Verarmte deutsche Ansiedler in Jamaika : Ein Notschrei aus Westindien

Etwa 60 Kilometer landeinwärts von Montego-Bai, einem Hafenstädtchen an der Nord Westküste Jamaikas, liegt auf dem Hochplateau, welches den üppig fruchtbaren, aber fieberschwangeren Küstengürtel überragt, ein bescheidenes Oertchen. Aermliche, mit Schindeln oder nur mit Stroh gedeckte Holzhütten, die einen, höchstens zwei Räume umschliessen, um ein schlichtes steinernes Kirchlein gelagert, bilden den Flecken Seafordtown. Die Bevölkerung Jamaikas besteht grösstenteils aus Negern und Halbblütigen, Nachkommen der schwarzen Sklavenbevölkerung, welche bei Aufhebung der Sklaverei im Jahre 1834 der weissen Herrenrasse auf der Insel mit 320000 gegen 38 000 Köpfen gegenüber stand. In Seafordtown aber begegnet der erstaunte deutsche Besucher auf Schritt und Tritt Gestalten, die ihn in die Heimat versetzen; zwischen den schwarzen Wollschädeln der Negerkinder tauchen Blondköpfe mit blauen Augen auf, — Kinder mit dem unverkennbaren Typus der niederdeutschen Tiefebene auf den sonnendurchglühten, von Tropenregen zerklüfteten Kalksteinhöhen der „Perle der Antillen“!

Es ist ein seltsames und trauriges Ausschnittbild aus der grossen Sieges- aber auch Leidensgeschichte deutscher Auswanderung, das sich hier entrollt, und bildet eine treffende Illustration zu unserm Aufsatz in der letzten Nummer.

In der Heimat dumpfe und dürftige Enge wirtschaftlicher Abhängigkeit, dabei im Herzen der dunkle Drang des Deutschen nach der blauen Ferne des Märchenlandes irgendwo hinter den Bergen und Meeren, draussen in der Fremde der Bedarf der Grossunternehmung nach tüchtigen, fleissigen und den Farbigen überlegenen europäischen Arbeitskräften, dazwischen der skrupellose Auswanderungsagent als gefälliger Vermittler, — in Hunderten von Fällen ist der kleine deutsche Bauer und Handwerker so hinausgelockt worden in die Plantagenarbcit der Tropen, um dort statt der verheissenen goldenen Berge harte Fronarbeit, kargen Lohn und die Fieberglut der Tropensonne zu finden, die ihm das Mark aus den Knochen sog und sein Weib, seine Kinder hinsterben liess. So sind unzählige draussen vergessen von der Heimat, verdorben, gestorben, — Kulturdünger für fremde Nationen.

Als im Jahre 1834 der Beschluss des englischen Parlaments für alle Besitzungen die Sklavenbefreiung proklamiert und den  kolonialen Unternehmern nur vier Jahre eines Uebergangsvcrhältnisscs bis zu deren völliger Durchführung beliess, war das auch für die grossen Pflanzcr Jamaikas ein harter Schlag. Die ganze ertragreiche Wirtschaft der Insel war auf den Zucker- und Kaffeeplantagen aufgebaut, die massenhafter Arbeitskräfte bedurften. Die starken aber trägen Negerfäuste versagten, sobald der Zwang aufhörte. So beschloss der Kongress der Insel die Einführung europäischer Einwanderer. Ein Agent erbot sich, Deutsche in beliebiger Zahl gegen eine Kopfprämie von 15 Pfund Sterling herbeizuschaffen. Laut den Kongressakten hat er 1950 Deutsche ins Land gebracht.

Aber die deutschen Einwanderer, meist aus Niederdeutschland und von der Rhön kommend, erwiesen sich für die Plantagenarbeit in tropischer Sonne als gänzlich ungeeignet und starben in dem Fieberklima der Küste weg wie die Fliegen. Der Rest wurde, besonders durch die Hilfsbereitschaft des auf Jamaika grossbegüterten Lord Seaford, auf dem Hochplateau des Hinterlandes in drei Dörfern angesetzt, von denen heute noch Seafordtown als deutsche Siedelung besteht. Mittel- und führerlos auf fremden und kargen Boden gestellt, sind sie trotz Fleiss und bescheidener Lebensführung mit ganz vereinzelten Ausnahmen wirtschaftlich nicht vorwärts gekommen, und haben heute kaum noch das tägliche Brot. Die deutsche Muttersprache wurde nach und nach durch das Pidjinenglisch der Jamaikaneger verdrängt, mit denen sie, für unser deutsches Empfinden tief beschämend, ohne Schuld wirtschaftlich und sozial auf der gleichen Stufe angelangt sind.

Als im Jahre 1879 der österreichische Pater Tauer die Seelsorge der meist katholischen Leute übernahm, fand er eine elende Schilfhütte als Kirche und zugleich Schule vor. Er brachte durch Sammlung, namentlich in England, die Mittel zu einem einfachen aber würdigen Gotteshause zusammen. Seine Nachfolger waren englischer oder schottischer Herkunft, an die Pflege der deutsenen Sprache hat also niemand gedacht. Es kommt vor, dass die Töchter dieser armen Deutschen als Dienstboten in schwarzen Familien ihr Brot erwerben müssen. Eins aber haben sich diese Leute, heute noch 500 Köpfe stark, bewahrt: den Stolz  auf ihre deutsche Herkunft und die Reinheit ihres Blutes, Ehen mit Farbigen werden nicht eingegangen, und inmitten einer sittenlosen farbigen Bevölkerung halten unsre Landsleute streng auf Sittenreinheit. Ihr gegenwärtiger Seelsorger, der schottische Pater Mac Dermott, hat in geradezu erschütternden Zuschriften an den Caritasverband für die katholischen Deutschen im Ausland auf das wirtschaftliche, kulturelle und soziale Elend dieser Leute aufmerksam gemacht und die Hilfe der Heimat für die Stammesgenossen angerufen.

Der wackere Priester hat mit den bescheidenen ersten Gaben, die er empfing, eine Flechtschule für Mädchen zur Anfertigung von Panamahüten ins Leben gerufen, um auf diese Weise einen neuen Erwerbszweig zu erschliessen.

Der Verein für das Deutschtum im Ausland in Berlin, Kurfürstenstrasse 105, ruft nun gemeinsam mit dem Caritasverbande zu werktätiger Hilfe auf. Noch ist es möglich, diese absterbenden Glieder des deutschen Volkstums zu retten und die deutsche Muttersprache in ihnen zu neuem Leben zu wecken, aber es ist die höchste Zeit!

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    5. Oktober 2016

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