Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart

Die Einführung des Buddhismus und die erste Blüte des Reiches.

Die Geschichte der Tibeter verliert sich rückwärts mit legendären Königslisten im Dämmer des ersten vorchristlichen Jahrhunderts. Bis zum 7. Jahrhundert n. Chr. wandeln wir noch ganz auf dem Boden schwankender Sagen. Es scheint, als ob in der Vorzeit die Tibeter in verschiedenen, national noch nicht geeigneten Stämmen zunächst mehr die nördlichen Gegenden ihres heutigen Gebiets bewohnten und erst nach und nach bis zu den südlichen vordrangen. Aus Innerasien brachten sie die elementare mongolisch-nomadische Kultur mit, in den Tälern des Südens scheinen sie dann von Indien her den Ackerbau gelernt zu haben; in den älteren Sagen ist die Tendenz erkennbar, Kultureinflüsse Indiens zu betonen.

Eine geschichtshellere Zeit beginnt erst mit dem großen, grundlegenden Ereignis, das berufen war, die einheitliche nationale Entwickelung der Tibeter und ihre eigenartige Stellung unter den Völkern Asiens zu begründen, der Einführung des Buddhismus.

Diese Weltreligion hatte von Indien aus längst ihren Siegeslauf über Asien vollzogen, Innerasien, China, der Südosten waren der Lehre des „Erleuchteten“ bereits gewonnen, als das eisumstarrte Hochland von Tibet noch wie eine Insel inmitten dieser Länder unberührt davon geblieben war und seine spärliche Bevölkerung noch in den alten, aus der Mongolei mitgebrachten schamanischen Religions-Vorstellungen und Riten lebten. Einem energischen tibetischen Herrscher, dem Könige Srongdsan Gampo (629—698 n. Chr.), wird die ddcse#Sser zielbewußte Einführung der buddhistischen Lehre zugleich als einer höheren Form des Glaubens wie als Trägerin einer höheren Zivilisation zugeschrieben. Den Annalen nach vermählte er sich sowohl mit einer nepalesisch-indischen, wie mit einer chinesischen Prinzessin, die beide buddhistisch waren und buddhistische Lehrer, heilige Schriften und geweihte Bildwerke mitbrachten. Angeblich existieren die letzteren, aufs höchste verehrt, in den Tempeln Lhassas noch heut. Hier tritt neben den indischen Einfluß zum erstenmal historisch erkennbar auch der chinesische auf, der rasch für Tibet der maßgebende werden sollte. Srongdsan Gampo betreibt mit besonderem Nachdruck die Einführung chinesischer Errungenschaften. Wir hören, daß er die Zucht der Seidenwürmer, die Bereitung von Getränken aus Wein und Gerste, Wassermühlen, Papier, Tinte u. a. m. aus China übernahm, sich chinesische Gelehrte und Künstler verschrieb, den chinesischen Kalender einführte und umgekehrt den Adel seines Landes veranlaßte, seine Söhne zu ihrer Ausbildung nach China zu senden. In der Folge ist der chinesische Einfluß bis heute gegenüber dem indischen der maßgebende geblieben, in Kleidung, Sitte, Lebensgewohnheiten, in Wissenschaft, Architektur und Kunst.

Von der Regierung dieses Königs datiert auch die Anwendung der Schrift und die Entstehung der nationalen Literatur. Srongdsan Gampo ist in der späteren Legende unter die Heiligen der Lamakirche eingereiht w orden vgl. S. 55), allein in Wahrheit scheint er eine weltlich streitbare Persönlichkeit gewesen zu sein. Er ist zugleich der Begründer eines kräftig ausgreifenden Reiches, dessen Basis in den südlichen Tälern Tibets ruht und dessen Hauptstadt, das heilige Lhassa, er durch einen Burg- und Tempelbau auf dem Potala-hügel begründet. Anscheinend ist die Heirat mit der chinesischen Prinzessin zunächst die Folge eines Krieges mit China gewesen, der für letzteres nicht durchaus glücklich verlief und in dieser Form beigelegt wurde.52) Nach Norden dehnte sich seine Macht weiter und weiter aus, sie umfaßte Kuku-noorien, ja überschritt sogar die Grenzen des Hochlandsbereiches und erreichte um 680 den Tienschan.

