Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches

I.
Name, Grenzen, Größe des tibetischen Reiches.

Der Name Tibet findet sich unter verschiedenen Variationen schon früh im Abendlande vor. So nennt Edrisi ihn in der Form Tobbat um 1154 n. Chr., Marco Polo sagt Tebot, Odorico de Pordenone bereits Tibet. Viel früher, schon im 4. Jahrhundert, begegnet er in den chinesischen Annalen. Herrschend gemacht wurde er durch die wissenschaftlichen Arbeiten der Jesuiten. Bei den Tibetern selbst ist er aber fast unbekannt. Es kommt die Bezeichnung Thod-bod, die auch Thö-pö gesprochen wird, in tibetischen Büchern vielfach vor, aber sie bezeichnet nicht das ganze Gebiet, sondern nur die höchsten, am wenigsten bewohnten Teile; das gesamte Reich und insbesondere ihre eigenen Wohnsitze nennen die Tibeter Bodyul. Hierbei ist yul nur die Bezeichnung für „Land“; die Etymologie von Bod ist noch umstritten; anscheinend ist es aber ein sehr alter Name, da man ihn in den von Ptolemaios genannten Volksnamen der Bautae wiedererkennen möchte.

Der Umfang des Reiches Tibet deckt sich nicht ganz Grenzen, mit der großen, im Norden der indischen Ebenen emporsteigenden Hochlandsmasse, auf der es liegt. Es wird im Süden begrenzt von dem britischen Vorderindien und Birma, sowie von den selbständigen Himalaya-Staaten Nepal und Bhutan, im Westen von dem englischen Vasallenstaat Kaschmir, zu dem heute das ursprünglich tibetische Ladak gehört, im Osten und Nordosten von dem eigentlichen China, im Nordwesten von dem zum chinesischen Reiche gehörigen Ostturkestan. Doch sind die Grenzlinien, die unsere Karten angeben, (vgl. die beigegebene Übersichtskarte und die Figur 1 auf S. 37), in Wirklichkeit fast nirgends fest bestimmt. Da sie größtenteils durch unerforschte Hochgebirgsregionen durch breite Wüstenzonen führen, die entweder ganz menschenleer sind, oder nur von schweifenden Nomaden verschiedener Nationalität vorübergehend besucht werden, so liegt ein Interesse ihrer genauen Absteckung nicht vor. Außerhalb der von den Tibetern dauernd bewohnten Hochtälern kann man nur von gewissen Fixpunkten, wie bekannten Pässen, Märkten, Befestigungen, Goldfundstätten oder von einzelnen Siedelungs- und Verkehrslinien sagen, daß sie zum tibetischen Staatsgebiet oder einem benachbarten gehören.

Ganz allgemein gesprochen verläuft die Südgrenze im wesentlichen auf dem Hauptkamme des südlichsten Himalaya-Zuges, über den es mit der Zunge des Tschumbi-Tals östlich von Sikkim nach Süden ausgreift. Auch östlich von Bhutan wird die Grenze bis dicht an das Tiefland von Assam verlegt, doch ist der östliche Himalaya eine einsame, von wilden, in Wirklichkeit wohl ziemlich unabhängigen Bergvölkern bewohnte Gegend. Ähnlich ist es bei der Berührung mit Oberbirma. Die Ostgrenze verläuft, völlig im Fließen, über die weitgehend noch unerforschten, vielfach von kaum bekannten Stämmen bewohnten Randgegenden des Hochlandes in der Weise, daß noch mehr oder minder große Teile desselben zum eigentlichen China und zwar den Provinzen Jünnan, Szetschwan und Kansu gehört. Die Nordgrenze deckt sich ungefähr mit dem Nordrande des Hochlandes. Die Westgrenze endlich verläuft ungefähr vom Durchbruch des Keria-Flusses durch den Kwenlun zu dem des Sadletsch durch den Himalaya, sodaß hier der schmalere Westen der Hochlands-Masse als zu Kaschmir gehörig, losgetrennt wird.

Es ist deshalb nicht möglich, für das Gesamtareal des Flächeninhalt, tibetischen Reiches mehr als stark abgerundete Zahlen zu geben. Nach Hermann Wagners Berechnung ist der Flächeninhalt rund 1900000 qkm, also mehr als dreimal die Größe des deutschen Reiches. Doch ist dabei zu bemerken, daß der ganze Nordwesten, das ungeheuere Gebiet der großen, unbewohnten Hochflächen, praktisch ganz herrenlos ist, und daß auch der Nordosten, die sogenannte Provinz Kukunoorien, politisch nur in einem nicht ganz klaren, jedenfalls aber sehr losen Verhältnis zur Regierung von Lhassa steht.

Die Bevölkerungszahl kann noch weniger zuverlässig Bevölkerung, angegeben werden. Die Meinungen darüber weichen sehr von einander ab. Nach Wagner ist sie mit 1 1/2 Millionen hoch genug geschätzt. Auch wenn man sich vergegenwärtigt, daß der größte Teil der Menschen in einigen Hochtälern sich zusammendrängt, so bleibt die Bevölkerungsdichte immer noch eine überaus geringe, und es ist zu bewundern, daß diese kleine, weit über ein unwirtliches Land verstreute Nation doch eine Kultur von so hoher und interessanter Eigenart entwickeln und auf die Geistesgeschichte Asiens einen so bedeutenden Einfluß gewinnen konnte.

Text aus dem Buch: Tibet und die englische Expedition (1904), Author: Wegener, Georg.

Die einzelnen Buchkapitel:
Tibet und die englische Expedition – Einleitung
Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches
Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet
Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft
Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse
Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter
Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel
Tibet und die englische Expedition – Lhassa
Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart
Tibet und die englische Expedition – Tibet und England
Tibet und die englische Expedition – Nachwort

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