Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet


Erst in der Gegenwart sollten indische Gelehrte von neuem an der Aufhellung des verschlossenen Landes, und zwar in höchst wertvoller Weise teilnehmen, jedoch nicht aus eigenem Forschungsantrieb, sondern nur sozusagen mechanisch, als gedrillte Werkzeuge der Europäer. Das heutige geographische Bild von Tibet ist einem Zusammenfließen europäischer und chinesischer Kenntnis und einer Vervollkommnung dieser Grundlage durch die rastlose Arbeit der weißen Rasse zu verdanken.

Die erste Kunde von Tibet, die im Abendlande erscheint, tritt uns bereits in sehr merkwürdiger Form entgegen, ehe der Alexanderzug, einem mächtigen Scheinwerfer gleich, seinen großen Lichtstrahl in das geheimnisvolle Dunkel über dem fernen Osten wirft. Herodot erzählt (Buch III, § 102—5), daß es im Norden und Nordosten von Kaspatyros «Kaschmir) in einer sandigen Wüste eine Art Ameisen gäbe, größer als Füchse, die beim Bau ihrer Erdhöhlen goldhaltigen Sand zutage förderten. Diesen jagten die Inder mit List den gefährlichen Tieren ab. Lange wurde die wunderliche Geschichte für eine bloße Fabel angesehen, bis neuere Forschung herausgestellt hat, daß ihr vermutlich eine tatsächliche Beobachtung der in uralter Zeit ganz ähnlich wie heute betriebenen Goldgewinnung in Tibet zu gründe liegt.

Auch ein landschaftlich richtiger Zug birgt sich darin, die Auffassung des Landes als einer sandigen Öde. Ein Bewußtsein von der ungewöhnlichen Höhenlage Tibets hat Herodot jedoch noch nicht. Wohl aber bereits Strabo/ der das Goldland als eine fast 3000 Stadien im Umfang betragende „Bergebene“ bezeichnet. Vollends auf ihrem Höhepunkt besitzt die antike geographische Landeskunde, wie sie bei Ptolemaios zusammengefaßt ist, von den Ländern Östlich des Imaos, d. i. des Pamir-Hochlandes, eine Richtigkeit der Vorstellung, die in Europa später noch vor zweihundert Jahren nicht wieder erreicht war. Indem sie die parallelen, ostwestlich gerichteten Erhebungsstreifen des Kasischen und des Emodischen Gebirges und zwischen ihnen den Fluß Bautisos und das Volk der Bautae nennt, unterscheidet sie bereits die beiden großen Grenzgebirge Tibets, Kwen-lun und Himalaya, und kennt wie es scheint auch den Sangpo, den Hauptfluß und die große Lebensader des Landes. Ja sogar der Name, mit dem die Tibeter selbst ihr Land bezeichnen, Bod, scheint in diesem „Bautisos“ und den „Bautae“ bereits anzuklingen.

Da zur Zeit der größten Entwickelung des Römerreichs nach Osten auch die glänzend erstarkte Macht des chinesischen Kaisertums am weitesten nach Westen ausgriff und den Chinesen damals mindestens der Ost- und Nordrand des tibetischen Hochlandes gut bekannt war, so hätten beide Kenntnisbereiche nur sich zu vereinigen brauchen, um schon damals ein vortreffliches geographisches Gesamtbild von Tibet zu erzeugen. Diese Vereinigung trat jedoch diesmal noch nicht ein. Das Römerreich stürzte zusammen, und auch die Macht der Han-Kaiser (205 v.—221 n.Chr.) über Inner- und Vorderasienzerfiel. Und wenn auch in China unter der Tang-Dynastie bald eine neue Blüte und Ausdehnung folgt, die sogar im siebenten Jahrhundert dazu geführt hat, daß chinesische Armeen ganz Tibet durchquerten, so brach doch im Abendland mit dem Zusammensturz des Römerreiches die wissenschaftliche Nacht des Mittelalters herein.

