Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter


Die Tibeter werden den mongolischen Völkern zugerechnet. In verschiedenen Abschattierungen, die zum Teil aus Beeinflussung von Nachbarbevölkerungen her zu erklären sind, reicht ihre Rasse stellenweis über die politischen Grenzen von Tibet hinaus. Tibetisch ist die Bewohnerschaft des zu Kaschmir gehörigen Ladak, und auch unter der Bevölkerung Kaschmirs selbst finden sich tibetische Bestandteile. In Körperbau, Sprache und Sitte sind auch die Himalaya-Stämme weiter nach Osten, wie die Völker in Nepal, Sikkim, Bhutan, ihnen nahe verwandt; die Bevölkerung Innerasiens ist hier einstmals von Norden her über die Pässe hinübergequollen und hat die südlichen Gehänge des großen Gebirges mit besetzt, während der Indier der heißen Ebene es meist vermieden hat, in die Berge vorzudringen. Auch im Osten beherrscht die tibetische Rasse das gesamte Hochland bis zu seinem, politisch schon zum eigentlichen China gehörigen östlichen Randgebiet. Der Nordosten ist von einer besonderen Abart der Tibeter, den Tanguten, eingenommen. Nach Norden und Nordwesten zu fehlt, wie erinnerlich, großenteils überhaupt eine eigene Bevölkerung. In die Hochflächen von Tschangtang dringen von den westlichen und nördlichen Grenzen nomadisch türkische Stämme, die Khor, und mongolische, die Sok, ein, Fremdstämme, die in Tibet auch gern als Kat-schi, d. h. Muhamedaner, bezeichnet werden; von den südlichen und östlichen vorübergehend die Tibeter als Hirten, Jäger und Goldsucher. In den Berg- und Waldwildnissen von Osttibet sind endlich außerdem verschiedene einzelne Stämme noch unbekannter Natur zwischen die eigentlichen Tibeter eingestreut.

Die Hauptmasse der eigentlichen Tibeter sitzt in mehr oder minder geschlossener Form in den Längstälern des Südens hinter der südlichen Hauptkette des Himalaya. Sie nennen sich selbst Bod und ihr Land, wie erwähnt, Bodyul.

Die Tibeter sind meist mittelgroß, von kräftiger untersetzter Figur, mit breiten, flachen Gesichtern mongolischen Schnitts und schwarzen Augen, vorspringenden Backenknochen und eingedrückter Nase. Doch finden sich auch bedeutsame Abweichungen davon, die einzelne Forscher schon zu der Vermutung einer Rassenmischung geführt haben. So die Beobachtung, daß die Hauptfarbe in sehr großen Unterschieden von fast europäischer Helle bis zum kupfrigen Braun schwankt. Die dunkle Tönung findet sich häufiger bei den vorwiegend als Nomaden lebenden Stämmen des Nordens, die hellere bei den vorwiegend ansässigen Bewohnern des Südens. Sie kann jedoch auch als eine Folge der verschiedenen Lebensweise erklärt werden.

Das niedere Volk scheint nach unseren Begriffen durchgängig recht häßlich zu sein; in den höheren Ständen findet man bei fast weißer Hautfarbe feine, selbst für unsere Begriffe schöne Gesichter. Mit wenigen Ausnahmen schildern die Reisenden die Tibeter, wenigstens die dem Lamareiche angehörigen, meist als liebenswürdig von Charakter. Eine natürliche Heiterkeit, ein angeborener Witz, Zuvorkommenheit und Gastfreundschaft werden oft hervorgehoben, und es wird ausdrücklich bemerkt, daß ihre Abgeschlossenheit gegen die Europäer ursprünglich wohl weniger aus den Neigungen der Tibeter selbst entspringt, sondern auf den Einfluß der chinesischen Behörden zurückzuführen ist. Bei dem Besuche Hucs und Gabcts kam es fast zu einem Konflikt zwischen dem tibetischen Premierminister und dem chinesischen Residenten, der schließlich die Ausweisung durchsetzte. Wenn sie, wie es im Falle Landor vorgekommen, den Reisenden mißhandeln, so scheint es, als ob die Schuld daran zu nicht geringem Teil an einem törichten Benehmen des Fremden selbst gelegen hat. Und wenn sie sich gegenwärtig gegen die eindringenden Engländer wehren, so kann ihnen das schwerlich jemand verdenken.

Diese Schilderungen gelten natürlich nicht für die umherschweifenden Räuberstämme; mit diesen hat man bisher nur immer flüchtige, stets unerfreuliche Beziehungen gehabt.

Von den Untertanen des Dalailama-Reiches herrschte bis vor kurzem die Annahme, daß sie, ursprünglich ein energisches, kriegerisch tüchtiges Volk, in der langen Priesterherrschaft schlaff und friedselig geworden seien; die neueren Kämpfe mit den Engländern haben bewiesen, daß die letztere Anschauung ganz unbegründet war. Die Tibeter haben dabei eine leidenschaftliche Kampfesenergie und einen entschiedenen Todesmut bewiesen.

Die gewöhnliche Tracht der Männer ist ein langer Kittel mit weiten, über die Hände fallenden Ärmeln, der um die Mitte bauschig gegürtet und meist so getragen wird, daß er den rechten Arm nebst der Schulter unbedeckt läßt. Im Sommer besteht dieser Rock aus Wolle, in Winter und in den höheren Teilen des Landes aus Schaffell, die Haare nach innen gekehrt. Die Füße werden mit Schenkelstücken aus Wolle oder Fell bekleidet und langen Filz- oder Wollstiefein mit Ledersohlen. Ihr Haupt umwinden sie entweder mit roten Wollenden, oder sie tragen eigentümlich geformte Mützen aus Schaf- und Fuchsfellen, ln den oberen Beamtenkreisen ähnelt die Trächt sehr der chinesischen. Die tibetischen Begleiter des chinesischen Ambans, der infolge der Sikkim-Grenzstreitigkeiten im Jahr 1888 nach Dardschiling kam, sahen in ihrer arktischen Winterkleidung allerdings wie vorsintflutliche Ungeheuer aus mit ihren dicken Vermummungen, zu denen Ohrenklappen, Nasenklappen, Schläfenklappen und mächtige gepolsterte Brillen gehörten.18) Die Frauen wenden große Sorgfalt auf ihren Kopfputz. Sie flechten das Haar in zahllose Zöpfe und verzieren es mit allerlei Schmuckwerk, sodaß es bei den Vornehmeren kunstreiche Aufbauten von großem Umfang bildet.

