Tibet und die englische Expedition – Tibet und England

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.


Die ersten Bestrebungen der Engländer, von Indien  aus mit Tibet in Beziehung zu treten, gehen, wie früher erwähnt, auf Warren Hastings (Gouverneur von Bengalen 1772, General-Gouverneur von Britisch-Indien 1774—85) zurück, der mehrere Gesandschaften an den Ta-schilama von Schigatse absendete. Ein vielversprechender Briefwechsel entspann sich, der auf Einleitung eines freundschaftlichen Handelsverkehrs hinzielte. Allein als Hastings 1785 seinen Posten verließ, wurden diese Ansätze nicht weiter gepflegt, Bald trat vielmehr nach der mehrfach berührten Niederwerfung der Gurkhas 1792, deren Einfall nach Tibet von Hastings Nachfolger begünstigt worden war, durch die Chinesen der völlige Abschluß der tibetischen Grenzen ein.

Für fast ein Jahrhundert ruhte seitdem jeder Versuch einer Wiederanknüpfung vonseiten der Engländer. Ein wenig bedeutender Handel wurde über Kaschmir, Nepal und Bhutan unterhalten, allein direkte Beziehungen fehlten gänzlich.

Daß aber immerhin die Möglichkeit künftiger Vermittelungen mit Tibet nicht aus dem Auge gelassen wurden, geht schon allein aus der geheimen Auskundschaftung Tibets durch die seit den sechziger Jahren unablässig verfolgte Entsendung der indischen Pandits  hervor.

Ebenso gelang es England, seine politischen Grenzen mehrfach unmittelbar bis an die tibetischen vorzuschieben. So geschah das dadurch, daß der westliche Teil der Provinz Gnari Khorsum, Ladak, 1842 zu Kaschmir kam. Über diese Gegenden war jedoch die Verbindung mit Tibet für praktische Zwecke ein zu schwieriger. Ungleich geeigneter war die allmähliche Einverleibung des kleinen Himalaya-Staates Sikkim. Diesem, als der Basis für die gegenwärtigen englischen Bestrebungen, müssen wir eine nähere Aufmerksamkeit widmen.

Sikkim ist das im Norden von Kalkutta zwischen Nepal und Bhutan gelegene schmale Gebiet der südlichen Himalaya-Abdachung, das man als das Quellbassin des zum Brahmaputra strömenden Tista bezeichnen kann. Von dem erhabenen Firstkamme des großen Himalaya-Kettenzuges, der Sikkims Nordgrenze bildet, springen zwei gewaltige Gebirgsausläufer nach Süden vor; der eine, westliche trägt neben anderen Bergriesen den majestätischen Kandschindschinga. Dieser meridionale Rücken bildet die Grenze gegen Nepal. Der östliche, der den Namen Tschola-Kette trägt, ist zwar nicht von ebenso hervorstechenden Gipfeln gekrönt, giebt aber doch einen ähnlich gewaltigen Randwall ab. Er sondert seinerseits Sikkim von dem östlich davon gelegenen Tschumbi-Tal, das in seinem oberen Teil zu Tibet gehört, weiter nach unten zu Bhutan. So ist Sikkim mit einem riesenhaften Hufeisen von Hochgebirgsketten umgeben. Wenige Pässe führen nur hinüber. Die wichtigsten, die nach Tibet leiten, nannten wir schon (S. 81 ff). Das Innere des Gebiets ist ein labyrinthisches Gewirr scharfrückiger, von den Randketten herabziehender Gebirgskämme und tief eingerissener Talfurchen. Die Tista greift mit zahlreichen Nebenarmen blattrippenartig nach den Seiten zwischen sic hinein. In den Hochtälern ihrer nördlichsten Quellfäden, dem Latschen und Latschung, die bis hart an den Fuß der massenscheidenden Hauptkette heranführen, herrscht schon strenger Hochgebirgscharakter. Weiter nach Süden eine Landschaft von wunderbarer Eigenart und bezaubernder Schönheit. In den Gründen der tiefen Talrinnen tropisch brütende Wärme, an den überaus steilen Gehängen der inneren Gebirgskämme eine wundervolle Waldvegetation, genährt von den üppigen Regen des indischen Monsuns, den die riesige Bergmuschel der großen Randgebirge Sikkims abfängt. Die messerscharfen Rücken der Kämme sind auch in der guten Jahreszeit wochenlang von brauendem Gewölk umlagert, sodaß ein dicht wucherndes Gehänge von Schlingpflanzen und herrlichsten Orchideen die Äste der Riesenbäume überdeckt und die Feuchtigkeit in Tropfen aus den Moosbärten herniederträufelt. Wenn sich aber dann die Wolken verziehen, so liegt für den Blick dort oben ringsher in einer überwältigende Herrlichkeit, schneeleuchtend, die erhabenste Hochgebirgswelt der Erde.

