Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum – Der Einfluß der Renaissance

Bei den bisherigen Besprechungen hat sich gezeigt, daß unter den Turmhelmen die gotische PYramidenform vorherrschend ist. Wenn sie auch alle späteren Stilperioden überdauerte, so sind doch deren Einflüsse auch auf die Hclmformen unverkennbar. In jeder Zeit sucht der Mensch in der Baukunst wie in jeder anderen Kunst seinen wesenhaften Ausdruck. Verstand und Gefühl, Kopf und Herz sind die beiden Kräfte, die unser Handeln bestimmen. Sie werden in dem Werk willensmäßig zur Tat. Auf dem Wechsel gefühlsmäßig und verstandesmäßig betonter Zeiten beruht letzten Ende der ganze Ablauf der Kunstgeschichte. Wir könnten die notwendige Folgerung dieses Geschehens leicht nachweisen. Der gotische Bauwille, der im 14. Jahrhundert zu der schönsten Vereinigung von Anmut und Kraft geführt hatte, vernachlässigte später das konstruktive Prinzip zugunsten des Dekorativen. Das führte zu Formenspiel und Verirrung.

Jedes große Zeitalter wird von einer großen Idee geschaffen und getragen. Im Mittelalter war es die Gottesidee und die Ausrichtung auf das Jenseits, in der Romanik auf der mehr verstandesmäßigen Grundlage der Scholastik, in der Gotik auf der gefühlsstarken und offenbarungsreichen der Mystik. Mit dem Verblassen der Idee und ihrer lebenspendenden Kraft tritt auch im künstlerischen Schaffen eine Ermüdung und ein Leerlauf ein. Die die Formen füllende und bewegende Idee fehlt. Die Formen werden zu Formeln. Erstarrtes und Morsches ist reif geworden, von einer neuen großen Idee gestürzt zu werden. Weckruf, Aufrüttelung und Revolution folgen einander und werfen veraltete Formen um. Im Zeitalter der Renaissance war es die Idee von der Befreiung der Persönlichkeit, die die Herrschaft der Kirche in ihre Schranken wies und das Vorbild für seine Lebensform in der Antike sah. Das galt auch für das künstlerische Schaffen in der Renaissance. Sie forderte anstatt Bewegung Ruhe und anstatt Verwirrung Klarheit.

Die neuen Formen wurden von Fürsten und Bürgern freudig und willig aufgenommen. Der Wandel war jedoch im Kirchenbau, abgesehen von der Innenausstattung, nicht so durchgreifend wie bei der Errichtung von Schlössern, Rat- und Bürgerhäusern. Dennoch verraten auch die Turmhelme den Einfluß der neuen Zeit. Die aufsteigende Bewegung, die ihren Ausdruck in der betonten Senkrechten fand, wird nun gehemmt durch Gesimse und andere Horizontale. Die klaren und ruhigen Grundformen der Renaissance sind das Quadrat bzw. das Rechteck, in denen das Gleichgewicht von Waagerechten und Senkrechten gesichert liegt, und der Kreis, der nach Aristoteles die vollkommenste Linie darstellt. Er ist das Symbol des vollendeten Spannungsausgleichs, der höchsten Harmonie und des größten Ebenmasses. Die hohe Silhouette des gotischen Helmes wird verkürzt und ein- oder zweimal von einem solchen Rechteck unterbrochen, d. h. es werden prismatische Bauteile eingefügt. Aus Säulen, Arkaden und halbkugelförmigen Kuppeln werden geschlossene und offene Laternen gebildet. Die reiche Verwendung von Holzfachwerk zeugt dafür, daß die deutschen Baumeister auch in der Renaissance ihren Heimatsinn bewahrten.

Die Jakobikirche in Hamburg schmückte bis zum Jahre 1810 ein besonders schöner, schlanker Renaissancehelm (96). Er bewahrte in seiner Erscheinung zugleich gotische Tradition, die in dem wiederkehrenden Kranz von Giebeldrciecken und überhaupt in der starken Bewegung nach oben zum Ausdruck kam.

Die vierseitige Helmpyramide der Jakobikirche in Greifswald (97), die mit Pfannen gedeckt ist, hat ein in Fachwerk gebautes prismatisches Zwischenglied aufgenommen. Einen ähnlichen Aufbau finden wir am Turm der Kirche in Otersen (98), der seltsamerweise an der Ostseite des Gotteshauses steht. Er bildet mit diesem zusammen eine unveränderte, geschlossene Baueinheit. Der prismatische Teil, der zur Aufnahme der Glocke dient, zeigt an jeder Seite ein offenes Ärkadcnfcnster. Obwohl der Helm in der Barockzeit entstand, ist sein Renaissancecharakter unverkennbar.

Der Helm der Kirche in Pilsum in Ostfriesland (99), der sich über dem Zinnenkranz eines alten gotischen, gewaltig schweren Turmes erhebt, zeigt im Prinzip dieselbe Form. Von dem Prisma, dessen offener Durchblick die darin aufgehängte Glocke zeigt, sind nur vier Eckständer übrigge-blicbcn. Es wird von vier flachen Giebeldreiecken gekrönt.