Bis zu den Kreuzzügen und der Zeit der Mongolenreiche lag für Europa wieder Finsternis über den Weiten Asiens. Die nicht unbeträchtliche geographische Wissenschaft  der Araber, die zu dieser Zeit blüht, ist über Tibet unsicher und verschwommen. Bedeutsamer scheinen die Erkundigungen der Chinesen gewesen zu sein. Wissen wir doch sogar von einer direkten Forschungsreise, die durch dies Gebiet führte, indem der buddhistische Indienpilger Schifa-hsi’en (Fahian) um 400 n. Chr. seinen Weg vom Tarimbecken über Westtibet nach Indien nahm. Besonders zur Zeit der glänzenden Tang-Dynastie (619—1205} reichte die Macht-und Interessensphäre Chinas wieder weit ins Innere Asiens hinein, und zweifellos ist damals auch über Tibet mancherlei exakte Kenntnis aufgesammelt worden. Wie weit diese ging, ist schwer zu sagen, jedoch kann wohl kaum bezweifelt werden, daß manches davon, das später uns so bedeutsam aus chinesischer Hand übermittelte Bild der Geographie von Tibet herzustellen geholfen hat.

Noch im Zeitraum des Kreuzzugalters, gegen Ende des Jahrhunderts, streift der größte aller alten Asienreisenden Marco Polo auch den äußersten Osten des tibetischen Hochlandes und sammelte auch hier wie überall in bewundernswerte Weise Notizen, allein seine Nachrichten darüber sind erst richtig gedeutet worden, als man diese Gegenden aus andern Quellen bereits besser kannte. Ähnlich steht es mit den spärlichen Notizen Odoricos von Pordenone über Tibet, das er um 1325 bereiste.

Die neueren Forschungen bis 1850.

Diese Periode wird zunächst charakterisiert durch eine große Zahl europäischer Forschungsreisen, die zum Teil, geistreich kommentiert, wirklich wertvolle und dauernde Kunde über Tibet gebracht haben. Insbesondere ist Karl Ritters grundlegende Darstellung zu nicht geringem Teile auf ihnen aufgebaut. Sodann durch die Verwertung chinesischer Kenntnisse.

Der früheste unter den wichtigeren europäischen Forschungsreisenden ist der Jesuit Andrada, der 1624 von Indien aus über Kaschmir, den Ganges aufwärts bis vermutlich in die Quellgebiete des Satledsch vordrang. Er lehrt die sonderbaren Erscheinungen der Bergkrankheit in jenen außerordentlichen Höhen kennen, die er, wie es seitdem so oft geschehen, auf giftige Dünste zurückführt, und schildert noch andere Charakteristica der gewaltigen Höhenlagen, z. B. die, daß man dort (infolge des mangelnden Luftdrucks) nichts kochen können, sowie die Gefahren der Schneeblindheit. Und wenn er erzählt, daß er, auf der Bergeshöhe angekommen, eine „große Ebene des Landes Tibet“ erblickt habe, so hat er damit einen besonders charakteristischen landschaftlichen Eindruck erfaßt, den mar> beim Emporklimmen über die Randgebirge bis zu dem inneren Hochlande gewinnt.