Die einheimischen Bewohner Sikkims, die Leptscha,  sind ein mongolisches Volk, das den Tibetern nahe verwandt und vermutlich eine sehr alte, in unbestimmter Vorzeit über den Himalaya vorgeschobene Kolonie südtibetischer Stämme ist. Noch heut ist ja, wie wir früher gesehen haben die periodische Hin- und Herwanderung tibetischer Hirten über die Himalaya-Pässe im Gange. Die Gründung ihres heutigen Reichs und ihrer Kultur hängt mit der lamaistischen Missionierung von Tibet aus zusammen. Bei der großen Reformation durch Tsongkapa wunderten einige Lamas der unterliegenden Rotmützensekte hierher aus. Sie gewannen durch ihre überlegene Bildung rasch Einfluß, bekehrten das Volk zum buddhistischen Glauben und machten einen ihnen ergebenen Mann tibetischen Stammes zum Fürsten von Sikkim, dessen Familie noch heute dort regiert. Als dann in Tibet selbst der Gegensatz zwischen den beiden Sekten gemildert wurde, knüpften die Lamas von Sikkim mit dem siegreichen Haupt der Gelbmützen, dem Dalailama, engere Beziehungen an, sodaß heute auch für die Kirche von Sikkim hierarchisch die oberste Instanz der große Heilige von Lhassa ist. Zahlreiche Klöster ganz tibetischen Kults sind in den Berg- und Waldwildnissen Sikkims verstreut, meist in prachtvoll romantischer Lage. Das nationale Hauptkloster ist das berühmte, im 18. Jahrhundert gegründete Pemiongtschi, nördlich von Dardschiling, in 2000 Meter Höhe kühn auf einem scharfgeschnittenen Bergrücken thronend; ein eindrucksvoller Bau, dessen mächtig ausladendes Dach der Stürme halber mit Ketten an den Boden befestigt ist. Ungleich gewaltiger noch als in Dardschiling ist der Blick von hier aus auf die fast doppelt so nahen Riesen der Kandschindschinga-Gruppe.

Im Laufe der Zeit knüpften sich die kulturellen Bande mit Tibet immer enger. Wolle, Seide chinesicher Ziegeltee und allerlei Luxusartikel wurden von dort bezogen; die einheimischen Landesfürsten, deren Titel das tibetische Gyalpo ist, heirateten tibetische Frauen, das Tibetische ward Hofsprache; zuletzt residierte der Hof, um den schweren Monsun-Regen zu entgehen, zeitweilig im Tschumbi-Tal, auf tibetischem Staatsgebiet. Trotz alledem bestand, wenigstens nach den englischen Quellen, denen ich hier folge ein politisches Abhängigkeitsverhältnis Sikkims zu Tibet nicht.

England erhielt die erste Gelegenheit, sich in die Verhältnisse von Sikkim zu mischen, durch einen kriegerischen Einfall der ewig unruhigen Gurkhas von Nepal, die 1814—17 das Ländchen besetzt hielten. Die Britten intervenieren, stellen die Selbständigkeit des Fürsten wieder her und erlangten dadurch zunächst eine Art moralische Schutzherrenstellung in Sikkim.

Parteien, die damit unzufrieden waren, erregen aber bald daranf in Verbindung mit Nepal neue Unruhen, die England den willkommenen Anlaß zu neuem Eingreifen geben. Diesmal muß Sikkim die Rechnung teurer bezahlen. Es muß in die pachtweise Abtretung des Ortes Dardschiling und eines kleinen Bezirks seiner Umgebung willigen, wo die Gesundheitsstation für das Gouvernement Bengalen errichtet werden soll. Rasch erwächst hier in der Bergwildnis eines der schönsten und elegantesten Alpenstädtchen der Welt und zugleich eine Hochwarte Englands für die Grenzlande des mittleren Himalaya.

Die Veranlassung, diesen Besitzkern zu erweitern, ließ auch nicht lange auf sich warten. Im Jahre 1850 nahm der englandfeindliche Premierminister von Sikkim den Gouverneur von Dardschiling, Campbell, und den Gelehrten Dr. Hooker auf einer Forschungsreise im Hochgebirge an der Grenze von Tibet gefangen. Dies wurde mit einer Annexion des gesamten südlichen Sikkim bis an den Nebenfluß der Tista, Randschit-Rummam, heran geahndet. Letzteres wurde zum Bezirk von Bengalen geschlagen, Dardschiling durch eine kühne Bergbahn mit dem Tieflande verbunden, das ehemalige Urwaldgelände von englischen Teepflanzern kultiviert, der ireie Verkehr eröffnet, das Land durch Straßen erschlossen, kurz ganz dem englischen Reiche angegliedert. Der nördliche Teil mit der Landeshauptstadt Tumlong behielt einstweilen noch seine Unabhängigkeit.

Auch das dauerte jedoch nicht lange. Grenzzwischenfälle, die Klage, daß Sikkim ein Asyl für Übeltäter bilde  u. a. m., führten 1860 zu einem Einmarsch der Engländer und einer Mediatisierung des Fürsten im Vertrage von Tum-lang 1861. Er blieb, in der Weise wie die indischen Fürsten, im Besitz seines Thrones und Landes, erkannte aber Englands Oberhoheit an und erhielt ein Jahresgehalt (seit 1873 im Betrag von 12000 Rupien, was die Kleinheit und Ärmlichkeit der Verhältnisse gut charakterisiert). Die Zollgrenze gegen Bengalen wurde abgeschafft, England berechtigt, nach Belieben Straßen im Lande zu bauen und Rasthäuser (Dak-Bunga-lows) für seine Beamten anzulegen, der Fürst hob die bis dahin übliche Sklaverei auf und verpflichtete sich, den größten Teil des Jahres nicht mehr im tibetischen Tschumbi-Tal, sondern in Tumlong zu residieren.

