Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft


Das Hochland von Tibet steigt wie ein ungeheures Kastell aus den Niederländern Nordindiens, Ostturkestans und der Gobi sowie den Hügel- oder Mittelgebirslandschaften des westlichen China empor. Nur an wenigen Stellen verwächst seine Masse mit anderen Hochländern; so im Westen mit dem Pamir-Hochlande und, durch die Vermittelung des Hindukusch, mit dem von Iran, so im Nordosten mit dem wallartigen Tsinling-Gebirge Nordchinas und im Südosten mit den Gebirgswildnissen Hinterindiens.

Die Umwallung.

Im Süden wird das Hochland vom Himalaya-Gebirge umrandet. Nirgends ist der landschaftliche Gegensatz Tibets zur Umgebung größer, nirgends der Eindruck, den der Reisende von der Eigentümlichkeitseiner Natur empfängt, unmittelbarer, als hier, ln grandiosen Formen steigen die Gehänge des Himalaya aus den sumpfigen Niederungen Indiens zwischen tief eingerissenen Schluchten empor, Wildwasser brausen von ihnen hernieder, ungeheure Wälder bekleiden hoch hinauf ihre Flanken, und darüber erheben sich, dann kühn gezackt und vom ewigen Schnee gekrönt, die höchsten Gipfel der Erde. Kaum hat man aber einen der atemberaubend hohen Pässe der Hauptkette überschritten und damit die Riesenmauer überwunden, welche die Niederschläge des Indischen Ozeans abfängt, so ändert sich plötzlich der Anblick der Gegend. Anstelle der vielgestaltigen, romantischen und an organischem Leben überreichen indischen Landschaft tritt öde Einförmigkeit. Weite, sanfte Talgehänge dehnen sich hinter dem Passe aus, weichgewölbte, verhältnismäßig niedrige und kahle Bergzüge begrenzen in der Ferne den Blick, und nur hier und da glänzen noch schneegekrönte Gipfel herüber. Die von Wolken und Nebel freie Luft umfließt mit solch einer Durchsichtigkeit Nähe und Weite, daß selbst bedeutende Höhenunterschiede sich dem ungeübten Augenmaß entziehen; nur das Barometer belehrt uns, daß wir uns hier auch am Boden der Talzüge immer noch in den Höhenlagen unserer höchsten Alpengipfel bewegen.

Hart aneinander grenzen hier also in typischer Ausbildung die sonst durch mannigfache Übergänge vermittelten Landschaftsformen der Randgegenden Asiens, die einen Abfluß zum Meere besitzen und deshalb durch unablässige Fortschaffung des Gebirgsschuttes ein wechselvolles Relief haben, und der zentralasiatischen, die einen solchen Abfluß nicht besitzen, wo die Verwitterungsprodukte liegen bleiben und die Unregelmäßigkeiten des Bodens ausebnen.

Der Himalaya, das nach Höhe und eindrucksvoller Gestaltung gewaltigste Gebirge der Erde, besteht aus einem mächtigen, bogenförmig* dahinstreichenden System paralleler Ketten, das — soweit wir seine Enden genauer kennen — im Westen in den Gegenden des Indus-Durchbruchs beginnt, im Osten in denen des Sangpo – Brahmaputra – Durchbruchs endigt. Die große Zahl kürzerer und längerer nebeneinander hinziehender Ketten pflegt man in drei Hauptzügen zu gruppieren. Der eine davon, der südliche Hauptkettenzug, bildet im wesentlichen die politische Südgrenze von Tibet, die beiden nördlicheren Züge gehören ganz dem Lamareiche an.

