Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS

Als Glied im Kreise der europäischen Kunst des 18. Jahrhunderts hat Deutschland an den großen Wandlungen des europäischen Geschmacks in diesem Zeitraum Anteil. Diese Veränderungen nehmen aber den besonderen Verhältnissen unseres Vaterlandes gemäß einen von der Gesamtentwicklung in bestimmter Weise abweichenden Verlauf. Das Jahrhundert, das uns hier beschäftigt, fällt in die Epoche, wo der Barockstil in Europa seinen Höhepunkt erreicht hat und mit dem Rokoko in sein letztes Stadium tritt. Man kann das Wesen und die Geschichte der deutschen Kunst dieses Zeitraums nicht verstehen, ohne ihre Stellung in dem großen Bilde der europäischen Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts zu kennen.

Nur wenige Jahrzehnte bedurfte Deutschland, um sich aus den Trümmern des Dreißigjährigen Krieges neuverjüngt zu erheben. In dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts lebte die künstlerische und geistige Kraft wieder auf und mit der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert entfaltete der deutsche Genius aufs herrlichste seine Schwingen.

Nun beruhen aber die Grundlagen, auf denen die neue Kunst Deutschlands sich aufbaut, nur zum geringsten Teile in den bodenständigen Überlieferungen des Landes. Die heimische Spätrenaissance hat zwar besonders in den Kunsthandwerken der süddeutschen Reichsstädte durch den Dreißigjährigen Krieg hindurch fortgelebt. Eine Fülle von künstlerischer und handwerklicher Geschicklichkeit hat sich in diesen Kreisen von den Vätern auf die Sohne vererbt. Nürnberg und Augsburg haben in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts den Ruhm, den sie in der Renaissanceepoche erworben, behauptet. Allein der Aufschwung des deutschen Kunstlebens im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts ist in der Hauptsache durch die Anknüpfung an den Barockstil Italiens, der Niederlande und Frankreichs erfolgt. Während die deutschen Gaue von der Kriegsfurie verwüstet und die deutschen Gemüter durch die politischen und religiösen Kämpfe zermürbt wurden, hatte sich in Italien und damit im Zusammenhang in den Niederlanden und in Frankreich der künstlerische Geist ungehindert entfalten können. In Rom, in Antwerpen, in Amsterdam und in Paris hat sich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die europäische Kunst von der Spätrenaissance befreit und den Barockstil geschaffen. Das wichtigste Kennzeichen dieses Stils ist die zusammenfassende große Form, ob es sich um die Architektur, um die Bildnerei oder um die Malerei handelt. Der Barock erwächst auf den von der Renaissance unter Benutzung antiker Formen und Ideen geschaffenen Grundlagen. Eigentümlich ist der neuen Anschauung das Streben nach stärkerem räumlichen plastischen und malerischen Ausdruck, verbunden mit tieferer Beseelung. Eine Fülle neuer Behandlungsweisen und technischer Mittel, sowohl in der großen Kunst wie in dem Kunsthandwerk — man denke z. B. an die Keramik —, kommt damit empor. Eine Reihe äußerer Umstände haben die Aufnahme des Barock in Deutschland nach dem Dreißigjährigen Kriege befördert. Die durch die Reformen der Päpste und die Wirksamkeit der Orden neu gestärkte katholische Kirche war in erster Linie die Vermittlerin der barocken italienischen Kirchenkunst nach dem Süden Deutschlands. Der protestantische Kirchenbau im Norden Deutschlands entwickelte sich in Fühlung mit dem der Niederländer und der französischen Hugenotten.

