Daß sie diese beobachten, ist keineswegs eigentümlicher, als wenn sie auf die Ornamente achten, die beim Korbflechten entstehen. Ich habe bereits hervorgehoben, daß man südlich der Sta.-Cruz-Grenze keinen Rindenstoff antrifft. Hier bei den Yuracáre aber ist die Erzeugung derartigen Stoffes eine wichtige Industrie. Die Basthülle einer Maclura wird in großen Stücken abgezogen, die dann mit Holzkeulen zu Stoffen geklopft werden. Man verwendet diesen Stoff zu Hemden der Männer, Weiber und Kinder, Tragbändern, Taschen, Moskitcros, Wiegen u. a. Die Körbe werden in mehreren Typen angefertigt, von denen hier ein paar wiedergegeben sind. Besonders interessant ist der Spinnapparat der Yuracareindianer (Abb. 42). Er gehört, soviel ich weiß, zu einem neuen Typus. Die Weißen behaupten, daß die Yuracáre faul bei der Arbeit seien. Für sich selbst jedoch arbeiten sie genügend, um zu essen und gut zu wohnen, um sich zu kleiden und zu schmücken. Mehr kann man nicht von ihnen verlangen. Sie sind so glücklich, in einem dünn besiedelten Lande zu wohnen, wo der Boden ohne allzuviel Arbeit eine reiche Ernte abwirft, und wo niemand Diener ist. Sie haben keinen Anlaß, die vielen Weißen zu beneiden, die vom Morgen bis zum Abend kämpfen müssen, um nicht zu verhungern, und enggepreßt in rauchigen, schmutzigen Städten wohnen. Bis die Weißen alles verdorben haben, solange können sich die Yuracare den Genuß des Müßigganges gönnen. Dann erst kommt die wirkliche Armut zu ihnen.

Außerhalb ihres Gebietes habe ich nur einmal Yuracareindianer als Arbeiter bei den Weißen gesehen. Das war bei einem Franzosen, der unter seinen Schuldsklaven einen Yuracäremann hatte. Zwei Töchter von ihm warteten bei Tisch auf. Sie waren sauber und gelehrig. Auch die Mutter war dort gewesen, aber sie war in die Urwälder zurückgeflohen.

Schmuck und Kleidung

Die einzigen Tätowierungen, die man bei den Yuracáre sieht sind einfache Narben, die nicht mit Ruß gefüllt werden. Wenn die Knaben zwölf bis vierzehn Jahre alt sind, sticht man sie mit einem beinernen Pfriem in Arme (Abb. 39) und Schenkel, auf daß sie gute Bogenschützen werden. Die Frauen werden zuweilen von den Männern in die Arme gestochen, wenn sie bei der Bereitung von Mandiocabier faul sind. Sonst sieht man keine Tätowierung. Sowohl Männer als Weiber bemalen sich dagegen mit roter Farbe (Bixa) oder feinem Sandstein oder mit blauvioletter Farbe (Genipa) (Abb. 38). Die rote Farbe verwahren sie in verzierten Bambusrohren (Abb. 41). Bei festlichen Gelegenheiten tragen die Männer Gehänge in den durchbohrten Ohren (Abb. 17). Die Männer entfernen sorgfältig alle Haare von dem Kinn und den Oberlippen, dagegen nicht die Haare unter den Armen und um die Geschlechtsteile. Wie es die Frauen machen, weiß ich nicht, da ich nie eine mit entblößtem Oberkörper, geschweige denn nackt gesehen habe.

Alle kleinen Yuracárekinder haben braunes Haar. Einige von diesen Indianern haben Locken. Die Augen sind dunkelbraun. Die Frauen tragen das Haar lang und in der Mitte gescheitelt. Die Männer und Knaben sind jetzt kurzgeschoren. Früher trugen sie langes Haar. Man kann auch Frauen sehen, die zwei lange Zöpfe haben. Ich habe keinen weißhaarigen Indianer gesehen und nur einen, der etwas grau war. Einen glatzköpfigen Yuracäre habe ich nie gesehen. An Wochentagen tragen die Frauen außer dem Basthemd einige Halsbänder aus Samen und Ringe aus Palmnüssen. Häufig haben sie gleich den Männern die Fußgelenke mit Schnüren umwickelt. Die Männer tragen an Wochentagen keinen Schmuck. Nicht selten verwenden sie die Hosen und Hemden, die sie von den Weißen bekommen haben. In dieser Kleidung treten sie auf, wenn sie zur Mission am Rio Chimore oder nach Sta. Rosa am Rio Chapäre gehen. Leider habe ich nie die Yuracäre im Festschmuck gesehen, wie sie d’Orbigny abbildet (Tafel 14); dagegen habe ich fleißig in den Schmucktaschen der Frauen und den Federkörben der Männer gestöbert. Das machte mir großes Vergnügen.

Die Yuracáreweiber sind wahre Kuriositätensammler. In ihren Taschen findet man Samen aller Art für Halsbänder, den Kehlkopf des Brüllaffen, Alligatorzähne, Affenzähne, Schnäbel von Tukans, Waldhühnern, Hackspechten und Enten, rote Federn des Tukan, Köpfe von Käfern, eigentümliche Fischknochen, Palmnüsse u. a. All das verwenden sic für Halsbänder, Hemd- und Gehängeschmuck. Offenbar interessiert sich die Yuracärcfrau für alles Eigentümliche in der Natur. In den Körben der Männer sicht man Jaguarzähne, Hirschgeweihe, Papageienfedern und Federn anderer Vögel, beinerne Flöten u. a.

Krankheiten

Sehr gewöhnlich ist hier eine Krankheit, bekannt unter dem Namen Puru-puru, welche die Yuracáre „chátchabu“ nennen. Sie äußert sich in rötlich-weißen, pigmentlosen Flecken auf Händen, Armen, Füßen und Beinen. Bei älteren Leuten werden diese Flecken sogar blauschwarz. Aguirre hielt die Krankheit für erblich. Man sieht eigentlich mehr Frauen als Männer mit diesen Flecken, die aber kein Unbehagen zu verursachen scheinen. Daß die Flecken bei Neugeborenen auftreten, habe ich nie gesehen. — Einmal sah ich ein neugeborenes Kind, das war am ganzen Körper hell rötlich, wie das Kind eines weißen Mannes. Während meiner Reisen unter den Indianern habe ich Puru-puru außer bei den Yuracáre bei den kleinen Stämmen am Rio Tambopata und Rio Inambari gesehen. Man kennt diese Krankheit auch von den Mosetene und Chimäne, und sie scheint daher in diesem Teile Südamerikas längs der Anden dem Urwaldgürtel zu folgen. Ungewöhnlich viele Yuracáre haben Krätze. Die Blattern haben fürchterliche Verheerungen unter ihnen angerichtet. Gibbon z. B. bereiste diese Gegenden während einer Blatternepidemie. Ich sah keinen Fall von Klimafieber. Conjunctivitis kommt vor. An Gebrechen beobachtete ich einen Schwachsinnigen, einen Hinkenden und drei Taubstumme, und zwar unter etwa hundert Personen. Zum Aderlässen verwendet man ein kleines Gerät aus Bambus (Abb. 33), das man gegen die Vene in der Armbeuge schnellen läßt.

Verhältnis zu anderen Indianern


Die Yuracáre haben große Furcht vor den Siriono (in ihrer Sprache Siriäno), die in den Urwäldern zwischen Rio Mamorecillo und Rio Piray leben. Früher lagen sie in Fehde mit diesen Indianern. Haeke erzählt, daß sie in diesen Kämpfen mit eigentümlichen Figuren bemalt waren, die dem Feinde Schreck einjagten. Rio Mamorecillo und Rio Ichilo werden als Grenzflüsse zwischen Yuracáre und Siriono angesehen. Die ersteren weigern sich, auf der Seite des Flusses Lager aufzuschlagen, die den letzteren zugehört. In Sta. Rosa am Rio Chapare lernen die Yuracäre die Quichuaindianer kennen, auf ihren Flußfahrten die zivilisierten Indianer am Rio Mamore. An die ersteren verkaufen sie Kämme und Federn, an die letzteren außer Federn auch Balgstücke vom Tukan und manchmal auch Pfeile und Bogen. Weit im Norden grenzen die Yuracáre an die Chimáneindianer.

