Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse

Das Klima.

Der geographischen Breite nach entspricht Tibets Lage dem südlichen Mittelmeer und dem Nordrande Afrikas; die klimatischen Verhältnisse sind aber sehr davon verschieden. Sie sind infolge der merkwürdigen Gestaltung des Landes überhaupt ganz eigenartige, den Charakter einer innerasiatischen Wüste mit den Erscheinungen eines arktischen Landes verbindend.

Vor allem ist Tibets Klima ausgesprochen kontinental, im ganzen von großer Trockenheit und ungemein starken Extremen der Witterung. Den ausgeprägt binnenländischen Zug bewirkt nicht nur die Lage inmitten allseitig herumgelagerter breiter Landflächen, sondern auch der Umstand, daß hohe Randgebirge noch mehr die vom Ozean herandringenden Luftströme abfangen.

An dem großen, befruchtenden Wechsel des indischen Nordost- und Südwest-Monsuns nimmt Tibet fast garnicht teil; die ungeheuren, warmen Regen tragenden Wolkenmassen, die der Sommer-Monsun vom indischen Meere nordwärts führt, branden wie die Wogen einer zweiten, höheren Meeresfläche gegen den Wall des Himalaya, lecken, einer in Fjorde eindringenden Flutwelle ähnlich, die Täler der Vorketten hinauf, erreichen aber die Oberfläche des tibetischen Hochlandes meist garnicht mehr, oder doch nur in ganz abgeschwächter Form.

Selbst das noch südlich der Hauptkette gelegene Tschumbi-Tal ist durch die Bergmauerzwischen ihm und Sikkim bereits derart geschützt, daß englischerseits vorgeschlagen wird, die offizielle Gesundheitsstation Bengalens, die heute das überaus regenreiche Dardschiling ist, künftig dorthin verlegen, wo die schweren, indischen Sommerregen ganz fehlen.

Immerhin gelangen, namentlich über die Breschen des östlichen Himalaya, die niedriger sind, als weiter im Westen, noch belebende Luftströme des Südens, sodaß die dahinter liegenden Teile des Sangpo-Tales auch dadurch, wie durch ihre geringere Höhenlage, vor den weiter nördlich gelegenen Gegenden bevorzugt sind.

Die östlichen Gebiete des tibetischen Hochlandes werden von dem anderen Monsun-Wechsel, dem ostasiatischen, dagegen stärker in Mitleidenschaft gezogen. Durch die tiefen Rinnen der sinischen Ketten dringt der feuchte Südost-Monsun tief ins Innere aufwärts; bis zum Quellgebiet des Hwangho soll seine Macht zu spüren sein, und im Westen endet sie erst an jener großen, im Südosten das Tengrinoor vorüberstreichenden Schwelle, die das Hochland Tschangtang begrenzt.

Im allgemeinen ist Tibet aber ein Gebiet außerordentlicher Lufttrockenheit. Die Reisenden spüren das an dem Zerspringen ihrer Haut, dem Brechen der Fingernägel. Die Eingeborenen schützen sich oft dagegen durch dickes Einsalben der Gesichter mit einer dunklen Farbe; auch umwickeln sie die Holzpfeiler ihrer Gebäude, um sie vor dem Zerspringen zu schützen. Das massenhafte Eingehen der Karawanentiere auf den langen Höhenwanderungen soll mit darauf zurückgehen, daß die Tiere geradezu nach und nach vertrocknen. Eine Folge dieser Lufttrockenheit ist auch die außergewöhnlich hohe Lage der Schneegrenze; weniger durch Schmelzen als durch Verdunsten wird der fallende Schnee im Jahreslaufe fortgeleckt. Auf den Darstellungen der höchsten Gebirgsübergänge des Inneren bei den neueren Tibetreisenden, z. B. bei Bonvalot oder Sven Hedin, also in Höhen von gegen 6000 m über den Meeresspiegel, sieht man nur vereinzelte Schneeflecke auf den Gehängen.