Bei der tibetischen Ehe ist die Form der Polyandrie sehr häufig, und zwar in der Weise, daß die verschiedenen Brüder einer Familie ein und dieselbe Frau heiraten. Im Zweifelsfall gilt der älteste der verheirateten Brüder als Vater der entstehenden Kinder. Die Ursache dieser Einrichtung, die nur selten die Quelle der für unsere Anschauungen naheliegenden Mißhelligkeiten geben soll, ist vor allem wohl die Armut des Volkes bei relativ hohen Kulturbedürfnissen; das Erbe der Familie bleibt so zusammen, und die Männer sorgen miteinander für Unterhalt und Schmuck der Frau, wie diese für Instandhaltung der gemeinsamen Wirtschaft. Bei reichen Tibetern kommt auch umgekehrt die Polygamie vor. Mit Recht hat man darauf hingewiesen, daß beide Einrichtungen, ebenso wie außerordentliche Ausbreitung der Möncherei unter der Bevölkerung, dahin wirken, die Volkszahl zu beschränken.

Von den mannigfachen, in der Isolierung aes Hochlandes besonders eigenartig ausgebildeten Sitten des Volkes seien nur einige wenige erwähnt. Reich entwickelt und streng beobachtet sind die Verkehrs- und Höflichkeitsformen. Der sonderbare Gruß und die Respektsbezeugung des Tibeters besteht darin, daß er die Zunge so weit wie möglich herausstreckt und sich dabei hinter dem einen Ohr kratzt oder es nach vorn biegt. Nach einer Erklärung Waddells soll in dieser letzteren Handlung ursprünglich ein Unterwürfigkeitszeichen liegen, ausgehend von der asiatischen Gewohnheit, daß der Sieger in der Schlacht als Trophäen die abgeschnittenen Ohren des Überwundenen mitführt. Derselbe Autor erzählt die drollige Geschichte von dem englischen Soldaten der tibetischen Grenzstation, der sich bei seinem Offizier darüber beklagt, daß ihm die schmutzigen Kerle bei der Begegnung immer die Zunge wiesen. Er habe schließlich einen niedergehauen. Als dieser aber aufstand, habe er ihm die Zunge noch länger als vorher herausgestreckt, und da habe er ihn wieder zu Boden geschlagen10). Bei besonders förmlicher Begrüßung werden überdies Seidenschärpen gewechselt, die aus China importiert werden.

Die Leichname der Gestorbenen werden, je nach Befinden der Priester, entweder verbrannt, beerdigt oder in einen Fluß geworfen, oder sie werden endlich den wilden Tieren zum Fraß ausgesetzt, nachdem sie im Beisein des Priesters und der Leidtragenden feierlich in Stücke gehackt worden sind. Doch liegt hierin nicht etwa eine Mißachtung; im Gegenteil, man kann in Tibet einen großen Respekt vor den Toten beobachten. Große Feste werden zu ihrem Gedächtnis begangen, zu denen man alle Vorübergehenden einladet. Nachts zündet man Feuer auf den Bergen an.

Die Flammen antworten einander von Höhe zu Höhe, während die Tempel im Lichterglanz erstrahlen und vom Schall der Cymbeln und der Totenhymnen widerhallen. Die Bildungsstufe des Volkes ist im Vergleich zu seiner materiellen Armut nicht gering. Lesen und Schreiben ist allenthalben verbreitet, und zahlreiche Bücher werden gedruckt. Die bedeutsamste Frucht tibetischer Kultur und der wichtigste Bestandteil im geistigen Leben der Tibeter ist aber ihr Glaube und ihre Kirche. Es gibt wohl auf der Erde kein einziges Volk, bei dem die Religion so sehr alle Verhältnisse durchdringt und wo die Priesterschaft eine so unumschränkte Gewalt über die Gemüter besitzt, wie das tibetische.

Diese Religion ist der Buddhismus, aber nicht die ursprüngliche, sondern eine später abgeleitete Form desselben:

Die im 5. Jahrhundert vor Christus in Vorderindien entstandene Lehre Buddhas*) ist, wie der Leser weiß, eine der großen Erlösungs-Religionen. Ihr Grundgedanke ist der, daß das Dasein ein Leiden ist. Ursache des Leidens ist der Durst nach Genuß. Da derselbe unersättlich ist, so besteht die Erlösung nicht in der Stillung des Durstes, sondern in seiner Aufhebung durch gänzliche Vernichtung des Begehrens. Wer seiner Begierden nicht Herr wird, der findet auch im leiblichen Tode keine Erlösung, sondern gewinnt durch die Seelenwanderung immer wieder eine neue Existenz, mehr oder minder begehrungsreich, also qualvoll, je nachdem er gelebt hat. Wer aber durch rechtes Glauben, Handeln und vor allem entsagendes Sichversenken zur völligen Abtötung seiner Begierden gelangt, der erreicht die Befreiung von dem ewigen „Umschwung“ (Sansara) der Seelenwanderung, nämlich das Nirwana, die „Ausblasung“. Ob diese das absolute Nichtsein oder ein Zustand der Seligkeit ist, vielleicht ein Zerfließen in die pantheistische Allgottheit (denn einen persönlichen Gott predigt der Buddhismus nicht), darüber hat Buddha nichts offenbart.

*) Buddha heißt „der Erleuchtete“. Das Wort ist weniger ein eigentlicher Name, als die Bezeichnung eines religiösen Zustandes. Da vielfach Verwirrung über die verschiedenen Namen herrscht, mit denen diese merkwürdige Persönlichkeit bezeichnet wird, so sei bemerkt, daß sein Personalname Gautama Sidharta war. Er stammt aus dem Fürstengeschlechte der Ssakja, nach welchem er häufig Ssakjamuni (Einsiedler aus dem Geschlechte der Ssakja)ge-heißen wird. Selbst nannte ersieh auch gern T athagata, d. h. „Einer, dem es ebenso ergangen ist“ (nämlich wie den anderen Menschen). Es liegt dabei eine ähnliche Anschauung zugrunde, wie wenn sich Christus als „des Menschen Sohn“ bezeichnet. Den Namen „Buddha“ nahm er erst später auf der Höhe seiner religiösen Entwickelung an.

Seinen außerordentlichen äußeren Erfolg in dem bis dahin brahmanischen Indien verdankt der Buddhismus in erster Linie dem Umstande, daß er, den furchtbaren Egoismus des brahmanischen Kastenwesens verurteilend, gleichmäßig allen Menschen das Heil zugänglich machte.

Der Buddhismus ist in Vorderindien selbst mit Ausnahme Ceylons später wieder durch eine im 8. Jahrhundert n. Chr. einsetzende Gegenreformation des Brahmaismus verdrängt worden, sonst aber hat er den größten Teil Ostasiens erobert.

