Vaterland vor der Wiedergeburt

Samstag, 4. März 1922 (USA.)

Wenn heute ein Passagierdampfer mit der deutschen Flagge am Heck in New York ankommt und nach der Quarantäne – Abfertigung in der unteren Bai den Hudson hinauf seinem Pier zustrebt, dann versammelt sich,- wenn das Schiff auf der Höhe von Hoboken angekommen ist, alles was deutsch ist an Bord auf der Backbordseite und wehmütige Blicke fallen von Passagieren, und ganz besonders von der Schiffsbesatzung, auf einen am Regierungsdock in Hoboken liegenden Dampferkoloss, der berghoch über die Piers und seine kleineren Kollegen hinausragt und in seiner äusseren Erscheinung ein Bild deprimierendster Verwahrlosung bietet. Und oftmals hat Schreiber dieses, den der Beruf viele in New York eintreffende Dampfer an der Quarantäne besteigen lässt, schmerzerfüllte Ausrufe des Zweifels gehört, dass dieser mit in nahezu allen Farben des Regenbogens schillernden Anstrichen bekleckste und verschmierte Riesenkahn der ehemalige deutsche Seepalast, der stolzeste aller deutschen Prachtdampfer, die „Vaterland“ der Hamburg-Amerika-Linie, sein könne. Manches seemännische Kraftwort hat er von den Kapitänen und Offizie ren auf der Brücke gehört, dass es eine Schande sei, dieses Prachtschiff untätig im Uferschlamm versinken zu lassen, und es waren durchaus nicht immer deutsche Schiffe, auf denen sich begreiflicher Berufsingrimm Luft machte. Gibt es doch für einen Seemann, egal, welcher Nation er angehört, keinen traurigeren Anblick, als ein stolzes, prächtiges, seetüchtiges Schiff dem Verfall preisgegeben zu sehen, denn ein Schiff ist ihm nicht nur Lebensbedingung, es ist ihm, dem ewigen Wanderer über die Weltmeere, gleichzeitig auch Heimat und alles, woran sein Herz mit den letzten Fasern hängt.

Wer die ehemalige „Vaterland“ in ihrer leider so kurzen Glanzperiode gesehen hat, kennt sie allerdings heute, falls er nicht zufällig Schiffskonstrukteur oder Seemann oder sonst irgendwie mit „Seebeinen“ behaftet ist, kaum wieder. Mit ihrem deutschen Namen, der bekanntlich, als die Vereinigten Staaten in den Weltkrieg eintraten und die hier liegenden deutschen Schiffe beschlagnahmten, in „Leviathan“ abgeändert wurde, hat sie auch ihren deutschen Glanz, den inneren sowohl wie den äusseren, eingebüsst, nur die Riesenausmasse des deutschen Schiffswunders sind geblieben. Sie diente im Kriege als Truppentransport, und man hat, als sie zu diesem Zwecke eingerichtet wurde, besonders in ihrem Innern gründlich aufgeräumt. Das ist zweifellos zweckentsprechend und daher notwendig gewesen; was nicht notwendig war, ist, dass man dabei mit einer förmlich mittelalterlich anmutenden Bilderstürmerwut zu Werke ging und die ganze innere Pracht, die ihres Gleichen auf keinem anderen Schiffe der Welt und nur in wenigen Landpalästen hatte, vernichtete und verhunzte.



Wohl hiess es damals, die kostbaren Decken- und Wandgemälde seien vorsichtig abgenommen und aufbewahrt worden, aber seither ist nichts wieder davon gehört worden, und Tatsache ist, dass die überaus wertvolle Inneneinrichtung, wie Mobiliar, Restaurant- und Küchenausrüstung, in alle Winde zerstreut worden ist. Wie überhaupt bei der Verwaltung feindlichen Eigentums hierzulande, ist es auch hierbei nicht ganz „reinlich“ zugegangen, und in Hoboken kursierten damals ganz unglaubliche Geschichten, wonach Dockarbeiter und andere Personen, die Zutritt zu den Regierungsdocks hatten (Deutsche durften sich damals dort nicht blicken lassen) ihre Heime mit sehr bequemen und noch weit billigeren Klubsesseln und anderen Möbeln und Ausrüstungsstücken ausgestattet hätten, an deren Anschaffung sie sonst in ihrem ganzen Leben nicht hätten denken können. Die überaus wertvolle Wandtäfelung, die durch alle Säle und Kabinen des Schiffes ging, wurde herausgerissen und achtlos auf die Piers geworfen; niemand hat sich mehr darum bekümmert, und Fama will wissen, sie habe schliesslich als Brennholz für jeden gedient, der Lust hatte, soviel er davon tragen konnte nach Hause zu schleppen.