Spiele und Spielzeuge


Auf dem Ufer unterhalb Aguirres Hütte tummeln sich die Kinder im Sande. Es ist Wettschießen mit Pfeil und Bogen; Spiel und Glück. Für die Kleinsten haben die Mütter Puppen gemacht, Puppen aus Wachs, doch oft ohne Arme und Beine (Abb. 44). Die Knaben haben Kreisel (Abb. 32), „buzz“, Obstkernflinten, Schwirrhölzer (Abb, 31) und Spielzeugbogen. Sie haben auch Tonkugelbogen. Ganz klein manövrieren sie schon die Kanus. Gehen und rudern lernen sie beinahe gleichzeitig. Sie sind sichere Bogenschützen. Unter Scherzen und Lachen knöpfen sie mir meine Preise ab. Wäre ich ein Indianerjunge, so würde ich nicht in die Messe gehen und Paternoster und Ave Maria lernen oder noch weniger zum Diener der Weißen mich erziehen lassen. Ich versteckte mich wie so viele Yuracäre tief in dem großen Wald, um frei zu leben und zu sterben, um ein Mensch zu sein und nicht nur ein Rad in einer Maschine.

Wir müssen nun unsere Freunde, die Yuracäreindianer, verlassen und weiterziehen, um andere Indianer zu besuchen, die unter anderen Verhältnissen leben, um unserem Vorsatze gemäß das Problem Indianer und Weiße von mehreren Gesichtspunkten aus zu studieren.

Buzz (engl. Wort) ist eine kleine runde Scheibe aus einem Stücke Kalebasse mit zwei Löchern. Durch diese läuft ein Faden. Mit diesem Spielzeug bringt man einen brummenden Laut hervor (siehe Indianerlcben, Abb. 10-1 A). Während meines Aufenthaltes bei den Yuracäre richtete ich ein besonderes Augenmerk auf eine vollständige Sammlung der Hausindustrie. Meine über fünfhundert Nummern zählende Sammlung davon ist meines Wissens einzig dastehend. Durch d’Orbigny wissen wir recht viel über Sitten, Gebräuche und Mythologie dieser Indianer, aber niemand vor mir hat ordentliche Sammlungen angelegt. Sonst pflegt es gerade umgekehrt zu sein. Man kennt recht gut die Gegenstände, die ein Indianerstamm verwendet, aber man kennt nicht die religiösen Vorstellungen, Sitten und Gebräuche desselben Stammes. Die charakteristischsten Gegenstände dieser Indianer habe ich hier abgebildet. Die Kenner der Ethnographie Südamerikas werden sicher viele davon höchst interessant finden.

Ich verstehe ganz gut, daß es auch einem Weißen verlockend erscheinen mag, wie ein Yuracäre in einer kleinen, kleinen Lichtung des gewaltigen Urwaldes zu wohnen, nur mit wenigen zusammen, weit entfernt vom Nachbarhofe, und überall die Natur zu finden, unberührt von zerstörender Menschenhand und dank der feuchtwarmen Luft von einer wunderbaren Üppigkeit. Obgleich ich ein Weißer bin, verstehe ich die Abneigung dieser Indianer gegen eine Vereinigung in Dörfern, um christianisiert und zu „besseren Menschen“ erzogen zu werden. Sie sehen es gerne, wenn sie von den Weißen Eisenwerkzeuge, Schmuckgegenstände und Branntwein bekommen, aber wollen dennoch ihr eigenes Leben weiterleben. Das Eisen hat viele Indianer zu den Weißen gelockt. Für ein Stück Eisen können Siriono und manche Indianer in Chiquitos die Weißen überfallen. Für Eisen riskieren die Tsirakua ihr Leben. Wenn die Indianer einmal auf dem Wege zwischen Sta. Cruz de la Sierra und Puerto Suarcz am Rio Paraguay beladene Ochsenwagen überfielen, so nahmen sic alle Eisenbeschläge, das übrige ließen sic liegen. Das Eisen, das wunderbare Eisen lockt die Indianer zu den Weißen. Der Branntwein aber bindet sie dann mit Fesseln, die stärker sind als Eisen.

Wir haben schon gehört, daß viele Yuracärc nicht mehr unabhängig sind von den Weißen. Besonders gilt dies von denen, die am Rio Chapare leben. Langsam aber sicher verlieren auch die Yuracare ihre Selbständigkeit. Alle werden ihre Freiheit verlieren und in die Dörfer der Weißen als deren Diener ziehen. Ihre Kleinkunst, die wir bewundern gelernt, verschwindet. Die Urwälder schließen sich über den kleinen Siedlungen, bis der Tag erscheint, da die Waldabholzer darüber hinziehen, und auch hier die Natur zerschlagen und banalisiert wird.

Wenn wir nun weiterwandern und manchmal in einem Hofe der Weißen haltmachen und in den Arbeiterwohnungen die versoffenen Kerle, Kebsweiber und Kinder einer Mischrasse sehen, so werden wir erfahren, daß nur mehr Sprache und Aussehen davon zeugt, daß diese „zivilisierten Menschen“ Indianer sind. Es wird uns grämen, daß der Verfall auch bei den Yuracare Einzug hält, und daß der Einfluß der Weißen auf das Land der Yuracäreindianer immer mehr wächst.

Es mag kindisch erscheinen, sich über das Verschwinden eines ganz kleinen Indianerstammes und den Untergang einer unbedeutenden Kultur zu grämen; und das wäre es vielleicht auch, wenn dieser Untergang nicht ein Glied in dem Internationalisierungsprozesse wäre, der in Amerika seit Jahrhunderten mit immer größerem Erfolg stattfindet und sich immer mehr der Vollendung nähert.

Text aus dem Buch: Indianer und Weisse in Nordostbolivien (1922), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianer und Weisse in Nordostbolivien (Einleitung und Vorwort)
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Der skulptierte Berg bei Samaipata
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Herz von Südamerika
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Die Grenze von Sta. Cruz
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Churápaindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Im Motorboot zu den Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zwei Ausflüge mit Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Bei den Yuracáreindianern

Indianer und Weisse in Nordostbolivien

Aguirres Hütte


Die Indianerstämme, die ich im Gran Chaco kennenlernte, lebten immer in Dorfschaften. Bisweilen waren die Dörfer ziemlich groß. Die Yuracäre aber sind, wie wir sahen, nicht so gesellschaftlich. Ein, zwei Familien wohnen zusammen, das ist alles. Zum nächsten Nachbarhof sind es oft mehrere Meilen. Das war ein Grund mehr, warum es so außerordentlich schwierig war, die Yuracáre zum Leben in Missionen zu bewegen. Sie bewohnen ein gewaltiges Gebiet; und ihre Anzahl ist im Verhältnis dazu ganz gering. Ein Missionar am Rio Chimore hat sie auf zweitausend geschätzt, Frauen und Kinder mitgerechnet, aber ich halte diese Zahl für übertrieben. Wahrscheinlich sind es höchstens tausend. Wir finden diese Indianer am Rio Mamorecillo, Rio Chimore, Rio Chapäre, Rio Secure und ihren Nebenflüssen.

Die Yuracáre wohnen in dem großen Urwald, in dem es keine Lichtungen gibt. Dies trägt dazu bei, daß sie nicht in Dörfern wohnen, denn die Jagd des großen Urwalds ist arm, und diese Indianer sind als eifrige Jäger bekannt. Der gewaltige, feuchte Urwald, den das Feuer nicht angreift, ist mit primitiven Werkzeugen nicht so leicht auszuroden, weshalb es früher, als man keine eisernen Äxte hatte, schwerhielt, genügend große kultivierbarc Plätze zu schaffen. — Vielleicht liegt cs in der Natur dieser Indianer, daß sie sich nicht zusammenschließen, sondern jeder soviel als möglich seinen eigenen Weg geht. Der Yuracáreindianer ist seßhaft, aber er wechselt oft und schafft sich neuen Boden. Wir haben ja gehört, wie der alte Aguirre fortzog, als seine Frau starb. Auch wenn die Jagd unergiebig wird, zieht er weg. Ich bin nur in fünf Yuracárehöfen gewesen. Zwei davon lagen an Seen, madrejones, in der Flußnähe, einer lag drinnen im Urwalde und zwei am Flußufer. Die zwei ersten waren am Rio Mamorecillo, die letzteren am Rio Chimore.

