Verbot des Heliozentrischen Systems.

Am 5. März 1616 erschien ein Dekret der Indexkongregation, durch welches die Schrift von Foscarini gänzlich verboten, das Buch des Kopernikus aber bis zur Verbesserung seines Inhaltes suspendiert wurde. In den Akten des vatikanischen Geheimarchives findet sich von diesem Dekret heutzutage nur noch der aus der vatikanischen Druckerei stammende Abzug. Wir geben den kulturgeschichtlich wichtigsten zweiten Teil wieder, der nach dem Verbot verschiedener anderer Bücher wie des 1613 erschienenen Buches von Achilles, Herzogs von Württemberg, folgendes vorschreibt:

„… Und weil es auch zur Kenntnis der genannten Kongregation gekommen ist, daß jene falsche, der heiligen Schrift geradezu widersprechende pythagoreische Lehre von der Beweglichkeit der Erde und der Unbeweglichkeit der Sonne, welche Nikolaus Kopernikus in seinem Werke „Von den Bewegungen der Himmelskörper“ und Diego von Stunica in der Erklärung zum Buche Job vorgetragen, schon sich ausbreite und von vielen angenommen werde, wie man aus dem gedruckten Briefe eines Karmeliterpaters sehen kann, in welchem der genannte Pater zu zeigen sucht, daß die erwähnte Lehre von der Unbeweglichkeit der Sonne im Zentrum der Welt wahr sei und der heiligen Schrift nicht widerspreche; so glaubt sie, damit eine derartige Meinung nicht zum Schaden der katholischen Wahrheit weiter um sich greife, das Buch des Nikolaus Kopernikus „Von den Bewegungen der Himmelskörper“ und jenes des Diego von Stunica zu Job so lange suspendieren zu müssen, bis sie korrigiert werden, das Buch des Karmeliterpaters Paul Anton Foscarini aber gänzlich zu verbieten und zu verdammen, und ebenso alle anderen Bücher, die dasselbe lehren, zu verbieten, wie sie denn auch durch das gegenwärtige Dekret alle beziehungsweise verbietet, verdammt und suspendiert ..

Dieses Verbot traf Galilei nicht unerwartet. Er war, wie wir heute genau wissen, am 26. Februar 1616 zum Kardinal Bellarmin eingeladen worden und hatte dort von diesem die Mitteilung vernommen, daß die Lehre von der Bewegung der Erde nunmehr durch ein formelles Dekret der Qualifikatoren der Inquisition verboten werde. Galilei war sicher über diese seinen Wünschen und Erwartungen so sehr widersprechende Mitteilung aufs äußerste überrascht. Es muß aber als sicher betrachtet werden, daß sich Galilei bei der Mitteilung beruhigte und in keiner Weise zu widersprechen wagte. Hierüber gibt es ein Aktenstück vom 3. März 1616, das ein Auszug aus einem Sitzungsprotokoll der Inquisition ist. Darin heißt es:

„Am 3. März 1616. Vom durchlauchtigsten Herrn Kardinal Bellarmin wurde zuerst berichtet, daß der Mathematiker Galileo Galilei ermahnt worden, die bis dahin von ihm. festgehaltene Meinung, die Sonne sei das Zentrum der Himmelskugel und unbeweglich, die Erde hingegen beweglich, aufzugeben, und daß er sich dabei beruhigt habe; dann ward das Dekret der Kongregation des Index mitgeteilt, inwiefern die Schriften des Nikolaus Kopernikus („Von den Bewegungen der Himmelskörper“), des Diego von Stunica über Job und des Karmelitermönches Bruder Paulus Antonius Foscarini verboten, beziehungsweise suspendiert werden; seine Heiligkeit ordnete hierauf die durch den Palastmeister zu veranstaltende Veröffentlichung dieses Verbotes resp. dieser Suspension an.“

Man sieht, daß die Beruhigung des florentinischen Mathematikers sozusagen amtlich festgestellt ist. Galilei muß also die Lehre des Kopernikus aufgeben. In welchem Sinne das von ihm künftig gewünschte Verhalten sein soll, ergibt sich aus dem Protokoll vom 25. Februar 1616. Wegen des merkwürdigen Interesses, das sich an diese Aufzeichnung und an die des folgenden Tages knüpft, habe ich dieses und das folgende Protokoll in Rom photographiert (siehe S. 192). Die Frage, um die es sich hierbei handelt, war wie gesagt, einem Kollegium von Gutachtern vorgelegt worden. Die Namen dieser gelehrten Herren sind heute unbekannt. Was sie aber zu beurteilen hatten und wie dieses Urteil ausfiel, wollen wir hier in wörtlicher Übersetzung bringen. Zu begutachtende Sätze:

1. Die Sonne ist das Zentrum der Welt und infolgedessen ohne örtliche Bewegung.

2. Die Erde ist nicht das Zentrum der Welt und nicht unbeweglich, sondern bewegt sich auch in täglicher Umdrehung um sich selbst.