Von einem seiner Nachfolger (Thisrong Tedsan, 801 — 845) wird erzählt, daß er besonders wieder die Beziehungen mit Indien, dem Heimatlande des Buddhismus, pflegte. Er tat viel für die Lehre, ließ heilige Schriften von Indien kommen und übersetzen, verlieh der tibetischen Geistlichkeit eine feste Ordnung und schuf für sie hierarchische Stufen und Klassen. Unter einem anderen (Ralpachan) gab es von neuem einen schweren Krieg mit China, der mit dem Frieden von 821 endigte, einem Ereignis, das durch eine noch heute in Lhassa vorhandene Gedenksäule verewigt wurde. Auch ein dritter (Thibtsong 1 Te) zog 882 siegreich gegen China zu Felde. Unter ihm erscheint nach den alten Berichten das tibetische Königreich auf dem Gipfel seiner Blüte. Hier war es, wo das Glück des Volkes ein so vollkommenes gewesen sein soll, daß es dem der seligen Götter glich.

Der Zusatz der Quellen, daß der König dieses Ziel „durch eine grenzenlose Verehrung der Geistlichkeit“ erreicht habe, ist freilich verdächtig. Es ist überhaupt die Frage, ob jene Blüteperiode nicht von der späteren mönchischen Geschichtschreibung schönfärberisch aufgeputzt ist, um folgenden, die Geistlichkeit weniger verehrenden Generationen als leuchtendes Beispiel zu dienen.

Blüte und Verfall dieser ersten Epoche decken sich annähernd mit derjenigen der Karolingermacht in Deutschland. Vom 10. Jahrhundert an trat ein Niedergang ein, verursacht wohl durch die Nebenbuhlerschaft zwischen den weltlichen und den zu mächtig gewordenen geistlichen Gewalten, die seitdem die ganze Geschichte Tibets beherrscht. Reichsteilungen und innere Kriege schwächten dabei die weltliche Gewalt, aber auch die Geistlichkeit verfiel in Unordnung und Machtlosigkeit, die buddhistische Lehre selbst wurde gefährdet.

Es heißt z. B., daß sie gegen Ende des 10. Jahrhunderts „neu eingeführt“ werden mußte.

Von der Mongolen – bis zur Mandschu-Zeit.

Als mit dem Beginn des 13. Jahrhunderts der Mongolensturm über die alte Welt dahinbrauste und das größte Reich der Erde schuf, geriet auch Tibet, wenngleich wirkliche bedeutende Züge der Mongolen über das Hochland wohl kaum stattgefunden haben, unter den Einfluß des Großkhans; Tributzahlungen gingen an den Hof nach Karakorum.

ln ungeahnter Weise sollte aber diese Einbeziehung in das große Mongolenreich bald die Veranlassung zu einer Lamaismus, bedeutsamen Gegenwirkung werden, zur Ausdehnung der geistigen Macht des tibetischen Volkes über ganz Innerasien.

Die inzwischen herausgebildete tibetische Form des Buddhismus eroberte missionierend jetzt ihrerseits sich mehr und mehr die Völker der Mongolei, denen sie vermutlich wegen ihrer Vermischung mit schamanischen Elementen besonders zusagte. Hiermit begann jener weltgeschichtlich so außerordentlich bedeutungsvolle Prozeß der Bändigung und Sit-tigung der wilden, ewig ruhelosen, mit unerschöpflicher Fruchtbarkeit neue Scharen über ihre Umgebung ausschüttenden Völkermassen Zentralasiens, jenes fahrenden Hexenkessels, aus dem seit Jahrtausenden immer neue Völkerstürme hervorgebraust waren und die Welt bis an die Gestade des atlantischen wie des pazifischen Ozeans erschüttert hatten. Wenn man will, kann man es auch ihre Entmannung und Dezimierung nennen. Das eine geschah durch die sanften Lehren und Sittengesetze des Buddha, das andere durch die entnervende und die Fortpflanzung einschränkende Übertreibung des Mönchs- und Nonnenwesens.