Der großartigste unter ihnen ist unzweifelhaft der südliche. Er ist eine fast ununterbrochene Folge ungeheurer Piks, riesenhafter Gletscher, wilder Grate und tief eingefurchter Pässe. In ihm liegt die Mehrzahl der großen Hochgipfel, mit denen der Himalaya alle anderen Gebirge des Globus überragt. Nicht gerade im Westen, im Bereich Kaschmirs, wo die höchsten Erhebungen des Systems erst weiter nördlich, in den hier als Karakorum-Ketten besonders benannten, aber doch zu dem gleichen orographischen Gesamtgefüge zu rechnenden Kämmen liegen, wohl aber in den mittleren Teilen, östlich vom Durchbruch des Satledsch, insbesondere in Nepal, ln der westlichen Hälfte dieses Bergstaates erhebt sich der Daulagiri, der vierthöchste Berg der Erde, zu 8176 Metern Meereshöhe, in seiner östlichen der etwas gegen Süden vorgeschobene wundervolle Kandschin-dschinga unweit Dardschiling, der dritthöchste, zu 8585 m und vor allem der höchste unter allen gemessenen Bergen, der Mount Everest, mit 8840 Metern. Daneben ragen aber noch Dutzende von anderen Gipfeln über 7, ja 8000 Meter Höhe empor. Trotz dieser Gipfelhöhen bildet diese südliche Hauptlinie jedoch nicht zugleich die Wasserscheide zwischen Indien und Innerasien; sie ist so wild zerschnitten und durchsägt, daß man vor noch nicht langer Zeit überhaupt die Anschauung hatte, die großen Gipfel lägen alle als vorgeschobene Ausläufer südwärts der eigentlichen Kette. Die Wasserscheide gegen das abflußlose Innerasien trifft man erst weiter nördlich, auf den inneren Gebirgsketten, die minder große absolute Höhe erreichen, aber geschlossenere Kämme darstellen. Im Westen schiebt der Oberlauf des Indus sie bis zum Karakorum zurück; weiter im Osten, im Bereich des Satledsch und des Sangpo liegt sie im Bereich der nördlichsten Hauptkette, ja sie greift durch Nebenflüsse des letztgenannten Stromes sogar stellenweise noch über sie hinaus nach Norden auf das innere Hochland über.

Der mittlere Hauptkettenzug, dessen Einzelheiten noch wenig bekannt sind, ist im allgemeinen niedriger, als die Südkette, aber verschiedene Berge erreichen doch 7000, der Gipfel des Nanga Parbat noch 8115 Meter Höhe. Er bildet die Wasserscheide zwischen den nach Süden gehenden Nebenflüssen des Ganges und Brahmaputra und den nordwärts gerichteten Tributären des Sangpo.

Der nördliche Hauptkettenzug, der in Wirklichkeit wohl wieder noch aus mehreren Zügen besteht, ist teilweis eine Fortsetzung der Karakorum-Kette. Zu ihr gehört die im Norden der heiligen Seen Rakus und Mansaraur gelegene Gruppe der Kailas-Berge, der von uralten Poesien umwobene Göttersitz der indischen Mythologie (s. S. 6), für den Hindu eine der verehrungswürdigsten Stätten unter dem Himmel. Von da aus zieht ein Gebirge weiter nach Osten, das Gangdisri oder Gangri (Schneegebirge) genannt wird und, wie es scheint, südlich des Tengrinoor nach Nordosten umbiegend, in das große Nyentschen-tangla-Gebirge übergeht. Auch dies, von den Pandits streckenweis beobachtete, aber doch noch sehr unbekannte Gebirge hat erhabene Gipfel mit Krönungen ewigen Schnees. Die Kailas-Gruppe wird zu 22000 (6700 m), ein anderer Pik zu 25000 (7600 m), ein Paß zu 17200* (5200 m) Höhe angegeben.

ln ihrem landschaftlichen Aussehen aber unterscheiden sich die beiden nördlicheren Kettenzüge wesentlich von der südlichen, indem sie nicht jenen ausgesprochenen, vielgestaltigen, zerrissenen Charakter tragen, sondern bereits den geschlossenen, zentralasiatischen.

Die eigentliche, trennende Schranke des Bereiches von Tibet ist also die südliche Hauptkette. Wenn die Pässe, die hier hinüberführen, sich auch verhältnismäßig tief einschneiden, so liegen sie bei der außerordentlichen Gesamthöhe des Gebirges doch immer noch in Erhebungen von 4300 bis 5000 m und darüber und sind deshalb meist ungemein leicht zu sperren. Von den bereits hinter dieser Kette gelegenen Längstälern des britischen Kaschmir und Ladak aus sind zwar solche schroffen Querpässe nach Tibet nicht mehr zu überklettern, allein hier dehnen sich noch, längs der VVestgrenze des tibetischen Reiches gerade besonders hochgelegene und rauhe Teile des Hochlandes aus, so daß auch deren Überschreitung eine sehr schwierige und langwierige Sache ist.

