Um auf die schöngeistigen Künste zu kommen…

Deutschland, der Träger der Welt-Kultur.

…so steht wohl fest, dass die Grösse eines Künstlers nicht davon abhängt, dass er auf der ganzen Welt ausstellt, um Preise zu erringen. Haben Sie je von Laszlo gehört, einem der grössten, vielleicht dem allergrössten Porträtmaler der Gegenwart? Hat er je in diesem Lande zu dem Zweck ausgestellt, um Preise zu gewinnen? Oder Franz von Stuck, der bedeutendste lebende deutsche Künstler? Hat er jemals hier in derselben Absicht ausgestellt? Wie steht’s mit dem berühmten Böcklin , dem grossen Menzel und dem genialen Leibl? Sind sie Ihnen bekannt? Wie mit Lenbach und dem grossen Genie Segantini, von dem nicht ein einziges Gemälde in diesem Lande vorhanden ist?

In der internationalen Ausstellung zu Venedig vor ein paar Jahren waren Franz von Stuck zwei Säle zur Ausstellung seiner Werke zur Verfügung gestellt, und einen Saal erhielt Anders Zorn, der Schwede. Diese beiden waren unter allen Künstlern der Welt ausgewählt worden. Ausser den bereits genannten gibt es heute und seit den letzten fünfzig Jahren eine ganze Reihe hervorragender deutscher Künstler, Maler wie Bildhauer, von denen die Anführung einiger weniger Namen genügen mag: Feuerbach, Moritz Schwindt, Max Klinger, Begas, Anton von Werner, Kaulbach, Rauch, Max von Koner, Fritz von Uhde, Bartels, Hans Thoma, Toni Stadler, Keller, Fritz Erler, Liebermann, Heinrich Zügel, Schramm – Zillau , Orlik, Hengeler, Hildebrandt, Ignatius Taschner, Lederer, Hahn, Wreba, Gaul, die Worpsweder Künstler etc. Besitzen sie nicht alle europäische Medaillen von höchstem Rang und Wert? Und studieren nicht alle amerikanischen Künstler in München sowohl wie in Paris? Hier mag die Tatsache von Interesse sein, dass seit dem Tode der berühmten Barbizon-Meister (Corot, Millet, Diaz, Dupre usw.) und der grossen modernen Holländer (Israels, Mauve, Maris usw.) der Mantel auf die Schultern der amerikanischen Künstler gefallen ist. Zweifellos eine hohe Auszeichnung für eine so junge Nation! Und in der Tat nehmen in der heutigen Kunstbewegung die Künstler der Vereinigten Staaten, als Gesamtheit betrachtet, vielleicht den ersten Rang ein.

Aber haben nicht die besten von ihnen in München studiert? Ist es nicht während der letzten Jahre in den Vereinigten Staaten für die Jünger der Kunst zu einem Losungswort geworden, nach München zu gehen? Sachverständige räumen ein, dass Deutschland in Bezug auf Malerei und Skulptur in der Welt an zweiter Stelle steht, dass es aber, was bildende Kunst und Kunstgewerbe zusammengenommen anbetrifft, unter allen Staaten an der Spitze steht. Deutschland ist das Land originaler Gedanken. (Interessant dürfte es sein, die neue deutsche Architektur, ferner deutsche Graphik, zu studieren und deutschen Reklamezetteln und Karikaturen Aufmerksamkeit zu schenken. Man kann sich auch davon überzeugen, wenn man Ausstellungen besucht und verschiedene Kunstzeitschriften studiert. Eine Ausnahme bildet hier das „International Studio”, eine rein englische Zeitschrift, die die Mission zu haben scheint, die deutsche Kunst völlig zu ignorieren.)

Befinden sich nicht die grössten Kunstschätze der Welt in Deutschlands vier Gallerien alter Meister, nämlich in der Königlichen Gallerie zu Dresden, die von allen Gallerien die verhältnismässig grösste Anzahl der in der Welt populärsten alten Meister enthält; im Kaiser Friedrich Museum zu Berlin, in der Königlichen Gallerie zu Kassel und in der alten Pinakothek zu München, während in Frankreich nur ein einziges derartiges Kunstmuseum für alte Meister zu finden ist: der Louvre in Paris? In England gibt es deren zwei: die Nationalgallerie und die Wallace Collection, und in Russland eins: die Eremitage in St. Petersburg. Ich erwähne hier nicht Deutschlands Gallerien moderner Kunst wie das Nationalmuseum in Berlin, die Neue Pinakothek in München und viele andere, will aber bemerken, dass der Louvre und Londons National-Gallerie einen grossen Prozentsatz von Werken moderner Kunst enthalten. Englands erster Kunstkritiker, John Ruskin, behauptet, die deutsche „Kleinkunst” des Mittelalters sei die grösste Kunst aller Zeiten.

Friedrich Wilhelm von Frantzius.