Die großen Fürsten Ostasiens, denen an einer solchen Beruhigung der innerasiatischen Mongolenstämme sehr gelegen war, erkannten diese Wirkung des tibetischen Buddhismus früh und haben dessen Ausbreitung daher eifrig unterstützt. So schon der geniale Mongolenkhan und Gönner Marco Polos Kublai, nachdem er die Residenz des jetzt völlig konsolidierten Riesenreichs nach dem chinesischen Peking destibcusehen verlegt hatte. Damals hatte sich schon in Tibet die summepiskopale Macht eines Großlamas herauszubilden begonnen. Kublai machte den Vertreter derselben zum geistigen Haupt aller Lamas in seinem Kaiserreich und gab ihm auch weitgehende weltliche Befugnisse. Wie sehr das die Stellung dieser Großlamas förderte, sehen wir aus der erwähnten Notiz Odoricos von Pordenone um das Jahr 1325, der als katholischer Missionar selbst den Vergleich des „Abassi“ mit dem römischen Papst zieht. Freilich, eine unbestrittene Herrschaft dieses Abassi war damit noch nicht begründet. Weltliche Fürsten tauchen daneben wieder auf, neue Könige werden genannt und mannigfache innere Kämpfe halten die Blüte des Landes zurück.

Erst als das Auftreten des Reformators Tsongkapa (1358—1419) den Klerus von Grund aus reformiert hatte, (vgl. S. 62), begann auf dieser Basis durch die Anhänger der gelben Sekte eine neue, mehr und mehr das weltliche Fürstentum überflügelnde Blüte der geistlichen Macht und die allmähliche Schaffung des anerkannten Kirchenstaates, den Tibet heut bildet, und zugleich die immer weitere Ausdehnung des geistigen Einflusses über die Buddhisten Inner- und Ostasiens.

Im 16. Jahrhundert wurde auch in dem mongolischen Urga, im Zentrum der Mongolei, die Institution eines Kutuktu *) begründet, der als eine ähnliche Inkarnation eines tibetischen Heiligen verehrt wird, wie heut der Großlama von Taschi-Ihumpo und der von Lhassa.

Anfänglich waren die Oberen der größeren Klöster des Kommendes Landes überhaupt wohl ziemlich selbständig, nach und nach errang aber der Großlama in dem alten Landeszentrum Chinesen. Lhassa die Oberhand auch über die anderen Bodhisatwas. Und zwar vor allem auch eine geschickte Ausnutzung der politischen Verhältnisse.

Nach dem Sturz der Mongolenherrschaft in China durch die Revolution der Ming 1348 war Tibet zu einem Streitobjekt zwischen den Mongolenkhanen Innerasiens und den chinesischen Kaisern geworden, denen beiden daran gelegen war, den immer wachsenden Einfluß der tibetischen Lehre und Kirche in den Dienst ihrer Politik zu stellen. Tsong-kapa scheint besonders dadurch so großen Erfolg gehabt zu haben, daß er sich auf die Ming-Kaiser stützte. Später waren es besonders die mongolischen Khakhane, die mehrfach kriegerisch die Tibeter zum Gehorsam brachten; zugleich erfahren wir aber auch, daß durch sie im 16. Jahrhundert dem „allwissenden“ Bogda Sodnam Gyamtso der Titel Dalailama verliehen wurde. Da das mongolische dalai, das „Weltmeer“ (vgl. S. 68), aber nur eine Übersetzung des tibetischen Gyamtso ist, so handelt es sich nur um eine mongolische Sanktion einer schon vorhandenen Bezeichnung, die eine außerordentliche Macht und Verehrung ausdrücken will. Dieser Großlama starb 1588, wurde aber nach dem Glauben des Volkes bereits 1589 wiedergeboren. Mit ihm beginnt nun die bis heut dauernde ununterbrochene Folge der Wiedergeburten des Dalailama.

Tibet als Vasall von China.

Als Vollender der Macht der Dalailamas erscheint der sechste in ihrer Reihenfolge, Nawang Lobsang, der, bis dahin Großlama des Klosters Galdan bei Lhassa, 1643 seine Residenz auf dem alten Königshügel Srongdsan Gampos, dem Potala aufschlägt und von dort auch die weltliche Herrschaft über Tibet unbestritten ausübt. Der wesentlichste Schritt zur Sicherung derselben war eine energische Anlehnung an China. Hier war 1644 die Mingherrschaft, die nur vorübergehend auf Tibet hatte Einfluß ausüben können, durch die Mandschu gestürzt worden. Der kluge Priester sah wohl mit Recht voraus, daß der neuen Dynastie eine glänzende Entfaltung bevorstehe. 1650 reiste er selbst auf eine kaiserliche Einladung nach China und besuchte den damaligen ersten Mandschu-Herrscher Schizu. Dieser, der die Dienste des tibetischen Großlamas für eine spätere Niederwerfung der innerasiatischen Völker sowohl wie für die leichtere Beherrschung der stammfremden Chinesen ganz ebenso wie ehedem Kub-laikhan zu schätzen wußte, überhäufte ihn mit Ehren und gewährleistete ihm auch seinerseits den Titel Dalailama.