Trotzdem fehlt es zeitweilig nicht an schweren Schneetreiben und Regenfällen, die bei der stürmischen Heftigkeit, mit der sich hier alle Erscheinungen vollziehen, die Unwirtlichkeit des Klimas nur noch erhöhen. Sven Hedins letzte Reiseschilderung ist voll von diesen Beschwerden. In den Nächten pflegt zwar durch die lebhafte Austrahlung eine starke Kälte, auch in den Sommernfonaten, zu entstehen; sie sind aber zum Glück meist still; da überall gleichmäßige Kälte herrscht, so zieht kein besonderer Aufsaugungsherd atmosphärische Ströme an sich. Wenn jedoch die Sonne aufgegangen ist und die Plateaus ungleichmäßig erwärmt, so jagen schreckliche, im Winter eisige Böen über die Oberfläche dahin, den Staub in Wirbeln emporfegend oder plötzliche Wolkenbänke zusammenballend, die dann mit wütenden Schnee- oder Regenstürzen den Boden peitschen. Alle Reisenden sprechen mit Schrecken von diesen Stürmen; Bonvalot sagt einmal, er hätte glauben können, in der Gegend zu sein, wo noch das Chaos herrschte und die Elemente ungebändigt durcheinander tobten. In einigen Gegenden übergießen die Ackerbauer ihre Ländereien bei Eintritt des Winters mit Wasser, das dann gefriert und so den lockeren Boden davor schützt, von diesen Stürmen weg^etragen zu werden. Die Goldschürfer schützen sich gegen die Gewalt des Windes durch Ausheben von tiefen Gruben, in denen sie ihre Zelte aufschlagen.

Zu den atmosphärischen Revolutionen gesellen sich für den Reisenden die Leiden einer furchtbaren Kälte. Im Winter hat Tibet ganz die Natur eines polaren Landes, alle Flüsse und Seen sind mit Eis bedeckt ; die Kleidung der Eingeborenen ist mit allen möglichen Erfindungen zum Schutz gegen die Kälte ausgestattet, die langhaarigen Yakochsen, an deren Pelz sich das Wasser des Regens oder der durchfurteten Bäche festsetzt und gefriert, starren oft von Eis und gehen breitbeinig und schwerfällig einher, um die unförmlichen anhaftenden Massen schleppen zu können.

Endlich treten dazu die Beschwerden, die in den höher gelegenen Teilen des Landes aus der Luftverdünnung entspringen. Die Wirkung dieses Umstandes ist ähnlich wie bei der Seekrankheit nicht bei allen Beobachtern die gleiche, sie tritt für die einzelnen in verschiedenen Höhenlagen auf und äußert sich verschieden. Auch die Tiere leiden daran. Von den menschlichen Mitgliedern einer Karawane diejenigen weniger, die reiten, als Fußgänger oder vollends Träger. „Alle die Leute, die Lasten trugen,“ erzählt Waddell von einer Wanderung zum Donkia-Paß zwischem Sikkim und Tibet, aus Höhen um 15000 Fuß, „und die meisten von diesen waren abgehärtete Tibeter, wurden mehr oder weniger ernsthaft ergriffen. Alle hatten wir Kopfschmerzen, als ob der Schädel zerspalten würde, Übelkeit, Herzklopfen und blutunterlaufene Augen und wir mußten häufig am Wege rasten, infolge von Atemnot und der Empfindung, die Hooker treffend als ein Gefühl beschreibt, wie wenn man ein Pfund Blei an jeder Kniescheibe, zwei Pfund in der Magenhöhle und einen Reif von Eisen um den Kopf hätte. Ich kann nicht erklären, warum wir alle soviel mehr durch die Luftverdünnung an diesem Platze litten, als bei der viel höheren Erhebung am Tangkar (16 500). Als wir mühsam weiter wanderten, bluteten viele unserer Leute massenhaft aus der Nase.“

Im einzelnen sei über das Klima Tibets noch folgendes wiedergegeben.

