Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum – Einfluß der Gegenwart


Fragen wir nun nach Bedeutung und Stellung des Turmhelms im gegenwärtigen Bausdiaffen. Stadttore werden heute nicht mehr gebaut. Es käme für unsere Betrachtung also vornehmlich seine weitere Entwicklung auf Kirchen in Betracht. Hier wird es nötig sein, das Problem des Kirchenbaus der Gegenwart ein wenig zu beleuchten. Von vornherein kann wohl bemerkt werden, daß für den Turmhelm der Kirche mit dem Abschluß des 18. Jahrhunderts seine größte geschichtliche Bedeutung vorüber war. Das 19. und 20. Jahrhundert hatten neben dem religiösen ganz andere Impulse zu hervorragender Stärke entwickelt. Sie haben auf wirtschaftlichem Gebiet ihre gigantische Entfaltung erfahren und auch dort im BauwiHen einen alles überwältigenden Ausdruck gefunden. Die gewaltige Umformung des Lebens konnte auch den Kirchenbau auf die Dauer nicht unberührt lassen. Heute soll auch für Kirchen und Türme die Zeit der Nachahmung vorüber sein. Auch sie sollen ein zeitgemäßes Gesicht haben. Auch sie sollen den Formcharakter annehmen, den Technik und Verkehr geprägt haben. Es ist wohl nicht leicht, in diesem Geiste für gläubige Seelen Kirchen zu bauen. Die katholische Lehre ist unwandelbar und im Mittelalter verankert. Es ist zweifelhaft, ob ihre Anhänger in Gotteshäusern, die jede Romantik und Mystik vermissen lassen, volles Genügen finden. Die evangelische Kirche kann auf alle Mystik verzichten. Sie will ihrem Wesen nach Predigtkirche sein und nur durch das Wort wirken. Aber auch unter den Protestanten sind viele, deren religiöse Bindung und Erbauung zu nicht geringem Teil auf dem Raumzauber unserer schönen alten Kirchen und auf der suggestiven Wirkung ihrer kostbaren Einrichtungen und schmückenden Beigaben beruhen. Sie erwecken durch ihre Ehrwürdigkeit Ehrfurcht, die an sich schon einer gewissen Einstimmung und Frömmigkeit gleichkommt. In einer Zeit, in der die letztere in weiten Kreisen gelockert ist oder nichtkirchliche Formen angenommen hat, muß es besonders schwer sein, neue Kirchen zu bauen, die die Seelen in gleichem Maße bindet wie die alten erhabenen Zeugen der Vergangenheit.

Heute, nachdem in Deutschland das völkische Bewußtsein wieder lebendig wurde, ist es selbstverständlich, daß auch die unserer Volksseele eigentümliche Formkraft zu neuem Leben erwacht. Die überwältigende Wucht des gotischen Bauwil-Icns beseelt wieder unsere heutige Baukunst. Wenn wir auch nicht die besonders betonte Senkrechte wiederfinden — sie war ja nur der Ausdruck für die transzendentale Seite des gotischen Geistes — so spüren wir doch in unseren gigantischen Bauten von heute die gleiche zusammengeballte Kraft. Allerdings stehen heute in den großen Städten nicht mehr die Kirchen an erster Stelle im Bauprogramm, sondern riesige Kontorund Handelshäuser und Werkanlagen. Ohne ihre hohen Helme würden sich Hamburgs Kirchen schon heute kaum neben solchen Bauten behaupten können. Kirchliche Neubauten haben dagegen nur eine untergeordnete Bedeutung. Ihre Errichtung erfolgt eigentlich nur in neuen Sicdclungsgcbictcn.

Vertikale und Horizontale sind heute in gleichem Range die herrschenden Linien. Kubische und prismatische Bauglicder von gewaltigen Ausmaßen fügen sich zu organischen Einheiten zusammen. Wo bleibt da noch Platz für Turmhclmc? Die Türme treten als hohe gemauerte Prismen auf und zeigen keinen Helm oder nur die unbetonte Andeutung eines solchen. (Kirchen in Hamburg-Langenhorn und am Straßburger Platz in Ham-burg-Bambeck.) Oder sie bedeuten einen schüchtcrnen Widerhall aus vergangener Zeit. Das reizende neue Kirchlein in Hamburg-Meiendorf schmückt in diesem Sinne ein kleiner Dachreiter. Vielleicht ist die Zeit der hohen, prächtigen Turmhelme ganz vorüber. Vielleicht gehören sie für immer der Geschichte an, um mit Stolz und Würde, mit Ernst und Frohsinn von dem großen Kulturschaffen vergangener Zeiten zu erzählen. Dann sind sic unseres besonderen Schutzes und unserer besonderen Würdigung wert. Vielleicht ist aber der Turm mit seinem Helm dem Deutschen doch so stark in die Seele eingezeichnet, daß er als ein traditionelles, unauslöschliches Symbol immer wieder zum Leben erwacht.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

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