Tibet und die englische Expedition – Lhassa


Außer der Fülle von Nachrichten der im Eingang genannten älteren europäischen und asiatischen Forschungsreisenden, die nach Lhassa hineingelangten, besitzen wir auch eine bemerkenswerte chinesische Literatur über diese Stadt. Insbesondere vereinigt das von Klaproth kritisch bearbeitete geographische Handbuch über Tibet, Wei-tsang-thou-tschi, eine sehr ausführliche und farbenreiche Beschreibung Lhassas, zum Teil mit Einzelheiten über das Innere von Tempeln und Palästen die den übrigen Beobachtern unzugänglich bleiben mußten.

Aus all diesen Notizen können wir uns ein so vollständiges Bild der verbotenen Stadt machen, daß wir Sven Hedin Recht geben müssen, wenn er in seinem letzten Buche Lhassa, obwohl kein heut lebender Weißer es gesehen, für eine der am besten bekannten Städte des innern Asien erklärt.

Die Stadt liegt, in Gärten und Wäldchen bebettet, am Kitschu, einem linken Nebenflüsse des Sang-po, etwa 60 km vor seiner Mündung in diesen, aber nach den Messungen der Pundits in einer Meereshöhe von 3630 m. Daß trotz dieser gewaltigen Erhebung hier die Entwickelung eines so bedeutenden Kulturzentrums möglich war, liegt an der Bildung des breiten Talkessels, der nur nach Südwesten offen ist und der Sonnenwärme ungehinderten Zugang gewährt, während sonst hohe Berge ihn vor den eisigen Winden der umliegenden Hochflächen schützen.

Die sagenhafte Vorgeschichte der Stadt geht auf die ersten Anfänge des Buddhismus in Tibet zurück. Der König Srongdsan Gampo (gestorben um 698 n. Chr.), der diese Lehre einführte, hat, so heißt es, bereits den ersten Bau auf dem „roten Hügel-, dem späteren heiligen Berge Potala, errichtet, an dessen Fuß sich dann die Stadt Lhassa bildete.

Der Name Lha-ssa, der „Gottesstätte“ bedeutet, soll aus einem ursprünglichen Ortsnamen Rasa, der etwas anderes heißt, umgewandelt sein, als in dieser Ortschaft der große Tempel gegründet wurde, der heute Mittelpunkt Lhassas ist35). Er wird von Odorico de Pordenone noch nicht genannt, die Stadt war aber schon damals ein Mittelpunkt religiöser Art. Nicht viel später wandert Tsong-kapa, der Reformator des Lamaismus, aus der Gegend von Kumbum unweit des Kukunor hierher um von hier aus seine gewaltige Wirksamkeit auszuüben. Erst mit der energischen Entwicklung der Idee aber, daß der Großlama von Lhassa die immer erneute Wiedergeburt des Heiligen Padmapani oder Avalokita sei (s. S. 65), wird Lhassa das unumschränkte Haupt Tibets und allgemach der berühmteste Wallfahrtsort ganz Mittel- und Ostasiens. Insbesondere seit der Mitte des 17. Jahrhunderts, wo der Großlama Nawang Lobsang den neuen Tempelpalast auf dem alten Königshügel bei Lhassa erbaut, ihn nach der mystischen indischen Heimatsstätte Avalokitas Potala benennt.

Im Anfang des 18. Jahrhunderts wird der Großlama genötigt, infolge von Unruhen seine Residenz zeitweilig nach Kumbum zu verlegen. Die Waffen des Kaisers Kanghsi von China führen ihn nach Lhassa zurück, aber der tibetische Priesterstaat ist seitdem ein Glied des chinesischen Reichs.

Der religiösen Verehrung des Großlama und seines Sitzes Lhassa hat dies Verhältnis aber keinen Abbruch getan; im Gegenteil, die chinesischen Kaiser scheinen diese Verehrung aus politischen Interessen gefördert und sogar ostentativ geteilt zu haben. Hat doch z. B. Kaiser Kien-lung in den Jahren 1767 bis 71 in seinen Jagdgefilden von Dschehol, nördlich von der großen Mauer, eine großartige und kostspielige Nachbildung des Klosterpalastes von Po-tala aufführen lassen.