Diesem ersten Missionar folgt eine ganze Reihe anderer mutiger Glaubensboten. Im Jahre 1661 zogen die Jesuiten Gruber und de Dorville von Peking über den Kukunoor nach Lhassa, wo sie sich ungefähr zwei Monate (von Mitte oder Ende Oktober bis etwa Anfang Dezember-) aufhielten, und von dort zum Indus. Der Kapuziner Desideri scheint 1715—16 auf einem Marsch von Leh nach Lhassa eine Wanderung durch das unwirtlichste Hochland zurückgelegt zu haben, die der berühmten Reiselinie des Pandits Nain Singh im Jahre 1874 ähnlich ist. Er verweilte bis 1729 in der Hauptstadt Lhassa. Ja von 1741—60 unterhielt der Kapuziner-Orden dort sogar eine ständige Mission, deren bedeutendster Vertreter, der unermüdliche Horacio della Penna, mehr als zwei Jahrzehnte in Lhassa zugebracht und eine Fülle interessanten Materials gesammelt hat. Auch ein wissenschaftlich gebildeter Laie, der Holländer Samuel van de Putte, hat während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zwischen 1729 und 1737 zweimal Tibet zwischen Indien und Nordwest-China gequert. Leider hat er vor dem Tode seine anscheinend wertvollen Manuskripte größtenteils wieder vernichtet. Um 1760 wurden dann die christlichen Missionen aus Lhassa vertrieben, weil sie sich anscheinend an inneren Unruhen beteiligt hatten.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts traten zum ersten Male die Engländer auf den Plan. 1772 wird der große Warren Hastings Generalgouverneur von Bengalen und benützt eine Grenzstreitigkeit, um politische und Handelsverbindungen mit Tibet anzuknüpfen. Zweimal schickt er eine Gesandtschaft an den Priesterfürsten in Taschilumpo bei Schigatse, den Taschilama, nämlich 1774—75 George Bogle und 1783—84 Samuel Turner.- Beide haben bedeutsame Aufzeichnungen über ihre Reisen heimgebracht. Bis dahin wurde der Verkehr über den Himalaya nach Tibet, wie es scheint, noch eher gefördert als gehindert. Ein Umschwung trat ein, seit infolge der Kriege der unruhigen Gurkha Nepal im Jahre 1792 von China unterworfen wurde. Von da an datiert die strenge Abschließung der indischen Pässe vonseiten der durch China beeinflußten Regierung in Lhassa, die, mit immer wachsender Schroffheit aufrecht erhalten, bis zur Gegenwart ein Eindringen europäischer Reisender von Indien her fast vollständig verhindert hat.

Nur noch zweimal ist es seit der Vertreibung der Kapuziner aus Lhassa weißen Männern gelungen, diese Stadt zu erreichen. Das eine Mal 1811 dem englischen Arzt Manning, der an der tibetisch-indischen Grenze durch eine glückliche Kur die Gunst eines chinesischen Generals erlangte und von ihm zur Hauptstadt Tibets eskortiert wurde. Sein flüchtiger, aber durch seine Ursprünglichkeit fesselnder Bericht ist erst 1875 durch Clements Markham herausgegeben worden, enthält aber, insbesondere in seiner Beschreibung von Lhassa und der Person des Dalailama, noch heut sehr fesselndes Material. Das zweite und bis zur Gegenwart letzte Mal glückte der Besuch Lhassas den beiden französischen Lazaristen-Missionaren Gäbet und Huc, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts noch einmal den kühnen Versuch wagten, den Glauben an Christus unmittelbar in die Hauptstadt des innerasiatischen Buddhismus zu verpflanzen. Mit einer mongolisch-tibetischen Karawane zogen sie von Nordosten her nach unsäglich mühseliger Wanderung am 29. Januar 1846 in Lhassa ein, mußten aber auf Betreiben des chinesischen Amban schon am 15. März desselben Jahres die Stadt wieder verlassen. Huc hat bald nachher ein stilistisch glänzendes Buch über diese Reise geschrieben3), das, wenn es mit der nötigen Kritik gehandhabt wird, zu den anziehendsten Reiseschilderungen gehört, die wir über Tibet besitzen.

Von anderen Reisen, die Lhassa nicht berührten, aber doch für die Landeskunde von Bedeutung sind, nenne ich noch Moorcrofts Fahrten in das Gebiet der Indus-Quellen und der Kailas-Berge (1812) und durch Ladak, Kaschmir und das Satledsch-Quellgebiet (1819—25), die Reise des Mir Izzet Ullat von Kaschmir zum Tarimbecken (1812), Stracheys Vordringen nach Gnari Khorsum (1846), Thomsons Forschungen, die ihn bis zum Karakorum-Paß führten (1848).

Sehr wertvoll sind auch die Erkundigungen, die Hodgson als britischer Resident in Nepal von 1820—43 über Sprache, Literatur, Religion, vGeographie, Ethnographie und Handel von Tibet sammelte.