Bis dahin hatte sich Tibet gegen alle diese Vorgänge ganz teilnahmlos verhalten. Als jetzt nun aber die Engländer auch im nördlichen Sikkim anfingen, ihre Straßen und Brücken zu bauen, als englische Landesvermesser öfter an den Grenzpässen gesehen wurden und verlautete, sie wollten Handelsstraßen nach Tibet hersteilen, wurden die Behörden von Lhassa mißtrauisch. Der chinesische Amban richtete einen ziemlich hochfahrenden Brief an den Gyalpo von Sikkim, des Inhalts, wenn er fortfahre, für die Fremden Straßen in seinem Lande zu bauen, die darauf hinzielten, eine Verbindung mit Tibet anzubahnen, so würde es ihm schlecht gehen. Das alte Lamareich wünsche energisch, in Ruhe gelassen zu werden von den europäischen Handelsleuten.

Trotzdem setzte England unbeirrt seine großartigen Straßenanlagen fort. Besonders wurde, unter schwierigen Sprengungen, eine treffliche Heerstraße vom Tista-Tal nach dem Dschelep-Paß hinauf geführt.

Nach all diesen Vorbereitungen nahm die britisch-indische Regierung dann, rund hundert Jahre nach Turners Reise, den Versuch einer kommerziellen Anknüpfung mit Tibet wieder auf. Anfang der achtziger Jahre reiste der Finanzsekretär der britisch-indischen Regierung Colman Macaulay nach Peking und erwirkte sich dort die Erlaubnis einer Mission nach Lhassa, wo er persönlich mit den dortigen Behörden über die Anlage einer Handelsstraße durch das Latschen-Tal und die ProvinzTsang verhandeln wolle. Im Jahre 1886 brach er dann von Dardschiling mit kleiner Eskorte auf und gelangte bis zur tibetischen Grenze am Kongra-Paß. Hier ergaben sich jedoch Schwierigkeiten; die tibetischen Behörden erhoben Einspruch gegen seine Weiterreise, und der chinesische Hof ließ durchblicken, daß er eine gewaltsame Überwindung dieses Widerstandes ungern übernehmen würde. Damals bestand in Europa, auch bei den Engländern, immer noch ein Rest der aus den achzehnten Jahrhundert ererbten großen Meinung von der Macht des chinesischen Reiches, und da um diese Zeit infolge der Einverleibung von Burma Grenzregulierungsfragen zwischen Indien und China schwebten, so verzichtete die Regierung in Kalkutta auf die Durchführung des Macau-layschen Tibet-Mission.

In dem verschlossenen Lande, über dessen innere Vorgänge wir ja bis heute nur dunkle Vermutungen fassen können, scheint dieser Schritt Englands als Schwäche aufgefaßt worden zu sein und den Groll gegen die unwillkommenen Dränger zur Reife gebracht zu haben. Vielleicht spielen auch bei den nun folgenden Vorgängen noch innere religiöse Ereignisse mit, die wir nicht kennen. Jedenfalls schickte die Lama-Regierung noch im selben Jahre 1886 plötzlich Truppen über den Dschelep-Paß, die Lingtu, eine die Straße zum Paß beherrschende Höhe, zwölf englische Meilen westlich der Grenze, besetzten und befestigten. Unter dem Einfluß von Lhassa erklärte der Fürst von Sikkim, als er die Tibeter zum Rückzug über die Grenze veranlassen soll, jetzt plötzlich, er sei von alters ein Vasall Tibets. Eine diplomatische Vorstellung der britisch-indischen Regierung in Peking blieb praktisch erfolglos, ein Ultimatum an die Tibeter in Lingtu ebenfalls, und so entschloß sich England, nachdem dies Spiel bis zum Anfang 1888 gedauert hatte, zu einem militärischen Vorgehen.

Dieser erste kleine englische Grenzkrieg mit Tibet dauerte vom März bis September 1888, und sein Verlauf ist für die gegenwärtigen weiterreichenden Operationen von vorbildlichem Interesse.

Eine zunächst nicht sehr bedeutende engliche Truppe wurde unter dem General Graham auf der neuen Straße zum Dschelep-Paß entsendet, um die von den Tibetern geschickt gewählte Position von Lingtu zu nehmen. Inzwischen hatten diese hier einen Wall und Palisaden über die Straße gezogen und letztere selbst teilweise zerstört. Felsblöcke und Baumstämme waren an steilen Punkten oberhalb des Weges aufgehäuft, mit Vorrichtungen, sie auf die Angreifer herunterzurollen. Im raschen Ansturm gelingt es indeß den Engländern leicht, diese mittelalterlich primitiven Befestigungen, die von den Tibetern z. T. mit Schleudern und Bogen verteidigt werden, zu nehmen; 32 Tibeter werden getötet.

Keineswegs aber schreckte, wie man erwartet hatte, diese Niederlage die Lamaregierung in Lhassa ab. Im Gegenteil, neue Truppen wurden über den Dschelep-Paß entsendet, sodaß die Engländer sich bei Gnathong, etwas oberhalb von Lingtu, in 12000 m Höhe über den Meerespiegel, ihrerseits befestigen und auch Verstärkungen nachziehn mußten. Im Mai griffen die Tibeter selbst diese Verschanzungen mit großem Mut an und wurden erst nach schweren Verlusten zurückgeschlagen.

