Vom Deutschtum im Ausland: Berlin und Potsdam im Kaffernland


Seitdem die Dampfer der Deutschen Ost-Afrika-Linie den schwarzen Erdteil umfahren, ist uns die grösste deutsche Ansiedlung Afrikas wieder näher gerückt. Lange war sie fast vergessen, denn die deutsche Flagge weht nicht über ihr. Das Land gehört zur südafrikanischen Union. Ungefähr 16 000 Deutsche und Deutschabkömmlinge sitzen dort an den Flüssen Buffalo, Nahoon, Keiskama und Kwelegha.

Ihre fleissigen Väter haben aus einer verrufenen Kafferngrenzmark, die die britischen Steuerzahler vor 50—60 Jahren schweres Geld kostete, unter harter Mühe und Arbeit einen der gesegnetsten Distrikte des Kaplands geschaffen.

Wer mit der Eisenbahn von East-London landein reist, sieht nach einstündiger Fahrt die Kirche von Potsdam liegen, sie ist meilenweit sichtbar, in grossem Bogen umzieht sie der Zug. Der Ort Potsdam besteht, wie die Dörfer Frankfurt, Wiesbaden, Braunschweig, Hannover, Hamburg usw., aus vielen zerstreuten einzelnen Gehöften. Dagegen wächst sich Berlin zu einem ganzansehnlichen Städtchen zusammen.

Eine halbe Stunde, nachdem die Kirche Potsdams verschwunden ist, hält der Zug in dem geräumigen Bahnhof. Auch in Berlin, das bei seiner köstlichen Luft zugleich eine vielbesuchte Sommerfrische geworden ist, stehen die Häuser nicht zusammen, sondern sind durch Gärten getrennt. Ueberall in den Strassen und vor den Häusern wachsen Eukalyptusbäumc. An einem kleinen Gewässer, der Spree der Stadt, haben sich gar wilde Palmen zu einem botanischen Garten zusammengefunden.

Die geschichtliche Hauptstadt der deutschen Kolonie ist Stutterheim, praktisch wurde der Schwerpunkt längst nach King Williams Town und mehr noch nach East-London verschoben. Obgleich diese Städte englische Namen tragen, sind auch sie deutsche Gründungen.

Interessant genug ist die Besiedlungsgeschichte Kaffrarias. Die Engländer versuch en dort in den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts festen Fuss zu fassen, aber Erfolg hatten sie nicht. Ein Aufstand folgte dem andern, die Besatzungen der kleinen Forts im Lande waren fortwährend in Not. Eine Aufgabe des Landes war unmöglich, wenn man nicht die Kapkolonie beständigen Raubzügen beutelustiger Kaffernhorden aussetzen wollte.

Der Gouverneur der Kolonie schlug schliesslich vor, die schlimme Mark mit Militärkolonisten zu besetzen. Der Gedanke war gut, aber in England, Schottland und Irland und den britischen Kolonien fanden sich keine Liebhaber, da kam der Zufall dem Plane zu Hilfe. Man hatte von London aus, dem Proteste der neutralen deutschen Staaten zum Trotz, in deutschen Landen eine Fremdenlegion geworben zur Verwendung im Krimkrieg. Der Name der Krim war unter den Söldnern im eigenen Lande anrüchig geworden. Ehe noch die Legion in Aktion treten konnte, ging der Krieg zu Ende. Den Legionären wehrte die Heimat die Rückkehr.Sie sassen unter ihrem Führer, General von Stutterheim, in England und wussten nicht, was tun. Diese Leute gewann man. 1857 landeten sie in East-London, und schnell begann der Bau der Dörfer mit den deutschen Namen. Stutterheim wurde der Sitz des Generals.

Aber man hatte wohl abenteuerlustige Krieger geworben — keine arbeitgewohnten Bauern. — Die Männer fanden kein Fortkommen in der Wildnis.