Wie jm Süden und Südwesten die Ketten des Himalaya, so bilden gegen Norden und Nordosten die Züge des Kweniun – Gebirges die Futtermauern des tibetischen Kastells, und obwohl diese von vornherein ein durchaus anderes Bild zeigen als die geschilderte Landschaft des Himalaya und auf beiden Seiten bereits zentralasiatischen Charakter tragen, so machen sie doch das Innere des Landes nicht weniger schwer zugänglich, als jener. In langen, gleichförmigen, 5, 6 ja 7000 Meter hohen Wellen streichen die Falten dieses uralten Gebirges dahin, weite, unsagbar öde, mit Salzseen bestreute und von Schnee- und Staubstürmen durchtobte Kiesflächen zwischen sich einschließend.

Besonders eindrucksvoll tritt der Gegensatz zum Himalaya in der Schilderung Gabriel Bonvalots von seinem Anstieg auf das Hochland aus den Tiefländern des Tarim-beckens hervor. Am 17. November 1889 brach die Expedition aus der Oase Tscharchalyk auf. Obwohl diese nur 25 km vom Fuß der nördlichsten Kweniun-Kette entfernt liegt, war infolge der dem Tarimbecken eigentümlichen Staubdunst-Atmosphäre nichts von dem Gebirge zu sehen. Erst am zweiten Marschtage trat allmählich eine ungeheure Masse aus dem Nebel hervor, der gewaltige Randwall des Hochlandes, wie eine finstere, geschlossene Mauer, mehrere tausend Meter abstürzend und oben auf der Höhe eine fast ebene Kammlinie zeigend, die Flanken jeglicher Vegetation bar und zerfurcht von trockenen, torrentenartigen Wasserrissen. In einem solchen erfolgt der Aufstieg zu einem 4000 Meter hohen Passe. Jenseits dessen zeigt sich ein Abhang von nur wenigen hundert Metern. Man sieht sich auf einer zwischen 3 und 4000 Meter hohen, flachwelligen, wüstenähnlichen Steppe, der ersten Vorstufe des tibetischen Hochlandes. Schon hier beginnen die Leiden, die aus der Luftverdünnung entstehen, Seufzen und Stöhnen herrscht im Lager. Eine zweite Kette wird dann auf sehr sanftem Übergang gequert, hinter der ein wieder etwas höheres Hochtal liegt, dann eine dritte, auf die eine weitere ebene Stufe des wie eine Riesentreppe ansteigenden Vorlandes folgt. Am südlichen Horizont dieser Ebene zeigen sich einige Schneegipfel, der Randwall des eigentlichen höchsten Hochlandes.

Ähnlich wie der Himalaya ist auch der Kwenlun, ein  System paralleler Bodenfalten von außerordentlicher Länge, doch nicht bogenförmig, sondern durchweg gradliniger Erstreckung in der Richtung West zu Nord—Ost zu Süd. Auch unterscheidet es sich dadurch sehr wesentlich von ihm, daß der Himalaya ein sehr junges Gebirge ist, dessen Höhen erst in der Tertiärzeit aufgerichtet wurden, während der Kwenlun Uralter hat, vielleicht das älteste gegenwärtige Gebirge der Erde überhaupt, jedenfalls aber einen der ältesten Teile des Erdteils Asien in seiner heutigen Gestalt vorstellt. Seine Faltung gehört im wesentlichen bereits dem silurischen Alter an, andere als paläozoische Gesteine kommen in ihm nicht vor.

Im äußersten Westen, am Pamir-Hochlande, beginnt es mit einem einzigen mauerförmigen Wall von mehr als 6000 Metern Kamm höhe, Gipfeln bis zu 6800 Metern und Pässen von 5200—5800 Metern, also von überaus geschlossener, wenig modellierter Form. Von etwa dem 82. Meridian ostwärts entwickelt es sich durch nach Norden sich vorlagernde, mit ihren Enden gegen Osten kulissenförmig zurücktretende Parallelzüge zu einem Kettenrost von außerordentlicher Breite, der seine größte Entwickelung etwa auf der Linie zwischen Lhassa und der Stadt Sutschou am Südrand der Gobi-Wüste findet. Dem landschaftlichen Charakter nach ähneln sich alle diese Ketten darin, daß sie verhältnismäßig geringe Unterschiede zwischen Gipfel-, Kamm- und Paßhöhen zeigen. Sie sind ungemein breit gelagert und nur in den höchsten Teilen vergletschert, da die Grenze des ewigen Schnees in diesen trockenen Hochlandsgegenden die größten Höhen auf der Erdkugel erreicht.