Auf dem Kütertor in Stralsund (100) ragen wie an der Iscrnhagener Kirche (44) die Trapeze und Dreiecke steil und hoch empor. Sie schließen sich oben zu einem kleinen Achteck zusammen. Zwischen diesem und der kleinen Pyramide ist eine geschlossene Laterne eingefügt.

Als weitere Beispiele aus der Zeit um 1600 sollen noch der Turmhelm der Bristower Kirche in Mecklenburg (102) und der Dachreiter auf dem Gotteshaus in Ahrensburg genannt werden. Er entstand mit der Gesamtanlagc der Kirche, der mit ihr im Süden und Norden parallel laufenden Zeilen der „Gottesbuden“ und des Schlosses im Jahre 1596 im Aufträge des Grafen von Rantzau. Er beherrscht in seiner edlen und klaren Form ein Idyll, das von schönen, gewaltig hohen Bäumen, die für Ahrensburg so charakteristisch sind, umrahmt wird.

In Danzig, das von den Wirren des 30jährigen Krieges verschont blieb, hat die Entwicklung der Renaissance nicht den allgemeinen jähen Abbruch erfahren. Auf der Katharinenkirche in Danzig führen von den Ecken des Turmes und von den Mitten des oberen Turmrandes die hohl und flach geschwungenen Gratlinien des Haupthelmes zu einer schmuckreichen, von einem Umgang umgebenen, offenen Laterne hinauf. Sie ist durch eine breite Glockenform von einer zweiten, kleineren, offenen Laterne getrennt, die wiederum eine ähnliche Kuppel mit fein gedrehter Spitze trägt. Auf den Ecken stehen vierkantige Türmchen, die durch ein um den Dachrand laufendes Gitter verbunden sind. Sie tragen zierliche Helme, die ebenso wie die Spitze des Haupthelmes an feinste Drechslerarbeit erinnern.

Ein ganz verwandtes Bild zeigt dort der Helm des Rathauses (XIV) an der Langgasse. Sein Turm stammt ebenso wie der der Katharinenkirche aus gotischer Zeit. Der des Rathauses erhielt nach einem Brande (1556) seine heutige charakteristische Bekrönung. Der hohe, kunstvoll gestaltete Helm will den der Katharinenkirche an Zierlichkeit noch übertreffen. Vor dem Stundenschlag senden die Glockenspiele der Türme von Rathaus und Kirchen eine Reihe von Liedern und Choralen durch den Äther, die noch immer von dem einstigen Sieg der Reformation in der Stadt des Koper-nikus künden.

Die Renaissance wird von Anhängern der Gotik und des Barock gern als Intellektualismus verdammt. In Wahrheit gibt es aber kein Kunstschaffen ohne Denken. Wenn auch der Antrieb und der große Wurf aus dem Gefühl hervorgehen müssen, so ist doch an der Realisierung der Idee der Intellekt mindestens in gleichem Maße beteiligt. Die Vollendung finden wir allemal dort, wo das fühlende Herz und der denkende Kopf gemeinsam am Werk sind. Der junge Goethe sagte unter dem Eindruck des Straßburger Münsters: „Gefühl ist alles!“ Der reifere Dichter hat deutsches Leben und deutschen Geist in klassische Form gekleidet. Wohl sind der faustische Drang und die bildnerische Phantasie das Primäre, aber des ordnenden Geistes können sie nicht entraten. Wohl erschienen die Triebkräfte in der Gotik und im Barock jugendlicher und überwältigender. Aber trotz der starken Bindung an die Antike lebten auch in der Renaissance gewaltige bildende Kräfte, die von innen heraus gestalteten und ihrer Zeit ein wahres Gesicht gaben. Doch wurden sie gebändigt und nach dem Vorbild der Antike in edlem Maß gehalten. Schöpferische Erstarrung tritt erst dort ein, wo der Verstand die Gefühlsbewegung erstickt, wo die von innen her gestaltenden Kräfte versiegen und man sich mit dem äußerlichen Aufbau alter Formen begnügt. Dennoch kann der griechische Formadel für deutsches Schaffen immer nur etwas Sekundäres bedeuten. Das Wesentliche und Ursprüngliche der germanischen Kunst liegt in der Energie und Dynamik, das der griechischen in der Statik und formalen Vollendung. In gotischen Domen und barocken Bauformen triumphieren Kraft und Freiheit. Aber darin liegt eine Gefahr. Die Gotik und der Barock liefen sich tot, als sie in der Gesetzmäßigkeit nicht mehr ihre Grenze fanden. Nach jeder Formverwilderung wurde das antike Vorbild wieder der Kompaß für deutsches Kunstschaffen.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

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Die typischen Formen romanischer Turmhelme
Schrumpfformen des Helmes und das kreuzförmige Satteldach