Welch eine Rolle die Stadt in den Augen der Buddhisten Innerasiens spielt, ergibt sich für uns recht eindrucksvoll daraus, wenn wir die ungemein lebensvolle Schilderung verfolgen, die Pater Huc von seiner Wanderung mit der mongolischen Pilgerkarawane, der er sich angeschlossen, entwirft. Hier erleben wir die ganze Erregung mit, welche die Schar beseelt und sie befähigt, ihre unendlich mühselige Wanderung über die Hochsteppen und himmelragenden Bergpässe des nordöstlichen Tibet zu unternehmen; die täglich wachsende Spannung, mit der jeder einzelne dem Auftauchen der heiligen Stadt entgegensieht. Endlich trennt nur noch ein mäßig hoher, aber steiler Bergrücken sie von dem Anblick der geistigen Metropole der buddhistischen Welt. Schon dieser Berg ist heiliger Boden; wer das Glück erringt, seinen Scheitel zu erklimmen, dem winkt bereits Vergebung aller Sünden. Zu Fuß und mit tiefer Andacht wird der Aufstieg begonnen, bereits ein Uhr Nachts, um bis zum Abend des folgenden Tages nach Lhassa zu gelangen. Gegen Untergang der Sonne kommen sie dann auf Zickzackwegen wirklich am südlichen Bergfuße an; in ihren letzten Strahlen liegt die heilige Stätte vor ihnen. „Diese Fülle von hundertjährigen Bäumen“, schreibt Huc begeistert, „welche die Stadt wie mit einer Umwallung von Laub umgeben, diese großen weißen Häuser, in Plattformen endigend und von kleinen Türmchen überragt, diese zahlreichen Tempel mit vergoldeten Dächern, dieser Buddha-Ia, auf dem sich der Palast des Dalailama erhebt alles das gibt Lhassa einen majestätischen und bedeutenden Eindruck“.

Ganz in derselben Weise, wie hier geschildert, nur oft noch unter größeren Beschwerden kommen die Pilgerzüge aus Nepal und Bhutan, aus Ladak und dem Tarim-Becken, aus der Mongolei, China und Hinterindien, ja aus Sibirien und vom europäischen Rußland; alle die Herzen voll zitternder Erregung, alle schon beseligt durch die um des Glaubens willen erlittenen Mühseligkeiten, alle in der brünstigen Erwartung des Heils, das ihnen der Segen des großen Priesterkönigs bringen soll. Als ßonvalot und Prinz Heinrich von Orleans 1890 die entsetzlichen Wüsten der nordwestlichen höchsten und unwirtlichsten Teile Tibets durchquerten, folgten sie der zufällig gefundenen Spur einer Pilgerstraße der Kalmücken, die von diesen als Geheimnis gehütet wird. Nirgends tritt einem die Macht der religiösen Exaltation eindrucksvoller entgegen, als wenn man sich vorstellt, wie diese armseligen Leute über die Hochpässe des Tienschan-Gebirges, durch das Sandmeer der Takla-Makan und endlich über diese entsetzlichen Hochebenen von Tschangtang hin und zurück pilgern, nur um den Fuß in die heilige Stadt gesetzt und das Haupt vor dem Dalailama gebeugt zu haben. — Hedin teilt in seinem letzten Buche die Geschichte jenes Lama aus Urga mit, der um irgend eines Vergehens willen das Recht verwirkt hat, Lhassa zu betreten. Um die Verzeihung des Dalailama zu erringen, legt er den mehrere tausend Kilometer langen Weg von seinem Wohnort bis nach Lhassa in Gebetsstellung zurück, d. h. er wirft sich nieder auf die Knie und Hände, zieht dann die ersteren nach, sodaß sie in die Spuren der Hände kommen, und wirft sich von neuem nieder. Sechs Jahre braucht er zu der schrecklichen Reise, und eine Stunde vor dem Tor der heiligen Stadt erreicht ihn die Nachricht, daß er, ohne Verzeihung zu erlangen, umkehren müsse.

Er tut dies und — wiederholt die gleiche Wanderung noch zweimal!