Gutachten vom 23. Februar 1616:

Den ersten Satz erklärten alle für töricht und absurd in der Philosophie und formell ketzerisch, insofern dieser ausdrücklich den Sätzen der heiligen Schrift in vielen Stellen nach dem eigentlichen Wortsinn wie nach der allgemeinen Auslegung und Auffassung der heiligen Väter und gelehrten Theologen widerspreche. Bezüglich des zweiten Satzes sagten alle: daß er in der Philosophie demselben Tadel unterliege und bezüglich der theologischen Wahrheit zum mindesten irrig im Glaubpn sei.

Über die infolge dieses Gutachtens gegen Galilei, als dem Verteidiger der kopernikanischen Lehre unternommenen weiteren Schritte berichtet das Vatikan-Manuskript auf Blatt 378 Vo:

„Donnerstag, am 25. Februar 1616. Der durchlauchtigste Herr Kardinal Mellinus hat den ehrwürdigen Herrn Assessor und Komissär des heiligen Offiziums notifiziert, daß nach abgegebenem Gutachten der Patres Theologen über die Behauptungen Galileis, insbesondere, daß die Sonne das Zentrum der Welt und ohne örtliche Bewegung sei, daß aber die Erde, und zwar auch in täglicher Drehung sich bewege, — seine Heiligkeit dem durchlauchtigsten Herrn Kardinal Bellarmin befohlen habe, den genannten Herrn Galilei vor sich zu rufen und denselben zu ermahnen, die gedachte Meinung aufzugeben; falls er sich zu gehorchen weigern würde, soll ihm der Pater Kommissär in Gegenwart von Notar und Zeugen den Befehl erteilen, daß er ganz und gar sich enthalte, eine solche Lehre und Meinung zu lehren, zu verteidigen oder zu besprechen; wenn er sich aber dabei nicht beruhige, so sei er einzukerkern.“

Hieran schließt sich im Vatikan-Manuskript folgende Aufzeichnung;

„Freitag, am 26. desselben. In dem vom durchlauchtigsten Herrn Kardinal bewohnten Palast, und zwar in dessen Privatgemächern, hat derselbe Herr Kardinal, nachdem obengannter Galilei vorgeladen und vor seiner Gnaden erschienen war, in Gegenwart des hochwürdigen Bruders Michael Angclo Segnitius de Lauda vom Predigerorden, des Generalkommissärs des heiligen Offiziums, vorgenannten Galilei ermahnt, daß er den Irrtum vorgedachter Meinung aufgebe (desereat), und gleich darauf ohne Unterbrechung in meiner und der Zeugen Gegenwart, im Beisein desselben durchlauchtigsten Herrn Kardinals hat der obgenannte Pater-Komissär dem gedachten noch dort anwesenden und vorgeladenen Galilei im Namen seiner Heiligkeit des Papstes (hier beginnt die neue Seite auf Blatt 379) und der ganzen Kongregation des heiligen Offziums vorgeschrieben und befohlen, die obenbesagte Meinung, daß die Sonne das Zentrum der Welt und unbeweglich sei, die Erde hingegen sich bewege, ganz und gar aufzugeben und dieselbe fernerhin weder in irgendeiner Weise (quovis modo) festzuhalten (teneat), noch zu lehren oder zu verteidigen durch Wort und Schrift, widrigenfalls werde gegen ihn im heiligen Offizium vorgegangen werden; bei welchem Befehl sich derselbe Galilei beruhigt und zu gehorchen versprochen hat. Worüber verhandelt zu Rom wie oben, in Gegenwart von denselben Personen, Badino Nores aus Nicosia im Königreich Cypern und Augustin Mongard aus einem Orte des Abtes Rotz aus der Diözese Politianetti, Hausgenossen des genannten Herrn Kardinals, als Zeugen.“ (Galilei hat nicht unterschrieben! Auch Notar und Zeugen haben nicht unterschrieben!)