Im allgemeinen scheint die mittlere Höhe der einzelnen Kämme des Kwenlun-Systems von Norden nach Süden zuzunehmen, sodaß der gewaltigste Kettenzug der südlichste, in der Verlängerung des westlichen Kwenlun mitten durch die unwegsamsten und noch heute am wenigsten betretenen Hochwüsten Innertibets entlang führende Erhebungsstreifen ist. Aus den Kombinationen der alten chinesischen Nachrichten mit den Ergebnissen der modernen Forschungsexpeditionen tritt er uns als ein ungeheuerer Rücken von 5000—6100 Metern Kammhöhe und Gipfelerhebungen bis zu 8000 Metern entgegen; das Dupleix-Gebirge Bonvalots, das Tangla-Gebirge Prschewalskis gehören ihm an. Es erscheint so als die erhabene Firstlinie des tibetischen Hochlandes.

Zwischen den einzelnen Kettenzügen dehnen sich flache Längstäler aus, deren Durchschnittshöhen ebenfalls im allgemeinen von Norden nach Süden treppenförmig wachsen. Hier und dort sind größere Steppenbecken dazwischen eingestreut, so flach gewölbt, daß sie dem Auge als Verebnungen erscheinen. Als Randwall des eigentlichen inneren Hochlands kann man vielleicht den Kettenzug bezeichnen, dem das Marco Polo- und das Prschewalski-Gebirge angehören und der nach Sven He-din heute gern als Arkatag zusammengefaßt wird. Die theoretische Landesgrenze folgt ungefähr dem Kamme des nördlichsten Absturzes.

Östlich von Tibet setzen sich nur die mittleren Ketten des Kwenlun-Systems weiter fort, um dann das breite Scheide-Gebirge zwischen Nord- und Südchina zu bilden.

Gegen Osten und Südosten ist die Umwallung Tibets eine überaus verworrene Gebirgswelt, die im einzelnen zu  erhellen noch zukünftiger Forschung Vorbehalten ist. Es scheint, als ob zwei Gebirgssysteme hier miteinander um die Herrschaft ringen. Das eine ist das sogenannte sinische System, bestehend aus Ketten, die in südwest-nordöstlicher Richtung streichen und ihren Namen daher haben, daß sie den größten Teil des eigentlichen China, insbesondere das mittlere und südliche, beherrschen. Sie walten nach F. von Richthofens Annahme bereits im östlichen Teile des inneren Hochlandes, von der Gegend des Tengrinoor an, vor und scharen sich von da ab ostwärts wohl allenthalben an die Südseite der Kwenlun-Ketten an. Die Südostecke des Grenzgebiets dagegen wird erfüllt von den Zügeu des hinterindischen Systems, dessen Richtung Nord zu West — Süd zu Ost, also wie ja auch die Flußläufe jener Gegend sofort anzeigen, eine meridionale ist.

Die absoluten Höhen der Gebirge dieser Gegend sind augenscheinlich nicht ganz so bedeutend wie die des Hima-laya- und des Kwenlun-Systems, doch werden auch hier Gipfelhöhen von 7000 Metern erreicht. Was aber diese Wildnis fast noch unüberschreitbarer als jene anderen Grenzgegenden gestaltet, ist die beispiellose Schmalheit der Ketten, die wie ein dichtgedrängter Rost nebeneinander liegen und infolgedessen eine ungeheure Steilheit der Gehänge zeigen.

Die Riesenströme Ostasiens haben sich tiefe Canons zwischen sie eingeschnitten. Infolgedessen ist der Zugang auch von China her aufs äußerste erschwert; die wenigen Wege müssen, namentlich im Südosten, wo die großen Ströme, beispiellos eng zusammengedrängt wie in den Rinnen eines Wellblechdaches nebeneinander abwärts fließen, ein fortwährendes Auf und Ab überwinden. Die schmalen Gebirgskämme zwischen den Flüssen werden in Pässen von 3000 und mehr Metern überschritten, die Engschluchten auf verwegenen Brücken, großenteils Hängebrücken, häufig aus einem einzigen Seil bestehend, an dem sich der Reisende selbst hinüberzieht.

So erscheint Tibet als eine natürliche Festung im Herzen des Kontinents von Asien.

Das Innere.