Das prächtige Bild Lhassas von weitem schildert einer der neuesten Besucher, der Pandit Sarat Tschandra Das, mit ganz ähnlichen Worten wie huc. Er kommt von Indien, den Kitschu aufwärts, und berichtet:

„Die ganze Stadt lag ausgebreitet vor uns am Ende einer Allee von knorrigen Bäume, die Strahlen der untergehenden Sonne fielen auf ihre vergoldeten Dome. Es war ein stolzer Anblick, wie ich ähnlich nie etwas gesehen. Zu unserer Linken war Potala mit seinen erhabenen Gebäuden und vergoldeten Dächern; vor uns, umgeben von einem grünen Rasenplan, lag die Stadt mit ihren turmähnlichen, weißgetünchten Häusern und chinesischen Gebäuden mit Dächern von blauen, glasierten Ziegeln. Lange Girlanden von beschriebenen und bemalten Lappen hingen von Haus zu Haus und wehten im Winde“.

Wir besitzen seit zwei Jahrzehnten sogar einen von dem Pundit Krischna während eines einjährigen Aufenthalts heimlich mit dem Maß seines Rosenkranzes aufgenommenen Plan von Lhassa, der allerdings bisher nur in einer sehr kleinen Wiedergabe als Karton auf der Karte seiner Reiserouten in Tibet in Petermanns Mitteilungen (Jahrgang 1885, Tafel t) veröffentlicht worden ist. Außerdem hat soeben Waddell im Oeographical Journal (März 1904) einen solchen publiziert, den er aus den Angaben von mehr als hundert von ihm befragter eingeborener Besucher Lhassas konstruiert hat. Welche Vorzüge ein auf diese Weise gewonnener Plan gegenüber dem von dem wohlgeübten Krischna an Ort und Stelle aufgenommenen beanspruchen darf, geht aus dem kurzen Geleitwort Waddells nicht hervor. Er stimmt in den wesentlichen Zügen mit dem alten Plan überein, den wir mit Erlaubnis der Geogr. Anstalt von Justus Perthes in Gotha hier beifügen, verallgemeinert aber viele Einzelheiten.

Nach Plan und Schilderungen liegt das Weichbild Lhassas ein wenig nördlich von den Ufern des Kitschu.

Seine lange, ostwestliche Achse beträgt etwa 3, die kurze, nordsüdliche, etwa 1 1/2km. Innerhalb dieses Ovals liegt die Hauptmasse der Häuser im östlichen Teil, geschart um den großen Tempel Dschovokhang, die uralte Hauptkathedrale  von Tibet, die man ebenso als die St. Peterskirche des Lamaismus bezeichnet, wie den Potala als seinen Vatikan. Dieser kolossalste Tempel Tibets gilt zugleich als der älteste des Landes; seine Gründung wird wie die des Potala auf Srong-dsan Gampo zurückgeführt. Der gegenwärtige Zustand stammt wohl im wesentlichen aus dem 17. Jahrhundert, wo wir von einem Neubau hören. Das Hauptgebäude ist drei Stockwerk hoch und mit angeblich solid goldenen Platten gedeckt. Seine Außenwände sind mit primitiven Malereien aus der Lebensgeschichte Srongdsan Gampos bemalt. Eine Halle, von sechs Säulen getragen und reich mit Malereien, Skulpturen und Vergoldungen geziert, führt in das Innere.

Durch eine mit Bronze und eisernen Reliefs dekorierte Tür gelangt man zunächst in einen Umgang, den das Dach des unteren Stockwerks deckt. Eine zweite Tür, von Kolossalstatuen flankiert, leitet dann in eine große, basilikaartige Säulenhalle, die von oben durch transparente Ölstoffe hindurch erleuchtet wird; Seitenfenster gibt es nicht. Im Hintergründe führt endlich eine Treppe in das mit kostbaren Schätzen ausgestattete Allerheiligste, in dessen Rückwand die große Nische mit dem berühmten Bildnis Ssakjamunis sich befindet. Davor sieht man die reichdekorierten Thronsessel des Dalailama und anderer hoher Würdenträger der Hierarchie. Das unermeßlich heilige Buddhastandbild ist von gigantischer Größe, reich vergoldet und mit einer Krone aus Gold und Juwelen geschmückt. Es stellt den Stifter der Religion als jungen 16jährigen Priester dar und ist der Tradition nach ein Geschenk des Kaisers von China an Srongdsan Gampo, seinen Schwiegersohn, soll also aus dem 7. Jahrhundert stammen.