Man sieht also, daß am 25. Februar auf Befehl des Papstes beschlossen wird, Galilei zu ermahnen, die ketzerische Lehre aufzugeben. Nur für den Fall, daß er sich weigern würde, sollte ihm der Befehl erteilt werden, daß er sich ganz und gar enthalte. Daraus folgt, daß Galilei für den Fall, daß er sich sofort beruhige, die kopernikanische Lehre immerhin wie jeder andere Katholik besprechen und erörtern, nur nicht als wahr hinstellen dürfe.

Weiter folgt aus dem Protokoll vom 26. Februar, daß dieses in vollem Widerspruch zu dem Protokoll vom 25. Februar und 3. März etwas berichtet, was weder vom Papst angeordnet noch überhaupt jemals geschehen ist: nämlich, daß dem Galilei anbefohlen wurde, er dürfe über die kopernikanische Lehre in keinerlei Weise mehr handeln. Es wäre ihm also über das allgemeine Dekret hinaus noch ein besonderes Verbot zugestellt worden, so daß zwar jeder andere Katholik nicht aber er, der größte italienische Gelehrte, die Vorzüge und Nachteile der verschiedenen Weltsysteme jemals erörtern dürfe. Das Protokoll vom 26. Februar 1616 erschien den Biographen Galileis seit vielen Jahren sehr verdächtig. Gebier, der im Jahre 1877 das Manuskript in Rom mit eigenen Augen gesehen hatte, kam von seiner ursprünglichen Meinung, daß das Protokoll vom 26. Februar unbedingt eine Fälschung sei, ab. Wohlwill aber, die verdiente Geschichtschreiber der Naturwissenschaften, dem wir schon wiederholt begegnet sind und der vor Gebier schon auf die Fälschung hingewiesen hatte, kam im Jahre 1891, nachdem er ebenfalls an Ort und Stelle das Manuskript studiert hatte, zu dem Ergebnis, daß hier unbedingt eine Fälschung vorliege. Wohlwill meint, daß es um jene Zeit keine allzugroße Schwierigkeit bereitet habe, die mit Tinte geschriebene Schrift aus einem Manuskript zu entfernen. Er führt darüber Versuche an und zeigt an einer Stelle des Porta, daß dort Anweisungen für kundige Leute zu holen gewesen seien, wie man die Tintenschrift aus einem Manuskript entfernen könne.

Da nun die im Jahre 1633 erfolgte Verurteilung Galileis, die durch Jahrhunderte hindurch eine so erschütternde Wirkung ausgeübt hat, völlig auf den Sätzen jenes Protokolls vom 26. Februar 1616 beruht, so war die Aufklärung der Frage, ob jenes Protokoll wirklich eine verbrecherische Fälschung war oder nicht, von einigem Interesse. Daher entschloß ich mich im Oktober 1926 das Vatikanmanuskript mit Hilfe von ultra-violetten Strahlen zu untersuchen, um evtl. Spuren von Chemikalien, die bei der Fälschung benutzt werden müssen, nachzuweisen. Es zeigte sich, daß in diesem Sinne von einer Fälschung nicht die Rede sein kann. Gebier sagt aber in seiner 1877 erschienenen Schrift, nach seiner Romreise, daß jenes Dokument zwar keine Fälschung, wohl aber ein im juristischen Sinne wertloses und nicht das geringste beweisendes Schriftstück sei. Das ist natürlich zu wenig gesagt: diese Niederschrift ist ein Betrug! — Wir bringen die beiden kritischen Seiten in Abbildung und in Übersetzung. Wohlwill hat insbesondere die drei letzten Zeilen auf Seite 378 Vo als gefälscht erklärt. Wir haben, um das Bild dieser Stelle auch in durchscheinendem Licht zu bekommen, das Dokument in gewöhnlichem Licht und im Ultralicht durch das

Papier hindurchphotographiert. Man sieht die Faserung und man sieht die Stellen an denen das Papier durchlöchert ist, aber von chemischen Fälschungen ist nichts zu sehen.

Dagegen erscheint es als sehr wahrscheinlich, daß die Handschrift auf Seite 379 eine andere ist als die auf Seite 378. Vor allem aber muß der Umstand auffallen, daß Galilei, um den es sich hier doch handelt, das Protokoll bezüglich des weitgehenden Verbotes nicht mit seiner Unterschrift bekräftigt hat! Wir wollen an dieser Stelle die Angelegenheit nicht weiter verfolgen und nur den Schluß mitteilen, zu dem wir entgegen der Anschauung von Wohlwill gelangen: Die Eintragung vom 25. Februar 1616 ist die Abschrift eines ursprünglich vorhanden gewesenen gleichlautenden Pro-tokolles. Die Eintragung mit dem Datum 26. Februar 1616 aber ist ein falscher Text, der an die Stelle eines heute unbekannten ursprünglichen Textes in verbrecherischer Absicht auf die ursprünglich leeren Seiten 378 Vo und 379 r geschrieben wurde.

