Totengebräuche auf den Salomons-Inseln


Während meines fast sechsjährigen Aufenthaltes auf der Südsee-Insel Neu-Guinea und dem zugehörigen Bismarck-Archipel habe ich wiederholt Gelegenheit gehabt, teils aus eigner Anschauung, teils aus Schilderungen meines schwarzen Hauspersonals, die verschiedenen Bestattungsgebräuche der einzelnen Stämme kennen zu lernen.

Es würde an dieser Stelle für den beschränkten Raum zu weit führen, auf die sämtlichen, gänzlich von einander abweichenden, oft unglaublich komplizierten Zeremonien auch nur in kurzen Umrissen einzugehen; in alle aber lässt sich auch ohne den grossen Apparat der ethnologischen Analyse ein symbolischer Sinn hineinlegen, der bei den Gebräuchen einzelner Stämme unverkennbar in die Erscheinung tritt. Ich will mich darauf beschränken, eine Totenfeier der Salomons-Insulaner ausführlich zu schildern, die ohne Zweifel erkennen lässt, dass zwischen den Gebräuchen dieser Wilden und denen der Kulturvölker eine gewisse Aehnlichkeit besteht.

Nach dem Ableben eines Stammes-Angehörigen wird die Leiche auf kurze Zeit im Sterbehause aufgebahrt; bestimmte Signale auf der durch Aushöhlen eines bis 1 Meter im Durchmesser starken Baumstammes hergestellten Dorftrommel verkünden den befreundeten Dörfern bezw. den umwohnenden Stämmen den Todesfall und den Namen des Verstorbenen.

Sofort machen sich dann dessen Angehörige auf den Weg zum Sterbehause; die Weiber färben sich Kopfhaar, Gesicht und Oberkörper tiefschwarz mittels einer aus Kokosnussöl und Holzkohle bereiteten dickflüssigen Masse. Dumpfe, eintönige Klagelieder, die den Lebensweg des Verstorbenen, sein Tun und Handeln schildern, ertönen, und in langsam feierlichem Zuge wird die Leiche zum Bestattungsplatz getragen.

In der Nähe des alten Wohnhauses des Verstorbenen ist zwischen Palmen und Sträuchern ein Scheiterhaufen errichtet, auf den der Leichnam gelegt wird; auf diesen werden wiederum trockene Stämme und Aeste geworfen, dann wird der Stapel mit Fackeln aus trockenen Palmblättern angezündet. Während dichter Rauch emporsteigt, setzt wieder der getragene, klagende Sterbegesang der Weiber ein, die, zum Teil in eine Art Burnus aus Pandanusblättern gehüllt, um das Feuer gruppiert sind. Unterdessen werfen die Männer Yam, Taro, Bananen und andre Früchte, bei wohlhabenden Familien auch Hunde und Schweine, die der Seele des Verstorbenen als Wegzehrung auf der langen Reise ins Geisterland dienen sollen, zu dem Toten ins Feuer.

In wenigen Stunden ist der Verbrennungsprozess so weit vorgeschritten, dass nur noch ein Häufchen glimmender Aschen- und Knochenreste den Platz bezeichnet, wo die Zeremonie stattgefunden hat. Die Ueberreste des Toten werden von den männlichen Verwandten des Verstorbenen sorgfältig gesammelt und in einem Mattenkorb aufbewahrt. Zum Andenken des Toten errichtet der Stamm über der Verbrennungsstelle kleine zusammenhängende Häuschen aus Bambus und den trockenen Blättern der Sagopalme, in denen der Mattenkorb mit den Knochenresten eine Zeitlang aufgestellt wird. Wenn Wind und Wetter das leichte Buschmaterial dieser Ahnenhäuschen morsch und durchlässig gemacht haben, sodass es der Reliquie keinen Schutz mehr gewähren kann, wird diese in ein Kanu gelegt, von jungen Männern ins Meer hinausgefahren und dort versenkt.

Unsere 4 Bilder veranschaulichen in sehr eindrucksvoller Weise eine solche Totenfeier auf der Insel Bougainville, einer von den beiden Salomons-Inseln, die seinerzeit im Samoavertrage nicht an England abgetreten, sondern deutsch geblieben sind. Bild 1 zeigt den Scheiterhaufen, bereit zur Aufnahme des Toten; Bild 2 den Vorgang während der Verbrennung; auf Bild 3 sammeln die Eingeborenen die Ueberreste; Bild 4 zeigt das an der Verbrennungsstelle errichtete Häuschen.

Wie ich bereits eingangs des Artikels erwähnt habe, ist der eben beschriebenen Totenfeier da draussen in der Oede des stillen Ozeans eine gewisse symbolische Bedeutung nicht abzusprechen. Damit die enteilende Seele das Jenseits erreiche, gibt man dem Toten Lebensmittel mit auf den Weg. Während der Verbrennung erzählen die Verwandten in Gesängen seine Taten — vergleiche die bei uns übliche Leichenrede — und zu seinem Andenken werden die bereits beschriebenen Miniatur-Häuschen errichtet, die die Stelle des bei uns gebräuchlichen Denkmals vertreten. Diese Methode der Leichenbestattung ist namentlich im südlichen Teil der Insel Bougainville üblich. Im Norden kennt man zwei Arten, die Beerdigung und das Versenken des Leichnams ins Meer. Bei diesen Gelegenheiten finden allerlei Festessen und Tänze statt und die Leidtragenden beschmieren sich im Gegensatz zu dem bei der Feuerbestattung geübten Brauch das Gesicht mit weisser Tonerde.

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