Auch jetzt indessen zeigt man in Lhassa noch keinerlei Neigung zum Frieden, die Truppenverstärkungen dauerten fort. Bei der entscheidenden Schlacht im September standen zuletzt etwa 11 000 Mann den Engländern gegenüber, die nur etwa 2000 Mann — z. T. Gurkha-Truppen — stark waren. In einer einzigen Nacht warfen hier die Tibeter unmittelbar oberhalb von Gnathong einen riesigen Stein wall von Brusthöhe und 4—5 Meilen Länge auf, der technisch eine fast unbegreifliche Leistung und doch geräuschlos wie durch Zauberei hergestellt war. Unkundig der Mittel moderner Kriegskunst jedoch lediglich zu ihrem Schaden, denn sie zerdehnten ihre Macht als Besatzung dieses ganzen Walles zu einer langen, schwachen Linie. Auch bestand diese Truppe fast nur aus ungedrillter, jämmerlich bewaffneter Miliz, die von den Mönchen in ungeordneten Massen über den Paß geworfen war, und so endigte der Sturm durch die Engländer mit einer überaus schweren Niederlage der Tibeter, die etwa 1100 Mann verloren, während auf englischer Seite die Verluste sehr gering waren.

England hatte damals keine Neigung, den durch die Transportschwierigkeiten schon über Erwarten kostspieligen Gebirgskrieg nach Tibet selbst hinein zu tragen; es ließ sich daher auf Verhandlungen ein — bei denen jetzt plötzlich China wieder als Vormacht Tibets hervortrat.

Zwischen dem damaligen Vizekönig von Indien, Lord Lansdowne, und dem kaiserlich chinesischen Residenten von Lhassa wurde— unter völliger Übergebung der einheimischen Behörden von Lhassa — in Dardschiling der Vertrag von 1890, ratifiziert 1893, vereinbart, der in der Hauptsache folgendes enthält: China erkennt förmlich die Oberhoheit Englands über Sikkim an. Beide Staaten erklären, die Grenze respektieren und ihre Verletzung ahnden zu wollen. Auch soll der Handelsverkehr zwischen Tibet und Indien erleichtert werden. Die infolge der nomadisierenden Lebenweise der Grenzbewohner bestehenden Unklarheiten über die Weidegerechtigkeit im oberen Sikkim sollen beseitigt werden. Die nähere Erläuterung und praktische Ausführung dieser Punkte, insbesondere die genauere Bestimmung und Markierung der in den Hochgebirgsgegenden der vielfach unsicheren Landesgrenze, wird einer Kommission von Vertretern der chinesischen Regierung in Tibet und der englischen in Indien übertragen, die binnen eines halben Jahres nach Abschluß der Verhandlungen zusammentreten sollte.

Die Tibeter waren, wie sich leicht denken läßt, über den ganzen Verlauf der Angelegenheit äußerst aufgebracht gegen China. Dies hatte wiederum zur Folge, daß die chinesische Regierung die Kommissionsverhandlungen mit altbewährter Zauderkunst ziemlich ergebnislos im Sande verlaufen ließ. Die zweifelsfreie Festlegung der Grenze unterblieb, ebenso die Lösung der Weidefrage; die vereinbarte Eröffnung eines Marktes in Yatung auf der tibetischen Seite des Dschelep-Passes — seit dem 1. Mai 1894 begann von chinesischer Seite hier eine offizielle Handelsstatistik — wurde dadurch illusorisch gemacht, daß die Regierung von Lhassa ihren Untertanen die Niederlassung dort verbot.

Ein wenig lebhafter entwickelte sich der Handel nach und nach allerdings. Nach dem vor kurzen veröffentlichten englischen Parlamentsberichta) hatte die Einfuhr von Indien nach Tibet’; folgende Werte:


*) Die Zusammenstellung sondert nicht den über Sikkim und den auf anderen Wegen gehenden Handel, doch scheint das letztere verhältnismäßig wenig in Betracht zu kommen.

Die Gesamtbeträge sind also sehr bescheiden; es läßt sich jedoch, mit unbedeutenden Rückschlägen, eine Steigerung bis zu dem Jahre 1900 erkennen. Den Hauptanteil des Einfuhrwerts nach Tibet machen in den ersten Jahren Korn und Hülsenfrüchte aus, mit 1—200000 Rupien an Wert. Fast gleichbleibend erhält sich dieser Artikel während all dieser Jahre bis zum Ende auf dieser Wertstufe, nur einmal im Jahrgang 1897—98, schnellt er auf 643790 Rupien hinauf. Bald läuft aber die Kategorie der Baumwollen-Erzeugnisse ihm den Rang ab, sie steigt im Laufe der Periode von rund 100000 R. pro Jahr auf rund 370000. Am nächsten an Wert kommen dann Wollwaren, deren Wert von rund 38000 auf 128000 Rupien im Jahre anwächst. Von geringerer Bedeutung sind: Färbe-Mittel, Metalle, Zucker, Tabak und andere Artikel, am geringsten ist lange Zeit der Import von Seide, nur 970 R. im Jahrgang 1898—99; im letzten hat er 50173 R. Wert. Seinen beträchtlichen Seidebedarf deckte Tibet eben nach wie vor aus dem alten Seidenlande China. Noch konservativer verhielt es sich inbezug auf den Tee, den das Land seit alters in ungeheuren Mengen in Gestalt des minderwertigen gepreßten Ziegeltees aus China einführt. Es ist noch nicht gelungen, daneben dem indischen Tee Eingang zu verschaffen.