Der ganze Tempel ist mit einem Wall umgeben, und kein Weib darf während der Nacht in seinem Umkreis weilen. Rings herum läuft eine 4 m breite Gürtelstraße, der „innere Umgang“ genannt; auf ihr umschreiten die Prozessionen der Wallfahrer das Heiligtum, und zugleich ist die Hauptgeschäftsstraße der Stadt, eingefaßt mit Läden und von Straßenhändlern erfüllt. Hieran schließt sich die Hauptmasse der Stadt in dichtgedrängten Gassen umgeben von einer zweiter Gürtelstraße, 40 m breit den „mittleren Umgang“, jenseits dessen die Häuser und Karawansereien nur noch vereinzelt liegen. Diese endlich sind umschlossen von dem „äußeren Umgang“, der als großes Oval das umgibt, was man als das eigentliche Weichbild von Lhassa ansieht, auch den Potala einbegriffen. Die Quartiere der chinesischen Besatzung liegen außerhalb derselben — eine diplomatische Maßregel, durch welche die Form gewahrt wird, daß die heilige Stadt selbst keine fremden Truppen birgt. Auf diesem äußeren Umgang führen die Pilgerzüge ihre religiösen Umgänge in der bereits geschilderten Gebetsform durch fortgesetztes Niederwerfen aus. Sie vollenden auf diese Weise einen Weg, der sonst in drei Stunden zurückzulegen ist, innerhalb vier Tagen. Die besonders zerknirschten Pilger bezeichnen jedes Niederwerfen am Wege mit einer Münze oder einem wertvollen Stein.

Die Anzahl der Einwohner Lhassas wird sehr verschieden angegeben: zwischen 10000 und 100000 schwanken die mir bekannten Schätzungen. Die Unsicherheiten stammen zum Teil daher, daß der eine Berichterstatter die Mönche in den Klöstern der Umgegend zurechnet, der andere nicht, und daß die nicht ansässige Bevölkerungsmasse infolge der Pilgerzüge und zeitweiligen Handelsmessen augenscheinlich sehr stark flutet. Der zuverlässige Nain Singh gibt rund 30000, einschließlich 18000 Mönche an. Der jüngste Beobachter, Tsibikow, schätzt ähnlich die weltliche Bewohnerschaft Lhassas auf 10 000, die Insassen der umliegenden Klöster Sera und Galdan auf 15—16000). Sonach wird 10—12000 wohl für die Stadt Lhassa ein ziemlich vertrauenswürdiges Maß sein.

Über das Aussehen der Stadt im Innern gehen die Ansichten auseinander. Einige Beobachter schildern sie als sauber und freundlich, nur die Vorstädte seien ärmlich und schmutzig; die Häuser seien groß und würden durchgängig alle Jahre frisch geweißt, so daß sie stets wie neuerbaut aussähen. Ein besonderes Viertel zeigt nach Hucs anschaulicher Schilderung Hauswände, die aus einem mit Mörtel ausgefüllten Gerüst von Rinder- und Schafhörnern hergestellt sind, und bei denen man diesen Hörnern beim Weißen die Naturfarbe läßt und so ein seltsam phantastisches Muster erzeugt. Nach anderen Beobachtern starren wenigstens die Nebenstraßen geradezu von einem unerhörten Schmutz, der selbst Chinesenstädte als sauber erscheinen läßt. Vermutlich werden die letzteren Angaben der Wahrheit näher kommen, denn das tibetische Volk erscheint zwar durch heiteren Sinn, Gastlichkeit und manche andere Tugend, aber nicht gerade durch die der Sauberkeit ausgezeichnet.