Schon vorher hatte sich durch die Differenzen der verschiedenen Konzilien, die nach dem Tode des Stifters das buddhistische Dogma feststellten, 6ine Spaltung zwischen einer südlichen und nördlichen Richtung vollzogen, und von der nordindischen, die neben den von Buddha selbst herstammenden Vorschriften noch eine Tradition gelten läßt, leitet sich der Buddhismus Tibets ab. Vom 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung an wurde er dort eingeführt und nahm, zum Teil wohl durch Vermischung mit der einheimischen Volksreligion, eine ganz eigentümliche Entwicklung, die man als „Lamaismus“ (vom mongolischen lama — der Höhere, der Priester) bezeichnet, und die vielfach die ursprüngliche Lehre des Meisters in ihr Gegenteil verkehrt hat. .Auf Grund der Tradition und des ursprünglichen Schamanentums der Tibeter entwickelte sich, während Buddha gerade alles Kastenwesen streng verwarf, ein neuer Unterschied zwischen Priester und Laien. Während Buddha ferner den Schwerpunkt des religiösen Strebens in das Innere des einzelnen verlegte, leitet gegenwärtig die Lamakirche das Glaubensleben des Volkes mit absoluter Vormundschaft und befriedigt seine seelischen Bedürfnisse durch ein weit ausgebildetes System äußerer Formen.

Als besonderer Förderer der Lehre gilt der sagenhafte König Srongdsan Gampo (gestorben 698 n. Chr.), der auch das berühmte heilige Gebet der Tibeter einführte. Von ihm soll schon der Tempel auf dem Berge Potala gegründet worden sein, an dessen Fuß sich dann die Stadt Lhassa gebildet hat. Die Lehre hatte noch mancherlei Kämpfe zu bestehen, doch schon früh beginnt die Ausbildung des Lamawesens und seines Einflusses. So wird in der einheimischen Geschichte ein 901 gestorbener König deshalb besonders gepriesen, weil er „durch seine grenzenlose Verehrung der Geistlichkeit“ das Glück des Volkes so sehr förderte, daß es dem der seligen Geister glich; und schon Odorico von Pordenone erzählt (um 1325), in der Hauptstadt des Landes wohne der „Abassi“ der Tibeter, was soviel als ihr „Papst“ bedeute. Vollendet wird dieser Ausbau aber erst, nach einer Zeit des Verfalls (vgl. den Abschnitt: Geschichte) durch das Auftreten des großen Reformators Tsongkapa (1358—1419), geboren in der Nähe des Sees Kukunoor im nordöstlichen Tibet, dort wo jetzt das außerordentlich heilige Kloster Kumbum steht. Obwohl dieser ohne Zweifel bedeutende Mann einer verhältnismäßig naheliegenden Vergangenheit angehört, so ist doch seine Persönlichkeit bereits heut mit einem Netz von Sagen umsponnen. Ihm wird, wie seinem Meister Buddha selbst, die übliche jungfräuliche Geburt zugeschrieben. Sein Leichnam, der in dem von ihm gegründeten Kloster Galdan, unweit Lhassa, bestattet ist,  schwebt dort ohne Stützen über dem Erdboden und gibt von Zeit zu Zeit den Lamas des Klosters neue Glaubensvorschriften u. a. m. Höchst interessant ist eine Geschichte, die dem Pater Huc bei seinem Aufenthalt in Kumbum von den dortigen Mönchen mitgeteilt wurde. Als Tsongkapa noch in jugendlichem Alter stand, aber schon damals sich durch große Geistesgaben und tief nachdenkliches Wesen auszeichnete, kam ein geheimnisvoller Fremder in die Gegend seiner Heimat, der angab, ein Lama aus den Ländern des fernsten Westens zu sein. Die hohe Weisheit dieses Fremden ergriff den jungen Wahrheitssucher, er schloß sich ihm aufs innigste an und wanderte nach dem Tode seines Lehrers gegen Südwesten, nach Lhassa, um dort im Geiste des Verstorbenen zu wirken. Aus der westlichen Herstammung des Unbekannten und besonders aus dem eigentümlichen Nebenzuge der Erzählung, der Fremde habe eine große Nase gehabt, anders als die Leute des Landes und ähnlich den beiden europäischen Reisenden, zieht Huc die Folgerung, jener Fremde sei einer der großen europäischen Missionare gewesen, wie sie zur Zeit des großen Mongolenreiches ja tatsächlich mehrfach das Innere von Asien besucht haben, und sucht damit die rätselhaften Ähnlichkeiten zwischen den römisch-katholischen und den tibetischen Kultusformen zu erklären, von denen wir noch sprechen werden.

Wie dem auch sei, die gegenwärtige Gestaltung der tibetischen Lamakirche ist auf Tsongkapas mächtigen Einfluß zurückzuführen. Allerdings wirkte dieser Reformator des Buddhismus, der ein Zeitgenosse von Huß, dem Vorläufer unserer evangelischen Reformation, ist, in ganz anderem Sinne als Luther; eher in demjenigen Gregors VII. Er stellte nicht etwa das ursprüngliche Priestertum aller Gläubigen wieder her, sondern vollendete im Gegenteil den strengen Ausbau der in Verfall geratenen Lama-Hierarchie und ihrer gegenwärtigen Kultusformen. Auf ihn ist vor allem die prinzipielle Durchführung der Ehelosigkeit des Klerus zurückzuführen, die vorher nur ein besonderes Verdienst war.

Tsongkapas Reformen haben eine konfessionelle Spaltung hervorgerufen. Die Geistlichkeit der älteren Kirche, die an den alten Einrichtungen festhält, unterscheidet sich von denen der jüngeren Richtung äußerlich dadurch, daß sie rote Mützen trägt, während die Anhänger Tsongkapas gelbe tragen. Die Gelbmützen sind bei weitem die mächtigeren in Tibet, den Rotmützen ist nur eine kleinere Anzahl Klöster geblieben. Ihr Zentrum ist heute das Kloster Sakia. Übrigens soll ein gutes Einvernehmen zwischen beiden bestehen, was freilich nach den allgemeinen Erfahrungen der Religionsgeschichte auf Erden nicht sehr wahrscheinlich klingt.

Der immer schärfere Ausbau der Hierarchie wurde besonders gefördert durch eine eigentümliche Anwendung der schon älteren Lehre von — um die etwas verwickelte Anschauung möglichst einfach auszudrücken — der Buddhawerdung frommer Persönlichkeiten. Buddha selbst nämlich war nach dem buddhistischen Dogma kein gewöhnlicher Mensch, sondern die Inkarnation eines göttlichen Wesens, und es wird erwartet, daß er nach einer gewissen Anzahl von Jahrtausenden seine Fleischwerdung wiederholen wird. Da nun aber, nach einer weiteren Lehre, ein ganz besonders frommer Wandel dem Menschen nach seinem Tode eine Art Göttlichkeit, eine Vorstufe derjenigen, die Buddha selbst besitzt, verleihen kann — ein Zustand, der Bodhisatwagenannt wird*)—so hat sich allmählich, indem die dogmatische Spekulation immer neue Ranken trieb, die Vorstellung entwickelt, daß auch andere hervorragende Persönlichkeiten der Lama-Kirche göttliche Wesen werden, welche die Seelenwanderung nicht in tierischen oder sonstwie andersartigen Daseinsformen fortsetzen, sondern immer von neuem als Menschen wiedergeboren werden.