Interessanter noch ist die Übersicht der Ausfuhr aus Tibet. Auch hier seien zunächt die Gesamtwerte für die einzelnen Jahre zusammengestellt:

Die Vergleichung ergibt, daß der Wert der Ausfuhr aus Tibet nach Indien durchweg größer gewesen ist, als der Einfuhr, und da Tibet als minderkultiviertes Land fast ausschließlich Rohprodukte ausführte, Indien dagegen zum großen Teil Industrie-Erzeugnisse, so muß die Quantität der tibetischen Ausfuhr die der indischen in noch größerem Verhältnis überwogen haben. Vielleicht erklärt sich dies daraus, daß eben die künstlichen Qrenzschwierigkeiten nur bei dem Verkehr nach Tibet bestehen, nicht umgekehrt.

Die Erzeugnisse, die Tibet ausführte, waren lebende Tiere, rohe Wolle, Borax, Moschus, Salz und einige wenige andere Artikel, die in der Zusammenstellung nicht spezialisiert werden. Unter den lebenden Tieren wiegen der Zahl nach die Schafe und Ziegen vor, die von den Tibetern auf den Markt von Dardschiling gebracht wurden. Ihre Anzahl ist seit dem ersten Jahre der Liste von 8120 auf 31 735 Köpfe gestiegen. (Die Werte sind 25485 und 80712 Rupien). Dem Ertrag nach werden sie etwas übertroffen durch Pferde und Maultiere, deren Zahl von 609 im Wert von 49600 R. auf 1227 im Wert von 83393 R. angewachsen ist.

Der Wert des Borax stieg von 89962 auf 345613 R.t der Moschus von 16091 auf 114928 R., Salz von 118269 auf 179134 R. In erster Linie steht die Wolle, die mit 351 163 Rupien einsetzt und bis auf 1038283 R. steigt. Über das Gold von Thok Dschalung und anderen Goldfeldern, das ja größtenteils über Gartok auch nach Indien abfließen soll, gibt die Liste leider keine Rechenschaft.

Alles in allem ist der Handel mit Tibet bisher recht unbedeutend. Trotzdem mahnen die englischen Kenner seit Jahrzehnten energisch, die Entwickelung dieses Verkehrs zu fördern. Man erwartet, daß Tibet sich noch in ganz anderer Weise als Markt für die englische Industrie auswachsen wird, und daß umgekehrt insbesondere die feinen Wollen der tibetischen Herden für diese eine große Zukunftsbedeutung haben. Vor allen aber stehen im Hintergründe die Hoffnungen auf Tibet als künftiges Goldland.

Als der Verfasser im Anfang 1898 im „Independent Sikkim“ reiste, wie der unter dem dem einheimischen Fürsten verbliebene Teil des Gebiets immer noch genannt wird, mußte er vorher in Dardschiling die Erlaubnis des betreffenden Deputy-Commissioners einholen, dabei seine Reiseroute genau angeben und sich verpflichten, nicht davon abzuweichen, insbesondere nicht ein Eindringen nach Tibet zu versuchen. Als Grund dafür wurde angegeben, daß die englische Regierung jedes Erwecken von Mißtrauen bei den Tibetern vermeiden wolle, um den Handel mit diesem Lande zu entwickeln.

Sobald man nördlich von Dardschiling den Randschit-Rummam, die Grenze des „unabhängigen“ Sikkim überschritt, verschwanden die Teekulturen, die Dardschilings Berggehänge bedecken, und das Waldland in ursprünglicher Gestalt mit spärlich verstreuten Ansiedelungen und romantischen Klöstern begann. Staunend traf der Reisende aber auch in diesen Gegenden vorzügliche Straßenanlagen, Drahtseilbrücken von eleganter Konstruktion, mit der die Wildwasser überspannt waren, und andere Zeichen der englichen Erschließungsarbcit. Sie erschienen schon damals für das dünn bevölkerte, arme Gebiet allein viel zu kostspielig und großartig und wiesen auf große Zukunftspläne hin.

Die gegenwärtige Expedition.

Zwei Ursachen dürften vorzugsweise dazu beigetragen haben, daß England jetzt den Zeitpunkt zum energischen Zeitpunkts. Vorgehen gegen Tibet für gekommen gehalten hat. Die eine ist negativ: Die Scheu vor der alten Schutzmacht China ist durch die kläglichen Niederlagen der Chinesen im japanisch-chinesischen und im Boxer-Kriege geschwunden. Die andere positiv: Die Nachrichten von den Anknüpfungen Rußlands mit Tibet haben England die ernste Gefahr vor Augen gerückt, daß der große Rival um die Vorherrschaft in Asien maßgebenden Einfluß in Tibet gewann. Ein dritter Umstand trat nach Beginn der Aktion als wichtige Triebkraft hinzu, die für England so ungemein günstige — vielleicht von ihm lange vorausgesehene — Verwickelung Rußlands in den östlichen Krieg.

Eine Anlehnung Tibets an das Zarenreich durfte  unter keinen Umständen ruhig mit ansehen. Man hat vielfach, auch in gediegenen Zeitschriften, wie dem „Ostasiatischen Lloyd“, es für unverständlich erklärt, wenn England von einer Besetzung Tibets durch Rußland eine Gefahr für Indien befürchte, denn die wahre uneinnehmbare Verteidigungsmauer des indischen Reiches sei die große südliche Himalaya-Kette mit ihren leicht zu verteidigenden Pässen. Das ist aber sehr kurz gedacht. Abgesehen davon, daß dann eine kostspielige Bewachung und Befestigung aller Pässe notwendig werden würde, läge in der widerstandslosen Überlassung Tibets an die große feindselige Macht eine moralische Einbuße für England von ernstester Bedeutung. Englands Herrscherstellung in dem Dreihundertmillionen-Reich Indien selbst ist, wie jeder Kenner weiß, eine ungemein schwierige, die nur durch eine unerhörte diplomatischeKunst aufrecht erhalten wird; ehrgeizige Fürsten, fanatische Völker, geheime Strömungen verschiedenster Art sind unausgesetzt mit der größten Sorgfalt zu beobachten, denn sie geben dem Lande den Charakter eines beständig in den Tiefen grollenden Vulkans. Nichts aber würde auf diese Faktoren aufreizender wirken, als wenn sich der russische Koloß, in dem, gleichviel ob mit Recht oder Unrecht, vielfach ein Befreier erblickt wird, derart unmittelbar vor den Toren Indiens festsetzen dürfte.