Darin jedoch stimmen alle Schilderungen überein, daß trotz der ungeheuren Heiligkeit des Ortes ein äußerst reges Leben in der Stadt herrscht. Man drängt sich, schreit und gestikuliert, kauft und verkauft und sucht von den immer die Stadt füllenden Fremden an Vorteilen zu ziehen, was nur möglich ist. Alljährlich im Dezember findet eine große Messe statt, zu der die Händler aus China, Sikkim, Nepal, Kaschmir, Ladak, der Mongolei und anderswoher zusammenströmen. Ein buntes Gemisch von Trachten, Gesichtern und Sprachen sammelt sich hier, und der mohammedanische Turkestaner, der brahminische Hindu bewegt sich ohne Zwang zwischen den buddhistischen Völkern des inneren und östlichen Asiens. Die Eingeborenen Lhassas selbst fertigen Wollstoffe, die beliebten hölzernen Eßschalen der Tibeter und vor allem die massenhaften Kultgegenstände, deren die Priester und Wallfahrer bedürfen. Wenn aber der Tag sich neigt und noch eben der Schattenriß des heiligen Berges Potala sich gegen den blauen Himmel sich abzeichnet, dann ruht jede Arbeit; die Einwohner versammeln sich auf den flachen Dächern ihrer Häuser, in den Straßen, auf den freien Plätzen und werfen sich dort zu Boden, um ihre heiligen Formeln zu sprechen. Ein einziges dumpfes Geräusch, das gemeinsame Gebet der Stadt, klingt gegen Potala hinaus.

Diese letzte Örtlichkeit, gewissermaßen wieder das Allerheiligste Lhassas und mit Mekkas Kaaba ohne Zweifel der verehrteste Ort Asiens, liegt im westlichen Teile des Weichbildes, etwa eine Viertelstunde im Westen der eigentlichen Wohnstadt. Der Name Potala oder Bodala wird in Europa gern mit einer naheliegenden Volksetymologie als „Buddha-la“ d. i. Buddhasitz erklärt, wie es Huc in der oben (S. 93) angeführten Stelle tut; aber nicht mit Recht. Nach Jaeschke schon deshalb nicht, weil die Bezeichnung Buddha für den Religionsstifter in Tibet überhaupt nicht gebräuchlich scheint; er heißt hier Sang-gye. Nach ihm stammt das Wort aus dem Sanskrit und bedeutet etwas wie Landungsplatz, Hafen44). Der Potala ist ein isolierter, etwa 100 m hoher Felsen, der sich aus einem flachen Wiesental wie eine Insel aus einem See erhebt. Er trägt auf seinem Rücken jene merkwürdige Ansammlung von Kloster-, Palast- und Tempelbauten, in welcher der Dalailama und sein Hofstaat wohnen und dessen Anlage auf die ältesten Zeiten des Buddhismus in Tibet zurückgeht. Der Hauptteil des Ganzen, der sogenannte Phodang Marpo oder Marpori, der „rote Palast“, soll noch von Srongdsan Gampo herstammen.

Es ist unter den Berichterstattern nur eine Stimme, daß die Anlage dieser umfangreichen Baulichkeiten zwar einen etwas bizarren, aber doch unleugbar großartigen Eindruck ausübt, wie er der Bedeutung der Stätte wohl entspricht. Bis vor kurzem hatten wir nur eine einzige, mehr als zwei Jahrhunderte alte Abbildung davon, den hier wiedergegebenen Kupferstich in Kirchers „China illustrata“, der auf eine Zeichnung des Pater Gruber zurückgeht und die Quelle zahlreicher Reproduktionen geworden ist, z. B. der sehr wirksamen in Reclus „Geographie universelle“ (Bd. VII, S. 91), obwohl es deutlich erkennbar ist, daß sie bei Kircher Unkundige bearbeitet haben. So ist rechts ein großer zweirädriger Wagen angebracht, den es in Tibet nicht gibt. Es muß aber eine gar nicht üble Skizze zugrunde gelegen haben, denn heute gestattet die Photographie eine Vergleichung. Am besten eignet sich dazu die von uns wiedergegebene des Kalmücken Norzunof (Abbildung 8), die den Potala von der gleichen Seite her darstellt und in den großen Zügen eine überraschende Übereinstimmung mit der Zeichnung Grubers auf-weist.4:*) Sie bekundet zugleich, daß viele Baulichkeiten und die Gesamtanlage seitdem nicht verändert worden sind. Der Mittelbau zeigt fünf chinesisch geformte, nach der Schilderung goldgedeckte Dächer, die bei Kircher fehlen. Vielleicht gehören sie dem prachtvollen Aufbau an, den Kanghsi nach der Einverleibung Tibets dort aufgeführt hat. Kastell- und Mauerbauten umgeben den von allen Seiten würdevoll, ähnlich einer antiken Akropolis aufsteigenden Fels.