*) Ein Wesen, das durch eine besondere Heilstat, die mit dem ausgesprochenen Wunsche geschah, ein Buddha zu werden, die Anwartschaft darauf erlangt hat, ist ein „Bodhisatwa“, d. h. einer, dessen Wesenheit (satwa) die Erkenntnis (bodhi) ist. (Grünwedel: Mythologie des Buddhismus in Tibet etc. Leipzig 1900 S. 9).

Es gibt daher jederzeit auf Erden verschiedene lebende Heilige, häufig populär direkt „Buddhas“ genannt (worunter also nicht Wiedergeburten Sidhartas selbst zu verstehen sind^, die infolge ununterbrochener Inkarnation auf Erden unsterblich bleiben. Stirbt der Leib eines solchen, so erscheint die Seele nach einigen Tagen wieder in irgend einem Kinde, das seinen göttlichen Charakter durch ganz bestimmte Wunderzeichen offenbart. Solche Persönlichkeiten genießen natürlich die höchste religiöse Verehrung und sind Ziele von Wallfahrten.

Aber nicht alle in gleichem Maßstabe. Die hervorragendste Bedeutung hat ohne Widerstreit heute der Dalailama in Lhassa, der als eine Inkarnation des uralten Heiligen Padmapani oder Avalokita, des Lieblingsheiligen der Tibeter, angesehen wird. Auch König Srongdsan – Gampo war eine Inkarnation Padmapanis, der in dieser Gestalt die Lehre in Tibet eingeführt hat; der Dalailama ist also identisch mit dem Begründer des tibetischen Buddhismus. Der zweithöchste „Buddha“ ist der Pantschen- oder Taschilama im Kloster Taschilhumpo bei Schigatse; er gilt meist als Wiedergeburt eines anderen, auch sehr großen Heiligen, Amitabha, von dem eine frühere Inkarnation der große Lehrer Tsongkapa war; der Taschilama ist also identisch mit dem Reformator des tibetischen Buddhismus. Beide gehören natürlich der gelben Sekte an. Daneben gibt es noch mehrere andere, in Tibet sowohl wie in der Mongolei.

Die berührte wunderbare und noch nicht befriedigend Ähnlichkeit der tibetischen Kultformen mit denen dem^AnSh-der römisch-katholischen Kirche ist allen Beobachtern a 0lscen als ganz erstaunlich aufgefallen. Der Eindruck dieser Eigentümlichkeit auf die katholischen Missionare, die das Land betraten, ist ein verschiedener gewesen: Die einen kommen entsetzt und bestürzt in die Heimat zurück und erzählen, dort oben im Innern Hochasiens habe sich der Satan zur Verspottung der heiligen Kirche ein verzerrtes Abbild derselben geschaffen; die anderen schöpfen im Gegenteil die Überzeugung daraus, daß die Tibeter schon halbe Christen seien und aufs leichteste zur allein seligmachenden Lehre zu bekehren sein würden. Bereits in Odoricos Berichten findet sich, wie wir uns erinnern, die Bemerkung, die Tibeter hätten einen „Papst“. Der Pater Andrada erzählt: Die Priester Tibets singen schier auf unsere Weise ihre Choräle, ihre Tempel gleichen unseren Kirchen, nur sauberer gehalten. Ein goldenes weibliches Bildnis in einem derselben soll die Mutter Gottes sein. Auch haben sie, sagt er, das Geheimnis der heiligen Dreifaltigkeit, Beichte, Weihwasser, auch eine Art Waschung, die er der Taufe vergleicht, sie machen Prozessionen und treiben Teufel aus. Aber auch der Laie Manning betont mit großem Nachdruck, daß ihm in Tibet mehrfach Rom und das Papsttum eingefallen sei. Ganz besonders schildert Huc diese Ähnlichkeiten. Als er den Prior des Klosters Kumbum in einer feierlichen Prozession daherschreiten sah, sagt er, die Kleidung desselben sei aufs genaueste die eines Bischofs gewesen. Er trug eine gelbe Mitra auf dem Kopfe, in der Rechten einen langen Stab in Kreuzform, seine Schultern waren mit einem Mantel von violettem Tafft bedeckt, der über der Brust von einer Spange zusammengehalten wurde und einem Chorrock durchaus ähnelte. Von anderen Ähnlichkeiten zählt er auf: den Gottesdienst mit Responsorien zwischen Klerus und Gemeinde, die Psalmodie, die Exorzismen, das an fünf Ketten hängende Räuchergefäß, das Segenspenden der Lamas durch Auflegen der rechten Hand auf den Kopf der Gläubigen, den Rosenkranz, das Zölibat, den Heiligenkult, die Fasten, die Prozessionen, die Litaneien u.a. m.21) Hinzufügen kann man noch die Wallfahrten, die hochentwickelte Reliquienverehrung, den Gebrauch von Klingeln beim Gottesdienst und vor allem das Mönchswesen und die festgefügte Hierarchie.

Ganz wie im Abendlande gelobt der ins Kloster Eingetretene Armut und Keuschheit, er verliert seinen bürgerlichen Namen, seine Familie, sein Vaterland. Dafür wird er aber das Glied einer Hierarchie von einer Allmacht im Lande, wie sie im Mittelalter das angestrebte, aber nicht erreichte Ideal der römischen Papstkirche bei uns gewesen ist. Der Klerus allein ist im Besitz aller Wissenschaft, von der er dem Volke nur mitteilt, was er für gut findet. Nur in den Klöstern gibt es Druckereien, und kein Buch geht daraus hervor, das nicht approbiert worden ist. Fast jede Familie des Landes sucht wenigstens eines ihrer Kinder dem Mönchstum zu weihen, und man berechnet, daß der sechste oder achte Kopf der Bevölkerung dem Priesterstande angehört.

Über das ganze Land, bis in die unwirtlichsten Gegenden sind die Klöster ausgestreut, ihre Insassen nach Tausenden zählend. Sie gleichen vielfach mächtigen Burgen, um deren Fuß sich bescheiden die Häuflein der Eingeborenen-Häuser scharen. Der Klerus hat die weltliche wie die geistliche Gerichtsbarkeit in der Hand, er leitet Handel und Wandel, er ist der einzige Großkapitalist und scheint durch Ausnutzung dieser Vorteile, durch Zins und Geschäft, so gut wie völlig im Besitz des Grund und Bodens gelangt zu sein.