Beinahe an der Hauswand begann der große Urwald, doch hatten sie ganz schöne Felder oder, besser gesagt, Gärten gerodet. Zwischen den Hütten gibt es selten ordentliche Wege, denn der Yuracáreindianer zieht es in der Regel vor, seine Nachbarn im Kanu zu besuchen. Manchmal reiten sie auf einem Baumstamm den Fluß hinab. Das mag ein lustiges Spiel sein, wenn man, wie diese Indianer, ein guter Schwimmer ist. Die Hütten der Yuracáreindianer haben eine schöne Lage; aber das ist nicht das Verdienst der Indianer, sondern der Natur, die in diesen Gegenden so verschwenderisch ist, und der wunderbar reichen Vegetation. Da die Flüsse immer neue Wege suchen, immer große Stücke des hohen, vom Urwald bedeckten Ufers wegreißen, suchen sich die Indianer gern Plätze aus, wo sie wenigstens eine Zeitlang vordem Einbrüche des Flusses geschützt sind. Aber es kann Vorkommen, daß man Reste einer alten Pflanzung auf einer Anhöhe des Ufers sieht, die der Fluß Stück für Stück untergräbt und mit sich fortführt. Zwischen den Familien, die an den verschiedenen Flüssen wohnen, herrscht keine besondere Freundschaft, ln der Mission am oberen Rio Chimore hat es viele Schwierigkeiten gegeben, wenn man die Indianer von den verschiedenen Flüssen zusammenführen wollte.

Unter den Verhältnissen, in denen die Yuracáreindianer leben, sind meiner Meinung nach verschiedene Dialekte und Sprachen entstanden. Wenn nicht die Kultur der Weißen in ihre Entwicklung cingreifcn würde, so entstände zwischen den verschiedenen Flüssen eine immer tiefere Kluft in Sprache und Gebräuchen, und der Unwille würde schließlich in offene Feindschaft ausarten. Die Yuracáreindianer wohnen gut, sogar sehr gut. Rund um die Hütte liegen die Felder, die ganz bedeutend sein können. Ich kenne ein Beispiel, wo sie 500 m lang und 5—10 m breit waren. Und da gibt es viele gute Sachen. Die wichtigsten Kulturpflanzen sind Bananen, Mandioca und Mais; außer diesen baut man Bohnen, Papaya, Zuckerrohr, Ananas, Valusa, Süßkartoffel, Kürbis, Wassermelone, Kakao, Tabak, Baumwolle und spanischen Pfeffer.

Tabak pflanzen die Yuracäre wenig, denn sie sind keine starken Raucher. Manchmal rauchen sie Maisblattzigaretten, das Pfeifen rauchen ist ihnen dagegen unbekannt. Sie verwenden den Tabak hauptsächlich gegen eine Fliegenlarve, Dermatomya, die sich unter die Haut einbohrt und mit Tabak getötet wird. Nach d’Orbigny heilten die Yuracáre Rheumatismus mit Tabakrauch. Hunde sind bei den Yuracáre sehr selten, und von anderen Haustieren, außer den gezähmten Waldtieren, haben sie nur Hühner, die sie von den Weißen erhielten. Für diese bauen sie verschlossene Hühnerställe zum Schutze gegen Beutelratten und Vampire, welch letztere den Hühnern, die über Nacht im Freien sind, das Blut aussaugen.

Die Yuracárehütte liegt, wie gesagt, dicht neben dem Urwalde, so dicht, daß die wilden Tiere des Waldes um die Hausecken streichen. Als ich bei Aguirre wohnte, schlich in der Nacht ein Jaguar um die Hütte; am Morgen fanden wir die Spuren nicht weiter als 50 m von der Hütte. Er hatte es vor allem auf die Hunde abgesehen. Die Yuracárehütten sind gut gebaut und mit Palmblättern gedeckt2. Das ist ein herrliches Material zum Hüttenbauen. Aus wenigen Blättern kann man ein Dach machen, das gegen starken Regen schützt. Ich zeige hier, wie Aguirres Hütte gebaut war (Abb. 19). Der Kochraum lag gleich daneben. Als ich im Jahre 1904 mit Atsahuacaindianern den Rio Inambari entlang wanderte, machte ich die erste Bekanntschaft mit diesen Hütten. Unter meinen Begleitern befanden sich außer den genannten Indianern Quichua von den waldlosen Anden. Eines Abends hatten sich die Quichua eine Hütte gebaut, ich eine andere und meine zwei Atsahuacafreunde eine dritte. Während der Nacht regnete es tüchtig. Am Morgen waren die Quichuaindianer durch und durch naß, ich war ziemlich naß, nur die Atsahuaca waren trocken und lachten uns natürlich aus.

Für die folgenden Nächte mußten die Atsahuaca auch meine Hütte bauen. Sie trieben zwei starke, lange Stangen schief in den Boden, dann spalteten sie die Blätter von Fiederpalmen nach dem Mittelnerv und banden sie an die Stangen, so daß die Lappen wie Dachziegel übereinander lagen. Unter die Stangen setzten sie ein paar Stützen und verbanden sie mit einer querlaufenden Stange. In einer Hütte, die auf diese Weise mit nur wenigen Blättern gebaut wurde, können einige Personen wohlgeschützt gegen den Regen liegen. Als wir dann zu dem Wohnplatz der Atsahuacaindianer kamen, sah ich mehrere derartige Schutzdächer. Bisweilen hatte man zwei solche gegeneinander gestellt. Betrachten wir den Grundriß der Yuracärehütte (Abb. 18), so besteht auch dieser aus zwei gegeneinander gebauten Dächern, die nicht auf demselben Dachfirst aufliegen. Diesen Hüttentypus halte ich deshalb für ursprünglicher als den auf Fig. 19 abgebildeten. Auch bei den Chané habe ich Hütten gesehen, die auf dieselbe Weise gebaut waren, ohne Dachfirst in der Mitte. Meiner Meinung nach ist sie nur eine Entwicklungsform des einfachen Schutzdaches aus Palmblättern.

GroßeAhnlichkeit herrscht zwischen der Yuracárehütte (Abb.19) und dem Klubhause der Chacoboindianer. Wie wichtig für diese Indianer die Palme als Holzbaumaterial ist, ersehen wir daraus, daß die Yuracäre sowohl Hütte als auch Motacápalme „sibá“ nennen. Bei den Chacobo heißt die Hütte „shóbo“ und Motacü „shóbini“. Nördlich der Sta.-Cruz-Grenze in Bolivia kenne ich runde oder  ovale Hütten nur von Tambopataguarayo. Sic waren aus Pfeilgras gebaut Sicher hängt die Form der Hütte innig mit dem Material zusammen. Es scheint, als ob die langen Blätter der Fiederpalmc besser für viereckige Hütten passen, während sich Pfeilgras für den Bau runder Hütten eignet. Deshalb ist es meiner Ansicht nach nicht ganz sicher, daß die runden Hütten primitiver sind als die viereckigen oder umgekehrt. Das Vorhandensein eines geeigneten Materials spielt da die größte Rolle.

