Schlagwort: Zwinger

Wir sind stolz darauf, das Sachsenland – ein Kleinod unter den Gauen des Großdeutschen Reiches – unsere enge Heimat nennen zu dürfen. Ein kaum faßbare Fülle landschaftlicher Formen und Stimmungen verbindet sich hier mit schöpferischen Werken und regem, politischen Leben zu glücklicher Ganzheit.

Dresden mit 61 Abbildungen.

Soll man rekonstruieren? Ich muss die Frage rückhaltlos bejahen. Vielleicht ist die Zahl der Menschen in Deutschland wie außerhalb heute noch nicht so sehr groß, welche vorauszusehen vermögen, als welch vitaler Verlust, als welch trauriger Krankheitsherd sich die Zerstörung der historischen Stätten erweisen wird. Es ist damit nicht nur eine Menge hoher Werte an Tradition, an Schönheit, an Objekten der Liebe und Pietät zerstört: Es ist auch die Seelenwelt dieser Nachkommen einer Substanz beraubt, ohne welche der Mensch zwar zur Not leben, aber nur ein hundertfach beschnittenes, verkümmertes Leben führen kann.

Hermann Hesse, 1948


Das geistige Leben Dresdens in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts stand noch in dem Zeichen tiefer Erschöpfung, die gleich nach dem Siebenjährigen Kriege eingesetzt hatte und durch die Napoleonische Zeit trotz dem vorübergehenden Glanze, der durch Napoleon und Sachsens neugeschaffenes Königtum auf Dresden fiel, nur empfindlicher geworden war. Im Vergleich mit der Zeit um 1750 sah es in Dresden in der Tat kläglich aus, aber es konnte kaum anders sein. Von den tiefen Wunden, die dem Wohlstände Sachsens geschlagen worden waren, mußte auch Dresden erst wieder sich erholen und neue Kräfte sammeln, ehe es sich auf dem Gebiete der Kunst zu neuen, größeren Taten aufraffen konnte.

Für die bildende Kunst waren diese Jahrzehnte eine Zeit des Überganges. Hatte im 18. Jahrhundert im wesentlichen der Fürst den Ton angegeben, war die Bürgerschaft gewohnt gewesen, nach oben zu schauen und vom Hofe her alles Große zu erwarten, so begann sich jetzt eine Wandlung vorzubereiten. Durch die Aufklärung und die Revolution war der dritte Stand, die Bürgerschaft, in die Höhe gekommen, überall verlangte das Volk Anteil an der Regierung. Sachsen erhielt eine neue Verfassung am 4. September 1831, und damit erwuchsen dem Volke auch in der Kunst neue Aufgaben. In Sachsen besonders, weil der Nachfolger der beiden Auguste, Friedrich August der Gerechte, keineswegs ihre Kunstbegeisterung geerbt hatte.

Aber das Volk war der Aufgabe nicht ohne weiteres gewachsen. Künstlerische Bedürfnisse, ästhetische Bildung waren nichts weniger als allgemein. Standen doch nicht einmal die königlichen Kunstsammlungen dem allgemeinen Besuch, sondern waren nur wenigen Auserwählten gegen hohes Trinkgeld offen. Noch im Jahre 1852 konnte Gottfried Semper einen Aufsatz schreiben, der mit dem damals noch ungewohnten Gedanken anhub: „Öffentliche Sammlungen von Kunstgegenständen waren immer und werden bei entsprechender Einrichtung stets sehr mächtige Hilfsmittel für die nationale Erziehung sein.“ Daß sie es damals schon gewesen wären, muß dabei entschieden bestritten werden; daß sie es aber allmählich wurden, haben zuerst die Romantiker angebahnt. Zu ihren Idealen gehörte es, die Kunst in den Kreis der allgemein menschlichen Bildung einzufügen. ,,Die Kunst sollte nicht bloß Stoff für den kritischen Scharfsinn, wie bei Lessing, oder Unterlagen für ästhetische Begriffe bieten, wie bei den Philosophen, sie sollte dem menschlichen Bildungsideal eingefügt werden.“ Gerade um die Dresdner Galerie haben sich die Romantiker besonders verdient gemacht.

Im Sommer 1798 verweilten Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Wilhelms Gattin Karoline geb. Michaelis, Fichte, Schelling und Novalis in Dresden und lebten sich in gemeinsamen Beobachtungen und Unterhaltungen tief in die Schätze der Dresdner Galerie ein. Eine Fülle ästhetischer Fragen wurden erörtert. Die heute jedermann geläufigen Kunstgattungen wurden gegeneinander abgegrenzt, das Bildnis im Verhältnis zur Historie, die Landschaftsmalerei mit ihren besonderen Absichten; die Aufgaben der Zeichnung und der Farbe wurden besprochen und weitergehende Fragen aufgeworfen über die Wirkung eines Gemäldes, abgesehen von der Bedeutung seines Gegenstandes, über seinen Eindruck und seinen Stimmungsgehalt, und bis zu welchem Grade man dergleichen mit Worten unserer Sprache ausdrücken könne.

Die Ergebnisse dieser Unterhaltungen veröffentlichten die Gebrüder Schlegel alsbald im Athenäum, das eine Fülle von geistvollen Bemerkungen damals ganz neuen Gedankengehalts über Kunst, Betrachtungen und Beschreibungen von Bildern mit Gedichten usw. enthält. Sie sind für Dresden besonders wertvoll, weil die Beispiele für ihre Art die Kunst zu betrachten zumeist der Dresdner Galerie entnommen sind. Mit Recht behauptet Adolf Philippi, daß erst durch die Leseliteratur der Romantiker dem großen Publikum die Vorstellung von der Malerei als einer geistigen Lebensäußerung nahegebracht worden ist; bis dahin dachte man bei Kunst an eine mehr oder minder antike Statue. Daß Schiller, der Verfasser der Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen, die künstlerischen Anschauungen der Romantiker verspottete, schmälert ihr Verdienst nicht im mindesten. Einstweilen gehörten indes die Schätze der königlichen Sammlungen in Dresden noch nicht der Allgemeinheit.

Es giebt schon Sammelwerke, die vom Schweiss der Gelehrsamkeit triefen. Auch solche giebt es, die dem Publikum hübsche Bilder in der Bettelsuppe seichten Textes servieren. Wir wollen nicht seicht sein, auch nicht lehrhaft trocken. Dinge, die auf Wissen beruhen, wollen Wir in lesbarer Form kredenzen. Erforscht, durchdacht, empfunden, geschrieben soll alles sein, was die Sammlung bringt.

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