Als dann der Krieg zu Ende ging, wurde der „Leviathan“ in Hoboken gedockt, und dort hat er seither gelegen, immer weiter im Schlamm versinkend, so dass heute schon die Baggerarbeiten, um das Riesenschiff wieder in offenes Wasser schleppen zu können, ein nettes Sümmchen verschlingen werden. So verwüstet und verwahrlost wie in seinem Innern, sieht er heute auch äusserlich aus. Die früher spiegelblanken Verdecke sind — es gibt keinen anderen Ausdruck dafür verdreckt, und aussenbords frisst der Rost an allen Stellen, wogegen auch die vielfachen Menniganstriche, immer einer über den andern, nicht helfen können. Die Bundesregierung hat den Riesenkahn ausgeboten wie saures Bier, aber niemand wollte ihn haben.

Nunmehr hat sich die Regierung entschlossen, ihn wieder als Passagierdampfer einzurichten und durch die Bundes-Schiffahrtsbehörde in Dienst stellen zu lassen. Es heisst, dass die gewaltigen Turbinen und sonstigen Maschinen an Bord sich in vorzüglicher Verfassung befinden und nur die Akkommodationen für Passagiere wieder einzubauen seien. Auch das wird ein ziemlich teures Vergnügen für Onkel Samuel werden, denn es ist dafür ein Betrag von zehn Millionen Dollars angesetzt. Sicherlich mehr als die Hälfte dieser Rekonstruktionskosten hätte erspart werden können, wäre man damals beim Umbau in einen Truppentransport etwas vorsichtiger verfahren und hätte die vorhandene Inneneinrichtung im Werte von vielen Millionen Mark (wohlverstanden damalige Goldmark, keine heutigen Papiermark) hinter Schloss und Riegel in sachgemässer Weise aufbewahrt. Was allenfalls davon noch vorhanden sein sollte, dürfte kaum mehr verwendbar sein.

Aber Onkel Samuel, vielmehr sein getreuen Neffen (und das sind wir, lieber Leser, Du und ich und die anderen auch) haben es ja dazu, und im Krieg sind so zahllose amerikanische Million verpulvert worden, dass es schliesslich nicht darauf ankommt, ob für die Wiederherstellung des „Leviathan“ noch einige mer draufgehen. Ausserdem haben wir Deutsch-Amerikaner zwei gute Gründe, der Rekonstruktion des „Leviathan“ mit Interesse entgegen zu sehen. Wir werden die Genugtuung haben, dass der grösste amerikanisch Passagierdampfer, und überhaupt der grösste Passagierdampfer der Welt, deutschen Ursprungs ist, und wir werden nach vollendetem Umbau interessante Vergleiche über deutschen und amerikanischen Binnenchiffsbau anzustellen in der Lage sein. Der Verfasser dieses Artikels jetzt sch seine unmassgebliche Ansicht dahingehend äussert, dass man es hier wohl fertig gebracht hat, aus dem achten Weltwunder „Vaterland“ einen recht traurigen und verwahrlost „Leviathan“ zu machen, dass man aber nie und nimmer imstande sein dürfte, die „Leviathan“ in die prächtige, stolze „Vaterland“ zurück zu verwandeln.

OTTO MARSCHALL.

Siehe auch:
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
Die Lüge als Fundament
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
Krupp-Werk in Friedens-Arbeit
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Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
Jerusalem die Heilige Stadt
Die Schwarzen Truppen in Deutschland
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„Bismarck“-„Majestic“- der Meeresriese
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Klein-Amerika in Ostpreussen
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Eine Hamburger Überseewoche
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    5. März 2018

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