Die Yuracárehütten imponierten mir durch ihre Geräumigkeit. Das wäre nicht der Fall gewesen, wenn ich von den Chacobo- oder von brasilianischen Indianern zu ihnen gekommen wäre. Man braucht nur in Koch-Grünbergs großartiger Arbeit „Zwei Jahre unter den Indianern“ zu blättern, um zu sehen, daß es in Brasilien Indianer gibt, die wirklich fein wohnen, bedeutend besser als viele Weiße. Kommt man dagegen, wie wir, aus dem Gran Chaco, so fragt man, warum Stämme, die auf derselben Entwicklungsstufe stehen, so verschiedene Ansprüche an Wohnungen stellen. Bei den Ashluslay, Choroti und Mataco begnügt sich oft eine ganze Familie mit einer kleinen elenden Hütte, in der man nicht aufrecht stehen kann, und wo es oft hineinregnet. Und doch sind die Chacoindianer industriell genau soweit gekommen wie die Yuracáre, so daß man nicht sagen kann, sie ständen auf einer tieferen Stufe. Die meisten von ihnen wechseln freilich öfter den Wohnplatz als die Yuracáre, aber viele Plätze in der Nähe der Brunnen sind dennoch infolge des Wassermangels fast immer bewohnt. Auch die in vieler Hinsicht hochstehenden Quichua- und Aymaraindianer auf der Hochebene der Anden geben sich gewöhnlich mit recht erbärmlichen Hütten zufrieden. Sicher hängt dies mit der Kälte im Gebirge zusammen. In einer kleinen, engen Hütte, voll von Menschen, die um eine rauchende Feuerstelle liegen, ist cs warm und angenehm, wenn der Sturm in den Bergen heult. Im Urwald aber braucht man Luft und Kühle.

Es war wirklich gemütlich in Aguirrcs Hütte. Die Weiber hielten sie sauber und fein. Kein anderes Ungeziefer als Kakerlaken störte die Gemütlichkeit, soweit man nicht auch die Moskitos dazu rechnet, die im Yuracáreland über die erlaubte Grenze hinaus un angenehm sind. Das mochten sogar die Indianer denken, denn sie verwenden, wie gesagt, Moskitonetze, „mitúpta“, aus Rindenstoff oder jetzt auch aus Stoff, den sie von den Weißen erhalten. Schon d’Orbigny spricht davon, weshalb es möglich ist, daß sie es selbst erfunden haben. Das Bett besteht aus den Blattscheiden einer Palme. Decken verwenden sie nicht. Manchmal hat man Pritschen. In der Regel gibt es keine Raumeinteilung in der Yuracäre-hütte, aber die einzelnen Teile haben ihre besondere Aufgabe. In Aguirres Hütte konnte man von einer Vorratskammer, einem Schlafraum und einem Speisewinkel sprechen. Letzterer war der lichteste Teil der Hütte, wo man sich auch zur Plauderstunde versammelte. Die Küche war bei Aguirre abgetrennt für sich, aber so ist es nicht überall. Eine Yuracarehütte habe ich gesehen, die in einen vorderen Raum — die Küche — und einen hinteren Raum — Schlafzimmer und Wohnstube — abgeteilt war. Zu d’Orbignys Zeiten hatten die Herren ihr eigenes Haus, wo sie die Pfeile herstellten und aßen. Dort durften die Frauen nie hineingehen. Dieses Klubhaus ist vermutlich jetzt vollkommen verschwunden.

Bei den Yuracáre fehlt, wie gesagt, die Hängematte, dieses echt indianische Bett. Von den Stämmen, die in diesem Buche näher besprochen werden, sind sie die einzigen, die die Hängematte nicht verwenden, im Chaco dagegen ist die Hängematte allen Stämmen, ausgenommen Chiriguano und Chané, unbekannt. Auch die Bergindianer, Quichua und Aymara, benützen keine Hängematten. Im Chaco und im Gebirge hängt dies sicher, wie ich bereits sagte, mit der Kälte zusammen. Es ist gewöhnlich zu kalt, um in der Hängematte zu schlafen. Hier in den feuchtwarmen Urwäldern der Yuracáreindianer ist sie freilich praktisch, doch läßt sie sich nicht gut mit dem Moskitonetz vereinen. Dieses ist für große Familienbetten bestimmt, und es wäre unmöglich für alle, mit Hängematten darunter Platz zu finden. Denn nicht bloß Vater und Mutter schlafen zusammen, sondern auch die kleinen Kinder. Die einzigen, die eine Art Hängematte haben, sind die ganz kleinen Kinder. Diese Hängematten sind aus Rindenstoff; zieht man an einem Bande, so bringt man sie zum Schaukeln. Es gibt nicht viele Einrichtungsgegenstände in der Yuracárehütte. Selten sieht man Schemel. Man sitzt auf Matten aus Palmblattscheiden. In viereckigen Körben (Abb. 26), die im Dache aufgehängt werden, verwahren die Männer ihre Federn und andere Schmucksachen. Diese Körbe haben den Typus, den wir zwar in ganz Nordostbolivia, aber nicht im Chaco antreffen. Dort haben sie auch ihre Bogen und Pfeile, ihre Basthemden u. v. a. Sie behandeln die Steuerfedern sehr achtsam, damit sie nicht zerzaust werden. So wie ein alter Jäger einen Burschen anschnauzt, der das Gewehr nicht reinhält, so fuhr mich Aguirre an, wenn ich die Pfeile, die ich eingetauscht hatte, nicht vorsichtig genug behandelte.

Die Yuracáre sind gute Bogenschützen und eifrige Jäger. Als besondere Waffen haben sie eigentümliche Vogelpfeile und Duellpfeile, „tónyo“, mit dreikantigen Spitzen (Abb. 20e). D’Orbigny gibt eine interessante farbige Darstellung eines solchen Indianerduells, die ich hier aus seiner berühmten Reiseschilderung wiedergebe (Tafel 14). Beim Duell darf man nur auf die Achsel zielen. Jeder Yuracäre-mann hat zahlreiche Narben, auf die er sicher ebenso stolz ist wie ein deutscher Korpsstudent auf die seinen. Während bei anderen Indianern die Steuerfedern am rückwärtigen Ende des Pfeiles befestigt sind, sitzen sie hier ein gutes Stück gegen die Mitte zu (Abb. 20 a). Die Weiber verwahren ihre Schmucksachen und Kleinigkeiten in Säckchen und Bündeln. Darüber werde ich später sprechen. Die Yuracáre haben viel Berührung mit den Weißen, und deshalb sieht man viele fremde Sachen in den Hütten. Blicken wir in die Kochhütte, so sehen wir mitten auf dem Boden den Feuerplatz. Da stehen einige einfache Kochtöpfe .(Abb. 23). Dann gibt es zahlreiche Holzgefäße in allen möglichen Größen, vom großen Trog bis zur kleinen Schüssel und Schale, Gefäße aus Palmblattscheiden (Abb. 25), Korbe (Abb. 27), Kale-basssen (Abb. 22) u. a. Zum Mahlen verwendet man eine große Holzplatte und einen Stein; Mörser scheinen sie nicht zu kennen. Als Sieb verwendet man einen Korb (Abb. 21). Ferner hängen hier die Tragnetze, in denen die Weiber Bananen, Mandioca und andere gute Dinge von den Feldern heimtragen. Hier ist die Nordgrenze der Tragnetze, die im Chaco allgemein gebräuchlich sind. Die Stämme, die wir später kennenlernen, verwenden Tragkörbe. Bei der Feuerstelle liegt ein Wedel aus Federn. Es wäre ganz unrichtig, wollte ich behaupten, daß ich bei Aguirre wirklich das Leben in einer Yuracárehütte sehe. Dazu sind die Bewohner viel zu interessiert für meine Tauschwaren und was ich und meine Begleiter machen. Man arbeitet sicher weniger als gewöhnlich. Die Männer gehen nicht auf die Jagd und fischen nur selten. Fast den ganzen Tag sitzen wir zu Hause, plaudern und essen geröstete Bananen, gekochte oder geröstete Mandioca und anderes. Man erweist uns große Gastfreundschaft. Nach den Mahlzeiten reichen uns die Frauen Wasser zum Spülen des Mundes und Händewaschen. Gleichwie bei den meisten anderen Indianern essen auch hier Männer und Frauen nicht miteinander. Zu den Delikatessen, die uns angeboten wurden, gehören geröstete Bananen mit Salz und Filzen.

Nun haben wir Aguirres Hütte besichtigt. Vielleicht findet der Leser die Inventarisierung zu ausführlich und langweilig. Ich kann jedoch versichern, daß dieses Heim weitaus stimmungsvoller ist als die meisten Häuser, die von den Weißen in diesen Teilen Südamerikas bewohnt werden. Man sehe einmal so eine Hütte wie die Aguirres aus dem Urwald hervorlugen, wenn man stundenlang nur Wald und wieder Wald gesehen hat; man sehe, wie sie sich am Abend, vom Lagerfeuer erleuchtet, gegen die dunkeln Baumstämme und das Gewirr der Lianen abzeichnet, und man muß sie lieben.

