Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum – Der Einfluß des Klassizismus


Die Kehrseite des Barock und des Rokoko wurde der Klassizismus. Niemals hatte die Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts ihre Verbindung mit der Antike, beziehungsweise der Renaissance, auf deren Formen und Grundlagen sie erwachsen war, gänzlich gelöst. Das finden wir in der Architektur, der Malerei und der Plastik bestätigt. Fürsten wurden gern als antike Heroen dargestellt. Der Barock hatte nur gegenüber leeren Formen nach kraftvolleren gesucht und nach tieferer Beseelung verlangt. Der schwärmerische und süßliche Charakter des späten Rokoko, der auch auf anderer Ebene in Klopstocks Dichtungen unverkennbaren Ausdruck fand, erfuhr eine Abkühlung durch die Aufklärung, deren Kunstform der Frühklassizismus war. Er war eine gedankliche Richtung ohne künstlerische Freiheit, die auf rein verstandes-mässiger Verwendung antiker Formen beruhte. Er umfaßte die Zeit von 1770—1800. Friedrich d. Gr. unterstützte diese Bewegung sehr. Wir finden in •seinen Bauten, deren Schöpfer Gontard und Knobelsdorff waren, immer wieder die Kuppel und die Säulenreihe. In diesem Sinne entstanden die Gendarmenkirche, die Französischen Kirchen in Berlin und Potsdam, die Hedwigskirchc in Potsdam (im 19. Jahrhundert vollendet) und die Neue Kirche in Berlin.

Erst mit den begeisterten und begnadeten Künstlern Schinkel, Gilly und Semper entstand der reife Klassizismus, an dem dann auch ein größerer Teil des Volkes lebendigen Anteil nahm. Die Kuppel der wundervollen Nikolaikirche in Potsdam ist ein Werk Schinkels. Eine andere niederdeutsche Residenzstadt, Ludwigslust, wird noch heute von den edlen Bauformen jener Zeit beherrscht. Die Kirchen dieser Zeit, zu denen die dortige Schloßkirche und die Englische Kirche in Hamburg gehören, weisen jedoch oftmals keine Türme auf. Dennoch muß hier auf die Kirche in Husum (178) hingewiesen werden, die ein Ergebnis der klassischen Bauweise ist. Wenn hier von einem Helm gesprochen werden soll, so kann man darunter wohl nur die halbkugelförmige Kuppel mit dem Kranz verstehen. Sie muß jedoch notwendig im Zusammenhang mit der ganzen Turmfassade betrachtet werden. So empfinden wir die klare Aufteilung, die Ausgeglichenheit von Last und Kraft, das Gleichgewicht von Waagerechten und Senkrechten und überhaupt die feierliche Schönheit des Maßes.

In der Kirche in Krempe in der Marsch (179) hat sich mehr als sonst irgendwo auch unter dem nivellierenden Gewände des Klassizismus die Kraft des Volkstums und die Bodenständigkeit behauptet. Ein mächtiger Vierkantturm, dessen beträchtliche Flächen nur ein schönes, schlichtes Portal und je ein Paar nicht große Rundbogenfenster beleben, wird oben von einem Gitter mit massiven Ecken umsäumt. Er trägt einen wuchtigen, fensterlosen Rundturm, dessen gleiche Breite und Höhe ihm ein gewaltiges Gewicht geben. Sein einziger Schmuck sind eine klein und gedrückt wirkende Rundbogentür an der Stirnseite des Turmes und ein Tropfenkranz unter dem Randgesims. Über den Rundturm wölbt sich eine patinagrüne, halb-kugelförmige Kuppel, über deren Scheitel sich eine offene, runde Laterne mit acht Bogenfenstern erhebt.

Als dritte muß hier die Vicelinkirchc in Ncu-münster genannt werden. Alle drei sind als Werke des dänischen Baumeisters Hansen nach dem Vor-bildc der Frauenkirche in Kopenhagen entstanden.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

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