Daß der berühmte Gelehrte, dem man 1616 übrigens im päpstlichen Rom mit den größten Ehren und aller Hochachtung begegnete, damals keineswegs ein derartiges weitgehendes Schweigeverbot auferlegt bekommen hat, ergibt sich noch aus mehreren Umständen, von denen wir hier, um in dieser Sache nicht allzu weitschweifig zu werden, nur das Zeugnis des Kardinals Bellarmin erwähnen. Galilei mochte wohl fühlen, daß Verleumdungen bis zum Hof seines Fürsten nach Florenz dringen könnten und darum ließ er sich eine Art Leumundszeugnis ausstellen.

Er hat es später seinen Richtern in seinem großen Prozeß gezeigt, aber es hat ihm nichts genützt. Wir bringen eine Photographie Seite 160 in der von Galilei selbst angefertigten Abschrift. Der Text lautet: „Wir, Robert Cardinal Bellarmin, da wir vernommen, daß dem Herrn Galileo Galilei verleumderisch angedichtet worden sei, in unsere Hand abgeschworen und infolgedessen heilsame Buße erlitten zu haben, erklären, um Bezeugung der Wahrheit ersucht, hiermit, daß obgenannter Herr Galileo Galilei weder in unsere noch eines anderen Hand, in Rom so wenig als an einem anderen Ort, soviel wir wissen, irgendeine seiner Meinungen oder Lehren abgeschworen, noch irgendeine heilsame Buße auferlegt erhalten habe, sondern nur, daß ihm die von unserem Herrn abgegebene und von der heiligen Kongregation des Index publizierte Erklärung mitgeteilt worden sei, laut welcher die dem Kopernikus zugeschriebene Lehre, daß die Erde sich um die Sonne bewege und die Sonne im Zentrum der Welt stehe, ohne sich von Ost nach West zu bewegen, der heiligen Schrift zuwider sei, und deshalbweder verteidigt noch festgehalten werden dürfe. Und zur Beglaubigung dessen haben wir gegenwärtiges eigenhändig geschrieben und unterzeichnet: am 26. Mai 1616.“

Galilei blieb noch mehrere Monate nach der Ausgabe des Dekretes vom 5. März 1616 in Rom und kehrte erst auf die dringenden Mahnungen des florentinischen Gesandten nach Florenz zurück. Vorher war er aber noch beim Papst Paul V. in einer langwährenden Audienz in größter Freundschaft empfangen worden. Nach Galileis eigenem Bericht versicherte ihm hierbei der Papst seiner persönlichen Hochachtung und daß, solange er, Paul V, den Stuhl Petri einnehme, Galilei keiner Gefahr ausgesetzt sei. Obgleich Galilei bis zu seinem großen Prozeß in der Angelegenheit des kopernikanischen Weltsystems alle Zeit viel zu optimistisch war und viele Dinge schöner sah als sie waren, so darf man doch als sicher annehmen, daß der Papst ihm wohl wollte. Unter solchen Umständen bedurfte es erst eines ziemlich energischen Briefes seitens des Großherzogs Cosimo II. an Galilei, um ihn zu bewegen, Rom zu verlassen. Es heißt da, man fürchte in Florenz, Galilei könnte in Rom doch noch in Schwierigkeiten verwickelt werden, und da er bisher mit Ehren aus der Sache hervorgegangen sei, so möge er „den schlafenden Hund nicht weiter reizen“, denn die Mönche seien allmächtig. Er möge also so bald wie möglich zurückkehren.

Die einzelnen Abschnitte:
Galileo Galilei
Das erwachende Europa in der Zeit vor Galilei.
Einzelbilder aus der vorgalieischen Zeit.
Galileis Werdegang
Galileis Zeitgenossen
Galileon Galilei : Die Sonnenflecken
Verbot des Heliozentrischen Systems.
Kepler und Galilei im Vorhof des Gravitationsgesetzes.
Galileo Galilei : Die Kometen des Jahres 1618.
Galileo Galilei letzte Lebensjahre.
Galileo Galilei : Der Prozeß.

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