Die Hauptträger der weltlichen Kunstpflege waren jetzt die Fürsten, deren Macht aus dem Westfälischen Frieden so stark wie nie zuvor hervorgegangen war, und der ebenfalls wieder gekräftigte Adel. Und diese Kreise wurden ganz von selbst darauf gewiesen, dem modernen Kunst- und Lebensstil der italienischen Höfe und alsbald dem des alle überstrahlenden Hofes Ludwigs XIV. nachzueifern. Die Umgangsformen, die Bildung und Etikette der Mehrzahl der deutschen Fürsten und der höfischen Gesellschaft kleideten sich in italienische und französische Formen. Dieser Wandlung hat zweifellos die nach dynastischen Gesichtspunkten betriebene Politik der Fürsten Vorschub geleistet. Waren doch mehrere von ihnen, wie Kaiser Leopold I., Kurfürst Ferdinand Maria von Bayern, Jan Wilhelm von der Pfalz mit spanischen und italienischen Prinzessinnen verheiratet. Im Norden knüpfte die Verbindung der Häuser Brandenburg und Anhalt mit dem der Oranier die Verbindung mit Holland.

Die Kunst in Deutschland ist also zunächst ein Teil der europäischen Barockkunst, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein internationaler Besitz der Kirche, der Fürsten und des Adels geworden war. Wie die Kunst der Renaissance, so hüllt sich auch die des reifen Barock in die Formen der Antike. Überwiegend sucht sie in den darstellenden Künsten eine Schönheitsidee und nicht die unmittelbar angeschaute Natur zu gestalten. Auch darin ist sie eine Fortsetzung der Grundströmungen der Renaissance.

Es ist nun daran zu erinnern, daß schon in der Zeit vor dem Dreißigjährigen Kriege die Kunst in Deutschland eine Reihe von Ansätzen zu dem klassischen und idealisierenden Geschmack der italienischen Spätrenaissance aufzuweisen hat. Man denke an die. in Italien gebildeten Niederländer und Deutschen am Hofe Rudolfs II. in Prag, an Baumeister, wie an Schickhart in Stuttgart, an Holl, den Erbauer des Augsburger Rathauses, und an Sustris, den Schöpfer der Münchner Jesuitenkirche St. Michael, an Bildhauer wie Pieter Candid in Augsburg und München und endlich an den ersten römischen Maler deutscher Nation Elzheimer aus Frankfurt. Neben München, Prag und Wien ist Salzburg unter den Erzbischöfen Wolf Dietrich und Marcus Sittich ein Vorort der italienisierenden Richtung im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts. Noch während der ersten, für den Kaiser und die katholische Liga glücklichen Hälfte des Dreißigjährigen Krieges geht diese Entwicklung weiter, wofür die unter Kurfürst Maximilian von Bayern entstandenen Teile der Residenz in München, eine Reihe von Kirchengründungen dieses Fürsten und des Herzogs Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neu-burg, wie auch Wallensteins Palast- und Gartenschöpfungen in Böhmen zeugen. Die Schriften des trefflichen Ulmer Stadtbaumeisters Furttenbach, der auch in Italien gereist war, zeigen das Umsichgreifen wenigstens der Theorien in der späteren Epoche des Krieges. Die nach dem Kriege einsetzende Kunsttätigkeit bildet mithin eine Fortführung der in der Spätrenaissance eingeleiteten Bewegung.

Der im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts beginnende Barock in Deutschland ist aber keine aus der künstlerischen Kraft des Landes von innen heraus kommende Erscheinung, wie der italienische, niederländische und französische. Das wird durch die große Zahl jetzt einwandernder oder von den Fürsten berufener italienischer, niederländischer und französischer Künstler dargetan. S i e sind die Träger der neuen Ideen, aber nicht die Bauhandwerker und die Zimmerleute der deutschen Reichsstädte, die Tischler, Silberschmiede, Glas- und Fayencemaler, die Elfenbeindrechsler, die Waffenschmiede, Eisenschneider und Schlosser von Nürnberg und Augsburg, die freilich beim Wiederaufbau mitwirken. Die Frühzeitdes deutschen Barock umfaßt die Jahrzehnte von rund 166o bis 1690, also die Epoche Kaiser Leopolds I., des Kurfürsten Ferdinand Maria von Bayern und des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg.