In dem hohen Westen des Landes friert es von Oktober Spuren, bis April, und alle Seen oberhalb von 2400 m sind währenddem mit Eis bedeckt. Von 4500 m ab bleibt das Thermometer während des ganzen Jahres unter Null, in den noch höheren Regionen herrscht dauernder Winter. Exakte längere Beobachtungen im tibetischen Gnari Khorsum fehlen; die Mitteltemperatur von Leh (3520 m) in Ladak aber ist durch mehrjährige Beobachtungen auf + 4,4° festgestellt worden, mit Differenzen von —7,8° und + 16,2° als Mitteltemperatur des Januar und Juli. In Lhassa (3630 m), beobachteten die Pandits die mittlere Temperatur des Februar und März zu + 2,2°, die des Juni und Juli zu + 16,1°. Im allgemeinen gilt das Wetter des südlichen Tibet für sehr milde und erfrischend im Frühjahr und Sommer, dagegen ziemlich kalt und streng im Winter.

Fürchterlich ist das Klima im Bereiche der Hochebene Tschangtang. Prschewalski berichtet noch aus dem Mai von häufigen Schneestürmen und beobachtete Nachttemperaturen bis zu —23°, im Winter bis zu —35°; Bonvalot gefror mehrfach das Quecksilber in der Röhre. Aber auch noch im Juni und Juli sind Temperaturen von —5° beobachtet worden. Ostwestliche Winde scheinen vorzuherrschen.

In Osttibet hat Rockhill an der chinesisch – tibetischen Grenze im April und Mai in Höhen von 3000 — 4500 m Temperaturen zwischen 6° und + 15° gefunden. Im südöstlichen Winkel des Landes, aus Yerkalo (2670 m), besitzen wir achtjährige Beobachtungen der französischen Mission, wonach die mittlere Maximaltemperatur des Sommers + 25° die des Winters —2° war.

Interessant sind die Erfahrungen der gegenwärtigen Er,ahd™ngen englischen Tibet-Expedition, die es gewagt hat, die Über- gcegneÄniShenen schreitung der Pässe gerade im Winter zu vollziehen. Sie Expcd,t,on-fand die niedrigste Temperatur — wie zu erwarten — auf dem wasserscheidenden Tangla-Passe (15700‘) mit — 32°C In Thuna unterhalb des Passes auf der Tibetseite sank das Thermometer jede Nacht bis auf —25°, und auch in dem noch im Tschumbi-Tal gelegenen Phari wurden mehrfach —25° beobachtet. Während der Monate Januar und Februar fällt in jener Gegend bei einer Höhenlage von 4500 m die Temperatur wahrscheinlich in jeder Nacht auf — 23°. Selbstverständlich kamen auch zahlreiche Fälle von Bergkrankheit vor. Ganz gewöhnlich zeigten sich Verdauungsstörungen infolge des Genusses von ungenügend gekochten Speisen.

Diese weitere merkwürdige Folge der großen Höhenlage, das Nichtgarwerden der Speisen, wird schon von dem alten Marco Polo bei seinem Übergang über das Pamir-Hochland das „Dach der Welt“ beobachtet, natürlich ohne daß er den Grund erkennt. Er liegt bekanntlich darin, daß infolge des geringen Luftdrucks das Wasser bereits bei zu niedrigen Temperaturgraden siedet. In einer Meereshöhe von 4500 m kocht das Wasser schon bei 83°, infolgedessen können die Speisen nicht vollständig gar werden. So ist es beispielsweise fast unmöglich, den Reis richtig zu kochen. Auch mit den gewöhnlichen roten Linsen, einem berühmten indischen Nahrungsmittel, wurden unliebsame Erfahrungen gemacht, weil nur eine von fünf Sorten in Höhen von mehr als 3000 Metern gar gekocht werden konnte1.

Die Pflanzenwelt.