Man hat dann ferner gesagt, es sei ohnehin durchaus unmöglich, daß Rußland eine positive Truppenmacht über die großen nördlichen Hochflächen nach dem bewohnten Süden Tibets vorschieben und damit das Land okkupieren können. Auch Hedin hat sich neuerdings in einem überaus warmherzig und temperamentvoll gegen das englische Vorgehen aussprechenden Aufsatz in diesem Sinne ausgedrückt.fl4) Allein man vergißt, daß dies in ganz allmählichem Vorschieben, wenn die Regierungen in Lhassa oder Peking es unterstützten, doch nicht so unmöglich wäre, ebenso daß auch schon europäische Instruktion und Bewaffnung der Tibeter selbst durch russische Sendlinge für England unangenehm genug wirken könnten.

Nein, es ist von englischem Standpunkt aus politisch vollkommen richtig gedacht, daß Tibet, nach Lord Curzons richtigem Ausdruck das Glacis vor dem großen Festungswall des Himalaya, unbedingt in keinen andern als englischen Händen sein darf. Haben die Engländer dort die Macht, dann allerdings ist die Überschreitung der von Zentralasien nach Indien führenden Hochflächen für jeden Feind unmöglich.

Also: Tibet im Besitz der Russen würde mindestens eine stete Beunruhigung, Tibet in dem der Engländer eine absolut uneinnehmbare Grenzburg für Indien sein. Ob die Form dieser Angliederung Tibets an England nun eine direkte Annexion, ob es die Einsetzung eines Residenten in Lhassa, ob es nur ein Bündnis oder schließlich zunächst allein die Ausschließung jedes anderen Einflusses sein wird, das sind hierfür Fragen zweiten Ranges.

Wieweit England mit seinem Vorgehen noch andere als nur verteidigende Pläne hat, läßt sich einstweilen nur mutmaßen; es betont selbst nach wie vor, daß ihm viel an des tibetischen Handelsmarktes gelegen sei. Gewiß kann man das dem bewußt und immer sich als solches gebenden Handelsvolke glauben. Wahrscheinlich aber gehen die Gedanken noch sehr viel weiter. Es ist immer Englands große Kunst gewesen, rechtzeitig neue Ansatzpunkte zum späteren Eingreifen in günstige Entwickelungen zu gewinnen. Die großartigste handelspolitische Entwickelung aber, die vorauszusehen, wird die kommende Erschließung Ostasiens sein. Trotz des englisch-deutschen Abkommens von 1900 hat England seine Ansprüche auf das Gebiet des Yangtsekiang, den wertvollsten Teil des chinesischen Reiches, als Interessensphäre nicht aufgegeben. Osttibet aber ist das Ursprungsgebiet des mächtigen Stromes; hier würden sich, wenn es in Englands Hand fiele, dann die indische und ostasiatische Einflußzone zu einem ungeheuren Halbringe vereinigen, der, Asiens reichste und bevölkertste Gebiete verbindend, vom indischen Meere sich bis zum pazifischen erstreckt.

Soviel über die inneren Beweggründe zu dem Vorgehen Englands. Es ist nun nicht die Aufgabe der vorliegenden Schrift, die Geschichte der gegenwärtigen englischen Expedition zu schreiben, sondern nur die Grundlagen zu ihrem rechten Verständnis zu liefern. Daher seien die einzelnen Vorgänge bei derselben bis zur Gegenwart nur in Kürze zusammengestellt.

Bereits im Februar 1902 entwirft Lord Curzon, der Vizekönig von Indien, in einem Memorandum den Plan, auf dem das heutige Vorgehen beruht. Die unerledigten Fragen des Vertrags von 1890 sollen wieder aufgenommen werden. Lehnt Tibet Verhandlungen ab, so soll zunächst das Tschumbi-Tal besetzt werden, um die Regierung in Lhassa zu solchen zu zwingen. Eine Bereisung der ihrer Festlegung noch immer harrenden Grenze von Sikkim gegen Tibet durch den Kommissar White im Sommer 1902 blieb ganz ohne Beachtung in Tibet.

Januar 1903 empfiehlt Lord Curzon deshalb, nunmehr energischer vorzugehen und die Verhandlungen drohend und wenn möglich in Lhassa selbst zu führen. Vor allem, wie er sich deutlich ausspricht, um zu prüfen, ob und wie weit „eine andere Großmacht“ — d. h. Rußland — hier im Spiele sei. „Wir müssen“, sagt er, „unsererseits die Initiative ergreifen, um der Gefahr entgegenzuarbeiten, von der wir die britischen Interessen in Tibet für direkt bedroht halten.“ Um den aus dem unklaren Verhältnis zwischen Tibet und China entspringenden Schwierigkeiten vorzubeugen, seien die Verhandlungen nur mit den tibetischen und chinesischen Bevollmächtigten zugleich zu führen. Der englischen Gesandtschaft sei eine bewaffnete Eskorte mitzugeben, genügend stark, um jeden Widerstand auf dem Wege nach Lhassa abzuschrecken.