Text aus dem Buch: Indianer und Weisse in Nordostbolivien (1922), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianer und Weisse in Nordostbolivien (Einleitung und Vorwort)
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Der skulptierte Berg bei Samaipata
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Herz von Südamerika
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Die Grenze von Sta. Cruz
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Churápaindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Im Motorboot zu den Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zwei Ausflüge mit Yuracáreindianern

Indianer und Weisse in Nordostbolivien

Wir verstauen uns, Indianer und Weiße, mit Mundvorrat und Tauschwaren in Aguirres Kanu. Es ist ein kleines, wackeliges Ding. Als der letzte Indianerjunge hineingeklettert ist, ist es so belastet, daß der Rand nur ein paar Finger breit über dem Wasser liegt. Hastig gleitet das Kanu den Fluß hinab, das Urwaldufer entlang zwischen Haufen von Geäst und Bäumen, die ins Wasser gestürzt sind. Das eine Ufer ist hoch, steil und mit Urwald bedeckt, das andere niedrig und dicht mit Pfeilgrasbüschen bewachsen. Im Kanu wird gelacht und geschnattert; kein Laut aus dem Walde, kein plätschernder Fisch entgeht dem Naturmenschen. Man erblickt die Tiere tief drinnen im dichten Laubwerk, man ahmt den Schrei der Affen nach, man erfreut sich an allem in der Natur. Doch sind die Tiere hier scheu, da sie von ungewöhnlich geschickten Bogenschützen verfolgt werden, die viel geschickter sind als andere Indianer, die ich kennengelernt habe. Es ist etwas Bezauberndes an einer solchen Fahrt, wenn es im raschen Takt den reißenden Fluß hinabgeht und die Indianer mit dem Kanu geschickt zwischen Holzstöcken und durch Wasserwirbel hindurchmanövrieren. DieMännerin ihren Hemden aus geklopftem Bast und mit ihren rotgemalten Gesichtern, die Weiber mit ihren Bastkleidern und den Halsbändern aus Samen und Glasperlen hängen so eng zusammen mit diesem Leben auf dem Urwaldflusse.

Aber auch die Kanufahrten haben ihre Unannehmlichkeiten. Am Morgen und Abend, wenn es kühl ist, ist es behaglich, aber wenn die Mittagssonne herabbrennt, da vergißt man die schöne Natur und die interessante Reisegesellschaft. Die Tiere im Walde haben ihre Verstecke aufgesucht, und es ist still, schweigsam und drückend heiß. Gar nicht selten wird man auf solchen Fahrten von einem Gewitter überrascht — und was für einem Gewitter! Das ist kein artiges schwedisches Gewitter, sondern ein solches Gewitter kann nur in den Tropen Vorkommen, rasch, wahnsinnig, gewaltsam. Der Donnergott verwendet nicht wie zu Hause eine alte Vorderladekanone, sondern schießt mit Schnellfeuergeschützen. Der Regen stürzt unaufhaltsam herab. Wir halten an einem hohen Flußufer, wo eine halbverwachsene Bananenpflanzung zwischen dem Geäst der Bäume hervorschimmert, und nachdem wir das Kanu vertäut haben, gehen wir ans Land. Am Waldesrande liegt ein verlassenes Indianerfeld, das der Fluß zur Hälfte weggespült hat.

Ein gut ausgetretener Weg führt von hier in den Wald. Es ist ein herrlicher, düsterer, stiller Wald, reich an mächtigen, geraden Bäumen, welche die Yuracäreindianer zu Kanus aushöhlen, die sie teils selbst verwenden, teils an die Weißen und andere Indianer verkaufen. — Noch weit weg in den Kautschukgegenden an der Grenze Brasiliens haben keine Kanus so guten Ruf wie die dieser Indianer. Sie selbst bekommen freilich nicht viel dafür, aber wenn die Weißen damit untereinander schachern, so wird ein solches Boot mit drei- bis vierhundert Kronen bezahlt. Es gibt Kanus, die bis zu drei Tonnen nebst Steuermann und acht Ruderern laden können. Diese ganz großen machen sie aber nur auf Rechnung der Weißen; für eigenen Gebrauch behalten sie leichte, kleine Kanus. Wir sind noch nicht weit gegangen, da kommen wir zu großen verlassenen Pflanzungen, welche die leichte Garde des Urwaldes, die Schlinggewächse, bereits in Besitz zu nehmen begonnen haben. Wir sehen hier Bananen, Papaya, Kürbisse, Mandioca massenhaft, ferner Süßkartoffel, Baumwolle und andere Gewächse, die die Urwaldindianer bauen. Im Felde liegen die Überreste von abgebrannten Häusern. „Das ist mein Acker“, sagt der alte Aguirrc. „Als meine Frau starb, wurde sic hier in der Hütte begraben, worauf ich diese verbrannte und wegzog.“ Es ist eine eigentümliche Sitte, die diese Indianer haben. Wenn jemand von der Familie stirbt, wird der Hof verbrannt und die Überlebenden ziehen weit weg, wo sie ein neues Haus bauen und neue Felder roden; aber es scheint sie nichts daran zu hindern, auf diesen verlassenen Pflanzungen zu ernten. Die Furcht vor dem Geiste des Toten vertreibt diese Menschen von Hütte und Feld, um mit großer Mühe im Urwald einen anderen Platz auszuroden. Vor den Geistern der Toten, „sinokshe“, die im Walde umherwandern, hegen die Yuracáre große Angst. Sie verbittern das Dasein dieser Menschen.

Überall in diesen Wäldern, wo wir vorbeikommen, finden wir Überreste von mehr oder weniger verfallenen und verwachsenen Kulturen. — Als wir Weiße einmal allein waren, verproviantierten wir uns in einem solchen verlassenen Feld. Das hätten wir jedoch nicht tun sollen, denn als wir mit der Diebsbeute an den Fluß kamen, füllte sich das Kanu durch eine Unvorsichtigkeit mit Wasser, und alles, was wir gestohlen, und vieles andere noch dazu schwamm fort. Im Innern des Waldes kommen wir endlich zu großen, gutgepflegten Äckern, wo fleißige Hände ein großes Gebiet gerodet haben, und wo nun die gelben Früchte des Papayabaumes, große Bananenbündel, wohlschmeckende Ananas und vieles andere locken. In den Feldern liegen zwei gutgebaute Hütten, wo ein Yura-careindianer mit seinen nächsten Angehörigen wohnt. Diese Indianer haben es fein und gemütlich. Alles ist geputzt und rein. Alle, auch die Kinder, sind mit Hemden aus Rindenstoff bekleidet. Auf die Kleider der Kinder hat man bunte Vogelfedern, Vogelschnäbel und anderes zum Schmuck gehängt. Wir sind offenbar erwartet, niemand ist mit Arbeit beschäftigt. Man bietet uns leckere, kleine, gelbe Bananen und ungewöhnlich süße Ananas. Wir setzen uns auf Holzklötze und essen so viele Früchte, als wir nur können.

Neugierig blicken wir uns um. Bei diesen Indianern gibt es keine Hängematten; sie liegen auf Matten aus den Blattscheiden einer Palme, und darüber sind Moskitonetze aus Rindenstoff aufgehängt. Hier am Rio Chimore würde ich lieber zwei Tage hungern als eine Nacht ohne Moskitonetz im Walde liegen. Das wäre schrecklich. Es gibt mehrere Arten von Moskitos, aber alle Arten sind gleich gemein, zudringlich und unverschämt. Nicht nur in der Nacht plagen die Moskitos die Menschen. Im Walde verfolgen sie einen den ganzen Tag. Auf dem Flusse gibt es tagsüber keine Moskitos, dagegen Massen von Mücken verschiedener Größe und Gattung. Am Dache der Hütte hängen zahlreiche Körbe, von denen besonders die viereckigen den Sammler locken (Abb. 26). ln diesen verwahren die Männer alle ihre Kostbarkeiten, gleichwie die Frauen ihre in Säcken aus Rindenstoff. Auf einem breiten Gestell liegen Bogen, Pfeile und Ruder.