Der Großlama scheint damals ziemlich selbständig gewesen zu sein, wenn auch seine weltliche Gewalt noch einige innere Stürme, Widersetzlichkeiten weltlicher Nachkommen alter Fürstengeschlechter, zu bestehen hatte.

Im Jahre 1717 machten aber die Mongolen, vermutlich in Verbindung mit letzteren, noch einmal den Versuch, den alten Einfluß über Tibet wieder herzustellen. Der Dsun-garenfürst Zagan Araptan bricht in das Land ein, erreicht und erstürmt Lhassa und nimmt den Dalailama in Gewahrsam.

Diese günstige Gelegenheit ließ sich der damals regie- A!JJf^eiaunng rende bedeutendste aller Mandschu-Kaiser, der große Kanghsi, Ch,na nicht entgehen. Er greift zugunsten Tibets ein, vertreibt 1720 die Dsungaren und befreit den gefangenen Kirchenfürsten. Von diesem Zeitpunkt an ist Tibet förmlich der Souveränität des chinesischen Kaisertums unterstellt. Zwar war diese Wendung wohl durchaus nicht ganz nach dem Geschmack des stolzen Klerus und ebensowenig der einheimischen weltlichen Adelsgeschlechter. Unruhen brachen in Lhassa aus; noch einmal versucht das alte tibetische Königtum seine Wiederherstellung. Allein sie wurden niedergeworfen und die Folge war die, daß von da, von 1750 ab, die chinesische Herrschaft und unter ihr die Theokratie des Dalailama völlig befestigt worden ist.

China leitet seitdem die militärischen Angelegenheiten und die auswärtige Politik Tibets vollständig nach eigenem Ermessen. Repräsentiert wird die Autorität des chinesischen Kaisers durch einen, nach anderen Quellen zwei Residenten, die den mongolischen Titel Amban führen und dem Vizekönig von Szetschwan, der an das östliche Tibet angrenzenden Provinz des oberen Yangtsekiang, unterstellt sind.

Sie haben noch eine Anzahl ziviler Unterbeamter und mehrere Truppenkommandanten, mit ebensovielen Garnisonen, die in besonderen Lagern zu Lhassa, Schigatse, Dingri und Lhari stationiert sind. Die Zahl der Truppen ist aber gering, nach Grenard  im ganzen 1300—1400 Mann; die Beherrschung der Tibeter geschieht mehr durch die altgewohnte Überlegenheit der chinesischen Diplomatie als durch positive Machtentfaltung.

Die bürgerlichen und die kirchlichen Angelegenheiten überläßt China dagegen, formell wenigstens, von einem Bestätigungsrecht für die höheren Ämter abgesehen, vollständig den einheimischen Behörden. Und zwar liegt theoretisch die Gewalt ganz und gar in den Händen des Dalailama, der als absolut gilt. Doch bei der Heiligkeit seiner Person wird er selbst meist nur bei den wichtigsten Gelegenheiten mit Regierungssorgen behelligt, und die Leitung liegt — zumal da er so oft ein Kind ist — für gewöhnlich in den Händen eines Regenten oder Premierministers, mongolisch Nomekhan, tibetisch Gyalpo (der alte Königstitel) genannt.

Der Dalailama wird, wie wir erwähnten iS. 68), wenn er gestorben ist, unter den neugeborenen Kindern des Landes neu gewählt, angeblich auf Grund von übernatürlichen Zeichen, in Wirklichkeit durch ein Konklave von Kirchenfürsten, das anscheinend nur die Weisungen der chinesischen Gesandtschaft ausführt. Denn seit im Jahre 1792 der chinesische Hof eine goldne Urne für die Wahlhandlung geschenkt hat, soll noch kein Dalailama aus einer der Chinesen feindlichen Familie daraus hervorgegangen sein. Daß die Wahl immer auf Söhne der allervornehmsten Geschlechter fällt, scheint aus dem Umstande hervorzugehen, daß diejenigen Berichterstatter, die den Dalailama gesehen haben, fast immer die besondere Feinheit und Vornehmheit seiner Gesichtszüge und seines Benehmens betonen.