Alle öffentlichen Stellen und Ehrenämter verwaltet er. Das Volk überläßt sich vollkommen kindlich seiner Leitung.

Die Stufenleiter der kirchlichen Würden gipfelt in Dalailama, der Inkarnation des Dalailama, einer Einrichtung, die nicht mit Unrecht, auch von den katholischen Missionaren selbst, mit dem Papsttum verglichen worden ist, wenn sie knatürlich auch nicht in allen Stücken mit ihm übereinstimmt. Ein äußerer Unterschied ist schon der, daß der Dalailama jedesmal wieder ein Kind sein muß. Infolgedessen wird in der Regel seine persönliche Stellung weit weniger selbstherrlich sein, als die des Papstes; vielmehr ist er wahrscheinlich in den meisten Fällen ein armes, in halber Gefangenschaft gehaltenes Wesen, das mit ungeheueren, erdrückenden Ehren umkleidet wird, während die tatsächliche Macht in den Händen seiner Erzieher und Berater liegt. Dem Dogma nach geht die Seele des gestorbenen Dalailama auf ein noch unbekanntes Kind über, das frühestens 49 Tage nach dem Todesfall geboren sein muß. An gewissen Orakeln wird der Ort erkannt. Mehrere Kinder, die der neue Dalailama sein können, werden dann zur engeren Wahl gebracht. Diese Wahl ähnelt insofern etwas dem römischen Konklave, als die Kirchenfürsten der Hierarchie sich im Potala, dem tibetischen Vatikan, einschließen und dort sechs Tage fasten und beten. Am siebenten Tage wird durchs Los, und, wie es scheint, auch nach gewissen Wunderzeichen — das Kind greift z. B. nach dem früheren Dalailama gehörigen Gegenständen, die ihm mit anderen untermischt vorgelegt werden — der wahre Nachfolger bestimmt. Das Los wird aus einer goldenen Urne gezogen, die der Kaiser von China im vorigen Jahrhundert gestiftet hat. Mit vier Jahren wird das Kind dann dauernd nach dem Potala-Palast gebracht, mit acht Jahren als Mönch eingekleidet, und sein Leben verfließt von nun an in einer sehr strengen Askese. Seine Mündigkeit erfolgt mit dem 18. Jahre.

Heutzutage ist ganz Tibet ein Priesterstaat, der im Dalailama gipfelt. Dieser Zustand erscheint vollendet in der Mitte des 17. Jahrhunderts, wo der Großlama Nawang Lobsang einen neuen großartigen Klosterpalast auf dem Potala-Berge bei Lhassa erbaut und sich (1650) den Titel Dalailama vom Kaiser von China sanktionieren läßt. Die mongolische Bezeichnung dalai bedeutet „Weltmeer“ und soll wohl das ungeheuere Maß der Größe dieses Priesterkönigs ausdrücken; sie ist Übersetzung eines bereits vorher im Lande gebrauchten tibetischen Ausdrucks.

Die Verehrung des Dalailama ist heute ganz außerordentlich und hat sich allmählich über den größten Teil der buddhistischen Welt erstreckt. In Tibet selbst gilt er als der unfehlbare absolute Ausfluß alles göttlichen und weltlichen Gesetzes. Allerdings tritt er als solcher nicht fortwährend, sondern nur in wichtigen Fällen hervor. Das Regiment liegt — vollends solange der Großlama ein minderjähriges Kind ist — vorwiegend in der Hand eines Premierministers, dessen Titel Nomekhan oder tibetisch Gyalpo heißt. Dieser hat natürlich ein Interesse daran, das Heft möglichst lange in der Hand zu behalten, und es scheint etwas sehr Häufiges zu sein, daß er den jungen Dalailama vor seiner Mündigkeit veranlaßt hat, sich zu einer neuen Menschwerdung zu entschließen. So war es kurz vor Hucs Ankunft sogar vorgekommen, daß der Nomekhan den „Buddha“ dreimal hintereinander umbrachte, ehe er zu Jahren kam. lÜber den Dälailama sowie das Verhältnis der einheimischen politischen Gewalten zur chinesischen Oberherrschaft siehe Weiteres im Abschnitt „Geschichte“.)

Die Feste der Lamakirchen zeichnen sich durch Pomp und einen großen Reichtum an eigenartigen sinnbildlichen Handlungen und Darstellungen aus und bieten zum Teil, ganz ähnlich den großen Kirchenfesten in den romanischen Ländern Europas, eine Vermischung von tiefer Devotion und toller Ausgelassenheit.

Dem Ave Maria oder Vaterunser bei uns entsprechend hat der Tibeter auch sein bestimmtes heiliges Gebet, dessen oftmalige Wiederholung eine Gott wohlgefällige Handlung ist. Diese uralte und unermeßlich heilige Formel hat nur sechs Silben und lautet; Om mani padme hum. Von manchen Forschern wird sie für unerklärbar gehalten, nach an deren bedeutet sie folgendes: Om ist bei den Brahmanen (auf die dies also schon zurückgeht) der mystische Name der Trinität, welcher jedes Gebet beginnt. Enthalten ist darin das A = die Bezeichnung für Wischnu, O = diejenige für Schiwa, und M für Brahma. Das daraus gebildete Wort Om hat den Charakter einer tief aus der Seele hervorgeholten frommen Anrufung. Mani heißt „Kleinod“, padme ist die Ortsform von padma — „Lotos“, hum endlich die Partikel, die den Wunsch ausdrückt: „So sei es!“ Demnach heißt das ganze Gebet etwa: „O du Kleinod im Lotos, Amen!“ Es wird als eine Anrufung des Padmapani aufgefaßt, dessen Inkarnation, wie wir uns erinnern, der Dalailama ist. Außerdem aber haben alle diese Silben noch tiefe mystische Bedeutung, und dickleibige Bände sollen darüber geschrieben sein. Unter anderem sollen die sechs Silben die sechs Naturreiche versinnbildlichen, und durch ihr oftmaliges frommes Aussprechen erlangt der Gläubige, daß er in keinem von diesen wiedergeboren zu werden braucht. Das Volk weiß von diesen Spekulationen wahrscheinlich nichts: es hält sich an die Befriedigung, die ihm die gewissenhafte Erfüllung einer äußeren Religionsform gewährt, und macht von diesem Gebet eine geradezu unglaublich massenhafte Anwendung. Man darf wohl ohne Übertreibung behaupten, daß die vier Wörtchen Om mani padme hum diejenigen Gebilde der menschlichen Sprache vorstellen, die bisher auf dem Erdball am häufigsten angewendet worden sind. Sie sind das erste, was der Tibeter als Kind lernt, und sein Leben lang murmelt er sie unablässig; der Priester betet sie in seinem Tempel, der Mönch in der Zelle, der Hirt bei seiner Herde, der Pilger, der Kaufmann auf ihren Wegen. Ja, damit nicht genug, die Industrie stellt massenhaft sogenannte Gebetsmühlen her, drehbare, in eine Kapsel eingeschlossene Zylinder, um die ein Papierstreifen mit einer möglichst oftmaligen Aufschrift der heiligen Worte gewickelt ist. Bei jeder Umdrehung gilt das Gebet als so oft gesprochen, wie die Mühle Wiederholungen desselben enthält. Der kleine Mann in Tibet ist durchgängig mit einer Handmühle solcher Art versehen und dreht sie gewohnheitsmäßig unablässig. Man kann, erzählt Manning, Leute sehen, die, ihre Hände gemütlich auf dem Rücken haltend, die Mühle drehen und dabei mit anderen Personen lebhaft über ganz beliebige Dinge unterhalten. Reiche Leute aber und die großen Klöster bauen sich riesige Maschinen mit vielen umfangreichen Gebetszylindern, die bei jedem Umschwung das Gebet Tausende von Malen beten, und lassen diese — es klingt unglaublich, aber es ist so — durch Wind oder Wasserkraft treiben. Rockhill bildet in seinem Reisewerke: The land of the Lamas zwei kleine Windgebetsmühlen ab, die mit Schalenkreuzen ganz nach Art unserer modernen Anemometer oder Windgeschwindigkeits-Messer versehen sind.