Der größte Teil des Landes, vom Südosten abgesehen, liegt oberhalb der Grenze des Baumwuchses. Nur in den tieferen windgeschützten Tälern findet man daher Wäldchen von Pappeln und Weiden und Bestände von verschiedenen Obstbäumen. Lhassa, in der Höhe von 3630 m, ist ganz eingebettet in das dichte Grün freundlicher Heine; ja den Gärtnern des Klosters Mandali im nördlichen Gnari Khorsum ist es sogar gelungen, noch in der Höhe von 4000 m schöne Pappeln um das Kloster zu züchten. Sonst besteht die Pflanzendecke auf den Plateaus oberhalb von 4000 m fast lediglich in Steppen aus dürren Gramineen-Arten (Kobresia Tibetical Stellenweise ist auch die Krautvegetation reich, bis zu 5000 m Meereshöhe hinauf. Im Bereich der großen Salzseen im südlichen Teil von Tschangtang finden sich ganze Steppenbecken mit einem feinen grünen Rasen überzogen. Im allgemeinen ist aber im Hochland Tschangtang der tonige, sandige und kiesige Boden von furchtbarer Öde. Nur in einzelnen Büscheln wachsen hier und dort einige Gräser oder gelblich-grane Flechten. Die mittlere Höhengrenze des Graswuchses ist in Tibet bei 5000m. Einzig in den trocknen Betten der intermittierenden Steppenbäche, an Quellen und Sümpfen finden sich Orte etwas reicherer Vegetation, die trotz ihrer Dürftigkeit im Verhältnis zu der entsetzlichen Armut der Umgebung wie Oasen anmuten.

Aber auch das bewohnte Bodyul ist vorwiegend ein Steppenland; Holz ist eine Kostbarkeit darin.

Das südöstliche feuchtere Tibet dagegen hat einen ganz anderen Charakter. Die Gehänge der tiefen Talfurchen im Bereich des südöstlichen Monsuns sind mit ungeheuren dichten und düsteren Urwäldern bedeckt, welche die Einsamkeit und Unwegsamkeit dieser unerforschten Länder noch erhöhen.

In Kukunoorien haben die höheren Teile des Westens einen wüstenähnlichen Charakter ähnlich w’ie die Hochflächen Tschangtangs. Die tiefer eingesenkten Becken sind Steppen. Das Tsaidam mit seiner verhältnismäßig geringen Meereshöhe, wird von ungeheuren Schilfsümpfen bedeckt, deren höhere Ränder am Fuße der Berge oasenartige Strecken von Baumwuchs zeigen. Gegen Nordosten, insbesondere im nordöstlichsten Randgebirge, dem Nanschan, begegnen wir auch größeren Wäldern.

Tibet ist dasjenige Land der Erde, wo der Ackerbau die größten Meereshöhen erklimmt. Und zwar ist es die widerstandsfähige Gerste, die dem Menschen am höchsten hinauf folgt. Der Pandit Nain Singh hat in der Seengegend des südlichen Tschangtang Gerstenfelder noch in der Höhe von 4640 m gefunden (Monte Rosa = 4638). Im allgemeinen lohnt der Anbau allerdings nur bis 4400 m.

Im Sangpo-Bassin beginnt der Bodenbau östlich von Ralung (84″ 20 ö. L.). Hier sieht man Apfel-, Pfirsich-, Aprikosen- und Pflaumenbäume. Von Schigatse bis Lhassa findet man überall Fruchtbäume. Bei Lhassa wird im April gesät und im September geerntet. Außer der Gerste baut man noch Hafer und Weizen, doch in geringer Menge. Ferner Erbsen, Radieschen, Knoblauch. Weiter im Osten auch Kartoffeln, Mais, Hirse, Buchweizen und Senf. Eine Charakterpflanze vieler Gegenden Tibets ist der Rhabarber, der in großer Menge wild wächst.

In den Tälern hinter dem Himalaya, wo die Hauptmenge des tibetischen Volkes sitzt, z. B. bei Gyangtse, machen die Böden der Talflächen zur Sommerszeit oft den Eindruck grüner Seen von Vegetation, die scharf von den kahlen Gehängen absticht.

Trotzdem ist der Getreidezuwachs nicht so entwicklungsfähig, daß der Ackerbau die Haupternährung des Volkes bilden kann; wichtiger bleiben wohl noch immer die für die Viehzucht geeigneten großen natürlichen Weideflächen, über die in den bevölkerten Gegenden das Eigentumsrecht sorgfältig abgegrenzt ist.

Tierreich.