Wie erwartet, riefen Englands Absichten sofort einen scharfen Notenwechsel mit dem russischen Kabinett hervor, im Verlauf dessen es gelang, von Rußland die bündige Erklärung zu bewirken, daß weder ein russisches Abkommen irgend welcher Art mit oder über Tibet, noch die Absicht, ein solches zu schaffen, bestehe. Konnte diese Versicherung natürlich für England politisch keine dauernde Gewähr der Sicherheit bilden, so gab es ihm doch andrerseits formell inbezug auf Rußland in Tibet freie Hand, und so erhielt Lord Curzon jetzt von London die Erlaubnis, die von ihm beabsichtigten Verhandlungen mit der Behörde von Lhassa in einem tibetischen Orte, nämlich in Kamba-dschong, unmittelbar nördlich von Sikkim, jenseits des Kongralamo-Passes, zu beginnen. Ein weiterer Verhandlungsgegenstand sollte dabei einstweilen die Eröffnung des wichtigen Gvangtse als Handelsrnarkt sein.

Im Juli 1903 ging zunächst der Grenzkommissar White, dann als Führer der Gesandtschaft der Oberst Younghusband mit einer Eskorte von 200 Mann eingeborner indischer Truppen nach Kamba-dschong ab. Weitere 300 Mann blieben als Rückendeckung in Tangu am Latschen-Fluß in Sikkim zurück. (Vgl. für diese und die folgenden Vorgänge die Schilderungen, der Örtlichkeiten S. 81 f, u. 122 f).

Die Wahl des Unterhändlers darf als eine sehr glückliche bezeichnet werden. Schon als junger Offizier hat sich Younhusband durch große Forschungsreisen in Innerasien einen ehrenvollen Namen und eine eingehende Kenntnis der dortigen Völker erworben, die geographische Gesellschaft in London hat ihm die große goldne Medaille verliehen, die Regierung ihn zum britischen Residenten in Kaschgar gemacht.

Die Kommission kam in Kamba-dschong jedoch ebenfalls zu keinem Ergebnis. Die anfangs eingetroffenen Unterhändler blieben wieder weg, ein passiver Widerstand der Bevölkerung verhinderte weiteres Vorgehen. Monate verflossen in tatenlosem, für England wenig schmeichelhaftem Warten.

Endlich ergriff Lord Curzon die Gelegenheit, daß die Tibeter eine von Nepalesen der Expedition zugeführte Proviantkolonne wegtrieben, um, am 6. November, die.Ermächtigung zu gewaltsamen Vorgehen in der Richtung des von ihm entworfenen Planes zu erhalten.

Sofort erfolgen von russischer Seite neue lebhafte Proteste. Jetzt aber wo Rußlands östliche Schwierigkeiten immer deutlicher hervortraten — wurden sie von London aus mit einer Zurückweisung von unerhörter Schärfe beantwortet. In der Depesche des Marquis of Landsdowne hieß es unter anderen, es erscheine äußerst seltsam,

„daß diese Vorstellungen von der Regierung einer Macht erhoben werden, die nirgendwo in der Welt und niemals gezögert hat, auf Nachbargebiete überzugreifen, wenn die Umstände es zu erfordern schienen. Wenn die russische Regierung ein Recht hätte, sich darüber zu beklagen, daß wir Schritte tun, um durch Vorrücken in tibetisches Gebiet Genugtuung von den Tibetern zu erlangen, welche Sprache wären wir dann nicht angesichts der russischen Übergriffe in der Mandschurei, Turkestan und Persien zu führen berechtigt!“

Mitte Dezember rückte in Sikkim eine neue, Younghusband unterstellte Expedition auf der bekannten, lange für solchen Zweck vorbereiteten Heerstraße zum Dschelep-Paß vor mit der Aufgabe, über das Tschumbi-Tal zunächst bis Gyangtse zu gehen, um den Beginn von Verhandlungen zu erzwingen.

Die Truppe bestand aus dem 23. indischen Pionier-Bataillon, dem halben 8. Gurkha-Regiment, einer halben Kompanie Madras-Sappeure, einem Zug englischer Artillerie mit zweisieben-pfündigen Geschützen, einer Abteilung des englischen Norfolk-Regiments, zwei Lazarettzügen und einem Maschinengewehr. Im ganzen nicht über 3000 Mann.

Bei außerordentlicher Kälte wurde der Dschelep-Paß überschritten und das Tschumbi-Tal besetzt. Als dies noch keinerlei Entgegenkommen der tibetischen Behörden zeitigte, wurde im 15700’ hohen Tangla-Paß auch die große Wasserscheide überwunden und damit der Eintritt in das Tal von Gyangtse gewonnen. Man kann diese Übergänge der britischen Truppe zur Winterzeit als außerordentliche Leistung nur rückhaltslos bewundern. Die Legung eines Feldtelegraphen sicherte die rückwärtige Verbindung mit Kalkutta.

Im Lager von Thuna, nördlich vom Tangla-Passe, wird zunächst für mehrere Monate Rast gemacht, wohl um eine günstigere Jahreszeit abzuwarten. Weder ein chinesischer noch ein tibetischer Bevollmächtigter erscheint; dagegen rücken endlich tibetische Truppen auf dem Wege nach Gyangtse an, etwa 1500 Mann unter einem General aus Lhassa sichtlich in der Absicht, den Weitermarsch der Engländer zu verhindern.