Die Reife des deutschen Barock beginnt im letzten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts und dauert bis in die Mitte der dreißiger Jahre des 18. Jahrhunderts. Die markantesten Fürsten dieser Epoche sind Kaiser Joseph I., sowie namentlich sein Bruder und Nachfolger Karl VI. (1711 bis 1740), ihr großer Feldherr und Staatsmann, Prinz Eugen von Savoyen, nicht zu vergessen; dann Max Emanuel von Bayern, Friedrich I. von Preußen und August der Starke von Sachsen und Polen. Mehrere geniale Meister haben die Gedanken des Barock im deutschen Sinne fort- und umgebildet: Schlüter, Bernhard Fischer von Erlach, Lukas von Hildebrandt, Pöppelmann und Balthasar Neumann, der letztere bereits in die Folgezeit hinüberführend. Die italienische Strömung kreuzt sich in den Schöpfungen dieses Zeitraums mit der mehr und mehr eindringenden französischen, dem Stil Louisqua-torze. Die in Frankreich auf das Louisquatorze folgende „Regence“ ist in Deutschland nur in der Ornamentik des späteren Barock zu beobachten.

Seit der Mitte der dreißiger Jahre geht der Barock in den Rokokostil über. Der Rokokostil bringt den der deutschen Kunst eigentümlichen Raumsinn zur höchsten Entfaltung. Das Barockornament lockert sich unter Anregung von seiten des französischen Louisquinze zum Rocailleornament. Der Kurfürst Karl Albert von Bayern, der kurze Zeit und ohne Glück als Karl VII. den Kaiserthron innehatte, und sein Bruder, der Kölner Kurfürst Clemens August, Friedrich der Große und Maria Theresia sind die wichtigsten fürstlichen Vertreter des Rokokozeitalters in Deutschland, Als überragende Künstler sind der schon genannte Balthasar Neumann in Würzburg, Francois Cuvillies und der Kirchenbaumeister Johann Michael Fischer in München, sowie der Freiherr von Knobelsdorff in Berlin aus der Fülle trefflicher Meister hervorzuheben. Das Rokoko erreichte um die Mitte des Jahrhunderts den Höhepunkt. Seine Nachblüte endete aber erst gegen 1770.

Mit diesem Zeitpunkt beginnt eine abermalige Wandlung. Wir kommen zur dritten Generation des Jahrhunderts, zur Epoche des FRÜHKLASSIZISMUS. Der Name ist nicht glücklich, allein besser als der des „Louis-seize“. der nur für die gleichzeitige Entwicklung Frankreichs berechnet ist, oder gar der des „Zopf“. Die Kaiser Joseph II. und Leopold II.. Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz. Friedrich Wilhelm II. von Preußen und Karl August von Weimar sind unter den Regenten dieses Abschnitts die bekanntesten. In dem letzten Drittel des Jahrhunderts verschmelzen sich die in dem Barock und Rokoko wirkenden Kräfte langsam mit neuaufkommenden künstlerischen Grundsätzen. Endlich aber verfallen sie unter dem Druck gewaltiger äußerer und innerer Umwälzungen der Auflösung. Um die Wende zum neuen Jahrhundert sinken zugleich mit dem alten deutschen Reiche die aristokratischen Mächte dahin, deren durch den Dreißigjährigen Krieg begründete Vorherrschaft die Entfaltung der Kunst und Kultur des Barock und Rokoko bedingt hatte.

Die Gliederung in die Hauptstilabschnitte ist natürlich nur ein Schema nach äußerlichen Kennzeichen, das uns den Verlauf der fortgehenden Entwicklung klären hilft. Dieser Verlauf selbst geht ohne Unterbrechung seinen Weg. Er spiegelt den Gang der sinnlichen und seelischen Empfindung unseres Volkes in der Epoche seit dem Dreißigjährigen Kriege bis zum Ende der alten Reichsherrlichkeit.

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung

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    7. Juni 2015

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