Auf dem Boden stehen nur wenige, äußerst einfache, unbemalte Tongefäße, aber große Mengen von Holznäpfen und Holzschüsseln. In den größten von diesen, die beinahe so groß sind wie kleine Kanus, gärt dasMandiocabier. Bei fast allen Indianern, die ich kenne, spielt das Trinkgelage eine große Rolle. Man macht weite Ausflüge, um sich nachbarlich zu besuchen, zu trinken und zu plaudern.

Wie in allen Yuracárehütten, die ich besuchte, haben auch die hiesigen Indianer eine kleine Menagerie mit Affen und Waldvögeln. Sie sind die Freunde und Gesellschafter der Kinder. Versteckt in einem Winkel der Hütte, hockt ein kleiner lichtscheuer Nachtaffe; ein rotblauer Ararapapagei, bunter als alle anderen Urwaldvögel, sitzt auf einem Sproß im Dach. Ein kleines Mädchen geht immer mit einer Beutelratte im Haare. In einer Ecke der Hütte sitzen zwei taubstumme Mädchen und unterhalten sich in der Zeichensprache mit einem älteren, ebenfalls taubstummen Weibe, das leise ein Kind in einer Wiege aus Rindenstoff wiegt. Alle anderen sind um den weißen Mann versammelt. Sie sind neugierig wie Kinder auf den Inhalt meiner großen Bündel. Man hat bereits von dem weißen Manne gehört, der so viele von ihren Sachen eintauscht. Alle sind ganz entzückt, als ich die Bündel öffne und die Tauschwaren ausbreite. Leider verderbe ich die ganze Gcsellschaft damit. Die Hemden aus Rindenstoff tauscht man gegen Hemden aus Kattun. Man nimmt die Schatzkörbe und Schmucktäschchen herab, voll mit Federn, geschnitzten Früchten, Tierfiguren, die man aus Alligatorzähnen geschnitten hat, und vielen anderen Dingen, die den Sammler locken. Ein und das andere aus ihrem Besitz ist ganz bemerkenswert.

So verstehen diese Indianer mit geschnittenen Holzstempeln eigentümliche Ornamente auf ihre Rindenstoffezu drucken (Abb.15), wie sie oft auch die Ornamente, mit denen sie ihr Gesicht schmücken, mit Stempeln auftragen (Abb. 35—38). Wie immer bei Indianern, die nicht viel Berührung mit den Weißen hatten, stehen die Eisenwaren am höchsten im Werte. Die Äxte aus schwedischem Eisen und die Waldmesser halte ich am längsten zurück. Mit ihnen versuche ich die Kostbarkeiten herauszulocken, die ich versteckt vermute, und die sie nicht gerne hergeben wollen. Schön langsam kommt doch ein Familienkleinod nach dem anderen hervor. Fein ornamentierte Flöten aus Bein (Abb. 29), alte Pfeifen aus Holz (Abb. 9 und 11), Kämme, die richtige kleine Kunstwerke sind, und verschiedene andere Sachen holt man aus den Verstecken.

Die Männer geben leicht weg, was sie haben; die Frauen tauschen ungern ihre liebsten Schmuckstücke. Nichts kann eine von ihnen bewegen, einen Hängeschmuck aus roten Tukanfedern und geschnitzten schwarzen Früchten, der ihr Stolz zu sein scheint, auszutauschen. Die Kinder geben ihr Spielzeug für Spiegel und andere lustige Sachen. Unmöglich sind jedoch diese Indianer zu bewegen, fremdes Eigentum fortzugeben. Nicht einmal ein Stück Ton, das sic vom oberen Rio Chimore zur Töpferei geholt haben, kann ich hcraus-locken, — da die Besitzerin nicht zu Hause ist. So verbringen wir einige Stunden in diesen Hütten und bereichern die Sammlungen mit verschiedenen interessanten Dingen. Als cs spät wird, beschließe ich, zu Aguirrcs Hütte, meinem Hauptquartier, zurückzukehren, und verspreche, an einem anderen Tag zurückzukommen. Wir verabschieden uns von unseren neuen Freunden und gehen denselben Weg zurück, den wir gekommen. Es ist bereits Abend, als wir zum Kanu gelangen. Sachte rudern wir den brausenden Fluß hinauf. Viele sonderbare Laute klingen aus dem Walde. Die Feuerfliegen leuchten auf und verschwinden, und die Grillen zirpen. Kühl und herrlich ist der Tropenabend. Vorne sitzt schweigend der alte Aguirre und blickt ins Dunkel. Er ist so freundlich, dieser Alte. Ruhig habe ich viele Nächte lang unter seinem Dache geschlafen, ruhiger als vielleicht gut war, denn ich weiß wohl, daß ich bei einem Manne schlief, der einen grauenhaften Mord begangen hat. Ein gebildeter Engländer, ein Sonderling, namens Mentith (?), lebte viele Jahre lang einsam bei diesem Mann und seinen Stammesfreunden, bis diese aus unbekanntem Anlaß den Fremden auf langsame und grausame Weise ermordeten. Diese guten Naturmenschen, die wie große Kinder wirken, können bisweilen eine Grausamkeit entwickeln, die völlig unerklärlich ist. Auch hier im Urwald besteht der Mensch aus Gegensätzen. Man hat behauptet, daß sie von den Weißen in Sta. Rosa am Rio Chapáre verleitet wurden, da diese fürchteten, der Engländer könnte zu viel Einfluß auf die Indianer gewinnen.

Noch spät am Abend sitzen wir in Aguirres Hütte am Feuer und plaudern. Wir sprechen darüber, wie die Chimäneindianer die Yuracáre verhexen und über die Mission am oberen Laufe des Flusses, über die Übergriffe der Weißen und vieles andere. Ich suche vergebens Aguirre zu überreden, mich zu seinen Stammesfreunden zu führen, die tief im Urwald verborgen wohnen, wohin die Weißen nie gehen, und wohin nur die Indianer durch die Sumpfgebiete kommen können. Aber Aguirre will nicht zum Verräter an seinem Stamme werden, trotzdem ich mit großen, großen Geschenken locke. Ich verspreche schließlich, nie den anderen Weißen das zu erzählen, was ich gesehen, aber der Alte ist nicht zu erweichen.

Er lehrt mich kleine Yuracáregedichte. Und der Yuracáreindianer und der Schwede singen zusammen in der Urwaldhütte die einfachen Gesänge:

Endlich legen wir uns schlafen nach einem angenehmen und lehrreichen Tage, nachdem wir die Sammlung um mindestens hundert Gegenstände vermehrt haben, die in einem anderen Weltteil Zeugnis ablegen sollen von dem Kampf ums Dasein und dem Kunstsinn dieser Menschen. Einmal werden sie zu den wenigen Erinnerungen gehören, die von diesem eigentümlichen Volk übrig sind, das am Rio Chimore seine Felder bestellte und in den Urwäldern jagte.

Das war der eine Ausflug von Aguirres Hütte. Der andere galt einer kleinen Missionsstation der Franziskaner am oberen Rio Chimore. Vergebens suchten die Missionare die verschiedenen Yuracárefamilien dort zu sammeln. Für einige Zeit kommen sie wohl zu den Mönchen. Aber die Messe interessiert sie nicht. Es gibt eine andere Seite der Religion, auf die sie Wert legen. In der Mission bekommen sie nämlich Werkzeuge u. dgl. Wenn sie bekommen haben, was sie brauchen, dann verschwinden sie wieder in die Freiheit des Urwaldes.