Das innere des Gebiets kann nicht rein in Gegensatz zu der Umwallung gestellt werden, da, wie wir sahen, beträchtliche Teile der genanntem Gebirgssysteme landschaftlich dem Begriff Tibet bereits mit zugerechnet werden müssen. Ganz im großen lassen sich unter dieser Voraussetzung drei verschiedene natürliche Landschaften unterscheiden:

1. der Norden und Nordwesten oder das Hochland Tschangtang,

2. das Gebiet des Südens und Südostens oder das eigentliche Bodyul,

3. die nordöstlichen Vorstufen oder das Kuku-noorgebiet und seine Umgebung.

Das Hochland Tschangtang, auch Khor, Khor-sok oder Khatschi genannt, ist das Gebiet im Norden und Nordwesten des Indus und Sangpo. Im Süden kann es umgrenzt werden durch den als Gangri-Gebirge bezeichneten Gebirgszug, der von dem Quellgebiet des Indus aus das Tal des Sangpo im Norden begleitet. Dann folgt die Grenze dem großen, in südwest-nordöstlicher Richtung zwischen dem See Tengri-noor und der Stadt Lhassa hindurchziehenden Nyentschen-tangla-Gebirge und seiner Richtung bis etwa zum nördlichsten Bogen des Muruiussu, des Oberlaufes des Yangtsekiang. Den Nordrand bildet der Arkatag und der Randabfall gegen das Tarimbecken. Nach Westen keilt sich das Hochland zwischen Karakorum und Kwenlun aus. Der Name Tschangtang bedeutet die „nördliche Ebene“, die übrigen Bezeichnungen beziehen sich auf Völkerschaften, die dort nomadisierend hausen.

Dieses Gebiet umfaßt die höchsten und unwirtlichsten Gebiete von Tibet, jene Gegenden, in denen die zentralasiatischen Landschaftsformen zur vollendetsten Ausbildung kommen. Dem Auge treten sie entgegen als weitgedehnte, nahezu ebene Steppen mit ärmlichstem Pflanzenwuchs oder als fast völlige Wüsten von Kies und Schutt oder wassergetränktem Schlamm, von öden Salzseen überstreut. Der Boden dieser Flächen liegt fast durchweg in den Höhen des Montblancgipfels und darüber hinaus. Über sie ziehen noch in breiten Zwischenräumen Höhenrücken dahin, abweichend von den Bildern gestaltet, die sonst Gebirge bieten. Weit hinauf sind ihre Flanken mit dem Schutt ihrer eigenen Gehänge bedeckt, aus dem die Felsen dann finster und nackt aufstarren; oder der Schutt umhüllt schließlich die Kämme und die kaum mehr über diese emporsteigenden Gipfel ganz und gar, wir haben in ihnen die Leichname ehemaliger Gebirge vor uns, deren Zinnen vielleicht einstmals noch weit höher emporgeragt haben als heute die Kuppen des Himalaya. Dieser nicht vom fließenden Wasser zerriebene und ins Meer geführte, sondern liegen gebliebene Gebirgsschutt hat auch die scheinbaren Ebenen zwischen den Ketten geschaffen. In Wahrheit ist das Gebiet ein bewegtes Gebirgsgelände, aber die Vertiefungen sind ausgefüllt und zu jenen flachen Mulden geworden, das Resultat des durch Äonen hier ungestört fortgesetzten Ausebnungsprozesses der Erdoberfläche.

Die auch klimatisch entsetzlichen, im Sommer heißen und im Winter eisigen, von Stürmen gepeitschten Gebiete von Tschangtang sind auf ungeheuere Bereiche hin ganz unbewohnt. Der Eingeborene fürchtet sie sogar abergläubisch, ähnlich fast wie der Grönländer das Inlandeis oder der Oasenbewohner des Tarim- Beckens die Wüste Takla Makhan. Wochen- und monatelang wandert der Reisende hier dahin, ohne einem menschlichen Wesen zu begegnen.

Dafür aber — und wohl auch deswegen — sind sie eines der größten Tierparadiese der Erde. Nach Millionen schätzt Prschewalski die Herden der Yaks, Antilopen, Wildesel, die diese Einöden bevölkern; der überall massenhaft gefundene „Argol“, der getrocknete Dung dieses Hochwilds, ist ja das Heizmaterial bei den Expeditionen.