Die Ergebnisse all der im vorhergehenden Abschnitt genannten Reisen für das Gesamtbild von Tibet treten aber, mindestens in topographischer Hinsicht, in den Hintergrund gegenüber der Fülle von Licht, die durch die innerhalb derselben Periode erfolgte Übernahme und Verarbeitung der chinesischen geographischen Quellen über Tibet in Europa gewonnen wurde.

lm Jahre 1735 erschien in Frankreich das große vierbändige Werk des Jesuitenpaters Du Halde: Description geographique, historique, chronologique, politique et physique de l’Empire chinois, das zum erstenmal die landeskundlichen Beobachtungen und Erkundigungen seiner Ordensbrüder in China zu einer Gesamtdarstellung des chinesischen Reiches verarbeitete. Es war begleitet von den seitdem berühmt gewordenen Karten des französischen Kartographen d’Anville. Namentlich diese Karten sind es, die den gewaltigen Fortschritt unserer Kenntnis für Ost- und Innerasien bedeuten. Mit einem Male tritt an die Stelle haltlos phantastischer Zeichnungen der ganze ungeheure Raum des chinesischen Kaiserreichs in einer einheitlichen, verhältnismäßig vortrefflichen Situationsdarstellung, die den gleichzeitigen Aufnahmen vieler europäischer Staaten entschieden überlegen war.

Die Karten d’Anvilles waren nach — von ihm selbst als unvollkommen bezeichneten — Pausen der großen in Kupfer gestochenen chinesischen Reichskarte angefertigt worden, die auf Veranlassung des großen Mandschu-Kaisers Kanghsi (1661—1722) in den ersten Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts durch die an seinem Hof damals zu größtem Ansehen gekommenen Jesuiten-Missionare hergestellt wurde. Die Arbeit dieser europäischen Gelehrten war nur in wenigen Punkten eine ganz selbständige; sie bestand vielmehr im wesentlichen darin, daß sie das in China seit alter Zeit massenhaft gewonnene offizielle und private kartographische Einzelmaterial zusammenarbeiteten und durch zahlreiche astronomische Ortsbestimmungen zuverlässig festlegten. F. v. Richthofen bezeichnet diese Karte als das bedeutendste kartographische Werk, das jemals in einem so kurzen Zeitraum ausgeführt worden ist. In derselben erscheint auch Tibet, und zwar, wie angegeben wird, vorzugsweise auf Grund einer eigens zur Landesaufnahme dorthin geschickten mehrjährigen Expedition zweier besonders dazu vorgebildeter buddhistischer Lamas, die bis zu den Quellen des Ganges vordrangen. Unzweifelhaft ist aber auch die Tätigkeit dieser letzteren Männer nur als eine Kontrolle und Berichtigung bereits vorhandener Aufnahmen zu bezeichnen, denn die vorliegende Karte von Tibet kann nicht anders entstanden sein, als die von China auch. Ein so vollständiges, insbesondere hydrographisch vollständiges Netz eines so gewaltigen Erdraumes, wie es uns hier mit einem Schlage entgegentritt, kann einfach nicht durch die Arbeit einer einzelnen Forschungsexpedition gewonnen worden sein; es müssen hier ähnliche alte und reichhaltige Materialien Vorgelegen haben, wie bei den übrigen Teilen der Karte. Das Material wird einmal chinesischen Ursprungs sein, denn die politischen und kommerziellen Beziehungen Chinas sind alt. Ferner aber und ganz besonders ist hier wohl an einheimische tibetische Kenntnis zu denken.

Daß die Tibeter einen, vielleicht sogar sehr großen einheimischen Schatz an geographischen Beobachtungen gesammelt haben, scheint aus verschiedenen Anzeichen hervorzugehen. Schlagintweit spricht von einer im Manuskript vorhandenen Geographie von Tibet in tibetischer Sprache, die in Petersburg sich befinden soll, und besonders interessant ist die Notiz Horazio della Pennas, daß er im Palast des Dalailama zu Lhassa gemalte tabulas chorographicas gesehen habe. Sie sind wohl identisch mit den aus der Regierungszeit Kanghsis stammenden Gemälden, welche sechzehn große Wände dieses Palastes bedecken und sämtliche Provinzen Tibets darstellen sollen. Daß die Tibeter auch gegenwärtig die Kunst der Kartenzeichnung ausüben, haben wir durch eine sehr eigenartige tibetische Aufnahme der Gegend von Phari im Tschumbi-Tal bis nach Dardschiling kennen gelernt, die von den Engländern in dem kleinen Grenzkriege von 1888 erbeutet wurde“).