Wo irgend möglich, auf Hauswänden, an Tempeln, auf flatternden Fähnchen, Papierschnitzeln an Schnüren usw., werden die heiligen Worte angebracht. Man sieht zuweilen ganze Wälle von Steinen, „Mendong“ genannt, auf denen das Gebet eingeritzt ist; man sieht es aber auch in Riesenlettern hoch an den Felswänden prangen, damit auch der Reiter im Galopp die erlösende Formel vor Augen habe. Es gibt eine ganze Kongregation von Lamas, welche nur die Aufgabe hat, das Gebet an allen erdenklichen Orten des Landes anzubringen.

Heilge Steinhaufen, die jeder Vorübergehende durch ein weiteres Steinchen vermehrt, nennt man „Obo“ (s. Abb. 4); sie finden sich in den Pilgerstraßen in den entlegensten Gegenden. Andere geheiligte Bauwerke sind die sogenannten „Tschorten“, ursprünglich über Reliquien errichtete Pyramiden von eigentümlicher Gestalt, deren einzelne Teile die fünf Elemente der Tibeter, von unten nach oben: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther, bedeuten. Abbildung5 ist ein typisches Tschorten, hier zu einem Torbau benutzt.

Wie die Ähnlichkeiten mit den Formen des römischen Katholizismus zu begründen sind, ist noch wenig sicher geklärt. Die oben angeführte Art Hucs, sie gingen auf den mysteriösen, langnasigen Lehrer Tsongkapas zurück, ist schwerlich ausreichend, denn die Übereinstimmung so vieler, sowohl außerordentlich durchgreifender, wie wiederum sehr ins einzelne gehender Formen kann nicht durch die mündliche Unterweisung eines Kindes übertragen sein, sondern muß auf breiter, langdauernder Berührung und auf Augenschein zurückgehen. Oder sollte es möglich sein, daß sich unabhängig voneinander in Europa und Tibet ähnliche Institutionen entwickelt haben? Für manche, schließlich doch tief in allgemeinen religiösen Bedürfnissen der Menschennatur begründete Einrichtungen, wie die Selbstkasteiung des Zölibats, wie die Reliquienverehrung, die Priesterherrschaft u. a. m„ mag das gedacht werden können, jedoch die rein zufälligen Formen müssen irgendwie entlehnt sein.

Eine genaue Volkszahl der Tibeter anzugeben, ist einstweilen durchaus unmöglich. Bei der einsamen, nomadisierenden Lebensweise vieler ihrer Stämme, bei der geringen Abhängigkeit einzelner von der Zentralgewalt, bei der fast völligen Unerforschtheit großer Teile des Landes überhaupt kann man auch nicht einmal eine annähernd zuverlässige Schätzung erwarten. So schwanken denn die Vermutungen der einzelnen Gewährsmänner innerhalb weiter Grenzen hin und her. Orazio della Penna berichtet von einer angeblich auf einem offiziellen Zensus aus dem 17. Jahrhundert beruhenden Feststellung von 33 Millionen, während der jüngste Beobachter, der Russe Tsibikow, die Gesamtheit auf 2*/2 Million, die Einwohnerschaft von Zentraltibet auf eine Million schätzt.24) Nach der letzten Berechnung von Hermann Wagner in Wagner und Supans „Bevölkerung der Erde“ (Nr. VIII S. 108) ist die Zahl für 1891 mit l 1/2 Million hoch genug geschätzt, während sie nach Hedins jüngster Äußerung 3 oder 4 Millionen beträgt.

ln welcher Weise diese Bevölkerung — sehr ungleich-mäßig — verteilt ist, wird von selbst aus der folgenden  Schilderung der politischen Provinzen Tibets hervorgehen.

Das Land Bodyul, das eigentliche Lamareich, zerfällt in drei Provinzen: Tsang im Westen, Wei in der Mitte, Kham im Osten. Tsang und Wei sind getrennt durch eine annähernd meridionale Grenzlinie in der Richtung des 89. und 90. Meridians. Der Provinz Tsang wird dabei administrativ auch das Hochland Tschangtang zugerechnet, theoretisch meist bis zum Tarim-Becken, doch erstreckt sich heute der wirkliche Einfluß nicht so weit. Die Provinz Wei dagegen reicht nur bis zum Tangla-Gebirge, etwa der Linie des 33. Breitengrades, nach Norden. Ähnlich die Provinz Kham. Beide werden im Norden von der Landschaft Kukunoorien begrenzt.

Wie in der Provinz Tsang die menschenleeren Einöden des Nordens nur dem Namen nach unter der Regierung in Lhassa stehen, so ist es in der Provinz Kham ähnlich mit den außerhalb der Verkehrsstraßen gelegenen Wildnissen Osttibets der Fall. Kukunorien vollends gehört nur kirchlich dem Einflußreich cTes Dalailama an. Sonst haben wir es hier mit mehr oder minder unabhängigen Nomadenstämmen unter eigenen Häuptlingen zu tun.