Hydrographisch gehört Tschangtang fast ganz dem abflußlosen Zentralasien an. Nur einige wenige Flußadern des Südrandes entwässern nach Indien und in den östlichen Teil greifen die äußersten Quellfäden des Yangtsekiang und des Salwen. Die Landkarte ist deshalb hier überstreut mit zahllosen Seen, die größtenteils salzig sind und die tiefsten Stellen der flachen Steppenbecken einnehmen. Der bekannteste ist der große, heilig gehaltene Tengrinoor, der nordwestlich von Lhassa in 4600 Metern Meereshöhe, also noch über 700 Meter höher als der Titicaca-See, gelegen ist. Kleine und große, im Hochland verdunstende Flußläufe finden sich dazwischen. Anderswo trifft man Sümpfe und zähe, tiefdurchweichte Schlammassen, die — wie Hedin in seinem letzten Buche „Im Herzen von Asien“ so eindrucksvoll schildert — die Karawanentiere geradezu versinken lassen.

Die Landschaft des Südens und Südostens ist im wesentlichen der Bereich der sinischen und hinterindischen Gebirgsketten und die zwischen den Himalaya-Ketten gelegenen Gebiete. Im Bereich der hinterindischen Ketten werden die feuchtwarmen Luftströmungen, die vom südlichen Meere kommen, nicht durch querstehende Gebirgswände abgefangen, sondern im Gegenteil, sie können mit ihrem warmen Atem reichlich zwischen den nordsüdlich gerichteten Gebirgszügen aufwärts dringen. Wir haben es hier daher nicht mit einem abflußlosen Gebiet zu tun, sondern mit einem durchweg zum Meere entwässerten. Ja diese Gegend ist sogar nicht mit Die großen Unrecht als eine Gebärerin von Riesenströmen bezeichnet worden, die ohnegleichen auf der Erde dasteht. Liegt doch hier das Entstehungsgebiet von nicht weniger als vier der größten Ströme Asiens, nämlich des Yangtsekiang, des Me-khong, des Salwen und des Brahmaputra. Ähnlich kommen auch über die Scharten der südlichsten Himalaya-Kette, insbesondere in ihren östlichsten Teilen, immer noch einige belebende Luftströme herüber und erzeugen in den dahinter gelegenen, etwas tieferen Tälern ein — verhältnismäßig — günstigeres Klima, als in den nördlichen und nordwestlichen Gegenden.

Der Osten und Südosten Tibets ist deshalb eine Übergangslandschaft. Sie ist in den westlichen Teilen noch eine rein zentralasiatische Gegend. Die Flüsse wandern zunächst als flache Steppenwasser dahin, schneiden sich aber im weiteren Laufe tiefer und tiefer ein und verwandeln so allmählich die flachwellige Landschaft in eine immer mannigfaltiger zerhackte, bis dieser Zustand in den zuvor geschilderten Grenzgebieten gegen Südostasien den Höhepunkt denkbar wildester Zerrissenheit erreicht: insbesondere da, wo die drei Flüsse Salwen, Mekhong und Yangtsekiang sich so dicht nähern, daß man auf einer Entfernung, die geringer ist als von Berlin bis zur Elbe, drei Ströme überschreiten kann, von denen jeder einzelne ein größeres Wassergebiet besitzt als alle Flüsse Deutschlands zusammengenommen.

Zu dem Bereich dieser Landschaft gehört auch das Sangpo-Tal in seiner östlichen Hälfte, wo es den Hauptsitz der tibetischen Kultur bildet, und ist als Ausläufer auch der obere Teil des Sangpo-Gebiets hinzuzurechnen, der zwischen den Himalaya-Ketten und dem Südrande der Hochfläche Tschang-tang weit nach Westen ausgreift.

Im äußersten Südwesten von Tibet finden wir das bereits berührte, nach dem Pandschab entwässernde Gebiet der heiligen Seen Manasaraur und Rakus, aus deren ersterem der Satledsch seinen Ursprung nimmt, um in wilden Talrissen nach Indien durchzubrechen. In zwei nördlich davon gelegenen Paralleltälern entsteht auch der Indus aus zwei Quellflüssen, nach deren Vereinigung er nach Nordwesten in das Gebiet von Ladak eintritt.