D’Anville übertrug seinerseits die chinesische Reichskarte in europäische Formen und fügte, da die Orographie bei den chinesischen Karten in der Regel lediglich darin besteht, das Vorhandensein bergigen Landes durch Ausstreuung loser Bergsignaturen anzudeuten, nach der Anschauung der damaligen Zeit hypothetisch große Wasserscheide-Gebirgsketten hinzu.

Die orographischen Konstruktionen d’Anvilles sind später durch die vordringende Forschung fast allenthalben wieder beseitigt worden, die hydrographische und topographische Situationszeichnung aber ist bis zum heutigen Tage die nur in Einzelheiten verbesserte Grundlage unserer Karten Ostasiens geblieben.

Diese Darstellung d’Anvilles wies nun gerade für Tibet allerdings noch erhebliche Lücken auf, die sich auf die höchsten und unwirtlichsten Teile des Landes bezogen. Ausgefüllt wurden sie zum Teil durch die glänzende Carte de l’Asie Centrale von Klaproth, 1836. Sie bedeutet die definitive Feststellung jenes Bildes von Tibet, das wir als die Basis der modernen Forschungsarbeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts anzusehen haben. Auch die hervorragende Leistung Klaproths gründet sich auf die Verwertung chinesischer Quellen, nämlich der unter dem zweiten Nachfolger Kanghsis, dem Kaiser Kienlung (1736 bis 1796), ausgeführten Verbesserungen der großen offiziellen Reichskarte und der dabei gesammelten Notizen. Kienlung vollendete die Eroberung von Tibet und ließ über das ganze riesige Staatsgebiet seiner Dynastie eine große zusammenfassende Reichsgeographie erscheinen, das Werk Ta-Tsing-i-tung-tschi, das 1744 in 356 Büchern zum ersten Male erschien. Über Tibet ist eine Fülle von Material darin enthalten. Auf diesem umfangreichen Werke und einigen anderen Notizen ist das viel genannte, mehrfach übersetzte und auch von uns weiterhin anzuziehende chinesische Werkchen „Weitsang-thu-tschi“ d. h. die Beschreibung von Tibet (Wei-tsang) basiert, eine Art offiziösen, aus Interesse des Gurkha-Krieges 1791 zusammengetragenen Reisehandbuchs mit Nachrichten über Geschichte, Sitten und Geographie des Landes, das nach Klaproths Übertragung auch Karl Ritter so wesentliche Dienste für seine Darstellung von Tibet geleistet hat und noch heut von Wert ist.

ln einer Hinsicht ging Klaproth aber weit über die Chinesen hinaus, nämlich inbezug auf die Gebirgszeichnung. In inniger Zusammenarbeit mit Humboldt schuf er ein ganz neues, sehr viel richtigeres Bild von den Gebirgszügen Zentralasiens. Insbesondere erfaßten beide vor allem die Bedeutung jener beiden großen, ungefähr west-östlich verlaufenden Gebirgssysteme, des Himalaya und des Kwenlun, als der beherrschenden orographischen Züge Tibets, mit voller Klarheit. Die Erforschung des Himalaya war inzwischen durch die großartige offizielle Tätigkeit von Süden her seit Ende des 18. Jahrhunderts praktisch in Gang gekommen; das Wesen des Kwenlun erkannten diese beiden Forscher lediglich durch geistvolle Kombination älterer Quellen.

Ebenfalls durch solche endlich gelang es Karl Ritter, mit einer staunenswerten Beherrschung des sämtlichen bisher verfügbaren europäischen und asiatischen Materials ein überaus lebensvolles Gesamtgemälde von Tibet (in „Erdkunde von Asien,“ Band II und III, 1833 und 34) zu entwerfen, das in seinen wesentlichen Teilen seither nicht mehr zu berichtigen, nur noch auszubauen war.

Die Arbeiten der Gegenwart.