Die Tendenz des Gyalpo oder Nomekhan, die Herrschaft ganz an sich zu reißen, liegt der Natur der Sache nach immer nahe und wird die Veranlassung zu inneren Reibungen, die dann ihrerseits den Chinesen erwünschte Gelegenheit geben, als oberste Instanz aufzutreten.

Sehr interessant treten diese Verhältnisse uns in Hucs Souvenirs d’un voyage dans la tartarie etc. entgegen. Der Reisende kommt mit Gäbet gerade zu einer Zeit nach Lhassa, wo der Nomekhan den Dalailama dreimal hintereinander ermordet hat, und, wie es scheint, nicht übel Lust zeigt, sich gegen die chinesische Macht aufzulehnen. Unter diesen Umständen ist soeben der chinesische Delegierte Kischan als Amban dorthin gesendet worden. Ohne reale Machtmittel, fast lediglich auf seine Klugheit angewiesen, weiß der gewandte Mann doch, den tibetischen Würdenträger durch blitzschnelles Handeln zum Geständnis zu bringen und ihn daraufhin seiner Macht zu berauben. In Hucs Darstellung tritt uns der Charakter dieses typischen, eleganten, kühl überlegenen und etwas ironischen chinesischen Diplomaten außerordentlich lebensvoll entgegen.

Dem Nomekhan stehen fünf tibetische Unterminister (Kalon) zur Seite, je einer für Justiz, Finanzen, Domänen, Inneres und Kultus. Der Nomekhan selbst ist in der Regel einer der Äbte der großen Klöster in der Umgegend von Lhassa. Die Mönche dieser sind wohl als die eigentlichen geistigen Leiter Tibets anzusehen.

Neben der geistlichen existiert auch noch immer eine erbliche Laienaristokratie, aus der ein Teil der großen Beamten genommen wird. Nach Grenard sind sogar einzelne geistliche und weltliche Sonderfürstentümer in das Dalailama-Reich eingesprengt, die nicht von dem Großlama, sondern direkt von China abhängen. Das Volk lebt politisch rechtlos, in einer Art Hörigkeit gegenüber den großen Eigentümern.

Eine reguläre tibetische Armee gibt es nach dem letztgenannten Autor nicht, doch ist das ganze Volk als Miliz organisiert, ähnlich den Mongolen55). Nach Tsibikow dagegen hält der Staat ein stehendes Heer von 4000 Mann.

Alle fünf Jahre sendet der Dalailama Tributgeschenke nach Peking, die aber in der Regel durch erheblich kostbarere erwidert werden. Das Interesse, welches China an der Beherrschung Tibets hat, liegt einmal in dem Handel, der fast ganz dorthin geht. Dann aber auch nach wie vor an dem Einfluß auf die ungezählten Millionen der Buddhisten Asiens, ein diplomatisches Verhältnis, das mit den Beziehungen zwischen dem Papsttum und der deutschen Kaisergewalt in den früheren Zeiten, wo sie als die mächtige Schutzherrin auftrat, einige Ähnlichkeit hat. In diesem Sinne entspricht es dem Vorteil des chinesischen Hofes, fremde Kultureinflüsse, die auf das seltsame religiöse und hierarchische Gefüge der Lamakirche zersetzend einwirken können, möglichst fern zu halten, und es erklärt sich daraus, daß die ohnehin im Charakter der chinesischen Politik liegende Abschließung gegen die Außenwelt in Tibet ganz besonders streng durchgeführt wird. Hier haben wir aber zugleich auch wohl den Punkt, wo die Interessen des Klerus sich mit denen der Chinesen decken. Auch jener wrird fühlen, daß seine hierarchische Macht durch Eindringen fremder Ideen und Einflüsse nur leiden könnte, und die Priester haben wohl sehr richtig erkannt, daß die Natur ihres Landes und ihre einheimische Streitmacht doch kaum allein imstande gewiesen sein würden, diese schroffe Abschließung durchzuführen, daß diese vielmehr ebenso wesentlich von Peking aus diplomatisch gewährleistet worden ist.