Nur wenig östlich von der Sadletsch-Quelle, in dem gleichen Längstal, durch einen sehr sanften Übergang, den Paß Mariam-la in etwa 4700 m Höhe, getrennt, entspringt endlich der Sangpo, der Hauptstrom Tibets. Der Sinn des Namens ist heiliges oder reines Wasser. Zunächst ist er ein einsamer Hochsteppenfluß mit öden Ufern. Allmählich werden aber die Gelände seines breiten Tals, in dem er gemächlichen Laufs dahin strömt, und die seiner Nebenflüsse belebter. Bewegen sich zwar auch hier die Talböden noch immer in Alpenhöhen, so ist doch eine dichtere Besiedelung möglich, und je weiter er zwischen den großen Himalaya-Ketten nach Osten wandert, um so zahlreicher reihen sich die wichtigsten Ansiedelungen Tibets an seinen Ufern oder doch nicht weit davon. Bei Ta-dum (4330 m) wird der Strom zum ersten male schiffbar, doch unvollkommen. Bei Dschanglatsche liegt er 4150 m hoch, bei Schigatse 3600, bei Tschetang 3500 m. Hier, bezw. bei dem Kloster Samaye, wo Nain Singh ihn 1874 kreuzte, war er 500 Yards breit, 20 Fuß tief und von sehr träger Strömung. Streckenweis aber unterbrechen doch Stromschnellen seinen Lauf, und es scheint auch, daß er mehrfach wieder durch unwegsame Engen fließt, denn Straße und Besiedelungszone verlassen ihn mehrfach, so daß er uns dort auch noch unbekannt ist.

Unterhalb Tschetangs beginnt bereits eine reißendere Strömung. Dann biegt der Sangpo unter dem 94. Meridian plötzlich mit einem scharfen Knie nach Süden. Der Pandit von 1879 hat ihn abwärts bis zu dem Dorfe Gyaladschong (2440 m) verfolgt. Von dort verliert ersieh in einer noch völlig unbekannten, von Wilden bewohnten Gebirgswelt, um etwa 200 km südlicher als Dihong wieder hervorzubrechen und den Hauptquellfluß für den Brahmaputra Indiens zu bilden. Da er bei seinem Verschwinden noch über 2400 m Meereshöhe, bei seinem Austritt nach Assam aber nur noch 130 hat, so muß dieser Durchbruch in überaus großartigen Stromschnellen oder Wasserfällen stattfinden. Wir kennen sie noch nicht; es ist vielleicht noch der nächsten Zukunft Vorbehalten, einen Niagara Asiens zu entdecken.*)

*) Seitdem will noch ein anderer Eingeborener im Dienste der Engländer den Strom von Gyaladschong ca. 130 km weiter abwärts verfolgt und von dort aus im Dunst bereits die Ebene Indiens erblickt haben, allein das scheint ein Schwindel dieses Mannes zu sein. (vgl. Vivie de St. Martin’s Dictionnaire de Gdographie, Artikel Yarou-Dsangbo).

Südlich von Lhassa finden wir den heiligen See Yamdok-tso oder Skorpion-See (s. Abb. 1), den man früher für ringförmig hielt. In Wahrheit umschließt er, die Gestalt eines Skorpions nachahmend, eine fast kreisförmige Halbinsel.

Wenig oberhalb von Tschetang mündet von Norden her der Fluß Kitschu (s. Abbildung 2) in den Sangpo: an ihm liegt, 50—60 Kilometer aufwärts und in der Luftlinie, also nicht mehr als 850 Kilometer nordnordöstlich von Kalkutta, in 3630 Metern Meereshöhe die Hauptstadt von Tibet, das heilige Lhassa.

Auch im östlichen Tibet, insbesondere an den Hauptadern der großen Ströme, finden sich noch städtische Ansiedelungen der Tibeter, wichtige Verkehrspunkte an den Handelsstraßen nach China. Aber je weiter man nach Südosten vordringt, um so schwieriger wird mit der wachsenden Wildheit der Gebirgsformen Ansiedelung und Verkehr; auch die Talrinnen selbst, die sich schroffer und schroffer einschneiden, werden für Straßen immer weniger geeignet. Zuletzt werden sie toteinsame, wilde Fels- und Waldklüfte, ln diesem östlichen Berggebiete ist deshalb die tibetische Kultur nur flecken- und streifenweise verbreitet. Abseits von den vielfach befestigten Siedelungen und den begangensten Verkehrsstraßen leben teilweise noch kaum bekannte Völker-Stämme in geringerer oder größerer oder auch völliger Unabhängigkeit sowohl von der tibetischen als auch von der chinesischen Zentralgewalt. Immer wieder berichten die Reisenden von räuberischen Überfällen herumstreichender Banden; 1894 wurde im Gebiet des oberen Yangtsckiang der französische Reisende Dutreuil du Rhins, vier Jahre später der Holländer Rijnhart ermordet.