Der Missionsleitcr schien mir unverständig. So klagte er zum Beispiel darüber, daß die Eltern nicht erlaubten, daß er die Kinder züchtige, wenn diese seiner Meinung nach einen Fehler begangen hätten. — Welche Unverschämtheit, die freien Kinder des Urwaldes züchtigen zu wollen! Vielleicht wollten sie nicht in die Messe gehen. Die Yuracärc schlagen ihre Kinder nie. D’Orbigny sagt darüber:

„Nie habe ich einen Vater gesehen, der seine Kinder bestraft; sie begreifen nicht das Recht zu strafen, sie besitzen nicht einmal ein Wort in ihrer Sprache, um diese Idee auszudrücken.“

Eine wichtige Aufgabe aber haben die Missionare hier. Sie versuchen die Indianer gegen die Übergriffe der Weißen zu schützen. Durch die Begierde der Indianer nach Branntwein wollen die Weißen sie an sich binden, und dann legt man sie an die Ketten der Schuldsklaverei. Denn die Weißen brauchen sie als Ruderer. In der Mission gab es bei meinem Besuch fünfzehn Familien, weitere fünfundvierzig waren dort gewesen, aber wieder in die Wälder zurückgekehrt. Nach Pierini1 gab es in dieser Mission zwei Jahre vorher, 1906, hundertzweiundvierzig Indianer, verteilt auf vierunddreißig Familien. Davon waren dreißig Schulkinder. Wahrscheinlich wird diese Mission verschwinden, wie alle Missionen, die man bei den Yuracáre anzulegen versuchte. Brauchten die Indianer nicht den Schutz der Mission gegen die Weißen, so wären sie längst alle zur Freiheit zurückgekehrt. Bei den Mönchen der Mission geht es arm und dürftig zu. Es gibt keinen Überfluß an Speise wie bei den freien Yuracáre, die ich besuchte. Diese Tatsache gibt zu denken.

Text aus dem Buch: Indianer und Weisse in Nordostbolivien (1922), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianer und Weisse in Nordostbolivien (Einleitung und Vorwort)
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Der skulptierte Berg bei Samaipata
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Herz von Südamerika
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Die Grenze von Sta. Cruz
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Churápaindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Im Motorboot zu den Yuracáreindianern

Indianerleben


Wir verlassen San Ignacio und reiten durch den großen Wald nach Quatro Ojos am Rio Piray. Dieser Platz steht in einem sehr schlechten Rufe, denn über Quatro Ojos wurden oft Gefangene gebracht, Chiriguanoindianer und andere Schuldsklaven, darunter manchmal auch Weiße, die über den Rio Mamore in die Kautschukgegenden zum Verkauf geführt werden. Die deutschen Maschinisten auf den kleinen Dampfern, die Passagiere auf dem genannten Flusse befördern, teilten mir mit, daß sie wiederholte Male solche Transporte von gefesselten Indianern gesehen hätten. In Quatro Ojos hat die bolivianische Regierung jetzt eine Wache postiert mit der Aufgabe, die Sklavenhändler abzufangen. Dies zeigt den guten Willen der Regierung und hat sicher den Verkehr erschwert, freilich nicht unmöglich gemacht. Noch immer wartet der alte Irepa in Caipipendi auf seine drei Söhne Mire, Yamay und Santiago, die gleich vielen, vielen anderen in die Kautschukwälder am Rio Beni verkauft wurden. Wann wird der Tag kommen, da die bolivianischen Behörden mit Gewalt den Gummipatronen, Europäern oder Eingeborenen, ihre Sklaven wegnehmen und die Indianer, die nicht freiwillig ihre Hütten verließen, zu ihren Vätern, Müttern, Frauen und Kindern heimschicken ?

In Quatro Ojos kaufe ich ein großes Kanu. Es ist jedoch unmöglich, Ruderer zu bekommen. Wir entschließen uns daher, bis Las Juntas del Rio Grande selbst zu rudern, in der Hoffnung, dort Leute zu bekommen. Aber auch dort finden wir niemand, der mit uns ginge. Deshalb miete ich ein Motorboot. Es gehört einem spanischen Anarchisten, der auf dem Flusse Waren und Passagiere befördert. Dies ist, soviel ich weiß, das einzige Motorboot in ganz Ostbolivia.

Die Schwierigkeit, Ruderer zu finden, ist an den bolivianischen Flüssen überall gleich. Dank dem Exporte von Indianern in die Kautschukwälder, dank der Schuldsklaverei wird es immer schwerer, solche zu bekommen. Es gibt keine freien Indianer, die ein Durchziehender für kürzere Zeit in seinen Dienst nehmen könnte. Und Schuldsklaven zu kaufen, ist für einen Reisenden sehr schwer. Das wird zu teuer für ihn, da er sie am Ende der Reise als anständiger Mensch freigeben muß und nicht Weiterverkäufen kann. Die Indianer haben hier noch immer große Bedeutung für den Verkehr. Überall auf den Flüssen transportiert man Güter, Post und Passagiere in größeren oder kleineren Kanus und Ruderbooten. Die Mannschaft auf diesen Fahrzeugen besteht aus zivilisierten Indianern. Sie sind sehr ausdauernde und tüchtige Ruderer. Es ist gar nicht ungewöhnlich, daß sie zwölf, vierzehn, ja sogar sechzehn Stunden täglich rudern.

Auf den größten Flüssen verkehren kleine Dampfer. Diese können jedoch nicht alle kleineren Flüsse befahren und sind in hohem Grade abhängig von der Regenzeit. Deshalb ist es wichtig, die indianische Arbeitskraft zu verwenden, ohne mit diesen Menschen Raubbau zu treiben. Das Paddeln ist eine Arbeit, die für die Indianer paßt. Das ist keine Erfindung der Weißen. Die Indianer sterben aus. Es bereitet mir ein Vergnügen, feststellen zu können, daß sie den Weißen fehlen werden, denn diese brauchen sie notwendig. Bekämen die Indianer selbst das teure Geld, das ihre weißen Herren an den Transporten verdienen, so würde es ihnen wirklich gut gehen. Sicher bekommen sie aber nicht mehr als zehn bis zwanzig Prozent. Das übrige wandert in die Taschen der Herren.

Im Motorboot, das Kanu im Schlepptau, fahren wir den Rio Grande hinab. Wir kommen rasch vom Fleck. Das ist ein herrliches Beförderungsmittel. Den Rio Mamore hinauf geht es dagegen infolge der starken Strömung recht langsam. Diese Flüsse machen unerhörte Windungen, so daß der Weg, den man zurück legen muß, sehr lang wird. Im Wasser tummeln sich kleine Delphine1 in großer Zahl und spielen vor dem Steven des Bootes. Der eine Flußstrand ist hoch und mit ungewöhnlich üppigem Urwald bewachsen. Stück für Stück reißt der Fluß von dem hohen Strande, unterminiert die Waldriesen, bis sie ins Wasser stürzen und von der Strömung fortgeführt werden. Hier und da haben sich Massen von Asten angehängt, so daß es schwer ist, weiterzukommen. Lianen baumeln von den überhängenden, zum Tode verurteilten Bäumen ins Wasser herab und treiben mit der Strömung. Der Mann am Steuerruder muß sehr achtsam sein, damit er nicht auf einen Stock lossteuert, den das Wasser verbirgt. Auf dem niedrigen Strande herrscht das schöne Pfeilgras vor. Da sieht man, wenn die Sonne warm scheint, hier und da einen Alligator liegen und sich strecken in der angenehmen Wärme. Oft teilt sich der Fluß in zwei Arme, die nicht selten große Inseln umschließen. Früher oder später siegt der eine Arm über den anderen, der dann langsam verwächst. Seen und abgeschlossene Buchten, sogenannte „madrejones“, halten sich lange. Während der Regenzeit überschwemmt der Fluß den niedrigen Strand. Das Land besteht aus Schlamm, nichts als Schlamm. Man sieht keine Berge, keinen Stein, keinen Sand. Hier in diesen Gegenden und noch mehr weiter hinab den Rio Mamore kämpfen Wasser und Land einen ewigen Kampf. Es ist ein Kampf mit großen Ereignissen, keine langsame Erosion. In der letzten Zeit haben sich sowohl Rio Mamore als Rio Grande ein neues Bett gegraben. In der Nähe von Trinidad hat ersterer während der letzten Jahre seinen Weg bedeutend verkürzt. Rio Grande hat während historischer Zeit, und diese ist hier nicht sehr lange, seinen Lauf völlig verändert. Was hier am oberen Rio Mamore eigentlich fehlt, das ist der Mensch. Er findet sich nur vereinzelt. Allerdings gewinnt dabei die Natur, sie hat hier noch ihre ursprünglichen Reize. Und zu allem Glück gibt es keine Kautschukbäumc in diesen Wäldern.