Aber auch mit den Waffen sind die Chinesen mehrfach für Tibet eingetreten. Als im Jahre 1792 der unruhige Stamm der Gurkhas, der sich der Gewalt in Nepal bemächtigt hatte, auch in Tibet einfiel, bis nach Schigatse, der Hauptstadt von Tsang, vordrang und sie plünderte, unternahmen sie in großem Stil einen Feldzug, der die Eindringlinge zu-rückwarf, bis nach Nepal verfolgte und nachdrücklich züchtigte. Ein zweiter, für dieTibeter zunächst ungünstig verlaufender Konflikt mit Nepal 1854—56 endigte mit einer wenigstens formellen Anerkennung der chinesischen Souzeränitat auch über Nepal. Weniger erfolgreich war der Krieg gegen Kaschmir, dessen Herrscher Gulab Singh im Jahre 1834 die Provinz Gnari Khorsum erobert hatte. Es gelang den Chinesen nur einen Teil davon, das heute noch als das tibetische Gnari Khorsum bezeichnete Quellgebiet des Indus und Satledsch, wiederzuerobern, Ladak blieb in dem Vertrage von 1842 bei Kaschmir.

China hat es verstanden, die Tibeter vollständig inseinen geistigen Bann zu ziehen und ihm — wie übrigens bis vor kurzem allen Völkern Ost- und Innerasiens — die Überzeugung von der absoluten Überlegenheit des chinesischen Kaisertums zu geben. Als im Jahre 1893 bei Gelegenheit der Grenzregulierungen zwischen Tibet und Sikkim (s. unten) ein hoher tibetischer Beamter, ein besonders intelligenter Mann, in dem englischen Dardschiling weilte, hatte Wad-dell Gelegenheit, ihm zu erzählen, daß 1860 englische Truppen Peking besetzt hätten. Der Tibeter konnte nicht überzeugt werden, daß es sich um etwas anderes als einen Scherz handele, und sagte:

„vielleicht hat euer General berichtet, daß er Peking eingenommen habe, aber er ist sicher nicht dorthin gekommen, denn so etwas ist ganz unmöglich.“

Erst in allerjüngster Zeit scheint doch auch nach Tibet trotz aller suggestiven Kunst der Chinesen die Erkenntnis durchgedrungen zu sein, daß China nicht mehr das ist, was es zur Zeit der großen Mandschu-Kaiser Kanghsi und Kien-lung war. Die klägliche militärische Ohnmacht und die Unzulänglichkeit der Verwaltung gegenüber den Anforderungen der modernen Weltentw-ickelung, wie sie sich im japanischchinesischen Kriege und in den Wirren von 1900 01 offenbart hat, ist auch wfohl den Machthabern in Lhassa klar geworden. Gleichzeitig auch das gewaltige, anscheinend unwiderstehliche Emporwachsen einer neuen asiatischen Weltmacht, derjenigen des w’eißen Zaren im fernen, mit dem Ruf fabelhafter Pracht und Reichtumsfülle umgebenen Moskau und St. Petersburg, zumal da diesem neuen Reiche ebenfalls buddhistische Völker angehörten, die Wallfahrten nach Lhassa unternahmen. Es ist nicht ohne innere Wahrscheinlichkeit, daß der Dalailama den Gedanken faßte, anstelle der morsch gewordenen Stütze der Mandschu-Dynastie eine neue am Zarenhofe zu finden.

Nach neuerdings mehrfach lautgewordenen Auffassun handelt es sich sogar schon um die vollzogene Tatsache eines Übergangs ins russische Lager. Hiernach wurde, als Kanghsi 1720 Tibet dem chinesischen Reiche angliederte, zwischen Papst und Kaiser ein förmliches Konkordat geschlossen, nach welchem die buddhistische Kirche sich verpflichtete, all ihren Einfluß für die weltliche Macht der Mandschu-Dynastie einzusetzen, während diese ihrerseits den Besitzstand Tibets und die Integrität der inneren Verwaltung durch den Dalailama gewährleistete. Dieses Konkordat soll 1891 vom Dalailama dem Pekinger Hofe gekündigt worden sein. Als casus violati foederis wurde die ungenügende Verteidigung der tibetischen Ansprüche auf Sikkim in dem tibetisch-angloindischen Konflikte (siehe unten S. 127ff.) herangezogen. Seit 1892 wurden keine Tributsendungen mehr nach Peking gerichtet, dafür aber durch den Bischof der zum russischen Reiche gehörigen buddhistischen Buriäten am Gäna-See unweit Kiachta, der zugleich Mitglied des lamaistischen Klerus und russischer Staatsbeamter ist, in Rußland nahegelegt, daß der Dalailama einen kräftigeren Beschützer als den Mandschu-Kaiser zu haben wünsche. Im November 1900 überbrachte der tibetische Lama Daltiew, seit 1897 Sekretär der auswärtigen Angelegenheiten in Lhassa, bei jenem viel bemerkten Besuch in Liva-dia dem gegenwärtigen Beherrscher von Rußland die Geschenke, durch welche die Würde des buddhistischen kaiserlichen Schutzherrn von dem konfuzianischen Mandschu auf den orthodox-christlichen Zaren übertragen wurde. Durch russische Machenschaften mit Hülfe des bekannten chinesischen Diplomaten Yunglu soll dies neue Verhältnis auch in Peking durch einen Geheimvertrag zwischen Rußland und China bestätigt worden sein.