Dieversprochenen Frauen wurden ihnen nicht nachgesandt. Plötzlich stellte man, vielleicht um sie zur Feldarbeit zu zwingen, noch die Soldzahlungen ein. Was Wunder, dass die Enttäuschten, da just der Ruf um Hilfe von Indien kam, sich zum Kampfe gegen die Aufständischen anwerben liessen. Von 2800 Mann gingen 2400 dem Lande verloren. Die eben gegründeten Dörfer schienen dem Untergang bestimmt. Doch der Gouverneur Sir George Grey hatte schon vor ihrem endgültigen Abzug neue Schritte zur Verwirklichung seines Planes getan. Als nämlich die Legionsansiedelung sich als verfehlt erwies und ein zweiter Versuch von England, Kolonisten heranzuziehen, wieder erfolglos verlaufen war, wurde von ihm das Welthaus Godeffroy in Hamburg beauftragt, in Norddeutschland kinderreiche Landarbeiterfamilien anzuwerben. In sechs einanderfolgenden Segelschiffen brachte die Firma 3000 Menschen nach East – London, meist Uckermärker und Pommern. Die abziehende Legion und die einziehenden Kolonisten begegneten sich in der Hafenstadt, und was den Legionären nicht gelungen war, gelang den unendlich fleissigen Auswanderen, indem Mann, Frau und Kind Tag und Nacht arbeiteten, brachten sie das Wildland zum Gehorsam.

Die Menschen und die Natur schenkten ihnen kein Mitleid, ihre gewaltige Zähigkeit bezwang beide. Sie erarbeiteten sich Werkzeuge, sie erarbeiteten sich Samen, sie schufen sich Felder, sie erschlossen sich Verkaufsgelegenheiten, sie trugen die unerhört hohen Ueberfahrtspreise, die schwindelhaften Landpreise (20 Mark per Acker) an die drängende Regierung ab, sie überwanden Dürren und Viehseuchen. Die Abkömmlinge von Insten und Deputatisten wurden Hofbesitzer. Das Kap gewann eine blühende Provinz durch sie, die englischen Händler und Handwerker, die  ihnen in Scharen nachströmten, ein neues Erwerbsland. —

Deutsche Schulen und Kirchen bauten sich die Ansiedler bald selbst. Sehr früh gab es lutherische und Baptistenkirchen nebeneinander. In den Schulen wirkten Anfangs als Lehrer ein paar alte Feldwebel und Unteroffiziere der Legion. Später übernahm die Kapregierung die Schulen unter Versprechungen deutschen Unterrichts, die nicht immer gehalten wurden. Heute hat nur noch East-London eine unabhängige deutsche Schule. Frische, tüchtige Jungens und Mädels sind die deutschen Schulkinder. Wo Kadettenkorps an die Schulen angegliedert sind, wie in Stutterheim, gehört jeder deutsche Bursch dazu. Früh lernen die Kinder schiessen und reiten, und vor allem schaffen auf der väterlichen Farm, und umgehen mit den Xosa-Kaffern, die unter besseren Verhältnissen die Farmarbeit auf den deutschen Farmen verrichten als einst die Grossväter der Kinder auf den märkischen und pommerschen Gütern. Mais wird von den deutschen Farmern gebaut, Kartoffeln und Kaffernkorn. Liegen die Höfe nicht zu weit von den Märkten der Städte, das heisst, nicht weiter als eine Nachtfahrt mit dem grossen Ochsenwagen, dann wird vor allem Gemüse gepflanzt und Geflügel gezogen. Am Samstagmorgen ist die Sprache der Bauern untereinander auf dem East-Londoner Markt fast ausschliesslich das märkische Platt.

Zur Viehzucht ist der Küstengürtel ungeeignet. Das Gras ist hart, überall steht der niedere dornige Mimosenstrauch dazwischen, und eine kleine Zeckenart hängt sich an alles Lebendige, da sind die Farmer froh, wenn sie mit ihren notwendigen 16 Zugochsen ohne „Zeckenfieber“ durch den Sommer kommen. Die Kaffem halten längst Frieden. Kommt’s aber nach dem selbstgebrauten Kaffernbier einmal zu Reibereien, so ist schnell eine Patrouille der Kappolizei zur Stelle. Es geht also unsern Landsleuten in Britisch-Südafrika ganz gut. Aber wenn die dortige Regierung ihnen die Erhaltung ihres Deutschtums auch nicht mit Zwangsmitteln schwer macht, so ist doch die Tendenz vorhanden, die Deutschen zu assimilieren. Das kommt namentlich im Schulwesen zum Ausdruck: es hapert mit dem deutschen Unterricht. Da wird die Heimat eingreifen müssen, je mehr die Mittel des Vereins für das Deutschtum im Ausland gestärkt werden, desto eher ist es uns möglich, der bedrohten deutschen Sprache im Ausland zu Hilfe zu kommen.

Hans Grimm.

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