Das Innere des Potala wird von den Pandits und dem Handbuch Wei-tsang-thou-tschi mannigfach geschildert. Viele tausend Lamas sollen ihre Wohnungen darin haben. Im Innenhof des großen Mittelbaus befindet sich eine vergoldete, mit kostbaren Steinen geschmückte Kolossalstatue von 22 m Höhe — ‚anscheinend die eines Heiligen, nicht Buddhas selbst — die durch mehrere Stockwerke hindurchreicht. Auf umlaufenden Galerien des Hofes müssen die Pilger erst ihre Füße, dann ihren Gürtel, endlich ihr Haupt umwandern. Ähnlich wie der Vatikan soll der Palast des Großlama 10000 Zimmer haben, die angefüllt sind mit unermeßlichen Kostbarkeiten und Kunstschätzen; Prachtsäle mit geschichtlichen Wandmalereien werden uns genannt usw. Es empfiehlt sich freilich wohl, diese Darstellungen mit einiger Kritik entgegenzunehmen — berichtet doch z. B. Sarat Tschandra Das, die Abwässcrung im „Phodang Marpo“ sei so ungenügend gewesen, daß die Gerüche stellenweis erstickend waren4’1). Trotzdem ist kein Zweifel möglich, daß von kulturhistorischem, völkerkundlichem, auch geographischem (vgl. S. 15) Gesichtspunkte aus hier in der Tat unermeßliche Schätze literarischer, künstlerischer und gewerblicher Art aufgespeichert sein müssen, von einem Wert für die Erkenntnis des gegenwärtigen und vergangenen Asien, wie er nicht größer gedacht werden kann. Scheint doch dieser Stapelplatz ununterbrochener Sammlung von Gaben der gläubigen Buddhisten Asiens viele Jahrhunderte lang von kriegerischen Zerstörungen verschont geblieben zu sein. Wird er jetzt erschlossen, so mag der Himmel geben, daß die geradezu unvergleichliche Gelegenheit für die Wissenschaft die rechten, gleichzeitig in Pietät und Verständnis der Stunde gewachsenen Beobachter findet. Unersetzliches würde verloren gehen, wenn das nicht der Fall wäre.47) Prächtige Anlagen, Gärten, mit Lustschlösser, künstlichen Seen und rauschenden Bächen sollen den Fuß des Berges umgeben. Zwei schöne Alleen mit großen Bäumen führen von der Stadt zu ihm hin, stets belebt von reich gekleideten und wohlberittenen geistlichen Würdenträgern und von fremden Pilgern, die, den langen buddhistischen Rosenkranz zwischen den Händen und Gebete murmelnd, sich dem heiligen Berge nahen.

Manning und Huc berichten übereinstimmend, welch ein lebhaftes Treiben von Menschen unausgesetzt um den Fuß des Potala und an seinen Eingängen herrscht; jedoch im Gegensatz zu dem Lärm in der Stadt werde hier ein ernstes Schweigen bewahrt. Die religiöse Stimmung präge sich im äußeren Gebahren jedes einzelnen deutlich aus.

Zum Schluß noch einige wenige Worte über die seltsame Persönlichkeit, die den Mittelpunkt all dieser grenzenlosen Verehrung bedeutet, den Dalailama. Dies mongolische Wort, das „Weltmeerpriester“, d. h. der unermeßlich große Priester bedeutet, wird in Tibet selbst nicht gebraucht; das tibetische, mit dalai gleichbedeutende Wort heißt Gyamtso.

Auch nennt man ihn Gyalwa Rimpotschi, d. h. „der große Edelstein von Majestät“. Daß er nicht eine Inkarnation Buddhas selbst vorstellt, was man oft hören kann, sondern eine solche des heiligen Avalokita oder Padmapani, betonten wir bereits. Nach unseren früheren Ausführungen (S. 69) kann es nicht Wunder nehmen, daß fast alle Beobachter, die ihn zu Gesicht bekamen, ihn als ein Kind schildern.