So arm Tibets Flora erscheint, so reich ist die Tierwelt des Landes, wenigstens diejenige der Säugetiere. Insbesondere in den menschenleeren Einöden des höheren Tibet trifft der Reisende ganz erstaunliche Mengen von Hochwild an ; ungeheure Herden von Yaks, Wildpferden, Halbeseln, Eseln, verschiedenen Wildschafen, zahlreichen Antilopenarten. Dazu Hirsche, Steinböcke, Ziegen, Murmeltiere und Pfeifhasen,

Füchse, Schakale, wilde Hunde, seltsam gefleckte cremefarbene Bären und weiße, wollhaarige Wölfe. Auch weiße Bären soll es geben. Das bekannteste und geschätzteste Jagdtier, das eigentliche Charaktertier Tibets, ist der Yak, eine schwarze, 5—6 Fuß hohe Rinderart mit ungeheurem Haarpelz und weißem, pferdeschweifartigem Schwänze, der als Jagdbeute besonders wertvoll ist und einen bedeutenden Ausfuhrartikel des Landes bildet. Man hat Yaks bis in Höhen von fast 6000 m beobachtet. Ein anderes bekanntes tibetisches Säugetier ist der Moschushirsch, der Erzeuger des zeitweilig so hochgeschätzten Parfüms.

Auffallend spärlich dagegen sind die Vögel. Man findet den Kuckuck noch in 3300 m, eine Lerche andrer Arten in 4500 m. Auf den Plateau von Tschangtang gibt es keine Singvögel mehr; nur Adler und Geier kreisen dort noch über den Einöden und große dunkle Raben. Zahlreicher ist die Vogelwelt im waldreichen Osten, insbesondere Fasanen trifft man hier viel.

Während in den Alpen die äußerste Höhengrenze der Fische ungefähr bei 2100 m liegt, kommen sie in Tibet in mehr als doppelten Höhen vor. Nain Singh fand solche in der Gegend des Tengrinoor, im See Mansaraur (4660 m) gibt es Forellen.

Ja Prschewalski konstatierte in den warmen Quellen am Südhange des Tanglagebirges in 4750 m Höhe noch mehrere Arten von Fischen. In den salzig gewordenen, abflußlosen Seen haben sich die Fische der veränderten Lebensweise angepaßt.

Unter den Haustieren der Tibeter ist am bekanntesten Die Haustiere, der zahme Yak; eine Abart des wilden Yaks, die mit dem indischen Zebu gekreuzt wird. Während der wilde Yak immer schwarz ist, nimmt der Hausyak mit kleinerer Gestalt auch verschiedene Farben an. Er dient dem Tibeter zu den verschiedensten Zwecken. Sein langes Außenhaar wird zu Filzen verarbeitet, darunter liegt eine sehr feine Wolle, das Fell wird gegerbt, selbst die Hörner finden mannigfache Verwendung, letztere sogar als Baumaterial (s. das Kapitel Lhassa), sein „Argol“, der getrocknete Dung, ist der wichtigste Brennstoff in dem holzarmen Lande; vor allem aber dient der Yak infolge seines sicheren Tritts als Reit- und Lasttier. Nur in den höchsten Gegenden des Landes versagt er; seine Widerstandsfähigkeit gegen die Kälte und die Rauheiten steiniger Wege ist geringer als die des Schafes, das hier für ihn eintritt und — was sonst auf der Erde unbekannt ist — als Tragtier verwendet wird. Jedes Schaf trägt etwa 8—12 kg, und die Tiere erweisen sich als ungemein zähe. Nain Singh hat auf seiner denkwürdigen Reise von Rudok zum Tengrinoor solche Tragschafe über eine Strecke von mehr als 1600 km mitgeführt. Auch Esel und Maulesel werden ähnlich gebraucht. Zum Reiten benutzt der Tibeter endlich auch eine haarige Ponyart von großer Ausdauer. Mit dieser ist die tibetische Kavallerie beritten, und sie führt darauf sehr geschickte Evolutionen aus, wie Sven Hedin so lebendig in seinem letzten Buche schildert und abbildet.