Younghusband zieht am 31. März mit seiner unter dem Befehl des inzwischen mit Verstärkungen ihm nachgesendeten Generals Macdonald stehenden Eskorte ihnen entgegen auf Guru zu. In breiter Linie quer zur Marschrichtung der Engländer hatten sich die Tibeter noch vor diesem Orte hinter einem breiten aufgeworfenen Wall aufgestellt. Younghusband gab den Befehl, sie aus dieser Stellung zu verdrängen. Wie eine Herde Schafe, heißt es, ließen sich die Tibeter umgehen und völlig umzingeln, sodaß die englischen Offiziere keinen Widerstand mehr erwarteten. Als sie aber zur Übergabe der Waffen aufgefordert wurden, eröffneten sie plötzlich in fanatischer Heftigkeit mit Schwertern und Gewehren das Handgemenge und kämpften mit außerordentlicher Todesverachtung. Bei ihrer ungünstigen Stellung und sehr mangelhaften Bewaffnung wurden sie jedoch rasch durch das Feuer der Gegner in die Flucht geschlagen. Noch einmal versuchten sie bei Guru Widerstand, werden aber auch hier aus ihren Stellungen geworfen. Ganz wie im Feldzuge von 1888 gab es auf englischer Seite anscheinend gar keine Tote, sondern nur Verwundete; dagegen schätzt man den Verlust der Tibeter auf 300 Tote und zahlreiche Verwundete. Nach anderen Nachrichten verloren die Engländer etwa 10 Mann, die Tibeter 4—500, ja vielleicht noch mehr. Auch der tibetische General, der nach einer Darstellung eigenhändig das Gefecht eröffnet hatte, fiel.

Auf die Nachricht von dieser Niederlage zogen sich weitere tibetische Truppen, etwa 2000 Mann stark, die schon im Herannahen waren, gegen Gyangtse zurück und die Expedition Younghusbands folgte ihnen nach. Sie erreichte die Stadt Gyangtse, nahm sie ohne Widerstand ein, und pflanzte die englische Fahne auf der den Berg überragenden Höhe auf.

Hier verschanzte sich die Expedition, um die weitere Entwickelung abzuwarten. Sie trat zunächst in einen friedlichen Verkehr mit den Eingeborenen, vergeblich aber erwartete sie auch hier die Ankunft tibetischer oder chinesischer Bevollmächtigter. Der Widerstand der Tibeter war durch die neue Erfahrung mit der Kriegsführung der Europäer keineswegs gebrochen. Im Gegenteil, die Lama-Hierarchie bewies eine unerwartet zähe Widerstandskraft. Wanderprediger, heißt es, zogen durch das Land und riefen das Volk zum heiligen Krieg gegen die Fremden. Neue Truppenmassen zogen von Schigatse heran und verschanzten sich unweit Gyangtse. Anfang Mai kam es zu Angriffen auf die englische Position, die wieder unter großen Verlusten für die Tibeter zurückgeworfen wurden. Allein immer neue Scharen schleppte die Regierung des Dalailama heran, so daß die Engländer eine Zeitlang sogar in bedenkliche Lage gerieten, sich als Belagerte verteidigen und Verstärkungen aus Indien abwarten mußten. Wieder stockte somit der Zug fast zwei Monate hindurch.

Endlich, am 28. Juni, gingen die Engländer aktiv vor und griffen die Tibeter an, die in großer Stärke sich auf der linken Seite des Gyangtse-Flusses verschanzt hatten. Den ganzen Tag wurde gekämpft und der Feind aus all seinen Positionen vertrieben.

Die Schwere der Niederlage war so groß, daß jetzt, am folgenden Tage, Tibeter mit einer Parlamentärfahne kamen und um Waffenstillstand baten. Sie kündigten die Ankunft eines Unterhändlers von Lhassa an. Youngshusband ging darauf ein und wartete von neuem im Gyangtse der Bevollmächtigten, die da kommen sollten.

Wie vielfach vermutet wurde, scheint dies aber nur ein neues orientalisches Hintanhalten gewesen zu sein. Mitte Juli riß daher dem englischen Unterhändler die Geduld, er befahl den Vormarsch nach Lhassa auf der großen Straße von Gyangtse über den Paß Kharo-Ia das Nordufer des Yamdok-tso und den Khamba-Ia. Nach den letzten Nachrichten bei Niederschrift dieser Zeilen (23. Juli 1904) haben sie den ersten höheren der beiden Pässe ohne erheblichen Widerstand bereits überschritten und, nur noch etwa 160 km von Lhassa (Berlin-Halle = 162 km) entfernt, ein Lager aufgeschlagen.

Daß sie jetzt weder durch Gewalt noch Diplomatie sich abhalten lassen werden, Lhassa selbst zu betreten, ist im gegenwärtigen Stadium der Entwickelung nicht mehr zu bezweifeln. Und es ist nicht unmöglich, daß es bereits geschehen ist, wenn diese Schrift die Presse verläßt.

Text aus dem Buch: Tibet und die englische Expedition (1904), Author: Wegener, Georg.

Die einzelnen Buchkapitel:
Tibet und die englische Expedition – Einleitung
Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches
Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet
Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft
Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse
Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter
Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel
Tibet und die englische Expedition – Lhassa
Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart
Tibet und die englische Expedition – Tibet und England
Tibet und die englische Expedition – Nachwort

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