Wir wissen es wohl, daß die Yuracáreindianer mit Vorliebe gut verborgen wohnen, wo die Weißen sie nicht so leicht finden können. In allen diesen Flußseen gibt es Verstecke und Winkel, wohin man nur schwer den Weg findet. Das Vogelleben ist bisweilen reich, da fliegen zahlreiche Enten von Ufer zu Ufer, Waldhühner huschen durch die Bäume. Zuweilen wird das Tierleben ärmer, und die Flußufer liegen still. Da argwöhnen wir, daß es in der Nähe Indianerhütten gebe, denn die Yuracäreindianer stehen seit alters her in dem Rufe guter Jäger. Bald mit dem Motorboot, bald im Kanu fahren wir in alle Winkel und Verstecke, in diese Flußseen mit ihrer reichen Vegetation von Wasserpflanzen, mit den zuweilen überschwemmten Ufern, umgeben von üppigen Urwäldern, in denen man nicht die geringste Öffnung sieht, wo alles ein Wirrwarr vom herrlichsten Grün ist. Während der ersten Tage finden wir nur eine einzige verlassene Hütte mit einer verwachsenen Anpflanzung von Bananen und Papayabäumen. Von früh morgens bis spät abends sitze ich vorne und halte Ausguck nach Menschenspuren. Viele Male landen wir. Einer hat einen Steig entdeckt, aber bei näherer Untersuchung erweist er sich nur als Trinkplatz für die wilden Tiere des Waldes. Wir sind recht mißmutig; denn wir fürchten, die Indianer in ihren Verstecken nicht aufzufinden. Schließlich sehen wir aber einen breiten Weg, der in den Wald hinein führt. Er ist mit Querhölzern belegt, über die man ein Kanu ins Wasser gesetzt hat, ein Kanu, gehauen aus einem mächtigen Baum, dessen Stumpf wir finden. Wir dringen noch tiefer hinein in die Flußseen und kommen endlich zu einer gemütlichen Hütte mit ihrer Pflanzung. Es ist eine Yuracärehütte, umgeben von Bananen.

Nur Frauen und Kinder sind zu Hause. Die Männer flüchteten bei unserer Ankunft in den Wald. Sie fürchteten, von den Weißen zum Ruderdienst gepreßt zu werden. Später finden wir noch mehr Yuracärehütten, von denen ein paar ganz offen am Flußufer liegen. Bei einem alten Mann namens Aguirre lassen wir uns für einige Zeit als Gäste nieder. Es ist ein sehr geeigneter Platz, denn Aguirre ist ein guter Dolmetsch. Er spricht Spanisch und kann auch Quichua, das er in Cochabamba gelernt hat. Die Indianer erweisen uns die größte Gastfreundschaft, und wir sind bald gute Freunde. Neben ihren Hütten schlagen wir unser Zelt auf und machen uns heimisch. Man bittet mich sogar, ein kleines, ungefähr fünf Jahre altes Mädchen zu taufen. Ich mache Ausflüchte, aber man bleibt beharrlich. Die Situation ist fatal. Das Mädchen wird auf einen Schemel gesetzt. Ich versuche feierlich zu sein und schütte einen Blechkrug voll Wasser über sie; „en el nombre de Dios, Jesu Christo y el Espiritu Santo“. In der Taufe bekommt sie die Namen Rosa Maria. Dann kommt das wichtigste. Zuerst soll das Mädchen ein Tipoy1 haben. Dann soll auch die Mutter fein gekleidet werden. Schließlich bittet auch der Vater um ein Paar Hosen. Für den „Priester“ wird diese Taufe eine teure Geschichte.

Vielleicht bin ich gar nicht der erste, der Rosa Maria getauft hat. Aguirres Familie gehört zu den Yuracáre, die recht viel mit den Weißen in Berührung kommen. Diese Yuracáre finden es überaus lustig, ihre Kinder von den Weißen taufen zu lassen. Da bekommen sie Geschenke von den guten Katholiken, die sich darüber freuen, der Madonna einige Seelen gewonnen zu haben. Was tut das, wenn auch die Jungen drei-, viermal getauft werden.

Ein großer Teil der Yuracäremänner arbeitet zeitweise für die Weißen von Sta. Rosa am Rio Chapáre als Ruderer. Sic sind durch Schulden für Werkzeug, Kleider und Branntwein zu dieser Arbeit verpflichtet. Sie sind jedoch nur zu bestimmten Zeiten gebunden, und es scheint, als ob eine wirkliche Schuldsklaverei hier – wenigstens am Rio Chimore — noch nicht Eingang gefunden hätte. Trotz aller Taufen, trotz der Arbeit für die Weißen, trotz aller Missionäre, die über hundert Jahre lang versuchten und noch versuchen, diese Indianer zu bekehren und zu zivilisieren, lebt die Mehrzahl von ihnen noch ihr eigenes Leben in dem gewaltigen Urwaldgebicte, das sich vom Rio Ichilo bis zum Rio Secure erstreckt. In der Tiefe der Urwälder gibt es Yuracáre, die außerhalb jedes direkten Einflusses von den Weißen wohnen. Dorthin fliehen sie, um nicht ihre Schulden an die Weißen bezahlen zu müssen. Es ist sicher nicht so leicht, dahin zu gehen und sie zu holen.

Die Herren der Yuracáre sind keine Cruzenos, sondern Collas, die vom Gebirge nach Sta. Rosa gekommen sind. Ich glaube, daß letztere gegen die Indianer weniger hart sind als erstere. Sie sind auch von verschiedener Rasse, denn die Cruzenosmestizen haben Guaraniblut, während die Collas Quichuablut haben. Eine Sache, die nie genügend beachtet wird, ist der ausgesprochene Unterschied, der zwischen den verschiedenen Arten von Mestizen herrscht. Ein Aymara oder Quichua ist seinem Charakter nach weit getrennt von z. B. einem Chiriguano. Spanier und Aymara- oder Quichua-Frau geben daher ein anderes Resultat als Spanier und Chiriguano-Frau. Die spanisch-amerikanische Rasse ist sehr ungleich in den verschiedenen Gegenden. Eine der wichtigsten Ursachen ist die, daß die indianischen Mütter verschiedenen Stammes waren.

Bereits Castillo erwähnt Yuracäre vom Rio Yapacane. Der erste, der sie näher bespricht, ist Tadeo Haeke. Im Jahre 1832 besuchte sie d’Orbigny, auf dessen außerordentlich interessante Schilderungen ich mehrmals zurückkommen werde. Auch Gibbon4 5 spricht mit großer Zuneigung von ihnen. Einiges erzählt auch von Holten. Sechsundsiebzig Jahre später als d’Orbigny bin ich zu den Yuracäre gekommen. Daß während einer so langen Zeit der Einfluß der Weißen nicht spurlos vorübergegangen ist, ist selbstverständlich. Sie haben jetzt sicher mehr Kleider, Werkzeuge u. a. als zu der Zeit, da d’Orbigny sie besuchte. Die Männer haben sich unsere häßliche Sitte des kurzgeschnittenen Haares beigelegt. Viele von ihnen können recht gut Spanisch. Auch ihre alten Sitten und Gebräuche haben sich verändert.

Und dennoch ist es recht angenehm, wieder unter Indianern zu sein, wo man schöne und interessante Sachen sammelt und ein richtiges Indianerleben lebt, weit weg von den Weißen, von denen ich in den letzten Monaten mehr als genug bekommen habe. Bei den Yuracäre ist es gemütlich. Man hat das angenehme Gefühl, ihr Kamerad zu sein, was dort, wo sie im Dienst der Weißen stehen, unmöglich ist. In Aguirres Gesellschaft machen wir zwei Exkursionen, die eine zu einem Nachbarhof, die andere zu einer kleinen Franziskanermission am oberen Rio Chimore.

Text aus dem Buch: Indianer und Weisse in Nordostbolivien (1922), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianer und Weisse in Nordostbolivien (Einleitung und Vorwort)
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Der skulptierte Berg bei Samaipata
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Herz von Südamerika
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Die Grenze von Sta. Cruz
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Churápaindianern

Indianer und Weisse in Nordostbolivien