Am wichtigsten für Nahrung und Kleidung des Tibeters ist das Schaf. Sven Hedin braucht den Ausdruck, daß das ganze tibetische Volk eigentlich vorzugsweise von der Schafzucht lebe.14) Daneben spielt die tibetische Ziege (Kaschmirziege) eine bedeutende Rolle, deren feine Wolle zur Herstellung der kostbaren Schals dient. Außerdem gibt es Schweine, und verschiedene andere Hausrinderarten, besonders im östlichen Tibet. Im Norden züchtet man auch Kamele. Auch Hauskatzen kennt man. Dagegen ist das Huhn, das sonst neben dem Hunde des Menschen häufigster Begleiter ist, nicht in allen bewohnten Teilen des Landes eingeführt.

Eine besondere Rasse vertritt der schöne, dunkle, große, schon von Marco Polo beschriebene langhaarige Tibethund, den wir neuerdings auch in unseren zoologischen Gärten finden, und den die Tibeter als Wacht- oder Schäferhund verwerten.

Mineralschätze.

Von ganz besonderer Bedeutung für die Zukunft des Landes scheinen seine Mineralschätze zu sein.

An den Rändern der abflußlosen Seen Innertibets wird Salz gewonnen, das bis nach China geht. Wichtiger noch ist der ebenfalls an diesen Seen gewonnene Borax. Besonders ist es der in gewaltiger Meereshöhe und Steppeneinsamkeit gelegene Bultso im Nordosten des Tengrinoors, von dessen Ufern die Pilger ihn aufsammeln; er geht denn seit alter Zeit über den Himalaya nach Indien und Europa. Auch Silber, Kupfer, Schwefel, Quecksilber und Eisen sowie zahlreiche Halbedelsteine werden gewonnen. Im westlichsten Kwenlun, an den Ufern des Karakasch-Flusses, finden sich die uralten Fundorte des Jade oder Nephrit, des berühmten und so außerordentlich geschätzten Yü-Steins der Chinesen.

Liegen diese Minen zwar bereits auf chinesischem Gebiet, so scheint es doch, als ob auch weiter im Osten im eigentlichen Tibet dies kostbare Gestein vorkommt.

Weitaus am wichtigsten aber ist die Tatsache, daß seit uralter Zeit in Tibet Gold gefunden wird. Wir erwähnten bereits, daß mit dem Ruf dieser Goldschätze zugleich die erste sagenumhüllte Kunde über das tibetische Hochland überhaupt in das Abendland gedrungen ist.  Heut sind durch die Bemühungen der englisch-indischen Pandits die wichtigsten Goldfundstätten des inneren Tibet bekannt geworden. Sie ziehen sich in einer Schnur von Rudok im Norden des Indus quer über das einsamste Hochland bis in die Gegend des Tengrinoor. Nach den Schilderungen unserer Gewährsmänner werden sie, augenscheinlich seit uralter Zeit, in sehr primitiver Weise ausgebeutet.

Es ist gegen eine jährliche Abgabe von zwei Drittel Unzen Gold einem jeden erlaubt, auf eigene Rechnung zu graben, doch beaufsichtigen die Behörden in Lhassa die Produktion sehr sorgfältig. Bei Thok-dscha-lung, den nördlich von der Indus-Quelle in der ungeheueren Höhe von 5000 Metern gelegenen, gegenwärtig ertragreichsten Goldfeldern fand der Pandit von 1867 und 68, daß in einer grabenartigen Vertiefung im Erdboden von 100 bis 200 Schritt Breite und einer englischen Meile Länge gearbeitet wurde, in die man vermittelst Stufen etwa 25 Fuß tief hinabstieg. Noch größer und tiefer war die Grube, auf dem Goldfelde von Thok-sarlung. Ein weiteres viel besuchtes Goldfeld ist Thok-daurakpa, weiter gegen Lhassa hin. Die kleinen dunklen Filzzelte der Goldgräber standen zum Schutz gegen den schneidenden Wind, der über die kahlen Hochebenen fegt, jedes in einer eigenen kleinen Vertiefung, die siehen bis acht Fuß unter die Oberfläche hinabreichte. Etwa dreihundert solcher Zelte waren zur Sommerszeit dort zu zählen. Eigentümlicher Weise soll im Winter die Menge etwa doppelt so groß sein; trotz der außerordentlichen Steigerung der Beschwerden sollen die Goldgräber doch die Zeit des dauernden Frostes vorziehen, weil dabei die Erdwände der ausgehobenen Gruben besser stehen bleiben. Sie sind dann in dicke grobe Pelze gehüllt, in denen sie im Verein mit ihren großen dunklen, gefährlich wilden Hunden, die sie bei sich haben, noch heute jenen phantastischen Eindruck machen, der einst die Sage von den goldgrabenden Ameisen hervorgerufen hat.