Betrachten wir zunächst etwas näher die Provinz Tsang. Sie zerfällt, soweit sie besiedelt ist, in zwei Hauptgebiete, den Westen, der um die Stadt Gartok gravitiert, und den Westen mit dem Hauptort Schigatse.

Ihr westlichster Bereich jwird mit dem Sondernamen Gnari Khorsum bezeichnet. Zuweilen wird dies Gebiet auch als eine eigene Provinz bezeichnet, und jedenfalls ist seine Stellung, schon infolge der schwierigen Verbindung mit der Kapitale Schigatse von größerer Selbständigkeit. Es ist der bei dem eigentlichen Tibet gebliebene Teil der ehemaligen größeren westlichsten Provinz Gnari, zu der auch das heute britische Ladak gehörte. Gnari Khorsum umfaßt in der Hauptsache das Quellgebiet des Indus, Satledsch und die südwestliche Ecke des Hochlands Tschangtang.

Diese hochgelegenen, äußerst unwirtlichen Landschaften sind nur von kleinen, spärlich verstreuten Ansiedlergruppen bewohnt. Die Mehrzahl der sogenannten „Städte“ des Satledsch-Tals haben nur im Sommer Einwohner, im Winter werden sie verlassen. Nur einige Klöster gibt es; es ist gerade ein heiliges Werk mehr, in so unwirtlichen Gegenden auszuhalten. Ähnlich ist es mit dem Gebiet des oberen Indus der Fall; auch hier gibt es, von den tiefsten Teilen seines Tales abgesehen, kaum eine dauernd ansässige Bevölkerung. Der wichtigste Punkt ist die Stadt Gartok am südlichen Quellfluß des Indus, 4600 m nach Schlagintweit, 4340 m nach den Beobachtungen des Pandits, über dem Meeresspiegel. Der Name bedeutet „Hoher Markt“ und drückt den Charakter dieser merkwürdigen Stätte vortrefflich aus. Sie ist wahrscheinlich der höchstgelegene Messe-Platz der Erde. Im August und September erhebt sich hier neben den wenigen vorhandenen festen Häusern eine sehr viel umfangreichere Stadt von Zelten der aus Tibet, Indien, Kaschmir und Ostturkestan herbeikommenden Kaufleute; ein ungemein reges Treiben, ein Austausch der Waren Indiens, Tibets und Chinas findet statt. Im Winter dagegen ist Gartok völlig verlassen; nicht nur die fremden Kaufleute sind verschwunden, auch die in der Stadt und Umgegend heimischen Einwohner haben sich weiter den Indus abwärts, nach der Stadt Gargunsa, geflüchtet.

Dennoch finden sich selbst in den noch höher gelegenen Teilen Gnari Khorsums, auf dem Hochlande Tschangtang, ständige Ansiedelungen. Es sind das die Goldbergwerkstätten, von denen weiter oben schon die Rede war. ! Die Minen waren wegen der furchtbaren Rauheit des Klimas lange Zeit hindurch verlassen, sind seit der Mitte des vorigen Jahrhunders jedoch durch die Regierung wieder aufgenommen. Im Nordosten des Indus, am Fuß des Aling-Gangri-Gebirges, liegt Thok-dschalung, die bedeutendste dieser Goldwäschereien, in nicht weniger als 4980 m Meereshöhe, noch 200 m höher als der Montblanc-Gipfel und somit wohl die höchste dauernd von Menschen bewohnte Städte Asiens. Von hier zieht sich eine ganze Kette von Goldminen bis zum Tengrinoor hinüber. Eine unter den hier noch tiefer in der Einsamkeit gelegenen Stätten ist Thok-daurakpa in 4657 m Höhe. Bekannt als Stützpunkt mehrerer moderner Tibetreisen ist auch der kleine, aus ungefähr 150 Häusern bestehende Ort Rudok nördlich von Gargunsa.

Im obersten Sangpo-Tal finden sich außer Poststationen und Klöstern noch keine dauernden Wohnstätten. Weiter abwärts an diesem Fluß beginnt dann die Reihe der Ansiedelungen, die, immer noch in Meereshöhen unserer höchsten Alpengipfel liegend, doch ununterbrochen bewohnt und von grünen Ackerfluren umgeben sind. Andere liegen südlich davon, an den Straßen (nach dem Süden. Ihre Namen verzeichnet die beigegebene Karte. Als die wichtigsten seien folgende besonders genannt: Tadum (4330 m über dem Meere); Dschangladsche, wo sich zwei Handelsstraßen aus Nepal treffen. Südlich vom Sangpo, an der großen Handelsstraße, die von Schigatse nach Katmandu in Nepal führt, das Kloster Sakja, berühmt als der kirchliche Mittelpunkt der Rotmützen-Sekte; an der gleichen Straße weiter westlich, am Nordwestfuß des Gaurisankar, Dingri, bekannt als befestigte Grenzgarnison zur Beherrschung der Himalaya – Straßen; südwestlich davon an der Grenze von Nepal Kirong mit 3—4000 Einwohnern. Endlich Schigatse, der Regierungssitz für die Provinz Tsang, nahe der Mündung des von Süden in den Sangpo einfallenden Nyangtschu, in 3600 m Höhe. Mit Schigatse befinden wir uns schon in den Zentralgebieten dertibetischen Kultur. Diese Stadt, wo der Verkehr von Sikkim und West-Bhutan den Sangpo erreicht, bleibt nur wenig hinter der Größe von Lhassa zurück und steht ihr in den Augen des Volkes auch an Bedeutung nahe. Nach der Zusammenstellung bei Reclus (Gtfogr. universelle, Bd. VII S. 94) sind als die vier größten Städte Tibets Lhassa mit 15000, Schigatse mit 14000, Tschetang mit 13000 und Gyangtse mit 12000 Einwohnern geschätzt.

Vor den Toren von Schigatse finden wir die Wohnstätte des nächst dem Dalailama größten unter den lebenden „Buddhas“, des Taschilama. Seine selbständige Machtstellung ist augenscheinlich eine ziemlich weitgehende, auch für den Verkehr nach außen. Am Ende des 18. Jahrhunderts, zur Zeit der Gesandschaften von Bogle und Turner, verhandelte die britisch-indische Regierung nicht mit dem Dalailama in Lhassa sondern mit ihm über die Eröffnung eines friedlichen Verkehrs.

Das Klosterschloß des Taschilama, Taschilhumpo genannt, liegt unmittelbar südlich der Stadt, auf der steil abfallenden Terrasse eines schroffen Hügels. Die Umfassungsmauer dieser imposanten Tempel- und Klosterbauten umfaßt zwei Kilometer. Das breite Dach des Palastes ist ganz vergoldet, das Gebäude selbst aus dunkelfarbigen Ziegeln erbaut. Viertausend Mönche bewohnen nach Bogles Schilderung diese Klosterstadt, und das Ganze macht den Eindruck einer fürstlichen Wohnstätte.