Die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts wird gern als das letzte „Zeitalter der Entdeckungen“ bezeichnet, insofern europäische Forscher, durch die Entwickelung der modernen Technik und Verkehrsmittel mit neuen Werkzeugen zur Überwindung des Raumes und Bezwingung natürlicher Hindernisse ausgerüstet, sich geradezu in Scharen daran machen, die noch unerforschten Teile des Globus zu erschließen. Wie leidenschaftliche Erstürmungen muten die Kämpfe um das Innere von Asien, Afrika, Australien, um die Arktis und Antarktis an, die seitdem von den energischen Pionieren der kaukasischen Rasse ohne Rücksicht auf Mühen und Gefahren ausgefochten werden.

In Asien drehten sich die kühnsten und größten dieser Entdeckungsreisen um das durch Natur und Menschengebot gleichschwer zugänglich gemachte Tibet.

Ich kann aus der Fülle der Forschungsexpeditionen in Tibet, die großenteils zu den bedeutendsten Reiseunternehmungen aller Zeiten überhaupt gehören, hier nur die wichtigsten nennen.

Was den Südrand Tibets, das Himalaya-Gebirge, betrifft, so nehmen hier die offiziellen britischen Vermessungen und geologischen Untersuchungen desselben, die schon in der vorherigen Periode begannen, ihren Fortgang. Über die tibetische Grenze jedoch vorzudringen gelingt von Süden aus den europäischen Beobachtern nur selten und in unbedeutenden Vorstößen. Die Abschließung Tibets ist ganz besonders gegen Indien aufs schärfste durchgeführt worden, weil den Machthabern in Lhassa die Nähe der englischindischen Weltmacht vor allem Mißtrauen erweckte.

Trotzdem haben die Tibeter die wissenschaftliche Eroberung ihres Landes auch von Indien her nicht dauernd zu hindern vermocht. Nur den weißen Männern ist ja der Zutritt versagt, asiatischen Pilgern und Händlern dagegen nicht. Das haben die Engländer in geschickter Weise ausgenützt. Seit den sechziger Jahren haben sie geweckte Eingeborene, insbesondere aus den ihnen unterworfenen, der den Tibetern stammverwandten Himalaya-Völkern, in den Elementen der Landesaufnahme unterrichtet und sie in Verkleidung mit bestimmten Forschungsaufgaben der topographischen Aufnahme oder Sammlung von ethnographischem und literarischem Material nach Tibet hineingesendet. Diese indischen Gelehrten, „Pandits“ genannt, haben das südliche Tibet, das Tal des Sangpo und seine Umgebung, das Hochland Tschangtang oder Katschi, die Gegend des Tengrinoors und auch den Norden und Osten nach verschiedenen Richtungen durchkreuzt; sie haben zum Teil unter großen Mühen und Gefahren langjährige Reisen ausgeführt, die an Kühnheit und Gewissenhaftigkeit den größten Unternehmungen der Europäer an die Seite zu stellen sind. Ganz besonders haben die Pandits Nain Singh, Krischna undSarat Tschandra Das Leistungen ausgeführt, die gebieten, ihre Namen in der Erforschungsgeschichte von Asien dauernd mit Ehren zu nennen. Diesen Pandits ist es auch mehrfach gelungen, längere und kürzere Zeit in dem Europäern seit Huc durchaus unzugänglichen Lhassa zu verweilen.

Der äußerste Westen, wo sich das Hochland zwischen dem Pandschab und dem westlichen Tarimbecken bedeutend verschmälert — wenn auch hier die Höhe des Gebirges ganz besonders bedeutend ist und die Hauptkette des Karakorum sich zu einer Durchschnittshöhe von mehr als ca. 6000 Metern, der Pik  K2 in ihr, der zweithöchste Berg der Erde, bis zu 8619 Metern erhebt — leidet unter der künstlichen Abschließung gegen die Europäer nicht, da die hier gelegenen Gebiete, Kaschmir und Ladak, seit 1839 zum britischen Machtbereich gehören. Groß ist daher die Zahl ausgezeichneter Forscher, die diese Gebirgsgegenden seit den fünfziger Jahren durchzogen haben; da jene Landschaften aber nicht zum Dalailama-Reiche gehören, seien hier aus ihrer Schar nur die Namen der Brüder Schlagintw’eit genannt. Im Jahre 1855 begannen sie ihre epochemachenden Forschungen im Himalaya. Adolf und Robert drangen zunächst auch in das eigentliche Tibet, nach Gnari Khorsum, vor. Im Jahr 1856 erforschten sie dann im Verein mit Hermann Kaschmir, Balti und Ladak, und die Brüder Hermann und Robert führten hier die erste Durchquerung des westlichen Hochlandes, vom Indus- zum Tarimlande, durch. 1857 folgte der dritte Bruder Adolf Schlagint-weit, der dann in Kaschgar den Tod fand. Diesen unermüdlichen deutschen Forschern ist unter anderem die Erkenntnis des Karakorum als eines besonderen, vom Kwenlun verschiedenen Gebirges zu verdanken.