Die ,funde sind oft beträchtlich; der Pandit sah einen Goldklumpen von zwei Pfund Gewicht. Der Preis ist aber sehr billig, nur 30 Rupien für die Unze an Ort und Stelle. So ist auch der Gesamtertrag dieser Minen bis heute noch gering; man schätzt ihn auf wenig mehr als 150000 Mark im Jahr. All dies Gold nimmt seinen Weg über Gartok nach Indien.

Aber auch anderwärts scheint der Boden Tibets reich an Gold zu sein. Ebenfalls seit alter Zeit ersteigen auch die Bewohner des Tarim-Beckens zeitweilig die Randwälle des nördlichen Tibet, um in noch urtümlicherer Weise in jenen menschenleeren Einöden nach Gold zu suchen. Der Russe Bogdanowitsch hat verschiedene dieser Goldfundstätten besucht. Die goldführenden Schichten, Verwitterungsprodukte der sehr alten Gesteine, sind sehr mächtig, oft mehr als 60 bis 80 Meter und der Gehalt an Gold kann auf zehn Gramm für das Kubikmeter geschätzt werden.

Daß endlich auch Osttibet Gold besitzt, geht schon aus dem Namen hervor, den der Yangtsekiang in seinem Oberlaufe innerhalb dieser Gegenden führt. Die Chinesen nennen ihn Kin-scha-kiang, d. h. Goldsandfluß.

Nicht diese Indizien allein, es sprechen auch sonst Anzeichen für die Wahrscheinlichkeit, daß Tibet ein Goldland ersten Ranges werden kann. F. von Richthofen hat unlängst ausgeführt17), daß die großen Goldfundstätten der Erde immer Gegenden gewesen sind, wo langdauemde Verwitterungsprozesse das in den Gesteinen feinverteilte Material loslösen und allmählich an einzelnen Orten ungestört anreichern konnten. Ungestört vor allem durch den Menschen, der, wenn er sich einmal mit Energie auf ein solches Goldfeld stürtzt, in wenigen Jahren oder Jahrzehnten den durch ungezählte Jahrtausende aufgespeicherten Schatz der Natur zu erschöpfen pflegt. Die großen Goldgebiete der Neuzeit, wie Kalifornien, Australien, Südafrika, Alaska, waren immer neu erschlossene Gegenden. Für Tibet trifft nun die Bedingung einer sehr langdauernden Verwitterung der Gebirge ebenso zu wie die bisherige weitgehende Abschließung. Ein Faktor zur Anreicherung des Goldes an bestimmten Stellen, die Arbeit anschwemmender und seihender Flüsse, fehlt zwar in vielen Gegenden, allein vielleicht hat in diesen der Wind eine ähnliche Rolle spielen können.

Es ist kein Zweifel, daß der vermutete Goldreichtum Tibets bei dem neueren Wettstreit zwischen Rußland und England eine bedeutende Rolle spielt. Bewahrheitet er sich, dann wird der Besitz des vorwaltenden Einflusses in diesem Lande angesichts des sich immer mehr steigernden Goldbedürfnisses der Welt von unberechenbarer Wichtigkeit werden.

Text aus dem Buch: Tibet und die englische Expedition (1904), Author: Wegener, Georg.

Die einzelnen Buchkapitel:
Tibet und die englische Expedition – Einleitung
Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches
Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet
Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft
Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse
Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter
Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel
Tibet und die englische Expedition – Lhassa
Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart
Tibet und die englische Expedition – Tibet und England
Tibet und die englische Expedition – Nachwort

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