Die dritte Landschaft Tibets, der Nordosten, ist der Bereich der Ketten des Kwenlun-Systems, soweit sie nicht dem vorhin bezeichneten Gebiet von Tschangtang angehören. Sie besteht aus mehr oder minder breiten Korridortälern zwischen den einzelnen Ketten und größeren, dazwischen eingesenkten Becken. Das bedeutendste ist das sogenannte Tsaidam, eine gewaltige, im Norden des Marco Polo-Gebirges, einer zwischen dem 92. und 98. Meridian sich hinziehenden Steppenmulde, deren Durchschnittshöhe geringer ist, als die des übrigen Hochlandes, nur etwa 2200—2800 m. Sie scheint der Boden eines großen, heute zu einem riesigen Salzsumpf eingetrockneten Binnenmeeres zu sein; Salz bedeckt in dicker Schicht das Erdreich im Innern, das mit Schilfwildnissen und einzelnen Salzseen bestreut ist. An den Gebirgsrändern haben die späterhin in den Sümpfen verrinnenden Süßwasser einige Weideoasen geschaffen. Auch ist hier infolge der geringeren Höhenlage Baumwuchs nicht selten.

Andere Steppenbecken sind das hochgelegene Quellgebiet des Hwangho, eine den Chinesen besonders verehrungswürdige Gegend, ln einer Höhe von etwa 4300 Metern liegt hier eine von Bergen umringte Steppenfläche, die der Chinese mit dem Namen „Sternemeer“ bezeichnet, weil sie, ähnlich wie der Himmel mit Gestirnen, von zahllosen kleinen Seen überstreut ist. In diesem Gebiete, nicht weit vom Oberlauf des Yangtsekiang, seines großen Genossen, dem er sich nach Tausenden von Kilometern langem Laufe erst in der Gegend der beiderseitigen Mündungen wieder nähert, entspringt der „Gelbe Fluß“ Chinas. Er durchströmt die beiden hier gelegenen großen Seen Tscharingnoor und Oringnoor, um dann in seltsamen Schleifen und tiefeingerissenen Durchbruchsschluchten zwischen den in gewaltigen Kettenbildungen emporragenden Zügen des östlichen Kwen-Iun-Gebirges die freieren landschaftlichen des nordwestlichen China zu erreichen.

Ähnlich gestaltet sind das abflußlose Becken des berühmten Salzsees Kukunoor {ca. 3000 m Meereshöhe) nach dem diese ganze Gegend politisch den Namen Kukunoorien trägt, und andere kleinere Einsenkungen.

Die landschaftlichen Formen dieses Vorlandes von Tibet ähneln in den westlicheren Teilen noch ganz den starren Wüsten und Öden des zentralen Asiens; je weiter nach Osten jedoch, um so reichlicher wird der Abfluß, um so belebter die Landschaft, um so fruchtbarer der vielfach aus Löß gebildete Boden, ohne doch eine ähnliche Zerrissenheit zu erreichen, wie der Südosten. Sind daher die westlicheren Gegenden dieser Vorstufen noch fast unbewohnt, oder nur von Hirten durchzogen — Mongolen oder Tan-guten, einer den Tibetern nahe verwandten, aber sich nicht völlig mit ihnen deckenden Völkerschaft — so tritt gegen Osten oasenweise Ackerbau und feste Ansiedlung auf. Insbesondere in dem zum Hwangho entwässerten Gebiete des Hsining-Flusses östlich vom Kukunoor, das größerenteils politisch schon zu China gerechnet wird, allein orographisch noch zum Hochland gehört.

Text aus dem Buch: Tibet und die englische Expedition (1904), Author: Wegener, Georg.

Die einzelnen Buchkapitel:
Tibet und die englische Expedition – Einleitung
Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches
Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet
Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft
Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse
Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter
Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel
Tibet und die englische Expedition – Lhassa
Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart
Tibet und die englische Expedition – Tibet und England
Tibet und die englische Expedition – Nachwort

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