Die Richtigkeit dieser Darstellung mag fraglich erscheinen, da z. B. noch 1893, also nach der angeblichen Lösung des Verhältnisses mit China, von einer chinesischen Grenzkommission über die Sikkim-Grenze mit der britischen Regierung verhandelt Wurde, und da auch bei dem gegenwärtigen Konflikt immer noch von den chinesischen Ambans in Lhassa die Rede ist. Auch daß noch im Sommer des Jahres 1901 Sven Hedin, der mit besonderen Empfehlungen des Zaren von Rußland reiste, ebenso unbeugsam von Lhassa ferngehalten und rückwärts komplimentiert wurde, spricht dagegen. Er selbst erklärt sich in einem soeben erschienenen Aufsatz energisch gegen die Existenz eines Vertrages zwischen Tibet und Rußland.

Allein, daß wenigstens eine Annäherung Tibets an Rußland in den letzten Jahren tatsächlich bedeutsam im Gange war, daran kann nicht gezweifelt werden. Die Deputation von Liva-dia und die Geschenke des Zaren sind durch den Zaren durch prachtvolle Gegengeschenke erwidert worden. Es sollen sich dabei auch große Quantitäten von Gewehren befunden haben. Ekai Kawagutschi, der Japaner, der neuerdings längere Zeit in Lhassa weilte, (s. S. 22) hat sie gesehen. Sie sind nicht allerneuester, aber doch moderner Konstruktion. B°) Auch er berichtet, daß ein Vertrag zwischen dem Dalailama und dem Zaren geschlossen worden sei. Es herrschte nach ihm in Tibet die Vorstellung, daß der Zar eine Persönlichkeit mit den mystischen Eigenschaften buddhistischer Bodhisatwas sei und daß man bei einem Konflikt mit dem gefährlichen indo-britischen Nachbar sich auf ihn verlassen könnte. Den gegenwärtigen Dalailama schildert er, wie wir schon erwähnten, als eine begabte Persönlichkeit mit hochfliegenden Zielen.

Aus anderer Quelle, vonseiten einer Persönlichkeit, die lange Jahre in bedeutender Stellung in britischen Diensten an den Nordgrenzen des Reiches wissenschaftlich tätig gewesen ist, hörte ich persönlich vor kurzem, daß man in Kreisen der englisch-indischen Regierung sogar die Überzeugung habe, es seien bereits russische Offiziere in Lhassa und hätten begonnen, die tibetischen Truppen europäisch zu instruieren.

Auch dies letztere mag dahin gestellt bleiben; jedenfalls ist soviel doch wohl trotz aller amtlichen Ableugnungen sicher, daß man in Rußland für die großasiatischen Zukunftspläne eine engere Verbindung mit Tibet sehr wohl — vom russischen Standpunkt durchaus richtiger Weise — in Rechnung gezogen hat und daß es andererseits für England Zeit war — mit demselben Recht — einzugreifen, wenn es den Anschluß Tibets an die russische Machtsphäre in irgend einer Form hindern wollte.

Text aus dem Buch: Tibet und die englische Expedition (1904), Author: Wegener, Georg.

Die einzelnen Buchkapitel:
Tibet und die englische Expedition – Einleitung
Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches
Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet
Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft
Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse
Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter
Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel
Tibet und die englische Expedition – Lhassa
Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart
Tibet und die englische Expedition – Tibet und England
Tibet und die englische Expedition – Nachwort

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