Wir haben bis heute nur eine einzige europäische Abbildung des Dalailama. Sie geht ebenfalls auf eine Zeichnung Grubers zurück und findet sich auch in Kirchers „China illustrata“. Ganz augenscheinlich ist hier die vielleicht schon an und für sich ungenügende Vorlage noch unkundiger behandelt als die Zeichnung des Potala, allein das sieht man doch an dieser aus der Mitte des 17. Jahrhunderts stammenden Skizze, daß auch hier ein Kindergesicht wiedergegeben ist.

Höchst anziehend ist die Darstellung, die Manning von seiner Begegnung mit dem Dalailama gibt. Am 17. Dezember 1811 erstieg der englische Arzt die vierhundert Stufen zur Potala-Burg. In einer großen Empfangshalle befand sich der Priestergott inmitten seines Hofstaats, ein Knabe von etwa sieben Jahren. Manning berührte dreimal vor ihm den Boden mit der Stirn und legte dann seine mitgebrachten Geschenke: Geld und eine schöne Seidenschärpe, nieder. Der Knabe berührte ihm segnend das Haupt, eine Ehre, die nach Horazio della Pennas Angaben zu urteilen, sonst nur Königen, inkarnierten Heiligen oder fremden Gesandten zuteil wird.

Hierauf folgte eine kurze, durch einen Dolmetscher vermittelte Unterhaltung, die aus einigen Höflichkeitswendungen bestand. Mit höchstem Anteil aber beobachtete Manning dabei die schöne und interessante Erscheinung des hohen-priesterlichen Kindes. Dasselbe hatte, erzählt er, das einfache und ungezierte Gebahren eines wohlerzogenen prinz-lichen Knaben. Sein Angesicht war geradezu poetisch und rührend schön. Sein Wesen war muntere, liebenswürdige Freundlichkeit, sein schöner Mund ließ sich in anmutigem Lächeln gehn, ja er lachte sogar gelegentlich zwanglos, wenn auch mit Anstand. Manning, ein kecker, garnicht sentimentaler Abenteurer und sonst nicht ohne spöttischen Humor, sagt zum Schluß, die Unterredung mit dem Dalailama habe ihn außerordentlich ergriffen:

„Ich hätte weinen können, so seltsam war der Eindruck, und in tiefen Gedanken verließ ich den Ort.“

Um Neujahr muß der Dalailama sich für einen ganzen Monat in die Verborgenheit zurückziehen, um sich religiösen Übungen zu unterwerfen. Manning sah den heiligen Knaben noch einmal unmittelbar nach dieser Frist: er sah blaß und krank aus, wohl infolge seiner Kasteiungen.

Außerordentlich ähnlich klingt die Erzählung, die der Pundit Sarat Tschandra Das von seiner Audienz bei dem Dalailama am 10, Juni 1882 gibt. Er beschreibt zunächst den steilen Anstieg zur Höhe des Potala und die wundervolle Aussicht von dort.

„Nach einer Weile kamen drei Lamas und sagten, daß der Dalailama einen Gedächtnis-Gottesdienst für den verstorbenen Großlama des Meru-Klosters abhalten wolle, und daß wir dabei zugegen sein dürften. Mit sehr leisen Schritten wandelnd kamen wir zur Mitte der Empfangshalle, deren Dach von drei Reihen von Pfeilern, vier in jeder Reihe, getragen und durch von oben einfallendes Licht erhellt wird. Die Ausstattung war so, wie man sie gewöhnlich in den Lamasereien sieht, nur waren die Behänge von den reichsten Brokaten und Goldstoffen ; die kirchlichen Geräte waren von Gold und die Bemalung der Wände von ausgesuchter Feinheit. Hinter dem Throne fanden sich schöne Teppiche und Atlasvorhänge, ein großes „gyant-sar“, d. h. Baldachin bildend. Der Boden war schön glatt und glänzend, allein die Türen und Fenster, rot gemalt, waren von jener rohen Art, wie‘ sie im Lande gebräuchlich ist.“

Der Pandit deponierte dann in den Schoß eines Beamten seine Gabe für den Dalailama, ein Goldstück, und nahm hierauf mit den übrigen Pilgern seinen Sitz auf wollenen Decken ein, die in acht Reihen lagen. Er kam in die dritte, etwa zehn Fuß vom Thron entfernt.