Zu den unbekanntesten Gegenden der Erde gehört noch heut der Osten Tibets, das Grenzgebiet gegen China. In den südöstlichsten Gegenden, den Oberläufen der großen Ströme Hinterindiens und des Yangtsekiang hat besonders der französische Missionar Desgodins gearbeitet, ferner der Engländer Gill und der Amerikaner Rockhill. Auch die Expedition des Grafen Szechnyi, deren Mitglieder Ludwig von Loczy und Kreitner waren, hat den Rand dieses Gebietes berührt. Glänzend war die Reise des Pandits Krischna 1879—1882, der vom Kukunoor nach Tatsienlu und dann noch einmal rückwärts zum Sangpo wanderte. Auch die Rückreisen der Expeditionen von Bonvalot und Henri d’Orleans und von Bower aus Innertibet führten hier hindurch nach China. Im Nordosten sind die Expeditionen von Szechenyi und Loczy, Rockhill, Grum Grschimailo, Dutreuil de Rhins, Grenard, Po-tanin, Obrutschew, Futterer und Holderer tätig gewesen.

Vor allem aber ist der Norden und das zentrale Gebiet des tibetischen Hochlandes der Schauplatz der großartigsten europäischen Forschungsreisen gewesen. Den Reigen eröffnete hier der große Russe Prschewalski, den man seinen Entdeckungserfolgen nach nicht mit Unrecht als den Stanley Innerasiens bezeichnet. Vier bedeutsame Expeditionen führte er im Bereiche der Gebirgsketten und Hochwüsten der Gegenden nördlich von Lhassa aus, 1872—73, 1877, 1879—80 und 1883—85, die zum erstenmal das Licht exakter europäischer Aufnahme in weite Räume des innersten dunkelsten Asiens brachten. Von anderen Forschungsreisenden in den gleichen Gebieten seien genannt: Carey, Bonvalot und Henri d’Orle’ans, Bogdanowitsch und Pjewtzow, Bower, Littledale, Wellby, Dutreuil de Rhins und Grenard und endlich der jüngste und nach Prschewalski unermüdlichste und erfolgreichste aller Tibetreisenden, der Schwede Sven Hedin.

Gerade bei den Reisen dieser letzten Gruppe hat der  Kampf um Lhassa als höchstes Ziel des Forscherehrgeizes eine große Rolle gespielt. Das Problem der Erreichung dieses verbotenen Ortes ist in den letzten Jahren bei uns fast ähnlich populär gewesen, wie das des Nordpols; kein Zweifel, derjenige Reisende, dem es in dieser Zeit gelungen wäre, Lhassa zu betreten, würde mit einem Schlage „unsterblich“ geworden sein. Und für die von Norden, Nordwesten und Nordosten vordringenden Forscher bestand in der Tat die meiste Aussicht, sich in Verkleidung Lhassa zu nähern, weil hier sich die ungeheuren menschenleeren Einöden Hochtibets ausdehnen, wo der Reisende monatelang wandern kann, ohne einem Eingeborenen zu begegnen, und wo der Verkehr über die breiten, flachen Bodenwellen der nördlichen Gebirge allenthalben Übergänge findet. Fast jedesmal gelang es auch, bis auf wenige Tagereisen sich heimlich der Hauptstadt zu nähern; am nächsten, bis auf etwa 50 Meilen, kam ihr das Ehepaar Littledale 1893. Dann aber wiederholt sich immer in fast komischer Weise der gleiche Vorgang. Kaum hat man die ersten Menschen getroffen, so werden die Reisenden angehalten, sie werden als Europäer erkannt oder wenigstens verdächtigt, Boten gehen nach Lhassa, binnen einigen Tagen erscheint eine hohe offizielle Persönlichkeit mit großem, bewaffnetem Gefolge, und ungemein höflich, aber mit ebenso unbeugsamer Entschiedenheit werden sie genötigt, zurückzukehren oder auf einem anderen Wege das Land zu verlassen. Auch Sven Hedin ist es bekanntlich auf seiner letzten Reise so ergangen, obwohl er Sitten und Gebräuche der Innerasiaten vortrefflich kannte und eine ausgezeichnete Verkleidung gewählt hatte.