In dem gleichen Nebental wie Schigatse, weiter aufwärts liegt die gegenwärtig vielgenannte Stadt Gyangtse (12900 — 3900 m), der Einwohnerzahl nach die vierte Stadt des Reiches. Sie ist an der Kreuzung der großen Heerstraße von Schigatse nach Lhassa mit der Straße von Tschumbi-Tal gelegen und ein wichtiger Markt. Nach der jüngst in der lllustrated London News (Nr. 3396 voom 21. Mai 1904) gegebenen photographischen Aufnahme ist sie eine langgezogene Ansiedelung grauer und weißer, flachdachiger Häuser, um eine ziemlich breite Hauptstraße geschart, die von einer mit Türmchen unterbrochenen Mauer umwallt ist. Die etwa 1000 Häuser zählende Stadt liegt freundlich zwischen Bäumen in einem wohlangebauten, dicht besiedelten Tal, überragt von einer beherrschenden Doppelhöhe, deren eine, 600* hohe Spitze ein großes Fort, die andere ein berühmtes Kloster trägt. Obwohl noch 300 m höher als Lhassa gelegen, gedeihen doch Feldfrüchte trefflich: Gerste, Ölfrüchte, Erbsen, Rettig. Auch berühmte Tuchwebereien gibt es hier.

Etwa 200 Kilometer östlich von Schigatse erreichen wir, im Khamba-Passe am Yamdok-See, die Grenze der Provinz VVei oder Ü. Der Name bedeutet „Mitte“ und bezeichnet diese Provinz, obwohl sie die kleinste ist, als die wichtigste. Der wesentlichste Grund für diese überragende Stellung ist der Umstand, daß in ihrem Bereich die Hauptstadt von Bodyul, und der Sitz des tibetischen Priesterkönigs Dalailama, das berühmte Lhassa gelegen ist. Dieser Stadt ist, als dem Zentrum der ganzen tibetischen Kultur und dem Mittelpunkt der gesamten Aufmerksamkeit, die heute von der Außenwelt auf Tibet gerichtet wird, weiter unten ein besonderes Kapitel gewidmet.

Um die Hauptstadt schart sich eine ganze Anzahl großartiger Klöster, die wieder Veranlassung zu Ansiedlungen um ihren Fuß herum gehen, wie Debang, Sera, Galdan mit 3- 8000 Mönchen. Das letztere ist von Tsongkapa gegründet, der, wie erwähnt, auch hier bestattet ist. Ein anderes sehr berühmtes Kloster, Samaye, dessen Umwallung 2% Kilometer Umfang hat, liegt unweit des Sangpo, 40Kilometer oberhalb von Tschetang. Es gilt als das älteste bestehende Kloster Tibets, dessen Gründung auf das 9. Jahrhundert zurückgeht, und dient dem Reiche als Aufbewahrungsort des Reserveschatzes für die äußerste Not.

Die letztgenannte Stadt, südöstlich von Lhassa, ist der bedeutendste Ort am unteren Sangpo, nach Tschandra Das heut im Rückgang27). Tschetangs Bedeutung beruht außer aus eigenen Manufakturen darauf, daß hier die Hauptstraße von Ost-Bhutan und Assam über den Serasa-Paß das Sangpo-Tal erreicht. An dieser Straße weiter südlich liegt der wichtige Grenzmarkt Tschona. Die letzte durch die Pandits bekannter gewordene Ansiedelung am Sangpo vor seinem Durchbruch durch den Himalaya ist der kleine Ort Gyaladschong.

Im Norden von Lhassa hören die Ansiedelungen sehr bald auf. Nur einige Klöster sind auch hier in die unwirtlichsten Gegenden vorgeschoben, bis zu den öden Ufern des Tengrinoor.

In der Provinz Kham ist die Regierungshauptstadt Tschiamdo (3380 m), am Zusammenfluß der beiden Quellarme des Lantsangkiang oder Mekong gelegen, die wichtigste; allein sie bleibt an Volkszahl weit hinter den Städten Zentraltibets zurück und ist in Wahrheit ein nur kleiner Ort von etwa 2000 Einwohnern. Sie, wie alle übrigen, noch kleineren Städte und Ansiedelungen — hauptsächlich Lamasereien — an den Gehängen, die in tief eingefurchte Flußtäler oder in kleineren Alluvialebenen sich ausdehnen, sind von noch geringerer Bedeutung, oasenartig verloren in ungeheueren Bezirken unkultivierter Wälder und Gebirge. Ihre Namen, wie Seresumdo, Kegudo, Riwutsche u. a., sind neuerdings durch Forschungsreisen mehrfach genannt worden. Der ebenfalls von europäischen Reisenden öfter berührte Grenzort Batang gehört schon zu China und ist auch, 1871 von Erdbeben heimgesucht, nur eine bescheidene Ansammlung von ärmlichen Häusern. Ebenso das noch weiter nach Osten an derselben großen Handelsstraße nach Szetschwan gelegene, noch von Tibetern bewohnte Litang. Die Stadt selbst hat kaum soviel Einwohner, wie die beiden mächtigen Lamasereien, die mit ihren vergoldeten Dächern imposant die Ansiedlung überragen und 6000 Mönche in sich bergen sollen.

ln der Landschaft Kukunoorien finden wir feste Ansiedlungen nur im nordöstlichsten Teile des Hochlands, besonders im Gebiet des Hsiningflusses. So die Stadt Hsiningfu, Donkyr u. a. Sie haben chinesische Magistrate. Die fast ausschließlich nomadisch lebende Bevölkerung des übrigen Kukunoorien ist nach Prschewalski in 29 „Banner“ eingeteilt, von denen fünf die Stämme des Tsaidam umfassen, 19 die Umgebung des Kukunoor und die nördlich davon gelegenen Täler, fünf die Gegend, südlich des Hwangho. Die amtlichen Persönlichkeiten, an die sich die Tanguten wenden — wenn sie wollen — sind die chinesischen Behörden in Hsiningfu.

So gehört eben Kukunoorien politisch kaum mehr zum Reiche des Dalailama, sondern eher zu China.

Text aus dem Buch: Tibet und die englische Expedition (1904), Author: Wegener, Georg.

Die einzelnen Buchkapitel:
Tibet und die englische Expedition – Einleitung
Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches
Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet
Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft
Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse
Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter
Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel
Tibet und die englische Expedition – Lhassa
Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart
Tibet und die englische Expedition – Tibet und England
Tibet und die englische Expedition – Nachwort

2 Comments

  1. […] Expedition – Die Landschaft Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel Tibet und die englische Expedition […]

    7. Januar 2016

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