„Der Großlama“, fährt er fort, „ist ein Kind von acht Jahren mit hellem und schönem Aussehen (bright and fair complexion) und rosigen Wangen. Seine Augen sind groß und durchdringend, der Schnitt seines Gesichts merkwürdig arisch, wenn auch etwas beeinträchtigt durch die Schiefstellung seiner Augen. Die Zartheit seiner Person war vermutlich der Erschöpfung durch die Hofzeremonien und die religiösen Pflichten und asketischen Übungen seiner Stellung zuzuschreiben. Eine gelbe Mitra bedeckte sein Haupt, und deren herabhängende Klappen verbargen seine Ohren; ein gelber Mantel umgab seinen Körper, und er hockte mit gekreuzten Beinen, die inneren Handflächen aneinandergelegt. Der Thron, auf dem er saß, war von geschnitzten Löwen getragen und mit seidenen Schleiern bedeckt, vier Fuß hoch, sechs Fuß lang und vier Fuß breit.“

Als alle gesegnet waren, goß einer der Beamten Tee in die goldene Tasse „Seiner Heiligkeit“, und vier Hilfsbeamte bedienten das Publikum. Nach einem Gebet wurde schweigend der Tee getrunken, der „mit einem entzückenden Wohlgeruch“ parfümiert war. Dann wurde vor den Dalailama ein Tisch mit Reis gesetzt, letzteren berührte er, und die geheiligte Speise wurde hierauf unter die Anwesenden verteilt. Und nun sang der Dalailama mit einer leisen, undeutlichen Stimme eine Hymne, die von den Lamas in tiefen, ernsten Tönen wiederholt wurde.

Hiermit hatte die Zeremonie ein Ende. Der Kämmerer gab dem Reisenden zwei Pakete gesegneter Pillen, und ein anderer band ihm ein Stückchen roter Seide um den Hals — die gebräuchlichen Gegengaben des Dalailama.

Dieser, von dem Pandit so interessant beschriebene Großlama ist nach den übereinstimmenden Berichten der letzten Besucher noch derselbe, der heute auf dem geistlichen Thron von Lhassa sitzt. Er ist also diesmal nicht vor seiner Großjährigkeit beseitigt worden, sondern muß jetzt etwa 32 Jahre alt sein 50). Der Japaner Kawagutschi hatte am 13. September 1900 eine Audienz bei ihm. Er schildert „His Sublimity“ als einen Mann von 28 Jahren, von einer feinen, intelligenten Erscheinung. Er sei von Natur ein Mann von überlegenem Mut und ausgezeichneten Fähigkeiten und von einer tiefen Kenntnis des Buddhismus. Seit er zu Jahren gekommen, habe er die Regierung völlig in die Hand genommen und hege große Absichten auf Reformierung der Verwaltung und Beseitigung alter Mißbräuche. Er habe einen geheimen Vertrag mit Rußland geschlossen, dessen Herrscher er für einen Buddhisten und einen mystischen Bodhisattwa, ähnlich ihm selbst, halte.

Das ist die letzte Schilderung, die wir von dieser merkwürdigen Persönlichkeit besitzen. Aller Voraussicht nach werden bereits die nächsten Wochen damit beginnen, die letzten Schleier zu lüften, die heute noch über Lhassa und seinem Dalailama ruhen. Wie weit die Vorgänge, die das mit sich bringen, umändernd oder zerstörend in diese merkwürdige Welt eingreifen werden, das vermag niemand vorher zu sagen.

Text aus dem Buch: Tibet und die englische Expedition (1904), Author: Wegener, Georg.

Die einzelnen Buchkapitel:
Tibet und die englische Expedition – Einleitung
Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches
Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet
Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft
Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse
Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter
Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel
Tibet und die englische Expedition – Lhassa
Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart
Tibet und die englische Expedition – Tibet und England
Tibet und die englische Expedition – Nachwort

One Comment

  1. […] Siehe auch: Tibet und die englische Expedition – Einleitung Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel Tibet und die englische Expedition – Lhassa […]

    7. Januar 2016

Comments are closed.