Trotzdem kennen wir Lhassa sehr gut, nicht nur aus den genannten früheren Quellen, sondern insbesondere durch die neueren Forschungen der Pandits. In allerletzter Zeit haben auch nach dem Vorbild dieser indischen Sendlinge aus den Bereichen Rußlands, zu denen ja auch buddhistische, den Dalailama als ihr geistliches Oberhaupt verehrende Völkerschaften gehören, Eingeborene asiatischer Abstammung, aber europäischer Vorbildung mehrfach ebenso glücklich wie die indischen Pandits Lhassa erreicht. So der Kal-mük Baza Norzunow (1901), und besonders der Burjate Tsibikow, der an der Universität Petersburg studiert hat. Sie verweilten längere Zeit dort und haben außer Notizen und Sammlungen uns jetzt auch Photographien von Lhassa und anderen heiligen Orten mitgebracht.*) Ja, auch ein Japaner hat sich an diesen Forschungen beteiligt, Kawagutschi mit Namen, ein buddhistischer Priester, der sich von März 1900 bis zum Mai 1902 in Lhassa aufgehalten hat, hauptsächlich  mit dem Zweck, alte buddhistische Bücher zu sammeln. Merkwürdigerweise nahm man ihm gegenüber in Tibet eine ähnliche Stellung ein wie gegen die Europäer, denn er mußte sorglich in Verkleidung reisen, und sobald man seine Herkunft erkannt hatte, mußte er flüchten.

*) Von den Aufnahmen Norzunow’s und Tsibikows hat die Kaiserl. Russ. Geogr. Gesellschaft soeben (Anfang Juni) der Gesellschaft für Erdkunde eine wertvolle Sammlung von einigen fünfzig Blatt zum Geschenk gemacht. Der Güte beider Gesellschaften verdanken wir die wertvolle Erlaubnis, einige der intereressantesten Blätter in unserer Broschüre wiederzugeben. Einige andere findet der Leser noch in „Iswestija“ d. Kais. Russ. Geogr. Ges. zu St. Petersburg 1903, Heft III.

Wiederholt sind auch während dieser letzten Periode der Forschung die neuen Resultate bereits wie früherv  von heimischen Gelehrten zu kombinatorischen Untersuchungen über die Landesnatur Tibets verwendet worden. Von niemand in größerem Stil als von Ferdinand von Richthofen in dem ersten Bande seines Monumentalwerkes „China“. Er ist insbesondere insofern den vorhergenannten d’Anville, Klaproth, Humboldt und Ritter anzureihen, als er für die Erkenntnis der Landesnatur Tibets das genetische Moment hinzugefügt hat; die Erklärung seiner eigentümlichen Landschaftsformen durch das Zusammenwirken des Faltengrundbaues mit den besonderen Gesetzen der Abtragung und Aufschüttung in den abflußlosen Gebieten Zentralasiens.

Text aus dem Buch: Tibet und die englische Expedition (1904), Author: Wegener, Georg.

Die einzelnen Buchkapitel:
Tibet und die englische Expedition – Einleitung
Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches
Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet
Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft
Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse
Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter
Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel
Tibet und die englische Expedition – Lhassa
Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart
Tibet und die englische Expedition – Tibet und England
Tibet und die englische Expedition – Nachwort

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